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00:10After the Second World War, I was born.
00:13My brother was already there.
00:15I was in the 50s.
00:18I realized that our family was different than the others.
00:25My parents had many friends and often failed words like Widerstand and Rote Kapelle.
00:31In the school a few times, when the name of my father was.
00:35And I heard something like Spionage and Landesverrat.
00:41Waren my Eltern Spione?
00:43Verräter?
00:45Später merkte ich, dass ich mit solchen Gedanken nicht alleine war.
00:52Ich hab gefühlt von Anfang an, dass ich irgendwie eine Außenseiterin bin.
00:56Aber ich konnte mir nicht erklären, warum die Kinder so feindlich mir gegenüber waren.
01:00Es gab mehrmals Ereignisse, dass Kinder mir aufgelauert haben und mich verprügeln wollten.
01:06Und dann sagte letztlich der Lehrer zu meiner Mutter, naja, jetzt ist mir alles klar, warum Axel so schlecht in
01:14der Schule ist.
01:15Als Sohn eines Verräters kann ich auch nichts anderes erwarten.
01:19Und mit diesem Erlebnis kam meine Mutter nach Hause.
01:24Und ich hab sie sonst eigentlich nie weinen sehen.
01:27Aber da merkte ich, da war etwas Furchtbares passiert.
01:32Und merkte, dass sie Tränen in den Augen hatte.
01:38Und das sind ja Dinge, die man als Kind nicht vergisst.
01:42Roter Mond, warum wählst du dein Sohn?
01:49Wie mein Herr sollst du blühen?
01:53Ich soll ich nur.
01:58Roter Mond.
02:00Deutschland Ende der 30er Jahre.
02:05Gelackte Außenansicht einer Diktatur.
02:09Die Nazis pumpen viel Geld in die Aufrüstung.
02:12Die Wirtschaft boomt.
02:13Die Zahl der Arbeitslosen sinkt unter die Millionengrenze.
02:19Das Volk ist begeistert von der neuen Macht Deutschlands.
02:29Hitler wird Deutschland in einen Krieg führen, der Millionen Menschen das Leben kosten und halb Europa zerstören wird.
02:36Nur wenige leisten Widerstand.
02:38Eine Gruppe von Offizieren erkennt, dass Hitlers Politik in den Abgrund führt.
02:44Cäsar von Hofacker, ein Cousin des späteren Attentäters, Klaus Schenk, Graf von Stauffenberg, beteiligt sich an ihren Umsturzplänen.
02:52Seine Frauen, die fünf Kinder, hat er in Oberbayern untergebracht.
02:56Sein Sohn Alfred erinnert sich an ihn.
03:00Sobald er in Bayern ankam, hatte er seine Lederhose an und zog seine Uniform als erstes aus.
03:06Ich habe ein sehr heiteres Bild von meinem Vater in Erinnerung.
03:10Einen lachenden Vater.
03:12Das kommt natürlich aus dieser Urlaubszeit.
03:15Da war er ganz zu Hause und widmete sich der Familie und er konnte sehr herzlich lachen.
03:20Und das ist ein Bild, was in meiner Erinnerung stehen geblieben ist.
03:24Und dafür bin ich sehr dankbar.
03:26Oberstleutnant Günther Sment wird schon mit 30 Jahren in den Generalstab des Heeres versetzt.
03:31Stauffenberg gewinnt ihn für den Umsturz.
03:33Sments Sohn Axel kommt im Mai 1944 auf die Welt.
03:38Natürlich bestanden die Ehejahre, das waren insgesamt sechs Jahre von 1938 bis 1944, die bestanden, so sagte das einmal meine
03:49Mutter, aus insgesamt 44 Tagen sich überhaupt sehen.
03:54Und der Rest waren über 2000 Feldpostbriefe.
03:58So war die Zeit damals.
04:02Berlin im Jahr 1941.
04:05Mein Vater Günther Weisenborn und meine Mutter Joy heiraten.
04:10Am Abend im Atelier wird gefeiert.
04:13Mein Vater ist ein erfolgreicher Theaterautor und hat viele Freunde aus der Berliner Künstlerszene.
04:21Sein bester Freund Haro Schulze Beusen kommt in Uniform.
04:25Um ihn und seine Frau Libertas hat sich ein großer Freundeskreis von Antifaschisten gebildet.
04:30Eine Gruppe, die bald von der Gestapo Rote Kapelle genannt wird.
04:35Ein Tanz auf dem Vulkan.
04:38Einige der Hochzeitsgäste werden im folgenden Jahr hingerichtet.
04:42Auch Libertas und Haro.
04:53Haro Schulze Beusen arbeitet im Luftfahrtministerium in der Nachrichtenabteilung.
04:58Er weiß von Hitlers geheimen Kriegsplänen gegen die Sowjetunion.
05:02Schulze Beusen war schon vor der Machtergreifung Hitlers ein überzeugter Gegner der Nazis.
05:081933 wurde er von der SS schwer misshandelt.
05:11Einen jüdischen Freund schlugen sie vor seinen Augen tot.
05:17Arvid Harnack und seine amerikanische Frau Mildred sind Freunde von Haro Schulze Beusen.
05:22Harnack ist Oberregierungsrat im Wirtschaftsministerium.
05:26Die beiden knüpfen Kontakte zur amerikanischen und zur sowjetischen Botschaft
05:30und geben Nachrichten über Hitlers Kriegsvorbereitungen weiter.
05:35Von der sowjetischen Botschaft erhält Harnack ein Funkgerät.
