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  • vor 2 Monaten
Rund 40 Prozent der Menschen in Deutschland leiden an einer chronischen Krankheit,
manche über Jahrzehnte. 25 Millionen gesunde Lebensjahre gehen uns dadurch jedes Jahr verloren.

Die Auslöser von chronischen Erkrankungen sind häufig ein Wechselspiel von Genen, Umweltfaktoren und Lebensstil.
Die Folgen belasten alle: die Betroffenen, die Gesellschaft und die öffentlichen Kassen.
Wie könnte ihnen besser geholfen werden?

Schlechte Versorgung

Allein die Behandlung der aktuellen Diabetes-Typ-2-Patientinnen und -Patienten kostet 21 Milliarden Euro pro Jahr – und jeden Tag kommen 1600 Erkrankte dazu.
Dabei könnte Früherkennung verbunden mit einer Änderung des Lebensstils und einer besseren medizinischen Begleitung häufig die Chronifizierung verhindern.

"Wenn man auf das deutsche Gesundheitssystem blickt, dann sind gerade chronisch Kranke bei uns eher schlecht oder schlechter versorgt.
Das hat unter anderem damit zu tun, dass wir ein sehr stark zergliedertes Gesundheitssystem haben",
mahnt der ehemalige Vorsitzende des Sachverständigenrates für Gesundheit und Pflege, Prof. Dr. Ferdinand Gerlach.

Früherkennung statt Stigmatisierung

Untersuchungen, Therapien und die Behandlung von Folgeschäden bringen viel Geld ein.
In einem Gesundheitssystem, das auf Akutversorgung ausgerichtet ist,
rechnen Krankenkassen sowie Ärztinnen und Ärzte in Deutschland auch bei chronisch Erkrankten viele Leistungen einzeln ab.
Dabei kommt es nicht selten zu einer Überversorgung, die jedoch die Krankheit nicht verhindert und am Ende die Gesundheitsausgaben in die Höhe treibt.

Aktuelle Studien zur Behandlung von Depressionen zeigen, dass auch hier Früherkennung statt Stigmatisierung wichtig für die Therapie wäre.
Doch es gibt in Deutschland zu wenige Psychotherapeuten mit Kassenzulassung.

Wie unspezifische Rückenschmerzen besser behandelt werden können, macht die Schweiz vor:
Physiotherapeuten und Orthopäden aus verschiedenen Praxen kooperieren – zum Wohl ihrer Patienten.

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Transkript
00:13Sophia liebt die Töpferei. Aus einer Kugel Ton ein Objekt formen, ein Prozess, der ihre ganze Aufmerksamkeit fordert.
00:23Für Sophia eine Art Therapie. Die 27-Jährige ist chronisch krank.
00:30Chronisch krank sein bedeutet, für einen langen Zeitraum oder sogar das gesamte Leben lang mit einer Krankheit zu kämpfen.
00:40In Deutschland betrifft das mittlerweile rund 33 Millionen Menschen.
00:45Welche Möglichkeiten haben wir, chronische Krankheiten in den Griff zu bekommen?
00:50Was muss sich ändern, um sie zu verhindern? Und gibt es Wege, lebenslange Erkrankungen rückgängig zu machen?
00:58Im Endeffekt habe ich für mich herausgefunden, dass Sachen, wo ich meinen Fokus lege und raus aus meinem Kopf komme
01:05und rein in meine Hände, dass mir das total gut tut.
01:09Und beim Töpfern ist es eben auch so, da musst du einfach eins sein mit dem Ton.
01:13Ich merke halt immer wieder, dass was mit den Händen machen total heilend ist.
01:21Wenn man auf das deutsche Gesundheitssystem von außen drauf guckt, dann sind gerade chronisch Kranke bei uns eher schlecht oder
01:28schlechter versorgt.
01:31Die Chronifizierung zu verhindern liegt in erster Linie in der Verantwortung des Patienten.
02:01Sophia lebt erst seit ein paar Monaten in Berlin.
02:04Die 27-Jährige möchte studieren. Doch sie leidet an einer chronischen Depression.
02:11Die erste dunkle Phase erlebt sie als Jugendliche.
02:16Da war ich, ich glaube, 16 und dann bin ich nicht mehr zur Schule gegangen.
02:22Und das hieß damals Anpassungsstörung.
02:27Damit konnte ich aber als Kind überhaupt nichts anfangen. Was bedeutet denn jetzt Anpassungsstörung?
02:32Die Krankheit tritt bei ihr in Zyklen auf. Ihr Hausarzt verschreibt ihr keine Therapie.
02:39Erst nach sieben Jahren erhält sie während eines stationären Aufenthalts in der Psychiatrie schließlich die Diagnose Depression.
02:49Häufig ist es halt so, dass psychische Erkrankungen auch bei Kindern und Jugendlichen eher nicht als eine Erkrankung verstanden werden,
02:57sondern als Stimmungslage, vielleicht kurzfristige Stimmungsveränderungen, aber nicht in dem Sinne, dass das etwas ist, was behandelt werden müsste.
03:09Dabei ist Depression eine Krankheit, die durchaus heilbar ist, wenn sie früh genug erkannt wird.
03:15Insbesondere durch Psychotherapie.
03:18Doch auf einen Therapieplatz müssen Betroffene in Deutschland lange warten. Im Schnitt fünf Monate.
03:24Ich glaube, ich habe bestimmt 70 oder 80 Therapeuten angerufen. Und das war auf jeden Fall ein richtiger Kraftakt.
03:32Du hast keine Energie und dann musst du irgendwelche Listen führen und Telefonnummern aufschreiben mit irgendwelchen Öffnungszeiten.
03:40Und das klingt alles total banal, weil das ist ja eigentlich nur eine Nummer, die du anrufen musst.
03:44Aber es ist halt einfach total schwer, diese Aufgabe in dem Moment zu bewältigen.
03:50Das Angebot an Psychotherapie ist in Deutschland je nach Versicherungsform sehr unterschiedlich.
03:57Privatpraxen können allein mit einer staatlichen Zulassung, einer Approbation eröffnet werden.
04:05Therapeuten und Therapeutinnen für gesetzlich Versicherte müssen zusätzlich einen Kassensitz bei der Kassenärztlichen Vereinigung beantragen.
04:15Kassensitze werden nach einem sogenannten Bedarfsschlüssel vergeben, der sich aktuell aber nicht mit dem tatsächlichen Bedarf deckt.
04:25Laut Bundespsychotherapeutenkammer fehlen momentan rund 1600 Kassensitze.
