- 3 hours ago
Category
📺
TVTranscript
00:01Ich bin unterwegs durch Baden-Württemberg,
00:03das Land der Tüftler und Erfinder.
00:06Jahrzehntelang stand es für Wohlstand, Innovation und sichere Jobs.
00:11Da war man stolz drauf.
00:13Und die Leute hatten auch die Sicherheit,
00:15dass die dort, wo die gearbeitet haben,
00:17auch lange Jahre arbeiten konnten.
00:19Doch ich finde, dieses Versprechen beginnt zu bröckeln.
00:21Wir befinden uns in einem schwierigen Umbruch.
00:24Traditionsfirmen kämpfen, geben auf, Jobs verschwinden.
00:27Wie geht's Ihnen denn hier bei Bosch?
00:30Die Angst, Existenzängste, was kommt nach?
00:33Ich will Menschen treffen, die von diesem Umbruch betroffen sind.
00:37Ich werde tragische Schicksale erleben.
00:39Aber auch Macher treffen, die an neue Wirtschaftswunder glauben.
00:43Meine Güte, spannend ist es bei Ihnen.
00:46Die Robotik wird der größte Zukunftsmarkt sein.
00:50Wo entstehen die Jobs von morgen?
00:53Und können die neuen die alten ersetzen?
00:55Eine Reise zwischen Krise und Aufbruch.
01:11Ich bin auf dem Weg nach Schwäbisch Gmünd.
01:13Vorbei an den großen Wirtschaftsriesen, die immer mehr kränkeln.
01:21Einer von ihnen ist Bosch.
01:25Seit über 140 Jahren gibt es das Unternehmen.
01:27Unverrückbar wie ein Fels stand Bosch in Baden-Württemberg lange für zwei Dinge.
01:33Innovative Ingenieurskunst und sichere Jobs.
01:39Einmal beim Bosch, immer beim Bosch.
01:42Dieser Satz galt lange Zeit als unverrückbar.
01:45Jetzt gerät er gehörig ins Wanken.
01:47Bosch plant nämlich einen massiven Stellenabbau.
01:51Hier in Schwäbisch Gmünd arbeiten aktuell etwa 3500 Menschen.
01:55Vor allem in der Fertigung von Lenksystemen.
01:58Lenken aus Leidenschaft.
02:00So steht es auf der Homepage von Bosch.
02:02Doch mehr als die Hälfte der Jobs sollen erst in der Lkw,
02:05dann in der Pkw-Sparte in den nächsten Jahren wegfallen.
02:11Vor dem Werkstor bin ich mit Beschäftigten verabredet,
02:14die um ihre Zukunft bangen.
02:16Geplant waren eigentlich vier.
02:20Guten Tag, Gondorf, hallo. Meine Güte, wir schütteln allen die Hände.
02:25Absolut, Gondorf, halli hallo.
02:27Wow, meine Güte, richtig viele Boschianer.
02:31Das muss ich mal überschlagen.
02:33Ich hatte mit vier gerechnet, jetzt sind es so was wie 15 sogar.
02:38Wow, also erstmal herzlichen Dank, dass Sie mit mir jetzt heute reden wollen
02:42über die Situation hier bei Ihrem Arbeitgeber.
02:45Ich spüre förmlich, wie angespannt diese Menschen sind und wie entschlossen.
02:51Bewusst wollen sie alle jetzt an die Öffentlichkeit, erzählen sie mir
02:54und sagen, was hier gerade los ist.
02:57Wie geht es Ihnen denn hier bei Bosch, bei einem Arbeitgeber,
03:00bei dem es immer hieß, einmal Bosch, immer Bosch?
03:04Früher ist mir gefragt worden, wo schaffst du.
03:05Wir haben beim Bosch gesagt und es war halt alles sicher.
03:07Ich bin jetzt seit 1979 im Unternehmen und habe auch immer schon gerne hier geschafft.
03:13Und von dem her gebe ich die Hoffnung nicht auf.
03:17Man läuft heute durch die Halle durch, die Halle sind leer.
03:20Ja, manche Kollegen sagen, das ist wie ein Friedhof.
03:22Puh, hätten Sie das noch vor drei Jahren gedacht?
03:25Nee, never ever, nie.
03:28Eine halbe Stunde lang erzählen Sie mir, was sich bei Ihnen gerade angestaut hat.
03:32Frust, Angst, aber auch ein bisschen Wut.
03:35Mit vier von ihnen werde ich später das Gespräch vertiefen.
03:42Während bei Bosch gerade Arbeitsplätze verschwinden, entstehen anderswo ganz neue Industrien.
03:50Zum Beispiel hier in Riederich bei Metzing, beim Robotikunternehmen Neura Robotics.
03:58Ja, was soll ich sagen, ein ziemlich normales Gewerbegebiet.
04:02Aber die großen Tech-Riesen des Silicon Valley, ich glaube, die haben noch kleiner angefangen.
04:07Und sowas wie Garagen.
04:12Das hier ist ein Fitnessstudio.
04:18Und zwar für Roboter.
04:23Bisher hat die Firma vor allem Roboterarme für die Industrie gebaut.
04:27Jetzt geht das Team einen großen Schritt weiter.
04:34Humanoide Roboter.
04:36Maschinen, die laufen, sprechen, fühlen und lernen können.
04:48Der Cheftrainer hier ist David Reger.
04:51Vor sieben Jahren hat er die Firma gegründet.
04:53Ohne Maschinenbau- oder Informatikstudium, ohne Abitur.
04:56Dafür hat er eine Zeit lang als Sozialarbeiter in den USA gearbeitet.
05:00Ein Selfmade-Unternehmer trifft es hier wohl ganz gut.
05:04Meine Güte, spannend ist es bei Ihnen.
05:07Vielen Dank, dass ich da sein darf.
05:08Schön, dass ihr da seid.
05:09Und natürlich gibt es hier noch viel mehr zu sehen.
05:11Ich bin gespannt.
05:14Dieser Robo-Doc soll Einbrecher abschrecken, zu Hause oder auf Fabrikeländen.
05:26Aber da hat man als Einbrecher schon Respekt, wenn er da angetrampelt kommt.
05:30Ach was.
05:31Und, das ist kassisch, er hat eine super präzise Kamera.
05:35Also der hat halt Gesichtserkenntnis.
05:37Das heißt, jeder, der zur Familie gehört, wird von dem auch ignoriert.
05:40Aber sobald dann sozusagen jemand neu reinkommt, dann wird er ihn auch nicht loslassen.
05:44Also dann hat man so ein Follow-me-Function.
05:47Das heißt, er wird, egal wie schnell ich renne,
05:49er wird einem durchgehend versuchen, das Gesicht zu fotografieren.
05:53Haben Sie so ein Zuhause?
05:54Genau, ich habe zwei.
05:55Ach was.
05:55Und was machen die?
05:57Meine Töchter spielen damit.