05:38Sein Freund Hans Koppi soll damit Nachrichten senden.
05:42Koppi kommt aus der kommunistischen Jugendbewegung.
05:45Er war 17, als ihn die Nazis fast zwei Jahre einsperrten.
05:501941 heiratet er seine Verlobte Hilde.
05:56Als Anti-Nazis waren sie offen, ihr Widerstehen nicht nur zu diskutieren oder über die Nazis Witze zu reißen,
06:04sondern dann auch Menschen zu helfen oder Flugblätter weiterzugeben.
06:10Dass sie sich ja auch in Gefahr begaben, weil sie der Meinung waren, wer wenn nicht wir.
06:21Die Angehörigen der sogenannten Roten Kapelle kommen aus allen Schichten.
06:26Adelige gehören dazu, Kommunisten und Christen, Künstler und Arbeiter.
06:30Freundeskreise, die sich nicht alle persönlich kennen.
06:33Sehr viele Frauen sind dabei.
06:35Über ihren Mann, den Bildhauer Kai von Brockdorf, kommt die Verwaltungsangestellte Erika dazu.
06:411937 wird ihre Tochter Saskia geboren.
06:46Autoritäten haben sie nicht leicht eingeschüchtert und sie ist also wohl nie diesem hohlen Pathos der Nazis aufgesessen.
06:58Was die Gruppe eint, ist der Wunsch, das Hitler-Regime loszuwerden, den Krieg und die Judenverfolgung zu beenden.
07:05Sie sehen nicht weg, wie es die Mehrzahl der Deutschen tut.
07:09Sie helfen Verfolgten, verstecken sie, bieten Fluchthilfe.
07:13Der Zahnarzt Dr. Helmut Himpel behandelt untergetauchte Juden in ihrem Versteck.
07:18Seine Freundin hilft ihnen mit Nahrungsmittelpaketen.
07:24Ein junger Pianist, Helmut Rohloff, musiziert gelegentlich mit dem Paar.
07:29Und dann hat Himpel irgendwann mal meinen Vater beiseite genommen und hat ihn gefragt, ob er mit ihm arbeiten wollte.
07:37Mein Vater hat das gar nicht verstanden, denn er war ja ein Pianist und Himpel war ein Zahnarzt.
07:42Also er wusste jetzt nicht genau, in welcher Form die da jetzt zusammenarbeiten könnten.
07:47Und dann hat Himpel zu ihm gesagt, mit dem, was ich jetzt sage, lege ich meinen Kopf in ihre Hand.
07:53Damals war das sofort klar, was das heißt.
07:56Und dann hat mein Vater zu ihm gesagt, dann können wir zusammenarbeiten.
07:59Und das war eine große Erleichterung.
08:02Er hatte also plötzlich in dieser wirklich extrem engen und braunen Welt gleichgesinnte.
08:15Die meisten Mitglieder der Gruppe kamen aus der Jugendbewegung.
08:19Segeln, Zelten, Wandern und Musik machen.
08:23Fahrten ins Grüne und ins Blaue.
08:25Sie liebten das Leben.
08:28Ihre Feste waren legendär.
08:30Die Liebe, der Flirt, die Freiheit, das war ein Teil ihres Lebens.
08:35Ein Leben, das sie im Widerstand gegen Hitler und den Krieg täglich riskierten.
08:39Denn auf jede ihrer geheimen Aktionen stand die Todesstrafe.
08:52Die Rote Kapelle will aufklären.
08:55Sie will gegen Öffentlichkeit schaffen, gegen die Propaganda der Nazis.
09:00Im Februar 1942, sieben Monate nach dem Überfall auf die Sowjetunion, schreiben sie,
09:06Ein Endsieg des nationalsozialistischen Deutschland ist nicht mehr möglich.
09:10Wir werden diesen Krieg verlieren.
09:13In einem zweiten Flugblatt 1942 berichten sie vom Massenmord an jüdischen und sowjetischen Zivilisten im Osten.
09:24Libertas Schulzebeusen arbeitet in der Kulturfilmzentrale der UFA.
09:28Sie sammelt insgeheim Informationen und Bildmaterial über deutsche Kriegsverbrechen an der Ostfront.
09:33Auch für viele Offiziere ist der Massenmord an den Juden ein Motiv für den Widerstand.
09:43Mein Vater wurde 1943 in den Generalstab versetzt.
09:47Und da sah er wahrscheinlich zum ersten Mal, was Schreckliches alles passierte.
09:54Denn er nahm ja von nun an teil an den Lagebesprechungen.
09:57Und dort konnte er natürlich sehen, wie viel Unrecht in Deutschland auch passierte.
10:03Günthers Mendt ist Adjutant des Generalstabschefs des Heeres Kurt Zeitzler.
10:08Stauffenberg bittet ihn, Zeitzler für den Staatsstreich zu gewinnen.
10:13Und diesen Versuch hat er unternommen. Er ist nicht geglückt.
10:18Er hat meinem Vater gesagt, ich betrachte dieses Gespräch als ein Nichtgespräch.
10:25Am 20. Juli 1944 explodiert ein Sprengsatz in Hitlers Hauptquartier.
10:31Der Attentäter Oberst Klaus Schenk, Graf von Stauffenberg, hat den Staatsstreich ausgelöst.
10:38Sein Vetter, Cäsar von Hofacker, ist einer von über 200 Offizieren und Zivilisten, die sich an den Umsturzplänen beteiligen.
10:46In Paris lässt er die Spitzen von Gestapo und SS festsetzen.
