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Die Schwabenkinder – ein vergessenes Kapitel der europäischen Kinderarbeit und Armutsmigration
Über mehr als drei Jahrhunderte hinweg zogen jedes Frühjahr Tausende Kinder aus den armen Bergregionen der Alpen in Richtung Norden. Sie kamen aus Vorarlberg, Tirol (Nord- und Südtirol), aus Teilen Graubündens, aus dem St. Galler Land, Appenzell, Liechtenstein und vereinzelt auch aus anderen alpinen Gebieten. Ihr Ziel: die fruchtbaren Ebenen Oberschwabens, der Bodenseeregion, der Schwäbischen Alb und teilweise des Allgäus sowie des nördlichen Alpenvorlands in Württemberg, Baden und Bayern.
Man nannte sie Schwabenkinder, Hütekinder oder Schwabengänger. Meist waren sie zwischen 6 und 14 Jahren alt – Jungen und Mädchen gleichermaßen.
Die wirtschaftlichen Hintergründe
In den Hochtälern der Alpen erlaubten karge Böden, steile Hänge, kurze Vegetationsperioden und ein raues Klima nur eine extensive Vieh- und Milchwirtschaft. Große Familien mit 6–12 Kindern waren üblich, doch das Land ernährte sie kaum. Gleichzeitig gab es in Oberschwaben fruchtbare Böden, größere Höfe (häufig nach Anerbenrecht ungeteilt vererbt) und einen Überschuss an Getreide, Kartoffeln, Obst und Hopfen.
Die Bauern dort brauchten im Sommer dringend zusätzliche Arbeitskräfte – vor allem für die Viehhirtentätigkeit (daher „Hütekinder“), aber auch für Feldarbeit, Stallarbeit, Ernte und Hausarbeit. Die eigene Bevölkerung wuchs nicht schnell genug nach, um diesen Bedarf zu decken. So entstand ein jahreszeitlich wiederkehrendes Arbeitskräfteangebot aus den Bergen – und ein System, das man heute kaum anders als organisierte Kinder-Saisonarbeit mit starken Zügen von Ausbeutung bezeichnen kann.
Die Kindermärkte – kein Sklavenmarkt, aber nah dran
Zwischen Mitte März und Anfang April (oft um den Josefi-Tag, 19. März) fanden in Orten wie Ravensburg, Friedrichshafen (ab 1891 zentraler Marktort in der Karlstraße), Wangen, Kempten, Tettnang, Weingarten, Bad Waldsee und Überlingen die berüchtigten Hüterkindermärkte statt.
Die Kinder – oft in Gruppen, barfuß oder mit schlechtem Schuhwerk, nach tagelanger, teils gefährlicher Fußwanderung über Pässe wie Arlberg oder Reschenpass – standen auf Marktplätzen bereit. Bauern begutachteten Zähne, Arme, Beine, Rücken, ließen die Kinder laufen, heben, Fragen beantworten. Es wurde gefeilscht wie auf einem Viehmarkt. Ein Kind wurde für die Saison (bis Martini, 11. November, oder Simon und Juda Ende Oktober) „verdingt“, d.h. vermietet.
Der Lohn bestand meist aus Naturalien (Kleider, Schuhe, etwas Getreide oder Kartoffeln für die Heimreise) und sehr wenig Bargeld – oft nur wenige Gulden oder Mark. Kritiker sprachen bereits im 19. Jahrhundert von „Sklavenmärkten“. 1908 verglich die amerikanische Presse den Friedrichshafener Markt direkt mit einem Sklavenmarkt.

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Transkript
00:00Die Schwabengängerei, oder genauer die Schwabenkinder.
00:04Ein Phänomen, das vor allem den alamannischen Alpenraum betraf.
00:08Schwabenkinder waren Buben und Mädchen zwischen ca. 6 und 14 Jahren,
00:12die aus den österreichischen Gebieten Tirol und Vorarlberg,
00:16aus dem Südtirol und der Ost- und Südostschweiz nach Oberschwaben verkauft wurden,
00:21um von Frühling bis Herbst bei Bauern zu arbeiten.
00:24Hauptgrund war die bittere Armut in den Gebieten südlich und östlich des Bodensees,
00:29allen voran in den österreichisch-schweizerischen Alpinengebieten,
00:33wo Böden und Ackerflächen nicht ertragreich genug waren, um alle Münder zu stopfen.
00:39Oberschwaben hingegen galt viele Jahrhunderte als Kornkammer des Alpenraums
00:44und Grossbauern suchten stets händeringend nach Arbeitskräften.