05:59Echt?
06:00Ach so.
06:01Also meine Töchter können darauf reiten.
06:03Nein.
06:03Der hat 23 Kilo Traglasch.
06:06Also du kannst drauf sitzen.
06:07Und wir haben auch einen weiteren, der hat 110 Kilogramm Traglasch.
06:12Auf dem reiten Sie dann spazieren?
06:13Genau.
06:14Der Rundgang durch das Roboter-Trainingscamp fühlt sich schon ein bisschen wie ein Science-Fiction-Film an.
06:20Aber real geht es hier darum, Robotern Dinge beizubringen, die bisher nur Menschen konnten.
06:26Hier sieht man jetzt zum Beispiel die kleineren Geräte.
06:29Also sind die For-Anyone-Minis.
06:31Hallo.
06:34Also hier geht es auch darum zum Beispiel, da hat ein Mensch einen Anzug angehabt, einen Tanz gemacht.
06:41Und dann übertragen wir das sozusagen auf den Roboter.
06:44Und dann...
06:45Also der fängt dann halt an und...
06:49Also es muss aber vorher natürlich ein Mensch einmal gemacht haben.
06:53Hallo, kannst du mir die Hand schütteln?
06:55Sehr gerne.
06:56Lass uns die Hände schütteln.
06:58Okay, tschau.
06:59Und es gibt ein Herzchen.
07:00Wie schön.
07:02David Regers Vision, seine Roboter sollen nicht nur an Fließbändern stehen,
07:07sondern künftig auch unseren Haushalt schmeißen.
07:09Hier im Gym also im Training lernen sie Wäsche sortieren, aufräumen, sogar kochen.
07:15Mehr Zeit für die schönen Dinge im Leben, sagt Reger.
07:18Und vielleicht gäbe es sogar weniger Scheidung.
07:21Wegen weniger Streit im Haushalt.
07:24Naja, ich weiß ja nicht.
07:26For anyone, erzähl uns mal auf Schwäbisch und Deutsch.
07:30Also erzähl uns mal, warum sind wir Schwaben die Geisten auf der Welt?
07:35Also, mir schwätzet halt net viel drum rum, gell?
07:38Mir schaffet mir spare und am Ende henn mir's halt drauf.
07:40Mir schwober kennet auch aus nix ebbes Gscheits mache.
07:43Das isch halt unser Talent.
07:45Oh, ich habe auch eine Frage. Darf ich?
07:47Ja.
07:47Wie heißt er?
07:49For anyone.
07:49For anyone. Ich habe eine Frage.
07:51Werdet ihr Roboter Baden-Württemberg als Wirtschaftsland wieder nach vorne bringen?
07:57Auf jeden Fall. Mit uns Roboter an der Seite von tüchtigen Schwaben wird's noch schneller vorangehen.
08:01Innovation, Fleiß und Technik. Das passt perfekt zusammen.
08:05Gut. So ein paar grundsätzliche Fragen würden mich nämlich noch interessieren, weil, wo kann's denn hingehen?
08:11Freuen Sie sich auf diese Zukunft?
08:13Ja. Oder auch unheimlich?
08:15Also, ein Roboter wird grundsätzlich alles können, was ein Mensch heute kann und mehr.
08:20Wir können mit diesen Robotern tolle Dinge schaffen. Mehr Zeit für unsere Pflegekräfte.
08:24Vielleicht auch, sag mal, grad den älteren Menschen vielleicht zu Hause länger behalten zu können und so weiter.
08:29Es gibt halt unendlich viele gute Dinge, die wir damit schaffen können.
08:32Sind die Hoffnungen berechtigt, dass durch, ja, solche intelligenten Roboter wirklich Arbeitsplätze entstehen?
08:39Dass der Wirtschaftsstandort gewinnt? Oder werden dadurch nicht sogar Arbeitsplätze abgebaut?
08:44Also, um es jetzt mal ziemlich konkret zu sagen, ich glaube, ohne diese Technologien wird's diesen Produktionsstandort Deutschland eh nicht
08:51mehr geben.
08:52Die Robotik wird der größte Zukunftsmarkt sein.
08:55Also, der wird größer wie Automotive, größer wie Smartphones und alles, was es bis heute gab.
09:00Also, rein von der Marktgröße.
09:03Die Leute haben gerade Angst um ihre Jobs. Kann das, was Sie hier machen, diese Angst mindern?
09:10Oder befeuern Sie sie? Das ist so eine ganz grundsätzliche Frage, die sich viele Menschen, glaube ich, stellen.
09:14Wenn wir als Deutschland einfach nur hingehen und sagen, okay, nö, wir lassen uns einfach, wir machen alles weiterhin nur
09:20handmade und nur von human made, dann klingt das erstmal toll für alle Arbeitskräfte.
09:27Gleichzeitig werden wir uns aber, wird sich niemand mehr in der Welt für uns interessieren, weil wir nicht mehr mithalten
09:33können.
09:33Also, ich glaube, es ist sehr gesund, dass man mal abbaut, mal aufbaut an Personal und nicht einfach nur aufbaut
09:41über die vielen, vielen Jahre, wie es unser Gesetz vorsieht.
09:44Heißt also, flexiblere Arbeitnehmerbedingungen. Heißt, higher and fire vielleicht nicht, aber das etwas…
09:51Nein, angepasst. Also, meine klare Forderung an die Politik hier ist, dass man sagt, okay, zumindest für Unternehmen bis zehn
09:57Jahre zum Beispiel.
09:58Also, dann entscheiden sich jeder, der sich für dieses Unternehmen entscheidet, entscheidet sich ja bewusst für einen vielleicht ein bisschen
10:05mehr ein higher and fire Prinzip.
10:07Also, jetzt ohne das im schlechten Kontext zu… Aber diese Unternehmen brauchen das. Die bauen ja sehr schnell, sie entscheiden
10:11sich sehr schnell, sie häufen sehr schnell Mitarbeiter an,
10:14müssen irgendwann mal auch wieder in die Profitabilität drehen können, damit sie überleben. Funktioniert es nicht, baue ich nun mal
10:21ab.
10:21Das ist ganz natürlich und entscheide mich dann doch wieder für einen anderen Bereich. Ich muss aber nicht das ganze
10:26Unternehmen ins Risiko bringen.
10:29Die Roboter hier im Gym müssen schnell lernen. Neura will Europas Robotik-Champion werden, in einem globalen Wettlauf.
10:39Meine Güte, das war absolut spannend hier. Und ich frage mich jetzt natürlich, ja, welche Haushaltsdienste ich von Robotern erledigen
10:47lassen würde.
10:48Aber auch so ein bisschen, hm, möchte ich das überhaupt? Ein bisschen gruselig finde ich es nämlich immer noch.
10:52Aber eine Frage habe ich mir die ganze Zeit gestellt. Sagt mal, werden Roboter irgendwann mal Roboter programmieren und bauen
11:02können?
