00:03Der Junge im Schrank
00:30Komm endlich aus dem Schrank, sagte ich mit matter Stimme, das Teil lässt sich bestimmt wieder reparieren. Als älterer Bruder,
00:38der zumindest die Reife eines Teenagers besaß, wusste ich, dass das, was ich sagte, Blödsinn war. Das Teil war hinüber,
00:46wie meiner spartes Taschengeld für die nächste Zeit.
00:49Zu meiner Verteidigung, ich hatte ihm die Konsole deshalb entrissen, da er nicht teilen wollte. Dabei zerbrach sie schneller, als
00:57ich erwartet hatte. Später an diesem Abend war es bereits dunkel. Über der verschneiten Stadt hing der Nebel wie ein
01:05Vorhang. Kälte drang durch das Fenster, also schloss ich es. Und wie ich meinen Bruder kannte, würde er in Kürze
01:12wieder aus dem Schrank steigen.
01:14Was dieses Mal jedoch nicht passierte. 19.18 Uhr. So lange war er noch nie da drin, was mich ein
01:22wenig verwunderte. Andererseits war Sturheit nichts Neues bei ihm. Ich klopfte ein paar Mal an die Schranktür. Nichts passierte.
01:32Weißt du noch, wie du einmal in einem Karton eingepennt bist? sagte ich mit einem Schmunzeln auf den Lippen. Dabei
01:39stieg ein erdiger Geruch auf. Vielleicht wegen der frischen Luft oder einfach nur wegen meiner laufenden Nase. Ich klopfte vier
01:47weitere Male.
01:49Bleibst du da echt die ganze Nacht hocken? fragte ich. Hallo? Jemand da? Nach einem letzten Klopfen gab ich schließlich
01:58auf. Ich wollte nicht den restlichen Abend damit verbringen, den Kleiderschrank anzustarren.
02:04Soll er doch drin versauern? dachte ich. Ich fröstelte plötzlich, ohne zu wissen warum, als ich noch einmal kurz hinter
02:12mich blickte, bevor ich mich zum Gehen bewegte. Das Fenster war zu.
02:17Ich begab mich in die Küche. Der geöffnete Kühlschrank füllte mein Gesicht in ein kaltes Licht, als ich zum Tiramisu
02:24des Vortages griff. In der Auflaufform sah es inzwischen wie von übergroßen Ratten angefressen aus. Es schmeckte aber noch.
02:33Wie immer grüßte mich das Krümelmonster, als ich den Kühlschrank wieder schloss. Ich setzte mich auf das Sofa. Dabei sinnierte
02:41ich über das merkwürdige Verhalten meines Bruders. Was tat er so lange im Schrank?
02:46Im Dunkeln sitzen und Däumchen drehen? War das wirklich seine Art, um Stress abzubauen? Um mich abzulenken, schaltete ich den
02:55Fernseher an. Galileo. Der tausendste Dönerbeitrag. Ich wechselte das Programm. Eine Sendung über Weihnachtsmärkte. Irgendwann dürstete es mich nach einer
03:06Milch. Wieder das blaue Monster. Unverändert grinsen.
03:11Der Gedanke an Emi ließ mir keine Ruhe, als erneut ein Hauch von Erde aufzog. Ein Geruch, der hier nicht
03:18hingehörte. Fremd. Eigenartig.
03:21Ich kontrollierte die Fenster. Alle geschlossen. Alle Jalousien abgesackten. Das irritierte mich mehr, als ich zugeben wollte. Ich ging wieder
03:32nach oben, zum Kleiderschrank.
03:33Sag mal, riechst du das auch? Fragte ich. Keine Antwort. Ich klopfte. Dieses Mal klang das Holz dumpfer. Etwas anders.
03:45Fast erstickt.
03:47Ich klopfte etwas stärker. Kannst du mich hören? Fragte ich. Ein Satz, der an diesem Abend unzählige Male folgen würde.
03:56Bedenkst du, dort für immer zu bleiben? Keine Antwort.
04:00Da er immer noch die beleidigte Leberwurst spielte, überlegte ich, wie ich ihn herauslocken konnte. Mir kam eine Idee. Also
04:09wieder nach unten. Nochmals am Krümelmonster vorbei.
04:13Worauf ich es abgesehen hatte, befand sich unter einer Halufolie. Auch das war noch vom Vortag übrig.
