00:13Untertitelung des ZDF für funk, 2017
00:46Untertitelung des ZDF für funk, 2017
01:00Und bevor sie jetzt protestieren, Ian Morris geht sogar noch weiter.
01:04Er behauptet, dass Kriege unserer Welt Sicherheit und Wohlstand beschert hätten.
01:09Philipp Rimmel
01:24Ich denke, das stimmt nicht. Das hängt davon ab, wie man über Krieg nachdenkt.
01:40Wenn man in Kriegszeiten lebt, stimmt der Song. Der Krieg ist zu absolut nichts gut.
01:45Aber wenn Sie sich die großen Linien der Geschichte ansehen, um 10.000, 15.000 Jahre zurückgehen,
01:50erkennen Sie, dass Kriege auch Gutes bewirkt haben.
01:55Was für eine These. Ausgerechnet Kriege sollen die Welt sicherer und reicher gemacht haben?
02:02Nicht nur Pazifisten müssen da schlucken.
02:05Der Krieg als heimlicher Motor des Friedens? Ja, geht's denn noch?
02:11Unsere Geschichte ist eine deprimierend blutige Angelegenheit.
02:15Ian Morris aber will hinter all dem Mord und Leid einen versteckten Mechanismus entdeckt haben.
02:22Einen Mechanismus, der dafür sorgt, dass sich der Krieg selbst abschafft.
02:26Die Statistik scheint ihm recht zu geben. Früher war nicht alles besser.
02:34In der Steinzeit lag die Wahrscheinlichkeit, eines gewaltsamen Todes zu sterben, zwischen 10 und 20 Prozent.
02:41Im 20. Jahrhundert dagegen, trotz der zwei Weltkriege, Atombombeneinsätze und begangener Genozide,
02:48lag die Wahrscheinlichkeit global betrachtet nur noch bei 1 bis 2 Prozent.
02:54Also zehnmal geringer als in der Steinzeit.
03:01Damals, vor 10.000 Jahren, änderte sich der Charakter des Krieges.
03:05Der Mensch wurde sesshaft, erste Hochkulturen entstanden.
03:09Wer nun einen Krieg verlor, konnte nicht einfach weiterziehen.
03:13Er wurde vom Sieger geschluckt.
03:15Über die Jahrtausende entstanden so immer größere, immer mächtigere Staaten.
03:20Die Zahl der politischen Akteure nahm ab und damit auch die Zahl möglicher Konflikte.
03:25Diese Entwicklung könnte irgendwann in eine Weltregierung münden.
03:31Herrscher, die mächtige Staaten erschaffen haben, neigten dazu, üble Kerle zu sein,
03:36die aus rein egoistischen Motiven handelten.
03:39Aber wenn sie einen solchen Staat regieren und wollen, dass ihr Volk Steuern zahlt und für sie arbeitet,
03:44müssen sie dafür sorgen, dass es sich nicht gegenseitig umbringt.
03:47Das Resultat?
03:50Gesellschaften wurden mit der Zeit immer friedlicher.
03:56Das Leid des Einzelnen gerät so aus dem Blick.
04:00Nüchtern schaut Morris auf langfristige Kosten-Nutzen-Effekte.
04:05Denn wie bei der Evolution wirkt der Mechanismus des Krieges erst über viele Generationen hinweg.
04:12Geschichte ist nur ein Unterkapitel der Biologie.
04:15Der Mensch gleicht in vielerlei Hinsicht dem Tier, besonders den Menschenaffen.
04:20Krieg als evolutionäre Strategie?
04:23Der Mensch steht damit nicht allein.
04:25Schimpansen, unsere engsten Verwandten, gehen ebenfalls auf Kriegszug.
04:30Brutal.
04:33Solange der Lohn fürs Blut hoch genug erscheint, schrecken auch sie nicht vom Mord und Vergewaltigung zurück.
04:43Die Zwergschimpansen hingegen regeln ihre Konflikte einvernehmlich.
04:47Durch Sex.
04:49Und der Mensch?
04:50Er hat beide Veranlagungen.
04:52Wobei sich Krieg immer weniger lohnt.
04:54Unsere Prämie auf Gewalt sinkt offenbar.
04:58Würde Immanuel Kant, der den berühmten Essay zum ewigen Frieden geschrieben hat, heute leben,
05:05er würde wahrscheinlich sagen, wir hätten die friedliche Welt, die er sich vorgestellt hat, beinahe erreicht.
05:11Und es gibt gute Gründe, dass wir ihr im 21. Jahrhundert noch näher kommen.
05:16Aber ich glaube, die Risiken und Gefahren werden ebenfalls steigen.
05:20Tatsächlich werden die nächsten 40, 50 Jahre die gefährlichsten der Weltgeschichte.
05:27Vor 100 Jahren schienen wir dem Weltfrieden schon einmal sehr nah.
05:33Damals gaben nicht die USA den Weltpolizisten, sondern das British Empire.
05:39Und damals wie heute schwächelte eine Supermacht, während ein neues Schwergewicht mit den Muskeln spielte.
