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00:00Comics – so viel mehr als bunte Unterhaltung.
00:05Die gezeichnete Reportage oder die Literaturadaption oder das Sachbuch.
00:09Alles, was es in der Literatur an Sparten gibt, kann man im Comic eigentlich auch nutzen.
00:13Comics bieten sogar die Möglichkeit, eine neue Form des Journalismus zu praktizieren.
00:19In Zeiten sich überlappender Krisen und einem damit einhergehenden Vertrauensverlust in klassische Medien, bietet der Comic neue Ansätze.
00:27Der große Vorteil der Kombination von Journalismus und Comic ist, dass man bereits viel besprochene und behandelte Themen einem anderen
00:34Publikum nahebringen kann.
00:37Grafische Reportagen und dokumentarische Comics – Comic-Journalismus vermittelt die Wirklichkeit auf kunstvolle Art.
01:03Wir sind hier im Atelier. Hier komme ich jeden Tag oder fast jeden Tag und arbeite an mein neues Buchprojekt
01:11– Menschen wie alle anderen.
01:24Bei diesem Buchprojekt von Nathalie Frank geht es um visuellen Antisemitismus.
01:3011.000 Objekte einer Sammlung des Belgiers Arthur Langermann dienen ihr als Grundlage, die verschiedenen Aspekte antisemitischer Bildsprache zu erläutern.
01:41Das verlangt eine fundierte Recherche – für Nathalie Frank beruflicher Alltag.
01:49Ich arbeite als Fernsehjournalistin und als Comic-Autorin, aber mein Anliegen ist immer ähnlich.
01:57Ich finde, manche Geschichten sollen erzählt werden und ich will sie erzählen.
02:04Manchmal kann ich das im Rahmen von einer Reportage machen und manchmal im Rahmen von einem Comic.
02:12Ein Comic ist eine künstlerische, erzählerische Form und im besten Fall erzieht sie auch Emotionen.
02:19Und das ist auch ein Pluspunkt, dass natürlich die gezeichnete Form schafft eine andere Bindung als mit einem anderen Medium.
02:29Kunstvoll seziert sie die Welt der antisemitischen Bilder. Mit den Mitteln des Comics gelingt dies besonders anschaulich und eindrücklich.
02:38Ich lade Leserinnen ein, sich wirklich anzuschauen. Wie sehen die jetzt aus, diese Figuren? Wie sehen die Augen, die Nasen,
02:46die Hände?
02:47Also ich habe hier aufgelistet große Hackennase, verschlagener Blick, fleischige Lippen, abstehende Ohren, kralleinartige Finger, starke Behaarung.
02:58Und dass das so eine Bildsprache ist, die einfach dazu führt, dass man immer denkt, sie sind immer so und
03:04das bedeutet auch bestimmte moralische Eigenschaften.
03:10Nathalie Frank ist auch Mitherausgeberin des Interviewbandes »Wie geht es dir?«
03:15Dieser entsteht als Reaktion auf den Terroranschlag der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023.
03:24Relativ schnell waren wir eine Gruppe von Künstlern und Künstlerinnen, alle in Deutschland basiert und hatten das Bedarf, irgendwie künstlerisch
03:34zu reagieren,
03:35vor allem auf die erhöhte Spannung in der Gesellschaft, die wir hier in Deutschland gespürt hatten.
03:46Gezeichnete Interviews bieten ganz neue Wirkungsmöglichkeiten.
03:56Dadurch, dass man die Personen zeichnet, kriegt man ein Level an Abstraktion, egal wie realistisch man zeichnet,
04:04die vielleicht so eine Distanz auch schafft, die ermöglicht, sich in diese Personen zu identifizieren.
04:11Die Wirkung gezeichneter Interviews ist nur ein Aspekt.
04:16Comics ermöglichen auch neue Wege zur Vermittlung dokumentarischer Inhalte.
04:21Ich bin auf dem Weg zum Salon der grafischen Literatur.
04:25Da gehe ich eigentlich jedes Jahr, das ist eine interessante Comicveranstaltung in Berlin.
04:32Im Berliner Wedding trifft sich ein wichtiger Teil der deutschsprachigen Comicszene zum Comicsalon.
04:39Ein Ort, an dem die Journalistin Nathalie Frank eine Menge Inspirationen bekommt.
04:47Weil Comic mein Sperrpunkt ist, mache ich viele, auch journalistische Beiträge über Comic-Künstlerinnen.
04:55Und es ist auch für mich aus dieser Perspektive eine interessante Veranstaltung hier,
05:00dass ich auch mit VerlegerInnen und AutorInnen sprechen kann und gucken kann.
05:06Zu sehen gibt es viel.
05:09Die hiesige Comicszene wird von Jahr zu Jahr größer.
05:14Einige Verlage verzeichnen Wachstumsraten von bis zu 5% jährlich.
05:20Gleichzeitig steigt auch die Vielfalt der in Comics behandelten Themen.
05:27Und haben Sie vielleicht andere Empfehlungen für die nächsten Monate?
05:30Können Sie mir gerne sagen, also ich notiere gerne Sachen vor.
05:34Also was schön ist, da kommt jetzt der zweite Band im Habs.
05:38Amerikas Geschichte durch die amerikanische Literatur.
05:42Comics sind längst nicht mehr nur Abenteuer-Stories für Kids.
