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00:03Wie sollte eine Mutter sein?
00:06Diese Frage ist heiß umkämpft.
00:09Die gute Mutter, das ist eine, die sich ganz und gar dem Aufziehen ihrer Kinder widmet.
00:17Künstlerinnen räumen auf mit dem Super-Mama-Klischee.
00:22Das ist ja so ein Frauenthema, so ein Feministinnen-Thema.
00:25Und ich denke mir so, ihr blöden Pimmelnasen.
00:30Scheinbar perfekte Mütter fluten das Netz. Ist die 50s-Mutti zurück?
00:37Ich mag das Wort emanzipiert nicht so.
00:41Was ist das zeitgemäße Mutterbild? Gibt es das überhaupt?
00:48Aktuell habe ich das Gefühl, man kann eigentlich nur verlieren als Mutter.
01:10Im schottischen Glasgow. Hier lebt die gefeierte Künstlerin Rachel McLean.
01:16Ihre Werke sind auf der ganzen Welt zu sehen. New York, Venedig, London.
01:21Die zweifache Mutter hat ein buntes Kunstuniversum geschaffen.
01:25Darunter eine Werkreihe zum Thema Mutter sein.
01:28Besprechung im Team. Die ersten Sequenzen ihrer neuen Animation Mama sind fertig.
01:35Diese hier habe ich jetzt in höherer Auflösung ausgespielt.
01:45Das Erleben von Schwangerschaft und Geburt war einschneidend und floss in ihrer Arbeit ein.
01:55Es ist die erstaunlichste und gleichzeitig die verstörendste Erfahrung in einem Leben.
02:01Der Bruch mit der Welt, wie man sie kannte, ist zutiefst verunsichernd.
02:05Es sieht einfach alles anders aus und es ist sehr schwierig, auch körperlich schwierig.
02:11Man schläft nicht viel und das verleiht dem Ganzen auch diese fast halluzinogene Intensität.
02:18Ich wollte also all das in das Werk einbringen.
02:21Das Gefühl der Mutterschaft, aber auch etwas von der Realität, die dahinter steckt.
02:25Man hat also die Schönheit und dann diese beunruhigende Kraft.
02:38Für die Mama-Kunstwerke vermischt sie Rokoko-Ästhetik mit KI.
02:44Babys wie Puppen.
02:49Verrutschte Gliedmaßen.
02:54Mütter ohne Köpfe.
02:57Unter der zuckersüßen Schicht das Unbehagen.
03:03Bei einem Großteil der Arbeit sind die anatomischen Grenzen nicht klar.
03:08Wenn man dieses Individuum zur Welt bringt, dann fühlt es sich monatelang so an, als sei es immer noch ein
03:15Teil deines Körpers.
03:16Das ist einerseits schön, aber auch extrem verrückt.
03:20Und das ist eine schwierige Sache, denn in unserer Kultur wird über diese Erfahrung kaum gesprochen.
03:31Dabei herrscht in der Kunstgeschichte keineswegs ein Mangel an Mutterbildern.
03:36Ganz vorne dabei, Maria, die Mutter Gottes.
03:42Michelangelo schuf die römische Pietà.
03:46Raphael, die sextinische Madonna.
03:54Kranach, die Maria mit dem Kinde.
03:57Fällt was auf?
04:02Wenn man die Kunstgeschichte betrachtet, gibt es viele Bilder von Mutter und Kind, aber die wurden von Männern gemalt.
04:11Und sie haben eine Art idealisierte Außenperspektive.
04:16Natürlich, die Jahrtausende alte Kunst ist natürlich, die Mutter ist die Heilige.
04:21Es gibt die Heilige und es gibt die Hure an Frauen.
04:23Und die Heilige ist natürlich die Mutter gleichzeitig.
04:30Die Künstlerin Sophia Süßmilch schafft Werke, die radikal gegen das wonnige Urbild der heiligen Mutter angehen.
04:37Die Malerin und Performance-Künstlerin beschäftigt sich mit Mütterbildern.
04:42Humorvoll, schamfrei, provozierend.
04:49Ich glaube, das sind in vielen Köpfen natürlich.
04:52Es gibt es vor allem nur die gute Mutter.
04:54Es gibt gar nicht die böse Mutter.
04:56Es gibt da nicht die vielschichtige Mutter.
04:58Das ist ja das, was ich auch total ungerecht finde zum Beispiel.
05:06Geprägt und inspiriert wurde Sophia Süßmilch von ihrer eigenen Mutter.
05:12Schon oft performten Mutter und Künstlertochter zusammen.
05:27Es geht natürlich um Rollenbilder, um Umdrehen von Rollenbildern, um Erweiterung.
05:31Eine Infragestellung sozusagen von dieser Beziehung, wie man sie hat mit der Mutter.
