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00:12How can it happen, that there are three people behind us at this time,
00:17they set themselves into the car, they go to the second place, the Willie follows him,
00:25four times the police call and no one goes around. At the second place, there are six people,
00:33they set themselves back into the car and go home and the police is still not there.
00:40How can that be?
00:44But if you have so many questions and you don't get the answer, then you ask yourself,
00:49how do I this pain, this wound, how do I ever heal?
00:53How can I go?
01:17He was first about all the others, then about himself.
01:23Sadat loved the freedom, the travel and the summer.
01:26And he made the best Shisha in the city.
01:30Saeed Neser had four sisters and always a smile on his face.
01:34He brought all around him to love.
01:37Mercedes was only streng, when it was about school.
01:40For her two children was the best friend in the world.
01:45Hamza war ruhig und zielstrebig, schon als Kind.
01:48Auf ihn konnte man einfach nicht wütend sein.
01:52Veli konnte sechs Sprachen.
01:54Er wollte noch studieren und die Welt sehen.
01:57Ferhat hat einem immer zugehört und einen Rat gewusst.
02:01Er wollte ein Buch schreiben.
02:04Kaloyan arbeitete viel, für die Familie und seinen Sohn in Bulgarien.
02:10Ich habe mit ihm gelebt, mit Fatih.
02:13Tag und Nacht, wir waren zusammen.
02:16Und wir waren so glücklich.
02:20Und ich realisiere das einfach alles immer noch nicht.
02:24Wenn ich nachts schlafen gehe und er nicht an seinem Platz liegt.
02:27Die Wohnung ist wie zuvor.
02:29Ich habe nichts verändert.
02:31Weder noch ein Kleidungsstück oder sonstiges.
02:34Zahnbürste, alles da.
02:36Wir sind zusammen aufgewachsen.
02:39Wir waren auch befreundet und kennen uns, seit wir Kinder sind.
02:43Und sind dann wegen der Arbeit nach Hessen gezogen.
02:47Und haben hier zusammen über drei Jahre gelebt.
02:52Ja.
02:53Und an dem Abend, also er war kein Typ, der irgendwie viel raus ist.
02:58Er war immer arbeiten und mit mir zu Hause, arbeiten zu Hause.
03:00Wir haben ja hier keine Familie.
03:02Auch nicht viele Freunde.
03:03Er war mein bester Freund wie mein Vater.
03:06Also er war meine Familie, mein Ein und Alles.
03:09Ja, an dem Abend hat er halt seinen Freund hier rausgebracht.
03:13Und der Freund hat kurz eine geraucht.
03:16Und dann sind die beide vorm Auto gestanden.
03:18Kurz bevor Vater ins Auto steigen wollte.
03:22Ja, dann hat der Täter auf ihn geschossen.
03:2519. Februar 2020.
03:28Kurz vor 22 Uhr.
03:30Ein Mann in einer grünen Outdoorjacke läuft mit schnellen Schritten
03:33die Straße hinunter.
03:34Das Viertel in der Hanauer Innenstadt ist auch nachts belebt.
03:37In seiner Hand hält der Mann eine halbautomatische Pistole.
03:43Ich höre seine Stimme ja immer noch.
03:47Seine Augen sehe ich ja auch, wie er mich angestarrt hat und so.
03:52Und ich schreie.
03:53Er hat ja auch die Waffe auf mich gerichtet und auf meine Brust gedrückt.
03:59Und dann natürlich automatisch habe ich ja auch bei ihm dann halt
04:03die ganze Zeit in die Augen angehuckt.
04:05Ich krieg immer noch Gänsehaut und Angst.
04:10Also die Augen, die haben echt viel verraten, glaube ich, von ihm irgendwie.
04:16Aber dass er mich verschont hat, das verstehe ich nicht.
04:20Und zweimal sogar.
04:21Also der hat sich ja erstmal abgewendet, einen Schritt vorgegangen und ist wieder zurück.
04:27Und hat wieder meine Augen angeguckt, mein Gesicht angeguckt.
04:31Und dann hat er gemeint, ist was.
04:34Da ich ja im Schockzustand war, Starrzustand, ich habe nicht antworten können.
04:41Und dann ist er dann nach ein paar Sekunden, wo er mich wiederher so angestarrt hat,
04:48weggerannt und hat seinen Laufweg mit Schüssen freigemacht.
04:53Die ersten Schüsse dieser Nacht treffen Kaloyan Welkow hinter der Theke einer kleinen Bar.
05:00Er verblutet.
05:05Aber ich verstehe nicht, wieso er mich verschont hat.
05:08Vielleicht durch mein Aussehen, weil ich blauäugig bin, blond bin.
05:13Vielleicht hat er gemeint, ich wäre ein Deutscher.
05:15Ich weiß es nicht.
05:17Die Fragen, die sind alle offen bei mir.
05:20Und ich zerbreche mir jeden Tag und Nacht den Kopf, wieso, weshalb er mich nicht ermordet hat.
05:27Warum hat er mich verschont?
05:31Fünf Stunden nach dem Anschlag stürmt die Polizei das Haus des Täters.
05:35Er lebte in einem Kellerzimmer bei seinen Eltern.
05:38Getötet hat er auch sich und seine Mutter.
05:41Obwohl psychisch krank, konnte er legal Waffen besitzen.
05:44Seine Wahnvorstellungen und Verschwörungstheorien teilte er über seine Website.
05:49Am Abend vor der Tat klickte er im Netz eine Rede des AfD-Politikers Björn Höcke
05:54auf der 200. Pegida-Demonstration in Dresden an.
