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00:04Today I am in a situation in which I never wanted to be on the way in a fight.
00:11Okay, so, Alex, you sit in the next one.
00:14Hi, I'm Frank.
00:19It is a exercise.
00:20But the threat should look for us all real.
00:25Ganz gezielt werden die Soldaten der Panzerbrigade 12 heute an ihre Belastungsgrenze gebracht.
00:31Körperlich und psychisch.
00:34Und mittendrin bin ich.
00:39Okay, Frank, sobald wir absitzen, nimmst du den schwarzen Rucksack mit drin.
00:43Dort ist Material, Bolzenschneider, Wurfhaken. Ganz wichtig, dass der mitgeht.
00:48Okay.
00:50Krieg ist auch ein Angriff auf die Psyche. Darauf sollen sie vorbereitet werden.
00:56Soweit das eben geht.
00:58Allein in den letzten fünf Jahren sind tausend Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr im Einsatz psychisch erkrankt.
01:05Einer von ihnen ist Daniel.
01:09Welche Spuren hat der Krieg in seinem Kopf hinterlassen? Und wie sieht seine Therapie aus?
01:16Ich werde ihn begleiten, um das herauszufinden.
01:23Dabei stoße ich auf ein dunkles Kapitel der Militärgeschichte.
01:28Und verfolge einen der ersten dokumentierten Fälle, wie das Militär früher mit traumatisierten Soldaten umgegangen ist.
01:37Welche grausamen Behandlungsmethoden an den sogenannten Kriegszitterern im Ersten Weltkrieg erprobt wurden.
01:49Psychische Verletzungen bei Soldatinnen und Soldaten. Was wissen wir wirklich darüber? Und wie geht das Militär heute damit um?
02:05Auf dem Truppenübungsplatz nähern wir uns der Gefahrenzone.
02:11Wir sind auf Sperre aufgefahren! Hinteres Schützendruck! Fertig machen! Wechsel! Kampfweise! Abwitze nach links!
02:18Jetzt ab! Und raus! Raus! Tempo! Abwitze nach links! Flanklieb frei!
02:26Links, links, links, links!
02:33Ich renne hinter den anderen her in den Wald und fühle mich plötzlich sehr verwundbar.
02:41So eine Situation ist neu für mich. Ich war nie bei der Bundeswehr.
02:48Irgendwo dort vor uns soll der Gegner sein.
02:55Als Panzergrenadiere werden die Soldaten hier später wahrscheinlich in Auslandseinsätze gehen.
03:00Da geht es dann tatsächlich um Leben und Tod.
03:04Von den anderen höre ich, dass sie gleich den Feind von der Seite angreifen wollen.
03:08Jetzt kurz gucken, da ist alles dran. Die Ausrüstung ist dran.
03:12Gut. Fertig machen zum Sprung. Hinter dem Panzer springen wir über die Straße. Auf geht's!
03:21Fertig! Sprung!
03:25Wir müssen schnell sein, damit der Gegner uns nicht vorher entdeckt.
03:28Okay, Marschreinfolge unverändert.
03:30Md dann sofort in Stellung. Und jetzt hat rein in die Flanke. Feuern!
03:38Ich bin völlig überfordert. Mein Adrenalin steigt.
03:51Angeblich ist die Sperre aufgesprengt und die Gegner sind zurückgewichen.
03:55Ich bleib bei ihm.
04:00Ich weiß, das hier ist kein Krieg, sondern Teil der Ausbildung der Panzergrenadiere.
04:05Trotzdem ist die Belastung enorm.
04:08Gut. Drang für dich als Info. Wir gehen jetzt mit meinem Trupp nach hinten.
04:13Und...
04:14Steilfeuer! Steilfeuer! Weckung! Weckung! Runter! Runter!
04:18Komm runter!
04:21Steilfeuer!
04:25Es ist Teil der Ausbildung, die Soldaten unter Stress zu setzen,
04:28damit sie im Ernstfall funktionieren und nicht unter dem körperlichen und psychischen Stress zusammenbrechen.
04:33So Männer, Köpfe hoch! Köpfe hoch!
04:37Okay, wir müssen jetzt einmal prüfen, ob wir Verwundete haben.
04:40Weil der Feind ist ausgewichen und hat jetzt direkt auf uns Steilfeuer geschossen.
04:45Da vorne ein Verwundeter! Frank, mit mir mitkommen!
04:50Mein Bein!
04:51Und dann schleppen wir den Kerl nach hinten.
04:56Bleib bei mir.
04:58So, alles gut.
04:59Mein Bein!
05:00Sie versorgen dein Bein gerade, ja?
05:02Ah, ich tue weh!
05:05Im Zivildienst bin ich zum Rettungssanitäter ausgebildet worden.
05:09Aber das hier ist anders.
05:11Nehmen wir ihn hier vorne. Ich bin erstmal hochziehen.
05:13Auf das linke Bein stürzen!
05:16Jetzt hier den Arm loslassen!
05:18Genau!
05:19Und Abmarsch!
05:22Okay, abdrehen!
05:26Ah!
05:29Ah!
05:30Manni!
05:32Leitung an alle, Leitung an alle!
05:35Übungsunterbrechung, Übungsunterbrechung!
05:37Es war super anstrengend gerade.
05:39Das Rennen mit dem schweren Gepäck, mit dem Rucksack, der da und auf ging.
05:45Und irgendwann habe ich einfach nur noch gemacht, was mir gesagt wurde.
05:47Ich habe einfach nur noch funktioniert.
05:51Und äh...
05:52Boah!
05:53Jetzt bin ich ganz schön fertig.