05:35Um eine Reflexion dessen, was möglich ist innerhalb von Beziehungen.
05:40Um enge Beziehungen, um nahe Beziehungen, um klebrige Beziehungen, um zu nah dran sein.
05:48Um Schmerz, um Liebe, um Loslösung, um all diese Prozesse im Leben von, wenn man so will.
05:56Ich werde aus einem Menschen heraus geboren.
06:02Und hat daher auch ganz oft eine unglaubliche Komik, finde ich, damit zu arbeiten.
06:07Das darf man auch nicht vergessen.
06:10Also bei all dieser ganzen Mutterthematik, finde ich das einfach auch oft extrem lustig.
06:14So, ich stehe jetzt meine eigene Mutter.
06:22Auch als wüste Fruchtbarkeitsgöttin fordert Sophia Süßmilch die Betrachtenden heraus.
06:28Damit alle, auch die Männer, ihr Bild von Frauen und Müttern überdenken.
06:35Ich finde vor allen Dingen in der Kunst krass, dass das immer so abgetan wird als so, das ist ja
06:39so ein Frauenthema, so ein Feministinnen-Thema.
06:42Und ich denke mir so, ihr blöden Pimmelnasen, das ist es überhaupt nicht.
06:47Ihr macht es so als so kleines Ding, als so Feministinnen-Issue, weil nämlich genau diese Angst, große Angst wiederum
06:55dahinter steckt.
06:56Ihr könnt gar nicht gebären. Also wird das zu so einem, ihr mit euren Menstruationsbildern Ding runtergemacht.
07:04Es ist ja wirklich so, wenn alle aufhören würden zu gebären, alle Frauen, dann würde die Menschheit enden.
07:10Also mit was soll man sich denn sonst beschäftigen, als sich mit den Bedingungen des Fortbestehens der Menschheit und auch
07:18dem, wie Individuen da stattfinden können und stattfinden.
07:21Und mit welchen Vor- und Nachteilen, mit welchem Leid, mit welcher Gewalt, mit welchen Freuden und so weiter das
07:27verknüpft ist.
07:31Die Dimension und Relevanz des Themas hat man auch am Kunstpalast Düsseldorf erkannt.
07:37Linda Konze ist eine der Kuratorinnen der Ausstellung Mama von Maria bis Merkel.
07:44Sie sagt, die Idee der guten Mutter, die sich mit Haut und Haar um den Nachwuchs kümmert, hat mit der
07:50Jungfrau Maria gar nicht so viel zu tun.
07:53Eigentlich entstand die Idee der guten Mutter erst ab Mitte des 18. Jahrhunderts.
08:04Die neue Interpretation der Mutterrolle zu diesem Zeitpunkt eben ist, dass sie damit ihre Natur erfüllt.
08:10Und da wird es natürlich besonders perfide, denn wenn die Natur ins Spiel kommt als Argument, dann ist das Mutterideal
08:17auf einmal ja auch eins, das nicht veränderlich erscheint.
08:20Und ich glaube, auch wenn sich natürlich der Diskurs stark verändert hat seitdem, ist das so machtvoll, dass dieses Mutterbild,
08:27das um 1800 entsteht, bis heute Vorstellung von guter Mutterschaft prägt.
08:32Hatten Frauen zuvor noch das Stillen und Pflegen an Ammen auslagern können, war das nun vorbei.
08:41Mutterschaft ist ein Maßstab, an der die Leistung einer Frau gemessen wird, selbst wenn sie keine Mutter ist.
08:48Angela Merkel stand in der Weltpolitik und nicht am Wickeltisch.
08:52Trotzdem wurde die Altkanzlerin von Kohls Mädchen zur Mutter der Nation und trägt bis heute den herzigen Spitznamen Mutti.
09:03Ja, das Merkel zur Mutti wurde ist eigentlich total seltsam erstmal.
09:08Und es scheint wirklich, als wäre dem gesellschaftlichen Diskurs kein anderer Begriff für diese mächtige Frau eingefallen.
09:15Mutti wurde natürlich viel pejorativ eingesetzt, also abwertend eigentlich ihr gegenüber.
09:20Und gleichzeitig zeigen Studien, dass sie schlussendlich in ihrer politischen Karriere von dieser Zuschreibung durchaus profitiert hat.
09:27Denn die Mutter ist eben dann doch so positiv konnotiert, das ist diejenige, die Fürsorge leistet, das ist diejenige, die
09:35gut haushaltet zum Beispiel.
09:36Und die vielleicht auch den aufmüpfigen Nachwuchs, also ihre männlichen Politiker-Kollegen in ihre Schranken weist.