05:59Es ist nicht undemokratisch, wenn man eine millionenfache Masseneinwanderung,
06:05die illegal ist, aus tiefstem Herzen heraus ablehnt und Sorgen um die Identität dieses Landes hat.
06:11Um seine rassistischen Vernichtungsfantasien in die Tat umzusetzen, ging er regelmäßig zu Schießtrainings, auch im Ausland.
06:19Er hat den Anschlag lange im Voraus geplant.
06:29Willi war Paketzusteller.
06:31Mit seinem silbernen Mercedes ist er auf dem Weg nach Hause.
06:34Er ist fast angekommen, als drei Kugeln den Kotflügel durchschlagen.
06:38Da sind die Notrufe von Willi, von dieser Nacht.
06:49Also, was habe ich gesehen in der Akte?
06:52Und Willis Handy?
06:55Willi war die dritte Person, die hat zum Notruf telefoniert, am 19. Februar dieser Nacht.
07:07Willi sieht, wie der Täter flieht und verfolgt ihn.
07:11Er schafft es sogar, das Auto des Täters kurz zu blockieren.
07:14Er wählt immer wieder die 110, dreimal auf seinem Weg, kommt aber nie durch.
07:20Nach zweieinhalb Kilometern bremst ihn der Täter aus und erschießt ihn von vorn durch die Windschutzscheibe.
07:26Dann betritt der Täter die Arena Bar.
07:30Da gab es nichts Besonderes, also das war einfach ein Raum gewesen, wo zwei, drei Fernseher hingen.
07:36Da war eine Bar und ein Kiosk war nebendran.
07:41Also das, was man braucht zum Check.
07:44Die Jungs haben sich getroffen, es lief Champions League an dem Tag, wir haben Fußball geschaut gehabt.
07:49Und dann hat man schon Schüsse von draußen gehört, also ein lautes Knallen, drei Stück.
07:55Dann ist der Täter irgendwann mal reingekommen und hat angefangen zu schießen.
08:01Jeder hat versucht irgendwie in Deckung zu gehen.
08:04Der Täter war vor der Bar gewesen, musst du dir vorstellen.
08:07Und er hat über die Bar, wo ich dann da gekniet hatte und alle hinter mir, hat er dann geschossen
08:12gehabt auf uns.
08:14Dann bin ich nach vorne gefallen und bin dann um die Ecke gekrochen, unterm Tisch direkt.
08:20Und kurz daraufhin war es dann komplett leise gewesen.
08:31Saeed Etris wird dreimal getroffen. Eine Kugel bleibt in seinem Hals stecken.
08:37Und dann bin ich mit einem Ruck, bin ich aufgestanden, dann war ich erstmal auf dem Bein gewesen.
08:43Da habe ich meinen Pulli festgehalten gehabt und bin um die Ecke gelaufen.
08:48Und da habe ich dann erstmal den Hamza gesehen.
08:57Da ging auch nichts mehr. Dann habe ich mir gedacht, im Kiosk, da kann man vielleicht noch jemandem helfen.
09:09Dann bin ich zum Kiosk gerannt und da war auch alles zu spät gewesen.
09:20Als die Polizei kam, die wussten selber nicht genau, was die machen sollten.
09:25Die waren nervös gewesen und die Aussage von dem Polizisten war auch gewesen, ich habe sowas noch nie erlebt.
09:30Und er hat auch gezittert gehabt.
09:32Und da habe ich ihm in dem Moment gesagt, habe ich ihn beruhigt, habe ich ihm gesagt, alles wird gut,
09:38kommen Sie runter.
09:38Es ist wichtig, dass Sie jetzt die Wunde hier zuhalten. Ich erkläre Ihnen, was passiert ist. Ich erzähle es Ihnen.
09:45Dann hat er die Wunde zugehalten und dann habe ich ihm erzählt, was ungefähr passiert ist, dass jemand gekommen ist,
09:50geschossen hat und wieder geflüchtet ist.
09:52Und der eine Polizist, der war auch sehr nervös gewesen, der hat mich nach dem Ausweis gefragt.
09:59Und ich in dem Moment suche noch nach meinem Ausweis, um ihm das zu geben.
10:07Dann habe ich gewartet, die haben alles aufgeschnitten bei mir, haben irgendwann meine Trage geholt, haben mich auf die Trage
10:15getan und irgendwann hat irgendjemand dort geschrien gehabt, dass der Täter wieder zurück sei.
10:24Und da war ich echt geschockt, was dann passiert ist.
10:27Du musst dir vorstellen, wir waren auf dem Parkplatz gewesen.
10:29Da waren Autos gewesen, da waren Steine, da war genug Platz gewesen, um irgendwo in Sicherheit zu gehen.
10:36Und was die Rettungskräfte gemacht haben, ist meine Trage Richtung Arena war gedreht und alle hinter mir versteckt.
10:45Und ich war dann sozusagen Schutzschild gewesen.
10:50Und ich bin mitten im Winter, wie am Februar, ich wurde mehrfach angeschossen, ich liege nackt auf einer Trage und
11:01werde als Schutzschild benutzt und schaue in den Nachthimmel.
11:07Denkt man sich auch erstmal, man ist im falschen Film.
11:10Der Tatort befand sich 100 Meter von unserem Haus entfernt, also wir waren ganz schnell da gewesen.
11:16Und nach 20, 30 Minuten habe ich dann einen Polizisten getroffen und habe ihn gefragt, ja, ich bin auf der
11:23Suche nach meinen Brüdern.