00:48So machten sich die Kinder jeweils in Gruppen, meist in Begleitung eines Erwachsenen,
00:52auf den Weg an das deutsche Nordufer des Bodensees.
00:55Ein Weg, der je nach Heimatdorf bis zu 250 Kilometer lang war,
01:01der nicht nur zu Fuss und mit schlechtem Schuhwerk zurückgelegt werden musste,
01:05sondern auch zum Beispiel über den Arlberg im Westen Österreichs,
01:09der im März meist noch Meter hoch mit Schnee bedeckt war.
01:13An den Zielorten Ravensburg und Friedrichshafen fanden dann die Kindermärkte statt.
01:18Ja, die Kindermärkte, wo die oberschwäbischen Bauern um die Jungen und Mädchen feilschten.
01:24Suchten sich doch dort die Bauern die Kinder aus, die auf ihren Höfen arbeiten sollten.
01:29Eine Szene, die auch im Städtischen Museum in einer eigenen Schwabenkinderausstellung thematisiert wird.
01:35Hey du, kannst du Kinder hüten?
01:38Ja.
01:38Waschen, putzen und kochen, kannst du auch?
01:41Jawohl, Herr.
01:42Für 60 Mark nehme ich dich mit.
01:44Der erste schriftliche Beleg dieser Schwabengängerei geht auf das Jahr 1625 zurück.
01:51Und diese Kindermärkte fanden bis Ende des Ersten Weltkrieges in Süddeutschland statt.
01:56Die unorganisierte Form, also mit Privatvermittlern zwischen den Familien und den Grossbauern,
02:02ging noch bis kurz nach Ende des Zweiten Weltkrieges weiter.
02:06Wie viele letzten Endes davon betroffen waren, lässt sich nur grob schätzen.
02:121836 beispielsweise berichtete eine Quelle, dass aus dem Montafon, einem langen Tal im südlichen Vorarlberg,
02:19etwa 700 Kinder und damit fast die halbe Bevölkerung auswanderte.
02:24Ab 1850 sollen es noch etwa 800 Kinder aus den österreichischen Gebieten gewesen sein.
02:30Einige Schätzungen, allen voran zu den Hochzeiten im 19. Jahrhundert,
02:35gehen von insgesamt 4000 Schwabenkindern jährlich aus.
02:39Gemessen an den mindestens drei Jahrhunderten, in denen die Schwabengängerei zum traurigen Alltag gehörte,
02:45wird die Zahl jenseits der 100.000 Kindersklaven liegen.
02:50Dass die Schwabengängerei aufgehört hat, hatte nichts mit humanitärem Fortschritt oder dergleichen zu tun.
02:551908 haben US-amerikanische Medien über die Kindermärkte in Deutschland berichtet
03:01und für weltweite Empörung gesorgt.
03:03Auch die betroffenen Staaten in Mitteleuropa waren empört.
03:07Effektiv geändert hat sich allerdings nichts für die Kinder.
03:10Und es ist rückblickend schon besonders beschämend,
03:13wenn ausgerechnet die USA uns Mitteleuropäern in Fragen von Menschenrechten und Sklaverei
03:19berechtigt die Leviten lesen konnte.
03:22Eine Zäsur stellte der Erste Weltkrieg dar.
03:25Die Soldaten, die eingezogen wurden, wurden meist durch ihre eigenen Kinder an den Bauernhöfen
03:30und in den Handwerksstuben ersetzt.
03:32So, dass aus dem damaligen Österreich-Ungarn fast keine Kinder mehr nach Oberschwaben geschickt wurden.
03:38Die organisierte Schwabengängerei endete 1915, als die Kindermärkte abgeschafft wurden.
03:45Nichtsdestotrotz wurden aber nach dem Ersten Weltkrieg wieder vermehrt Kinder nach Oberschwaben geschickt
03:50und das war kurze Zeit dank eines rechtlichen Schlupflochs noch möglich.
03:54Denn obwohl in allen betroffenen Staaten die Schulpflicht herrschte,
03:59galt die Schulpflicht in Baden-Württemberg nicht für ausländische Kinder.
04:03Das änderte sich erst 1921, als die Schulpflicht auch auf ausländische Kinder,
04:09also auch auf Österreicher und Schweizer ausgedehnt wurde.
04:12Danach ging die Zahl der Schwabengänger rapide zurück.
04:16Unorganisiert und illegal gab es aber, wie bereits vorhin erwähnt,
04:20bis kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges noch Schwabenkinder.