10:54Alfred von Hofacker kann sich gut an den 20. Juli erinnern, einen strahlenden Sommertag.
11:00Es war eine Routine, jeden Abend, ich glaube um sieben, den Wehrmachtsbericht zu hören.
11:06Und da war eben die Sondermeldung, dass eine, das waren die Worte, eine verbrecherische Gruppe deutscher Offiziere versucht hätten, Hitler
11:16umzubringen.
11:17Wir erstarrten alle und das Nächste, was ich mich erinnere, dass meine Mutter, was ganz ungewöhnlich war, sich schweigend vom
11:26Abendbrottisch erhob.
11:28Und ich guckte aus dem Fenster, weil ich wissen wollte, was sie macht und sah, wie sie ganz hastig ein
11:33Feuer im Garten entzündete.
11:36Die Mutter verbrennt Briefe des Vaters. Fünf Tage nach dem Attentat wird Cäsar von Hofacker festgenommen.
11:43Meine Mutter erfuhr dann von den ersten Vernehmungen meines Vaters, wo er dann auf die Frage eines Gestapo-Beamten,
11:50was haben Sie sich eigentlich gedacht, Herr von Hofacker, Sie haben eine Frau und fünf Kinder.
11:54Und dann soll mein Vater mit einem Heine-Zitat geantwortet haben, etwas abgewandelt, was schert mich Weib und Kind, jetzt
12:00geht es um mein Vaterland.
12:01Und da hatte ich große Mühen, das zu verstehen. Und ich bin sicher, dass auch meine Mutter damit Probleme hatte.
12:08Er wusste damals, dass die Aussichten eines Gelingens minimal waren. Er sprach mal meiner Mutter gegenüber von 98 zu 2
12:16Prozent.
12:17Also die Menschen wussten, sie machen etwas und werden das nicht überleben.
12:25Die Familie wird getrennt. Die Mutter und die älteren Geschwister kommen in ein Konzentrationslager.
12:31Alfred wird in einen Zug gesetzt. Bewacht von zwei Gestapo-Beamten geht die Fahrt nach Bad Sachsa im Harz.
12:37Hier internieren die Nazis Kinder der Verschwörer.
12:42Wir waren natürlich total übernächtigt. Und was ich mich noch erinnere, dass die Heimleiterin uns sagte,
12:47wenn euch jemand nach dem Namen fragt, dann habt ihr nur mit eurem Vornamen zu antworten.
12:52Die Nazis wollen die Familien der Regimegegner auslöschen und die Kinder zur Adoption freigeben.
12:58Wir waren in einem größeren Schlafsaal untergebracht und hatten schon das Licht gelöscht und die Kindergärtnerin war schon zu Bett
13:05gegangen.
13:05Und dann sagte der Graf Schwerin, wir werden jetzt mal alle unsere Nachnamen nennen, damit wir uns kennenlernen.
13:11Und dann hörte ich Stauffenberg und mein Name Hofacker. Und dann ein fetter Stauffenberg erwähnte eine gemeinsame Großtante.
13:19Und ich sagte, holler du, das ist aber auch meine Großtante.
13:22Es war eine ganz eigenartige. Innerhalb von Minuten stellte man fest, man gehört zusammen.
13:28Immer noch nicht wissend, warum wir dort zusammen waren.
13:32Cäsar von Hofacker ist besonders harten Verhören ausgesetzt, weil die Gestapo Namen von Mitverschwörern aus ihm herauspressen will.
13:39Über einen Wärter kann er Pakete aus dem Gefängnis schmuggeln.
13:44Und da soll einmal ein Paket dabei gewesen sein mit einem völlig zerfetzten und blutverschmierten Oberhemd.
13:50Man fragt sich, was wollte mein Vater damit erreichen?
13:54Nicht, dass das Hemd geflickt und gewaschen wird, sondern er wollte ein sichtbares Zeichen an die Außenwelt geben.
14:01Die Gefängniszellen im Gestapo-Hauptquartier in der Prinz-Albrecht-Straße in Berlin sind heute eine Gedenkstätte.
14:11Mein Vater hat immer Tagebuch geführt. Im September 1942 aber reißen die Eintragungen ab.
14:19Am 26. morgens um 5 stand die Gestapo vor der Tür des Ateliers.
14:24Meine Eltern wurden verhaftet.
14:28Zuvor waren schon ihre Freunde Haro Schulze-Beusen und Arvid Harnack festgenommen worden.
14:33Auf die Spur kam ihnen die Gestapo durch die Entschlüsselung eines Funkspruchs von Moskau nach Brüssel, in dem die Namen
14:40und Adressen der beiden angegeben waren.
14:42Sie wurden beobachtet.
14:45Nach und nach findet die Gestapo heraus, wie groß die Gruppe ist.
14:50Mehr als 120 Personen werden festgenommen.
14:52Der älteste Gefangene ist 86, der jüngste 17 Jahre alt.
14:58Bei dem Pianisten Helmut Roloff findet die Gestapo einen Koffer mit einem defekten Funkgerät.
15:04Er und seine Freunde werden verhört.
15:07Das Wesentliche war, dass diese Freunde ihn gedeckt haben und er das wusste.
15:12Und die das auch umgekehrt von ihm wussten.
15:15Das wussten die alle voneinander in so einer tiefen Form, dass die sich aufeinander verlassen konnten.
15:22Helmut Roloff spielt den harmlosen Musiker. Das rettet ihm das Leben.