11:05Das ist durchaus möglich. Kognitive Roboter könnten in Zukunft bei der Entwicklung und Herstellung anderer Roboter helfen, indem sie ihre
11:12Fähigkeiten ständig weiterentwickeln.
11:16Da bin ich mal interessant, was das für das Thema Arbeitsplätze bedeutet.
11:22Vielleicht sehe ich später sogar noch, dass Roboter, die Roboter bauen, gar keine Zukunftsmusik ist?
11:27Apropos Zukunft. Wie fühlt sich das an, wenn die eigene plötzlich unklar ist?
11:34Zurück in Schwäbisch Gmünd.
11:38Vier der Bosch-Mitarbeiter vom Werkstor darf ich noch etwas näher kennenlernen.
11:42Bei dreien wackelt der Job, bei einem ist er weg.
11:45In den Fabrikhallen wurden mal Pumpen hergestellt. Heute stehen hier Oldtimer.
11:51Sind Sie so Leute, die so Autos und dieses ganze Drumherum gerne mögen?
11:57Alle? Ja, da leuchten die Augen. Ja, wie geht es Ihnen denn dann, wenn man so das alles vor sich
12:01zieht und jetzt hat man das Gefühl so...
12:03Wenn ich an damals denke, 18, Führerschein, das war, also Auto musste sein, ja, da hat man lange drauf gespart
12:13und deswegen sind wir auch gerne, also ich denke mal alle, zu Bosch gegangen.
12:19Steckt in uns allen drin.
12:20Steckt in den drin, aber jetzt sieht diese Lage gar nicht gut aus. Wie geht es Ihnen denn da?
12:25Man denkt sich schon, lag es an einem selber, hat mir zu wenig Leistung gegeben, war das ein Zusammenspiel von
12:32mehreren Faktoren und das ist halt schon schade, dann sowas zu sehen, wenn so eine gute Qualität, die wir bei
12:37Bosch liefern, dann doch in so eine Schieflage gerät.
12:42Diese vier lieben ihre Jobs. Ich spüre, wie sehr sie für ihr Unternehmen brennen, auch heute noch, trotz allem.
12:58Lassen Sie mich mal so ein bisschen ins Schlüsselloch reingucken, wie sich das bei Ihnen im Betrieb anfühlt, wenn Sie
13:04über, ich weiß nicht, interne Meldungen oder auch über die Presse manchmal mitbekommen, dass so viele Stellen eingespart werden.
13:12Etwas surreal. Es war auch schwer sich vorzustellen, wie viel es dann letztendlich wirklich ist und wie viele Leute es
13:18dann betrifft, bis wir eben irgendwann mal quasi es wie visualisiert bekommen haben, dass da einfach die Hälfte der Personen
13:28verschwindet.
13:29Der Bosch-Konzern gart ja als jemand, bei dem der Mensch immer sehr stark im Fokus stammt. Das hat ja
13:36auch zum Unternehmensleitbild, glaube ich, auch dazu gehört. Würden Sie sagen, das gilt noch aktuell?
13:46Ich höre ein Zögern raus. Kann ich daraus entnehmen, dass der Wind auch in Ihrem Konzern, im Management, härter geworden
13:54ist gegenüber den Mitarbeitern?
13:56Auf jeden Fall. Es fließen Tränen. Das ist so. Vor allem, wenn so Trennungsgespräche geführt werden, weil die Firma baut
14:05ja Personal ab.
14:07Man wird einfach eingeladen und dann wird dir gesagt, hey, du bist nicht mehr im Zielbild. Unsere Gewinnerwartungen sind so
14:15und so und da müssen wir alle hin.
14:16Wenn wir das nicht schaffen, dann wird der Laden geschlossen oder wir verkaufen es.
14:21Und jetzt ist es so, dass es realisiert wurde. Wie fühlt es sich jetzt an bei Ihnen?
14:26Das war für mich schon ein Schlag ins Gesicht, weil man damit so nicht gerechnet hat.
14:32Man hat Gespräche, wo es heißt, du bist nicht in der nächsten Budgetplanung mit enthalten und so ist jetzt der
14:41aktuelle Stand.
14:43Das heißt, die Angst geht um.
14:44Die Angst geht um, genau. Jeder hat Angst um den eigenen Arbeitsplatz.
14:48Für Bernd Biesle ist diese Angst Realität geworden. Nach 40 Jahren bei Bosch muss er gehen.
14:57Er ist 55. Für den Vorruhestand fühlt er sich aber noch zu jung.
15:03Der Tag, können Sie sich an den noch erinnern, als für Sie feststand, mein Job wird es nicht mehr geben?
15:09Ja, wir sind schon ein Stück weit ins Boden losgefallen. Ich denke mal, wir waren nicht blauäugig. Wir haben alle
15:17gewusst, es kommt was.
15:18Aber dass es so dicke kommt, dass gleich der gesamte Bereich geschlossen wird, das war schon ein Stück weit ein
15:25Schlag in die Magengrube, möchte ich mal sagen.
15:27Und ja, es war ein sehr schlechtes Gefühl. Es war ein schlechter Tag und es waren auch sehr schlechte Tage,
15:35die nachgekommen sind.
15:36Gibt es da welche, die unter den jüngeren Kollegen jetzt ernsthaft verzweifelt sind gerade?
15:41Ja, ja, Familienväter, die noch kleine Kinder haben, Kinder, die zur Schule gehen, die sich verschuldet haben, weil sie einfach
15:48ein Haus gebaut oder gekauft haben.
15:50Ja, die fragen sich natürlich schon, wie geht es denn eigentlich weiter?
15:54Mit einem unbefristeten Arbeitsvertrag war man ja eigentlich relativ sicher.
15:59Also wenn man zur Bank geht und sagt, hey, ich arbeite bei Busch, ich habe einen unbefristeten Arbeitsvertrag, dann kriegt
16:03man schon Geld.
16:06Also man kann damit auch ein Haus bauen, auch ohne groß Eigenkapital zu haben.
16:12Und dementsprechend sind die Leute auch, also viele junge Familienväter und Mütter sind total verschuldet.
16:20Leon Zeller ist 22 und gerade im zweiten Lehrjahr zum Mechatroniker.
16:25Sie haben jetzt natürlich den Draht vor allem zu den jüngeren Kollegen im Betrieb.
16:32Haben Sie das Gefühl, es gibt da einen Plan B, der vorherrscht oder sind die Jüngeren gerade eher lost?
16:40Ganz viele machen sich Gedanken darüber, wie es weitergeht.
16:44Und viele gehen zu anderen Betrieben in anderen Bereichen.
16:50Oftmals hört man es eben auch dann von Bereichen, denen es eben derzeit wirklich sehr gut geht, wie zum Beispiel
16:56der Rüstungsindustrie.
