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00:00Sie sind schön, sie sind klug und sie sind Tatarinnen, Firdisa und Elmira.
00:40Ihre Mission, die Traditionen bewahren und mit ihnen selbstbewusst in die Zukunft gehen.
01:22In mitten sanfter Hügel zwischen Volga und Karma erstreckt sich Tatarstan.
01:28Eine autonome Republik der Russischen Föderation, 800 Kilometer östlich von Moskau.
01:38Früher waren sie hier alle Sowjetbürger. Dass die meisten der Bewohner zum Turkvolk der Tartaren gehörten, mit eigener Sprache, Kultur
01:48und Tradition,
01:49war zu kommunistischen Zeiten kein Erbe, das es zu bewahren galt.
01:53Doch selbst damals feierten die Tartaren einmal im Jahr ihr schönstes und wichtigstes Fest, das Sabantui.
02:06Vier Tage vor dem Fest allerdings scheint alles noch ruhig zu sein.
02:11Doch gegen neun Uhr erklingt vom Marktplatz vor der Moschee die Melodie eines Akkordeons.
02:25Eine bunte Truppe zieht durchs Dorf. Und es ist Elmira Sibgatova, die sie tanzend und singend anführt.
02:33Heute werden für das bevorstehende große Fest Geschenke gesammelt.
02:40Firdisa Bakirova hingegen bleibt auf Abstand. So entgeht ihr kein noch so winziges Detail.
02:59Heute ist ein Festtag und das ist so berührend für uns. Dann diese Aufregung und all unsere Gefühle. So ist
03:06es dann.
03:12Alle wissen, dass Sabantui ist ein traditionelles Fest der Tatare. Und beim Sammeln der Geschenke ist das Wichtigste, das Gefühl,
03:21zusammenzugehören.
03:23Eine Gemeinschaft zu sein, in der jeder einen Beitrag leistet, einbezogen ist.
03:30Es vereint die Menschen und das ist der Sinn dieses Festes.
03:37Der festliche Umzug für das Sammeln der Geschenke ist erst der Auftakt.
03:43In vier Tagen zum Fest selbst werden sie als Preise an die Gewinner der verschiedenen Wettbewerbe vergeben.
03:49Als Dank für die Spender im Dorf tanzen und singen die Jungen und Mädchen.
03:57Rap und Pop ist ihnen normalerweise näher. Deshalb hilft Elmira ihnen in Sachen Volksmusik.
04:06Ich arbeite in der Abteilung für Jugendsport und Tourismus direkt mit Jugendlichen.
04:11Und meine Aufgabe ist es, Traditionen zu erhalten. Die jedoch sind bei den Älteren verwurzelt.
04:18Deshalb versuche ich, die Jungen zu aktivieren und sie hier zu unterstützen.
04:34Tatarische Folklore, Singen und Tanzen lernte Elmira als kleines Mädchen.
04:40Geboren als Tatarin, musste sie jedoch erst lernen, was es heißt, eine zu sein.
04:46Aufgewachsen ist sie in der Stadt und mit Russisch.
05:00Das ist das Heimatdorf meiner Schwiegermutter und die Traditionen hier sind sehr stark.
05:08Vieles ist immer wieder neu für mich und ich bin voller Respekt.
05:13Ich nehme das alles mit Freude auf, denn das sind die Wurzeln.
05:17Sie fließen im Blut meiner Kinder und ihnen will ich sie vermitteln, zeigen, davon erzählen.
05:29In den tartarischen Dörfern haben die Alten die Traditionen gehütet. Selbst in den Sowjetzeiten.
05:39Elmira hat erst als Teenager tartarisch erlernt. Die Musik wurde ein Schlüssel zur Tür ihrer Vorfahren.
05:49Lieder haben die Kraft, dass man durch sie mehr versteht.
05:53Man begreift den Sinn hinter den Worten, ihre moralischen Werte. Das steckt alles in den Liedern.
06:01Früher hörten wir mehr ausländische Musik, ausländische Bands, Pop, Schlager. Aber jetzt höre ich bewusst tartarische Klassiker.
06:25Wie Elmira wuchs auch Firdisa in der Stadt auf. In der Sowjetunion wurde vor allem in den Städten Tatarstans Russisch
06:33gesprochen.
