00:01Italiens größtes Stahlwerk muss seine Hochhöfen abschalten, das hat das höchste Gericht entschieden.
00:07Jahrelang haben Anwohner dafür gekämpft.
00:10Hier sehen wir das Monster, das meinen Sohn Alessandro getötet hat, unseren guten Krieger.
00:17Wir treffen Aurelio kurz vor der Entscheidung der Richter.
00:20Seit dem Tod seines Sohns war die Schließung sein einziges Ziel.
00:25Doch für tausende Familien geht es um ihre wirtschaftliche Existenz.
00:30Es wird viel Armut geben. Tarent wird leider immer ärmer werden.
00:36Gesundheit oder Arbeit? Was ist der richtige Weg?
00:41Tarent im Süden Italiens in der Region Napolien.
00:44Eins der stolzter Stadt, das ehemalige Ilva-Stahlwerk.
00:4815 Quadratkilometer groß, direkt neben den Wohnvierteln.
00:51Anfang der 1980er Jahre arbeiteten hier mehr als 20.000 Menschen, die verpestete Luft lange ignoriert.
01:00Das Ilva-Stahlwerk hat Tod und Krankheit über Tarent gebracht.
01:06Studien warnen seit Jahren vor den gesundheitlichen Folgen.
01:10Seit 2015 kämpft Aurelio mit dem Verein Eltern von Tarent gegen das Werk mit Erfolg.
01:18Wir haben gegen die Ilva eine Unterlassungsklage eingereicht.
01:24Das Berufungsgericht in Mailand hat entschieden, die Ilva muss die Hochöfen abschalten, die die Luft verpesten.
01:34Die Begründung der Richter, die Gesundheit der Menschen hat Vorrang vor wirtschaftlichen Interessen.
01:40Das hat das höchste Gericht in Rom jetzt bestätigt.
01:43Aber was wird aus den Arbeitern?
01:46Von rund 8.000 Beschäftigten in Tarent sind fast 7.000 bereits in Kurzarbeit.
01:51Und der Betreiber verliert 3 Millionen Euro pro Tag.
01:54Gewerkschafter Giuseppe D'Ambrosio arbeitet seit 30 Jahren im Werk.
02:01Das macht traurig. Sehr traurig.
02:05Früher waren hier alle Tore offen.
02:10Zur Frühschicht kamen im Schnitt 3.000, 4.000 Menschen.
02:14Allein durch dieses Tor.
02:19Gesundheit oder Arbeit, vor dieser Wahl stehen in Tarent viele Familien.
02:23Im Stadtteil Tamburi, in Sichtweite der Schlote, liegt die Minibar.
02:28In Yadzio D'Andrea hat sie von seinem Vater übernommen.
02:31Die Bar ist ein Treffpunkt für das ganze Viertel.
02:37In jeder Familie gibt es einen Ilverarbeiter und einen Krebskranken.
02:44Deshalb sind wir natürlich gespalten, wenn es um die Frage geht, Arbeit oder Gesundheit.
02:50Jedes Mal, wenn das Thema auf den Tisch kommt.
02:54Auch Aurelio ist Stammgast in der Minibar.
03:00Der Sohn dieses Mannes, Alessandro Rebuzzi, war der erste Junge, der vor dem Gericht demonstrierte und rief,
03:06ich will saubere Luft atmen.
03:09Und jetzt ist er nicht mehr da.
03:12Er ist nicht mehr da.
03:14Aurelio kämpft mit Alessandros Kraft weiter.
03:20Ich hab dich lieb.
03:26Auch dieses Paar hat einen Sohn verloren.
03:31Irgendwann konnte In Yadzio dieses Leid nicht länger ertragen.
03:34Er begann, T-Shirts zu verkaufen für eine Kinderkrebsstation.
03:38Denn trotz der vielen Krebskranken gab es in Tarent keine.
03:42Mehr als eine halbe Million Euro kamen so zusammen.
03:45Heute leitet Chefarzt Valerio Cecchinati die Station im Krankenhaus von Tarent.
03:53Man kann nicht behaupten, dass alle Krebserkrankungen bei Kindern auf die Umweltverschmutzung zurückgehen.
04:00Aber vergleicht man die Krebsrate bei Kindern und jungen Erwachsenen in Tarent mit dem regionalen Durchschnitt,
04:05liegt so mehr als 30 Prozent höher.
04:11Auch die Arbeiter atmen diese Luft. Jeden Tag.
04:14Seit 2005 wurden bei Ilva-Beschäftigten mehr als 2000 Berufskrankheiten anerkannt.
04:20Fast die Hälfte davon Krebs.
04:23691 Erkrankte sind gestorben.
04:25Auch Giuseppe D'Ambrosio hat Kollegen, die erkrankt oder gestorben sind.
04:30Er hätte es lieber gesehen, wenn das Stahlwerk auf eine saubere Produktion umgestellt hätte.
04:36Du kannst den Leuten tausendmal erklären, dass es heute Technologien gibt, die mit einem Leben in der Stadt vereinbar sind.
04:42Der Bruch ist da, es ist Hass, menschlicher Hass.
04:44Den verstehe ich, aber mit technischen Argumenten kommst du hier nicht mehr weiter.
04:50Zurzeit versucht der Staat Investoren für eine Modernisierung des Werks zu finden, bisher ohne Erfolg.
05:01Aurelio wollte, dass sein Sohn weit weg vom Stahlwerk begraben wird.
05:05Wenigstens im Tod sollte er saubere Luft atmen.
05:08Alessandro.
05:11Sein Vater glaubt, dass die verschmutzte Luft seine Krankheit verschlimmert hat.
05:16Er starb mit 16 Jahren.
05:22Ciao, Alessandro.
05:24Papa ist da.
05:26Papa ist da.
05:33Das Einzige, worum er mich gebeten hat, bevor er in den Himmel ging, den Kampf weiterzuführen.
05:41Für Tarent, für die Umwelt.
05:48Dieser Kampf ist nun gewonnen mit dem Urteil des höchsten italienischen Gerichts von Ende Oktober.
05:53Aurelios Leben und das der ganzen Stadt stehen vor einem Neubeginn.