16:58Und genauso hört man eben auch ganz oft, dass die Leute einfach sagen, dann schauen wir uns eben im Umland
17:04um.
17:04Gibt es schon eine Idee?
17:08Mal schauen, aber die erste Idee ist, quasi vielen Bekannten von mir mit in die Schweiz folgen.
17:18Ja, vom bombensicheren Job zur absoluten Hängepartie.
17:23Ich frage mich gerade, was würde ich in der Situation machen?
17:26Würde ich mir möglichst schnell einen neuen Job suchen, um den Job kämpfen bis zuletzt?
17:30Oder das Problem einfach aussitzen?
17:36Auf der Weiterreise frage ich mich, gilt dieses Kämpfen oder Aussitzen vielleicht gerade sogar für ganz Baden-Württemberg?
17:44Allein im letzten Jahr sind über 32.000 Industriearbeitsplätze verloren gegangen, vor allem im Auto- und Maschinenbau.
17:53Gibt es genug Wachstumsmotoren, um das zu ersetzen?
17:57Ein Hoffnungsträger ist KI und Robotik.
18:01Aber wie viel Potenzial für echte Jobs steckt da drin?
18:04Ich fahre nach Offenburg in der Ortenau.
18:08Hier, in diesem eher unscheinbaren Bau, arbeiten 30 Menschen an irgendwas mit KI.
18:16Es muss etwas ziemlich Besonderes sein, denn EITAD, so heißt die Firma, hat schon so einige Preise bekommen.
18:25Jatschislav Gromov kam mit zehn Jahren aus Moskau nach Offenburg, ohne ein Wort Deutsch.
18:30Trotzdem überspringt er zwei Klassen, macht ein hochbegabtes Studium und gründet EITAD mit 18 Jahren.
18:36Heute ist er 26 und es ist so einiges passiert.
18:40Das ist der größte Elektronikpreis der Welt.
18:44Hör ich ein bisschen stolz raus, oder?
18:45Natürlich.
18:49Seine Innovation, Sensoren mit künstlicher Intelligenz ausstatten, damit Maschinen sehen, hören oder sogar Emotionen erkennen können.
19:04So, jetzt sehe ich, ich werde hier beobachtet und es wird bewertet, wie ich gucke.
19:09Genau.
19:10Happy, angry, feel.
19:14Okay, das heißt, meine Gesichtsausdrücke werden bewertet.
19:17Und die KI sagt dann, in welchem Emotionszustand sie sich befinden.
19:22Das ist jetzt hier auf dem Computer sozusagen groß nachgestellt, aber sonst läuft es auf kleinen Chips ab 40 Cent,
19:28zum Beispiel in ihrem Auto, wo Müdigkeit, Stress oder gar Schlaganfall zukünftig erkannt wird in der Kamera, damit das Auto
19:36zur Seite fahren kann.
19:37Und natürlich auch in Themen wie Home Automation, also das gerade im Pflegebereich und Co.
19:44Die KI wird hier immer nur für eine ganz konkrete Aufgabe trainiert.
19:48Bei Tunnelbohrmaschinen von Herrn Knecht hört sie zum Beispiel, wann ein Bohrkopf verschleißt und das lokal im Sensor ohne Verbindung
19:55zu einem Rechner.
19:56Vorbild ist der Mensch.
20:00Viele kognitive Leistung passiert eben nicht im Gehirn, sondern wenn ich Ihnen jetzt auf dem großen Zeh draufstehe, meldet sich
20:06dezentral Ihr Rückenmark und sagt dem Hirn, schau mal runter, weil das System robust sein muss.
20:12Wäre alle Millionen an Hautsensoren, Drucksensoren, Temperatursensoren alle mit Ihrem Hirn direkt verbunden, würde das Hirn zusammenstürzen, weil es viel
20:20zu langsam und abstrakt ist.
20:22Lange ist Gromov mit seinen intelligenten Sensorlösungen bei großen Unternehmen im Land abgeblitzt, erzählt er.
20:28Mittlerweile ist die Industrie hungrig danach. An solchen Lösungen arbeitet aber nicht nur Eidhardt.
20:33Die Hauptwettbewerbssitze eigentlich in Israel und USA und wir wollen hier in Europa aus dem Ländle aus Baden-Württemberg das
20:43Ganze mitdesignen,
20:44weil ich einfach überzeugt bin, dass wir die ersten Trends teilweise verpasst haben.
20:50Sein Ziel? Embedded KI made in Baden-Württemberg.
20:54Ob Europa im globalen Wettbewerb mithalten kann, wird sich schon in den nächsten drei Jahren zeigen, erzählt er mir, auf
21:00dem Weg zur Produktion.
21:01Das war früher zum Beispiel ein Friseursalon. Das haben wir als Team sozusagen umgebaut, teilweise Wände rausgerissen.
21:09Gehen wir mal rein.
21:11Vielen Dank. Ah, so eine richtige Schrauberwerkstatt.
21:16Ja, hier haben wir am Anfang eine halbe Million investiert und sukzessive ausgebaut.
21:21Und hier verlöten wir unter Schutzgasen. Hier testen wir bis minus 70 Grad auf Lebensdauer.
21:28Und gerade auch hier können wir Dinge ausprobieren.
21:30Das heißt, jede Idee hat das Recht, einmal ausprobiert zu werden.
21:34Und das können wir hier in zwei bis vier Stunden umsetzen.
21:36Und zehn davon scheitern vielleicht. Und die elfte wird's. Und so funktioniert Innovation.
21:41Wir müssen risikoaffiner sein, um Innovationen zu schaffen. Und das müssen wir auch mehr im Land tun.
21:47Hier im ehemaligen Friseursalon werden Chips für Kunden wie Edeka, BMW, das LKA in kleinen Serien bis 1000 Stück produziert.
21:55Der nächste große Schritt, eine eigene Produktionsstraße im thüringischen Erfurt.
22:02Vor acht Jahren war Eithard nur Gromov allein. Heute arbeiten hier 30 Menschen.
22:08Und in manchen Wochen bekommt er bis zu 150 Bewerbungen auf den Tisch.
22:12Thomas Liewald betreut die Kunden der Firma. Vorher war er bei einem großen Elektronikhersteller.
22:18Im Grunde ist es eine verkrustete Struktur gewesen, die da stattgefunden hat.
22:23Das geht quer eigentlich durch alle Hierarchie-Ebenen, aber vor allem die Technologie.
22:27Ich bin ein Mensch, der immer schon Technologie gemacht und geliebt hat.
22:31Und an der Stelle haben wir eben sehr wenig bewegen können, weil die Strukturen verkrustet sind, weil die Köpfe, ich
22:37sag mal, Betonköpfe waren.
22:39Ich bin ja ein bisschen auf der Reise, weil mich interessiert, wie so die Stimmung ist im Land.