06:34Hätte die Großmutter auf dem Dorf mit ihr nicht tartarisch gesprochen, Russisch wäre ihre einzige Muttersprache geblieben.
06:41Vielleicht kam sie deshalb auf die Idee, alles festzuhalten, damit es niemals abhanden kommt.
06:51Womit ich mich beschäftige, hilft unsere Traditionen am Leben zu erhalten.
06:59Ich zeige die Vergangenheit und ich zeige die Gegenwart.
07:04Ich denke, wenn die Menschen dann sehen, dass die Traditionen lebendig sind, wird es sie interessieren und es wird sie
07:12berühren.
07:16Viele Instrumente gibt es nicht dafür. Aber Instagram. Ich habe zwei Accounts und der eine heißt Savhava. Das ist tartarisch
07:27und heißt frische Luft.
07:34Seit es die Sowjetunion nicht mehr gibt, sind viele Tartaren wieder mit dem Islam verbunden, so wie es für sie
07:40Jahrhunderte Brauch war.
07:42Früher hielten einige der alten Frauen hier im Dorf den Koran verborgen.
07:46Gebetet haben sie heimlich, hinter verschlossenen Türen.
07:51Firdisa und Elmira sind praktizierende Musliminnen.
07:55Als Tartarinnen gehört der Glaube zum Leben, wie die Familie, die Traditionen und ihr beruflicher Ehrgeiz.
08:06Der größte Traum ist natürlich, gesunde, glückliche Kinder heranzuziehen. Das ist mein Traum als Mutter.
08:16Als eine Frau, die sich selbst verwirklichen will und ihre Heimat liebt, träume ich davon, unseren Ort, Rebnaja Sloboda, zu
08:25einem Magneten für Touristen zu machen.
08:32Dafür geht Firdisa ganz eigene neue Wege. Um ans Ziel zu gelangen, braucht die 42-jährige Courage und einen langen
08:41Atem.
08:42Immerhin hat sie ein Auto, das ihr gehört und das sie selbst fährt.
08:47Nach dem Gebet und dem gemeinsamen Essen machen sich Elmira und Firdisa schleunigst auf den Rückweg in die Stadt.
08:54Bis zum Sabantui ist jede von ihnen im Dauereinsatz.
09:04Nach dem feierlichen Geschenkesammeln wartet das Dorf gespannt auf den kommenden Sonntag, wenn auf der großen Wiese das wichtigste Fest
09:13des Jahres stattfindet.
09:18Rebnaja Sloboda, ein Ort, der sich um das Ufer des mächtigen Flusses Kama schlängelt.
09:24Hier leben Firdisa und Elmira mit ihren Familien.
09:29Über die Grenzen der Region ist die Stadt wenig bekannt. Für Firdisa nur eine Frage der Zeit.
09:41Anfang des Jahres hat sie ihre Festanstellung als Marketingexpertin im Tourismus an den Nagel gehängt und sich in die Selbstständigkeit
09:50gewagt.
09:50Ein außergewöhnlicher Schritt. Denn Unternehmerinnen, obendrein in der Provinz, sind rar in Tatarstan.
09:59Doch Firdisa glaubt daran, mit individuell zugeschnittenen Touren Besucher zu gewinnen, die die Region auf neue Art erkunden wollen.
10:07Kulinarisch, ökologisch oder auf muslimische Art und Weise.
10:16Da ich mich zum Islam bekenne, ist mir diese Idee am nächsten.
10:21Und in Tatarstan ist das noch eine Nische, die ich rechtzeitig besetzen möchte.
10:27Und zwar mit meinen Halal-Touren und Exkursionen.
10:40Dafür sucht sie Orte und Menschen, die Besuchern die tartarischen Traditionen ihrer Heimat vermitteln können.
10:47Assalamu alaikum.
10:51Marat ist eigentlich Elektriker.
10:54Vor einem halben Jahr hat er angefangen, abends Brot zu backen.
10:58Entdeckt hat Firdisa es in einem Lebensmittelgeschäft, das sich auf Halal, das heißt den Geboten des Islam entsprechenden Produkten spezialisiert
11:06hat.
11:10Nun will sie sich mit eigenen Augen überzeugen, ob die Backstube auch für Besucher interessant sein könnte.
11:26Wenn Touristen kommen, dann könnte man es ihnen zeigen.