05:56Ich wusste zwar die ganze Zeit, dass ich auf einem Truppenübungsplatz bin und nicht im Krieg.
06:00Aber trotzdem hat sich das zwischendurch sehr real angefühlt.
06:03Genau, also, Zeit!
06:05So, Frank!
06:08Erzähl mal, wie war's?
06:09Es ist für mich ein komplettes Neuland.
06:13Ich habe irgendwie zwischendurch völlig außer Acht verloren, wer wo ist.
06:17Und das Gute war, dass ich immer jemanden hatte, der mir was gesagt hat, was ich zu tun habe.
06:22Und irgendwann habe ich einfach nur noch getan, was mir gesagt wurde.
06:25Und ich war in einem völligen Tunnel.
06:27Ich habe als die schwierigste Situation eigentlich empfunden, als es dieses Stallfeuer gab.
06:31Und mitten auf einer Wiese zu liegen und nicht so richtig zu wissen.
06:35Also, man kann sich eigentlich nicht wehren.
06:36Man kann sich jetzt auch in dem Moment nicht zurückziehen.
06:38Und einfach, man muss es so über sich ergehen lassen.
06:41Äh, das war so...
06:43Als ich mir vorgestellt habe, das passiert dann in echt.
06:45Das ist, glaube ich, die schwierigste Situation gewesen.
06:48Und dann eben, ja, jemanden zu haben aus der eigenen Gruppe, der dann verwundet ist.
06:52An dem Punkt war ich körperlich schon ziemlich fertig.
06:54Und dann jemanden noch zu schleppen, ähm, der schreit.
06:59Ist so, ähm, ja.
07:01Schwierig.
07:06Jedes Jahr verzeichnet die Bundeswehr etwa 200 Fälle von posttraumatischer Belastungsstörung durch Erlebnisse im Einsatz.
07:13Und das sind nur die Fälle, die erkannt werden.
07:16Oh, danke.
07:19Ja, das ist wichtig.
07:25Ich frage mich, ob man sich auf Krieg wirklich vorbereiten kann.
07:29Und auf die Dinge, die man dort miterleben muss.
07:32Gerade wenn so was passiert, wie jemand wird verletzt oder man liegt da und ist sozusagen irgendwie so im Feuer
07:38und kann nicht weg.
07:40Ähm, das kann eine belastende Situation sein und da kann auch eine Krankheit daraus entstehen, posttraumatische Belastungsstörung.
07:46Ähm, wie thematisiert ihr das so in der Ausbildung?
07:49Ähm, wir thematisieren das Thema tatsächlich gar nichts. Wir bereiten uns vor.
07:53Wir bereiten uns so gut vor, wie es nur möglich ist. Deswegen, ähm, versuchen wir körperlich so fit wie möglich
07:59zu sein.
07:59Wir versuchen geistig, ähm, immer auf Stand zu sein und, äh, in der Ausbildung, die Ausbildungsstufen immer so anzuheben, dass
08:06wir jeder Situation gerecht werden.
08:08Mhm. Wie nimmst du das wahr in der Ausbildung? Was hast du da drüber so mitbekommen?
08:13Nachgedacht habe ich darüber eigentlich noch gar nicht so. Wir werden hier auch gut ausgebildet. Ähm, ist ja wie zum
08:19Beispiel der Dachdecker, der geht aufs 40 Meter hohe Dach,
08:21verlegt da seine Sachen, hat auch keine Angst, dass er irgendwie runterfällt oder so, macht sich da überhaupt keine Gedanken.
08:26Und so ist das hier eigentlich genauso. So sehe ich das.
08:28Und hast du dir schon mal Gedanken drüber gemacht, wenn du jetzt tatsächlich in so einem Einsatz wärst, was da
08:32alles auf dich zukommt und wie das in echt wäre?
08:34Das ist ja dann vielleicht auch nochmal was anderes als hier, ne?
08:37Wie gesagt, ich werde hier ausgebildet. Genauso würde ich das dann auch anwenden. Und so viel Gedanken auch gar nicht
08:42drüber machen.
08:50Erst seit 2019 erfasst und veröffentlicht die Bundeswehr Zahlen dazu, wie viele Einsatzkräfte psychisch erkranken.
08:57In der Zeit davor liegt vieles im Dunkeln.
09:07Wir fahren ins Militärarchiv in Freiburg, um mehr herauszufinden.
09:12Hier lagern Akten zu deutschen Soldaten aus den letzten zwei Jahrhunderten.
09:17Irgendwo darunter auch die ersten dokumentierten Fälle von psychischen Erkrankungen bei Soldaten.
09:23Wie ist das Militär mit ihnen umgegangen?
09:27Ich bin mit jemandem verabredet, der genau dazu forscht.
09:31Hi.
09:32Hallo.
09:33Philipp, oder?
09:34Ja.
09:34Ich bin Frank.
09:35Hallo.
09:36Wollen wir vielleicht irgendwo hingehen und ein bisschen lauter reden?
09:39Sehr gerne.
09:41Der Umgang mit traumatisierten Soldaten ist ein schwieriges Kapitel in der deutschen Militärgeschichte.
09:47Also hier sind einige Lazarett-Akten aus dem Ersten Weltkrieg.
09:53Philipp und ich suchen nach Hinweisen, die auf psychische Erkrankungen hindeuten.
09:57In jedem grauen Pappordner liegt ein Soldatenschicksal.
10:00Es sind die ersten hier dokumentierten Fälle von Kriegstrauma.
10:09Philipp stößt auf eine besonders dicke Akte.