04:33Ich glaube, wenn ich nicht schon so viele Stunden und Sitzungen gemacht hätte und auch nicht schon zweimal in der
04:38Klinik gewesen wäre, dann wäre ich jetzt an einem ganz anderen Punkt.
04:42Und ich glaube, nicht unbedingt an einem besseren. Oder da bin ich mir sogar ziemlich sicher.
04:48Bei Jugendlichen mit Depressionen besteht ein bis zu 20-fach erhöhtes Risiko für suizidales Verhalten.
04:55Das macht eine Depression zu einer lebensbedrohlichen Erkrankung.
04:59Je länger die Kinder oder die Jugendlichen warten, desto ungünstiger ist es.
05:05Das heißt, möglichst frühzeitig erstmal vielleicht auch niederschwellige Hilfen anzubieten, um dann in der weiteren Verlauf, wenn es notwendig ist,
05:12dann auch die intensiveren Maßnahmen dann durchzuführen.
05:18In Gersthofen bei Augsburg klärt die Schulpsychologin Christine Schaller ihre Schüler und Schülerinnen über das Thema Depression auf.
05:27Die Jugendlichen sollen mehr über die psychische Krankheit erfahren, sie besser verstehen können.
05:35Hallo zusammen im P-Seminar Psychisch Krankner und. Ich glaube, das wird heute spannender Nachmittag.
05:43Die Wissenschaftlerin und Psychologin Lucia Igelhaut vom Universitätsklinikum München ist zu Gast am Paul-Klee-Gymnasium.
05:52Was denkt ihr denn, wie viele Kinder und Jugendliche in Deutschland berichten psychische Belastungen?
05:56Es geht jetzt um psychische Belastungen allgemein, da kann alles mögliche darunter fallen, nicht nur die Depression.
06:01A 15 Prozent, B 20, C 25 und dann hätte ich noch D 30 im Angebot.
06:12Okay, also gut gemischt sind tatsächlich die 30 Prozent.
06:18Neben Depressionen fallen auch Ängste, negative Gedanken und Stress unter psychische Belastungen.
06:24Die hohe Zahl an jungen Betroffenen liegt auch an den Auswirkungen der Kontaktbeschränkungen während der Pandemie.
06:31Ich denke, dass dieses Trauma, was wir halt erlebt haben, in der Wohnanomie sich unser Leben lang halt erkennbar macht.
06:39Ja, man geht schon davon aus, dass es nicht einfach so wieder wird wie davor.
06:45Und ich meine, die Corona-Pandemie ist ja nicht mehr ganz so aktuell, aber ist ja nicht so, als würden
06:50Krisen einfach aufhören.
06:52Laut Daten des Robert-Koch-Instituts erhalten aktuell nur zwölf Prozent der Heranwachsenden, die an einer Depression erkrankt sind, professionelle
07:00Behandlung.
07:03Gerd Schulte-Körner ist Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum München.
07:10Gemeinsam mit seinem Team und der Beisheim-Stiftung will er Jugendlichen das fehlende Wissen vermitteln.
07:17Die typischen Symptome einer Depression ist, wenn die Stimmung sich verändert, wenn plötzlich jemand traurig ist.
07:24Wenn er sagt halt, der Tag ist so schwer, ich komme nicht mehr richtig in Gang, kann schlecht schlafen, der
07:30Appetit hat sich verändert.
07:32Wenn die Erwartung an die Zukunft negativ ist, und das sind manchmal schleichende Verläufe,
07:37dass Jugendliche sich erst langsam zurückziehen, weniger Kontakte zu Freunden haben.
07:42Bei manchen geht es aber auch relativ schnell. Und dann wundert man sich als Eltern, was ist jetzt passiert, warum
07:47hat sich das Kind so stark verändert.
07:49Das kann schon ein erstes Anzeichen für eine beginnende Depression sein.
07:55Gerd Schulte-Körner hat die Webseite Ich Bin Alles ins Leben gerufen.
08:00Sie erklärt, wie eine Depression entsteht, wie man mit ihr umgeht und was man präventiv dagegen tun kann.
08:06Auch Lucia Igelhaut arbeitet daran mit.
08:10Es gibt psychische Erkrankungen im Jugendalter. Und je früher wir ansetzen, je früher wir aufklären und sensibilisieren allgemein in der
08:17Gesellschaft,
08:19desto mehr kann auch vorgebeugt werden, können vielleicht Entstehungen von psychischen Erkrankungen auch in gewisser Weise verhindert werden.
08:26Aber auch den Jugendlichen ermöglicht, sich dann auch die Hilfe zu suchen, die sie brauchen.
08:32Psychische Erkrankungen sind auch Thema in den sozialen Medien.
08:35Doch nicht immer sind die Infos dort wissenschaftlich geprüft.
08:40Auf der Seite Ich Bin Alles steckt hinter jeder Info eine Studie.
08:44Sie räumt mit Klischees und Vorurteilen auf.
08:48Man hat immer die Perspektive, sie brauchen Hilfe von außen, was definitiv der Fall ist.
08:53Aber die Ressourcen, die Kinder und Jugendliche selbst haben, die hat man unterschätzt.
08:58Was gefehlt hat, war, die Kinder und Jugendlichen direkt anzusprechen.
09:02Die Erwachsenen sind gewohnt, darüber zu sprechen mit den Kindern, aber nicht sie direkt anzusprechen.
09:08Deswegen haben wir zusammen eben mit Jugendlichen diese Seite entwickelt.
09:14Die Schüler und Schülerinnen sind zwischen 16 und 18 Jahre alt.
09:20Ich glaube, die wichtigste Strategie, wie sie es halt bezeichnet haben, ist bei einem Menschen, glaube ich, das Mindset.
09:28Also wie er über das Leben denkt, wie er durch das Leben geht.
09:32Der will ständig glücklich sein.
09:34Der Durchschnittsmensch in unserer Generation, würde ich sagen.
09:39Wobei das halt nicht geht.
09:40Und wenn eine Person akzeptiert, dass das Leben wie ein Wellengang ist und auch Höhen und Tiefen hat,
09:46ich glaube, dann kommt er auch einfacher durch solche schlechteren Phasen im Leben, würde ich sagen.
09:52Überall, wo man hinguckt, vor allem wir jungen Leute, die halt die meiste Zeit auf Social Media verbringen,
09:59ist es halt so, dass man überall dieses perfekte Leben von anderen Menschen sieht.