11:24Haben Sie einen Said Edris Hashemi gesehen?
11:27Und er meinte, ja, einen Said Edris Hashemi, mit ihm habe ich geredet.
11:32Und ich meinte, wie, Sie haben mit ihm geredet?
11:34Und dann meinte er, ja, er wurde getroffen, einmal am Hals und einmal an der Schulter.
11:40Er ist jetzt im Krankenhaus.
11:42Dann habe ich ihn gefragt, in welchem Krankenhaus ist er?
11:44Aber er konnte mir keine Antwort geben.
11:47Wir wussten nicht, in welchem Krankenhaus er liegt.
11:49Dann habe ich ihn gefragt nach Seiten Edris Hashemi und er konnte mir keine Antwort geben.
11:58Ich habe mich angerufen.
12:00Ich habe mich angerufen, Papa, Papa, Mercedes wurde getroffen.
12:03Wer soll Mercedes erschießen?
12:05Der hat lauter Freunde, da ich jetzt stattgehalten.
12:12Ich habe einfach aufgeregt, habe mich dazu nicht wahrgenommen.
12:17Haben die mich nochmal angerufen.
12:19Papa, die ist tot.
12:22Mercedes war nur kurz im Kiosk neben der Arena Bar, um eine Pizza zu holen.
12:27Für ihre Kinder.
12:29Ich habe mir bloß die Schuhe eingezogen, bin im Auto eingestiegen und bin von Sachsenhausen nach Kesselstadt gefahren.
12:40Ich bin dann in die Arena Bar reingekommen und habe meine Frau gesehen, die Kinder weinen.
12:48Die ist tot.
12:50Immer mehr Menschen erreichen die schrecklichen Nachrichten.
12:54Immer mehr Familien suchen nach ihren Kindern, Geschwistern, Freunden.
12:58Die Polizei bringt sie mit gecharterten Linienbussen weg von den Tatorten in eine Sporthalle.
13:06Dort haben die unsere Daten aufgenommen, wen wir suchen.
13:15Und gegen 2 Uhr 15, halb drei, kommt der Polizist in die Halle.
13:21Also alle Familien waren da, die meisten.
13:23Und fragt uns, ruft uns durch.
13:27Wer sind Sie?
13:28Ich habe gesagt, ich bin der Vater, das ist die Mutter, das sind die Brüder.
13:31Wir kommen gleich zu Ihnen.
13:33Bleiben Sie ruhig.
13:35Philipp Gohmann bleibt mit anderen Familienmitgliedern in der Nähe der Arena Bar.
13:40Er will seine Tochter Mercedes noch einmal sehen, um sich von ihr zu verabschieden.
13:47Um 3 Uhr in die Nacht, wisst ihr, wer gekommen ist?
13:53Wir waren vielleicht 50 oder 60 Personen, die haben da gewartet, in Autos und draußen.
14:02Die Leute, ich weiß nicht, wie die heißt, kannst du wieder sagen?
14:06SCK.
14:07SCK.
14:07Und hat uns die Kanonen an den Kopf gestellt.
14:12Uns, die Romans, wo wir gewartet haben.
14:16Und der Polizist, der zuständig war, war vielleicht 20 Meter vor mir.
14:21Und die kamen und haben uns die Kanonen an den Kopf.
14:24Mit Lichter, Hände hoch und auf dem Boden und nicht bewegen.
14:31Da habe ich gesagt, bin ich jetzt im falschen Film?
14:35Haben wir diesen Anschlag jetzt gemacht?
14:38Wie die Nummer?
14:41Genau, und dann haben wir gewartet bis 6 Uhr morgens.
14:44Und dann kam ein Polizist mit der Liste rein und hat dann gesagt, ja, jeder Angehöriger hat mindestens einen Todesopfer
14:54zu beklagen.
14:55Und dann hat er angefangen, die Namen vorzulesen.
14:59Und mit jedem Namen haben immer mehr Menschen angefangen zu weinen.
15:04Ich habe Schreie gehört.
15:06Leute sind umgekippt in dieser Halle.
15:17Und dann habe ich gefragt, ja, wo ist die Leiche von meinem Bruder?
15:21Und dann wurde mir gesagt, die Leiche wurde beschlagnahmt und wir können ihnen nicht sagen, wo die Leiche ist.
15:28Sie konnten mir einfach nicht sagen, wo die Leiche ist und was mit dieser Leiche gemacht wird.
15:34Ich habe die Leiche von meinem toten Bruder erst acht Tage nach seinem Tod gesehen.
15:42Ja, er lag friedlich im Sarg, in Tüchern eingebunden.
15:47Also natürlich wurde eine Obduktion durchgeführt und wie schon gesagt wurde, diese Kinder wurden auseinandergenommen.
16:00Sie wurden Stück für Stück aufgeschnitten.
16:03Ihre Organe wurden ihnen entnommen.
16:07Sie wussten, wie sie gestorben sind.
16:10Sie wurden erschossen.
16:11Man musste ihnen ja jetzt nicht die Organe entnehmen und einzeln abwiegen und sie dann irgendwie zusammenflicken.
16:21Ja, genau.
16:28Ja, so habe ich die Tatnacht empfunden.
16:42Als der Obduktionsbericht kam, habe ich gesehen, die wussten um 1.15 Uhr, schon war die Polizei da, hat ihn
16:49identifiziert.
16:52Zur Leichenbeschauung.
16:55Und die schreiben rein, sein Aussehen orientalisch südländisch, die beschreiben seinen Namen.