05:45Ob China im aktuellen Konflikt um ein paar unbewohnte Felsbrocken im Südpazifik die gleichen Fehler wiederholt,
05:52die Deutschland 1914 in den Ersten Weltkrieg trieben?
05:56Nie war der Lohn der Gewalt so lächerlich gering.
06:00Aber was heißt das schon?
06:04Eine der Lehren, die wir aus der Vergangenheit sehen können, ist, dass man Krieg nicht einfach wegwünschen kann.
06:10Einfach nur zu sagen, dass Krieg zu nichts gut ist, wie es der Song tut, führt zu nichts.
06:25Bei solch provokanten Thesen ist eine zweite Meinung nicht verkehrt.
06:29Wir haben dazu mit dem prominenten Historiker und Autor Herfried Münkler gesprochen,
06:33der mit der Große Krieg eines der interessantesten Bücher über den Ersten Weltkrieg geschrieben hat.
06:38Seine Einschätzungen hören und sehen Sie auf aspekte.de.
06:42Was jetzt noch fehlt?
06:49Massiver Materialeinsatz soll diesen Krieg noch wenden und erhöht doch nur die Zahl der Opfer.
06:59Erstmals verschanzen sich die Kämpfer in gepanzerten Kettenfahrzeugen.
07:03Sie sollen den Durchbruch erzwingen.
07:06Doch noch blockieren technische Probleme die neue Technik, die künftige Kriege prägen wird.
07:22Vor allem ist es eine Schlacht der Kanonen.
07:24Über die Hälfte aller Todesopfer dieses Krieges fallen dem Granatenbeschuss zum Opfer.
07:29Zumeist wehrlos, tatenlos den Beschuss ausgeliefert.
07:34Der 19-jährige Karl Schieber notiert in seinem Tagebuch.
07:37Der Kanonendonner ist häufig derart lebhaft, dass man keinen einzelnen Kanonenschuss hört,
07:43sondern nur ein stundenlanges, ununterbrochenes Rollen.
07:46Verstummt das Feuer, so hört man das Wehklagen der Verletzten.
07:50Es ist furchtbar, was die Schrapnelle anrichten.
07:55Seit 1915 setzten die Deutschen erstmals auch chemische Waffen ein.
08:00Giftgas.
08:01Ungeachtet des international vereinbarten Verbots.
08:05Der Einsatz von Gasgranaten ist international verboten.
08:08Doch die Deutschen lassen das Chlorgas aus Flaschen in Richtung des Feindes entweichen.
08:16Der gelbe Nebel trieb direkt auf die französische Linie zu.
08:24Die Soldaten hatten keine Chance, ihm auszuweichen.
08:28Rasch rüsten auch die Angegriffenen chemisch nach.
08:31Auf dem Höhepunkt des Gaskriegs ist jede dritte Granate mit dem heimtückischen Mittel gefüllt.
08:37Giftgas lähmt die Atmung, zersetzt die Lungen, raubt das Augenlicht.
08:42Der Schütze Kurt Werner erinnert sich.
08:45Ich kam dann in den ersten schützten Graben der Engländer.
08:48Im ganzen Laufgraben haben sie gelegen, gerade wie sie marschiert war.
08:56Hunderttausend Menschen bringt das Gas um und verletzt 1,2 Millionen.
09:00Im Herbst 1918 auch den Meldegänger Adolf Hitler, wie er später dramatisierend schildert.
09:12Nach tagelangem Trommelfeuer bringen die Westalliierten mit den deutschen Gegnern um jeden Quadratmeter Land.
09:30Zum Preis von mehr als einer Million Opfer, verwundeten, gefangenen, Toten.
09:41Der Frontverlauf aber, er bleibt wie in Verdun, weitgehend unverändert.
09:53Durch die Kugel zu sterben scheint nicht schwer, schreibt ein deutscher Soldat.
09:58Aber zerrissen, in Stücke gehackt, zu breit zerstampft zu werden, ist eine Angst, die das Fleisch nicht ertragen kann.
10:08Dieses Dauerfeuer, manchmal wochenlang, Leute, in deren Nähe eine Granate explodiert waren,
10:15die von irgendwelchen Körperteilen ihrer ernähsten Kameraden getroffen und verletzt worden waren, die durch die Luft flogen.
10:21All diese Dinge sind so schrecklich gewesen, so unvorstellbar, dass da also richtig schwere Trauma dabei entstanden sind.
10:33Kriegsteilnehmer, frontübergreifend für ihr Leben gezeichnet.
10:40Angst und Entsetzen lassen sie nicht mehr los.
10:48Kriegszitterer, ein neues Krankheitsbild.
10:51Psychischer Kollaps, ausgelöst durch tagelanges Trommelfeuer.
10:57Was macht der Krieg aus Männern, für die das Massensterben zum Alltag die Barbarei zur Gewohnheit geworden ist?
11:09Wurde auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges bereits die Saat gelegt für die Verbrechen des nächsten Krieges?
11:25Wurde auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges.
12:03Wurde auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkrieges.
12:34Bis zum nächsten Mal.
12:55Bis zum nächsten Mal.
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