10:15Albert Gläser, wann er geboren ist, wo er herkommt, in welchem Regiment er gedient hat.
10:22Das ist sozusagen seine komplette Akte?
10:24Das ist seine komplette Akte und wenn man die durchgeht, das sind dann verschiedene Krankenblätter,
10:30weil er offensichtlich verschiedene Aufnahmen in unterschiedlichen Lazaretten während dem Ersten Weltkrieg hatte.
10:39Alberts Diagnose, hysterische Sprachstörung und traumatische Hysterie.
10:46Aus seinen Akten erfahren wir, vor dem Krieg war Albert Weber und Maschinenschlosser in Sachsen.
10:52In der Akte steht, Albert wiegt etwa 70 Kilo, ist 1,68 Meter groß und kräftig.
11:02Fotos gibt es keine von ihm, ich muss mir also vorstellen, wie er ausgesehen hat.
11:11Als der Krieg anfängt, ist er 20 Jahre alt.
11:18Im Krieg ist Albert Kanonier. 1917 kommt seine Einheit nach Flandern in Belgien.
11:23Einen der heftigst umkämpften Schauplätze des Ersten Weltkriegs.
11:28In nur drei Monaten sterben hier über 250.000 Soldaten.
11:34Die Kanonen stehen weit hinter der Front. Sie beschießen den Gegner aus tausenden Metern Entfernung.
11:41Der grauenhafte Kampf Mann gegen Mann bleibt Albert also erspart.
11:46Und trotzdem muss er etwas erlebt haben, das ihn total aus der Bahn wirft.
11:51So sehr, dass er schließlich kampfunfähig ins Lazarett gebracht wird.
11:57Er spricht nicht mehr. Und er zittert.
12:01Alberts Krankheitsbild wird damals erst seit wenigen Jahren erforscht.
12:06Neurologen beobachten es zuerst bei Fabrik- und Bahnarbeitern.
12:13Arbeitssicherheit spielt nach der Industrialisierung erstmal kaum eine Rolle.
12:17Es kommt zu vielen schweren Unfällen.
12:23Auch einige Arbeiter, die körperlich unverletzt bleiben,
12:27Unfälle nur mit ansehen, entwickeln heftige körperliche Symptome.
12:33Manche verlieren die Sprache. Sie stottern oder zittern unkontrolliert am ganzen Körper.
12:38So wie Albert.
12:42Wäre Albert nicht als Soldat, sondern als Bahnarbeiter traumatisiert worden,
12:47hätte er wahrscheinlich ein Anrecht auf eine Berufsunfähigkeitsrente gehabt.
12:52Die traumatische Neurose ist vor dem Ersten Weltkrieg eine anerkannte Diagnose.
12:58Der Präsident der Gesellschaft deutscher Nervenärzte,
13:01der Berliner Neurologe Hermann Oppenheim, vertritt die Theorie,
13:04dass schlimme Erlebnisse mikroskopisch feine Veränderungen im Gehirn auslösen.
13:10Wäre Albert von Hermann Oppenheim behandelt worden,
13:13hätte der ihm wahrscheinlich Ruhe und Gesprächstherapie verordnet.
13:17Doch der Krieg verändert alles.
13:20Er wird Albert und Hermann Oppenheim zum Verhängnis.
13:31Es sind viele, die psychisch erkranken. Und das wird für die Armeeführung zum Problem.
13:37Die Lazarette sind voll von traumatisierten Soldaten wie Albert.
13:43In Lehrfilmen dokumentieren die behandelnden Ärzte das Phänomen der sogenannten Kriegszitterer.
13:56Äußerlich unverletzte Soldaten, die stottern, sich nicht mehr normal bewegen und schon gar nicht mehr kämpfen können.
14:04Das Militär will die Kriegszitterer trotzdem so schnell wie möglich wieder an die Front bringen.
14:11Welche Folgen hatte das für Albert?
14:15Was ist mit ihm passiert, nachdem er ins Lazarett kam und nicht mehr sprechen konnte?
14:20Um sein Schicksal weiter aufzuklären, suchen wir nach der Geschichte seines Regiments.
14:26Dann wollen wir doch mal schauen. Wir hatten gesagt, August 1917.
14:32Genau, es hieß, er wäre in Belgien im Einsatz.
14:36Unsere Batterien erhalten gegen Mittag heftiges Feuer mittleren und schweren Kalibers, das nachmittags abflaut und sich gegen Abend wieder verstärkt.
14:44Ja, in der Batterie 8 war Gläser.
14:47Und jetzt steht hier Skizze 9. Es muss also noch irgendwelche Karten geben vielleicht.
14:54Ah ja, ganz hinten dran.
14:58Gruppe Westhög, Gruppe Bellenwarde. Der kam ja glaube ich in der Regimentsgeschichte gerade vor.
15:07Alles Orte in Belgien. Wir brauchen den passenden Kartenausschnitt.
15:11Also hier ist dieses Zornbrücke, das ist hier.
15:14Ah, okay.
15:17Aber dann wäre das hier unten irgendwo quasi, ne?
15:21Mhm.
15:22Das ist nicht mehr auf der Karte.
15:25Okay.
15:27In Freiburg komme ich nicht weiter.
15:30Wir müssen nach Flandern und vor Ort herausfinden, was mit Albert passiert ist.
15:35Aber erstmal fahren wir nach Berlin.
15:36Ich will wissen, wie die Bundeswehr heute mit traumatisierten Soldatinnen und Soldaten umgeht.
15:47In Berlin hat die Bundeswehr ein eigenes Traumazentrum.
15:51Dort beginnt Daniel gerade seine stationäre Therapie.
