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00:13Heidi Reicheneck
00:14kämpft als Fraktionsvorsitzende der Linken im Bundestag
00:17gegen rechte Hetze und für bezahlbare Mieten.
00:20Denn was Sie von Union und SPD hier gerade veranstalten,
00:22das ist zutiefst undemokratisch.
00:24Sie hat trotzdem Zeit für ein Treffen in der Berliner Volksbühne mit uns.
00:27Das Arbeitertheater befindet sich direkt gegenüber der Zentrale ihrer Partei,
00:32am Rosa-Luxemburg-Platz,
00:34und wurde vor über 100 Jahren errichtet,
00:36um der Revolution von unten eine Bühne zu bieten.
00:40Im Wahlkampf 2025 schaffte Heidi es,
00:43ihre Partei nach großer Existenzkrise
00:45wieder zur vertretbaren Stimme für soziale Gerechtigkeit zu machen.
00:48Auf Instagram folgten ihr zeitweise 100.000 mehr Leute
00:51als AfD-Frontfrau Alice Weidel.
00:53Und sogar mehr als doppelt so viele wie Friedrich Merz.
01:01Das sind die Garderoben,
01:04ich glaube hauptsächlich die Männergarderoben.
01:06Das muss schon irgendwen interessieren, dass ich hier überlebe.
01:08Den scheiß globalen Kapitalismus zum Beispiel,
01:11oder den homogenen Staat oder die Sparpolitik.
01:13Möglich, dass die an meinem Überleben interessiert sind.
01:15Ja, krass. Also das restliche Zitat auch.
01:18Und deshalb interessieren auch keine Geschichten.
01:20Oder die Geschichte, die du mir erzählst,
01:21zum Beispiel dein Leben, die sind einfach nicht interessant.
01:23Also als Motivation würde ich es jetzt irgendwie nicht in der Schule aufhängen,
01:26aber nachdenken ist es auf jeden Fall nicht schlecht.
01:34Reichenegg wuchs in Sachsen-Anhalt auf.
01:36Sie arbeitete mit vernachlässigten Jugendlichen.
01:38Sie lebte in Kairo, als der arabische Frühling ausbrach.
01:41Und ich glaube, sie trägt eine revolutionäre mafretete als Tattoo auf dem Unterarm.
01:46Aber ich bin mir nicht ganz sicher.
01:58Heute sprechen wir nicht über Politik, nicht direkt.
02:01Wir sprechen über Bücher.
02:06Wer bei Longreads zu Gast ist, bringt ein Buch mit, über das er reden will.
02:11Und ich bringe ein Buch mit, das mir wie eine ganz gute Ergänzung dazu vorkommt.
02:15Macht es in einem politischen Kontext Sinn, sich über Literatur zu unterhalten?
02:19Unbedingt.
02:20Weiß mal warum. Das würde mich brennend interessieren.
02:23Ich finde Literatur auf vielen Ebenen unfassbar wichtig für Politik.
02:27Also weil es dir einfach nochmal einen anderen Blick eröffnet,
02:29weil du viele Lebenswelten nochmal anders verstehen kannst,
02:31weil es dir Impulse gibt, weil es auch Emotionen in dir weckt.
02:34Aber auch mal ganz simpel gesagt, manchmal brauchst du Literatur einfach, um dich abzulenken.
02:37Also du kannst auch nicht 24-7 nur Politik im Kopf haben.
02:41Also manchmal ist es auch einfach schön zu sagen, hey, ich will einfach mal in eine andere Welt,
02:45ich will ein anderes Leben leben für eine kurze Zeit.
02:48Und das ist ja auch das Buch, was ich mitgebracht habe, ist ja nicht das extrem anspruchsvollste.
02:54Heidi hat das Buch 84 Charing Crossroad mitgebracht von Helene Hanf.
02:58Es ist die Sammlung einer Reihe von Briefen, die eine New Yorker Drehbuchautorin und ein britischer Antiquar mit Sitz in
03:03London in den Nachkriegsjahren ausgetauscht haben.
03:06Ich muss meins zeigen, weil ich habe ein älteres und das ist ein sehr viel schöneres Cover, müssen wir mal
03:10ganz ehrlich sagen.
03:10Auf dem Buchcover von Heidis Ausgabe ist ein alter Buchladen in Soho zu sehen.
03:16Dieses Cover dient auch der Beweisführung. Die Korrespondenz zwischen den beiden ist keine Fiktion, sondern eine sogenannte wahre Begebenheit.
03:24Und was mache ich jetzt? Beeindruck ich dich jetzt und die Leute, die zugucken mit meinen total klugen Büchern?
03:28Also bringe ich jetzt irgendein Sachbuch mit und wir reden jetzt irgendwie über ganz tiefe Themen oder bringe ich jetzt
03:32irgendwie so einen ganzen großen Gesellschaftsroman mit,
03:34der irgendwie ganz viele Geschichten umfasst und ganz viele Jahrzehnte, um einfach zu zeigen, hey, ich bin voll klug.
03:40Das ist dein politisches Bewusstsein und du hast das alles durchgearbeitet.
03:43Genau, aber das will ich eigentlich gar nicht, sondern ich wollte was mitbringen, was ich jetzt irgendwie schon wirklich, ich
03:47weiß nicht, fünf, sechs, sieben Mal gelesen habe.
03:48Immer dann, wenn ich das Gefühl hatte, ich muss mal wieder so ein bisschen abschalten. Ich muss mal wieder irgendwie
03:54einen anderen Blickwinkel kriegen.
03:55Ich muss einfach auch mal wieder glücklich werden. Und genau, deswegen ist es halt das Buch geworden.