15:27Weil Schulze-Beusen und einige andere Offiziere sind, kommen alle Angeklagten vor das Reichskriegsgericht.
15:34Die Nazis wollen den Vorfall geheim halten.
15:37Die Öffentlichkeit soll nichts von der Größe der Gruppe erfahren.
15:41Der ehrgeizige Ermittlungsrichter Manfred Röder wird mit der Anklage beauftragt.
15:46Er soll für Todesurteile sorgen.
15:51Mit dem Röder hatte sie wohl einen kleinen Privatkonflikt, weil der so wahnsinnig selbstherrlich war.
16:00Und sie hat sich auch von dem nicht kleinkriegen lassen und hat dann auch gelacht und das konnte er nun
16:05gar nicht haben.
16:09Immerhin Militäroberrichter. Und da lacht diese Frau.
16:14Hitler persönlich verlangt, dass die Haftstrafe gegen Erika von Brockdorf in eine Todesstrafe umgewandelt wird.
16:23Für die fünfjährige Saskia ist es ein Schock, dass die Mutter plötzlich aus ihrem Leben verschwindet.
16:33Als Hilde Koppi festgenommen wird, ist sie hochschwanger.
16:37Im Frauengefängnis bringt sie ihren Sohn Hans zur Welt.
16:40Nicht einmal einen Monat später wird sein Vater hingerichtet.
16:46Besonders eben meine Mutter war für mich immer doch so ein Bezugspunkt für Schmerzpunkte, die ich hatte.
16:54Das war ja eine unbewusste Geschichte, weil ich mich ja nicht wirklich an sie erinnern konnte.
17:00Aber das, was da immer geblieben war, war so ein Gefühl, was ja auch nicht abnimmt, sondern eher in der
17:10letzten Zeit eben sogar auch stärker geworden ist.
17:13Und dem kann man sich ja auch schlecht verschließen.
17:18Hilde Koppi darf ihren Sohn noch acht Monate stillen.
17:21Dann wird sie am 5. August 1943 wie die anderen Frauen der Roten Kapelle mit dem Fallbeil in Plötzensee geköpft.
17:29Sie ist 34 Jahre alt.
17:35Meine Mutter saß neun Monate im Gefängnis.
17:38Am 5. Februar 1943 schrieb mein Vater ihr einen Brief.
17:43Mein Joiken.
17:45Eben komme ich nach Hause, in die Zelle, und habe den Antrag auf Touristrafe gehört.
17:51Nach einer Verhandlung von einer halben Stunde, ohne dass ein Zeuge für mich gehört wurde.
17:57Es ist furchtbarer Ernst geworden.
17:59Ich wundere mich, dass ich sehr ruhig und gefasst bin, mit den Beamten einen kleinen Witz machte und an dich,
18:06an dich, meine Schicksalsfrau dachte.
18:09Muss ich sterben, so werde ich tapfer und schweigsam sterben.
18:13Es ist Krieg.
18:14Die einen fallen in Stalingrad, die anderen in Plötzensee.
18:23In der Hinrichtungsstätte Berlin-Plötzensee werden besondere Vorbereitungen getroffen.
18:28Noch bevor die Urteile gesprochen sind, wird auf Wunsch Hitlers eine Eisenschiene mit acht Haken eingezogen, um mehrere Verurteilte gleichzeitig
18:36zu erhängen.
18:38Ein besonders grausamer Tod.
18:40So zeigt sich der Hass der Nazis auf die Gruppe, die aus der Mitte der Gesellschaft kommt.
18:45Nach dem 20. Juli 1944 werden auch die Verschwörer um Stauffenberg an jenen Haken erhängt, die für die Rote Kapelle
18:53installiert wurden.
19:01Die Nazis wollen den Prozess gegen die Verschwörer vom 20. Juli im Gegensatz zur Roten Kapelle propagandistisch nutzen.
19:09Sie stoßen die Offiziere aus der Wehrmacht aus, stellen sie vor den sogenannten Volksgerichtshof und filmen die Verhandlungen.
19:18In einer Farce verurteilt Gerichtspräsident Roland Freisler die Angeklagten zum Tode.
19:28Doch die Art und Weise, wie Freisler die Angeklagten erniedrigt, schockiert. Der Film kommt unter Verschluss.
19:36Ja.
19:42Deutschland!
19:45Scheiße, dass sie die beschreiben! Das doch zum Ausdruck zu regeln!
19:49Mit zwei Polizisten wahrscheinlich.
19:52Was das hier wäre so ein Aufmarsch gewesen sein müssen.
19:56Aber saßen denn alle zur gleichen Zeit hier?
19:59Saß dein Vater hier?
20:00An die vielen Mordern?
20:03Morde!
20:05Sie sind ja ein schäbiger Lumpen!
20:12I can't think of this right or unrighteousness.
20:25Ich sehe hier natürlich eigentlich nur meinen Vater und bin daher auch sehr beklommen in diesem Raum zu sein,
20:35denn ich weiß natürlich, was ihn bewegt hat.
20:39Er wusste, aus dieser Situation komme ich nicht wieder raus und seine letzten Gedanken waren sicherlich bei der Familie.
20:56Ich versuche mir, meinen Vater vorzustellen.
21:00Und ich glaube, er war sich so sicher, dass es keinen Ausweg gab für ihn
21:04und konnte deswegen seine ganze Leidenschaft in sein eigenes Plädoyer hineinlegen.
21:09Er hatte nichts zu riskieren.