22:44Haben Sie den Eindruck, ja, dass Menschen, die in den herkömmlichen Branchen arbeiten, möglicherweise so in ihrem Alter sind,
22:51und das wackelt ja alles gerade, haben die eher noch so diesen Aufbruchsgeist oder spüren Sie da was anderes?
22:57Wie nehmen Sie das wahr?
22:58Sehr verschieden. Das hat mir hier auch bei EITAT sehr gut gefallen, dass wir hier in einem aufbrechenden Marktsegment sind.
23:04Und in vielen Branchen, das ist komplett richtig, da ist das Bröckeln, findet da statt.
23:10Und die Menschen sind etwas, teilweise auch depressiv, das gefällt mir nicht.
23:14Deswegen muss man dagegenhalten und im Grunde rausgehen und sagen, wenn ihr mit euren Technologien nach vorne wollt,
23:19dann nehmt euch das ganz Heiße dazu und das liefern wir.
23:23In einem jungen Team mit Aufbruchsgeist als Seniorität, wie er sagt, Erfahrung und Ruhe reinzubringen, ergänze sich wunderbar.
23:32Was in keinem jungen Unternehmen mit Start-up-Charakter fehlen darf, klar, ein Kicker oder Billardtisch.
23:38Auch wenn EITAT aus dem Start-up-Schuhen eigentlich schon rausgewachsen ist.
23:44Wie weit kann das dann noch gehen?
23:46Wie der baden-würdenbergische, badische Mittelstand es immer gemacht hat, mit den Kunden wachsen, sich nicht zu übernehmen,
23:53nicht nach den Geldsäcken von Investoren jagen und den Kunden aus dem Blick verlieren.
23:58Langsam wachsen, die Kontrolle behalten. Für mich klingt das tatsächlich weniger nach Silicon Valley und mehr nach klassischem Mittelstand.
24:07Natürlich beschäftige ich mich aber vor allem weiter. Die Frage meiner Reise.
24:10Apropos Impulse. Meinen Sie, dass die Impulse, die von Ihrem Unternehmen, Ihrer Branche ausgehen,
24:17all das kompensieren können an Jobs, was aktuell gerade wegfällt im Land?
24:21Ich glaube, wir brauchen einen neuen Zukunftsmacher-Markt. Ich glaube, wir brauchen das nächste Modell nach Automobil.
24:28Und ich glaube, dass in der physischen KI, ob das jetzt Robotik ist, ob das im Maschinenbau, KI vor Ort,
24:35diesen Markt müssen wir erschließen und das wird wehtun. Transformation tut weh und Busfahrer wird nicht unbedingt Programmierer.
24:42Aber langfristig brauchen wir einen neuen Markt, der uns als Wirtschaft und damit auch Gesellschaft im Wohlstand trägt.
24:49Heißt also kompensieren, nein?
24:51Kompensieren, aber nicht 1 zu 1, aber besser als 1 zu 0.
25:02Zwischenbilanz. Eine Firma, die bewusst langsam wachsen will.
25:06Ein Markt, der gerade erst entsteht und in dem ein globaler Wettlauf herrscht, von dem noch niemand weiß, wer ihn
25:14gewinnt.
25:16Hoffnung und Aufbruchstimmung, ja, das habe ich hier gespürt. Aber ein neues Wirtschaftswunder, das kurzfristig tausende Jobs ersetzt, ist das
25:25ehrlicherweise noch nicht.
25:28Also bin ich weiter auf der Suche nach Wachstum und nach Jobs der Zukunft.
25:33Für Menschen wie die Bosch-Mitarbeiter aus Schwäbisch Gmünd, die vielleicht schon bald einen neuen brauchen.
25:39Es gibt eine Branche, der geht es immer dann besonders gut, wenn es um die Welt eher schlecht bestellt ist.
25:46Wir sind hier in Ditzing beim deutschen Headquarter des französischen Konzerns Thales.
25:53Die Hälfte seines Umsatzes erwirtschaftet der Konzern mit Rüstung.
25:56Hier in Ditzing ist die Produktion sogar zu 80 Prozent militärisch.
26:00Trotz strenger Sicherheitsvorschriften darf ich mich heute umschauen.
26:04Begleitet von Pit Marx, dem Pressesprecher hier.
26:08Ich habe von Minute 1 das Gefühl, hier liegt Selbstbewusstsein in der Luft.
26:16Auf dem Parkdeck steht der momentane Verkaufsschlager der Firma, das GO12, ein tragbares Radargerät.
26:27Hier haben wir es mal komplett aufgebaut, auf dem Dreibein, unten mit den Akkus, also mit der Stromversorgung.
26:33Das Kabel, was hier lang geht, geht dann zu diesem gehärteten Notebook.
26:36Das können wir uns auch gerne mal angucken.
26:38Und hier kann man jetzt sehen, wie das Radar operiert.
26:43Was kann denn jetzt dieses Kombigerät im tatsächlichen Einsatz?
26:47Also Fahrzeuge erkennen wir auf eine Distanz von 20 Kilometer, eine anfliegende Drohne, die sind ja relativ klein, auf eine
26:54Distanz von 6, 7 Kilometern.
26:56Und was besonders ist an diesem Radar, es ist hochmobil.
26:59Ich kann es innerhalb von 5 Minuten aufbauen und ich kann es innerhalb von 5 Minuten auch wieder abbauen.
27:04Rund 50 Prozent dieser mobilen Radareinheiten gehen im Moment in die Ukraine, höre ich.
27:09Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Drohnenabwehr im Krieg.
27:13Neben Radargeräten zur Boden- und Küstenüberwachung werden hier Funkgeräte für den militärischen Einsatz, Nachtsichtbrillen und Wärmebildgeräte gebaut.
27:26Christoph Rufner ist der CEO, also Geschäftsführer von Thales Deutschland.
27:31Wie läuft es denn bei Ihnen gerade im Unternehmen?
27:34Ja, ich muss sagen, also im Moment ist in der Verteidigungsbranche natürlich der Aufwind zu spüren.
27:41Also ich kann sagen, unserem Unternehmen geht es sehr gut.
27:44Immer mit dem Quäntchen, natürlich mit der geopolitischen Lage, warum geht es uns gut, was wir alle natürlich gerne verhindert
27:50hätten.
27:52Quäntchen bedeutet aber im Endeffekt, führen die aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen dazu, dass die Rüstungsindustrie stark profitiert.
28:00Was heißt das in Zahlen?
28:02Wir haben Wachstum um die 30 Prozent momentan pro Jahr.
28:05Was uns natürlich auf der einen Seite freut und auf der anderen Seite, wissen Sie, für was genutzt wird, das
28:10freut, glaube ich, keinen von uns.
28:11Das heißt, also ohne es bewerten zu wollen, ist es rein faktisch schon, dass Ihr Unternehmen vom Krieg profitiert.
28:16Also meine Motivation ist nicht der Krieg.
28:19Meine Motivation ist der Schutz der Demokratie.