10:04Und es ist ja natürlich auch gerechtfertigt, dass man auf Social Media nur das zeigt von sich,
10:09die beste Seite, die man halt eben hat.
10:11Aber ganz eben ist es halt falsch, so zu denken, dass das Leben von den anderen eben auch nur perfekt
10:16ist
10:17und dass es nur perfekte Sachen gibt im Leben.
10:20Deswegen muss man daran echt arbeiten.
10:23Es gibt auch negative Emotionen nicht umsonst.
10:26Also jede Emotion hat irgendwo einen Sinn und eine Berechtigung.
10:30So eine negative Emotion, die wird nicht, keine Ahnung, wie viele Stunden anhalten,
10:34weil das unser Körper gar nicht aushält.
10:35Eine Emotion sollte nach einer Zeit wieder abflachen.
10:39Aber das muss der Körper auch lernen, dass die wieder von selber abflachen kann
10:42und dass man negative Emotionen aushalten lernen kann.
10:46Solches Wissen soll dabei helfen, chronische Verläufe psychischer Erkrankungen zu verhindern.
10:52Als erste Maßnahme in akuten Krisen plant das Bundesministerium für Gesundheit,
10:57Mental Health Coaches an Schulen einzusetzen.
11:00In Deutschland haben wir das Problem, dass viele Menschen eine unzureichende Gesundheitskompetenz haben,
11:07auch eine unzureichende digitale Gesundheitskompetenz.
11:10Also da eine Aufklärung herbeizuführen, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben,
11:16die Gesundheitskompetenz zu verbessern, ist ganz wichtig.
11:19Und noch viel wichtiger ist das bei chronisch Kranken.
11:22Weil chronisch Kranke sollten im Idealfall zu Experten ihrer eigenen Erkrankung werden.
11:29Chronische Erkrankungen beeinflussen durch ihre lange Dauer die Lebensqualität,
11:35Arbeitsfähigkeit und Sterblichkeit der Betroffenen.
11:40Auch Schmerzen können chronifizieren.
11:46Ich habe chronische Rückenschmerzen, Nackenschmerzen, Schulterschmerzen, allgemein Gelenkschmerzen.
11:55Ich habe auch jeden Tag ordentliche Schmerzattacken, sodass es dann so weit ist immer,
11:59dass ich dann auch zeitweise liegen muss, dass dann eben gar nichts funktioniert.
12:03Und wie geht es Ihnen gerade?
12:05Nicht gut.
12:07Wenn man auf das deutsche Gesundheitssystem von außen drauf guckt,
12:11dann sind gerade chronisch Kranke bei uns eher schlecht oder schlechter versorgt.
12:16Das hat unter anderem damit zu tun, dass wir ein sehr stark zergliedertes Gesundheitssystem haben.
12:22Hausärzte und Fachärzte, ambulante Praxen und Kliniken, verschiedene Berufsgruppen
12:27arbeiten bei uns besonders schlecht zusammen.
12:31Diese Erfahrung hat auch Veronika Wohns gemacht.
12:35Die 61-Jährige leidet seit 2016 dauerhaft an Rückenschmerzen.
12:42Die Hausärzte können mir nicht helfen, die Orthopäden können mir nicht helfen.
12:45Ich muss jetzt irgendwas für mich tun.
12:47Und habe dann die Initiative ergriffen, ins Internet zu gucken.
12:50Und bin auf diese Schmerztherapie, auf dieses Schmerzklinik gestoßen und dachte mir,
12:55ich versuche es jetzt einfach mal.
12:59Jan-Peter Jansen gründete 2017 die Schmerzklinik Berlin.
13:04Der Anästhesist und sein Team behandeln unspezifische chronische Schmerzen als eigenständige Krankheit.
13:12Wir haben ja zwei Schmerzsysteme im Wesentlichen in unserem Körper.
13:16Das eine ist so ein Akutschmerzsystem, das warnt uns.
13:20Das beliebteste Beispiel ist immer, wenn man eine Hand auf die heiße Herdplatte legt,
13:23dann zieht man die ja weg in Sekundenschnelle.
13:25Der chronische Schmerz verliert diese Eigenschaft.
13:29Beim chronischen Schmerz produzieren stattdessen Nerven den Schmerz,
13:33auch ohne, dass es dafür einen erkennbaren Auslöser gibt.
13:37Jan-Peter Jansen behandelt die Erkrankung mit einer Schmerztherapie,
13:41die auf viele unterschiedliche Ressourcen zugreift.
13:43Die interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie,
13:48da sind also Professionen dabei wie Physiotherapeuten, Psychotherapeuten, Kunsttherapeuten,
13:54die Ärzte natürlich, aber auch gegebenenfalls Internisten, Neurologen, Orthopäden,
13:59alle Fachrichtungen.
14:00Und da kriegt man so ein bisschen Blick von oben, als wenn man fliegt,
14:03dass man das Gebirge, aber auch die Täler sieht
14:06und nicht nur der Spezialist für die Täler oder die Gebirge ist,
14:08sondern das ist dann multiprofessionell.
14:15Die multimodale Schmerztherapie ist bereits Bestandteil der Behandlungsleitlinien
14:20für unspezifische Kreuzschmerzen.
14:22Sie eignet sich vor allem dazu, in Kliniken durchgeführt zu werden.
14:29Die Patienten und Patientinnen werden dazu mehrere Tage oder Wochen in die Klinik aufgenommen.
14:40Neben körperlichen Untersuchungen und Übungen
14:43erhalten sie auch psychologische Beratungen und Therapien.
14:49Im Zentrum stehen dabei Gespräche.
14:54Etwas, das Veronika Wohns bei ihren vielen Arztbesuchen außerhalb der Klinik vermisst hat.
15:05Sie haben ja gar keine Zeit, um irgendwie zuzuhören.
15:08Ich meine, sie müssen auch so viele Menschen am Stück behandeln
15:12und schaffen es auch gar nicht mehr in jedem Fall, zuzuhören.
15:15Und die sind ja irgendwann auch mal erschöpft. Ich kann das ja alles verstehen.
15:17Aber das geht natürlich zum Lassen des Schmerzpatienten letztendlich auch
15:21oder zum Lassen jedes Patienten.
15:24Ein deutscher Hausarzt hat im Durchschnitt 250 Patienten pro Woche.
15:30Für jeden einzelnen dieser Patienten hat er 9,1 Minuten.
15:33Und am anderen Ende des Spektrums ist der schwedische Hausarzt.
15:36Der hat 50 Patienten pro Woche.
