00:03Vielleicht kennt ihr das. Da baut man glücklich vor sich hin, nutzt raffiniert den eigenen
00:08überlegenen Intellekt und bestaunt nach vielen Stunden seiner virtuellen Hände Werk. Und dann
00:15sieht man irgendwo bei YouTube oder Twitch, was andere Leute mit demselben Spiel so machen und
00:21verkrümmelt sich kleinlaut zusammen mit seiner vielleicht doch nicht so überlegenen Geisteskraft.
00:26Denn was manche Leute in Sandbox-lastigen Aufbauspielen oder sowas wie Minecraft
00:31zusammenbauen, ist oft einfach super beeindruckend. Genau dieses Gefühl hat sich bei uns auch wieder
00:37bei Timberborn eingestellt, das jetzt nach über vier Jahren am 12. März den Early Access verlässt
00:43und zum Release nochmal mit einem starken Update aufwartet. Grund genug für uns,
00:48wieder mal in das gemütliche Biber-Spiel des polnischen Entwicklers Mechanistry reinzuschauen
00:53und dabei wieder fleißig Dämme zu bauen, Flüsse umzuleiten und Dürren zu überstehen.
01:01Im ersten Moment wirkt Timberborn wie ein gewöhnliches Kolonie-Aufbauspiel, nur eben
01:06mit Bibern statt Menschen. Ihr startet mit ein paar Pelzlingen und kümmert euch erstmal
01:11um die Grundversorgung mit Nahrung, Wasser und Holz. Währendbei baut ihr doch sehr menschliche
01:17Behausungen, verbindet alles mit Straßen und erfüllt noch mehr der vielfältigen Bedürfnisse der Biber.
01:22Ihr startet mit der Forschung, erzeugt bald schon Strom und wappnet euch für die immer
01:27wiederkehrenden Dürren. Dazu staut ihr Flüsse auf und sorgt für Wasserreserven. Nachdem ihr die
01:33ersten zwei, drei Dürren überstanden habt und auch mal mit einer solchen Faulwasserflut
01:38zurechtgekommen seid, wird aber klar, dass der ganze Survival-Aspekt zwar als Grundpfeiler des
01:43Gameplays dient, es aber eigentlich um etwas anderes geht. Timberborn lässt euch die Spielwelt
01:48nämlich so frei und wirkmächtig beeinflussen, wie wenige andere Spiele in diesem Genre.
01:54Allem voran könnt ihr dank Plattformen, Treppen und Flachdächern fast beliebig in die Höhe oder
01:59Tiefe bauen. Ähnlich wie in Minecraft besteht die Welt dazu aus quadratischen Blöcken, die sich über
02:05insgesamt 20 Ebenen als Berge auftürmen oder als Täler und Minenschächte in die Erde reichen.
02:10Der Baukasten ist so modular, dass ihr nicht einfach nur wie beispielsweise bei Anno Haus an Haus
02:16setzt und schaut, wie ihr den Platz in der Ebene bestmöglich ausnutzt. Stattdessen könnt ihr die
02:20blockartigen und rechtwinkligen Strukturen eben auch in die Höhe denken. So entstehen Stadtkomplexe,
02:26die sich über Dächer und Straßen hinweg ausbreiten, es wachsen ineinander geschachtelte
02:30Industriebezirke und riesige Anlagen empor, um Wasser und Strom dahin zu bringen, wo ihr sie braucht.
02:37Spielt ihr so wie wir ohne großen Masterplan drauf los, entstehen dadurch gewachsene organische
02:42Strukturen, bei denen ihr genau wisst, wann ihr was und warum erweitert habt. Diese langfristige
02:48Wiedererkennbarkeit ist durchaus eine Kunst, bei vielen Aufbauspielen stellt sich mit der Zeit eine
02:53gewisse Austauschbarkeit ein. Um das Wasser nun dahin zu lenken, wo ihr es haben wollt, dürft ihr die
03:00Welt direkt verändern. Ihr baut Dämme und Schleusen, um den physikbasierten Wasserfluss anzupassen oder
03:06sprengt Tunnel und Schächte in die Landschaft, vertieft Stauseen oder werdet ganze Berghänge los. Wo immer das
03:12Wasser auf diese Weise hinkommt, erblüht die ansonsten staubtrockene Umgebung und erlaubt
03:17euch den Anbau von mehr Nahrung und das Pflanzen zusätzlicher Bäume. Doch Vorsicht, eine unbedachte
03:22Sprengung kann eure Siedlung auch eben mal unter Wasser setzen. Zwar können die Biber schwimmen,
03:27die Feldfrüchte verderben jedoch und eure Betriebe stellen die Arbeit ein. Passt ihr aber etwas auf,
03:32bleibt alles beherrschbar. Das Spiel drückt euch nicht plötzlich eine unvorhersehbare Katastrophe rein und
03:38zerstört eure Stadt. Es kann allerdings schon mal zu einem Engpass bei Nahrung oder Wasser kommen,
03:43was dann meist in einer zeitweisen Abwärtsspirale mündet und eure Bevölkerung ordentlich zurücksetzt.