04:20Nimm ins Lieblingsessen. Kinebohnenlasagne. Dazu konnte er sicherlich nicht Nein sagen.
04:27Ich habe eine Überraschung für dich. Sie wird dir gefallen, rief ich.
04:33Mehr oder weniger kam mir die Stille aus dem Zimmer zu dicht vor. Bestimmt nur meine Nerven.
04:38Ich erwärmte die Lasagne in der Mikrowelle, kehrte zurück und stellte den dampfenden Teller vor den Schrank, als wollte ich
04:46einen Geist besänftigen.
04:48Zuversichtlich klopfte ich.
04:50Hey, ich habe hier dein Lieblingsessen.
04:53Keine Reaktion.
04:54Das Klopfen klang dumpfer, als würde etwas hinter der Tür nachgeben, und es erfolgte erneut dieser unbestimmte Erdgeruch, stärker als
05:04zuvor.
05:05Wenn du aufgegessen hast, bring den Teller zum Spülen in die Küche, sagte ich, zunächst mit gefasster Stimme.
05:12Dann langsam koch mir die Stille mehr in die Ohren, als ich zugeben wollte.
05:17Bevor ich ging, und bitte, komm raus.
05:21Den weiteren Abend verbrachte ich mit dem Lesen von Memes, mit Zerro-Posts und Diskussionen auf Twitter.
05:28Dann hatte ich keine Lust mehr und legte das Handy weg.
05:31Mein Blick wanderte zur Treppe, die im Halbschatten lag, der Weg nach oben, zum Schrank.
05:37Kommst du raus? rief ich nach oben.
05:41Stille.
05:42Steinernes Schweigen erfüllte das Haus.
05:45Ich überlegte fieberhaft, was ich tun könnte, um ihn herauszulocken.
05:50Mein Blick blieb am Christbaum hängen, reichlich geschmückt mit Gelanden, Weihnachtsgugeln und Lichterketten.
05:57Vereinzelt hingen Figürchen von Nussknackern und Engeln.
06:01Auf der Spitze des Baumes glomm ein Stern, und unterhalb lagen bereits die ersten Geschenke.
06:08Mama gab sich, wie jedes Jahr, besonders viel Mühe beim Schmücken.
06:12Wenn sie mich bei meinem Vorhaben erwischen würde, gäbe es Ärger.
06:17Obwohl es eigentlich erst morgen soweit war, klemmte ich mir das Weihnachtsgeschenk für Emil unter den Arm.
06:23Ein blaues Paket mit roten Schleifen, und kehrte damit zum Schrank zurück.
06:28Die Lasagne stand noch immer unangetastet da.
06:32Der erdige Geruch war stärker geworden.
06:35Der Baum redete ich mir ein.
06:37Nein, ein billiges Plastikteil.
06:40Ein echter, frisch geschlagener Nadelbaum aus dem Wald.
06:44Vielleicht war es der Christbaum.
06:47Hoffentlich.
06:49Hörst du mich?
06:49Ich, fragte ich.
06:51Weißt du noch, das Baumhaus?
06:53Du oben, ich unten an der Leiter.
06:55Du hast so hastig gesägt, und die ganzen Späne flogen in mein Gesicht.
06:59Wir haben uns totgelacht.
07:01Ich stellte das Geschenk vor den Schrank.
07:04Es war das kleine Holzbrett, ein Überbleibsel, frisch geschliffen, mit Emils Initialen.
07:10Jedenfalls, ich hab dir ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk mitgebracht.
07:14Es hat mit der alten Geschichte zu tun, sagte ich.
07:17Vielleicht willst du doch rauskommen.
07:20Nichts.
07:21Ein Gefühl von Enge breitete sich in meiner Brust aus.
07:25Vielleicht wegen der Erinnerungen.
07:27Vielleicht wegen der Stille.
07:29Seltsam, wie klar ich die Szene mit den Sägespänen vor Augen hatte.
07:33Ich klopfte.
07:35Immer wieder.
07:36Das Klopfen schien nicht nur huller zu klingen, als lege Stoff dahinter.
07:40Ich meinte sogar, etwas Feines wie Späne auf meinem Kopf zu spüren.
07:44Ein Rieseln.
07:46Aber da war nichts.
07:48Mich beschlich ein mulmiges Gefühl.