11:30Vielleicht für zwei bis drei Personen.
11:33Sie wären im Hotel untergebracht und man könnte ihnen hier etwas Besonderes, Einheimisches zeigen.
11:41Würden Sie das machen?
11:43Das wird auch bezahlt.
11:47Das geht nur, wenn ich hier fertig bin.
11:49So Gott will.
11:51Hier geht es so nicht. Es ist nicht schön genug hier.
11:54Ah, verstehe, verstehe.
11:56Machen würde ich das schon, aber momentan habe ich keine Zeit.
12:00Aber einen Workshop könnten sie doch machen.
12:06Marat, der strenggläubige Hobbybäcker, ist ob der Touristenströme weniger enthusiastisch als für Firdisa.
12:17Besonders attraktiv für individuelle Touren ist momentan, wenn die Möglichkeit besteht, Familien an solche Orte zu bringen.
12:25Es gibt eine Nachfrage, das alltägliche Leben auf dem Land kennenzulernen.
12:30Danach bin ich ständig auf der Suche.
12:33Also drehe ich erst einmal, wie traditionelles Brot gebacken wird im Ofen und veröffentliche es, damit Leute es sehen und
12:41davon erfahren.
12:44Orte wie diese überhaupt zu finden, ist nicht leicht.
12:47Und einen konservativen Mann wie Marat für etwas Neues zu gewinnen, kein Kinderspiel.
12:53Doch Firdisa ist Teil dieser Gesellschaft und trifft mit den Storys, die sie über die Traditionen und Gebräuche ihrer Heimat
13:00postet, einen Nerv.
13:01Mehr als 4.600 Abonnenten folgen ihr. Die meisten sind Frauen.
13:08Die Backstube veröffentliche ich heute nicht mehr. Das wäre für einen Tag einfach too much.
13:18Außerdem will ich noch zusätzlich etwas machen.
13:22Wenn ich den Film schneide, mische ich noch Musik drunter.
13:25Vielleicht muslimische Musik. Oder ich mache eine weltliche und eine muslimische Variante.
13:38Welche Rolle Traditionen heute spielen, weiß Firdisa aus eigenem Erleben.
13:44Als Marketing-Expertin wollte sie es genauer wissen.
13:53Ich habe Traditionen als Produkt bewertet, eine SWOT-Analyse gemacht.
14:02Stärken, Schwächen, was genau ich als Stärke aus diesem Produkt ziehen kann.
14:10Und ich habe begriffen, dass wir mit unserer Kultur und mit unseren Traditionen für Menschen in anderen Regionen und für
14:18Ausländer interessant sind.
14:31Noch sind es drei Nächte bis zum Sabantui in Rübner-Jaslobodar.
14:38Seinen Ursprung hat das Fest in vorislamischer Zeit und wurde damals vor der Aussaat gefeiert.
14:45Die sowjetischen Behörden allerdings entschieden es nach der Aussaat zu feiern und verlegten es in den Juni.
14:52Dabei blieb es.
15:04Am nächsten Morgen, auf dem großen Festplatz in Rübner-Jaslobodar.
15:09Langsam steigt hier die Anspannung. Bis Sonntag muss alles fertig sein.
15:15Um 10 Uhr ist Firdisa mit Elmira verabredet, die für die Organisation des Mega-Events zuständig ist.
15:27Vor dem Fest wollen wir den Ort aussuchen, an dem während des Sabantui lokale Kunsthandwerker ihre Produkte präsentieren können.
15:35Es werden viele Besucher erwartet. Und deshalb ist es wichtig, dass sie sichtbar sind und gut platziert werden.
15:46Elmira und Firdisa sind überzeugt. Interesse erzeugt Nachfrage und hilft, dass tartarisches Kunsthandwerk auch ökonomisch überleben kann.
15:57Eine Voraussetzung, ihre Traditionen langfristig zu bewahren.
16:07Entschuldige meine Verspätung.
16:11Elmira koordiniert die Platzverteilung auf dem riesigen Areal.
16:15Und da trifft es sich gut, dass beide einander bestens kennen.
16:20Ich bin schnell, habe Unternehmergeist und eine leichte Auffassungsgabe.
16:24Ich kenne eine Menge Leute. Das ist ein großes Plus. Und ich bin kommunikativ. Das hilft mir.