21:11Und ich meine, seine Äußerung, Herr Präsident, jetzt geht es um mein Leben, morgen geht es um Ihr,
21:16zeigt ja, dass da, das muss ja dem Freisel arg aufgeschlossen sein.
21:22Diese Treuepflicht habe ich nicht mehr empfunden.
21:24Aha.
21:25Noch.
21:26Also klar, die haben sie nicht empfunden.
21:28Und dann, wenn ich keine Treue empfinde, dann kann ich auch nicht als Verrat anziehen.
21:31Nein, so ist es nicht ganz.
21:32Nach der Auffassung, die ich von der weltgeschichtlichen Rolle des Führers habe,
21:37nämlich dass er ein großer Verstrecker des Bösen ist, war es der Auffassung.
21:41Na ja, das ist ja nur wahr. Das ist ja also kein Wort zu sagen.
21:45Jawohl.
21:45So im Nachhinein bewundere ich, wenn ich hier jetzt stehe, eigentlich die Angeklagten,
21:52die hier standen und diese Souveränität und diesen Mut hatten, hier Dinge auszusprechen,
22:00mit einer Klarheit in der Rhetorik und vor allem mit einer Klarheit im Geiste.
22:07Im Namen des deutschen Volkes, Verräter an allem, wofür wir leben und kämpfen, werden
22:14sie alle mit dem Tode bestraft. Ihr Vermögen verfällt dem Reich.
22:21In der Hinrichtungsstätte Plötzensee sind in der Zeit des Naziterrors fast 3000 Todesurteile
22:27vollstreckt worden. Vor ihrer Hinrichtung schreibt Erika von Brockdorf aus ihrer Zelle einen
22:33Abschiedsbrief an ihre kleine Tochter. Der Brief erreicht Saskia nicht, er landet später
22:38in DDR-Archiven. Niemand hält es für nötig, Saskia den Brief auszuhändigen.
22:44Ich wusste von der Existenz des Briefes gar nichts. Hätte ich den Brief zu einer rechten
22:50Zeit, sagen wir mal, als Jugendliche bekommen, als Kind kann man ja noch denken, na ja, vielleicht
22:57wäre das für das Kind zu viel, aber hätte ich ihn als Jugendliche bekommen, mein Leben
23:02wäre wirklich anders verlaufen. Ich war jahrelang böse und hatte mich auch verlassen gefühlt.
23:12Aber es ist so gelaufen, wie es gelaufen ist, dass ich den Brief erst 63 Jahre danach bekommen
23:19habe. Plötzensee war und ist für mich ein unheilvoller Ort. Es ist ein Ort für mich der Stille und der
23:44individuellen Begegnung.
23:47Ich habe auch nicht so gute Erfahrungen damit, es mit anderen zu teilen oder ich fühle mich auch oft nicht
23:54sehr wohl.
23:55Ich kann ja eigentlich die anderen auch nicht mit dem erreichen, was mich schmerzt.
24:03In der Todeszelle von Plötzensee bekommt Günther Sment ein kleines Buch zugesteckt.
24:08Gedanken von Goethe, Schiller und Hölderlin, aber auch Sprüche aus der Bibel.
24:15Er hat für mich reingeschrieben, das soll Axels Taufspruch sein.
24:21An einem anderen Tag schrieb er auch rein, ach, ich kann das kaum sagen jetzt, weil mein Kloß wird immer
24:30dicker.
24:31Er hat an einer anderen Stelle reingeschrieben, ach, wenn ich doch unsere Kinder noch einmal sehen könnte.
24:47Das hat er am 8. September geschrieben, am Tag der Hinrichtung.
24:55Günthers Ment wurde 31 Jahre alt.
25:00Bis zum Ende des Krieges werden mehr als 150 am Attentat Beteiligte ermordet.
25:09Es ist eigentlich der schrecklichste Ort, den ich kenne, weil es der Ort ist, wo ich natürlich immer meinen Vater
25:18am Galgen sehe und sie werden das Bild ja nicht los.
25:27Jedes Jahr am 20. Juli treffen sich die Angehörigen zu einer Andacht.
25:33Da sind wir Angehörige noch ziemlich unter uns in einem geschützten Raum.
25:39Und für mich ist es jedes Mal ein erneutes Erlebnis, weil da natürlich, da sehe ich nicht nur die Haken
25:47über mir, diese Fleischerhaken,
25:50sondern da sehe ich natürlich meinen Vater jedes Mal auch hängen.
26:01Das ist immer nicht so wichtig.
26:21.
26:46The liberation was then,
26:47There was a place in the city, in which suddenly someone came against the door, and the door opened.
26:53And before us stood a black Neger.
26:57Like in the night. We had never seen a Neger.
27:00With a helmet and a machine gun.
27:04With a bright smile, as he saw our children, he threw in the Hose, and threw in the bag,
27:09so that we were very quickly afraid.
27:13And then there were probably one or two weeks, and then we were all together.
27:19And then came the mayor, a socialist socialist, from the concentration camp.
27:25He stood up on the table.
27:27We were all the kids on the table.
27:30And he said, you could be proud of your children.
27:32And we looked at it all very well.
27:36And that looked so far away from our bodies.
27:38And then he went back to the table.
27:41And then he went back to the table.
27:42And then we went back to the table.
27:44And it didn't get involved.
27:46And we didn't talk about it.
27:47What was that actually happened?
27:49What was that actually happened?
27:52The time of the Nazifization and the Wiederaufbau begins.
27:56An the Widerstands-Kämpfer is no one interested.
28:01Mein Vater hat überlebt.
28:04Ankläger Röder hatte die Todesstrafe beantragt.