17:03Wäre in der Nacht jemand gekommen mit diesem Bericht, hätte mir gegeben und gesagt, es tut mir leid für die
17:07Familie, aber es ist nicht mein Sohn.
17:09Gott sei Dank ist er es nicht.
17:12Dunkelblond, blauäugig, hellhäutig, ist für die orientalisch südländisch.
17:19Von einem Rassisten getötet und der Rassismus geht weiter.
17:24Und die schreiben rein, wegen der Obduktion Widerspruchsberechtigter nicht bekannt.
17:30Haben die gedacht, ein Storch hat ihn gebracht. Und ich sitze bei dem.
17:38Und als die Freigabe der Leiche war, das war am Mittwoch, die Woche drauf.
17:44Es ist meine Pflicht, meinen Sohn zu waschen, aber ich konnte es nicht.
17:49In muslimischen Familien gehört es zur Tradition, die Toten selbst zu waschen.
17:56Zu den Beerdigungen kamen tausende Menschen, um sich zu verabschieden.
18:04Ferhat, Hamza und Said Nesar wurden nebeneinander begraben, in Hanau.
18:10Sie sind hier geboren, zusammen aufgewachsen und sie sind zusammen gestorben.
18:16Mercedes wurde in Offenbach beerdigt.
18:20Kaloyan und Willi und Fatih wurden in die Länder zurückgebracht, aus denen sie nach Deutschland kamen.
18:29Gökhan wurde in das Heimatdorf seiner Eltern in der Türkei geflogen.
18:46Sedats Grab ist in Dietzenbach. Dort ist er aufgewachsen.
18:50Vor drei Jahren eröffnete er in Hanau eine Shisha-Bar, das Midnight.
18:55Sedat wollte sich schon immer selbstständig machen.
18:58Seine Eltern kamen vor 50 Jahren als Gastarbeiter aus der Türkei nach Deutschland.
19:06Der Mörder hat nicht nur unser Kind ermordet, sondern uns auch mitgenommen.
19:14Wir leben aber wie eine Leiche.
19:23Ich lade das immer voll.
19:25Es ist nie einmal ausgegangen.
19:49Wenn der Mörder sowieso den Sedat gekannt hätte, hätte er niemals den Sedat umbringen können.
20:00Fremdheit.
20:00Die waren keine Fremde, haben die gesagt.
20:07Aber die waren doch Fremde.
20:10Warum sind die ermordet worden, wenn die keine Fremde wären?
20:23Das Midnight gibt es nicht mehr. Es war die einzige Shisha-Bar, die an dem Abend zum Ziel des Anschlags
20:29wurde.
20:30Das Midnight war mehr als eine Bar. Es war ihr Wohnzimmer, sagen Sedats Freunde.
20:35Hier war immer jemand zum Reden oder zum Zuhören und zum Feiern. Den ganzen Tag und die ganze Nacht.
20:43Einen Ort, der das Midnight ersetzen könnte, werden sie wohl nicht mehr finden.
20:48Das Ding ist, meistens fahren ja auch die Leute, die Shisha rauchen wollen, gar nicht so weit weg für eine
20:53Shisha, sondern eher für die Location.
20:55Und bei uns sind halt sehr viele Kunden gewesen, auch aus Hamburg, aus Aschaffenburg, aus Darmstadt, aus Gießen.
21:03Also wirklich von weit her sind die da nachher gekommen. Einfach nur für die Pfeife.
21:08Weil unser Laden war klein, die Location war jetzt nicht so wie die typischen Shisha-Bar Frankfurt Location, wo halt
21:14auch alle so total aufgetakelt kommen.
21:16Du konntest kommen wie du willst, du hast dich wohl gefühlt und deine Pfeife hat geschmeckt und das war einfach
21:21die Hauptsache.
21:22Klein aber fein. Ja, aber wirklich.
21:24Das Hedo muss man erlebt haben. Und was sagt Apache? Wenn du nicht dabei warst, dann warst du nicht dabei.
21:29Du kannst es eigentlich gar nicht, du kannst dir noch nicht mal vorstellen für eine Sekunde, was das für ein
21:33Mensch war.
21:33Ja.
21:39Der ist 16.05.30 geworden, 90 geboren. Er ist in Langen geboren, in Dietzermark gelebt, in Hanau ermordet.
21:50Heute wäre Sedat 30 geworden. Es sind alle gekommen. Eltern und Verwandte, Freunde und Mitarbeiterinnen aus dem Midnight. Eine große
21:59Familie.
22:00Jetzt wünsche ich euch etwas. Fünf. Vier. Drei. Zwei. Eins.
22:13Sedats Freund Kerim fing nach dem Anschlag an Musik zu machen, Texte zu schreiben.
22:19Wo wart ihr, als sie kamen, sie von uns nahmen. Jeder Mensch auf der Erde hat Recht zu leben, ist
22:26nicht zu nehmen. Also, jeder Mensch hat Recht, egal wo, wie, was er will, zu leben. Und keiner hat Recht,
22:34es zu nehmen. Das wollte ich draufhaben.
22:36Damit dann auch, dann ist es auch sozusagen, erstens, es ist ein Track für Hanau. Und zweitens ist es auch
22:44wiederum verallgemeinert, für die auch, für andere Taten.
22:52In einem professionellen Studio wird Kerim seinen ersten Hip-Hop-Song aufnehmen. Zum Andenken an den 19. Februar.
23:13Okay.
23:18Glaubt keiner was, es ist leider Kass. Der Bulle am Tatort gebadet durch Schweiß. Wer steckt hinterm Bruder mit Schüssen
23:24im Hals?