28:21Und ich glaube, das wurde auch jetzt klar mit dem Angriffskrieg von Russland auf die Ukraine, dass da die Demokratie
28:28von uns bedroht ist.
28:30Und von dem her ist meine feste Überzeugung, die ethische Überzeugung, unsere Industrie ist nicht dafür da, einen Krieg zu
28:36fördern, sondern unsere Industrie ist dafür da, die Demokratie zu schützen.
28:40Die Rüstungsindustrie boomt. 22 Milliarden weltweiter Konzernumsatz im letzten Jahr bei knapp 9 Prozent Wachstum. Ein Rekordergebnis.
28:51Pit Marx zeigt mir auch die Produktionsräume. Zumindest die, die er mir wegen der hohen Geheimhaltungsstufe zeigen darf.
29:00Also hier ist unser, ja praktisch der Test für die finale Abnahme nochmal, also Factory Acceptance Test heißt das bei
29:07uns.
29:08Noch nie durfte vor uns ein Kamerateam hier drehen.
29:11Hier werden die unterschiedlichen Teile der mobilen Radargeräte vom Laptop bis zum Rucksack nochmal gecheckt, dann verpackt und versendet.
29:1850 Prozent der Sets gehen an die Ukraine, die andere Hälfte an die Bundeswehr und internationale Kunden.
29:24Und ich lerne grüner Flecktarn für bewaldete Regionen, beige für Einsätze in Wüstengebieten.
29:31Die Aufträge dürften auch in den nächsten Jahren steigen, höre ich. Und deswegen entstehen hier viele neue Jobs.
29:38Rund 20 Prozent der neu eingestellten Mitarbeiter am Standort kommen aktuell aus der kriselnden Autoindustrie.
29:44Hallo Frau Henoch.
29:46Alexandra Gondorf.
29:47Hallo Jessica Henoch.
29:48Sehr schön, dass ich bei Ihnen mal reinschneiden darf.
29:51Jessica Henoch ist zuständig für Gesundheits-, Arbeits- und Umweltschutz.
29:55Bis September letzten Jahres hat sie bei Mercedes-Benz gearbeitet.
30:00Warum haben Sie denn gewechselt?
30:02Weil ich zum einen eh vorhatte, mich so ein bisschen zu verändern.
30:06Und die Stimmung jetzt in der Automobilbranche ist natürlich auch nicht so wahnsinnig gut mehr derzeit.
30:12Haben Sie, als Sie dann das Unternehmen sich so ein bisschen ergoogelt haben, gedacht, oh weiß ich gar nicht, ob
30:18ich das möchte, Rüstung?
30:20Oder haben Sie direkt gesagt, nö, finde ich super?
30:22Ich habe mir tatsächlich kurz Gedanken darüber gemacht, ob ich damit ein Problem habe.
30:27Jetzt ist es ja bei mir so, dass ich jetzt kein Produkt herstelle in dem Sinne,
30:31sondern ich sorge dafür, dass eben Menschen gesunde und sichere Arbeitsbedingungen haben.
30:37Und ich finde, das hat überall seine Berechtigung.
30:40Haben Sie das denn in Ihrem Umfeld gemerkt, so bei den Freunden, in der Familie,
30:46dass Sie da ein bisschen genauer nachgefragt haben nach Ihrem jetzigen Arbeitgeber?
30:49Tatsächlich ja. Es sind Vorbehalte da, würde ich schon sagen, ja.
30:54Dennoch, ist die Rüstungsindustrie tatsächlich ein mögliches Auffangbecken für Beschäftigte aus der Auto- und Zuliefererbranche?
31:02Das frage ich nochmal nach beim CEO.
31:05Christoph Ruffner kommt übrigens selbst aus der Autobranche.
31:09Können Rüstungsunternehmen die Jobverluste aus anderen Branchen wie der Automobilindustrie kompensieren?
31:15Ich bin nicht ganz überzeugt.
31:16Also ich glaube schon, dass wir erfolgreich als Deutschland wieder in der Automobil- oder unser Automobilgeschäft weitermachen müssen.
31:22Und dass wir da auch die neuen Technologien gegen China, gegen die ausländischen Produzenten auch uns durchsetzen müssen.
31:29Also ich glaube, das ist wirklich diese Mischung, die wir brauchen.
31:32Ich glaube allein, nein, das glaube ich nicht, dass es das kompensieren wird.
31:38Zum zweiten Mal auf meiner Reise höre ich Zweifel, dass neue Branchen die wegfallenden Jobs aus der Autoindustrie einfach ersetzen
31:46können.
31:47Aber eines nehme ich aus Ditzing auch mit.
31:49Die Rüstungsindustrie wächst. Hier entstehen gerade richtig viele Jobs und sie dürfte weiter wachsen.
31:56Immer mehr Unternehmen steigen ein.
31:58Gleich neben Thales sitzt das Maschinenbauunternehmen Trumpf.
32:01Mit seiner Lasertechnologie will es jetzt in die Drohnenabwehr einsteigen.
32:06Und wie dringend neue Jobs sind, das will ich mir im Filztal anschauen.
32:11Hier sitzen viele Unternehmen der alten Schule.
32:20Das Filztal ist sowas wie die Herzkammer der mittelständischen Industrie in Baden-Württemberg.
32:26Wer ihr den Puls fühlen möchte, muss genau hierher kommen.
32:32Michael Kocken ist der Chef der Gewerkschaft IG Metall hier im Tal.
32:38Wir stehen in der Kälte. Hallo Herr Kocken, Alexandra Gondorf.
32:43Hallo Frau Gondorf.
32:44Ja, wir haben ja heute eine eisige Reise vor uns und Sie haben sich das als Startpunkt ausgesucht. Warum?
32:51Wir haben letztes Jahr im Filztal sieben Unternehmen verloren, die geschlossen haben.
32:57Und das ist eins davon, die den Beschäftigten mitgeteilt haben, dass hier 140 Arbeitsplätze verloren gehen.
33:02Und das ist halt eine traurige Geschichte, weil das war ein profitables Unternehmen und eben kein Unternehmen, was viele miese
33:09gemacht haben.
33:10Es war eine unternehmerische Entscheidung, die Produkte in Zukunft woanders zu machen und nicht mehr hier bei uns in Ebersbach.
33:1650 Jahre hat die Firma hier Schaumstoffe unter anderem für Autositze produziert. Aus und vorbei.
33:22Die letzten Mitarbeitenden müssen jetzt im März gehen.
33:26Was ist das für eine Region? Wie ist so das Gefühl im Filztal? Gerade vielleicht auch im Vergleich zu früher?
33:34Die Region Göppingen war mal eine der wirtschaftsstärksten Regionen in ganz Baden-Württemberg.
33:40Und diesen Wohlstand haben die Menschen ja erarbeitet.
33:43Da war man stolz drauf.