15:39So viele wie der deutsche Hausarzt pro Tag.
15:41Und der hat pro Patient 28,8 Minuten.
15:45Das heißt, der kann sich für den chronisch kranken Patienten ausreichend Zeit nehmen.
15:52Die sprechende Medizin wird nur gering vergütet.
15:57Für ein 10-minütiges Gespräch zahlen die gesetzlichen Krankenkassen Hausärzten rund 15 Euro.
16:02Mehr Umsatz wird mit Geräten erwirtschaftet.
16:05Für eine MRT-Untersuchung der Wirbelsäule gibt es 121 Euro.
16:11Chronisch erkrankte Menschen brauchen aber vor allem Gespräche zur Aufklärung und Betreuung.
16:18Zwei Wochen Aufenthalt in der Schmerzklinik Berlin kosten rund 6.000 Euro.
16:28Wenn Sie als Rückenpatienten zu mir kommen, gehört in unser Eröffnungsgespräch für mich der Satz dazu,
16:34der Rücken ist ein Tummelplatz der Seele.
16:36Was geht denn da in Ihnen vor?
16:38Damit öffnen wir ja auch eine Tür zu einer Dimension, die zu einem Menschen gehört.
16:42Wir können nicht Körper und Seele trennen.
16:44Das haben wir aber in der traditionellen Medizin lange gemacht.
16:52Herr Gößel, ich schaue mir mal die Zehen-Zwischenräume an.
16:57Katrin Mitzam ist Pflegekraft und Expertin für Wunden.
17:00Ihr Patient Dieter Gößel hat eine Wunde am Zeh, die nicht abheilen will.
17:06Jetzt mit den geeigneten Maßnahmen wie Verbandswechsel, Ernährung, Diabetes-Einstellung, passendes Schuhwerk,
17:12haben wir so weit in den Griff gekriegt, dass wir die Zehe jetzt retten konnten.
17:16Und jetzt ist es definitiv unser Ziel, die Wunde zum Abheilen zu bringen.
17:20Und es sollen keine neuen Wunden entstehen.
17:24Die schwer heilende Wunde ist eine Folgeerkrankung von Diabetes Typ 2, einer chronischen Stoffwechselstörung.
17:31Ausgelöst wird die unter anderem durch einen ungesunden Lebensstil.
17:36Zu meiner Diabetes ist die gekommen durch frühe viel Kuchenessen von der Mutter.
17:44Und das mit meinem Fuß, das ist eine Geschichte, die ist passiert.
17:49Ich bin halt barfuß gelaufen, kleines Löchern gehabt, bin geblutet und dann habe ich gedacht, das vergeht wieder.
17:58Jedes Jahr hat das Diabetische Fuß-Syndrom in Deutschland bis zu 50.000 Amputationen zur Folge.
18:04Vor allem ältere Menschen sind betroffen.
18:07Deutschland ist eine vergleichsweise alte Bevölkerung.
18:11Wir haben im Durchschnitt mehr ältere Menschen und die kriegen normalerweise eben mit steigendem Alter auch schneller oder häufiger chronische
18:20Erkrankungen.
18:24Am sogenannten Alterszucker leiden aber immer häufiger auch junge Menschen.
18:29So wie die 35-jährige Pflegekraft Katrin Mitzam.
18:34Ich muss halt wirklich darauf achten, dass mein Blutzucker nicht zu hoch ist.
18:39Bei Diabetes Typ 2 wird der Zucker im Blut von den Körperzellen nicht mehr richtig aufgenommen.
18:44Er bleibt im Blut und schädigt auf Dauer die Organe.
18:47Die Diagnose bekam Katrin Mitzam bereits im Alter von 25 Jahren.
18:52Ich bin sehr jung erkrankt.
18:55Das heißt, ich werde definitiv die Folgeerkrankungen, die nach 20 Jahren kommen können, erleben.
19:02Da habe ich großen Respekt davor und das möchte ich verhindern.
19:06Also da habe ich auch ein bisschen, sage ich mal, Angst davor.
19:11Es hat eben die Gefahr, sehr schlimme Folgeerkrankungen zu entwickeln, wie Schlaganfall, wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, das Diabetische Fuß-Syndrom
19:20mit Amputation oder auch Nierenversagen.
19:22Und auch heute, jeder fünfte Todesfall ist mit einem Diabetes assoziiert.
19:26Über acht Millionen Menschen sind in Deutschland bereits erkrankt.
19:30Diabetes Typ 2 belastet das Gesundheitssystem jedes Jahr mit über sieben Milliarden Euro.
19:38Das ist so durch Zufall rausgekommen bei einer Blutuntersuchung.
19:43Und ja, zuerst konnte ich das echt nicht glauben. Ich habe gedacht, das ist jetzt irgendwie ein Witz oder so.
19:48Danke.
19:50Aber war es leider nicht.
19:53Vier bis sieben Jahre dauert es im Schnitt, bis ein Diabetes Typ 2 erkannt wird.
19:58Die Erkrankung zeigt in der Regel sehr lange kaum Symptome.
20:02Wir erwarten nochmal einen stärkeren Anstieg in den nächsten Jahren bis 2040 auf bis zu 12 Millionen Menschen mit Diabetes.
20:09Also das sind alarmierende Zahlen.
20:12Dabei könnte man das Erkrankungsrisiko bereits sehr früh ermitteln.
20:18Präventivmediziner Johannes Scholl aus Rüdesheim misst dazu in seiner Privatpraxis den Insulinwert.
20:23Es ist nicht üblich, dass man Insulin in der Hausarztpraxis bestimmt. Kostenpunkt 10 Euro pro Insulinbestimmung ungefähr.
20:32Die gesetzlichen Kassen übernehmen eine solche Leistung nicht.
20:37Anhand eines Experiments zeigt der Internist, wie sich das individuelle Diabetesrisiko für einen Menschen frühzeitig erkennen lässt.
20:45Zwei gesunde Probanden essen dazu das exakt gleiche Frühstück.
20:50Mit vielen Kohlenhydraten, die im Körper in Zucker umgewandelt werden.
20:56Für einen schlanken, sportlichen Menschen ist das auch völlig okay.
20:59Wenn man aber die Veranlagung zum Typ 2 Diabetes schon mit sich bringt,
21:03beziehungsweise wenn die Menschen schon eine Leberverfettung mit Insulinresistenz, einen zu hohen Bauchumfang haben,
21:09dann wirken sich diese Kohlenhydrate völlig anders im Körper aus.