09:42Am Ende also sozusagen für sie ein positives Ergebnis, das aber, glaube ich, viel über die Fantasielosigkeit einer Gesellschaft im
09:50Angesicht mächtiger Frauen aussagt.
09:56Und so ist auch Angela Merkel Teil der Düsseldorfer Show, die aber auch zeigt, immer mehr Künstlerinnen stoßen das ideale
10:03Mutterbild vom Sockel.
10:05Sie zeigen ihre eigenen Erfahrungen mit Mutterschaft von glücklich bis grimmig und provozieren mit Bildern unangepasster Mütter.
10:28Der Bogen vom Mittelalter bis heute regt auch die Besuchenden zum Nachdenken an.
10:40Also ich finde es ganz gut, dass drüber geredet wird, weil es so den Spiegel der ganzen Jahre wieder wiedergibt,
10:46wie das Bild der Mutter sich verändert hat.
10:48Und ich meine, wir sind ja da noch längst nicht so weit, dass es optimal wäre.
10:53Mütter leisten halt einfach sehr, sehr viel mehr, auch beim Thema Kinder, beim Thema Familie, was vielleicht nicht so gesehen
11:02wird einfach.
11:02Ich glaube, Mutterschaft ist schon sehr stigmatisiert. Also das Gefühl, immer nach außen perfekt zu sein, ist, ich glaube, der
11:09Druck ist sehr hoch.
11:14Während in der Kunst um zeitgemäße Mutterbilder gerungen wird, trenden in den sozialen Medien konservative Modelle.
11:21Kinderreiche Influencerinnen promoten das Hausfrauen-Dasein als coolen Lifestyle.
11:25Halten sie das Ideal der selbstlosen Mutter weiter hoch? Sind sie rückwärtsgewandt?
11:40Auch Lisa Ölmüller ist eine Social-Media-Mama.
11:43Allein 250.000 Insta-Follower beobachten den kirligen Alltag der Ölmüllers.
11:59Lisa Ölmüller ist 23. Bewusst ist sie Frühmutter geworden.
12:08Also ich will einfach, dass meine Kinder auch irgendwie sagen können, also meine Mama ist ein kreativer Mensch, die haut
12:14immer die verrücktesten Bastelsachen hin, die macht uns schöne Kinderzimmer, die spielt mit uns.
12:18Also ich will einfach inspirieren und das finden die Leute auch toll.
12:21Bei mir ist es bunt, bei mir ist es nicht beige, bei mir ist es bunt, ungeschönt.
12:26Der Pickel ist da, dann ist er halt da. Da probiere ich immer so real wie möglich zu sein.
12:30Sonntag und drei Kinder krank, das ist ja absolut der Worst Case. Das schreit aber nach einer Aktivität, wo sie
12:35sich ein bisschen kreativ ausleben können, aber es trotzdem ruhig gestaltet ist.
12:39Meine Tochter wurde zwei Jahre alt und ich habe es mir als Aufgabe gemacht, die Geburtstage meiner Liebsten immer sehr,
12:44sehr besonders zu machen.
12:45Ein Abend als fünfkopfige Familie. Mein Mann war auch noch nicht zu Hause, deswegen musste ich die Kinder alleine Bettfertig
12:50machen.
12:51Die hatten aber Semilust da drauf und dann musste ich auch noch ordentlich Wäsche machen, Pflaster verteilen, weil ich habe
12:56zwei richtige Streithähne hier zu Hause.
12:58Und ihr könnt ja gerne mal schreiben, wenn ihr das auch habt.
13:03Ihre Community wächst stetig. Doch trotz Pickeln und Wäschebergen gibt es auch Kritik.
13:10Ist ihr Alltag wirklich ungeschönt? Idealisiert sie das Muttersein?
13:17Bei Lisa taucht vor allem immer wieder die Kritik auf, dass sie ja quasi die Messlatte viel zu hoch legen
13:22würde für andere.
13:23Wir sind nicht perfekt, wir sind ein ganz normales Ehepaar. Ja, wir haben, glaube ich, für unser Alter schon recht
13:27viel erreicht.
13:28Besonders ich mit meinen 23 Jahren. Aber da muss sich keiner schlecht fühlen. Also jeder hat ein anderes Tempo, jeder
13:34hat ein anderes Level von Power.
13:37Ich bin jemand, ich kann mich nicht abends ruhig hinsetzen. Ich räume dann noch was auf und mache dann noch
13:41was.
13:41Aber wenn das jemand anderes nicht kann, das ist nicht schlimm.
13:46Die Ex-Tierpflegerin hat in der ersten Elternzeit eher aus Langeweile angefangen, ihren Alltag zu posten.
13:52Und so ihr Familienleben zum Beruf gemacht.
13:56Auch wenn die Insta-Feeds etwas anderes suggerieren, sie teilt die Care-Arbeit mit ihrem Ehemann.