04:01Und warum berührt es dich so?
04:04Also bei mir hat ja nochmal diesen schönen Untertitel Eine Freundschaft in Briefen. Ich glaube, da steht bei dir gar
04:08nicht drauf.
04:08Es geht um eine New Yorker, ja, Autorin, die nach antiquarischen Büchern sucht.
04:13Also der Zweite Weltkrieg ist gerade vorbei. Es gibt in Amerika irgendwie scheinbar nicht die Literatur, die sie sucht.
04:18Und sie hat dann irgendwie so eine Anzeige entdeckt von einem Antiquariat in London, die halt damit werben, dass sie
04:23bestimmte Bücher organisieren können.
04:24Und da schreibt sie halt hin, einfach erstmal mit so einer Liste. Ich hätte gerne das und das. Und dann
04:27kommt ein Brief zurück.
04:29Und dann kommen die so langsam ins Gespräch. Wie ist deine Realität? Wie ist meine? Und ja, es basiert halt
04:33auf den Briefen, die sie wirklich ausgetauscht haben.
04:34Und es ist irgendwie nichts Besonderes. Es ist nichts, was die Welt verändert, aber schon das Leben von den Personen.
04:40Das ist es einfach. So einfach dieses verbindende Element vom Lesen.
04:45Und die schicken dir dann für einen Spottpreis immer über den Atlantik diese völlig bizarren Neuübersetzungen von christlichen und philosophischen
04:53Texten, die ja auch was sehr Elitäres haben.
04:54Und das finde ich, das wollte ich dich fragen, ob du irgendeines der Bücher, die sie dort bestellt, gelesen hast?
05:00Gar nicht. Ich habe einfach gesagt, okay, spannend, sehr intelligente Frau, sehr literatisch, was passiert.
05:05Aber es geht gar nicht darum, was das für Bücher sind und wie klug die alle sind, sondern es geht
05:11einfach darum, dass man lesen will und dass man diese Bücher haben möchte.
05:15Und vielleicht auch Bücher, für die sie eigentlich gar nicht mehr so groß interessiert wird. Das finde ich so irre.
05:23Helene bestellt Erziehungsratgeber aus der Barockzeit oder Bibeln auf Latein aus der Spätantike.
05:39Wahrscheinlich wurden ihre Briefe aber aus einem anderen Grund zu einem Überraschungsbestseller und Anfang der 80er Jahre sogar verfilmt, mit
05:45Anne Bancroft und Anthony Hopkins in den Hauptrollen.
05:51Briefe sind Zeitmaschinen.
05:53Dass sie aus England die ganze Zeit Bücher zugeschickt kriegt, führt nach relativ kurzer Zeit dazu, dass sie dem Antiquariat
06:00riesige Fresspakete aus Amerika schickt.
06:02So, dass es irgendwann fast zu viel wird. Also sie fragt auch immer weiter, braucht ihr noch Eipulver? Braucht ihr
06:06noch irgendwas?
06:07Und sie so, nein, nein, es reicht bis April.
06:09Ich musste ein bisschen an so Großtanten denken, denen man einmal gesagt hat, die Schwarzwälder Kirschtorte schmeckt ganz gut.
06:17Und plötzlich wird man da für den Rest seines Lebens mit beladen. Also warum schickt sie dir die ganze Zeit
06:21Essens?
06:21Ich hatte so das Gefühl, sie will das wieder gut machen, was ihr Land, wie sie das sieht, eben nicht
06:26gut gemacht hat.
06:27Und sie erfährt dann eben auch, wie die Situation ist. Also das nach diesem Krieg.
06:30Ich meine in den USA sicher, dieser Weltkrieg hat alle in irgendeiner Form beeinflusst.
06:34Aber in den USA war natürlich die Auswirkung sehr andere oder weniger gravierend als das, was in Großbritannien passiert ist.
06:41Sie schreibt ja auch einmal irgendwie, die USA sind ein schlechter Freund, der jetzt Deutschland unterstützt und Großbritannien den Partner
06:47sozusagen jetzt irgendwie am langen Abend verhungern lässt.
06:49Das wird sicher auch ihr vordergründiges Gefühl bei der Sache gewesen sein.
06:52Ich glaube, es spielt aber trotzdem noch eine Rolle, dass sie sich darüber definiert, all das geben zu können.
06:58Also sie führt diese relativ prekäre Existenz zu einem gewissen Grad und hat da aber dieses eine, nicht von ihr
07:05so beabsichtigte, aber trotzdem ganz klar als solches zu benennende Machtinstrument.
07:09Ich kann euch füttern.
07:10Ich merke, ich mag diesen Gedanken überhaupt nicht, zu glauben, dass sie da irgendwie ihre Macht ausspielen will oder irgendwie
07:15diese Beziehung erzwingen will.
07:18Sondern ich habe wirklich eher das Gefühl, sie lebt selber prekär und sie ist froh, dass sie da an dieser
07:21Stelle jemandem was geben kann.
07:23Was ja so oft so ist.
07:25Also dass auch gerade Menschen, die vielleicht nicht so viel haben, trotzdem versuchen, andere zu unterstützen und da auch irgendwie
07:30was geben und das halt oft gar nicht können, weil sie die Möglichkeiten nicht haben.
07:32Sie hat diese Möglichkeiten in diesem Moment und nutzt die.
07:34Also die Nylonstrumpfhosen, ich fand das einfach so ein Beispiel.
07:37Kannst du das kurz erzählen, die Nylonstrumpfhosen?
