00:00Die Schwabengängerei, oder genauer die Schwabenkinder.
00:04Ein Phänomen, das vor allem den alamannischen Alpenraum betraf.
00:08Schwabenkinder waren Buben und Mädchen zwischen ca. 6 und 14 Jahren,
00:12die aus den österreichischen Gebieten Tirol und Vorarlberg,
00:16aus dem Südtirol und der Ost- und Südostschweiz nach Oberschwaben verkauft wurden,
00:21um von Frühling bis Herbst bei Bauern zu arbeiten.
00:24Hauptgrund war die bittere Armut in den Gebieten südlich und östlich des Bodensees,
00:29allen voran in den österreichisch-schweizerischen Alpinengebieten,
00:33wo Böden und Ackerflächen nicht ertragreich genug waren, um alle Münder zu stopfen.
00:39Oberschwaben hingegen galt viele Jahrhunderte als Kornkammer des Alpenraums
00:44und Grossbauern suchten stets händeringend nach Arbeitskräften.
00:48So machten sich die Kinder jeweils in Gruppen, meist in Begleitung eines Erwachsenen,
00:52auf den Weg an das deutsche Nordufer des Bodensees.
00:55Ein Weg, der je nach Heimatdorf bis zu 250 Kilometer lang war,
01:01der nicht nur zu Fuss und mit schlechtem Schuhwerk zurückgelegt werden musste,
01:05sondern auch zum Beispiel über den Arlberg im Westen Österreichs,
01:09der im März meist noch Meter hoch mit Schnee bedeckt war.
01:13An den Zielorten Ravensburg und Friedrichshafen fanden dann die Kindermärkte statt.
01:18Ja, die Kindermärkte, wo die oberschwäbischen Bauern um die Jungen und Mädchen feilschten.
01:24Suchten sich doch dort die Bauern die Kinder aus, die auf ihren Höfen arbeiten sollten.
01:29Eine Szene, die auch im Städtischen Museum in einer eigenen Schwabenkinderausstellung thematisiert wird.
01:35Hey du, kannst du Kinder hüten?
01:38Ja.
01:38Waschen, putzen und kochen, kannst du auch?
01:41Jawohl, Herr.
01:42Für 60 Mark nehme ich dich mit.
01:44Der erste schriftliche Beleg dieser Schwabengängerei geht auf das Jahr 1625 zurück.
01:51Und diese Kindermärkte fanden bis Ende des Ersten Weltkrieges in Süddeutschland statt.
01:56Die unorganisierte Form, also mit Privatvermittlern zwischen den Familien und den Grossbauern,
02:02ging noch bis kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges weiter.
02:06Wie viele letzten Endes davon betroffen waren, lässt sich nur grob schätzen.
02:121836 beispielsweise berichtete eine Quelle, dass aus dem Montafon, einem langen Tal im südlichen Vorarlberg,
02:19etwa 700 Kinder und damit fast die halbe Bevölkerung auswanderte.
02:24Ab 1850 sollen es noch etwa 800 Kinder aus den österreichischen Gebieten gewesen sein.
02:30Einige Schätzungen, allen voran zu den Hochzeiten im 19. Jahrhundert,
02:35gehen von insgesamt 4000 Schwabenkindern jährlich aus.
02:39Gemessen an den mindestens drei Jahrhunderten, in denen die Schwabengängerei zum traurigen Alltag gehörte,
02:45wird die Zahl jenseits der 100.000 Kindersklaven liegen.
02:50Dass die Schwabengängerei aufgehört hat, hatte nichts mit humanitärem Fortschritt oder dergleichen zu tun.
02:551908 haben US-amerikanische Medien über die Kindermärkte in Deutschland berichtet
03:01und für weltweite Empörung gesorgt.
03:03Auch die betroffenen Staaten in Mitteleuropa waren empört.
03:07Effektiv geändert hat sich allerdings nichts für die Kinder.
03:10Und es ist rückblickend schon besonders beschämend,
03:13wenn ausgerechnet die USA uns Mitteleuropäern in Fragen von Menschenrechten und Sklaverei
03:19berechtigt die Leviten lesen konnte.
03:22Eine Zäsur stellte der Erste Weltkrieg dar.
03:25Die Soldaten, die eingezogen wurden, wurden meist durch ihre eigenen Kinder an den Bauernhöfen
03:30und in den Handwerksstuben ersetzt.
03:32So, dass aus dem damaligen Österreich-Ungarn fast keine Kinder mehr nach Oberschwaben geschickt wurden.
03:38Die organisierte Schwabengängerei endete 1915, als die Kindermärkte abgeschafft wurden.
03:45Nichtsdestotrotz wurden aber nach dem Ersten Weltkrieg wieder vermehrt Kinder nach Oberschwaben geschickt
03:50und das war kurze Zeit dank eines rechtlichen Schlupflochs noch möglich.
03:54Denn obwohl in allen betroffenen Staaten die Schulpflicht herrschte,
03:59galt die Schulpflicht in Baden-Württemberg nicht für ausländische Kinder.