16:31Ich versuche in die Projekte eine neue Entwicklung zu bringen, eine neue Perspektive.
16:37Für einige Projekte arbeiten Firdisa und ich zusammen. Oft telefonieren wir deswegen sogar in der Nacht miteinander.
16:44Es gab Projekte, die ich von ihr damals übernommen habe, die ich fertig gemacht habe. Das war überhaupt kein Problem.
16:50Für uns passt das.
16:51Es ist ein großes Problem. Es ist uns komfortabel. Sie sagen, dass ihr telefoniert. Und er wird bereit, dass er
16:58ein anderes Gespräch wird.
16:59Es ist ein Sekret. Ja, ja, ja.
17:03Ja, ja, ja, gut.
17:06Ginge es nach Elmira und Firdisa, hätten sie alles längst besprochen. Wäre da nicht Elmiras Chef.
17:13Er ist derjenige, der hier das letzte Wort hat. Nach einigem Hin und Her ist auch er überzeugt.
17:20Die Stände für die lokalen Kunsthandwerker sollen so aufgebaut werden, wie von Elmira und Firdisa vorgeschlagen.
17:27Wenn die beiden etwas wollen, selbst bei winzigen Details, finden sie immer einen Weg, ans Ziel zu kommen.
17:40Für Firdisa geht es weiter, ans andere Ende der Stadt. Für eine neue Instagram-Story.
17:48Ich bekomme Feedback auf das, was ich bei Instagram poste. Das inspiriert mich, denn es sind sehr schöne Reaktionen.
17:55Hater gibt es zum Glück keine. Gesehen wird es von Menschen, die von hier kommen, aber auch von Fremden.
18:04Wer von hier stammt und weggezogen ist, nach Kazan oder in eine andere Stadt, den macht es nostalgisch.
18:12Sie bedanken sich, dass ich ihnen ermögliche, in die Atmosphäre ihrer Heimat einzutauchen.
18:20Fremde, die zum Beispiel eine schöne Landschaft sehen, fragen, wo ist das? Wie kommt man dort hin?
18:27Denen biete ich eine Tour an.
18:30Und die Reaktionen auf die Sabantui-Vorbereitungen im Dorf?
18:34Viele erinnert das an ihre Kindheit. Sie wollen kommen, daran teilnehmen.
18:40Es ist genau das, was ich brauche.
18:44Es ist genau das, was ich brauche.
19:12Einmal in der Woche treffen sich diese Tatarinnen, um gemeinsam traditionelle Handarbeiten zu machen.
19:19Fatima, die Leiterin, hat sie überredet, sich auf Ferdisa einzulassen. Zögernd willigten die Frauen ein.
19:28Jetzt werde ich beginnen, sie aufzunehmen.
19:36Ferdisa spricht mit den Frauen Tatarisch. Zurückhaltend, aber freundlich lassen sie sie in ihrem Kreis zu.
19:46Unsere Kinder, alle sollen sehen, womit sich hier beschäftigt wird, wo Kreatives entsteht.
19:53Die Geschichte der Tartaren ist eine sehr reiche Geschichte. Das dürfen wir nicht vergessen.
19:58Daran müssen wir erinnern. Und all das, womit man sich in der Vergangenheit beschäftigt hat, von all dem sollten unsere
20:04Kinder wissen.
20:10Einige der Frauen leben allein. Hier zusammenzukommen, ist eine wichtige Verbindung zur Außenwelt.
20:20Und wenn sie gefragt werden, erzählen sie.
20:26Ein Sohn ist Lehrer, der andere ist in Kazan, arbeitet dort. Die Schügertochter ist zu Hause, kümmert sich um die
20:33Kinder. Sie haben vier.
20:37Geduld und ihr aufrichtiges Interesse an dem, was diese Frauen können, hilft Ferdisa, mit ihnen trotz aller Skepsis ins Gespräch
20:45zu kommen.
20:49Es geht mir wie allen Pionieren. Ich sehe mich mit denselben Schwierigkeiten konfrontiert.
20:57Ich glaube, dass das, was ich mache, richtig ist. Dass ich etwas Gutes tue.
21:02Aber ich weiß auch, dass meine Arbeit erst später gewürdigt wird.
21:08Ich blicke in die Zukunft, habe eine andere Perspektive, einen weiteren Blick.