07:39Sie ist dann unterwegs, weil sie mitbekommt, dass die Frauen, die im Antiquariat arbeiten, so verzweifelt nach Nylonstrumpfhosen suchen, die
07:46es einfach nicht gibt.
07:47Und das einfach für die so ein Riesenluxus ist.
07:48Und dann läuft sie halt los und kauft welche und schickt die rüber, weil sie einfach merkt, was das für
07:52eine unfassbare Bedeutung hat.
07:53Also was für sie überhaupt nicht real ist, weil es in den USA diese Probleme überhaupt nicht gab.
07:59Ich weiß nicht, wie du es empfunden hast, aber sie zwingt diesen Antiquar ja schon irgendwie in Kontakt.
08:03Also sie schreibt sehr, sehr ausführlich über ihren Alltag, über ihr Empfinden den Büchern gegenüber, die er ihr schickt.
08:09Und die Briefe, die sie ihm anfangs schreibt, sind gefühlt dreimal so lang wie die sehr nüchternen, geschäftlichen, wenn auch
08:18höflichen Antworten, die er zurückschreibt.
08:20Sie fängt ja erstmal wirklich nur mit diesen Bestellungen an und dann merkt sie, da ist bei ihm genau diese
08:24Leidenschaft für Bücher.
08:24Klar, ich meine, er arbeitet in einem Antiquariat, also irgendwie muss das ja einen Grund haben.
08:28Und, glaube ich, sieht da so ein bisschen so eine verwandte Seele und fängt dann an, sich so zu öffnen
08:32über diese Bücher und merkt dann vielleicht, hey, das ist eigentlich total toll, dass es doch Menschen gibt, die mich
08:36da verstehen und mit denen ich mich austauschen kann, die ich scheinbar vor Ort nicht habe oder noch nicht gefunden
08:40habe, weil ich auch gar nicht versucht habe, sie zu finden.
08:41Er ist so eine gute Projektionsfläche irgendwie, auf der sie sich ein bisschen literarisch austoben kann und feststellen, was sie
08:48eigentlich genau will und was ihre Stimme und ihre Sprache ist, ohne dass sie Gefahr läuft, demjenigen auf der Straße
08:54zu begegnen, dass das reale Konsequenzen haben könnte oder so.
08:57Ich glaube, dass sie dort, wo sie lebt, diese Person nicht gefunden hat oder auch gar nicht versucht hat, sie
09:02zu finden und das hat sich durchaus zufällig ergeben, aber das nutzt sie dann auch.
09:06Aber ich habe jetzt gar nicht so den Blick darauf, dass ich denke, sie braucht das jetzt so ganz, ganz
09:11dringend.
09:11Ich mochte die total gerne, aber ich war zu einem gewissen Grad, hatte zum Beispiel das Gefühl, das sind alles
09:18Ausreden, weshalb sie nicht nach England fahren kann.
09:20Die hat eigentlich Angst, die hat irgendwie Angst, da hinzugehen, wo sie gerne hingehen wollen würde.
09:26Fast 20 Jahre lang schreiben Helene und Frank sich hin und her, kriegen es am Ende aber nicht hin, sich
09:31live zu begegnen.
09:32Der Flug ist für Helene zu teuer und Frank stirbt unerwartet im Dezember 1968.
09:39Das ist so der Moment, wo ich dachte, oh nein, also jetzt hat man das, also hat sie das vielleicht
09:43auch so lange aufgeschoben und hatte vielleicht auch so viel Angst und jetzt verpasst sie dann doch diesen Moment, diese
09:48Person persönlich kennenzulernen.
09:50Ich mochte es sehr, sehr gerne, weil ich wusste, die werden das füreinander bleiben, was sie füreinander immer sein sollten.
09:56Ich war ganz erleichtert, dass die sich nicht noch kennenlernen und plötzlich wird der gemeinsame Mythos entkräftet, weil so eine
10:03leibliche Begegnung doch eine andere ist, als die in der Brieffreundschaft.
10:06Sie kann ja wirklich vor ihm diejenige sein, die sie gerne sein würde.
10:11Und ein bisschen, nee, ist es...
10:13Meine rosa Brille sagt, das wäre einfach...
10:15Wir haben verschiedene rosa Brille, bei mir ist es ja auch eine rosa Brille.
10:18Genau, meine sagt, nein, es wäre so schön gewesen, sie hätten sich mehr persönlich kennengelernt und einfach diesen Moment miteinander
10:23gehabt.
10:23Aber sie hatten ihn nicht und sie hat ja natürlich dafür die anderen getroffen und es lebt ja auch alles
10:27weiter, also das Andenken an ihn.
10:28Aber ja, das war für mich dann nochmal so dieser ein bisschen traurigere Abschluss, aber trotzdem bei allem immer noch
10:33sehr schön.
10:42Das ist einer meiner Lieblingsorte.
10:44Das ist auch der schönste Ausschnitt des Sternenhimmels, den ich kenne, wenn es Nacht ist.
10:47Wenn man es dann sieht, ja.
10:49Dann kommen wir nachts nochmal her.
10:50Ich finde ja nachts ein Ort sowieso nochmal viel spannender.
10:52Allerdings, das stimmt.
10:54Und hier war, zu DDR-Zeiten, war hier ein kleiner Einkaufslagen.
10:58Für die Leute, die im Schichtbetrieb gearbeitet haben.
11:01Das ist ja aber immer noch total praktisch, oder?
11:03Das wünsche ich mir zum Beispiel im Bundestag auch.
11:05Also du hast ja die Klinik.
11:05Ein kleiner Späti noch.
11:06Ja, oder einen Döner.
11:07Also ich fände, das wäre mal wirklich eine Marktlücke.
