- 7 hours ago
Category
📺
TVTranscript
00:10Mensch, Volker, da oben im Wald ist mein Flugzeug abgestürzt.
00:16Boah, das würde mich interessieren.
00:19Man hat abends in der Dorfkneipe, die es damals ja noch gab, gesessen und gequatscht.
00:24Und da kam eine Rede auf. Ach, weißt du überhaupt, was hier los war?
00:31Als ich vor 15 Jahren hier in der Gemeinde ankam, habe ich sehr viele Wanderungen in die nähere Umgebung unternommen.
00:39Und bei einer Wanderung habe ich plötzlich einen Stein entdeckt mit einer Inschrift.
00:45Und beim genaueren Betrachten las ich da etwas von einem Flugzeugabsturz einer Passagiermaschine.
00:52Der 20. April 1945, da muss ich dann doch schon stutzen.
01:04Wer ist zu dieser Zeit mit einer Passagiermaschine unterwegs gewesen?
01:08Warum ist die abgestürzt? Und vor allen Dingen, was ist mit den Insassen passiert?
01:17Es haben auch viele der Alten eigentlich gar nicht darüber reden wollen.
01:21Warum reden die Leute denn nicht drüber?
01:26Ich weiß nicht, ob ich das erzählen darf.
01:32Manche Dinge sind mit Schweigen umhüllt vergessen worden.
01:37Der 20. April ist dieser Tag, der etliches verändert hat.
02:07Ich bin 1953 geboren.
02:12Ich bin damals in West-Berlin.
02:16Ich habe dann nach der Wende hier einen Bauernhof gekauft.
02:19Und den haben wir umgebaut.
02:22Das war mal der größte Hof hier im Dorf.
02:29Später waren hier viele Leute, die aus dem Osten kamen, die flohen sind, wurden hier untergebracht.
02:33Der BG war untergebracht hier.
02:44Hier drüben ist es passiert.
02:50Genannt wird es Fliegerschonung.
02:53Weil es eine Schonung war in der Zeit, als das Flugzeug hier abstürzte.
02:59In einem Waldstück zwischen Glienig und Bukow.
03:11Von den Russen wurde das Flugzeug abgeschossen.
03:15Die sind dann abgestürzt ungefähr so, kann man sagen, so 700, 800 Meter von dem Einschuss entfernt.
03:23Im Wald, im Kieferwald.
03:29Dass das Flugzeug so tief flog, ich glaube, da waren die Leuten schon bewusst, dass sie in größter Gefahr sind.
03:36Man ist wehrlos, der Situation völlig ausgeliefert.
03:40Eine gräußige Vorstellung.
03:43Und man weiß, dass nach wenigen Sekunden das Leben beendet sein wird.
03:54Wie die Russen dann hier waren, als die ersten Panzer einringten,
04:00dann haben die Schüsse abgehoben.
04:02Und hier drüben wurde ein Stall beschossen.
04:06Wir wurden vom Bürgermeister aufgefordert, das Dorf zu verlassen.
04:12Das Dorf war leer, weil sie alle Angst hatten.
04:16Dann mussten alle raus Richtung Wald.
04:19Und das war verteilt in verschiedene Richtungen.
04:24Wir haben bitterlich geweint und uns an der Kleidung der Eltern festgehalten.
04:30Und da habe ich als Kind vier Tage lang im Wald geschlafen.
04:34Der Kanonsonner, das wurde immer so laut.
04:36Man hat es dort hier gehört.
04:45Und dann hat man das Sausen gehört und dann den Knall.
04:49Und das war dann...
04:50Wir wussten ja nicht, was das war.
04:53Wir haben uns den Knall gehört.
04:55Die alten Herrschaften haben gesagt, das war keine Bombe.
05:00Das war was anderes.
05:01Da hat sich ja keiner hingetraut.
05:03Das haben wir ja später erst erfahren, dass da ein Flugzeug abgestürzt ist.
05:07In der Ju 52 war das.
05:23Die Geschichte, die liegt hier am Boden. Auch. Auch hier. Die liegt überall in Deutschland am Boden.
05:28Und dann vergraben.
05:31Man muss eben nur...