23:25Was sagst du noch? Ich lauf durch die Gegend, ich steck nochmal ran. Die Seele empfangen ab. Der Bruder Schwester
23:28im Grab.
23:31Das See kannst du eigentlich weglassen. Ich lauf durch die Gegend, ich denk nochmal nach.
23:36Achso, die Seele empfangen ab, sie Bruder Schwester im Grab. Die Seele empfangen ab, sie Bruder Schwester im Grab.
23:44Nach dem Anschlag wurde von Menschen aus ganz Deutschland eine Initiative gegründet.
23:50Zusammen mit den Angehörigen mieten sie einen Laden. Die Bilder der neun Ermordeten immer vor Augen.
23:57Warum sind die gestorben eigentlich? Dass sie nicht blaue Augen und gelbe Haare haben, blonde.
24:07Das finde ich nicht normal. Wir sollen nie vergessen.
24:16Warum? Das verstehe ich ja nicht.
24:18Diese Frage frage ich jeden Tag zu mir selber. Warum? Warum mein Sohn ist gestorben? Was hat er gemacht oder?
24:28Warum? Was hat er erreicht?
24:36Nichts, oder?
24:40Verhat schrieb Gedichte.
24:41Tod sind wir erst, wenn man uns vergisst, heißt eine Zeile von ihm.
24:49Unsere Kinder sollen ja nicht umsonst sterben.
24:57Also das Rassismus hat ja unsere Kinder sein Leben genommen, aber die sollen ja nicht umsonst sterben.
25:04Irgendwie, wir müssen ja gegen diese kämpfen.
25:11Kann ich mit dem schwarzen Lack den Rest lackieren, oder?
25:15140 Quadratmeter gegen das Vergessen. So hieß die Spendenkampagne für den Laden, der im Mai genau gegenüber dem Midnight eröffnet
25:22wird.
25:23Bei den Umbauarbeiten helfen viele mit. Es gibt Solidarität und Anteilnahme. Der Ort wird zu einem Treffpunkt.
25:31Einmal im Monat zusammen das öffentlich machen, die Namen sagen und sich gegenseitig auch Kraft geben.
25:39Sich gegenseitig Kraft geben, dass auch alle wissen, alle Angehörigen, alle Freunde, alle Betroffenen hier in Hanau, dass wir nicht
25:48alleine sind.
25:49Wir geben uns Kraft, wir halten zusammen und wir werden gemeinsam dafür sorgen oder dafür kämpfen, dass lückenlos aufgeklärt wird.
25:58Die Angehörigen sind fast jeden Tag hier. Sie trauern, sie reden. Sie helfen sich gegenseitig, den Alltag zu bewältigen.
26:07Unzählige Unterlagen müssen ausgefüllt werden, Krankmeldungen, Rentenansprüche. Vielen fehlt die Kraft dazu.
26:15Ich habe nicht gesagt, kommt und bringt meinen Bruder um, Mann. Ich habe das nicht gesagt, ich habe das nicht
26:21gewollt. Ich habe nicht gewollt, hier zu sitzen jetzt.
26:26Gökhan Gültekin hatte ein Transportunternehmen. Er pflegte seinen krebskranken Vater und wohnte deshalb noch mit den Eltern in der Wohnung.
26:34Jetzt lösen sie die Wohnung auf.
26:40Ich habe hier geschlafen, auf dem Boden. Und Matt hatte sein Bett hier. Das Bett haben wir auch eben abgemacht.
26:47Das war auch das Bett von Gökhan gewesen. Genau.
26:51Der Sohn starb vor dem Vater. Der Vater folgte ihm nur wenige Wochen später. Die Wohnung ist voller Erinnerungen.
27:02Die Arena-Bar, in der Gökhan starb, ist nicht weit weg. Jetzt packen sie zusammen. Die Gültekins können hier nicht
27:09mehr wohnen.
27:10Die Mutter hält es nicht mehr aus. Monatelang haben sie gesucht. Die neue Wohnung in einem anderen Stadtteil wird kleiner
27:18sein und teurer.
27:19Die Differenz zahlt erstmal die Stadt. Auch die Soforthilfe für Opfer extremistischer Taten war zunächst eine Stütze.
27:29Viele Angehörige der Opfer sind für lange Zeit nicht arbeitsfähig. So geht es auch Cetin Gültekin.
27:39Glaub mir, ich habe ein sehr schönes, geiles Leben gehabt. Nie abhängig gewesen. Weder finanziell noch von irgendeinem anderen Verein
27:53oder Institution.
27:55Der hat alles weggenommen, alles. Der hat wirklich auch uns getötet.
28:11Viele Fragen quälen die Angehörigen seit dem Anschlag. Auf ihren Druck hin wird im Mai eine Sondersitzung des Hessischen Landtags
28:19einberufen.
28:20Der Landtagspräsident nimmt die Familien der Opfer in Empfang.
28:26Wie wir die Tat bewältigen, entscheidet auch darüber, wie in Zukunft mit rassistischen Taten umgegangen wird.
28:37Aber vor allem darüber, wie rassistische Taten verhindert werden können.
28:42Ich sage das nochmal, weil das eigentlich die schmerzlichste Erkenntnis ist.
28:45Wir können das Geschehen nicht ungeschehen machen. Aber ich glaube, wir sind den Opfern, aber wir sind vor allem auch
28:51Ihnen, den Angehörigen und den Hinterbliebenen schuldig, dass wir die Hintergründe aufklären.