07:50Bitte, komm einfach raus.
07:53Mehr brachte ich nicht heraus.
07:56Ich hatte fest damit gerechnet, spätestens zur Schlafenszeit, 23 Uhr, hektische Schritte
08:02und was Zerfetzen des Geschenkpapiers zu hören.
08:05Aber nichts.
08:06Nur der Abspann eines Weihnachtsfilms rang aus dem Wohnzimmer.
08:10Ich lief im Flur auf und ab, immer wieder zur Kommode schälend.
08:15Dort befanden sich das Telefon und die Notiz.
08:18Sind bis morgen bei einem Geschäftsessen.
08:20Zwischen 20 und 1 Uhr nur im Notfall anrufen.
08:24Haben euch lieb.
08:26Ich schluckte.
08:27Kannst du mich hören?
08:29Ich war wieder im Zimmer, vor dem Schrank.
08:33Willst du eine Entschuldigung?
08:34Ist es das, was du willst?
08:36Fragte ich mit wachsendem Missmut.
08:39Okay.
08:39Es tut mir leid.
08:41Bist du jetzt zufrieden?
08:42Die anhaltende Geräuschlosigkeit fühlte sich falsch an und ließ meine Vergrossenheit
08:48größer werden.
08:49Die Stille wurde zu dicht.
08:51Zu schwer.
08:53Meine Vergrossenheit schlug um in Ärger und mein Ärger schlug allmängig um in Verzweiflung.
09:00Draußen ist das Telefon, sagte ich.
09:02Wenn du jetzt nicht rauskommst, rufe ich Mama an.
09:05Ich hob die Faust und klopfte.
09:08Käthe kroch mir die Glieder hoch.
09:10Nicht von draußen, nicht vom Fenster.
09:13Der Erdberuch hing schwer in der Luft.
09:16Das Klopfen klang dumpfer als jemals zuvor.
09:20Ich atmete flach ein und ich hatte das Gefühl, mir ein paar feine Staubkörner aus dem Haar reiben
09:27zu müssen.
09:28Bitte, komm raus.
09:30Bitte.
09:32Kaum mehr als ein Stottern spuckte ich aus.
09:35Geh mir.
09:37Inzwischen war mein Arm völlig ausgelaubt, schwer wie Blei.
09:40Das Klopfen fühlte sich an, als ob man gegen Erde schlägt.
09:45Ein merkwürdiges Vibrieren.
09:48Schwindel überkam mich.
09:49Ich zitterte und ich hatte das Gefühl, etwas drückt in meine Brust zu sein.
09:54Warum war es plötzlich so eng?
09:57Warum roch ich Erde?
10:00Ihre Gedanken rasten durch meinen Verstand.
10:03Nichts ließ sich mehr sortieren.
10:06Alles zog sich zusammen.
10:08Und das nicht nur in meinem Kopf.
10:11Ich tastete nach etwas Festem, Altem.
10:15Ein stiller Widerstand.
10:16Das Holz über mir drückte wie ein Deckel.
10:20Lockere Erde rieselte von oben.
10:23Seit wann lag ich hier unten?
10:26Die eigene Hand konnte ich vor Augen nicht sehen.
10:29Eine erdrückende Enge.
10:31So stickig, dass das Atmen schwer fiel.
10:35Ich schlug.
10:36Immer wieder.
10:38Der Widerstand blieb stumm.
10:41Raus Holz war alles, wonach ich tastete.
10:44Mit jedem Trommeln, Schreien und Hämmern rieselten Erdgrümel auf mein Gesicht.
10:50Kein Emil.
10:51Kein Schrank.
10:53Kein Zuhause.
10:55Ich schrie und schlug um mich.
10:57Noch lauter, fester, aber ohne Echo.
10:59Keiner konnte mich hören im Dunkeln.
11:03Bis auf die Würmer um mich herum.
11:06Holz.
11:07Erde.
11:09Totenstille.
11:11Mein einsamer Gabstein.
11:14Lichter brannten in den Straßen hinter dem Totenacker.
11:17An einem anderen Ort würde gleich der Gänsebraten serviert.
11:23Später gäbe es die Bescherung.
11:25Heute, am Weihnachtsabend.
11:28Nachtgeist.
11:29Nachdem.
11:30Tschüss.
11:33Heute, wenn wir hier im Dunkeln haben.
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