33:44Da war man stolz drauf. Und die Leute hatten auch die Sicherheit, dass die dort, wo die gearbeitet haben, auch
33:49lange Jahre arbeiten konnten.
33:51Im Zweifelsfall auch bis zur Rente.
33:53Allein im letzten Jahr sind im Filztal 1800 Jobs verloren gegangen.
33:58Wir rechnen gemeinsam nach. Das ist etwa jede neunte Stelle in der Metall-, Elektro- und Automobilindustrie.
34:07Der letzte große Schlag kam im Dezember letzten Jahres.
34:11Der Traditions-Auto-Zulieferer Allgäer in Ebersbach. Nach Insolvenz komplett dicht.
34:18Was bedeutet das für die Menschen, die hier gearbeitet haben? Wie viel waren das überhaupt?
34:22Es waren etwas über 700 Beschäftigte zum Schluss.
34:24700?
34:25Ja. Also das war auch der größte Batzen, der an Firmen hier dann zugemacht hat.
34:31Und die größte Anzahl an Beschäftigten, die auch auf einmal dann ihren Job verloren haben.
34:36Also schon, dass wir das längere Zeit wussten, aber die auf einmal dann quasi dem Arbeitsmarkt neu zur Verfügung stehen.
34:41Und zwar einem Arbeitsmarkt, der nicht mit offenem Arm dasteht und sagt, wir brauchen gerade ganz viele Leute.
34:47Dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen heißt, der Job ist weg. Und damit auch das Einkommen, von dem man lebt.
34:53Und wie fühlt sich das an?
34:56Hier in Heiningen wohnen einige der ehemaligen Allgäer-Beschäftigten. Und mit einer von ihnen darf ich sprechen.
35:05Hallo, Alexander.
35:06Hallo, Desiree.
35:07Sehr schön, dass wir da sein.
35:10Desiree Morciano hat 17 Jahre als Sekretärin bei Allgäer gearbeitet. Im April 2025 erhält sie die Kündigung zum Jahresende.
35:20Erzählen Sie mir doch mal, was ist da in der letzten Zeit bei Ihnen zusammengekommen?
35:23Naja, es war so, dass in dem Unternehmen, wo ich beschäftigt war, war es ja abzusehen.
35:27Es wusste man ja schon lange, dass das Unternehmen verkauft wird und eben danach auch insolvent war.
35:35Was nicht so vorgesehen war, dass die Firma, in der mein Mann praktisch beschäftigt war, sogar noch schließt, bevor mein
35:44Unternehmen dann eben geschlossen hat.
35:49Und ja, dann habe ich erfahren, dass ich schwanger bin. Und das war dann schon so ein bisschen ein Schlag
35:57ins Gesicht.
35:57Das heißt, Sie waren schwanger und waren plötzlich, ungeplantermaßen, beide Elternteile absehbar arbeitslos.
36:06Ja, es bricht wirklich die Welt so ein bisschen zusammen, wenn man denkt, okay, er hat jetzt keine Arbeit, ich
36:11keine Arbeit.
36:11Wir haben ein Haus, ein Kredit ist schwanger und ja, es ist dann schon so ein bisschen Ausnahmesituation.
36:20Wie kriegt man das denn hin?
36:22Es ist wirklich schwierig. Man braucht einen super Zusammenhalt. Man braucht sich gegenseitig und man entscheidet natürlich auch für sich,
36:32aber für die Familie.
36:34Und man muss sich eben neu erfinden. Man muss den Mut haben, andere Wege zu gehen. Man muss einfach flexibel
36:41auch sein, denke ich.
36:44Haben Sie so eine Kalkulation, bis wann Ihr Mann wieder einen echten Job gefunden haben muss, damit Ihr Familiensystem auch
36:51finanziell klappt?
36:52Also ich würde mal sagen, so Ende diesen Jahres wäre es ganz gut, ja.
36:58Ich möchte wirklich ganz, ganz herzlichen Dank sagen, dass Sie sich die Zeit für uns genommen haben und all das
37:02hier mit uns geteilt haben. Dankeschön.
37:05Ich danke Ihnen.
37:07Während ich hier mit Desiree Morciano sitze, denke ich kurz an den Satz vom Anfang meiner Reise.
37:13Einmal Bosch, immer Bosch.
37:16Solche Versprechen scheint es immer weniger zu geben. Das bestätigt mir auch Michael Kocken auf der Weiterfahrt.
37:26Hat sich Ihr Job aber auch enorm verändert, oder?
37:30Ja, mittlerweile sind wir fast nur noch in Abwehrkämpfen. Sei es darum, möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten.
37:37Oder sei es auch darum, dass diese Krise ausgenutzt wird, indem Unternehmen Tarifverträge kündigen.
37:44Tarifverträge verteidigen. Genau darum geht es in Geisling an der Steige.
37:49Hier sitzt der weltbekannte Hersteller von Küchengeräten, die Württembergische Metallwarenfabrik, kurz WMF.
37:55Auch so ein Traditionsunternehmen, auf das die Menschen hier lange stolz waren.
38:00Nach einigem Hin und Her übernahm 2016 der französische Konzern SEB die WMF.
38:052023 wird das Unternehmen dann neu strukturiert und in mehrere Einheiten aufgeteilt.
38:10Schön, dass Sie da sind. Alexander Rondorf.
38:12Andreas Herrmann, hallo.
38:14Andreas, hi.
38:14Hi.
38:15Sie kennen sich ja alle.
38:17Andreas Herrmann ist Betriebsratsvorsitzender bei der WMF Shared Service GmbH.
38:22Sie kümmert sich um Finanzen, Personalwesen und Einkauf hier.
38:30Sie haben da drin, glaube ich, um 14 Uhr gleich zu tun, Betriebsversammlung.
38:35Was erwarten Sie heute und wie geht es Ihrem Unternehmen?
38:39Das ist eine gute Frage.
38:41Also ich glaube, wir sind, uns geht es wie allen.
38:45Auf der einen Seite haben wir Probleme, wahnsinnige Probleme mit Tarifflucht.
38:51Also unsere Geschäftsführer, beziehungsweise unsere Gesellschafter, Franzosen,
38:57dass die halt jetzt hergehen und versuchen, uns aus dem Tarif zu nehmen.
39:00Es ist die Rede von 42 Stunden, gleicher Lohn, gleiches Gehalt, dann kein Feierabend,
39:10dann eher noch rund um die Uhr, Wochenende durch und so weiter.
39:13Ja, also zumindest hat man uns das angedroht, beziehungsweise angekündigt.
39:18Metin Dogan ist Betriebsratsvorsitzender bei einer anderen WMF Teilgesellschaft.
39:22Die baut hier am Standort Kaffeemaschinen.
39:24Und ich höre, in seiner Belegschaft wächst die Angst vor Stellenabbau.
39:29Es gibt ja jetzt seit letztem Jahr ein Werk in China, das dann auch Kaffeemaschinen produzieren wird.