15:57Er war Fallschirmjäger und Fernspäher. Ein Elite-Soldat.
16:11Daniel war zweimal im Einsatz in Afghanistan.
16:15Er hat Gefechte miterlebt, Tod und Verwundung gesehen.
16:34Im Einsatz selbst schien noch alles okay. Aber danach ging es los.
16:40Daniel, wann hast du das erste Mal gemerkt, dass irgendwas anders ist an deinem Verhalten, als du es kennst?
16:46Ich habe ein knappes Jahr nach meinem Einsatzende aus jetziger Sicht völlig irrationale Entscheidungen getroffen.
16:56Also ich habe mich damals von meiner langjährigen Partnerin, ja, unter uns würde man sagen,
17:02die habe ich abgeschossen, auch ohne Begründung nach elf Jahren Beziehung.
17:08Und dann kommt man in so einen Strudel und selbst diejenigen, die man kennt, die einen lange kennen, die einem
17:16wirklich vertraut sagen,
17:17hey, irgendwas stimmt nicht, du bist sehr, sehr negativ.
17:21Also mein Bruder, der sagt ständig, dein WhatsApp-Status oder dein Social Media, das kann ich mir gar nicht angucken,
17:27weil da ist ja nur Tod und Verderben.
17:30Ja, und er sagt, es gibt auch schöne Dinge. Und so muss man sagen, ja, stimmt, aber schwer.
17:40Du sagst, wenn es dir zu viel ist, gerade im Gespräch, weißt du, oder als die Diagnose gestellt wurde,
17:49posttraumatische Belastungsstörung, wusstest du sofort, welche Situation Trauma ausgelöst haben?
17:54Nein. Man erwartet natürlich, dass jetzt für den Laien, dass das Gefecht oder die Situation,
18:01und dann sind es aber vielleicht in der Summe aber ganz andere Dinge, die sich die ganze Zeit auf einen
18:06wirken.
18:06Dann ist hier die ständige Bedrohung durch Sprengfallen, immer wiederkehrende Nachrichten,
18:11dass es andere Kräfte, die selbst mit in dem Land sind, erwischt hat.
18:15Man sieht, verwundete, gefallene Kameraden werden in den Hubschrauber eingetragen und irgendwo ist dann so ...
18:23Der Weak Point, glaube ich, wo dann einfach halt die Überlastung ist, und die ist nicht unbedingt da,
18:30wo man es vielleicht vom ersten Gedanken her rational bewerten würde, sondern die kommt dann ganz woanders.
18:34Welche Situationen sind es denn, in denen es heute schwierig ist für dich?
18:37Ich wohne sehr ländlich. Das heißt, wenn ich in meinem vertrauten Umfeld bin, dann ist es relativ entspannt.
18:44Und dann kann es noch so sehr Dorf sein, wenn mir zwei auf meinem Gehsteig mit meiner Tochter laufend entgegenkommen,
18:50dann geht es sofort los. Okay, habe ich die Option, noch diese Straßenseite zu wechseln?
18:54Können wir irgendwo abbiegen? Wie verhalten die sich? Haben die die Hände drin? Wie ist die Mimik? Sind die aggressiv?
19:01Und das findet natürlich dann seine Belastung speziell, wenn es dann heißt,
19:06ja gut, Papa, fahren wir mal nach München rein zum Einkaufen.
19:11Im Kopf hat der Krieg für Daniel nie aufgehört. Bei der Bundeswehr macht er derzeit einen Bürojob.
19:18Und auch den nur wenige Stunden am Tag. Mehr schafft er nicht.
19:22Wieder zur Kampftruppe zurückzukehren, ist für den Fallschirmjäger derzeit völlig ausgeschlossen.
19:27Wie geht es Ihnen heute? Geht. Ja. Was steht denn diese Woche an?
19:35Ja, Sie und ich. Ich habe mich eingeschrieben nochmal in die Angstbewältigungsgruppe.
19:42Am Anfang der Therapie steht das Sprechen. Dadurch wird das Erlebte wieder so konkret,
19:47dass die Patienten am Trauma arbeiten können. Die Therapeutin fängt Daniel seelisch auf, wenn es zu schlimm wird.
19:55Also ich würde dann vielleicht sagen, dass wir in unseren Traumafilmen gemeinsam durchgehen,
20:01sie die Augen wieder schließen und sie eben hier und jetzt berichten,
20:05so als wäre es gerade aktuell mit allen Qualitäten dazu, mit den Gefühlen,
20:13Körperreaktionen, Gedanken, alles, was Ihnen durch den Kopf geht.
20:17Die schmerzhaften Erlebnisse einzeln durchzugehen, ist für Daniel sehr belastend.
20:23Ziel der Therapie ist es, dass Daniel das Erlebte irgendwann als etwas sehen kann,
20:27das zu ihm gehört, aber hinter ihm liegt.
20:31Der Krieg soll eine Erinnerung werden und aus seinem Alltag verschwinden.
20:42Häufig leiden die Betroffenen nicht nur unter posttraumatischer Belastungsstörung,
20:46sondern zusätzlich an Suchterkrankungen oder Angststörungen.
20:50Vor Daniel liegt ein fast zweistündiger Test, bei dem er viele Fragen zu Alltagssituationen beantworten muss.
20:58PTBS-Patienten sind oft dauerhaft angespannt oder erschöpft und reagieren auf plötzliche, laute Geräusche extrem.
21:07Wie kann ich mir denn laienhaft vorstellen, wie so ein Trauma überhaupt entsteht?
21:10Also es ist eine Stresssituation, mit der der Körper, der Geist vor allem nicht umgehen kann?