28:58Aufklärung erhoffen sie sich seit Monaten über den Tathergang, über den Polizeieinsatz.
29:02Warum durfte der Täter Waffen besitzen? Warum war der Notruf nicht erreichbar?
29:07Die Sitzung endet ohne Antworten und nur die Opferbeauftragten von Bund und Land stellen sich danach ihrer Wut.
29:15Reicht. Zu viel Politik für mich. Bitte verzeihen Sie mir. Reicht. Ich brauche, ich denke alle brauchen Antworten von der
29:23Polizei. Was passiert?
29:24Nach jedem Terrorakt hören wir, das darf nicht sein. Halle ist das letzte, Möllen darf nicht mehr geben. Aber in
29:32zwei, drei Monaten sage ich, da passiert wieder was.
29:34Am 20. haben Sie ihn obduziert. Wenn Sie mich gefragt hätten, hätte ich es niemals zugelassen. Niemals. In diesem Zustand,
29:43das Sie mir zurückbringen. Niemals.
29:47Wissen Sie, wie der Polizist Ihnen beschrieben hat, sein Aussehen? Bei der Leipke. Orientalisch, südländisch. Augenscheinlich, augenbraun, kosmetisch verändert. Das
30:01ist behördlicher Rassismus. Entschuldigung.
30:02Wie hart es klingt momentan. Aber Sie waren am 19. nicht abends am Tatort. Hätten Sie diese Ängste, diese Augen.
30:12Ich bin 46 Jahre. Glauben Sie mir, der Tobias Ratjen, seit 19.02. habe ich Angst. Bis 19.02. seit
30:21Geburt 74 hatte ich keine Angst.
30:27Ein halbes Jahr nach dem Anschlag planen sie eine bundesweite Demonstration gegen Rassismus. Sie wird wegen steigender Corona-Infektionszahlen kurzfristig
30:37abgesagt.
30:38Aber eine Kundgebung wird genehmigt. An diesem Tag sprechen Überlebende und Angehörige in Hanau.
30:48Mein Name ist Aida und ich bin die Schwester von Hanza.
30:53Es ist mittlerweile ein halbes Jahr vergangen und es sind so viele Fragen noch offen, auf die Antworten fehlen.
31:00Wir erwarten und fordern eine lückenlose Aufklärung, damit daraus Lärm gezogen werden und sich so eine schreckliche Tat nicht wiederholt.
31:08Das sind wir den Ermordeten schuldig und das ist das Mindeste, was wir tun können.
31:20Ich hätte ihm noch so vieles sagen müssen. Wir dachten ja immer, wir haben noch so viel Zeit.
31:27Wir haben so vieles erlebt in diesem kurzen Leben meines Sohnes. Und vieles davon tut mir immer noch weh.
31:34Ich denke so viel darüber nach, wie oft wir uns über die Schule gestritten haben.
31:41Ferhat war ein hochbegabtes Kind, sehr intelligent und sehr lebendig.
31:45Wir haben die Erfahrung gemacht, dass Lehrer ein Ausländerkind oft nicht akzeptieren.
31:52Ferhat hat immer wieder diese Erfahrung gemacht.
31:54Und ich habe immer wieder zu ihm gesagt, du musst mehr arbeiten als die anderen,
32:00weil du nicht gleiche Chance hast wie die deutschen Kinder.
32:07Ich heiße Peter Müllmann und habe den Anstieg in Kerstadt überlebt, während meine Freunde starben.
32:15Wisst ihr, wie es ist, von der Polizei nicht ernst genommen zu werden?
32:19Wenn man Anzeige erstatten will und man einfach weggeschickt wird?
32:24Sogar an dem Tag, als meine Freunde erschossen wurden, wurde ich von der Polizei nicht ernst genommen.
32:31Ich war in der Arena-Bar und es war reines Glück, dass ich nicht von den Schüssen des Täters getroffen
32:36wurde.
32:38Ich bin danach aus der Bar rausgelaufen und habe den Täter noch in seinem Auto wegfahren sehen.
32:44Ich habe die Polizei gerufen und ihnen gesagt, dass auf mich und meine Freunde geschossen wurde
32:50und habe ihnen auch das Kennzeichen des Täters genannt.
32:53Offensichtlich wussten sie nicht, was sie mit mir machen sollen.
32:56Der Täter war noch auf der Flucht und die Polizei sagte mir,
33:00es solle zu Fuß zweieinhalb Kilometer zum Freiheitsplatz laufen, um dort meine Aussage zu machen.
33:08Ich dachte mir, ich bin im falschen Film.
33:23An jedem 19. eines Monats gedenken die Angehörigen gemeinsam der Toten.
33:30Zusammen besuchen sie die Gräber.
33:32Zusammen gehen sie an die Tatorte.
33:39Das Brüder-Grimm-Nationaldenkmal im Zentrum von Hanau ist zu einem Mahnmal für die Toten geworden.
33:48Neun Monate nach dem Anschlag haben sie immer noch die alten Fragen nach dem Tathergang,
33:54nach den Notrufen, dem Waffenbesitz und neue Fragen entstehen.
33:59Die sollen ermitteln, die können die Akte gerne irgendwann abschließen,
34:03aber die müssen doch erstmal ermitteln.
34:05Die können ja nicht sagen, dass es kein Fehler passiert, der Täter ist tot, wir machen die Akte zu.
34:08Was wir reden ist eine Sache, aber alles was wir machen, müssen wir schriftlich machen.
34:12Schriftlich, Briefe, per Fax oder Einschreiben, Einwohnung.