05:46Die Auslagen zeigen neben den mittlerweile etablierten Graphic Novels,
05:50den gezeichneten Romanen, auch immer mehr Comics mit journalistischem Anspruch.
05:56Ich habe den Eindruck in der deutschsprachigen Szene,
05:59dass das sehr viel mehr ist als vor ein paar Jahren.
06:02Ich habe eine Ausstellung zu Comic-Journalismus 2018 kuratiert
06:07und ich fand damals, es war nicht so leicht,
06:10Beispiele aus dem deutschsprachigen Raum zu finden.
06:12Und jetzt ist man quasi überfüllt davon.
06:15Und ich habe das Gefühl, dass diese komplexen Inhalte,
06:17die ausgearbeitet werden, auch so ein breiteres Publikum erreichen können.
06:22Comic-Journalismus steht also nicht ohne Grund
06:25ganz oben auf der Agenda des diesjährigen Comic-Salons.
06:28In einer prominent besetzten Podiumsdiskussion
06:32widmen sich Schreibende, Verlegende und Zeichnende
06:35diesem aktuellen Trend in der Comic-Szene.
06:38Das kann Emotionen transportieren, auch wenn es um Fakten geht.
06:43Eine Mischung von Fakten und sehr persönlichen Perspektiven.
06:48Die Spannung zwischen Nähe und Distanz, die durch die Comic-Form entsteht.
06:52Ein Panel mit Text und Brief parallel, das ist große Stärken.
06:57Vielleicht erreichen wir eine andere Zielgruppe.
07:01Einige Verlage setzen mittlerweile bei komplexen Inhalten ganz gezielt auf Comics,
07:07obwohl das nicht ihr Kerngeschäft ist.
07:09So auch der Korrektiv Verlag, dessen Geschichte sogar mit einem Comic beginnt.
07:15Das Buch war der Hauptgrund, warum wir gesagt haben,
07:18wir gründen unseren eigenen Verlag, weil wir die Freiheit haben wollten,
07:22diese Geschichte, die Reportage so zu erzählen, wie wir es für richtig halten.
07:28Man kann auf jeden Fall Dinge dramatisieren, aber ich würde auch sagen, abstrakter machen,
07:34weil eben auch die Darstellung von Explosionen oder Bomben,
07:38das ist was, was man nicht oder oft nicht explizit darstellen möchte.
07:43Und man kann es dann künstlerisch sehr schön umgehen, ohne die Dramatik dabei zu verlieren.
07:48Es wird jetzt mehr, dass Leute viel offener sind und das wirklich als eine Kunstform zum einen
07:55und als Journalismus zum anderen wahrnehmen.
07:58Das Ansehen der Kunstform nimmt natürlich auch zu, wenn etablierte Journalistinnen beteiligt sind.
08:04So wie Can Dündar, der in seiner Heimat Türkei verfolgte Journalist.
08:09Er ist Ideengeber und Autor der Comic-Biografie über den türkischen Präsidenten Erdogan,
08:15die gemeinsam mit dem Zeichner Anwar entstanden ist.
08:20Eigentlich ist er durch Berlin gelaufen und hat dann diese Comic-Läden gesehen
08:25und ist irgendwann reingegangen und war so, wow, das sind ja nicht nur bunte Magazin-Heftchen.
08:31Das will ich gern machen.
08:32Außerdem wusste Can auch, dass Erdogan Comics sehr doof findet,
08:38was auch ein bisschen der Grund war, lass uns das machen.
08:41Comic-Journalismus ist eine innovative Form der Berichterstattung
08:46und folgt journalistischen Prinzipien wie Sorgfalt oder Wahrhaftigkeit.
08:51Da der Comic mit Bildern arbeitet, ist die tiefgründige Recherche besonders wichtig.
08:56Bei der Darstellung von Geschehnissen und Personen ist das Medium dagegen sehr frei.
09:01Es kann beispielsweise mit Symbolen, Verfremdungen und Abstraktionen arbeiten.
09:08Birgit Weyhe ist eine der renommiertesten Comic-Autorinnen Deutschlands.
09:12In ihren Büchern erzählt sie meist Geschichten über Identität, Heimat und Kultur.
09:26Ihr neues Buch widmet sich dem Schicksal zweier deutscher Frauen während der argentinischen Militärdiktatur.
09:32Beide stammen aus unterschiedlichen Generationen.
09:36Durch sie erweckt Weyhe deutsche Geschichte gekonnt zum Leben,
09:39wie beispielsweise die Studentenproteste der 1968er-Generation.
09:45Wahnsinn, da ist ja was los.
09:48Lass uns versuchen, weiter nach vorne zu kommen.
10:02Wieder mit den Schafen!
10:04Wieder mit den Schafen!
10:06Wieder mit den Schafen!
10:08Wieder mit den Schafen!
10:11Wieder mit den Schafen!
10:13Wieder mit den Schafen!
10:28Die Geschichte des Buchs erstreckt sich über zwei Jahre.
10:31In drei Ländern und mehrere Jahrzehnte.
10:36Bei dem Projekt war der Rechercheaufwand tatsächlich ziemlich groß.
10:42Ich habe ziemlich lange gelesen und Filmmaterial angeguckt und so,
10:47bevor ich überhaupt angefangen habe zu zeichnen.
10:52Das ist jetzt diese allererste Seite von Ellen,
10:54dass auch da natürlich dann wieder, wenn ich so Plakate habe,
10:58die da im Hintergrund sind, habe ich die auch wirklich mir Vorlagen geholt,
11:03wie sie dann eben aussehen.