21:13Ja, richtig. Sie sind praktisch in diesem Moment vollkommen überflutet.
21:18Ihr Angst- und Stresszentrum ist so damit beschäftigt, die überflutenden Informationen irgendwie vollkommen ungeordnet abzulagern.
21:28Erst, ich sage immer zu meinem Patienten, wenn der Schrank aufgeräumt ist, wenn wir gemeinsam den Schrank aufmachen,
21:35uns die Teile anschauen, genau gucken, was muss in welches Fach.
21:39Erst dann ist eigentlich eine vernünftige Ablagerung der Gedächtnisanhalte möglich.
21:44Und dann können Sie auch über das Trauma sprechen, ohne dass Sie ins Zittern, in Weinen oder eben in unangenehme
21:53emotionale Zustände kommen.
21:57Die nächsten fünf Wochen wird Daniel hier in Therapie sein.
22:07Ich werde ihn weiter begleiten.
22:11Aber erst einmal verlasse ich Berlin und begebe mich auf die Suche nach Albert.
22:19Wir fahren nach Belgien. Hier war Albert im Ersten Weltkrieg eingesetzt.
22:26Die kleine Stadt Uypern im belgischen Flandern war im Ersten Weltkrieg heftig umkämpft.
22:35Seltene Luftschiffaufnahmen zeigen das Ausmaß der Zerstörung.
22:44Nur wenige Kilometer vom Stadtzentrum entfernt kämpfen Deutsche gegen belgische und britische Soldaten.
22:54Auf beiden Seiten rennen ganze Jahrgänge junger Soldaten nahezu schutzlos in das Feuer der Maschinengewehre und Kanonen.
23:10Irgendwo hier muss auch Albert gekämpft haben.
23:16Der Historiker Dries Scharle führt mich in den Polygonenwald.
23:21Dries ist in der Gegend aufgewachsen.
23:24Wahrscheinlich haben deutsche Kommandeure von solchen Bunkern aus ihre Truppen gelenkt.
23:28Auch Alberts Einheit.
23:31Du kannst an der Bauart sehen, dass es ein deutscher Bunker ist.
23:35Der Eingang zeigt zur deutschen Seite. Uypern ist dort drüben.
23:39Was meinst du mit deutsche Bauart?
23:42Die Deutschen hatten eine besondere Technik. Sie bauten eine Holzverschalung und gossen Beton hinein.
23:51Auf der Seite, die nach Uypern zeigt, sind große Krater in der Stahlbetonwand.
23:57Hier kannst du die Einschusslöcher im Beton sehen.
24:06Als Kanonier dürfte Albert nicht weit von hier, aber doch in sicherer Entfernung gekämpft haben.
24:13Was ist ihm passiert?
24:18Dries arbeitet in der Forschungsstelle des Kriegsmuseums.
24:21Hier suchen wir nach weiteren Spuren.
24:23Also, das hier ist die Akte von Albert.
24:35Artillerieregiment. Er war Kanonier.
24:38Und die 8. Batterie.
24:39Und da ist eine Batterie.
24:41Das ist gut, hier.
24:41Okay.
24:45Schwer zu lesen.
24:46Ja, ja, die alte deutsche Handschrift.
24:50Am 24. August gab es eine Explosion.
25:03Also, er war in der Batterie 8, in der Gruppe Bellevarde.
25:14Der Ort Bellevarde ist für Dries der entscheidende Hinweis.
25:17Er liegt nah an einer wichtigen Verbindungsstraße.
25:21Die Straßen und Dörfer sind über 100 Jahre später immer noch da.
25:26Trotzdem sieht es heute dort ganz anders aus.
25:37Also, wo sind wir jetzt?
25:38Ja, also, kannst du die Kirche da sehen?
25:42Das ist die Kirche von Besslare.
25:44Und die Straße verläuft hier oben auf dem höchsten Punkt der Hügelkette.
25:48Das war das Ende der britischen und belgischen Sommeroffensive.
25:58Im Sommer 1917 finden hier monatelange Kämpfe statt.
26:08Albert erlebt als junger Soldat eine Tötungsmaschinerie von nie gekannten Ausmaßen.
26:18Granaten, Giftgas, Maschinengewehre und Flammenwerfer.
26:25Das Vernichtungsarsenal wird ständig erweitert.
26:28Der Schutz der einfachen Soldaten allerdings nicht.
26:32Die können sich nur eingraben.
26:39Dries zeigt mir die dürftige Ausrüstung der Soldaten.
26:42Der Stahlhelm schützte den Kopf vor Granatsplittern.
26:45Aber der Rest der Uniform bestand aus Baumwolle.
26:52Der Helm war also sowas wie deine Lebensversicherung im Krieg.
26:56Ja, ja, das war sicher so.
26:58Weißt du, der Krieg wurde damals brutaler, umfassender und auch industrieller, als man sich das vorher je hätte vorstellen können.
27:06Die meisten Opfer des Ersten Weltkrieges gab es durch Artilleriebeschuss.
27:10Viel mehr als durch Nahkampf.
27:13Die Gegner töteten sich gegenseitig auf große Entfernung.
27:17Eine völlig neue Art des Krieges.
27:22Da gab es eine Entwicklung.
27:24Diese roten Hosen zum Beispiel.
27:26Mit solchen Uniformen sind die Franzosen zu Beginn des Ersten Weltkrieges noch in die Schlacht gezogen.
27:31Stell dir mal so eine Signalfarbe in einer offenen Landschaft wie Flandern vor.
27:34Da bittest du ja geradezu darum, zum Ziel zu werden.