05:32Man muss darauf zugehen und Fragen stellen.
05:36Und...
05:37Graben, ja.
05:44Ja.
05:48Brauchten wir gar nicht tief gehen.
05:51Ein Stückchen von der Außenhaut.
05:54Ganz leicht.
05:56Liegt ja jetzt hier seit fast 80 Jahren.
06:00Es ist wenig mit passiert.
06:11Manchmal ist es ein bisschen befremdlich, wie wenig die Leute mit dem Abstand der Zeit willens sind, auf die Wahrheit
06:22einzugehen.
06:23Wenn man Leute fragt, wie war es denn damals so mit dem Flugzeug oder...
06:30Ja.
06:31Da will man gar nicht drüber reden, weil man irgendwie sich schämt für irgendetwas.
06:36Und was mitgenommen hat, was man nicht gehört vielleicht.
06:40Oder...
06:41Was blieb übrig?
06:43Wo ist alles geblieben, was übrig bleibt?
06:48Die Klinecker sollen wohl viel gefunden haben.
06:53Wo wurde erzählt.
06:54Da sind viele hingebildert.
06:57Und die kamen aus alle Richtungen.
06:59Die sind dann da hin, die Kinder aus dem Dorf, und haben sich da Teile geholt.
07:03Ja, die sollen da irgendwie Schmuck und Geld irgendwie denn...
07:09Äh...
07:10Noch...
07:10Geklaut haben eben nicht.
07:13Aber wir von Glienic hier, also...
07:16Von hier hat's keiner was geholt, von hier.
07:18Da gab's Geld kofferweise.
07:22Die deutsche Reichsmark.
07:24Die ersten, die da waren beim Absturz, die haben wohl Geld da und Uhren und sowas alles sich angeeignet.
07:34Namen möchte ich nicht erwähnen.
07:35Es gibt einen Zettel, der ist wohl auch in Dahme im Museum, wo drauf steht, dass eine Kassenmitarbeiterin der Sparkasse
07:41in Dahme aufgeschrieben hat.
07:43Heute waren viele Leute aus Glienic in der Währungsunion zum Geldtauschen und die hatten alle angebranntes Geld.
07:50Wird erzählt, aber ob das nur stimmt.
07:53Es ist immer ein bisschen Wahrheit dabei, das ist klar.
07:56Das hätte auch keiner, glaub ich, gesagt.
08:00Wenn jemand was davon genommen hat oder irgend so was, also...
08:04Also ich hab gesehen, hab ich Schlittschuhe, weiße Damenschlittschuhe und ein Kinderwagen da in dem Baum.
08:12Und jetzt später hat noch einer so eine Taste gefunden von Saxophon nach der Wende.
08:20Sind sie ja da auch noch gucken gegangen, da war ich auch nicht.
08:33Das ist ein Eimer, da sammle ich die Teile, wenn ich hier bin.
08:37Meistens sind es Teile der Außenfläche.
08:41Hier ganz schön sieht man die Struktur von dem Flugzeug, von der Flugzeugoberfläche.
08:48Das sah aus wie Wellblech.
08:52Aber auch hier, Umlenkhebel, über irgendeine Welle, kippte denn etwas, wohl Seilzügeverlänger,
09:01also Schiebestangen bewegt, stelle ich mir so vor.
09:21Das ist das gute Stück.
09:25Da, da ist noch die Luft drinnen von früher, 1945.
09:30Hat doch nicht eh immer aufgebompt.
09:36Wir haben das Rad geholt und die anderen, die haben dann auch die Flügel und sowas alles geholt.
09:40Ich habe da noch Bilder gesehen aus Buko, da wo Leute sich diese Aluminiumhaut des Flugzeugs geholt haben
09:48und da halt die Kanickelstelle mit entdeckt haben und mit beschlagen haben.
09:54Und das hat gehalten wahrscheinlich bis heute.
09:57Und das Rad hat mein Vater dann immer genommen am Flug.
10:01Es gab ja nichts nach dem Krieg.
10:03Am Flug gemacht und dann wurde eben das Acker mitbestellt.
10:22Mein Sohn hat die Pistole gefunden hier.
10:28Eines Tages kam man nach Hause, da guckte man, hab ich beim Flugzeug gefunden.