14:07Ich mag das Wort emanzipiert nicht so. Ich weiß es nicht. Also ich bin tatsächlich auch so jemand, ich könnte
14:16mir auch vorstellen,
14:18in einem anderen Leben eben so eine richtig klassische Hausfrau zu sein, ehrlicherweise.
14:22Die halt einfach kocht, die Kinder betreut, das Haus schön macht.
14:28Doch Lisa Oelmüller ist Vollzeit-Influencerin. Ehemann Simon ist eigentlich Wirtschaftsinformatiker.
14:35Gerade aber lässt er seinen Job ruhen.
14:38Er ist Lisas Geschäftspartner, kümmert sich um die Kinder und hält auch oft die Handy-Kamera für die täglichen Storys.
14:46Heute stellt Lisa ihren gesponserten Wachtelstall vor.
14:53Soll ich hier nicht rein?
14:55Hier seht ihr einmal den Innenbereich, da steht auch schon die Einrichtung drinne.
14:58Und hinten ist auch ein Stauraum. Also das finde ich sehr, sehr praktisch an dem Stall.
15:02Und hier ist natürlich die große Voliere. Die Hunde finden es auch sehr, sehr, sehr, sehr, sehr interessant.
15:08Also ich poste natürlich tägliche Storys. Das sind so Einblicke in unseren Alltag.
15:11Das ist an einem Tag mehr, an einem Tag weniger, was ich halt auch schaffe mit den Kindern, dem Haushalt
15:16und halt eben auch die ganzen Kooperationen, die dazustehen.
15:18Aber Storys sind eigentlich wirklich täglich. Es gibt sehr, sehr selten Tage, wo ich mir wirklich Urlaub nehme.
15:24Wochenende eh nie. Und in den Feeds, also Reels, auch alle zwei Tage so rum, da kommt ab und zu
15:33auch natürlich mal eine Werbung hoch.
15:34Aber viel halt wirklich mein kreativer Input, meine Alltagsvlogs, wie jetzt das Wachtelstallprojekt, weil sie sehr präsent.
15:40Und TikTok natürlich auch, YouTube auch. Und wir haben unseren zweiwöchentlichen Podcast.
15:45Der geht halt alle zwei Wochen online und dazu kommt aber auch nochmal was auf dem Podcastprofil.
15:49Ich komme gleich.
15:54Klettern?
15:57Im Netz ist Lisa Ölmüller nicht allein.
16:01Sogenannte Treadwives begeistern mit ihren heimlich wirkenden Videos Massen.
16:06Hanna Nielman teilt auf ihrem Kanal Ballerina Farm mit fast 10 Millionen Followern ihr Leben auf ihrer Farm in Uta.
16:17Umringt von ihren acht Kindern. Backen, Kühe melken. Ein Albtraum für Feministinnen.
16:24Denn die rosigen Hausfrauen befeuern die Illusion, dass es zu Hause am Herd am schönsten ist und der Ehemann das
16:29Sagen hat.
16:30Ist die 50er-Jahre-Mutter zurück?
16:34Wir sind einfach in der Gegenwart mit so vielen Mutterbildern konfrontiert wie noch nie, die alle nebeneinander existieren.
16:41Und da ist auf der einen Seite natürlich so eine Bewegung wie die Treadwives, die auf Social Media ein rückwärtsgewandtes
16:48Frauenbild propagieren.
16:49Und wo man schnell denken kann, das ist jetzt irgendwie der nahtlose Anschluss an die Hausfrau der 50er Jahre.
16:54Das stimmt aber so natürlich nicht, weil diese Frauen sind alle total erfolgreiche Unternehmerinnen.
16:59Die verdienen wahnsinnig viel Geld mit dem, was sie tun und unterscheiden sich darin natürlich fundamental von althergebrachten Frauenbildern.
17:11Der Content präsentiert also mehr Schein als Sein.
17:15Oder ist was dran an der Mutterrolle rückwärts?
17:19Wälzt ein Kind das Leben grundlegend um und macht aus emanzipierten Frauen brave Hausfrauen?
17:25Frauen leisten mehr Fürsorgearbeit und bleiben in Deutschland im Schnitt 15 Monate zu Hause. Männer nur vier.
17:32Mit Kids wählen die meisten immer noch das 50er Jahre Modell.
17:36Vati schafft mehr denn je und Mutti bleibt zu Hause. Zumindest erst einmal.
17:48Wenn man als Frau Spaß am Kuchenbacken und traditionell weiblichen Tätigkeiten hat, heißt das nicht, dass man zwangsläufig unterdrückt ist.
17:57Es ist natürlich möglich, die weibliche Rolle anzunehmen und sie gleichzeitig subversiv auszufüllen oder die Kontrolle zu behalten.