11:10Das könnte der Markt mal regeln, dass es eine Dönerbude im Bundestag gibt.
11:13Nein, aber es ist lustig.
11:14Es ist mir ganz schön, wenn die Linke jetzt dafür sorgt, dass der Markt wieder die Dinge regelt, die er
11:18zu regeln hat.
11:19Das würde ich mir ja wünschen von euch.
11:23Können wir da kurz reingucken?
11:25Ich finde ja solche Orte so spannend, die eigentlich immer nur, wenn sie belebt sind, wahrgenommen werden.
11:30Also eigentlich ist das ja ein Ort, wo Menschen sind, wo was passiert und dann bist du auf einmal in
11:32einer anderen Welt, wenn du hier bist.
11:35Ja, zum Beispiel.
11:37Also auch im Bundestag so, das ist ja immer so ein Gewusel, wenn du da spätabends bist, gerade in Nichtsitzungswochen,
11:40also bei mir auf dem Gang, das sieht eher aus wie ein Knast.
11:42Du läufst da rum und plötzlich andere Welt, ist da nichts mehr.
11:47Und das ist dieses Riesengebäude, dieses Zentrum unserer Demokratie und Stille.
11:51Bist du da gerne? Magst du den Ort?
11:53Im Bundestag grundsätzlich?
11:54Ja.
11:55Also für mich hat es immer noch mal so einen Moment, es kommt immer mal so unregelmäßig von Ehrfurcht, dass
12:00ich da sein darf.
12:01Also dann kam ich da Montag, ohne geschlafen zu haben, aus dem Hauptbahnhof raus und sehe dann den Freistag und
12:06dachte mir so, krass, da darfst du jetzt rein, da darfst du jetzt irgendwie die Menschen vertreten und das nimmt
12:11auch nicht ab.
12:12Und gibt es einen Moment von, jetzt geht die Performance los? Also kann man es als Bühne betrachten? Gibt es
12:17einen Switch?
12:19Für mich gar nicht, weil ich kann halt überhaupt nicht schauspielern. Also ich kann nicht lügen, ich kann nicht schauspielern,
12:22ich wäre hierfür überhaupt nicht geeignet.
12:24Also ich habe auch immer noch, wenn ich eine Rede halten muss, ist mir immer noch übel davor.
12:28Also nicht mehr so krass wie früher, so die ersten Wahlen, aber ich habe schon immer so diesen Moment, boah,
12:31du darfst es jetzt nicht versauen, weil es ist irgendwie wichtig.
12:371914 wurde die Berliner Volksbühne fertiggestellt, im damals noch nicht sehr verbreiteten Stil der Moderne.
12:42Damit sollte eine programmatische Ansage gemacht werden, und zwar folgende, revolutioniert die bürgerliche Bühne.
12:50Dieser Geist währte leider nicht lange. Die Nationalsozialisten besetzten das Haus und überfüllten Begriffe wie Kunst und Volk in faschistisches
12:57Gedankengut.
12:58Der Geist der Gründer ist aber auch trotz massiver Kriegsschäden immer wieder in die Volksbühne zurückgekehrt.
13:02Das wir hier sehen, aber es ist 1954, weil natürlich die Kriegszerstörung und dann 1954 schnell aufgebaut wurde, um spielfähig
13:09zu werden, wurden Materialien halt von überall zusammengetragen.
13:12Teilweise auch aus der Sowjetunion.
13:14Ursprünglich ist es gebaut worden, eben vom Volksbühnenverein, als eine Volksbühne, als ein Theater, das eins gegensetzt wollte zum bürgerlichen
13:22Logentheater mit Balkönchen und Vorhängen und eigenen Türen und Gänge.
13:27Sondern es sollte ein Theater für alle sein, in dem alle gemeinschaftliches Erlebnis haben, in dem man so ein Gemeinschaftsgefühl
13:35und das vor allem für Einfache...
13:37Wichtig ist, Sie haben es selber finanziert. Das ist ja wirklich durch Mitgliedsbeiträge entstanden.
13:41Es gab Menschen, die sich einfach darum gekümmert haben, dass andere einfache Menschen Zugang zur Kultur haben.
13:46Und das, was uns heute, diese Kinobestimmung, die uns heute normal vorkommt, war damals, also das Kinosaal, war revolutionär.
13:52Ja, aber die hatten aber, es sollte Einheitspreis und es sollte eben, alle sollten gleich behandelt werden, aber manche saßen
13:58halt vorne und manche saßen hinten und da war es schon Stunk.
14:01Was hat man da gemacht?
14:03Ganz charmant, die haben eine Sitzplatzlotterie gemacht.
14:07Wenn ihr beide zusammensitzen wollt, kamen eure beiden Tickets in ein Döschen und meins, ich bin alleine, kamen auch in
14:12ein Döschen und dann wurde gelost.
14:14Wer wo sitzt, maximale Gerechtigkeit.
14:16Das ist doch irgendwie ganz schön, oder?
14:18Ich helfe dir mal.
14:19Na, ich setze mich einfach mal elegant.
14:20Ja, gut, dann hätte ich jetzt gar keine Probleme.
14:23Aber ich finde das so toll, weil ich ja, ich finde ja, Kultur hat immer oft so dieses, ich weiß
14:29es auch nicht, es ist so ein bisschen über die Köpfe der Leute und es ist, man muss irgendwie ein
14:32gewisses Wissen haben, um es auch zu entschlüsseln.