04:24Die körperlich stärkeren Buben liess man bis zur Erschöpfung arbeiten,
04:2816, 17, 18 Stunden am Tag.
04:31Die Mädchen erfuhren nicht selten aber ein noch schlimmeres Schicksal.
04:34Regina Lampert schrieb als 70-Jährige ihre Jugenderinnerungen auf
04:39und hinterließ so ein authentisches Zeugnis über die Schwabengängerei.
04:44Und sie berichtete auch über ein weitgehend tabuisiertes Thema,
04:48nämlich sexuelle Übergriffe auf die Kinder.
04:52Es gab Mädchen, die schwanger zurückgekommen sind aus dem Schwabenland.
04:59Und darüber wurde natürlich nicht berichtet, das hat niemand erforscht,
05:04das hat irgendwie auch zum normalen Leben gehört.
05:09Und es waren oft nicht der Bauer selber, sondern das Gesinde, die Knechte und die Mette.
05:17Also was hier passiert ist, das entzieht sich unserer Kenntnis.
05:23Wir können aber das annehmen, was wir heute feststellen,
05:26dass das gar nicht so selten vorgekommen ist, nur weil wir nichts davon wissen.
05:31Besonders hart traf es auch die rhetoromanischen Kinder aus dem Kanton Graubünden.
05:36Sie mussten nicht nur zu Fuss einen weiten Weg zurücklegen,
05:40sie hatten es zudem mit Rätoromanisch als Muttersprache noch schwerer
05:44als die Schwabenkinder aus Tirol und Vorarlberg.
05:52Ich denke, dass es für die Kinder aus romanischen Gegenden
05:55natürlich die Schwierigkeit gegeben hat mit der Sprache.
05:59Dass sie, wenn sie das erste Mal gingen, einfach nichts verstanden haben,
06:03sagen wir mal die ersten drei, vier Wochen.
06:05Und dass sie deswegen vielleicht auch mehr bestraft wurden oder ausgehänselt,
06:12weil sie einfach nicht wussten, was sie zu tun hatten.
06:14Vielleicht haben sie auch mal Schläge gekriegt.
06:17Erst seit etwa 25 bis 30 Jahren wird die Schwabengängerei wissenschaftlich und
06:23gesellschaftlich aufgearbeitet und es liegen noch viele Jahre der Forschung vor uns.
06:28So sollte aber gerade der alamannische Raum der deutschsprachigen Staaten
06:31keine Mühen scheuen, dieses Unrecht an Schutzbefohlenen aufzuarbeiten,
06:36denn diese Sklavenmärkte fanden teils statt, als schon alle drei Staaten,
06:41also die Schweiz, Österreich und Deutschland, keine Monarchien mehr waren,
06:45sondern erstmals Demokratien.
06:47Und die Aufarbeitung ist wichtig, um zu verstehen, dass Menschen,
06:51die dieses Unrecht erdulden mussten, keine ferne Vergangenheit sind,
06:56sondern teils noch heute leben.
07:00August Dorn ist eines der letzten der sogenannten Schwabenkinder, die heute noch leben.
07:051940 musste er als Zehnjähriger zu einem Bauern in Süddeutschland, um dort zu arbeiten.
07:11So wie unzählige Kinder aus Teilen Österreichs und der Schweiz in den Jahrzehnten und Jahrhunderten zuvor.
07:17August Dorns Schicksal war der Tod der Mutter wenige Monate nach der Geburt der jüngsten Schwester.
07:24Ja, wie gesagt, das könne ich zehn Monate alt sein, da ist die Mutter gestorben.
07:27Und das war im November 1939.
07:31Und darum bin ich am 6. März 1940, was hat der Vater willen tun, wie hat man das Schwabenland getan.
07:39Ja, mein Gott, am Vater, man hat an einem Abend viel geweint,
07:45wenn es zu Hause ist, das fehlte einfach, wenn man vorher von drei, vier Geschwistern wegkommt,
07:53und zumal ist niemand mehr da, und dann auf einem Bauernhof, wo eh niemand war,
07:59da hat ja niemand geredet mit mir.
08:02Ich habe mich nur, mit den Kühen habe ich halt dann geredet.
08:09Die haben dann nur noch so treu angeschaut.
08:12Am Montag konnte ich bei der Empowern Mittagessen,
08:16und am Dienstag konnte ich bei der Empowern Mittagessen,
08:19und am Mittwoch am 3. und der war schon so vier, fünfmal gegangen,
08:24damit wir überhaupt zum Leben kamen.
08:26Danke, alles.
08:26Untertitelung des ZDF, 2020
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