21:14Wie genau zeigt die Insulinausschüttung nach der Mahlzeit?
21:18Bei Probandin Aldana ist sie normal.
21:21Sie benötigt wenig Insulin, um ihren Blutzuckerspiegel zu regulieren.
21:26Robert dagegen schüttet bei gleichem Essen fast das Doppelte an Insulin aus.
21:31Johannes Scholl vermutet in diesem Fall eine vererbte Insulinresistenz,
21:35die später auch zu einem Diabetes führen kann, wie bei mehreren engen Verwandten von Robert.
21:43Schon von Kindheitsbeinen an produzieren die auf so ein Toastbrot oder eine Handvoll Kornflakes
21:49deutlich mehr Insulin als Menschen, bei denen diese genetische Störung nicht vorhanden ist.
21:53Das führt dann dazu, dass sie mehr Hunger haben, schon in der Kindheit übergewichtig und adipös werden können
21:59und relativ früh dann in diesen Prädiabetes reinkommen.
22:05Das genetische Risiko für eine Insulinresistenz ließe sich also einfach erkennen.
22:10Warum erhalten nicht alle Versicherten diesen Test?
22:13Unser System ist krankheitsorientiert und auf Akutversorgung ausgerichtet
22:18und wenig auf Prävention und auf Langzeitversorgung.
22:21Wir haben in Deutschland eine Kultur, wo man in Praxen oder Kliniken wartet, dass ein Patient kommt.
22:28Sie rufen an, sie machen einen Termin, wie auch immer, und gehen mit einem Problem in die Praxis
22:33und wollen, dass das gelöst wird. Das ist unsere Logik.
22:36Die Logik, dass wir uns um chronisch Kranke auch dann kümmern, wenn es nicht wehtut.
22:41Dieses Konzept, diese Logik haben wir zu wenig.
22:44In den Vorsorgeuntersuchungen der gesetzlich Versicherten ab 18 Jahren ist die Erstellung eines Risikoprofils enthalten.
22:53Dazu fragen Ärzte auch nach Diabetes Typ 2 Fällen in der Familie und ermitteln den Blutzuckerwert mithilfe einer Glucosemessung.
23:02So können sie feststellen, ob jemand bereits einen Prädiabetes oder Diabetes entwickelt hat,
23:08jedoch nicht, ob eine Insulinresistenz vorliegt, die einen Diabetes Typ 2 begünstigt.
23:14Kennt man aber dieses Risiko, kann man mit einer kohlenhydratarmen Ernährung und Sport die Krankheit daran hindern, auszubrechen.
23:22Wir könnten 80 Prozent all der zu erwartenden Diabetesfälle mindestens vermeiden,
23:28indem man Menschen mit Prädiabetes zu einer vernünftigen Lebensstiländerung, Kohlenhydratreduktion,
23:34mehr sportlichen Aktivitäten bringt.
23:36Diese Daten gibt es. Also 80 Prozent der Fälle von Typ 2 Diabetes wären prinzipiell vermeidbar.
23:42Wenn man einen Schritt weiter geht, kann man auch sagen, von denen, die zum ersten Mal auffallen mit einem manifesten
23:47Typ 2 Diabetes,
23:49können innerhalb des ersten Jahres, da gab es gerade eine Publikation aus England, 77 Prozent den Diabetes wieder loswerden.
23:57Wichtig ist, dass die Lebensstiländerung sofort beginnt.
24:01Je länger ein Diabetes Typ 2 anhält, desto schwieriger ist es, ihn in den Griff zu bekommen.
24:06Katrin Mitzam hat das versucht. Einfach war es nicht.
24:11Ich finde, gerade in unserer Gesellschaft wird einem das richtig schwer gemacht, sich gesund zu ernähren.
24:15Also da hängt ja so eine Riesenindustrie auch dran, die damit natürlich ihr Geld verdienen.
24:21Bereits die Interact-Studie von 2013 zeigt, je mehr zuckerhaltige Getränke wir trinken,
24:28desto höher das Risiko, an einem Diabetes Typ 2 zu erkranken.
24:34Weltweit haben laut WHO deshalb rund 85 Regierungen eine Abgabe oder Steuer auf zuckerhaltige Getränke eingeführt.
24:41In Deutschland dagegen sollen Getränkehersteller bisher nur freiwillig den Zuckergehalt reduzieren.
24:48Und man hat das jetzt auch mal untersucht und man muss eben sagen, es ist all die Jahre gescheitert.
24:53Es hat sich wenig getan. Es gibt jetzt gerade neue Erhebungen, die einen Zuckerländervergleich gemacht haben,
24:59der genau untersucht hat, inwiefern zum Beispiel in den Getränken ging der Zuckergehalt zurück.
25:03Und in Großbritannien, wo es verbindliche Maßnahmen gab, ist der Zuckergehalt der Getränke um etwa 30 Prozent gesunken.
25:09In Deutschland waren es zwei Prozent.
25:12Tatsächlich hat sich der Verkauf stark gezuckerter Getränke in Großbritannien halbiert.
25:18In Medway, südlich von London, untersucht ein EU-Projekt außerdem,
25:23wie eine nachhaltige Veränderung des Lebensstils bei Diabetes-Betroffenen gelingen kann.
25:29Kevin, would you like to come over and have your finger prick, your HbA1c-Test?
25:37Julie Webster misst den Langzeitzuckerwert.
25:50Julie Webster leitet das Forschungsprojekt Dwell.
25:54Die Wortkombination aus Diabetes und Wellbeing, also Diabetes und Wohlbefinden, zeigt, worum es geht.
26:01Erkrankte sollen auch mit Diabetes ein gutes Leben führen können.
26:07Zur Kontrolle des Blutzuckers führen wir eine HbA1c-Messung durch.
26:13Der Wert wird zu Beginn des Programms und nach zwölf Wochen gemessen.
26:16Und dann kann jeder selbst sehen, welche Fortschritte er gemacht hat.
26:23Die HbA1c-Messung bestimmt den Blutzucker Langzeitwert.
26:27Er gibt an, wie hoch der Blutzucker im Mittel in den letzten acht bis zwölf Wochen war.
26:32Bei Kevin liegt er im Normbereich, mittlerweile.
26:37Ich denke nicht, dass ich ohne das Dwell-Programm überhaupt 71 Jahre alt geworden wäre.
26:42Ich war in einer Art Abwärtsspirale.
26:47Es ist ein ganzheitliches Programm für Menschen mit langjährigem Typ-2-Diabetes.
