00:00Warum Muslime keine Militärseelsorge zweiter Klasse verdienen
00:03Seit Jahren dienen Muslime in der Bundeswehr.
00:06Ihre Militärseelsorge bleibt dennoch ein Provisorium.
00:09Warum das Pilotprojekt keine echte Gleichstellung schafft, erklärt Dr. Jemil Sahinöz.
00:15Mit großer Symbolik verkündete die Bundeswehr die Einführung einer islamischen Militärseelsorge.
00:20Nach Jahrzehnten des Wartens erhalten muslimische Soldatinnen und Soldaten nun endlich ein seelsorgerisches Angebot.
00:27Auf den ersten Blick wirkt dies wie ein Fortschritt.
00:29Bei genauerer Betrachtung offenbart sich jedoch ein strukturelles Problem.
00:33Was als Anerkennung verkauft wird, trägt Züge einer provisorischen Verwaltungslösung,
00:38die weder dem religiösen Bedarf muslimischer Soldaten noch dem Anspruch echter Gleichbehandlung gerecht wird.
00:44Es geht dabei nicht um die Frage, ob muslimische Soldaten seelsorgerische Begleitung benötigen.
00:49Diese Frage ist längst beantwortet.
00:52Natürlich benötigen sie diese.
00:53Die eigentliche Frage lautet, warum wird muslimischen Soldaten auch im Jahr 2026 weiterhin nur ein Übergangsmodell angeboten,
01:01während für andere Religionsgemeinschaften längst institutionelle Normalität geschaffen wurde.
01:06Zwei Jahrzehnte verspätete Anerkennung.
01:09Muslime dienen nicht erst seit gestern in der Bundeswehr.
01:12Bereits seit den 2000er Jahren ist bekannt, dass tausende Muslime Teil der deutschen Streitkräfte sind.
01:17Schon während der Auslandseinsätze in Afghanistan wurde deutlich,
01:21dass muslimische Soldaten mit spezifischen religiösen und ethischen Fragen konfrontiert werden.
01:26Wie verhält man sich religiös im Auslandseinsatz?
01:29Wie verarbeitet man Tod?
01:31Wie organisiert man religiöse Trauer?
01:34Wie vereinbart man Ramadan mit militärischen Anforderungen?
01:37Wie geht man mit Fragen von Schuld, Gewissen und Gewalt um?
01:41Muslimische Soldaten und Soldatinnen in der Bundeswehr schilderten immer wieder öffentlich,
01:45dass sie während ihrer Einsätze den Tod von Freunden und Kameraden verarbeiten mussten,
01:49aber hierfür keinen religiösen Ansprechpartner hatten.
01:52Diese Aussagen stehen exemplarisch für ein strukturelles Versagen.
01:56Wenn ein Staat über zwei Jahrzehnte hinweg muslimische Soldaten beschäftigt,
02:00ohne ihnen dieselben religiösen Strukturen anzubieten wie anderen Glaubensgruppen,
02:05dann handelt es sich nicht um ein organisatorisches Problem.
02:07Es ist Ausdruck institutioneller Ungleichbehandlung.
02:11Das Provisorium statt echter Gleichstellung.
02:14Katholische und evangelische Militärseelsorge sind institutionell abgesichert.
02:18Die jüdische Militärseelsorge erhielt 2019 einen Staatsvertrag mit dem Zentralrat der Juden in Deutschland.
02:25Muslimische Seelsorge erhält hingegen eine öffentliche Ausschreibung,
02:28ein Pilotprojekt, eine externe Dienstleistungslösung, keinen Staatsvertrag,
02:33keine langfristige institutionelle Verankerung.
02:35Allein diese Konstruktion zeigt die Hierarchie.
02:39Christliche und jüdische Seelsorger sind Teil institutioneller Stabilität.
02:43Muslime erhalten eine Ausschreibung wie bei einem externen Verwaltungsauftrag.
02:47Religiöse Seelsorge wird hier faktisch behandelt wie ein austauschbarer Dienstleistungsprozess.
02:52Das wird weder dem religiösen Charakter der Seelsorge gerecht
02:55noch dem Anspruch muslimischer Bürger auf gleichberechtigte Behandlung.
02:59Ein Staat, der religiöse Gleichbehandlung ernst nimmt,
03:02darf nicht für manche Religionsgemeinschaften dauerhaft institutionalisierte Strukturen schaffen,
03:07während muslimische Gläubige auf befristete Ausschreibungen und provisorische Übergangslösungen verwiesen werden.
03:13Wenn religiöse Rechte tatsächlich universell gelten sollen,
03:16dann müssen sie unabhängig von der jeweiligen Religionszugehörigkeit in gleicher Qualität,
03:21mit derselben institutionellen Verbindlichkeit und mit derselben Würde gewährleistet werden.