11:05Aber hier auch sowas wie Pässe, die sind dann nachher ganz klein.
11:09Aber dann muss ich es trotzdem einmal ja alles zeichnen.
11:14Vom Beginn bis zur Veröffentlichung des Buchs vergehen fast vier Jahre.
11:18Eine Zeit voller Arbeit, die unter anderem dank eines Stipendiums
11:23des Deutschen Literaturfonds möglich wird.
11:27Damit konnte ich relativ schnell das dann durchzeichnen,
11:31weil es war das erste Mal in meinem Leben,
11:34dass ich monatlich fix Geld auf dem Konto hatte, berechenbar.
11:37Es war einfach der Traum.
11:39Die Gewalt, die ihr Comic offenbart, ist dagegen ein Albtraum.
11:45Birgit Weihe findet ihren ganz eigenen Weg,
11:47mit dieser Gewalt umzugehen.
11:50Künstlerisch als auch persönlich.
11:54Das war das härteste Buch, was ich bisher gemacht habe.
11:57Ich wusste, dass diese Sachen existieren,
12:00aber ich bin einfach wahnsinnig nah rangegangen,
12:02indem ich sie gezeichnet habe
12:03und indem ich vier Jahre mit denen verbracht habe.
12:07Das fand ich hart.
12:08Also einfach hart, auch parallel eben zu dieser politischen Situation
12:13weltweit zu sehen, dass wir nicht lernen als Menschheit irgendwie,
12:18dass verurteilt wird, dass inhaftiert wird, abgeschoben wird,
12:22dass einfachen Wege gesucht werden,
12:24dass Populisten immer alles super eindampfen auf irgendwas
12:28und dass die Leute das offensichtlich wollen und mögen
12:30und dafür auch in Kauf nehmen, dass es zulasten einer Mehrheit geht.
12:36Das fand ich irgendwie sehr bedrückend tatsächlich, ja.
12:39Und das gibt so, eben deswegen gibt es das hier an meinem Computer,
12:44dass ich hier irgendwann mal, habe ich so geheult,
12:47als meine Kollegin reinkam und die meinten, was ist denn los und so.
12:52Und dann meinte ich ja, ich will nicht mehr diesen Mist zeichnen.
12:55Ich will nicht immer nur Gewalt zeichnen und ich will mal was machen,
13:00wo ein kleiner Bär in den Wald geht und sich verläuft
13:02und abends wiederkommt, maximal an Drama.
13:06Und dann hat Nele mir das gezeichnet und dahin gehängt,
13:10dass ich sozusagen weiß, was mein nächstes Buch ist.
13:13Hat nicht geklappt, jetzt kümmere ich mich um den Genozid an den Jesiden.
13:19Ob Gewalt, historische Begebenheiten oder komplexe Zusammenhänge.
13:24Bei der Darstellung journalistischer Inhalte
13:27hat der Comic im Vergleich zu anderen Medien vielfältigere Möglichkeiten.
13:33Die Bildebene bei Comics ist immer direkter.
13:37Also ich sehe ein Bild und ein Bild macht was mit mir.
13:41Wirklich besonders ist, es kann auf verschiedenen,
13:44es kann in Text und Bild auf zwei Zeitebenen, an zwei Orten sich aufhalten.
13:49Birgit Weihe veröffentlicht schon seit 2008 Comicbücher.
13:54Den großen Durchbruch hat sie 2016 mit dem mehrfach ausgezeichneten
13:59und bis heute gefeierten Werk Mad Germanes.
14:03Für das Buch führte sie zahlreiche Interviews
14:05mit ehemaligen DDR-VertragsarbeiterInnen aus Mosambik.
14:10Als ich das so dann nebeneinander liegen hatte,
14:12dieses Interviewmaterial, dachte ich so, das liest, glaube ich, niemand,
14:15wenn die alle so nacheinander runtergeschrieben werden,
14:18weil das so sich immer wiederholt.
14:20Und dann hatte ich in dem Fall die Idee zu sagen,
14:22gut, ich fiktionalisiere das in der Form,
14:25dass ich drei Protagonisten, zwei Männer, eine Frau schaffe
14:30und die interagieren lasse
14:31und alles, was ich in den Interviews habe,
14:33in diese ProtagonistInnen stecke.
14:38Auch mit ihrem Buch Root Girl landet sie einen Erfolg
14:42und zeigt, wie vielfältig journalistisch-dokumentarische Comics sein können.
14:50Diese Anerkennung ist ein Zeichen
14:53für das insgesamt gestiegene Ansehen der Comic-Kunst.
15:01Ich habe so das Gefühl,
15:02dass nachdem ganz lange Foto oder halt Film
15:05das war, was Realität transportiert hat,
15:08jetzt durch KI
15:09oder das so wahnsinnig schnell einfach geworden ist,
15:12Fotos zu manipulieren
15:14und zu retuschieren,
15:16dass es quasi fast wieder
15:18so einen Rückgriff gibt
15:19auf so die Zeichnungen,
15:21die dann eine neue Wertigkeit erfahren.
15:24Aktuelle Studien zeigen,
15:26immer weniger Menschen vertrauen den klassischen Medien.
15:29In den USA kaum ein Drittel.
15:31In Deutschland sind es weniger als die Hälfte.