34:16Dann müssen wir antworten, der kann morgen nicht sagen, ich habe es nicht gewusst.
34:19Sie können ja zum Beispiel sagen, hier der Notausgang, warum, wenn ihr von der Straftat wisst,
34:24dass der Notausgang abgeschlossen war, warum ermittelt ihr dann nicht?
34:27Eigentlich müssen wir ja von Amts wegen ermitteln.
34:29Am zweiten Tag dort in der Arena-Bar war der Notausgang verschlossen.
34:34Das wissen wir durch Überlebende, die an dem Abend in der Bar waren.
34:38Die haben gesagt, wir sind nicht zum Notausgang gegangen, weil der Notausgang verschlossen war.
34:44Und diese Thematik wurde mit Vertretern der Polizei auch kommuniziert.
34:49Es wurde gesagt, hier ermittelt bitte, der Notausgang war verschlossen, wie kann das denn überhaupt sein?
34:54Und ich hätte gedacht von einem Rechtsstaat, dass er von Amts wegen ermittelt.
35:02Also dass so Fälle, die ja mit dem Tatgeschehen zu tun haben, aufgeklärt werden.
35:09Aber meine Erkenntnis heute ist, dass der Erst scheinbar ermittelt wird, wenn man selbst dahinter ist.
35:14Weil wir mussten nämlich selbst eine Strafanzeige stellen und erst jetzt wird ermittelt.
35:18Die Arena-Bar wurde zu einer tödlichen Falle. Dass der Notausgang verschlossen war, ist lange bekannt.
35:24Ermittelt wird erst jetzt, nach einer Anzeige von Opferfamilien.
35:30Hamza, Ferhat und Said Nessar sind hier aufgewachsen. Fast jeden Tag waren sie im Jugendzentrum.
35:36Ihre Freunde und Said Nessars Bruder Etris zieht es immer wieder hierher.
35:41Es gibt natürlich auch Leute, die wütend sind darüber, wie sowas überhaupt passieren konnte.
35:46Ich meine, da hat es ja auch eigentlich genug Anzeichen vorher gegeben.
35:50Und diese Tat hätte auch verhindert werden können.
35:55Und das ist das, was die Leute hier auch wütend macht.
35:59Auf was? Das ist halt die Frage. Auf was wird zu wütend sein?
36:03Du hast so viel schiefgelaufen.
36:07Du weißt gar nicht, auf was du zuerst wütend sein sollst.
36:11Du hast ja auf diesem Bundesgerichtshof oder Bundesgerichtsanwalt, was das ist, da in Karlsruhe, willst du auf den wütend sein?
36:17Willst du auf hier die Polizei wütend sein? Auf wen willst du wütend sein?
36:20Das beste Beispiel, nachdem das passiert ist, wie oft habe ich in den Zeitungen gelesen gehabt,
36:25dass Kessestadt vor allem hier, die Weststadt, ein Migranten-Hotspot ist.
36:32Geiles Wort, habe ich zuerst mal gehört, Migranten-Hotspot.
36:35Man sagt Migranten-Hotspot, okay, aber was ist für dich ein Migranten-Hotspot?
36:38Du hast hier ein Hochhaus komplett mit Afghanen voll, dann gibt es hier auch noch Roma-Sinti,
36:43dann gibt es Bosnien, es gibt alles wirklich von jeder Kultur, es gibt Kurden, es gibt Türken, es gibt alles
36:47so.
36:48Und wir waren untereinander nicht so dieses, die Afghanen nur mit denen, ja okay, bei denen ein bisschen mehr,
36:52weil es waren halt mehr, aber wir haben alle untereinander gechillt.
36:55Auch dieses Leben und Leben lassen, jeder mit jedem so.
36:59Es hat niemanden hier interessiert, woher du kommst, was für ein...
37:02Was für Schuhe du drehst, irgendwann sagst du nicht mehr, keine Ahnung, ich bin dies, ich bin das, ich bin
37:06Kesselstädter, so.
37:08Ich habe einen deutschen Pass, ja, habe ich so, ich kenne aber auch meine Wurzeln, so.
37:12Bei dir genauso.
37:13Ich war ja mit seiner Schwester in einer Klasse, so, und ich meine, so geht das ein bisschen dunkel und
37:17so weiter,
37:17sieht nicht aus gerade wie der, keine Ahnung, ethno-germane-bio-deutsche, genau.
37:24So, bei dem seine Schwester war die Beste in der Klasse gewesen.
37:27Das ist schon von dir abgeschrieben.
37:32Es gibt zahlreiche Orte der Erinnerung in Hanau.
37:36Auch die Stadt gedenkt der Toten mit einer Tafel.
37:39Es gibt jemanden, der das nicht erträgt.
37:42Der Vater des Täters hat Anzeige erstattet gegen den Bürgermeister.
37:47Er will, dass die Bilder der Toten aus dem Stadtbild verschwinden.
37:50Er fordert in weiteren Anzeigen die Waffen seines Sohnes zurück und verlangt, dass dessen rassistische Website wieder online gestellt wird.
37:59Die Angehörigen der Opfer werden darüber nicht informiert.
38:05Es ist nicht mehr 1933, wo der Hitler uns vergrast hat, die Juden und die Roma.
38:10Das ist vorbei diese Zeit, aber es ist wiedergekommen.
38:16Und wir haben es wieder gespürt, unser Leib.
38:19Unser Blut wurde ermordet.
38:32Und jetzt noch zu dem Punkt zu kommen, was der Vater macht.
38:37Man kann das nicht richtig ausdrücken.