14:34Und das nervt mich immer so, weil ich finde, Kultur hat eigentlich verdammt nochmal den Auftrag, dass es alle verstehen
14:39können, dass alle davon was mitnehmen können, dass alle ihre eigene Prädation haben, aber dass es einen Zugang für alle
14:43gibt und jeder dann mit einer Emotion da rausgehen kann.
14:45Ich finde das immer total anstrengend, wenn ich das Gefühl habe, dass Menschen, die Kultur schaffen, das gibt es in
14:49der Politik übrigens auch ganz massiv, denken, das höchste Ziel ist es, mega intelligent zu wirken.
14:53Das ist für mich keine Kultur, das ist für mich Angeberei.
14:56Ich habe Heidi auch ein Buch mitgebracht, den Lumpenroman von Roberto Bolaño.
15:09Bolaño war Chilene und hat sich als 20-Jähriger einer Gruppe von Literaten angeschlossen, die dem kulturellen Establishment nach eigener
15:16Aussage gern das Hirn rausgepustet hätten.
15:18Seine Jugend verbrachte er in Mexiko City. 1973 kehrte er aber nach Chile zurück, um die Arbeiteraufstände unter dem Präsidenten
15:26Salvador Allende zu unterstützen.
15:28Nach Pinochis Militärputsch ist er nach Spanien gezogen, hat an der Costa Brava als Campingplatzwächter gearbeitet, zu viele Drogen genommen,
15:35sich mit Hepatitis angesteckt und im Bewusstsein dessen, dass er sehr viel früher sterben würde, als er vorher dachte, innerhalb
15:41von 15 Jahren 18 Romane geschrieben.
15:44Der Lumpenroman ist der letzte, den er vor seinem Tod beendet hat.
15:54Heidi musste bei dem Titel sofort an das Lumpenproletariat denken.
15:58Kai Marx hat diesen Begriff erfunden und Heidi hat sich darüber schon aufgeregt, als sie noch keine Spitzenpolitikerin war.
16:06Also wir sind alle das Proletariat und alle sind wertvoll und wichtig und alle müssen ihre Ketten sprengen und so
16:10weiter.
16:11Aber die nicht. Also die kann man da auch nicht mehr integrieren. Also die sind auch verloren.
16:14So das hat mich so abgefuckt.
16:15Warum sind sie verloren? Weil sie überhaupt nicht mehr dazu imstande sind, sich selbst als Gruppe zu organisieren, weil sie
16:20halt...
16:20Weil sie dann, glaube ich, seinen Moralverstellungen doch nicht entsprochen haben.
16:24Also es ging ihm ja auch beispielsweise um Prostituierte oder heute würde man Sexarbeitern sagen, er hat das natürlich nicht
16:28gesagt.
16:29Wo man dann so denkt, du willst dann diese klassenlose Gesellschaft, aber die gehören nicht dazu.
16:33Du willst dann auch irgendwie Leute ausgrenzen, weil es dir dann zu anstrengend ist vielleicht.
16:36Und das sind dann die Verlorenen, die man leider nicht mitschleifen kann.
16:39Da können wir leider nicht... Also wir sind gerade so damit beschäftigt, uns noch zu befreien.
16:41Das war dann auch so meine große Kritik damals noch mit der großen Fresse von der Jugendlichen.
16:46Sodass ich dachte, er kann ja sowas machen. Das ist ja überhaupt dann gar nicht das, was er uns die
16:50ganze Zeit verkauft.
16:51Weil er selber diesen Unterschied fortführt. Und da musste ich daran denken, als ich diesen Titel gelesen habe.
17:00Das Buch handelt von zwei Teenagern, die nach dem Tod ihrer Eltern dagegen ankämpfen, kriminell zu werden.
17:07Es wurde 2002 publiziert und spielt in Rom. Es könnte aber genauso gut in Heidis Wahlheimat Osnabrück oder hier in
17:13Berlin-Mitte spielen.
17:14Ist das im Original auch so? Ich habe gar nicht...
17:15Es heißt Una Novalita de Lumpen oder so?
17:18Stimmt. Ja, ich hatte nämlich auch Guck nach Nusehoch. Guck an.
17:20Ich wusste das auch nicht. Kannst du das nochmal kurz erzählen, als was es im Spanischen tatsächlich verwendet wird?
17:25Also Lumpen ist halt jemand, der arm ist, aber auch abgerissen.
17:30Menschen, die auf der Straße leben, werden als Lumpen bezeichnet. Es geht nicht um das Textilstück, sondern tatsächlich arm und
17:38schmutzig, könnte man sagen.
17:41Das finde ich irre. Ich wusste es nicht, dass es in Spanisch übernommen wurde, weil es offenbar so gut passt.
17:45Es ist aber halt auch so ein abwertender Begriff. Also eigentlich auch keinen, den man nutzen möchte.
17:49Also man hat dann keinen positiven Blick darauf und das finde ich dann auch wiederum schwierig.
17:52Das ist ja direkt schon ein Framing. Also er hätte das ganz anders benennen können, das Buch.
17:56Aber er hat sich ja bewusst dazu entschieden, das als Lumpenroman zu bezeichnen, direkt zu sagen, also die Leute, über
18:00die ich hier rede.
18:01Ist es ein Erklärungsversuch, wie man überhaupt so abdriften kann, dass man nicht mehr integrierbar ist und was daraus entsteht?
18:08Also ich finde schon, es zeigt ja halt diesen Tod der Eltern als diesen Moment, wo die dann auf einmal
18:14ohne jemanden da sind, jemanden, der sich um sie kümmert.
18:17Sie haben noch einander, dieses Geschwisterpaar, aber viel mehr ja irgendwie nicht.
18:20Und dann sucht man sich so ein bisschen Wahlverwandtschaften oder was auch immer und rutscht da total ab.