10:46Was löst das aus? Ja, irgendwie ein Stück Demut.
10:51Also mein Vater war Kind im Ersten Weltkrieg und im Hunger groß geworden.
10:55Im Zweiten Weltkrieg konnte er als Sanitäter arbeiten.
10:58Er war in Russland viel, lange in Kiew.
11:01Und wenn ich Feldpost lese von ihm heute, dann bin ich erschüttert.
11:07Wenn ich lesen muss das, wenn die Russen kommen, Gnade euch Gott.
11:12Wenn die das mit uns tun oder mit euch tun, der war ja noch weg von zu Hause.
11:18Also was wir mit ihnen getan haben, ja. Also es ist...
11:39Mit dem bolschewistischen Massenansturm aus dem Osten ist für den Volkssturmsoldaten die Stunde der Bewährung da.
11:45Bekleidungskammern und Waffenarsenale werden geöffnet.
11:49Die Bataillone des Volkssturms sind zum Einsatz bereit.
11:53Ich war ja 14 Jahre alt.
11:56Ich war 14.000 Wehrersüchtigungen, wurden wir ausgebildet.
12:03Und sollten am 20. April abgeholt werden.
12:07Wir waren 15 junge Leute.
12:09Ich war der Jüngste mit 14, die anderen waren 15 und 16.
12:13Wir sollten alle nach Berlin hoch.
12:17Ich bin der Heinz Schmidt aus Bucco, geboren am 31.12.1930.
12:25Ein Silvester, Schatz. Aber das war keiner.
12:31Wir waren Eltern dafür eingetrimmt, dass wir den Endsicht noch erringen.
12:39Gut war mir nicht zumute. Ich hab ja gewusst, was kommt.
12:43Wir wurden ja ausgebildet und wurden ja eingetrimmt zu dieser Sache,
12:46was wir für ein Vaterland zu kämpfen haben.
12:51Ihr seid die Letzten, die jetzt noch was bewältigen können.
12:56Ich war angezogen und fertig zum Abholen.
13:02Die Russen kamen gerade an meinem Geburtstag, 20. April 1945.
13:11Dass es hier in der Nähe war, das hat man ja am Grollen der Kanonenwolle gehört.
13:20Früh wollten sie mir eine Torte backen, aber da ist ja nichts mehr draus geworden,
13:24weil wir dann abmusten im Wald.
13:28Es war mein Glück persönlich, dass der Russe so dicht dran war.
13:32Die haben die Möglichkeit nicht mehr gehabt, mich abzuholen.
13:36Und von den 15 Leuten sind vier übrig geblieben.
13:50Es wurde also nicht viel darüber erzählt.
13:53Es sind ja im Wesentlichen Alte, die das noch erlebt oder mitgekriegt haben.
13:57Die trauen sich auch nicht, darüber zu reden.
14:01Mein Name ist Gerhard Grün und ich lebe als Ortskundist in Glienic.
14:07Geboren bin ich in Berlin 1940, mitten im Krieg.
14:11Mein Vater war im Krieg gefallen.
14:17Früher hatte das Dorf ja eine Kneipe und da wurde nach dem, weiß ich, elften Bier oder so, durchaus mal
14:24gequatscht.
14:26Nämlich da ist ein Flugzeug abgeschossen worden und das war das letzte, was aus Berlin als Linienflugzeug aus Berlin-Tempelhof
14:32gestartet war.
14:39Aber wer war an Bord? Wer schafft es in einer brennenden Stadt, die schon am Untergehen ist, da das letzte
14:46Flugzeug zu ergattern?
14:49Wer kommt da rein?
14:51Ich glaube, ich werde da kein Ticket für bekommen in einer solchen Situation.
14:55Und die Leute, die an Bord waren, waren privilegiert.
14:58Auf jeden Fall war irgendwelche Prominenz dabei, die ja aus Berlin raus wollten, aus welchen Gründen auch immer.
15:0620. April war ja auch noch der Geburtstag Hitlers gewesen.
15:09Weiß ich nicht, ob der gefeiert wurde, wenn denn sicherlich sehr gespenstisch an dem Tag.