21:13Und deshalb verstehe ich, wenn ich bei den Einheimischen auf Widerstand treffe.
21:19Sie skeptisch sind, fragen, was das soll, wer das braucht.
21:25Ihnen fehlt der Abstand, um das Besondere zu sehen.
21:28Sie stecken zu sehr drin.
21:31Doch dieser Widerstand hält mich nicht auf.
21:34Ich habe keine Angst.
21:40Furchtlos stellt sich auch Elmira ihrem täglichen Programm.
21:44Sie muss den Kindern, dem Ehemann, dem Haushalt und ihrem Job als diplomierte Psychologin gerecht werden.
21:51Auch vor dem Sabantui.
21:55Die letzten drei Wochen habe ich praktisch nur gearbeitet.
21:59Wir sind die Organisatoren des Sabantui.
22:01Da ruht sich niemand aus.
22:03Wir wollen das so professionell und schön machen, wie nur irgend möglich.
22:07Alle Besucher sollen zufrieden sein.
22:09Darum legen wir uns so ins Zeug.
22:12Ich verbringe wirklich viel Zeit auf der Arbeit, bin praktisch nur zum Schlafen zu Hause.
22:18Ja, aber heute musste ich mir unbedingt Zeit für meine Kinder nehmen.
22:22Ich habe mich im Büro entschuldigt, denn das hier ist sehr wichtig.
22:26Denn zum Sabantui gehört es, dass man am Festtag neue Kleidung trägt.
22:32Und die Kinder wären sehr traurig, wenn wir das dieses Jahr nicht gemacht hätten.
22:39Schuhe haben wir schon gekauft.
22:41Nun fehlen nur noch Hemden.
22:46Seit dem Studium war Elmira fest entschlossen, Karriere zu machen.
22:51Als die Kinder kamen, entschied sie mit derselben Konsequenz, das zu tun, was sie von sich als Tatarin erwartete.
22:58Sie hängte ihren Beruf an den Nagel und folgte ihrer Berufung als Mutter und Hausfrau.
23:10Tatarinnen sind sehr bescheidene, maßvolle, aber gleichzeitig auch ziemlich temperamentvolle Mädchen.
23:18Sie sind nett, sehr gastfreundlich, sie lachen gern.
23:24Sie kochen sehr gut, sind sehr liebevolle Mütter und an erster Stelle steht für sie ihr Ehemann.
23:33Sie helfen ihm, diese Position auszufüllen, inspirieren ihn mit allem, was in ihrer Kraft ist.
23:43Ein Ideal, an dem die 34-Jährige fast zerbrochen wäre.
23:48Die beiden Söhne stellen die Geduld ihrer Mutter auf die Probe.
23:56Doch am Ende gelingt es ihr, sie mit neuen Hemden für das Sabantui glücklich zu machen.
24:04Nehmen wir sie? Gehen wir bezahlen? Los geht's!
24:15Im eigenen Auto unterwegs zu sein, ist für eine Frau in der Provinz nicht selbstverständlich.
24:21Nur wenige können es sich leisten. Nicht allen wäre es erlaubt.
24:29Ferdisa ist endlich zu Hause.
24:32Nach ihrem Besuch bei den Frauen des Nähclubs war sie noch auf einem Öko-Campingplatz.
24:37Schnell postet sie die letzten Storys.
24:47Ähnlich wie für Elmira änderte sich auch Ferdisas Leben mit der Schwangerschaft und der Geburt ihres zweiten Kindes.
24:59Es ist ungefähr zehn Jahre her und ich habe damals ganz bewusst Ramadan gehalten.
25:07Danach habe ich für mich entschieden, dass ich von nun an mein Haar bedecken will.
25:13Und ich hatte den Vergleich vorher, nachher.
25:18Ich wusste, wie es vorher war und wie ich mich als praktizierende Muslimin fühle.
25:26Ich fühlte mich viel ruhiger, sicherer.
25:30Ich bedauere diese Entscheidung keinen Moment.
25:33Sie hilft mir sehr in meinem Leben.
25:42Ferdisa ist damals 32.
25:45Mit ihrem Anglistikstudium und einem Wirtschaftsabschluss macht sie in der Hauptstadt Kazan Karriere und verliert sich dabei Stück für Stück.
25:55Es gab da diese Momente.