04:03Das änderte sich erst 1921, als die Schulpflicht auch auf ausländische Kinder,
04:09also auch auf Österreicher und Schweizer ausgedehnt wurde.
04:12Danach ging die Zahl der Schwabengänger rapide zurück.
04:16Unorganisiert und illegal gab es aber, wie bereits vorhin erwähnt,
04:20bis kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges noch Schwabenkinder.
04:24Die körperlich stärkeren Buben liess man bis zur Erschöpfung arbeiten,
04:2816, 17, 18 Stunden am Tag.
04:31Die Mädchen erfuhren nicht selten aber ein noch schlimmeres Schicksal.
04:34Regina Lampert schrieb als 70-Jährige ihre Jugenderinnerungen auf
04:39und hinterließ so ein authentisches Zeugnis über die Schwabengängerei.
04:44Und sie berichtete auch über ein weitgehend tabuisiertes Thema,
04:48nämlich sexuelle Übergriffe auf die Kinder.
04:52Es gab Mädchen, die schwanger zurückgekommen sind aus dem Schwabenland.
04:59Und darüber wurde natürlich nicht berichtet, das hat niemand erforscht,
05:04das hat irgendwie auch zum normalen Leben gehört.
05:09Und es waren oft nicht der Bauer selber, sondern das Gesinde, die Knechte und die Mette.
05:17Also was hier passiert ist, das entzieht sich unserer Kenntnis.
05:23Wir können aber das annehmen, was wir heute feststellen,
05:26dass das gar nicht so selten vorgekommen ist, nur weil wir nichts davon wissen.
05:31Besonders hart traf es auch die rhetoromanischen Kinder aus dem Kanton Graubünden.
05:36Sie mussten nicht nur zu Fuss einen weiten Weg zurücklegen,
05:40sie hatten es zudem mit Rätoromanisch als Muttersprache noch schwerer
05:44als die Schwabenkinder aus Tirol und Vorarlberg.
05:52Ich denke, dass es für die Kinder aus romanischen Gegenden
05:55natürlich die Schwierigkeit gegeben hat mit der Sprache.
05:59Dass sie, wenn sie das erste Mal gingen, einfach nichts verstanden haben,
06:03sagen wir mal die ersten drei, vier Wochen.
06:05Und dass sie deswegen vielleicht auch mehr bestraft wurden oder ausgehänselt,
06:12weil sie einfach nicht wussten, was sie zu tun hatten.
06:14Vielleicht haben sie auch mal Schläge gekriegt.
06:17Erst seit etwa 25 bis 30 Jahren wird die Schwabengängerei wissenschaftlich und
06:23gesellschaftlich aufgearbeitet und es liegen noch viele Jahre der Forschung vor uns.
06:28So sollte aber gerade der alamannische Raum der deutschsprachigen Staaten
06:31keine Mühen scheuen, dieses Unrecht an Schutzbefohlenen aufzuarbeiten,
06:36denn diese Sklavenmärkte fanden teils statt, als schon alle drei Staaten,
06:41also die Schweiz, Österreich und Deutschland, keine Monarchien mehr waren,
06:45sondern erstmals Demokratien.
06:47Und die Aufarbeitung ist wichtig, um zu verstehen, dass Menschen,
06:51die dieses Unrecht erdulden mussten, keine ferne Vergangenheit sind,
06:56sondern teils noch heute leben.
07:00August Dorn ist eines der letzten der sogenannten Schwabenkinder, die heute noch leben.
07:051940 musste er als Zehnjähriger zu einem Bauern in Süddeutschland, um dort zu arbeiten.
07:11So wie unzählige Kinder aus Teilen Österreichs und der Schweiz in den Jahrzehnten und Jahrhunderten zuvor.
07:17August Dorns Schicksal war der Tod der Mutter wenige Monate nach der Geburt der jüngsten Schwester.
07:24Ja, wie gesagt, das könne ich zehn Monate alt sein, da ist die Mutter gestorben.
07:27Und das war im November 1939.
07:31Und darum bin ich am 6. März 1940, was hat der Vater willen tun, wie hat man das Schwabenland getan.
07:39Ja, mein Gott, am Vater, man hat an einem Abend viel geweint,
07:45wenn es zu Hause ist, das fehlte einfach, wenn man vorher von drei, vier Geschwistern wegkommt,
07:53und zumal ist niemand mehr da, und dann auf einem Bauernhof, wo eh niemand war,
07:59da hat ja niemand geredet mit mir.
08:02Ich habe mich nur, mit den Kühen habe ich halt dann geredet.
08:09Die haben dann nur noch so treu angeschaut.
08:12Am Montag konnte ich bei der Empowern Mittagessen,
08:16und am Dienstag konnte ich bei der Empowern Mittagessen,
08:19und am Mittwoch am 3. und der war schon so vier, fünfmal gegangen,
08:24damit wir überhaupt zum Leben kamen.
08:26Danke, alles.
08:26Untertitelung des ZDF, 2020
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