27:40Unten im Schrank entdecke ich eine explodierte Granate.
27:43Kannst du die Kugeln sehen?
27:46Tödliche Geschosse, man nennt sie Schrapnell.
27:56Am 26. August 1917 muss es dann passiert sein.
28:01Am Abend bekommt Alberts Geschütz einen Volltreffer.
28:05Sechs Soldaten sterben, Albert wird verschüttet.
28:09Körperlich ist er unverletzt.
28:11Aber als er nach 14 Stunden wieder zu sich kommt, kann er nicht mehr sprechen.
28:16Und das Zittern beginnt.
28:20Es gibt viele Soldaten wie Albert.
28:23Immer mehr Kriegszitterer werden kampfunfähig in die Lazarette eingeliefert.
28:28Die Soldaten fehlen an der Front und der Druck auf die Wissenschaft wächst, eine Lösung zu finden.
28:33Mit gravierenden Auswirkungen.
28:35Auch für Albert.
28:39Zurück in Berlin.
28:41Heute wird Daniels Kopf im MRT durchleuchtet.
28:45Psychische Erkrankungen lassen sich nicht sichtbar machen.
28:49Aber manchmal zeigen sich ihre Folgen als Veränderungen im Gehirn.
28:56So konnten Studien bei traumatisierten Menschen eine Abnahme von Hirnsubstanz in bestimmten Arealen nachweisen.
29:06Zum Beispiel im Hippocampus, der für die Gedächtnisbildung zuständig ist.
29:11Das passt zu den unkontrollierbaren Erinnerungen der Betroffenen, die sich immer wieder hervordrängen.
29:19Außerdem zeigte sich eine Veränderung im medialen präfrontalen Kortex.
29:24Er ist für die emotionale Verarbeitung von Informationen zuständig.
29:28Aber auch für das Vergessen.
29:30Ein wichtiger Mechanismus bei der Bewältigung von belastenden Situationen.
29:34Und auch die Stresszentren, die sogenannten Mandelkerne, waren laut Studien betroffen.
29:40Sie versetzen den Körper bei Gefahr in Alarmbereitschaft und lösen eine ganze Kaskade von Reaktionen aus.
29:47Bei PTBS-Patienten scheinen all diese Mechanismen nicht mehr richtig zusammenzuarbeiten.
29:53Die Folge? Erschöpfung und unterschiedlichste psychische Probleme.
29:57In der ersten Phase von Daniels stationärer Therapie im Bundeswehrkrankenhaus Berlin ging es darum, ihn aufzufangen.
30:04Jetzt folgt die zweite Phase. Konfrontation.
30:08Daniels Therapeutin wird ihn bewusst in belastende Situationen führen.
30:13Im Kern geht es eigentlich darum, die Erinnerung so einzusortieren, dass sie keine unangenehmen emotionalen Zustände mehr macht.
30:22Und entsprechend der Leitlinien arbeiten wir wirklich ganz, ganz stark mit Traumaexpositionen.
30:30Heute muss sich Daniel einer Situation stellen, die für ihn sehr herausfordernd ist.
30:35Es geht zum Berliner Hauptbahnhof.
30:37Ich weiß, dass jetzt hier nicht jeder ein Attentäter ist oder wie oft passiert es, dass sich in Deutschland einer
30:44in die Luft sprengt.
30:45Aber das ist einfach, das ist wie eine Brücke im Gehirn.
30:49Das ist tatsächlich Teil der Behandlung auch.
30:51Einfach das immer wieder durchleben, immer wieder diese begleitete Konfrontation.
30:56Und dann sagt man ja, okay, es wird nie ganz weggehen, aber du lernst auch damit umzugehen, das selber auch
31:01einzuordnen.
31:02Das ist ganz wichtig.
31:06Und dann auch vielleicht mal unbegleitet sich dem zu stellen.
31:10Der Hauptbahnhof ist nur noch 200 Meter entfernt.
31:13Ja, und jetzt wird es halt anstrengend, weil jetzt sind da vorne viele Menschen.
31:19Ja, der Weitblick auch.
31:21Und dann ist so eine Reizüberflugung.
31:22Ich habe immer Angst vor dieser, dass ich im Prinzip die Kontrolle verliere.
31:27Dass ich einfach überhaupt nicht mehr wahrnehme, was mache ich eigentlich.
31:33Ich fahre an meinem Zielbahnhof vorbei, weil ich einfach komplett nur noch in Atme beobachte.
31:39Also das ist, sie sagt, ich würde da im Prinzip aus mir raustreten.
31:44Dissoziieren, ja.
31:45Ja, und das passiert bei so einer Reizüberflugung.
31:51Daniel soll üben, sich seinen negativen Gefühlen zu stellen und ruhig zu bleiben.
31:55Wir werden ihn dabei weiter begleiten.
32:00Traumatische Erlebnisse können Wunden in die Psyche reißen, die genauso einschränkend sind wie körperliche Verletzungen.
32:05Aber diese Erkenntnis wird mitten im Ersten Weltkrieg infrage gestellt.
32:141916 kommen in München Neurologen und Militärpsychiater zusammen.
32:18Im Hörsaal der Psychiatrischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität.
32:25Sie ringen um die richtige Diagnose und Behandlung im Umgang mit den sogenannten Kriegszitterern.
32:32Der Präsident der Gesellschaft Deutscher Nervenärzte, Hermann Oppenheim, vertritt sein Konzept der traumatischen Neurose,
32:39nach der schreckliche Erlebnisse Spuren im Gehirn hinterlassen und Auslöser der Zitteranfälle und Lähmungen sind.