26:03Vermutlich hing es damit zusammen, dass ich so viel gearbeitet habe, in vielen Stresssituationen war und dann kamen diese depressiven
26:10Momente.
26:14Und ich werde dieses eine Mal nicht vergessen.
26:17Es war noch vor der Geburt meines Sohnes.
26:23Und da kam dieser Stress in mir wieder hoch.
26:26Die Depression.
26:30Ich war noch gar nicht vor der Moschee, sondern ging einfach durch die Stadt.
26:35Aber dann stand ich vor der Tür der Moschee.
26:38Ich ging zur Tür, legte meine Spende, den Sadaka in die Box.
26:43Gewöhnlich steht der Kasten gleich neben der Tür.
26:49Ich legte also die Spende dort hinein und betete, mein Leben möge sich zum Besseren wenden.
26:57Ich habe dort geweint.
27:01Und ich glaube, er hat mich erhört.
27:10Seitdem lebt sie nach den Geboten des Koran.
27:14Familie und Beruf sind für Ferdisa wieder sicher und am gewünschten Platz.
27:40Heute ist es soweit.
27:44Jetzt beginnt für Elmira der Festtag der Tartaren, das Sabantui.
27:49Aber bevor das Leben über sie hereinbricht, hat sie gelernt, innezuhalten.
27:55Wenigstens für eine kurze Zeit.
28:01Es gab da diesen Augenblick.
28:04Ich hatte gerade entbunden.
28:05Da war das Kind.
28:07Ich war ungekämmt, hatte kein eigenes Leben mehr.
28:09Keine Freunde, keine Freizeitaktivitäten.
28:12Keine Choreografie.
28:15Ich mochte mich nicht.
28:17Mein Körper hatte sich nach der Schwangerschaft verändert.
28:19Ich war eine andere.
28:21Das Kind weint, er hat Koliken.
28:24Du lebst nur noch für das Baby, schläfst nicht mehr.
28:31Ich erlosche emotional und steckte wirklich in einer Krise.
28:35Und da sagte ich, halt, Elmira, was ist los mit dir?
28:42Du bist deprimiert.
28:46Was sind deine Ziele für die Zukunft?
28:49Gibt es diese Ziele überhaupt?
29:04Und ich habe meinem Mann gesagt, dass ich etwas unternehmen muss.
29:08Ich begann wieder zu arbeiten, war gesellschaftlich aktiv, kam schnell wieder in Form, verlor Gewicht.
29:16Ich wollte wieder in meine Konzertkleider passen, wieder auf der Bühne stehen.
29:24Ich wurde wieder ich selbst.
29:26Ich habe getan, was mir Freude bereitet.
29:29Und das hat mir aus der depressiven Verfassung geholfen.
29:35Und ich finde, eine Frau, jeder Mensch muss sich eine Stunde am Tag für sich selbst reservieren, um mit sich
29:43sein zu können.
29:43Ich weiß, dass mir das sehr wichtig ist.
29:53Dichte Wolken über Rübnaja Slobodar.
29:56Doch die schrecken vor dem großen Fest niemanden.
30:01Wenn die Tataren Sabantui feiern, wird das Wetter zur Nebensache.
30:09Ja, mit dem Wetter ist das so eine Sache.
30:13In einem Moment scheint die Sonne, im Moment regnet es.
30:17Aber ich denke, wenn es nicht so stark regnet, wird das kein Problem sein.
30:22Es gab ein Jahr, da trugen alle Leute Regenmäntel und Schirme, aber sie sind zum Fest gekommen.
30:34Dann reißt es auf.
30:37Und aus dem blank geputzten Himmel trudeln die ersten Sensationen.
30:42Aufgeboten wird zum größten Fest in der Region einfach alles.
30:47Alte Traditionen wie das Pferderennen haben sich zum Derby gemausert.
30:51Doch es wird getanzt, gesungen, um die Wette gelaufen und Kräfte gemessen.
30:59Mit Spannung verfolgt das Kuresh, der traditionelle Ringkampf der Tataren.
31:10Ein riesiges Spektakel, das heute eher einem Jahrmarkt gleicht.
31:19Ferdisas große Tochter Dina ist extra aus Kazan gekommen.
31:23Geduldig begleitet sie ihre Mutter.