15:33Tendenz fallend.
15:34Eine Chance für andere Formen der Informationsvermittlung.
15:38Die Komplexität auf kurze, ein paar Seiten zu reduzieren,
15:42das ist, glaube ich, die Stärke der Zeichnerinnen und Zeichner,
15:45die dieses Medium nutzen.
15:54Der Journalist Alex Jakubowski
15:56arbeitet unter anderem für die Tagesschau
15:59und die Tagesthemen.
16:01Seine große Leidenschaft gehört den Comics.
16:04Seit über acht Jahren
16:06schreibt er auf seinem eigenen Blog
16:08über die neunte Kunst,
16:09wie Comic anerkennt,
16:11auch bezeichnet wird.
16:14Die Faszination
16:15für die grafische Literatur
16:17liegt aus seiner Sicht
16:19in ihrer Vielseitigkeit.
16:23Grundsätzlich, glaube ich,
16:24kann man wirklich alles zu Papier bringen.
16:26Wir haben ja früher die Diskussion gehabt,
16:28kann man den Horror des Zweiten Weltkriegs,
16:30des Holocaust,
16:31kann man daraus einen Comic machen?
16:33Ja, kann man.
16:34Und wenn man sogar das kann,
16:35dann finde ich,
16:36gibt es kein Thema,
16:37was man nicht als Comic umsetzen kann.
16:40Das Comic-Festival in München
16:42gibt einen guten Überblick,
16:44wo die Branche steht
16:45und wohin sie sich bewegt.
16:48Neben Mangas und Superhelden-Stories
16:50haben auch Comic-Reportagen,
16:53Comic-Sachbücher
16:54und dokumentarische Comics ihren Platz.
16:58Zu Gast ist in diesem Jahr
17:00auch der spanische Comic-Autor
17:02Paco Roca,
17:04der mit seiner Arbeit
17:05dem kollektiven Vergessen
17:06seiner Landsleute
17:08etwas entgegensetzen möchte.
17:17Letztendlich ist Erinnerung für mich wichtig,
17:19weil die jüngste Vergangenheit in Spanien
17:21die Gesellschaft bis heute prägt.
17:23Sie prägt sogar das Wahlverhalten.
17:26Mit anderen Worten,
17:27die Frage der Erinnerung
17:29ist in unserem Land hochpolitisch.
17:34Mir hilft die Auseinandersetzung
17:35mit der Vergangenheit,
17:36die Gegenwart zu verstehen.
17:38Und ich denke,
17:39dass Comics dafür
17:40ein perfektes Werkzeug sind.
17:54Gerade kam sein neuestes Buch
17:56in Deutschland auf den Markt,
17:58am Abgrund des Vergessens.
18:00Dafür hat er mit dem Journalisten
18:02Rodrigo Terraza,
18:03der für die spanische Zeitung
18:05El Mundo schreibt,
18:06zusammengearbeitet.
18:08Der Comic war ein voller Erfolg.
18:10In Spanien haben wir fast
18:12zwei Jahre lang Werbung gemacht
18:13und für einen Comic
18:14ungewöhnlich hohe Verkaufszahlen erzielt,
18:16weil die Leute plötzlich
18:17ein Thema verstanden haben,
18:19vor dem sie jahrelang zurückgeschreckt sind
18:20und sich nun in die Geschichte
18:22der Figuren hineinversetzen konnten.
18:25Der Comic greift ein dunkles Kapitel
18:27der spanischen Geschichte auf.
18:29Nach dem Ende des spanischen Bürgerkriegs 1939
18:33kommt es zu willkürlichen Justizurteilen
18:36unter dem Regime Frankos.
18:38Es folgen Verschleppungen
18:40und Massenhinrichtungen,
18:41die bis heute nicht wirklich aufgearbeitet sind.
18:47Eines der grössten Probleme unseres Landes ist,
18:50dass es keine visuelle Erinnerung
18:52an die Schrecken der Diktatur gibt.
18:53Anders als zum Beispiel im Zweiten Weltkrieg.
18:56Um das Grauen des Nationalsozialismus
18:58sichtbar zu machen,
18:59dokumentierten die Alliierten
19:01den Krieg nach seinem Ende
19:02mit Filmen und Fotografien.
19:04In Spanien ist das nicht passiert.
19:06Es gibt keine visuelle Erinnerung.
19:12Comics können helfen,
19:13diese Lücke zu schliessen.
19:16Es ist anders,
19:18eine Geschichte als Comic
19:18oder in einer Zeitung zu erzählen,
19:20wo man Lücken füllen
19:21oder Informationen weglassen kann,
19:23auf die man keinen Zugriff hat.
19:24Eine Geschichte zu zeichnen,
19:25zwingt einen dazu,
19:26die Realität so wiederzugeben,
19:28wie sie war.
19:30Der Comic bewahrt die Erinnerung,
19:33mahnt für die Zukunft
19:35und behält den Menschen
19:37und die Menschlichkeit im Blick.
19:44Wir brauchen diese beiden Seiten
19:46des Journalismus.
19:47Mit so viel Information wie möglich,
19:50aber gleichzeitig auch mit Emotionen
19:52und Empathie.
19:54Ein weiterer internationaler Star
19:56des dokumentarischen Comics
19:58ist Guy Delisle.
20:00In seinen autobiografischen Büchern
20:02berichtet er
20:03von seinen Auslandsaufenthalten.