32:45Doch Oppenheim stößt auf Widerstand.
32:48Eine Gruppe von Ärzten führt die Symptome auf minderwertiges Erbgut und eine schwache Psyche zurück.
32:55Statt den Patienten Ruhe und Gesprächstherapie anzubieten, wie Oppenheim,
32:59vertreten die Ärzte um den Hamburger Neurologen Max Nonne einen radikalen Therapieansatz.
33:04Die sogenannte Überrumpelungsmethode.
33:07Dabei wird der Patient in scharfen Befehlston herumkommandiert und mit schmerzhaften Elektroschocks gequält.
33:14Das soll den psychischen Widerstand brechen.
33:17Nonne und seine Mitstreiter behaupten auf der Tagung, mit ihrer Methode über 90 Prozent der Kriegszitterer heilen zu können.
33:24Oppenheim ist entsetzt, muss sich aber der Mehrheit geschlagen geben.
33:29So entscheidet sich das Schicksal vieler traumatisierter Soldaten in diesem Hörsaal in München.
33:34Also ich finde es ein bisschen grausam auch, wenn ich mir so vorstelle.
33:41Und dass das eigentlich alles Wissenschaftler waren, die darüber ernsthaft diskutiert haben,
33:47ob diese Methoden den Menschen gut tun oder vielleicht helfen.
33:54Auch Albert wird mit der Elektroschock-Methode behandelt, die auf der Tagung vorgestellt wurde.
33:59Im Deutschen Museum in München existiert noch eines jener Geräte,
34:03mit denen Soldaten Stromstöße gegeben wurden.
34:07Der Kurator der medizinischen Sammlung hat sich bereit erklärt, mir die Maschine zu zeigen.
34:14Pantostat S, wie es auch teilweise hieß.
34:18Also Pantostat war erstmal nur ein Gerät?
34:20War das klassische Gerät für die Elektrotherapie von Siemens.
34:241910 entwickelt und dann gebaut bis in die 1970er, glaube ich sogar.
34:30Also es liefert quasi den Strom und die Einstremmöglichkeiten.
34:33Und daran kann man alles Mögliche anschließen wiederum.
34:37Im Juni 1918 bekommt Albert zum ersten Mal die Elektroschock-Behandlung zu spüren.
34:45Die schmerzhaften Stromstöße sollten psychische Blockaden lösen.
34:50Doch die Therapie bringt für Albert keine Heilung.
34:57Im Gegenteil, in seiner Lazarettakte ist vermerkt, dass er sogar während der Strombehandlung
35:03einen heftigen Zitteranfall und einen anschließenden Zusammenbruch erleidet.
35:14Trotzdem wird er weitere Male behandelt.
35:16Die heute erhaltenen Lazarettakten zeigen, dass etwa jeder fünfte Kriegszitterer die Elektrotherapie ertragen musste.
35:27Zurück im Freiburger Militärarchiv spreche ich wieder mit Philipp Rau über Alberts Fall.
35:33Das klingt ja nicht nach Psychotherapie, die sich danach richtet, sozusagen ihn wieder gesund zu machen.
35:39Das war gewissermaßen auch nicht das Ziel der Militärmedizin.
35:43Der Sinn, den sich die Militärärzte bei diesen Therapiemethoden ausgedacht haben, war,
35:49dass es derartig schmerzhafte Behandlungsmethoden sein sollen,
35:56die den Soldaten insofern gefügig machen, dass er wieder zurück an die Front möchte.
36:02Dass die Therapie im gewissen Sinne schmerzhafter und drastischer ist als die Fronterfahrung des Patienten.
36:09Damit er wieder im Krieg dienen kann.
36:11Ja.
36:13Die Kriegszitterer werden als charakterliche Schwächlinge diffamiert
36:16und ihre Hysterie zum Teil sogar für den Zusammenbruch der Front mitverantwortlich gemacht.
36:22Das negative Menschenbild setzt sich nach dem Krieg fort.
36:26Die wissenschaftliche Lehrmeinung favorisiert lange eine Therapie durch Strenge und Härte.
36:36In Berlin geht es für Daniel in die entscheidende Phase seiner Therapie.
36:41Zusammen mit seiner Therapeutin, Christina Alliger-Horn, soll der Fallschirmjäger zum Berliner Hauptbahnhof gehen.
36:47Seine Psyche soll lernen, dass diese Alltagssituation keine Gefahr darstellt.
36:52Doch Daniels Gefahrenradar scannt weiter alle Menschen auf Bedrohung.
36:55Ja, der eine hat die Hand in der Tasche, der andere hat sie in dem Rücken und dann geht's halt
37:01los.
37:03Daniel ist jetzt im Tunnel. Er versucht, alle Stressfaktoren auszublenden.
37:17Eigentlich wollte er heute nur bis auf den Bahnhofsvorplatz laufen.
37:21Aber seine Therapeutin Christina Alliger-Horn spürt, dass Daniel noch etwas mehr Stress bewältigen kann.
37:26Wir gehen zu den S-Bahnen. Viele Menschen, unübersichtliches Umfeld, ständige Veränderungen.
37:34Für Daniel die maximale Belastung.
37:50Ich würde mich jetzt eigentlich immer hier so hinstellen. So, zum Beispiel.
37:54Da wird keiner kommen. Da kann ich alles sehen.
38:04Jetzt während er einfährt, geht's direkt los. Klack, klack, klack, klack, klack, klack, klack.
38:08Jetzt steigt die Angst wieder, wenn er einfährt.
38:10Ja, also er ist jetzt leer. Von dem her ist jetzt nicht so das Problem.