31:26Doch eigentlich wartet sie darauf, dass sie später mit der ganzen Familie ans Ufer der Kamer gehen.
31:35Dann sind die Posts endlich im Netz.
31:37Und sie können wie jedes Jahr gemeinsam feiern.
31:41Bis dahin allerdings dreht Ferdisa eine Story nach der anderen.
31:54Gegen 11 Uhr ist es für Elmira Zeit, die Rollen zu wechseln.
32:00Von der taffen Organisatorin zur Künstlerin.
32:06Soll ich die Lippen nachschminken?
32:10Passen die Ohrringe?
32:13Kurz vor dem Auftritt noch eine letzte Probe.
32:25Wir haben uns intensiv auf diese Veranstaltung vorbereitet und es ist das erste Mal, dass wir mit diesem Lied auf
32:30der Bühne stehen.
32:31Wir treten als Fünfter auf und sind etwas aufgeregt, aber wir können die Choreografie und freuen uns.
32:38Und nun die Frauengesangsgruppe aus dem Kulturhaus in Röcknaya-Sloboda unter der Leitung von Rassima Saripi.
33:05Noch ahnen sie nicht, was sich wenige Kilometer entfernt zusammenbraut.
33:28Die gesamte Wucht der Natur entlädt sich über der Festwiese und bereitet dem Sabantui ein unvorhergesehenes Ende.
33:44Traurig bin ich nicht.
33:45Als die Leute plötzlich weggerannt sind, dann die Musik abbrach, da war schon klar, es ist vorbei mit dem Fest.
33:51Aber ich bin trotzdem nicht traurig.
33:57Wir haben uns sehr lange darauf vorbereitet und dank dieser Vorbereitung glaube ich, es war trotzdem ein gelungener Feiertag.
34:14Gegen Nachmittag klart es auf.
34:20Im Garten hinter dem Haus lässt Ferdisa mit ihrer Familie den Festtag ausklingen.
34:28Plötzlich ist es so windstill, als bräuchten die Naturgewalten Ruhe nach ihrem großen Auftritt zum Sabantui.
34:43Während die Frauen das Essen zubereiten, kümmert sich der Mann ums Feuer.
34:51Es war wirklich beängstigend. Es dauerte so lange, das Unwetter hörte gar nicht auf, als würde es nie enden.
34:58Aber dann ist alles gut ausgegangen und jetzt können wir uns gemeinsam an den Tisch setzen.
35:06Später erwarten sie noch Verwandte, um das Sabantui gemeinsam zu feiern.
35:16Elmira hingegen ist kurz entschlossen mit ihrer Familie ins Heimatdorf ihres Mannes gefahren, um hier, wie alle anderen Besucher auch,
35:25Sabantui zu feiern.
35:26Hier begann das Fest erst am Nachmittag und es ist kein einziger Tropfen gefallen.
35:33Also, es wird eine Menge los sein. Dann Zuckerwatte. Wir werden Verwandte treffen, hoffentlich auch viele Freunde und Bekannte. Denn
35:43wenn man arbeitet, ist das nicht möglich.
35:50Stolz präsentieren die Söhne ihre neuen Hemden.
35:57Nach dem Kuresh, dem traditionellen Ringkampf, dauert es nicht lange, bis sich Elmira mit den Frauen des Dorfes ins Getunnel
36:04stürzt.
36:20Während die Jungen um die Wette flitzen, verfolgen die Älteren das bunte Treiben von ihren Sitzplätzen.
36:27Vor allem die älteren Frauen sind hier sehr stark, durch die Arbeit, den Haushalt.
36:34Doch in unserer Gesellschaft, im Islam, stehen die Männer in der Öffentlichkeit. Sie gehen raus, in die Moschee.
36:42Eine Frau betet zu Hause, arbeitet zu Hause, erzieht Kinder zu Hause.
36:48Aber an diesem Feiertag gibt es keine Hierarchien. Hier sind alle gleich. Es ist ein gemeinsamer Feiertag und das ist,
36:56was mir gefällt.
37:01Elmiras Söhne, Azamat und Ramazan treten gegeneinander an.
37:08Ein Höhepunkt kommt allerdings erst zum Schluss.
37:14Ich weiß, dass es in diesem Dorf etwas ganz Besonderes gibt, und zwar einen Frauenringkampf.