26:54Wichtig dabei sind die Maßnahmen, die uns helfen, die Stimmung zu heben.
26:59Wenn wir gut drauf sind, uns gut fühlen, dann ist es so viel einfacher, die Dinge am Laufen zu halten.
27:06Aber wenn uns das Leben nicht gut mitspielt, wir uns schlecht und demotiviert fühlen,
27:11dann gerät alles ins Wanken und es wird schwierig, den Alltag zu bewältigen.
27:17Julie Webster arbeitet als Diabetologin beim National Health Service, dem staatlichen Gesundheitssystem Großbritanniens.
27:26Dort gibt sie auch Schulungen für Diabeteserkrankte, doch sie erkennt,
27:30den Menschen fällt es schwer, das Gelernte dauerhaft umzusetzen.
27:34Bei Dwell geht sie deshalb anders vor.
27:37Ich glaube an die Kraft der Gruppe.
27:41Das Programm wird in einem sehr entspannten, informellen Gesprächsstil vermittelt.
27:46So können die Teilnehmenden das Wissen, was sie brauchen, auf eine viel entspanntere Weise erwerben.
27:53Und sie können darüber diskutieren, was es für sie bedeutet, Diabetes Typ 2 zu haben.
28:01Viele leben seit mehr als zehn Jahren mit Diabetes Typ 2.
28:05Bevor sie ins Dwell-Programm kamen, fielen sie immer wieder in eine ungesunde Lebensweise zurück.
28:11Einer davon ist Justin.
28:15Das Programm hat mein Leben so sehr verändert.
28:18Vorher sah ich mir selbst beim Sterben zu, so fühlte es sich für mich buchstäblich an.
28:22Ich habe mir selbst beim Verfall zugesehen, durch mein eigenes Verschulden.
28:26Und das zu fühlen, ist wirklich schwierig.
28:29Jetzt bin ich positiv gestemmt.
28:30Der Diabetes spielt für mich keine Rolle mehr.
28:32Es ist einfach etwas, das man in den Griff bekommen kann.
28:35Und zwar gut.
28:37Das Programm wurde 2014 entwickelt und in Großbritannien, Frankreich, Belgien und den Niederlanden umgesetzt.
28:44Ziel ist es, um die Betroffenen herum ein Netzwerk aufzubauen.
28:50Wenn man gute Leute hinter sich hat, wenn man eine Struktur hat, die funktioniert, das ist Motivation.
28:58Von bisher 590 Teilnehmenden schafften es viele, ihr Gewicht und ihren Blutzucker zu senken.
29:05Manche sogar auf ein gesundes Niveau.
29:08Dwell konzentriert sich nicht auf Remission.
29:13Aber manche Menschen machen so bedeutende Veränderungen, dass sie diesen Punkt erreichen.
29:19Die richtige Ernährung zählt zu den wichtigsten Werkzeugen, um Diabetes Typ 2 in den Griff zu bekommen.
29:25Das gemeinsame Essen fördert das Gemeinschaftsgefühl und schafft Entspannung.
29:32Menschen dabei zu helfen, die Ergebnisse zu erzielen, die sie sich wünschen, ist fabelhaft.
29:38Und auf dem Weg dahin sind wir Freunde geworden.
29:41Wäre es nicht wunderbar, wenn sich das immer aufs Neue wiederholen ließe?
29:45Hier?
29:46Auf nationaler Ebene?
29:48Weltweit?
29:51Also zusammengefasst ist es so, im idealen Modell haben wir auf der einen Seite den aktivierten, informierten Patienten,
29:59der sich selber als Experte seiner Krankheit versteht, der weiß, wie seine Krankheit entsteht und wie er sie beeinflussen kann.
30:05Und auf der anderen Seite haben wir das proaktive, informierte Praxisteam, was auf den Patienten zugeht.
30:12Proaktiv nachfragen, chronisch Erkrankte dauerhaft begleiten, Therapien weiterentwickeln.
30:19In der Schweiz haben Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten dafür gute Bedingungen.
30:25Seit 2006 ist das Studium der Physiotherapie dort Standard.
30:33Die Physiotherapie hat eine große Wichtigkeit bei allen diesen muskuloskeletalen Beschwerden.
30:38Das sind Rückenbeschwerden, das sind Schulterprobleme, das sind Kniebeschwerden.
30:42Und das ist alles so häufig. Also fast jeder hat irgendetwas.
30:47Hanno Lumajoki von der Züricher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ist Professor für Physiotherapie.
30:53Er weiß, viele Muskelbeschwerden und Schmerzen lassen sich mit Physiotherapie in den Griff bekommen.
31:01In der Hochschule machen wir die Forschung, um neue Sachen zu entwickeln und zu prüfen, ob sie in der Praxis
31:07tauglich sind.
31:09Und wenn wir das dann ausgefunden haben, wenn wir das publiziert haben, ist das natürlich wichtig, das auch verbreiten,
31:15dass die Leute, die im Beruf sind, das auch wirklich lernen und so machen.
31:19Weil häufig ist das Problem, von Forschung her wüssten wir, was richtig ist, aber die Leute haben das noch nicht
31:25mitgekriegt.
31:26Hier in Bad Sozach gibt Hanno Lumajoki Weiterbildungskurse für Physiotherapeuten aus der ganzen Schweiz.
31:34Auch Ricarda Klemm nimmt regelmäßig an seinen Fortbildungen teil.
31:38Lebenslanges Lernen ist für Patienten und Therapeuten gleichermaßen wichtig.
31:43Besonders in der Behandlung habe ich jetzt von euch immer wieder in den letzten Jahren gelernt.
31:47Zum einen die klinische Testung, zum anderen so die Kommunikation mit den Patienten.
31:52Und ja, da wäre jetzt einfach meine Frage, gibt es Updates?
31:56Vielleicht hast du diese Bewegungskontrollteste angewendet und die Frage war ein bisschen, was dort so neu ist.
32:03Vielleicht ist dort nicht so viel neu, aber das ist jetzt wirklich auch in die Guidelines gelandet,
32:07also zum Beispiel die American-Kidelines.
32:13Die Erkenntnisse, die die Forscher gewinnen, müssen wir in der Praxis umsetzen.
32:17Und nur wenn man sich austauscht, kann auch unmittelbar und effektiv die Ergebnisse in der Praxis umgesetzt werden.
32:24Und davon profitieren dann die Patienten am allerschnellsten.
32:27In Deutschland gibt es nur einzelne Modellstudiengänge zur Physiotherapie.
32:32Die meisten werden noch in einer Lehre ausgebildet.