20:14Am besten beschreibt man diese Bücher
20:16als ausführliche Postkarten,
20:18die ich meiner Familie schicken würde,
20:19um ihnen zu zeigen,
20:20was Spaß gemacht hat,
20:21was merkwürdig war,
20:23sowie ein paar Dinge,
20:24die ich verstanden habe
20:25und ihnen erklären möchte.
20:28Postkarten mit Wahrheitsanspruch.
20:32Die Fakten zu haben
20:33und sie in den Büchern
20:34korrekt darzustellen,
20:35ist für mich super wichtig.
20:37Erfundenes und Wirklichkeit
20:38vermische ich nicht.
20:40Nach seinen autobiografischen Werken
20:42beginnt er Geschichten
20:44aus anderen Leben zu erzählen.
20:46Zunächst widmet er sich mit Geisel
20:48den Erlebnissen eines Mitarbeiters
20:51von Ärzte ohne Grenzen,
20:52der von tschetschenischen
20:54Separatisten entführt wird.
20:58Sein neuestes Werk
21:00erzählt die Lebensgeschichte
21:01des Fotografie-Pioniers
21:03Edward Muybridge.
21:07Ich gehe schon.
21:09Was gibt es denn?
21:10Ich suche Harry Larkins.
21:12Er ist hinten, nur herein.
21:14Ich erwarte ihn lieber hier.
21:18Larkins, man fragt nach dir.
21:21Wollen Sie mich wohl entschuldigen?
21:23Bin gleich zurück.
21:24Nicht schummeln, während ich weg bin.
21:26Larkins?
21:28Kommen Sie doch,
21:29bei dem Licht sieht man ja nichts.
21:31Sie sind doch Major Harry Larkins.
21:33Ja, aber...
21:35Mein Name ist Edward Muybridge
21:37und ich habe hier eine Botschaft
21:40von meiner Frau.
21:50Guy Delisle erzählt die Lebensgeschichte
21:52von Edward Muybridge,
21:54der zum Mörder aus Eifersucht wird
21:56und dennoch im Laufe seines Lebens
21:58die Fotografie revolutioniert.
22:00Der Comic gibt tiefe Einblicke
22:02in historische Gegebenheiten,
22:04erklärt ganz nebenbei
22:06technische und soziale Entwicklungen
22:08und bietet spannende Unterhaltung.
22:13Hände hoch!
22:24Entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten.
22:31Für mich war er immer
22:33ein Wissenschaftler mit einer Kamera,
22:35der die Bewegung festgehalten hat
22:36und das war's.
22:37Aber dann erfuhr ich von seinem Leben
22:39und erkannte,
22:40dass da noch viel mehr war.
22:42Er war ein berühmter Fotograf.
22:44Dann arbeitete er mit Stanford,
22:46der von der Stanford-Universität.
22:47Und je mehr ich las,
22:49desto mehr dachte ich,
22:50wow, das ist ein verrücktes Leben
22:51und es ist eine gute Geschichte.
22:56Guy Delisle schafft es,
22:58diese oft auch tragische Geschichte
23:00mit viel Humor zu erzählen.
23:05Weitaus ernster dagegen
23:07sind die Bücher von Joe Secco,
23:10dem Star des Comic-Journalismus.
23:14Ich bin ein großer Fan von Joe Secco.
23:17Er ist auch ein guter Freund.
23:18Aber unsere Arbeiten zu vergleichen,
23:21er ist Journalist
23:22und arbeitet journalistisch.
23:23Bei mir ist es anders,
23:25aber das zeigt,
23:26wie unterschiedlich Comics sein können.
23:30Joe Secco bereist seit Jahren
23:32Krisengebiete.
23:34Daraus entstehen gezeichnete Reportagen,
23:37die die Innenansichten
23:38der Konflikte sichtbar machen.
23:40So hat der US-Amerikaner
23:42mit maltesischen Wurzeln
23:43das Genre weltweit bekannt gemacht.
23:46Wir können es gerne
23:47Comic-Journalismus nennen.
23:49Ich habe da aber nicht
23:50die ganzen Ansprüche,
23:51die gleichen Ansprüche
23:52wie an den Artikel
23:53in der Tageszeitung.
23:54Comic-Journalismus,
23:57da kann ich auf jeden Fall
23:58was mit anfangen
23:59und würde auch sagen,
24:00das ist genau das,
24:01was er macht.
24:02Comic-Journalismus
24:04entsteht als Begriff
24:05mit Joe Secco
24:06in den 1990er Jahren.
24:08Es haben sich seither
24:10internationale Netzwerke gebildet
24:11und vor allem
24:12sind es Publikationen
24:14in den USA und Frankreich,
24:15die den Comic-Journalismus
24:17vorantreiben.
24:18In Deutschland
24:19gibt es erst seit Neustem
24:21eine größere Aufmerksamkeit
24:22für dieses Genre
24:23und sein Potenzial.
24:25Comic ist für mich
24:26immer noch
24:26einfach ein anderes Mittel,
24:28um bestimmte Themen
24:29darzustellen
24:30und vielleicht auch
24:31andere Menschen zu erreichen,
24:32als die,
24:33die Zeitungen lesen
24:34oder Fernsehnachrichten gucken.