18:25Das ist immer keine Entschuldigung für ein bestimmtes Verhalten.
18:28Das ist keine Entschuldigung irgendwie für Diebstahl oder für alles andere.
18:31Das sehe ich nicht so, aber es ist zumindest eine Erklärung, die man irgendwie beachten muss, wenn man sich überlegt,
18:35wie komme ich jetzt an diesem Punkt weiter.
18:37Und es ist jetzt nicht so, dass die einfach hingestellt werden als, das sind schlechte Menschen, die machen diese Dinge,
18:42sondern es ist ja schon irgendwo ein Grund dafür da, warum sich das so entwickelt hat.
18:46Und das finde ich durchaus wichtig zu betrachten, weil das ganz oft irgendwie hinten runterfällt.
18:50Also auch in den aktuellen Diskussionen.
18:51Weißt du, wenn wir darüber reden, dass das Strafalter für Minderjährige gesenkt wird, dann denke ich mir so,
18:57ja, wir können jetzt darüber reden, ob man Kinder mit Zwölfern einsperren kann,
18:59aber vielleicht reden wir mal darüber, warum Kinder in diesem Alter Verbrechen begehen und auch wirklich brutale Verbrechen begehen.
19:03Also was ist da alles vorher schiefgelaufen in der Familie, beim Staat, der ja auch einen Schutzauftrag hat und im
19:08Umfeld.
19:09Ich glaube wirklich, dieser Roman, deswegen ist der mir auch so wichtig, liefert das,
19:14was eben weder in der Politik noch im Journalismus noch in der Soziologie aufgearbeitet werden kann,
19:19nämlich eine eigentlich recht simple Formulierung für den inneren Zustand von Leuten,
19:25denen es nicht mal mehr darum geht, unter was für Umständen sie existieren,
19:28sondern denen es darum geht, ob sie überhaupt existieren.
19:31Die Protagonistin, die wird so 15, 16 sein, glaube ich, Bianca heißt die,
19:35beschreibt eigentlich den Zustand nach dem Tod ihrer Eltern und dieses vor sich hin Vegetieren
19:38in einer elternlosen, dreckigen Wohnung mit ihrem Bruder zusammen als eine Zeit der andauernden, gleißenden Helligkeit.
19:47Ich habe hier was unterstrichen, vielleicht kann ich das vorlesen.
19:50Es veränderte sich der Lauf der Tage oder vielmehr das, was den einen und den anderen Tag verbindet
19:54und zugleich eine klare Grenze zwischen beiden zieht.
19:57Auf einmal gab es keine Nacht mehr und war alles ein Dauerzustand von Sonne und Licht.
20:01So, das als Beschreibung von der Depression finde ich schon mal irgendwie irre.
20:04Anfangs dachte ich, das käme von der Müdigkeit, von dem Schock, den das plötzliche Verschwinden unserer Eltern bewirkt hatte.
20:09Aber als ich meinem Bruder davon erzählte, sagte er, ihm gehe es genauso.
20:13Sonne, Licht und berstende Fenster.
20:15Da dachte ich, wir werden sterben.
20:17Das ist einfach so, Herr, du kannst nicht weggucken.
20:19Also du hast gar keine Chance, diesen Schmerz und dieses Elend irgendwie nicht zu sehen.
20:23Du kannst dich nicht ins Dunkle flüchten, wo vielleicht auch diese Taubheit ist, die du brauchst,
20:26sondern du bist die ganze Zeit damit konfrontiert, dass dein Leben jetzt quasi vorbei ist.
20:30Also die Familie ist nicht mehr da und es geht einfach nur noch bergab, wie du gesagt hast.
20:33Und du kannst da nicht die Augen zuhalten, weil dieses Licht dich eigentlich überhaupt nicht lässt.
20:37Und das fand ich, oder auch nicht mal schlafen lässt, nicht mal ausruhen lässt, nicht mal in Ruhe lässt.
20:41Und deswegen fand ich das als Beschreibung für mich total nachvollziehbar sogar für diesen Zustand.
20:44Weil ich finde irgendwie, mich würde, glaube ich, geleistens Licht viel mehr anstrengen als Dunkelheit.
20:48Hat das Buch deinen seelischen Zustand verbessert oder verschlimmert, würde mich interessieren?
20:52Eigentlich lese ich immer gegen meine Emotionen.
20:56Also ich lese, wenn ich im Stress bin und wenn ich irgendwie mich mit viel negative Sachen auseinandersetzen muss,
20:59meistens Bücher, die mich glücklich machen, also wie das, was ich jetzt mitgebracht habe.
21:02Oder ich bin auch so ein riesen Fantasy-Fan, also zum Ablenken und so liebe ich über alles.
21:06Und das musste ich jetzt natürlich sozusagen in einem Moment lesen, wo ich es normalerweise nicht gelesen hätte,
21:10weil ich irgendwo im Zug war zwischen verschiedenen Terminen, mit ganz vielen Sachen im Kopf, mit ganz viel Stress.
21:14Und dann verstärkt das natürlich dieses Gefühl nochmal.
21:16Gibt es auch keinen entlastenden Moment im Sinne von, ah, da wird eine Sprache gefunden für das, was schwer zu
21:24formulieren ist?
21:25Also ich empfinde ja oft eine Entlastung, wenn ich was lese und denke, ah, wenigstens wird das Elend konkret aufgezeigt
21:30und formuliert und benannt.
21:32Sofort geht es mir ein bisschen besser, weil man zumindest weiß, womit man es zu tun hat.