37:21Ich habe ihn selbst noch nie gesehen, weil er am Ende kommt und wir immer früher gehen mussten.
37:26Aber vielleicht halten die Kinder dieses Mal durch und wir können den Kampf sehen.
37:33Währenddessen ist bei Ferdisa alles vorbereitet.
37:39Die Gäste können kommen.
37:46Salam, alles Gute zum Feiertag.
37:51Da sind wir.
37:59Normalerweise versuchen wir, dass wirklich alle Verwandten kommen und dann gehen wir gemeinsam ans Ufer der Karma.
38:05Aber weil es ja nun heute so geregnet hat, haben wir beschlossen, einfach hier zu bleiben.
38:10Das ist auch schön. Und der Bruder wohnt um die Ecke.
38:14Wir brauchen nicht anzurufen, sondern rufen einfach nur über den Zaun. Und sie kommen.
38:20Und dann setzen wir uns gemeinsam an den Tisch.
38:23Das ist zu Brauch, nach dem offiziellen Fest.
38:32Und so trägt jeder zum Gelingen des Festmals bei.
38:37Sehr gut. Bleibt zu.
38:43Ein präsentierter aus dem, ein mit zäunigen Zwiebeln.
38:49Auch im Dorf steuern die Ereignisse ihrem Höhepunkt entgegen.
38:59Ringkampf der Frauen in einer islamisch geprägten Kultur.
39:03In Tartastan offenbar kein Widerspruch.
39:07Alle fiebern mit.
39:09Die beiden Frauen sind die einzigen, die sich dem Kampf stellen.
39:13Und es sind die stärksten im Dorf.
39:15Eine moderne Variante der alten Tradition, die für Unterhaltung sorgt, Spaß macht
39:21und das Alte auf neue Weise sichtbar werden lässt.
39:32Was für eine Frau, diese Wilia. Wir danken ihr im Namen des ganzen Dorfes.
39:42Das waren sie, das waren unsere schönen Frauen im Ring.
39:48Und Elmira? Als kleines Mädchen wollte sie ein Kind der stolzen Sowjetunion sein.
39:54Doch das Land, in dem sie geboren wurde, war plötzlich verschwunden.
39:58Zur neuen Heimat wurde es eine lange Reise.
40:03Wann mir klar wurde, dass ich eine Tartarin bin?
40:08Ich denke, viele Tartarin realisieren erst jetzt, was das heißt.
40:12Und manche werden es nie verstehen.
40:15Es ist ein sensibler Moment, eine geistige Entwicklung.
40:28Ich hörte tartarische Lieder, tanzte zu tartarischer Musik.
40:34Das war auf dieser Ebene.
40:37Dann habe ich geheiratet und es war mir wichtig, dass mein Mann ein Tartare ist.
40:45Warum? Weil es eine Tradition ist.
40:51Denn auch wenn wir Russisch und Tartare sprechen,
40:55die Traditionen sind in unserer Familie erhalten geblieben.
40:58Zu beten, die Feiertage, das Einhalten der Fastenzeit,
41:03dass die Männer in die Moschee gehen, das sind Traditionen.
41:05Und für mich sind sie sehr wertvoll.
41:10Und am Abend des Sabantui, wenn die Sonne allmählich untergeht,
41:15feiern sie bis in die Nacht hinein.
41:17Die Heimat und das, was sie ausmacht.
41:29Auch für Ferdisa brauchte es Bewegung, um zu werden, was sie heute ist.
41:34Eine klare, stolze Stimme im Chor der Tartarinnen.
41:39Ein Anfang, kein Ende.
41:44Mit der Liebe zu unseren Traditionen bin ich aufgewachsen.
41:48Und ich versuche, sie weiterzugeben an meine Kinder.
41:51Das ist ganz automatisch.
41:53Das ist einfach selbstverständlich für mich.
41:57Wenn ich das Haus liebe, in dem ich wohne,
42:00die Familie, den Ort, an dem ich lebe,
42:03dann liebe ich auch meine Traditionen.
42:08Ich bewahre und erneuere sie.
42:13Ich schaffe eine Verbindung aus der Vergangenheit in die Gegenwart,
42:17adaptiere Ereignisse und Traditionen,
42:19mache mit und erschaffe Geschichte.
42:22Ich schaffe eine Geschichte.
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