18:04Bei den Treadwives ist das allerdings anders, glaube ich. Hier gehört die Frau ausschließlich an den Herd und das ist
18:11ein Rückschritt.
18:17Auch Rachel McLean beschäftigt die Frage der Rollenmuster.
18:21Die Künstlerin interessiert die grassierende blau-rosa-farbene Schleifchen-Mentalität, mit der sie schon als Schwangere in Berührung kam.
18:29Kritisch beäugt sie den Trend sogenannter Gender-Reveal-Partys.
18:33Eltern feiern spektakuläre Feste, um zu verkünden, ob sie einen Jungen oder ein Mädchen bekommen.
18:40Wie die Accounts dieser US-Amerikaner zeigen.
19:00Diese Welt, die Babys schon vor ihrer Geburt geschlechtsspezifisch einteilt, scheint irgendwie in diese ziemlich regressive, konservative Vorstellung von Elternschaft
19:09zu passen.
19:09In dem Moment, in dem man Mutter wird, wird man in Geschlechterrollen gezwungen, von denen man vorher nicht dachte, dass
19:15man so sei oder es sich auch niemals erlaubt hätte.
19:18Das finde ich schwierig.
19:22Und so macht McLean immer wieder Weiblichkeit und Geschlechterrollen in ihrer Kunst zum Thema.
19:28Ihre preisgekrönten Werke sind fantastisch, skurril und tiefgründig.
19:33Oft spielt sie in ihrer Videokunst jede Figur selbst. So wie hier. Oder hier.
19:41Auch in ihrem Animationsfilm Upside Mimi, Mimi Down geht's um Schönheitsideale.
19:53Too much?
20:02Ihre kritische Message überzieht sie mit einem quietschbunten Disney-Glimmer.
20:16Ein großer Teil meiner Arbeit in den Farben rosa und blau hat diese sehr zuckersüße Ästhetik und so kleide ich
20:23mich auch.
20:24Ich habe eine komplexe Beziehung zu dieser Art von Weiblichkeit, die auch etwas ziemlich Konservatives und potenziell ziemlich Unterdrückendes für
20:33Frauen darstellt.
20:37Mich interessiert, mit dieser belasteten Ästhetik zu arbeiten und etwas damit zu schaffen, das subversiv ist oder nicht ganz den
20:45Erwartungen entspricht.
20:51Osnabrück im Oktober 2024.
20:59Die Künstlerin Sophia Süßmilch kommt zur Finissage ihrer Einzelausstellung in der Kunsthalle.
21:05Die Schau hat für extrem viel Wirbel gesorgt.
21:11Nicht nur wegen vieler Brüste und echter Meerschweinchen.
21:20Herzstück der Ausstellung war eine Live-Performance, die zur Eröffnung einmalig aufgeführt wurde und danach dort auf Video lief.
21:27Auch ihre Mutter wirkte daran mit.
21:30Meine Mutter hing dort und ich hing da in der Luft.
21:33Und dann gab es einen Dialog, der heißt
21:35It's not time to make a change, in Klammern Lebensbeichte einer Gebärmaschine.
21:40Meine Mutter hat fünf Kinder gekriegt.
21:42Und dann frage ich meine Mutter immer, du Mama, dann sagt sie, ja mein Kind.
21:48Und dann frage ich sie, warum hast du mich geboren?
21:50Und dann sagt sie, na um das Rentensystem der BRD zu sichern.
21:53Du Mama, ja mein Kind, warum hast du meinen großen kleinen Bruder bekommen?
22:14Na das Land braucht doch Soldaten.
22:16Anfang der 90er, das waren die fetten Jahre, mein Kind.
22:19Ich war mir sicher, Helmut Kohl ist unsterblich.
22:23Und ob Ost, ob West, es kommen blühende Landschaften.
22:30In Süßmilchs schaurig-märchenhafter Dystopie wird die Mutterschaft abgeschafft.
22:36Frauen treten angesichts eines drohenden Weltuntergangs in einen Gebärstreik.
22:41Und verschlingen erst ihre Kinder und dann sich selbst.
22:45Ich habe anhand der sechs Grundgefühle, die Menschen haben, eine Erzählung geschrieben.
22:50Die losgeht bei Angst, dass die Frauen als Menschheit sich zusammentun, weil sie aufs Patriarchat wütend sind und sagen, wir
22:59gebären nicht mehr.
23:01Und dann werden sie wütend und sagen, wir gebären nicht mehr und wir essen jetzt auch Kinder auf, weil die
23:08Welt geht unter.
23:09Und in einem Choral besingen sie dann sozusagen den Ekel, den es hervorruft, wenn man die Kinder isst.
23:20Und am Ende verschlingen die Kannibalinnen auch die Götter und sich selbst.