21:35Also es gelingt natürlich. Also die beiden werden nicht vorgestellt als irgendwie faules Geschwisterpaar, das halt vom Fernseher nur rumgammelt,
21:40weil sie keinen Bock haben oder was auch immer. Und es wird halt irgendwie dieser Ausgangspunkt erläutert und gesagt,
21:45hey, es hat auch Gründe, warum Menschen so handeln, wie sie handeln.
21:49Ich muss dieses Handeln nicht gut heißen. Ich muss es auch erst recht nicht unterstützen,
21:52aber ich kann zumindest schon mal damit anfangen zu verstehen, wo es herkommt.
21:56Also man muss die beiden Charaktere jetzt trotzdem nicht lieben, im Gegenteil,
21:59aber zumindest hat man so eine Ahnung, wo das alles herkommt.
22:01Ich liebe sie schon sehr. Ich liebe sie irgendwie sehr. Ich kann dir gar nicht genau sagen, warum.
22:06Ich glaube, weil die so autonom ist, trotz allem. Und weil sie immer sich in diesem ganzen Trauma und dieser
22:12ganzen Härte
22:13und Schrecklichkeit wie in so eine objektive Instanz flüchtet. Also die flüchtet sich aus ihren Emotionen immer raus
22:21in so ein Detachment, von dem aus sie alles nochmal anders beurteilen kann oder so.
22:26Ja, und sie versucht ja auch irgendwie Beziehungen aufzubauen, beziehungsweise es geht ja dann am Ende darum,
22:30dass sie diesen Mann ausrauben soll, beziehungsweise diesen Tresor finden soll.
22:33Und man merkt ja, dass sie das nicht aus Überzeugung macht. Also sie macht es, weil sie muss,
22:38weil irgendwie, weil sie Geld brauchen, weil der Druck auch da ist, aber eigentlich will sie diesem Menschen nichts Böses.
22:44Die Rente der gestorbenen Eltern reicht kaum zum Überleben. Zwei Freunde des Bruders ziehen in die Wohnung ein.
22:49Und diese Freunde überreden Bianca, die 14- oder 15- oder 16-jährige Protagonistin des Buches,
22:55mit einem Bodybuilding-Weltmeister zu schlafen, damit sie ihn ausrauben können.
22:59Machis, dieser Weltmeister, ist er blindet und lebt komplett zurückgezogen in einer Villa.
23:03Bianca soll ihn verführen und ausspionieren, wo der Tresor steht.
23:06Das ist ja quasi ein Arbeitsauftrag, den sie bekommt. Und trotzdem entwickelt sich dann daraus vielleicht die erste Beziehung,
23:11wo sie sich als Person gesehen fühlt. Also nicht in Abhängigkeit wie von ihrem Bruder,
23:16was ja einfach auch eine Blutsverwandtschaft ist. Kann man ja nicht so viel daran ändern.
23:20Auch nicht die beiden. Zwei sind es, glaube ich, die sich dann in ihre Wohnung holen.
23:23Die dann einfach auch über ihren Bruder ja eigentlich in ihr Leben kommen,
23:26sondern jemand, der zum ersten Mal ihr irgendwie was gibt. Also einen gewissen Halb gibt.
23:32Das ist auch ein sehr schön beschriebener Punkt. Der Moment, an dem sie realisiert,
23:37wie sie in die Kriminalität abrutscht. Wie der einzige Ausweg oder die einzige Konsequenz aus ihrem Leben,
23:43das sie gerade führt, die Kriminalität ist. Und eigentlich nimmt sie sich vor,
23:46auf gar keinen Fall, sich zu prostituieren. Tut's dann ohne jeden Übergang trotzdem und findet in dieser Begegnung,
23:53weil die durch diesen Schicksalsschlag verbunden sind in gewisser Weise, plötzlich jemanden, der sie sieht
24:03und der was Ähnliches empfindet, obwohl die sozialen Zusammenhänge unterschiedlicher nicht sein könnten.
24:10Woher kommen wir und wem begegnen wir, aus welchen Gründen?
24:14Und gibt es tiefe Beziehungen jenseits von Blutsverwandtschaft und Sex?
24:18Das sind Fragen, die beide Bücher verbinden.
24:21Am Ende geht es in 84 Charing Crossroad und dem Lumpenroman um Wahlverwandtschaften,
24:27die lebenswichtig sind, obwohl es keine offizielle Bezeichnung für sie gibt.
24:31Oft tun politische Parteien in Deutschland so, als wäre die Herkunftsfamilie der ultimative Standard.
24:37Oder sogar etwas, das der Politik vorausgeht.
24:41Christian Lindner vor kurzem hat in einem Interview gesagt, auf die Frage, warum er an das glaubt, woran er glaubt.
24:49Und er hat geantwortet, ja, er wurde immer sehr bestärkt von seiner Familie, das zu tun, was er gerne tun
24:56möchte.
24:57Und gleichzeitig hat diese Familie, vor allem seine Großmutter, aber auch der Rest seiner Familie,
25:03ihm immer wieder zu verstehen gegeben, wenn es nicht läuft, kommst du zurück zu uns.
25:07Was ich eine interessante Vorstellung von Familie finde, weil es bedeutet, geh raus, mach dein Ding,
25:14wenn du verkackst, wir sind hier und bring dich durch.
25:17Das bestätigt natürlich total diese Idee von, es gibt keine Gemeinschaft, es gibt keinen Staat,
25:22es gibt das Individuum und es gibt die Familie, sonst nichts.
25:24Und spannenderweise, ich könnte jeden Satz von Christian Lindner unterschreiben.