24:36Den Deutschen Sachbuchpreis
24:392025
24:40verleiht die Stiftung
24:42Buchkultur und Leseförderung
24:43des Börsenvereins
24:44des Deutschen Buchhandels
24:45an
24:47Uli Lust,
24:49ist die Frau als Mensch.
25:01Danke, danke, danke, danke.
25:03Das Erstaunliche ist halt jetzt
25:04ein Sachbuchpreis für einen Comic,
25:06das ist absolut ungewöhnlich
25:07und deswegen hat dieser Preis
25:10absolute Signalwirkung.
25:22Den Preis bekommt Uli Lust
25:24für die Frau als Mensch.
25:25Ein weiblicher Blick
25:27auf die Kunst der Frühgeschichte.
25:29Diese Sachbücher zur Archäologie
25:30sind manchmal sehr anstrengend
25:32zu lesen
25:32und ich hatte das Gefühl,
25:33dass ich,
25:34wenn ich eine Parallelführung
25:35aus Bild und Text habe,
25:37dass ich sehr viele Dinge
25:38im Bild
25:39leichter begreifbar machen kann,
25:40weil das Vorstellungsvermögen
25:43sozusagen gleich
25:44ein bisschen besser unterstützt wird.
25:46In diesem Buch hier
25:48gibt es eine Seite,
25:49wo ich die Frauenstatuetten
25:51aus der Eiszeit zeige.
25:52Hier ist ungefähr Christi Geburt,
25:55hier unten.
25:56Dieses kleine Stückchen
25:57sind die letzten 2000 Jahre
25:58und dieser ganze Bereich
26:00wurde dominiert
26:01von Frauenfiguren
26:02und das kann man in so einem Bild
26:04sehr, sehr gut visualisieren,
26:05finde ich.
26:07Schon während ihres Studiums
26:09versucht Uli Lust
26:10die Möglichkeiten des Comics
26:12auch journalistisch zu nutzen.
26:14Sie zeichnet zum Beispiel
26:16für ein Berliner Stadtmagazin.
26:23Die Reaktionen auf unsere Reportagen
26:25waren wahnsinnig gut.
26:26Wir hatten wahnsinnig gute Presse
26:28schon als Studierende
26:29und dann haben wir gemerkt,
26:30aha, dokumentarisches Zeichnen
26:32hat also ein Publikum.
26:38Ihre Erfahrungen will sie heute
26:40als Professorin
26:42an der Hochschule Hannover
26:43an Studierende weitergeben.
26:46Dort lehrt sie spannende Facetten
26:49der Realität
26:50mit Hilfe des Comics abzubilden.
26:57In diesem Semester zeichnen wir
26:59Geschichten von Flüchtlingen,
27:01dass die Landesaufnahmebehörde
27:03hat uns kontaktiert und gefragt,
27:04ob wir Porträts von Flüchtlingen
27:06machen können.
27:06Dann sind die Studierenden
27:08in ein Flüchtlingsheim gegangen
27:10und haben Menschen interviewt,
27:12die ihre Lebensgeschichte
27:13oder ihre Fluchtgeschichte
27:14erzählt haben
27:15und das mündet jetzt in Comics.
27:18Die Schrift gefällt mir auch gut.
27:20Das ist gut.
27:21Das ist tolle Unwächer.
27:22Ich freue mich schon drauf,
27:23das in einem Buch zu lesen.
27:24Das ist nämlich dann nochmal
27:25eine ganz andere Liga,
27:26wenn du so ein Buch hast
27:27und du blätterst das so durch
27:28und dann ist das plötzlich
27:29eine ganz neue Sache.
27:30Aber ich glaube,
27:30das funktioniert super.
27:32Jetzt glaube ich auf jeden Fall
27:33Rana soll das nochmal testen
27:34und wenn mich das dann so richtig
27:36überzeugt, dann werde ich es auch durchziehen.
27:37Es nützt nichts zu sagen,
27:39ich mache es jetzt ganz schnell,
27:40ich habe jetzt gerade keine Zeit.
27:42Dann ist es ein Leben lang
27:43schlecht gemacht.
27:59Farbgebung, Anordnung der Bildelemente
28:01und die Ausarbeitung der verwendeten Schrift
28:04richten sich oft nach dem Inhalt.
28:07So kann der Comic-Journalismus
28:09bereits durch die visuelle Umsetzung
28:11ein Gefühl für Geschichten vermitteln.
28:14Wir haben hier auch Arbeiten,
28:15die handeln halt so auch von
28:16irgendwelchen historischen Events
28:17oder halt von Genoziden
28:19und da muss man sehr, sehr tief
28:20in die Materie reingehen.
28:22In meinem Comic geht es ja zum Beispiel
28:24so um die queere Kultur in Wanda.
28:25Da muss man dann auch recherchieren,
28:27wie wird mit dem Thema umgegangen,
28:29wie wird auch mit dem Thema von HIV umgegangen,
28:31weil das wird bei mir auch angesprochen.
28:33Und das ist ja auch dann
28:35mehr als einfach nur Zeichnen,
28:37sondern sehr, sehr viel journalistische Arbeit.
28:40Die Öffentlichkeit verlangt nach Bildern,
28:43auch und gerade zur Vermittlung
28:45von Informationen.
28:47Die grundsätzliche Erhaltung,
28:49ich beobachte etwas,
28:50ich konzipiere eine Erzählung
28:51und ich versuche die mit Zeichnung
28:54zu übersetzen.