23:26Also es ist eine Märchenerzählung.
23:28Eine Rache, ein Rachefeldzug der Frauen, die die ganze Welt aufessen und dann darüber weinen.
23:44Die poetisch düstere Performance entfesselte eine Kontroverse.
23:53Der Stein des Anstoßes war das Kannibalismus-Motiv.
23:58Während die Live-Performance vom Publikum gefeiert wurde, war besonders die Osnabrücker CDU entsetzt.
24:05Sie forderte, die Ausstellung zu boykottieren.
24:08Künstlerin Süßmilch bekam hasserfüllte Mails und Morddrohungen.
24:16Ja, das mit den Morddrohungen stimmt.
24:17Ich gehe da aber nicht so gern drauf ein, was auch wieder mich als Frau in so einen Opferstatus rückt.
24:22Ich glaube, wenn ich ein Mann gewesen wäre, der über Kannibalen ein Märchen geschrieben hätte und Gesänge gemacht hätte,
24:29ich glaube nicht, dass das so einen Drama verursacht hätte.
24:35Also ich glaube, da geht es schon um Frauen, die nackt sind.
24:40Immer um Frauen, die selbstbestimmt mit dem Körper umgehen.
24:46Der Andrang bei der Fennissage ist groß.
24:49Viele hat auch der Skandal neugierig gemacht.
24:54Ich finde es schon ein richtiger Brocken, der uns vor die Füße geworfen wurde.
24:58Es ist tatsächlich auch in ihren Texten sehr drastisch formuliert, wo ich mich als Mann dann teilweise stellenweise ein bisschen
25:03unwohl fühle.
25:06Aber ich denke, es ist gerechtfertigt.
25:08Teil von Kunst ist es für mich, dass man sich darüber aufregt, dass man darüber spricht, dass es einfach irgendetwas
25:16in einem erzeugt.
25:17Und wenn das halt Aufschrei oder Wut ist, Unverständnis, dann hat die Kunst das erreicht, was sie erreichen sollte.
25:28Der öffentliche Aufschrei galt vor allem dem Kannibalismusmotiv in der Performance.
25:34Dabei will die Künstlerin eigentlich mit einem ganz anderen Tabuthema provozieren.
25:38Ihre Frauen verweigern sich rigoros der Mutterschaft, treten in einen Gebärstreik.
25:44Das ist bis heute gesellschaftlich kaum akzeptiert.
25:52Schon in den 60er Jahren kämpften Frauen dafür, selbst bestimmen zu dürfen, ob sie Mutter werden oder nicht.
25:58Sie kämpften um das Recht auf Abtreibung. Das gibt es bis heute nicht.
26:04Immerhin. Seit Mitte der 70er bleiben viele Abtreibungen straffrei.
26:09Und die sogenannte Hausfrauen-Ehe wurde abgeschafft. Frauen brauchen keine Erlaubnis ihrer Ehemänner mehr, um zu arbeiten.
26:20Mütterbilder sind, glaube ich, deshalb immer schon hart umkämpft gewesen, weil eben aus verschiedenen Richtungen Einfluss auf sie genommen wird.
26:25Das ist irgendwie einerseits die Religion natürlich, das ist aber auch die Politik.
26:29Es haben sich viele Strukturen verändert und das auch zugunsten von Müttern.
26:35Ich glaube, das kann man sagen.
26:37Und gleichzeitig ist es ja so, dass wenn wir uns anschauen, wer nimmt Elternzeit zum Beispiel in der Gegenwart, dann
26:42sind es immer noch hauptsächlich Frauen.
26:44Es ist erst ein paar Wochen her, dass im Bundestag wieder ein Versuch gestartet ist, den Schwangerschaftsabbruch zu entkriminalisieren, der
26:53gescheitert ist.
27:00Der Kampf für die legale Abtreibung, ein alter Hut. Punk-Ikone Nina Hagen führte ihn schon in den späten 70ern.
27:11Ich war schwanger, mir geht's um Katzen. Ich wollte's nicht haben, musste gar nicht erst nachfragen.
27:18Ich fress Tabletten und überhaupt, Mann, ich schaff mir keine kleinen Kinder an.
27:25Nein, nein, nein, warum soll ich meine Pflicht anzahlen? Für wen? Für die? Für dich?
27:31Ja, Nina Hagen besingt ja in diesem total tollen Lied unbeschreiblich weiblich die Wahlfreiheit einer Frau.
27:40Und der mächtigste Satz aus diesem Lied ist, glaube ich, ich habe keine Pflicht.
27:44Und gerade in der Gegenwart wird ja die Wahlfreiheit und Selbstbestimmung der Frau von verschiedenen Seiten wieder angegriffen.