28:07Durch Glück und die Hilfe von Freunden konnte er dem Todesurteil entgehen.
28:11Wegen Nichtanzeige eines Verbrechens erhielt mein Vater drei Jahre Zuchthaus.
28:16Nach der Befreiung stürzte er sich wieder ins kulturelle Leben.
28:20Er sammelte Zeugnisse des Widerstands und plante ein Buch darüber.
28:261947 sprach er zum Jahrestag der Bücherverbrennung.
28:38Mein Vater wollte die Nazi-Ankläger Manfred Röder vor Gericht bringen.
28:43Zusammen mit anderen Überlebenden zeigte er Röder bei den Amerikanern in Nürnberg an.
28:51Röder taucht bei den Nürnberger Prozessen zwar auf, aber als Zeuge, nicht als Angeklagter.
28:57Er hat sich dem amerikanischen Geheimdienst angedient.
29:00Unter dem Decknamen Othello versorgt er die Amerikaner auch mit der Gestapo-Version von der Roten Kapelle.
29:06Angeblich ein europaweites Netzwerk von kommunistischen, bezahlten Agenten,
29:10die nur darauf warten, unter Moskauer Führung wieder tätig zu werden.
29:13Im gerade beginnenden Kalten Krieg ist Röder ein wertvoller Verbündeter des Westens.
29:20Wegen der 40 Todesurteile, die er zu verantworten hat, ermittelt die Staatsanwaltschaft in Lüneburg.
29:27Dort kann man eben unter anderem von einem Staatsanwalt lesen, der dann praktisch die Ermittlungen gegen den Herrn Röder führte,
29:40dass er sich wunderte, dass aufgrund der Bedeutung des Falles immer noch doch relativ human gehandelt wurde.
29:51Eigentlich hätte man noch viel mehr Todesstrafen erteilen müssen.
29:56Das Ermittlungsverfahren gegen Manfred Röder wird schließlich eingestellt.
30:00Er bewirtschaftet einen Gutshof bei Lüneburg und macht Wahlkampf für rechtsradikale Parteien.
30:07Weil er eine Entführung so nah an der DDR-Grenze fürchtet, zieht er in den Taunus.
30:12Die Bürger von Glashütten wählen ihn für die CDU zu ihrem stellvertretenden Bürgermeister.
30:18Kein Blutjurist des Dritten Reiches wurde in der Bundesrepublik zur Rechenschaft gezogen.
30:23Mit seiner üppigen Pension kann Röder bis zu seinem Tod 1971 gut leben.
30:29Ganz anders die Familien der Widerstandskämpfer.
30:32Oft mussten sie jahrelang um ihre Pensionen kämpfen, wie die Mutter von Axel Sment.
30:38Mit den Rentenämtern ein Wust von Bürokratie und auch eine schreckliche schriftliche Behandlung meiner Mutter.
30:48Man merkt es schon an dem Deutsch, dass es dem Sachbearbeiter zuwider war, meiner Mutter einen Brief zu schreiben.
30:56Also das war eine schrecklich unangenehme Zeit sicherlich für unsere Mutter.
31:02In Verwaltung und Justiz gibt es so gut wie keinen Personalwechsel. Die Vergangenheit ist kein Thema.
31:08In der neuen Bundesrepublik schaut man nun nach vorne.
31:12Wir haben ja nicht in Deutschland einen kompletten Bevölkerungsaustausch gehabt,
31:16sondern in Deutschland lebten dieselben Menschen nach dem 8. Mai 1945 wie vorher.
31:20Das heißt, die Widerstandskämpfer wurden nicht gewürdigt, sondern im Gegenteil lange Jahre hinweg noch als Verräter diffamiert oder sogar ihre
31:29Angehörigen als Frauen von Verrätern oder als Kinder von Verrätern.
31:33Die 50er Jahre waren für die Angehörigen der Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer keine schöne Zeit.
31:41Nur zögerlich gibt es eine öffentliche Anerkennung für die Opfer des 20. Juli.
31:471954 findet die erste große Gedenkveranstaltung mit Bundespräsident Reuss und Bundeskanzler Adenauer statt.
31:57Die DDR empfindet sich als erster antifaschistischer Staat auf deutschem Boden. Sie verspricht, alles besser zu machen.
32:05Ich war Pionier der ersten Stunde sozusagen. Und bin natürlich später auch in die FDJ eingetreten und war auch Kandidatin
32:14der SED.
32:15Also bis zu einem gewissen Moment bin ich den vorgezeichneten Weg gegangen.
32:20Aber dass mein Vater eben sich so weigerte, über meine Mutter zu sprechen, das war immer irgendwie ein harter Kern
32:28in mir.
32:30Saskias Vater wurde von den Nazis zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. In einem Strafbataillon überlebte er den Krieg.
32:38In der DDR versucht er sich dem neuen Regime anzupassen.
32:43Hans Kopi wächst bei seiner Großmutter auf. Nach seinen kommunistischen Eltern werden schon Anfang der 50er Jahre Straßen, Schulen und
32:51Kindergarten benannt.
32:52Er wird zum Heldenkind.
32:57Als Heranwachsender, elf-, zwölf-, dreizehnjähriger, konnte ich damit nicht gut leben.
33:03Das waren eben solche Zeiten, wo ich dann eben, weiß ich, abends im Bett nage und sage, Mensch, warum habt
33:11ihr das gemacht?