28:56Dafür gibt es noch ganz viel Potenzial
28:59in der Zukunft.
29:00Natürlich sehen manche
29:01den grafischen Journalismus auch kritisch.
29:04Am häufigsten sieht er sich dem Vorwurf
29:06der Subjektivität ausgesetzt,
29:08sind doch Zeichnungen immer auch
29:10persönliche Interpretationen der Realität.
29:12Dabei stellt sich die Frage,
29:14ob Fotos, Videos oder Texte
29:16weniger subjektiv sind.
29:18Begrenzt ist der Comic-Journalismus
29:20allerdings ganz eindeutig
29:21durch die Komponente Zeit.
29:23Aktuelle Berichterstattung
29:25ist mit ihm kaum möglich.
29:27Ein Beispiel aus der Schweiz zeigt,
29:29welcher Gewinn der Comic
29:30als journalistisches Medium sein kann.
29:32Hier hat Patrick Oberholzer,
29:34der eigentlich als Illustrator arbeitet,
29:37zwei Jahre lang Interviews geführt,
29:39recherchiert und gezeichnet.
29:41Entstanden ist der Comic Games
29:43auf den Spuren der Flüchtenden aus Afghanistan.
29:46Damit gewann er im letzten Jahr
29:47den Deutschen Jugendliteraturpreis
29:49in der Kategorie Sachbuch.
30:02Dieser informative Teil,
30:04der zusätzlich zu diesen Geschichten
30:05dazukommt, der war mir persönlich
30:07sehr wichtig.
30:08Ich habe dabei viele Fragen
30:09auch aufgegriffen,
30:10die ich mir selbst gestellt habe
30:12während den Interviews.
30:13Und ich bin diesen Themen nachgegangen
30:15und habe dann mit Leuten gesprochen,
30:16viel gelesen
30:17und habe versucht,
30:19das dann auch den Lesern zu vermitteln.
30:22Obwohl er Quereinsteiger ist,
30:24die journalistischen Standards
30:26sind Patrick Oberholzer
30:28bei seinen Bildern sehr wichtig.
30:29Er recherchiert alle Einzelheiten,
30:32um sie korrekt wiedergeben zu können
30:34und will der Verantwortung
30:36gegenüber den Geschichten
30:37und den Menschen,
30:38die sie ihm erzählt haben,
30:40gerecht werden.
30:44Vielleicht noch kurz zum Titel.
30:46Games, das ist ein Begriff,
30:47der in den Interviews
30:48immer wieder gefallen ist.
30:50Und ein Game ist eigentlich ein Versuch,
30:52über eine Grenze zu flüchten.
30:53Und viele Leute brauchen mehr
30:55als eines dieser Games,
30:56um das zu schaffen.
30:57Und ich fand das so einen
30:59zynischen Begriff
31:00und der fiel so oft,
31:01dass ich den irgendwie
31:03als Titel dann gewählt habe.
31:14Comics haben gegenüber
31:15anderen Bildmedien den Vorteil,
31:18dass sie allein über Erinnerungen
31:20erstellt werden können.
31:22Natürlich ohne die Realität
31:24aus den Augen zu verlieren.
31:28Das Tolle ist,
31:30dass man einfach Erzähltes
31:31oder auch Erlebtes
31:32visuell zeigen kann.
31:34Also man kann Dinge zeigen,
31:35die eine Kamera nicht erfassen kann.
31:37Und man kann diese Erinnerungen
31:38aufleben lassen.
31:39Man kann die Emotionen zeigen.
31:42Patrick Oberholzer stöbert gerne
31:44im örtlichen Comicladen
31:45seiner Heimatstadt Winterthur.
31:48Angefangen hat es in der Kindheit
31:50wie bei so vielen mit den Klassikern
31:52Lucky Luke und Tim und Struppi.
31:55Aber in Comic-Shops
31:56gibt es heute noch viel mehr zu entdecken.
32:00Also es gibt immer noch viele Menschen,
32:01die waren noch nie in einem Comicladen,
32:03weil sie sich gar nicht vorstellen können,
32:04dass es da was anderes gibt
32:05außer Mickey Mouse und Asterix.
32:07Dass es da aber Mickey Mouse und Asterix
32:09fast gar nicht mehr gibt,
32:10sondern ganz viel anderes,
32:11ist ja die Realität.
32:12Nur wenn die Menschen das nicht wissen,
32:14wie sollen sie dann darauf zugreifen können?
32:17Ein bisschen von diesem französischen Comic-Gefühl,
32:21dass das Comic nicht nur etwas für Kinder ist,
32:23sondern auch für Erwachsene
32:24und auch kulturell sehr interessant ist.
32:27Es kommt ein bisschen nach Deutschland
32:28und in die Schweiz und nach Österreich,
32:30aber es ist noch lange nicht dort,
32:32wo es sein könnte.
32:35Bunte Bilder, spannende Geschichten
32:37und recherchierte Fakten.
32:39Das macht Spass und vermittelt Wissen
32:42und passt zum Zeitgeist.
32:45Es ist ja auch kein Geheimnis,
32:47dass wir eine globale politische Krise erleben
32:50und wahrscheinlich auch deswegen,
32:52es ist vielen Autorinnen wichtig im Moment
32:55zu versuchen, in dieser Dschungel
32:57an krisenhaften Aspekten
32:59der gesellschaftlichen Leben,
33:01dass man irgendwas beiträgt.