38:40Nicht mit Worten, nicht mit Gefühlen.
38:43Man staunt und sagt bloß, mein Gott, mehr Rassismus gibt es nicht mehr.
38:54Erst im Herbst erfahren Peter und die anderen aus der Presse von den rassistischen Anzeigen des Vaters, der in ihrer
39:01unmittelbaren Nachbarschaft lebt.
39:03Niemand warnte sie.
39:04Ganz anders, kurz nach dem Anschlag.
39:06Daran erinnert Peter Minnemann auf einer Mahnwache.
39:10Nachdem der Vater aus der psychiatrischen Behandlung damals entlassen wurde,
39:16bekamen wir, ich, die Überlebenden, die Angehörigen, Gefährdenansprachen.
39:24Wir sollen uns dem Vater doch ja nicht nähren, ansonsten habe das schwere Konsequenzen für uns.
39:32Jetzt frage ich mich, wer hier in Deutschland eigentlich wen schützt.
39:36Warum haben wir keine Gefährdeten-Ansprache bekommen?
39:41Warum hat die Polizei uns nicht gesagt, dass der Mann seit April solche Äußerungen von sich gibt, dass von diesem
39:49Mann aus eine Gefahr besteht?
39:51Die Angehörigen organisieren die Mahnwache in der Nähe seines Hauses.
39:55Der Vater des Täters hat sich mittlerweile einen deutschen Schäferhund zugelegt.
40:00In Hanau-Kesselstadt liegt alles nahe beieinander.
40:03Vom Balkon der Familie Kurtovic sieht man das Haus des Täters.
40:07Und es ist nicht weit zum Tatort, wo sein Sohn Hamza ermordet wurde.
40:13Fragen zu laufenden Ermittlungen und so, können wir nicht stellen, das wissen wir, haben wir auch nicht gemacht.
40:20Und das nimmt den auch keiner übel, wenn die es nicht beantworten.
40:24Wir müssen realistisch bleiben.
40:27Aber Sachen, die in der Tatnacht passiert sind und danach, das sind doch Sachen, was gefährdet das?
40:36Wieso erklärt man mir nicht, wieso ich keinen würdigen Abschied von meinem Kind hatte?
40:45Wieso erklärt man mir das nicht?
40:48Wo ist da das Problem?
40:54Dass wir auch mal zur Ruhe kommen.
40:58Wieso werden alle Angehörigen angerufen und bekommen eine Ansprache?
41:03Wir sollen keine Straftaten begehen.
41:05Wir sollen keine Blutrache üben.
41:09Wieso hat man uns nicht angerufen und gesagt, der Vater macht gerade da weiter, wo der Sohn aufgehört hat.
41:14Halten Sie bitte Abstand.
41:16Wenn er Ihnen zu nahe kommt, rufen Sie uns.
41:18Wieso ist das nicht passiert?
41:21Wieso nicht?
41:24Muss noch jemand sterben?
41:27Es wurde uns, hatte ich das Gefühl, unterstellt, als ob die Gefahr von uns ausgehen würde.
41:33Also als ob wir die Bösen sind, die Rache verüben wollen oder die sich rächen wollen oder die Menschen umgebracht
41:40haben.
41:41Ich meine, letztendlich war es ja der Sohn von dem Vater, der meinen Bruder und acht weitere junge Menschen auf
41:47dem Gewissen hat.
41:48Und die Art und Weise, wie mit uns umgegangen wird, das ist menschlich total daneben.
41:56An der Stelle, wo Willi in seinem Auto starb, steht heute ein Kreuz.
42:02Die Stadt Hanau hat es errichten lassen. Für den Helden Willi Viorel.
42:08Willi verfolgte den Täter bis zum Schluss.
42:11Hätte er überleben können, wenn er den Notruf erreicht hätte?
42:16Hat Willi durch seine Verfolgung den Täter daran gehindert, noch mehr Menschen in der Innenstadt zu ermorden?
42:27Für diese Sache, ich bin stolz.
42:35Weil hat, für was hat Willi gemacht?
42:39Aber mein Herz sagt,
42:43Nico, brauchst du kein Herz?
42:48Brauchst du deinen Sohn?
42:50Jeden Tag wache ich auf und realisiere immer wieder aufs Neueste, dass er nicht mehr da ist.
42:58Sein Lachen fehlt.
43:00Seine Späße fehlen.
43:02Alles fehlt.
43:05Er war ein sehr starker Menschenkämpfer, ein liebevoller Mensch, einfach das Beste, was mir im Leben je passiert ist.
43:29Jetzt sagt mir, wo wart ihr, als sie kamen?
43:36Sein von uns nahmen.
43:39Jeder Mensch auf der Erde hat Recht zu leben, ist nicht zu nehmen.
43:55Jetzt sagt mir, wo wart ihr, als sie kamen?
44:01Sein von uns nahmen.
44:13Jeder Mensch auf der Erde hat Recht zu leben, ist nicht zu nehmen.
44:23Gökhan, Sedat, Nessa, Mercedes, Hansa, Willi, Viorel, Fatih, Berhard, Kranoyan.
44:37Und seit der Wegzeit spüren wir keinen Schmerz, denn ihr wurdet genommen, es erheißt uns das Herz.
44:41Schlaflose Stunden, Tage und Nächte fahren vorbei und wir suchen neue Lächeln.
44:46Doch stattdessen hängen Bilder an Wänden, Kerzen am Boden, bunte Rosen.
44:50Szenen im Kopf, die Herzen bluten.
44:52Hoff, dass die Seelen im Frieden ruhen.
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