32:35Dabei könnte man mit dem Studium die Praxis und Forschungsarbeit der Physiotherapeuten stärken
32:40und Kosten im Gesundheitssystem sparen.
32:44Knie tut weh oder Schulter ist steif oder Rücken tut weh.
32:48Und weil das so häufige Probleme sind und sie sind sehr teure Beschwerden,
32:53weil die Leute gehen dann zum Arzt und man macht Bilder und spritzen und vielleicht sogar operieren.
32:58Und eigentlich wissen wir von Forschung und von Evidenz, dass vieles von dem ist unnötig.
33:03Weil wir können das mit Physiotherapie, mit sanfter Methode, risikoarmer Methode
33:09und relativ günstig eigentlich an den Mann und Frau bringen.
33:13Doch in Deutschland steigt die Zahl der Rückenoperationen.
33:16Allein 2020 wurden über 387.000 durchgeführt.
33:22Gegenüber 2006 ein Plus von 71,4 Prozent.
33:27Dabei zeigen aktuelle Auswertungen der Techniker Krankenkasse, 87 Prozent der Rückenoperationen bräuchte es gar nicht.
33:37Und deutschsprachige Räume sind da ein bisschen hinten nach.
33:41Und das ist sehr schade, dass in Deutschland gibt es, soweit ich weiss, 500 verschiedene Physiotherapiesuhlen.
33:47Dann sind sie kleine Einheiten und jeder macht ein bisschen anders.
33:51Dann ist das so ziemlich zufällig, was für eine Therapie man kriegt.
33:54Und das ist irgendwie verrückt.
33:56Ich glaube, wenn ich zum Zahnarzt gehe oder zum Kardiolog,
34:00dann erwarte ich, dass jede Arzt mich gleich untersucht und die Diagnose stellen kann.
34:06Und dann, wenn mein Rücken wehtut und ich gehe zu einem Physio,
34:09dann würde ich auch erwarten, dass es egal, welche Physio, Sie alle wissen, was zu tun ist.
34:13Weit gefehlt, weil die Ausbildungen so unterschiedlich sind,
34:17dann kann es sein, eine massiert, die nächste geht Übungen,
34:20die trinkt irgendeine Elektrotherapie, die vierte warme Packungen und so weiter.
34:25Und das ist schade.
34:28Ricarda Klemm hat in Deutschland ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin gemacht.
34:33Zuerst klassisch als Lehre, dann im Bachelor- und Masterstudiengang.
34:38Doch bereits während des Studiums ist die heute 33-Jährige in die Schweiz ausgewandert.
34:42Es hatte verschiedene Gründe.
34:45Zum einen war auch damals schon die Wertschätzung in der Physiotherapie gegenüber Therapeuten deutlich höher.
34:51Ich habe hier mehr Weiterbildungsmöglichkeiten gehabt.
34:54Das hat mir sehr viel mehr ermöglicht, autonom zu arbeiten, interdisziplinär zu arbeiten
35:00und war für mich eigentlich gar keine Frage, in die Schweiz zu kommen.
35:05Während in Deutschland die Physiotherapie als Hilfsberuf gilt,
35:08der zur eigenständigen Heilkunde nicht berechtigt ist, ist dies in der Schweiz anders.
35:14Ricarda Klemm kann in der Schweiz ihr Wissen aus dem Studium nach eigenem Ermessen anwenden.
35:19Sie legt zum Beispiel selbst fest, mit welcher Therapie sie chronische Rückenschmerzen behandelt.
35:24In Deutschland bestimmt das der überweisende Arzt oder die Ärztin.
35:29Das Studium befähigt mich, mehr zu reflektieren, was ich tue.
35:34Die Dinge, die ich tue, zu hinterfragen, sie auf wissenschaftliche Wirksamkeit hin zu überprüfen.
35:40Und das Studium gibt mir auch ein erweitertes Repertoire an Möglichkeiten.
35:45Egal wie gut Physiotherapeuten ausgebildet sind, ohne die aktive Mithilfe der Patientinnen und Patienten geht wenig.
35:55Die Chronifizierung zu verhindern, liegt in erster Linie in der Verantwortung des Patienten.
36:01Also ein Patient muss Bewegung wollen und sich verändern wollen in seinem Problem.
36:06Jedoch haben wir als Therapeuten in der Schweiz mehr Instrumente aufgrund von Zeit, das Ganze umzusetzen und dem Patienten natürlich
36:15dadurch auch besser beizustehen.
36:22Ricarda Klemm tauscht sich regelmäßig mit dem benachbarten Orthopäden Axel Stamm und seinem Team aus.
36:34Es findet ein direkter Austausch statt, das heißt, man hat den direkten Draht.
36:38Der Arzt kann Therapiemaßnahmen empfehlen.
36:41Der Physiotherapeut kommt aber auch aus der praktischen Situation heraus und kann sagen, was funktioniert, was funktioniert nicht.
36:48Wo müssen wir noch Anpassungen treffen?
36:50Und insgesamt kommen wir einfach effektiver und schneller zum erfolgreichen Ergebnis.
36:54Das ist ein Setting, was eigentlich wirklich, man kann fast sagen, traumhaft ist, weil das ist wirklich interdisziplinäre Zusammenarbeit.
37:04Mit interdisziplinärer Arbeit chronische Schmerzen nicht nur behandeln, sondern verhindern, das will auch das Team aus der Schmerzklinik Berlin.
37:17Eigentlich kann man sagen, zu uns kommen die Menschen in der Regel zu spät.
37:20Es dauert manchmal Jahre, bis eine bestimmte Krankheit diagnostiziert wird oder die richtige Diagnose gestellt wird.
37:27Bei Rückenschmerzen hat man lange Zeit gedacht, naja, das wird schon wieder weggehen, die spontane Heilungsquote ist ja so hoch.
37:32Aber es gibt Menschen, die chronifizieren.
37:35Und das geht wie in einer Ehe, wo man sich so langsam aneinander gewöhnt und auch an manche Sachen, die
37:39man vielleicht zum Anfang nicht so gut gefunden hat,
37:41bis der Schmerz dann tatsächlich vom Körper den Besitz ergreift und die Biografie verändert.
37:47Es kommt zu langen Krankschreibungen, es kommt zu Konflikten bei Freunden, bei Familie und daran gilt es zu arbeiten.
37:55Rückenschmerzen sorgen für hohe Kosten im Gesundheitssystem und in der Volkswirtschaft.