33:17Was mich total fuchtig gemacht hat, war, als mein Vater, da war ich so 14, als ich mal wieder nach
33:23der Roten Kapelle gefragt habe, da hat er zu mir gesagt,
33:26wir haben den sowjetischen Genossen, so in dieser Art, wie ich das jetzt sage, so offiziellen Ton, wir haben den
33:32sowjetischen Genossen versprochen, dass wir darüber nicht reden.
33:35Der Kampf ist noch nicht beendet. Punkt aus.
33:41Die Rote Kapelle gilt den Kommunisten als zu bürgerlich und weltanschaulich zu bunt. Zu wenig auf Moskauer Linie.
33:50Auch für den 20. Juli hat man in der DDR wenig übrig. Ein Aufstand der Adeligen und Offiziere, die um
33:57ihre Gutshöfe bangen.
33:58Dann, Mitte der 60er Jahre, wird die Rote Kapelle gewürdigt. In der Sowjetunion. Und plötzlich nimmt sich auch die DDR
34:07-Führung der Roten Kapelle an.
34:10Da ging es also um eine Publikation zur Geschichte der Arbeiterbewegung, wo plötzlich Mitte der 60er Jahre aus der Schulze
34:19-Beusen-Harnack-Gruppe eine Schulze-Beusen-Harnack-Organisation wurde.
34:23Und das Zweite war, was eben sich wiederfand, dass es dann auch Kontakte gab und kriegswichtige Informationen aus Berlin nach
34:34Moskau wechselten und an der Funktaste mein Vater gesessen habe.
34:41Stasi-Chef Erich Mielke lässt einen Spielfilm produzieren. KLK an PTX.
34:47Es ist eine der teuersten Produktionen der DDR und propagiert die Geschichte von den linientreuen Kundschaftern.
34:56Hans Koppe Junior hat in Moskau recherchiert.
35:04Ich wollte gerne mal wissen, welche Funksprüche er denn, die müssen doch hier angekommen sein und so.
35:09Und da sagte er, also Funksprüche haben wir keine, da liegen die irgendwo anders.
35:18Nein, sagte er, es gibt nur einen Funkspruch, der heißt hier vom 23. oder 24. Juni 1941, also gleich nachdem
35:29der Überfall dort auf die Sowjetunion begann, tausend Grüße an alle Freunde.
35:36Im Film wird daraus ein reger Funkverkehr.
35:40Auch Mielkes Mannen haben das wieder besseres Wissen getan.
35:44Auch sie wussten, dass nie gefunkt worden war, was sie nicht davon abhielt, den abenteuerlichsten Unsinn darüber zu verbreiten.
35:52Es musste nur heldenhaft genug sein. Und diese wechselseitigen Stereotypen in Ost und West führten eben lange Jahre dazu, dass
36:00das Stereotype-Bild von den Kundschaftern der Roten Kapelle, von den Spionen der Roten Kapelle noch so lange so mächtig
36:07gewesen ist, fast noch bis in die heutigen Tage in vielen Köpfen hinein.
36:17Aber dieser Mythos ist so schön gewesen, dass man ihn bruchlos von den Verhörprotokollen der Gestapo in die Verhörprotokolle des
36:26Reichskriegsgerichts bis dann in die Nachkriegszeit in die Zeitung der Spiegel im Jahr 1968 bruchlos tradieren konnte.
36:34In einer zehnteiligen Serie wiederholt der Spiegel 1968 die Lügen der Gestapo von einer europaweit agierenden Spionagegruppe unter sowjetischer Führung
36:44und 500 Funksprüchen.
36:49Mein Vater hat wie üblich nicht weiter sich dazu geäußert. Es war für ihn zwar eine Katastrophe, diese Behandlung der
36:55Gruppe, aber es war für ihn nicht was, wo man gemerkt hat, dass ihn das jetzt emotional irgendwie aus der
37:00Balance wirft. Gar nicht.
37:02Dessen Leben ging weiter. Der hat genauso weiter Klavier gespielt, wie als er auf die Gestapo gewartet hat. Also irgendwo
37:08war der auch unerschütterlich.
37:10Er war ja eigentlich ein Nationalist. Er war ja jemand, der sein Land geliebt hat, der Goethe und Schiller verehrt
37:16hat, der die deutsche Kultur geliebt hat und der das eine Schande und eine Schmach fand, dass er überhaupt so
37:23einen Widerstand leisten musste.
37:30Saskia von Brockdorf fühlt sich in der DDR eingeengt. Es zieht sie in die Ferne. Sie heiratet einen Peruaner und
37:37zieht mit ihm 1972 nach Südamerika.
37:41Später geht sie nach West-Berlin, aber die Vergangenheit lässt sie nicht los.
37:46Und erst als sich alles bei mir so zuspitzte, dass ich mir sagte, das kann doch nicht für dein Leben
37:52gut sein, dass du mit dieser Bitternis rumläufst.
37:55Und da hatte man mir eine Psychologin empfohlen, die Jüdin ist und deren Eltern auch versucht haben, Widerstand zu leisten.
38:02Da habe ich das dann mal gesagt und hat die gesagt, du, das ist völlig normal, dass du zornig bist
38:08und dass du dich verlassen fühlst.
38:12Du konntest das doch als Kind gar nicht anders einschätzen. Du wusstest doch nichts darüber.
38:17Auch in der Familie Alfred von Hofackers hat der Verlust des Vaters tiefe Wunden hinterlassen.
38:24Das Problem mit der Mutter war bei mir, ich konnte mich mit der Mutter nicht auseinandersetzen, weil ich war ein
38:31sehr zorniges Kind früher.