27:52Ich habe das Gefühl, dieses Lied könnte auch heute rauf und runter laufen und hat an Relevanz kein bisschen verloren.
28:00Wer über Mütterbilder nachdenkt, kommt heute an den Themen Abtreibung, Elternzeit, Care-Arbeit nicht vorbei.
28:13Auch Rachel McLean musste durch die Mutterschaft ihr Selbstbild und ihre Rolle als Künstlerin gründlich überdenken.
28:28Als ich mit meiner ersten Tochter schwanger war, habe ich auf jeden Fall gemerkt, dass man als Künstlerin, als Schwangere,
28:36als Frau, die sich für ein Kind entscheidet, seine Karriere aufgeben muss.
28:46Es war gar nicht so leicht, sich als Mutter im Kunstbetrieb durchzusetzen.
28:51Kinder sind nicht vorgesehen. Mütterkünstlerinnen sind in der Minderheit. Im globalen Jet-Set-Kunst-Business wenig gefragt.
29:00Katrina ist inzwischen fünf und geht zur Schule. Die zweijährige Schwester in den Kindergarten.
29:07Hat sie je in Erwägung gezogen, die Kunst an den Nagel zu hängen und ausschließlich Hausfrau und Mutter zu sein?
29:13Nein. Nein. Ich könnte niemals aufgeben, Künstlerin zu sein. Das würde mir sehr schwer fallen.
29:23Ich brauche und lebe für die Kunst. Ich würde nicht klarkommen. Nein.
29:35Rachel McLean wuchs in der Nähe von Edinburgh auf. Ihre Eltern waren beide Kunstlehrer.
29:42Kein Wunder, dass Rachel schon früh Pinsel und Videokamera in die Hand nahm.
29:52Sie arbeitet Vollzeit. Hauptsächlich managt ihr Mann Haushalt und Kids.
29:58Rachel ist als Künstlerin viel unterwegs. Sie kann verstehen, dass sich Mütter nicht aufreiben möchten und lieber bei ihren Kindern
30:05bleiben.
30:06Denn bei ihr reißt das schlechte Gewissen immer mit.
30:14Ich glaube, viele Mütter tragen eine Art Maske. Sie wahren den Schein und wollen, dass alles perfekter aussieht, als es
30:20ist.
30:25Natürlich ist es auch super schön. Und keine Frage, sie sind natürlich süß.
30:36Doch immer mehr Promi-Mütter haben genug vom Poker-Face und machen sich ehrlich. Wie Caroline Kebekus.
30:47Cardi B und Adele machten mutig ihre Wochenbett-Depressionen öffentlich.
30:53Heidi Klum, Mutter von vier Kids, gab kürzlich zu, ich war durchgehend K.O.
31:02Auch sie ist auf den roten Teppichen zu Hause.
31:07Marie Nasemann. Bekannt wurde sie als Germany's Next Topmodel.
31:13Mittlerweile hat sie zwei Kinder und arbeitet als Schauspielerin.
31:22Wie erlebt sie die Mutterschaft?
31:27Da gibt es wahnsinnig viele Themen, über die meiner Meinung nach immer noch zu wenig gesprochen wird.
31:32Also Wochenbett zum Beispiel. Was können da alles für Komplikationen auf mich zukommen?
31:36Geburt, traumatisierte Geburt, Fehlgeburten, Totgeburten.
31:41Also es gibt wahnsinnig viele Themen, über die ungern gesprochen wird.
31:45Weil auch immer noch vorherrscht dieses, nee, ich muss ja auch irgendwie dankbar sein als Mutter und muss das ja
31:50auch immer als das größte Glück sehen, dass es überhaupt geklappt hat.
31:53Und deshalb haben wir alle so gefühlt so ein bisschen so einen Maulkorb auf und dürfen eben nicht über die
31:59Belastung sprechen, die halt Mutterschaft oder Elternschaft auch mit sich bringt.
32:04Marie Nasemann nutzt ihre Social-Media-Plattform, um ihre Erfahrungen als Mutter offen und ehrlich mit ihren Followern zu teilen.
32:12Zum Beispiel ihre Fehlgeburt.
32:17Das schwingt immer noch viel Charme mit bei diesen Themen und deshalb sprechen oft Menschen nicht darüber.
32:22Und das war auch der Grund für mich zu sagen, ich mache das öffentlich, um eben anderen Frauen auch zu
32:27zeigen, hey, ihr seid nicht alleine mit dem Thema Fehlgeburt.
32:30Auch ich habe das erlebt und übrigens passiert es jeder dritten Frau in Deutschland.
32:34Und ich glaube, erst wenn wir anfangen, über vermeintliche Tabuthemen öffentlich zu sprechen, kann sich auch politisch was ändern.
32:42Marie Nasemann gehört zu den modernen Müttern, die sich den Job mit dem Vater der Kinder teilen. Und zwar 50
32:49-50.