25:27Ich habe ganz tolle Eltern, die mich immer unterstützt haben, die immer gesagt haben,
25:30mach dein Ding, du kannst alles schaffen.
25:32Und wir sind immer da und ich wusste und ich weiß bis heute, wenn ich irgendein Problem habe,
25:35ich kann da hingehen, egal was es ist.
25:37Und das hat mir einfach eine Freiheit ermöglicht und eine Sorglosigkeit,
25:42die mir erst später so bewusst geworden ist, wie wertvoll das ist.
25:46Und genau deswegen, habe ich gesagt, will ich dafür sorgen, dass alle Menschen,
25:49egal aus welchem Elternhaus sie kommen, welchen Hintergrund sie haben,
25:52welche Unterstützungsstrukturen sie haben, wirklich gleiche Chancen und Voraussetzungen haben.
25:56Ich finde auch, das Ziel sollte sein, innerhalb von einer Gesellschaft,
26:00dass die Gesellschaft ein Grundvertrauen vermittelt, das jenseits von einer Familie bestehen bleibt.
26:05Genau so.
26:06Und das passiert gerade nicht.
26:07Ich habe auch eine ganz andere Erfahrung gemacht, also auch gerade mit den jungen Leuten,
26:10mit denen ich gearbeitet habe, für die war auf das Schulsystem zum Beispiel überhaupt nicht funktional.
26:14Die sind da durch alle Raster gefallen, weil das Schulsystem, du hast...
26:17Ich weiß nicht zum Beispiel, ich habe abgebrochen in der 10. Klasse, weil es nicht anders ging.
26:20Ich war in einem ähnlichen Zustand wie die Protagonisten da in dem Buch
26:23und es war scheißegal, ob ich zur Schule gehe oder nicht.
26:26Was mein großes Glück war, war, dass ich als Teenager an diesem Ort mich viel auffalten konnte,
26:30weil mein Vater hier zuvor gearbeitet hatte.
26:32Das war mein großes Glück, dass ich Leute kennengelernt habe oder in Theaterstücke gegangen bin,
26:37wo es wirklich um, wo eigentlich das Lumpenproletariat ist, auf der Bühne stand
26:43und ganz viele Leute aus Zusammenhängen, aus denen sie nicht anders rausgekommen wären,
26:50ohne diese Plattform zu kriegen oder so.
26:52Und deswegen glaube ich einfach immer noch wirklich an die Kraft der Kunst.
26:55Ich glaube einfach, dass Nichtstun oder Aufgeben einfach keine Alternative ist,
27:02weil genau dann das passiert, was in diesem Roman passiert,
27:05dass dein Leben an dir vorbeizieht, dass du einfach frustriert bist, dass du überlebst.
27:08Und für mich war Politik immer die Möglichkeit, aktiv einzugreifen.
27:12In meinem Leben hätte er sich ganz viel anders entwickeln können.
27:14Vielleicht hättest du einen Fantasy-Roman geschrieben.
27:15Vielleicht auch das. Also ich würde gerne ein Kinderbuch eigentlich schreiben.
27:18Ich bin ja sehr neidisch auf Robert Habeck, dass er ein Kinderbuch geschrieben hat.
27:20Ich finde das nämlich total cool.
27:21Ich finde, das Dümmste, wofür du Robert Habeck angreifen kannst, ist, dass er Kinderbücher geschrieben hat.
27:25Allerdings finde ich das einfach so richtig toll.
27:26Also jemand, der sich hinsetzt und sagt, ich möchte Kindern was beibringen oder sie daran bestärken,
27:30so zu sein, wie sie sind. Hallo?
27:33Und das Dümmste, was man ihm vorwerfen kann, ist, dass er Vögel beobachtet.
27:37Das finde ich das Schönste, was ein Politiker machen kann.
27:40Die Schönheit in einer anderen Spezies.
27:42Das ist natürlich ein richtig cooles Klischee.
28:06Im Lumpenroman findet Bianca in der Villa von Machist übrigens ein Frauenmagazin namens La Donna.
28:12Und in diesem Magazin füllt sie einen Psychotest aus, um etwas über ihre eigene Persönlichkeit zu erfahren.
28:18Stellen wir Heidi doch ein paar Fragen daraus, bevor sie jetzt wieder zurück in den Bundestag muss.
28:22Erste Frage, was hältst du von Männern unter 20?
28:25Ich glaube, sie haben auf jeden Fall gute Chancen, nicht Teil des Patriarchats zu werden, wenn sie sich anstrengen.
28:33Was hältst du von Männern unter 30? Haben die die Chance auch noch?
28:36Ich finde, jede und jeder hat die Chance, sich immer zu verbessern.
28:41Wenn du ein Vogel wärst, welcher Vogel würdest du sein?
28:43Zählt Pinguin? Ich finde die so niedlich.
28:44Das sind meine Lieblingstiere.
28:45Ja, die sind toll.
28:47Totale Trottel, aber Killer unter Wasser. Ich liebe das.
28:49Hältst du dich für hübsch?
28:50Das ist auch so eine richtig schlimme Frage.
28:52Und dann weißt du immer als Frau, okay, wenn ich jetzt Ja sage, bin ich arrogant.
28:54Aber wenn ich Nein sage, habe ich kein Selbstbewusstsein. Ich bin zufrieden.
28:58Hältst du dich für intelligent?
28:59Ja, das kann ich sagen. Aber ich halte auch sehr viele Menschen für intelligent.
29:03Danke dir vielmals.
29:04Danke dir.
29:27Ich nehme den nicht in den Arm.
29:34Nee, ich mache es nicht.
29:35Nee, ich mache es nicht.
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