38:14Wenn ich jetzt einsteigen müsste, würde ich auf jeden Fall entweder da oder da einsteigen.
38:20Um dann halt zu gucken, okay, wo ist der Waggonübergang, wo kann keiner mehr im Rücken sein und wo kann
38:26ich auch entsprechend wieder raus.
38:27Einfach nur wahrnehmen, was Sie sehen. Nur wahrnehmen, was Sie sehen.
38:34Nicht zusätzlich mit Gefahr bewerten. Nicht noch on top. Nur wahrnehmen.
38:43Frau im grauen Sakko, schwarze Tasche. Einfach nur wahrnehmen. Keine Bewertung on top.
38:51Versuchen Sie mal dieses Scaling-Verhalten.
38:57Plötzlich gibt es ein Tumult auf dem Bahnsteig.
39:03Da, Schlägerei.
39:04Ja.
39:07Wir bleiben hier.
39:12Sie stellen sich ihrer Angst.
39:14Das ist okay, das ist Angst.
39:17Das ist vollkommen in Ordnung.
39:18Wir machen nichts dagegen.
39:20Sie kennen das Prinzip.
39:25Sie sind jetzt hier am Bahnhof. Sie stehen hier mit mir.
39:29Die Szene ist jetzt hier, wie sie ist.
39:32Wir nehmen das wahr.
39:33Aber wir verstärken nicht noch künstlich unsere Gedanken durch irgendwelche zusätzlichen Optionen.
39:42Wenn ich dann meine Tochter dabei wäre, dann ist hier Alarm.
39:46Wir versuchen nicht so viel zu reden.
39:48Schön bei der Angst bleiben.
39:51Wahrnehmen.
39:53Manchmal mag ich es nicht, dass sie ihren Job können.
39:58Als die nächste Bahn einfährt, ist Daniel schon deutlich ruhiger.
40:09Also für mich wäre es okay, wenn wir für heute erstmal an der Stelle Schluss machen.
40:14Es war das erste Mal, dass wir jetzt hier wirklich stehen.
40:18Sie haben das wirklich Respekt.
40:23Machen wir Schluss erstmal für heute?
40:25Gut.
40:26Wir werden es endlich fertig.
40:29Die Therapiestunde hat Daniel extrem viel Kraft gekostet.
40:32Aber er will wieder ein freieres Leben führen können.
40:36Ich sag mal, durch die Therapie jetzt ist es schon so, dass ich jetzt sage, okay, du hast im Prinzip
40:45dem zu begegnen.
40:46Das kann man ja auch militärisch angehen und sagen, hier, stell dich mal deinen Ängsten.
40:50Wie so eine Mission.
40:51Und, ja, Mission ich.
40:56Und eben auch die Lebensqualität von meinem engeren Kreis, mich einzuschränken, Tochter oder so, das hat die Therapie schon deutlich
41:06hervorgebracht.
41:09Zur Kampftruppe wird Daniel nicht mehr zurückkehren.
41:12Das steht für ihn fest.
41:15Sein Ziel ist es, irgendwann wieder einen unbelasteten Alltag zu haben.
41:20Doch das geht nur in sehr kleinen Schritten.
41:25Der Heilungsprozess ist auch ein Lernprozess.
41:28Es ist wie so ein Adventskalender.
41:29Es werden immer wieder kleine Türen aufgemacht.
41:31Und da ist was drin.
41:33Und es wird dem Prinzip beigebracht, dass das, was da drin ist, mag vielleicht auch mal Zartbitterschokolade sein, die du
41:38nicht magst.
41:39Aber es ist trotzdem gut, weil es schadet dir nicht.
41:43Und am Ende kommt dann hoffentlich was raus, wo ich sage, jo, der Alte, der ich mal war, will ich
41:52vielleicht auch gar nicht mehr sein.
41:54Aber ich kann den, den ich jetzt werde, halt auch im Spiegelbild akzeptieren.
41:58Und auch einfach offen sein.
42:01Ich habe den Eindruck, dass Daniel hier geholfen wird.
42:05Aber der Weg hin zur Anerkennung psychischer Erkrankungen war für Soldaten lang.
42:10Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die Kriegszitterer oft als Deserteure betrachtet, als schwach und minderwertig diffamiert.
42:19Rentenansprüche wurden ihnen systematisch verwehrt.
42:23Alberts Schicksal ist ungeklärt.
42:25Er bleibt bis Kriegsende im Lazarett.
42:28Später heiratet er und wird Vater von zwei Kindern.
42:32Seine Spur verliert sich in den 20er Jahren.
42:36Ob er sein Trauma je ganz überwunden hat, ist nicht bekannt.
42:46Für die Toten des Ersten Weltkrieges gibt es Gedenksteine und Soldatengräber.
42:50So wie in Langemark in Belgien.
42:53Ich finde hier Kanoniere, die in der Nacht gestorben sind, als Alberts Einheit einen Volltreffer bekam.
43:06Wenn man so sieht, wie viele Namen da draufstehen und auf allen Grabsteinen hier, ist das schon eine bedrückende Anzahl
43:14an Menschen.
43:17Die Traumatisierten haben keine Gedenktafeln.
43:21Man schätzt, dass es mindestens 200.000 Kriegszitterer auf deutscher Seite gab.
43:31Für Daniel geht es nach Hause. Er wird weitere Therapien machen.
43:36Der Krieg in seinem Kopf wird bleiben.
43:39Aber er hofft darauf, dass er eines Tages nur noch eine Erinnerung ist.
43:57Untertitelung des ZDF für funk, 2017
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