38:32Aber wenn ich dann noch zornig war, nach dem Krieg, meine Mutter sehr häufig vor mir stand und sagte, was
38:39würde jetzt Vater sagen, wenn er unter uns wäre.
38:42Das war eine Keule, die mich natürlich sofort zum Verstummen brachte, weil meine Mutter sich dann auch noch einschloss
38:49und dann mit verfeinten Augen wieder rauskam.
38:53Mitte der 70er Jahre macht Alfred von Hofacker, inzwischen Selbstvater, einen überraschenden Fund.
39:01Dann entdeckte ich auf dem Speicher des Hauses die berühmte Kiste.
39:05Und ich machte die Kiste auf und fand uferloses Material über meinen Vater.
39:10Und es entstand plötzlich ein völlig anderes Bild meines Vaters.
39:13Ich musste zur Kenntnis nehmen, Vater war Widerstandskämpfer, aber wie passt das zusammen?
39:20Er war zunächst mal ein glühender Nationalsozialist. Das war er.
39:27Und diese zwei Extreme zusammenzufügen, das war schwierig.
39:33Und dann entstand eigentlich das, was für mich letztlich dann entscheidend war,
39:39dass ich die Widersprüche in der Biografie meines Vaters, erst glühender Nationalsozialist, Befürworter des Systems,
39:48dann leidenschaftlicher Widerstandskämpfer, diesen Bruch in ein und derselben Biografie,
39:54das hat mir eigentlich mein Vater, so merkwürdig es klingen mag, erst nahegebracht.
39:59Jetzt steht der Vater vor mir als ein Mensch, den ich auch als Sohn verehren kann, lieben kann,
40:08emotional mit ihm mich verbunden fühle.
40:13Abschied von zu Hause. Die Ferien sind zu Ende, ich muss zurück ins Internat.
40:18Mein Vater hat in der Kultur seinen Weg gefunden.
40:22Unermüdlich setzte er sich für die Anerkennung des Widerstands ein.
40:25Aber sein Lebensziel, die Freunde von der Roten Kapelle zu rehabilitieren, hat er nicht erreicht.
40:32Er geriet zwischen die Mühlstände des Ost-West-Konfliktes mit den Lügen auf beiden Seiten.
40:37Er hatte keine Chance.
40:39Mein Vater starb im Februar 1969 mit 66 Jahren.
40:49Hans Koppi beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit der Geschichte der Roten Kapelle und schreibt zahlreiche Bücher.
40:55Ja klar, begleitet mich das weiter und ich habe wahrlich auch keinen Grund, mich von meinen Eltern zu distanzieren.
41:04Ich denke, sie sind in dem, was ich auf diesem Gebiet mache, auch mit aufgehoben.
41:10Und insofern lässt mich diese Geschichte auch nicht los, weil mich ja auch meine Eltern nicht loslassen.
41:15Man kann sich ja nicht von ihnen verabschieden.
41:251998 werden die Todesurteile für die Verschwörer des 20. Juli aufgehoben.
41:30Für die Männer und Frauen der Roten Kapelle dauert es noch etwas länger.
41:34Erst 2009 hebt der Deutsche Bundestag die Todesurteile von 1942 auf.
41:4067 Jahre später.
41:45Seitdem ich weiß, dass hier der Gedenkstein ist, das war irgendwann im Herbst und dann habe ich mir im nächsten
41:50Frühjahr gesagt, da muss man doch was machen.
41:53Und da die Stadt Berlin sowieso kein Geld hat, habe ich mir das nun so zur Aufgabe genommen.
42:00Nach 63 Jahren hat Saskia den Abschiedsbrief ihrer Mutter doch noch bekommen.
42:06Meine liebe Saskia, ich hoffe, dass dich diese Zeilen einmal erreichen werden.
42:11Dann werde ich lange nicht mehr sein.
42:13Aber ich wollte dir mit diesen Zeilen sagen, dass ich in meiner Zelle sehr oft, ja meistens nur an dich
42:20gedacht habe.
42:21Mein liebes, liebes Kind, ich wünsche dir für dein Leben alles nur erdenklich Gute.
42:27Mögest du ein offener, ehrlicher, gerader Mensch werden.
42:30Du warst mir alles, außer deinem Vater, den ich über alles geliebt habe.
42:34Wenn du heute auch noch sehr klein bist, eine kleine Erinnerung wirst du doch an mich bewahren.
42:39Das wird mich auf meinem letzten Gang trösten.
42:42Weißt du noch, wenn ich sagte, mich liebt wohl keiner und du kamst gesprungen, legtest mir deine kleinen Arme um
42:49den Hals und sagtest, doch Mama, ich liebe dich so sehr.
42:53In diesen vier Monaten habe ich noch einmal die ganze Zeit vor dem Tag an durchlebt, da ich dich in
42:59der Klinik zum ersten Mal in meinem Arm hielt.
43:01Man kann mir viel vorwerfen, aber eines nicht, dass ich keine gute Mutter gewesen.
43:06Ich habe den festen Glauben, dass man eine Zeit kommt, wo man anders über mich und die vielen anderen denkt.
43:13Ich hätte sie auch gern erlebt.
43:16Nun bin ich aber auch nicht traurig, dass es anders ist.
43:20In mir ist so eine wundervolle Ruhe und Klarheit.
43:23Sei tausendmal gegrüßt und geküsst von deiner Mutter.
43:36Darum hörst du den Tod, wie mein Herz umst du glühst und feudig noch, Frau der Wund.
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