15:15Das Geschenk des deutschen Volkes zum Geburtstag Adolf Hitlers war ein einziges Bekenntnis der Treue zum Führer,
15:21des festen Willens zum Kampf und unbeugsamen Widerstand bis zum Sieg.
15:28Und irgendjemand erzählte mal, dass direkt vor einer Geburtstagsfeier wohl welche nach Tempelhof sind.
15:37Behaupte ich immer noch, und da haben sie zu mir schon oft ein Vogel gezeigt, ich lache immer wieder, vielleicht
15:44war Adolf Hof mit drin.
15:59Das Flugzeug ist abgestürzt und es sind ja auch welche gestorben und die mussten ja dann beerdigt werden.
16:05Na ja, im Wald haben sie ja nur da verscharrt, regelrecht.
16:10Ich glaube, das war der Bürgermeister damals. Der kam zu meinem Vater und hat gesagt, Gerhard, kannst du mal?
16:17Die liegen da und die müssen rausgeholt werden und die müssen auf dem Friedhof richtig beerdigt werden.
16:27Ich bin Katrin Misser, wohne in Glienegg. Ich kann nur so erzählen, wie ich es von meinem Vater weiß.
16:33Mein Vater, der ist ja gerade aus dem Krieg gekommen. Er war ja in Russland.
16:36Der kam dann aus dem Krieg und da musste er auch gleich ran.
16:43Und mein Vater, der hat eine Kutsche gehabt und Pferde, aber die Pferde sind nicht rangegangen,
16:48da mussten sie den Ochse ran spannen, weil das gestunken hat.
16:52Die haben ja schon ein bisschen verliehen.
16:59Die hatten Uniform an, ja, und das waren feine Frauen. Die waren fein gekleidet.
17:04Da waren angeblich auch Frauen und Kinder dabei, die ausgeflogen wurden.
17:09Doch, Frauen waren da mit bei, hat er zählt. Doch.
17:13Jetzt wir.
17:16Da sind mein Vater hingefahren und der hat die dann aufgeladen, die Leichen, die Toten.
17:21Ich war dann hier auf dem Friedhof und dann weiß ich noch, wie sie die Toten noch geholt haben
17:31und hier auf dem Friedhof beigesetzt haben.
17:37Da war kein Kriegskrab, da war kein Kreuz, da war nichts.
17:40Das war so für mich dann, das kannst du nicht so lassen.
17:44Mein Name ist Wolfgang Glüppel. Ich wohne seit meiner Geburt im Nachtbarort von Glienic und war von 1990 bis 2019
17:52ehrenamtlicher Bürgermeister der Gemeinde.
17:55Meine Mutters Flüchtling, kommt aus Lettland, hat den ganzen Track zu Fuß mit ihren Eltern, mit ihren Geschwistern durchgemacht, hat
18:02auch viele schlimme Sachen gesehen.
18:07Ihr Bruder ist vermisst in der Kesselschlacht von Schalkassi und ich weiß nur, dass an verschiedenen Sonntagen hat meine Mutter
18:13immer eine Portion mehr gekocht.
18:18Falls der Walter kommt, das war ihr Bruder und sie ist dann nach dem Essen in Richtung Garten gegangen.
18:24Von da aus konnte man den Weg sehen.
18:30Sie hat das nie verwunden.
18:36Darum war mir das wichtig, dass wir diese Tafel dort hinstellen.
18:40Und ich habe mir immer gewünscht, dass jedes Jahr ein neuer Namen dazu kommt, wo Angehörige Gewissheit haben,
18:45aha, in diesem Flug am 20.04.1945 war mein Angehöriger drin und ich weiß jetzt, wo er liegt.
18:59Eines Tages stand ein älterer Herr bei mir im Büro und stellte sich vor, sein Name ist Kurt Runge.
19:051998, 1999, ich weiß es nicht genau, kam plötzlich jemand ins Dorf und sagte, er sei ein Überlebender des Flugzeugabsturzes.
19:14Da sagten alle, wie, wo, da oben war keiner, die liegen alle in der Klinik.
19:21Dichens Erfahrung
19:21Davon
19:21Dichens
19:21Dichens
19:48Dicheng Wirk
Comments