33:03Dieses Bedürfnis nach Orientierung
33:06kollidiert in den letzten Jahren
33:08mit immer größerem Misstrauen
33:09gegenüber klassischen Medien.
33:12Dabei besteht nach wie vor
33:14das Verlangen nach gut recherchiertem,
33:16tiefgehenden Journalismus.
33:18Die Chance für journalistische Arbeiten
33:21im Comic-Format.
33:23Und ein bisschen hoffe ich das,
33:26dass das Comic da irgendwas
33:29füllen kann,
33:30was sich gerade da auftut an Lücke.
33:32Wenn man weiß,
33:33wie viel Zeit so ein Comic braucht,
33:35bis er fertig ist,
33:37das ist ja teilweise über Jahre passiert das,
33:39dann kann das für mich
33:40kein Ersatz für Journalismus sein.
33:43Wir haben schnell gemerkt,
33:45dass die Comic-Reportage
33:46für das Tagesgeschäft
33:47im Zeitungsmarkt nicht geeignet ist,
33:49weil man zu viel Zeit braucht.
33:51Das heißt, eigentlich findet
33:52die gezeichnete Reportage
33:54oder die Comic-Reportage im Buch statt.
33:56Der Comic-Journalismus kennt seine Schwächen,
34:00doch er findet darauf auch Antworten.
34:02Und er schafft es,
34:03Angriffsflächen in Stärken umzuwandeln.
34:06So auch bei der am häufigsten
34:07geäußerten Kritik,
34:09der Subjektivität des Genres.
34:12Viele der Zeichnerinnen und Zeichner
34:15verwenden ganz viel Zeit auf Recherche.
34:17Dass die dargestellte Stadt,
34:20das Land auch so dargestellt,
34:22gezeichnet wird,
34:23wie es auch in der Realität war.
34:24Aber die Auswahl der Szenen,
34:27wie werden bestimmte Personen
34:28oder Konflikte dargestellt,
34:29das ist ja immer aus der Sicht
34:30des Zeichners zu sehen.
34:32Ich arbeite selber auch als Journalistin
34:33und ich versuche natürlich fair zu sein
34:36mit allen Beteiligten,
34:38aber trotzdem,
34:38mein Blick kommt sehr gut durch.
34:40Ich wähle,
34:41mit wem ich spreche,
34:42worüber und im Schnitt wähle ich die Aussagen,
34:45die irgendwie zu meiner Wahrnehmung
34:47eines Themas passen.
34:49Also deswegen komplett objektiver Journalismus
34:52bin ich nicht sicher,
34:53ob das geht überhaupt.
34:55Stattdessen machen viele Comic-AutorInnen
34:58ihre subjektive Perspektive transparent
35:00und gewinnen dadurch sogar an Glaubwürdigkeit.
35:04Ich nehme dich mit in die Geschichte
35:06und wir gucken zusammen.
35:08Und dann kann ich auch
35:10zusammen mit dir als Leser
35:12dann irgendwie was missverstehen
35:14oder mich unwohl fühlen,
35:15weil ich was nicht verstehe
35:16oder weil es mir zu viel wird oder so.
35:19Da bin ich sozusagen der Morator
35:21für die LeserInnen,
35:23damit sie verstehen, worum es geht.
35:25Da geht es nicht um mich,
35:26sondern ich bin sozusagen die Mittelsfrau.
35:28Ich finde es hilfreich,
35:30so eine Figur zu haben,
35:32die angelehnt an mich ist,
35:33die auch sucht und sich Fragen stellt.
35:36Und das macht es ein bisschen mehr
35:39persönlich als ein reines Sachbuch.
35:42Das ist auch ein bisschen
35:43die künstlerische Teil,
35:45wo ich mit Comic viel mehr Freiheit habe.
35:47So wird aus einem Kritik ein Pluspunkt.
35:50Der Comic-Journalismus nimmt sich die Freiheit,
35:54alte Dogmen des Journalismus aufzubrechen.
35:57Und er hat darüber hinaus ohnehin ganz eigene Stärken.
36:03Die Stärke von grafischem Journalismus ist,
36:06dass man eine zweite Ebene schafft.
36:08Also diese visuelle Ebene,
36:09die viel, viel besser,
36:12das schafft, Fakten mit Gefühlen zu verknüpfen
36:14und dadurch dir eine Möglichkeit gibt,
36:17wie du nachvollziehen kannst,
36:19was passiert, warum Sachen passieren.
36:22Ein Comic ist niedrigschwelliger vom Aufwand her erst mal.
36:27Also ich brauche ja außer mein Arbeitswerkzeug
36:30und die Zeitzeugin, den Zeitzeugen nicht viel mehr.
36:32Wenn man filmt irgendwo,
36:34verhalten sich Menschen anders,
36:36weil die Kamera sie filmt.
36:37Und ich als Zeichnerin kann quasi inkognito hingehen
36:41und ich zeichne das dann.
36:43Unterhaltsame Zeichnungen mit Wahrheitsgehalt.
36:46Journalismus im Comic-Format macht sich auf,
36:49den etablierten, aber kriselnden Medien zur Seite zu stehen.
36:53Er ist eine Ergänzung,
36:55die emotional und nahbar Informationen vermittelt.
36:58Damit ist Comic-Journalismus auch hierzulande zukunftsfähig.
37:24Untertitelung des ZDF für funk, 2017
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