39:35Und dann ist natürlich auch hier bei der Belegschaft die Angst, was produzieren wir in Zukunft überhaupt noch,
39:40wenn wir jetzt nur Kaffeemaschinen und wenn eventuell in den nächsten ein, zwei Jahren
39:45auch vielleicht die Produktion teilweise nach China geht.
39:48Ich sage herzlichen Dank, alles Gute Ihnen für die Zukunft.
39:51Vielen Dank, ja.
39:51Ein halbwegs sicherer Job, aber ohne Tarifvertrag.
39:55Oder ein Tarifvertrag, aber der Job selbst ist unsicher.
39:59Klingt erstmal ungewohnt beschlecht.
40:02Aber sollte genau das die Realität sein, mit der wir uns im Land in der Zukunft arrangieren müssen?
40:07Moderne Unternehmen fordern neue Jobregeln, flexibler, schneller auf- und auch wieder abbauen.
40:14Genau das hatte mir Neura-Chef David Reger bei meinem ersten Besuch hier in Metzing erzählt.
40:19Die Firma verdient ihr Geld mit kognitiven Roboterarm für die Industrie.
40:25Das Unternehmen spricht von einem Auftragsbestand von einer Milliarde Euro, Tendenz steigend.
40:29Zu den heute 1200 Mitarbeitern sollen allein dieses Jahr nochmal 800 dazu kommen.
40:35Sehen so die Jobmotoren der Zukunft aus?
40:39Bei Ihnen sind ja viele Gefährte ganz alleine unterwegs.
40:44Jens Fabrowski ist hier der COO, also verantwortlich für die Produktion.
40:48Und er war 25 Jahre lang bei Bosch.
40:52So schließt sich der Kreis mal wieder.
40:54Diese Arme, die drehen sich wie wild, aber nicht für sich selbst vermutlich, sondern sie verkaufen die.
41:00Was für eine Funktion haben die Arme?
41:01Also wir stehen jetzt hier am Run-In.
41:04Unsere Mayra ist der erste kognitive Roboter der Welt.
41:07Das heißt, er hat Sinne wie ein Mensch.
41:09Er kann hören, 360 Grad, er hat eine 3D-Kamera eingebaut und er hat einen eingebauten Tastsinn.
41:15Das heißt, er kann alles das, was wir Menschen auch können.
41:17In dem Zustand hier ist er gerade erst produziert worden.
41:20Er lernt sich gerade selbst ein, lernt seine Dimensionen, seine technischen Abmaße und seine Gewichte kennen.
41:26Was genau fertigen dann Ihre Arme?
41:29Also wir finden die nicht nur in der Automobilindustrie, wir finden die auch mal ganz woanders.
41:34Zum Beispiel in Laboren, in denen Dinge gehändelt werden sollen, die der Mensch nicht mal anfassen soll oder möchte.
41:41Viren, Blutproben oder nicht sterile Dinge.
41:44Und er kann natürlich völlig gefahrlos solche Dinge händeln.
41:48Nach dem Baukastenprinzip lassen sich viele Werkzeuge an die Arme verbauen,
41:52sodass sie schrauben, schweißen oder eben greifen können.
41:56Zwischen 18.000 und mehr als 30.000 Euro kosten die Roboter.
42:01Aktuell werden sie tatsächlich noch von Menschen montiert.
42:04Aber in dieser Halle lernen Roboter bereits von Menschen, Roboter zu bauen.
42:08Es wird immer mehr automatisiert, einzelne Schritte.
42:12Und immer dann, wenn wir uns wieder einen erkämpft haben,
42:14dann nehmen wir eine Werkbank raus, stellen den Roboter rein
42:16und sind dann irgendwann demnächst, und zwar in ziemlich nahem Zeitfenster, schon vollautomatisch.
42:22Das heißt also, das Ziel ist, dass dieser Roboterarm sich selbst sozusagen produziert.
42:27Genau, die Roboter produzieren Roboter. Das ist das Ziel.
42:30Und wann wird es soweit sein bei Ihnen?
42:33In diesem Jahr noch.
42:35Wenn man sich so anguckt, ich möchte nicht böse sein,
42:37aber an sich sind es jetzt Menschen, die daran arbeiten,
42:40sich selber abzuschaffen in der Fertigung, oder?
42:42Nein. Wir wachsen so schnell, dass wir tatsächlich im Moment eher Menschen brauchen,
42:49um unser Wachstum abzubilden.
42:51Und das in der Zukunft abzusichern, ist der Ansatz natürlich,
42:55soweit es geht, automatisiert zu sein.
42:57Achtung, bitte nicht schwarz-weiß denken.
42:59Man muss dann auch neu denken.
43:01Da wird nicht alles gleichzeitig automatisiert und nicht alles sofort.
43:05Das heißt, da wächst man mit der Sache mit.
43:08Neura will nicht weniger als einer der großen Robotikplayer der Welt.
43:12werden aus Baden-Württemberg.
43:14Aber ob diese Milliardenwette aufgeht,
43:17wird sich erst in den nächsten Jahren zeigen.
43:20Erstmal wächst die Firma weiter.
43:22Inzwischen gehören ihr zwölf Gebäude in der Straße.
43:27Im Filztal gibt es zumindest noch keinen Jobmotor der Zukunft.
43:32Michael Kocken möchte mir die Innenstadt von Geisling zeigen.
43:35Er meint, so könnte es künftig in vielen Städten aussehen.
43:40Hier ein altes, traditionelles Papierhaus.
43:43Sieht so halb zu aus.
43:46Und hier kommen wir zu weiteren zwei Läden auf der linken Seite.
43:49Alte Metzgerei, die zu hat.
43:53Kleiner Uhrenladen war das, der zu hat.
43:55Direkt gegenüber ist auch schon wieder was leer.
43:57Also, das ist also wirklich, wenn man sich das hier so insgesamt anguckt,
44:01das ist wirklich echt, ist echt viel, was leer steht.
44:04Wenn die Menschen kein Geld mehr haben,
44:07gehen die eben nicht mehr zum Metzger und eben nicht mehr zum Bäcker,
44:10sondern gehen nur noch zum Discounter.
44:11Und die sind halt nicht in den Innenstädten.
44:14Heißt zusammengefasst,
44:15wenn zu viele Jobs auf einmal verschwinden,
44:18können ganze Region wanken.
44:26Auf meiner Reise habe ich Aufbruch gesehen,
44:29aber auch Verunsicherung gespürt.
44:31Bei Menschen, die gerade nicht nur ihren Job verlieren,
44:33sondern manche auch den Glauben an eine verlässliche Zukunft.
44:37Die neuen Branchen können Arbeitsplätze schaffen, ja.
44:40Aber ob sie schnell genug wachsen, um die alten zu ersetzen,
44:43wird sich in wenigen Jahren zeigen.
44:45Untertitelung des ZDF für funk, 2017
Comments