38:01Mit 21 Millionen Fehltagen belegen Rückenbeschwerden den ersten Platz bei den Einzeldiagnosen.
38:06Viele Krankenkassen haben den Bedarf für die multimodale Schmerztherapie erkannt und schließen Verträge mit Anbietern wie der Schmerzklinik Berlin.
38:1795 Prozent der Patientinnen und Patienten hier sind aktuell gesetzlich versichert.
38:27Ich habe meine Bewegung geändert. Ich bin jetzt mehr ins Schaukeln gekommen, weil das meiner versteiften Wirbelsäule natürlich immer gut
38:36tut, in Bewegung zu bleiben.
38:38Und sage ihr, du musst dich bewegen, dann gehen die Schmerzen auch weg.
38:43Und wie spüren Sie das? Wie ein Feuer, wie eine Welle, wie eine Wärme?
38:48Eine Wärme.
38:49Eine Wärme.
38:50Eine Wärme.
38:51Ich empfinde sehr viel Wärme dabei, wenn sich alles miteinander verbindet.
38:59Waren zu Beginn der Therapiestunde nur kleine Bewegungen möglich, scheint der Schmerz jetzt immer mehr in den Hintergrund zu treten.
39:06Erst hier in der Schmerzklinik habe ich gelernt, dass der chronische Schmerz eine eigenständige Krankheit ist, was sehr, sehr wichtig
39:13ist, um sich mit diesem Schmerz auch zu verbinden, zu sagen, ja, ich nehme dich an.
39:17Ich werde sicherlich dich nicht immer loswerden, aber ich werde mit dir eins und es wird immer besser.
39:24Und das habe ich jetzt auch erfahren.
39:26Auch Katrin Mitzam hat einen neuen Umgang mit ihrer chronischen Erkrankung Diabetes Typ 2 gefunden.
39:33Seit ein paar Monaten steigt ihr Blutzuckerspiegel wieder an. Schuld ist das Übergewicht, mit dem die 35-Jährige seit ihrer
39:41Kindheit kämpft.
39:42Ich habe zwischenzeitlich immer wieder mal Gutgewicht verloren, aber das ging dann echt wieder draufschleichend.
39:49Also wie als wäre das so, ja, runter und wieder hoch, runter und wieder hoch. Das war so wie so
39:55ein Jojo-Effekt, der immer wieder kommt.
39:59Da Übergewicht und Diabetes Typ 2 eng miteinander zusammenhängen, will Katrin Mitzam eine Magenverkleinerung durchführen lassen.
40:08Ein extremer Eingriff, der laut Studien dauerhaft Gewicht und Blutzuckerspiegel senken soll.
40:16Für mich ist es wirklich jetzt auch ein Schritt, wo ich sage, ich habe echt alles probiert.
40:21Also wirklich, ich bin alles durch und darum habe ich mir jetzt nach und nach überlegt, dass das das Richtige
40:28jetzt für mich ist.
40:30Mir geht es dann nicht um Optik oder Schönheit oder um irgendein Aussehen, das ich verkörpern will oder irgendeine Kleidergröße,
40:39sondern mir geht es darum, ich möchte einfach alt werden, möglichst gesund alt werden. Das ist so mein Thema.
40:47Und Depressionspatientin Sophia hat neben Medikamenten und Psychotherapie noch eine weitere Möglichkeit gefunden, mit ihrer langjährigen Krankheit umzugehen.
40:56Wir haben bei der Selbsthilfe in Pankow so um die 70 Gruppen oder sogar mehr.
41:05Das hier ist jetzt zum Beispiel der Flyer vom offenen Treff. Da habe ich auch die Moderationsrolle.
41:13Die 27-Jährige arbeitet als Praktikantin bei der Informations- und Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen in Berlin und ist gleichzeitig Teilnehmerin.
41:27In dem Moment fühlt man sich so unglaublich verstanden, weil du mit mindestens zehn Menschen zusammensitzt, denen es genauso geht.
41:35Und ich habe eigentlich das Gefühl, dass es unserer Gesellschaft oder dass es vielen Menschen in unserer Gesellschaft eigentlich so
41:42geht,
41:42aber es wird nicht darüber gesprochen und es ist tabuisiert.
41:45Die gesundheitliche Selbsthilfe wird neben Behandlungen in der Ambulanz, im Krankenhaus sowie in der Reha als vierte Säule unseres Gesundheitssystems
41:54bezeichnet.
41:562022 wurde sie mit rund 85 Millionen Euro von den Krankenkassen bezuschusst.
42:01Im Vergleich wenig, doch die Teilnehmenden profitieren sehr.
42:07Wenn ich in einer Selbsthilfegruppe bin, glaube ich, dass ich tatsächlich die Chance habe, über die erhöhte Lebensqualität, die an
42:16vielen Stellen damit einhergeht,
42:21eine bessere Gesundung, eine schnellere Gesundung, eine längere Lebenserfahrung mit Sicherheit auch ein besseres Leben zu führen.
42:28Und davon kann mit der Rückwirkung nur die Gesellschaft und das Gesundheitssystem auch profitieren,
42:34weil wenn ich durch die Selbsthilfegruppe seltener zum Arzt gehe oder kürzere Zeiten in der Therapie habe, natürlich spart das
42:41unterm Strich auch.
42:43Seit Corona sind viele Selbsthilfegruppen am Limit der Aufnahmekapazität.
42:48Doch es gibt viele Neugründungen, gerade in der jungen Selbsthilfe für unter 35-Jährige.
42:54In gut zwei Dritteln der Gruppen engagieren sich auch Menschen mit chronischer Erkrankung.
42:59Im Schnitt sind Menschen 15 Jahre lang chronisch krank.
43:03Deshalb hat Sophia einen ganz klaren Wunsch.
43:08Auf jeden Fall sollten alle Menschen sofort Therapiemöglichkeiten kriegen.
43:15Das ist ein Ding der Unmöglichkeit, dass das immer noch so ist, vor allem auch jetzt nach Corona.
43:21Wir sind ein reiches Land. Wir geben 250 Milliarden Euro für gesundheitliche Versorgung im Rahmen der gesetzlichen Krankenversicherung aus.
43:28Das ist sehr viel Geld und das würde auch ausreichen, wenn man es gezielt einsetzt.
43:33Wir müssen gucken, wo machen wir zu viel. Das müssen wir abbauen.
43:37Und diese Mittel können wir dort einsetzen, wo wir zu wenig machen.
43:42Das müssen wir auf jeden Fall sehen.
44:11Untertitelung des ZDF, 2020

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