32:51Ihr Mann Sebastian Tigges übernimmt auch im Haushalt die Hälfte der Arbeit.
32:56Dieses Modell hat in Deutschland immer noch Seltenheitswert.
32:59In ihrem gemeinsamen Podcast berichten sie aus ihrem Beziehungsalltag zwischen Kids und Jobs und diskutieren auch über Gleichberechtigung.
33:08Ich gehe jetzt mitunter dazu über, dass ich so, weil so Einschlafbegleitung bei uns immer noch teilweise anderthalb Stunden dauert,
33:14so Podcasts zu hören, dass ich zumindest irgendwie nicht denen das Gefühl vermittle, ich bin nur am Handy.
33:20Aber in den Situationen darüber hinaus versuche ich wirklich noch forcierter nicht ans Handy zu greifen.
33:28Ich sage mal so, mir hat jetzt niemand auf die Schulter geklopft und hat gesagt, Marie, das ist aber toll,
33:32wie du das alles schaffst und unter einen Hut kriegst.
33:35Er hat sehr viel Anerkennung von vielen Menschen bekommen.
33:38Auch auf Instagram sehr viele Nachrichten von fremden Leuten, die ihm geschrieben haben, boah, du bist ja ein toller, engagierter
33:45Vater und so.
33:46Ich habe dann eher so ein Marben-Shamming abbekommen, so wie kannst du so schnell schon wieder arbeiten, wie kannst
33:51du das machen oder dein Kind in die Kita geben, wie kannst du nur.
33:55Also eigentlich, wie man es macht, macht man es falsch.
33:57Wenn man schnell schon wieder arbeitet, dann ist man die Rabenmutter.
34:01Wenn man zu lange beim Kind bleibt oder es zu lange stillt, dann ist man irgendwie die Glucke oder die
34:06Helikoptermum, die nicht loslassen kann.
34:09Also aktuell habe ich das Gefühl, man kann eigentlich nur verlieren als Mutter.
34:18Ich glaube, Mütterbilder sind nach wie vor umkämpft und das wird sich so schnell auch nicht ändern,
34:22weil die Rolle oder die Übernahme der Mutterrolle einfach immer Fragen von Freiheit und Unfreiheit und von Selbstbestimmung und Ohnmacht
34:30berührt.
34:31Und jede Generation musste Antworten finden auf immer gleiche Fragen.
34:39Vielleicht ist dieses Dilemma auch ein Grund, warum es so wenige Kinder gibt in Deutschland und die Geburten rückläufig sind.
34:45Es ist schwer, sich für Kinder zu entscheiden, genauso wie dagegen.
34:54Das geht auch Sophia Süßmilch so.
34:56Komm mal, Papa.
34:59Das Thema Frau sein ist automatisch verkoppelt damit, Mutter zu sein oder Mutter zu werden.
35:05Also von Anfang an kriegst du das so gefüttert, dass du halt irgendwann Familie gründest.
35:09Und es gibt ja keine alternativen Bilder.
35:17Auch Sophia Süßmilch wuchs mit dem Gedanken und der Erwartung auf, Mutter zu werden.
35:21Die 41-Jährige hat keine Kinder und spürt, wie die biologische Uhr tickt.
35:27Sie wurde in einer kinderreichen Familie groß.
35:29Die Mutter zog sie und ihre vier Geschwister alleine auf.
35:36Ich finde, man muss ein komplettes Gesellschaftsbild überdenken, weil an der Figur der Mutter, daran zerbricht ja alles, oder?
35:42Also dann kann man sagen, man muss das Vaterbild überdenken und man muss überhaupt eine Konzeption von einer bürgerlichen Kleinfamilie
35:48überdenken.
35:49Weil ich hätte wahnsinnig gern ein Kind, zusammen mit zwei Freundinnen und dem Vater oder so.
35:59Um zeitgemäße Mütterbilder wird also munter weitergerungen.
36:04Es gibt noch viel Klärungsbedarf.
36:12Ich würde mir einfach wünschen, dass Frauen, glaube ich, mehr die Wahl haben, nicht reingedrückt werden in irgendwelche Modelle, nur
36:21weil es alle so machen oder weil es sich so gehört.
36:23Und auf gar keinen Fall zulassen, dass so konservative Familienbilder so einen Zuspruch haben.
36:32Ich würde mir wünschen, dass die Gesellschaft die Mutterschaft mehr wertschätzt oder besser gesagt die Kindererziehung.
36:38Es ist total bizarr, was für einen niedrigen Status es hat, für ein Kind zu sorgen, als Mutter.
36:53Ich würde mir wünschen, dass die Gesellschaft die Mutterschaft mehr wertschätzt wird.
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