03:25Alles andere sendet die Botschaft, dass manche religiösen Bedürfnisse als dauerhaft legitim betrachtet werden,
03:32während muslimische Bedürfnisse weiterhin unter Vorbehalt stehen.
03:35Fehlende Ansprechpartner kein Argument
03:37Das Verteidigungsministerium argumentiert seit Jahren, nein seit Jahrzehnten,
03:42es gebe keinen zentralen muslimischen Ansprechpartner.
03:45Dieses Argument greift zu kurz.
03:47Die religiöse Pluralität des Islams in Deutschland ist real.
03:51Aber Vielfalt darf nicht als Vorwand genutzt werden, um strukturelle Gleichstellung dauerhaft aufzuschieben.
03:57Der Staat hat in vielen Bereichen gelernt, mit muslimischer Pluralität umzugehen.
04:02Islamischer Religionsunterricht, islamische Theologie an Universitäten,
04:07Gefängnisseelsorge, Krankenhauseelsorge, Bestattungsfragen.
04:11Warum soll ausgerechnet im Bereich der Bundeswehr plötzlich institutionelle Handlungsunfähigkeit bestehen?
04:16Juristen haben bereits darauf hingewiesen, dass ein Staatsvertrag nicht zwingend notwendig wäre.
04:22Es fehlt weniger an juristischen Möglichkeiten als an politischem Willen.
04:26Die fragwürdige Zahl von 3000 muslimischen Soldaten
04:29Auffällig ist, dass seit Jahren nahezu identische Zahlen kursieren.
04:34Mal spricht man von 3000, mal von 4000, mal von 6000.
04:39Bemerkenswert ist jedoch, dass die Zahl 3000 seit vielen Jahren nahezu unverändert kommuniziert wird.
04:45Soziologisch wirft das Fragen auf.
04:47Wie realistisch ist es, dass sich die Zahl muslimischer Soldaten trotz gesellschaftlicher Veränderungen,
04:52Migration, Geburtenentwicklung und Rekrutierungsbewegungen über ein Jahrzehnt kaum verändert haben soll?
04:58Entweder existiert keine präzise Datenerhebung.
05:01Oder man arbeitet bewusst mit konservativen Schätzungen.
05:04Beides wäre problematisch.
05:06Eine Institution, die religiöse Bedürfnisse ernst nimmt, muss ihre Zielgruppe überhaupt erst einmal seriös kennen.
05:13Seelsorge oder Rekrutierungsstrategie
05:16Hier beginnt die gesellschaftspolitisch heikelste Frage.
05:19Deutschland befindet sich sicherheitspolitisch in einer neuen Phase.
05:23Seit der sogenannten Zeitenwende steigen Verteidigungsausgaben massiv.
05:27Die Wehrpflicht wurde wieder eingeführt.
05:29Die Bundeswehr sucht dringend Personal.
05:31Parallel entsteht plötzlich eine neue Offenheit gegenüber muslimischen Soldaten.
05:36Diese zeitliche Parallelität erzeugt einen problematischen Eindruck.
05:40Solange muslimische Soldaten in kleinerer Zahl dienten, blieb ihre religiöse Infrastruktur zweitrangig.
05:46Nun, da mehr Personal benötigt wird, entdeckt man muslimische Vielfalt als strategische Ressource.
05:52Dieser Eindruck muss ernst genommen werden.
05:54Gleichzeitig erleben viele junge Muslime im Alltag Rassismus und oder Islamfeindlichkeit.
06:00Wenn in genau dieser Situation plötzlich religiöse Anerkennung innerhalb der Bundeswehr angeboten wird, entsteht zwangsläufig die Frage, ob es hier
06:08um Gleichberechtigung geht oder um bessere Rekrutierung.
06:11Ein Staat muss auf diese Frage glaubwürdig antworten.
06:14Seelsorge braucht Vertrauen, nicht Symbolpolitik.
06:17Seelsorge funktioniert nur auf Basis von Vertrauen.
06:20Vertrauen entsteht nicht durch Ausschreibungen, Pilotprojekte oder durch symbolische Pressemitteilungen.
06:26Vertrauen entsteht durch langfristige institutionelle Anerkennung.
06:30Muslimische Soldaten verdienen dieselbe Würde wie ihre christlichen und jüdischen Kameraden.
06:35Wenn der Staat muslimische Bürger dazu aufruft, Verantwortung für das Land zu übernehmen, dann muss er auch bereit sein, ihnen
06:41dieselben religiösen Rechte einzuräumen.
06:43Nicht provisorisch, testweise oder nur unter Vorbehalt, sondern vollwertig.
06:48Alles andere bleibt ein Modell zweiter Klasse.
06:51Dr. Jemmy Sahinöz
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