03:49Die erholt sich aber flott und so waren wir eigentlich nie gezwungen, nochmal einen älteren
03:53Spielstand zu laden. In dieser Testpartie haben wir dann zuerst einen schönen großen Stausee in den
03:58Bergen angelegt und mit viel Vorsicht davon abzweigend einen langen Tunnel ins Bergmassiv
04:03gesprengt, um das Hinterland durch das Auffüllen eines großen Erdlochs ergrünen zu lassen.
04:09Hier konnten wir auch eines der mit dem Release-Update erschienenen Features anwenden und eine
04:14erste Automatisierung einbauen. Hier misst ein Gerät den Pegel in unserem neuen See und ist durch
04:21simple Logik mit der Schleuse im Berg verbunden. Sinkt der Wasserstand unter ein Mindestniveau,
04:26geht der Melder an und schickt ein Signal an die Schleuse, damit sich die eine Zeit lang öffnet und
04:31Wasser aus dem Stausee nachfließt. Das gleiche funktioniert beispielsweise auch mit dem Füllstand
04:36eines Bottichs oder dem Lagerbestand eines Holzstapels. So lassen wir hier aus einer kleinen
04:41Einbuchtung, in der sich manchmal Faulwasser ansammelt, das verseuchte Zeug abpumpen und
04:46einlagern. Ein Füllstandzähler misst nun, wie viel wir davon auf Lager haben und gibt einer
04:52Abflusspumpe Bescheid, damit sie das Zeug an einem entfernten Ort ableitet. Dieser Prozess ist praktisch,
04:58weil wir auf diese Weise immer eine gewisse Menge Faulwasser behalten. Und das brauchen wir,
05:03um etwa Sprengstoff und Feuerwerk herzustellen. Für das Feuerwerk nutzen wir wiederum eine simple
05:09Verbindung zu einem Zeitmesser. Schlägt es im Biberland 22 Uhr, aktiviert sich unsere
05:14Feuerwerkskanone auf dem höchsten Dach der Siedlung und spallert 20 Knaller in den Nachthimmel. Die
05:20Siedlung auf diese Weise immer weiter zu automatisieren, fühlt sich ebenso gut an,
05:24wie das Terraforming und das Lenken und Leiten des Wassers. Selten lässt sich in Aufbauspielen
05:30die Welt wirklich so wirkungsvoll verändern und beeinflussen. Ebenfalls ganz befriedigend
05:35ist es, den Strom für die Industrie zu liefern. Über solche Zahnradsysteme verteilt ihr die Energie
05:40aus Wind, Wasser und Biberkraft auf die Betriebe. Auch hier spielt teilweise die Physik eine Rolle,
05:46denn auch die Fließgeschwindigkeit des Wassers wird eigens berechnet, was sich auf die Effizienz
05:51eines Wasserrades auswirkt. Damit nun trotz aller Mechaniken die Eroberung der Ödnis nicht
05:56mit der Zeit etwas langweilig wird, stellt das Spiel mit diversen Weltkarten euer Können auf
06:01die Probe. Mal sind die Karten flach, mal mit steilen Abhängen gesäumt. Mal gibt es beim Start
06:07kaum Wasser und ein andermal ist der Platz besonders knapp. Für zusätzliche Abwechslung sorgt ein
06:13zweites Bibervolk, das auf einen industrielleren Spielstil ausgerichtet ist und zum Beispiel große
06:19Reihenhäuser und eine Art Röhrenbahn baut, die die Fortbewegung durch die Spielwelt massiv
06:24beschleunigt. Die Racker sind allerdings so auf Effizienz fixiert, dass sie nicht einmal Zeit für
06:29den Nachwuchs haben und den lieber in solchen Tanks hier züchten. Was es in Timberborn dagegen
06:34nicht gibt, ist eine Kampagne oder irgendeine Form von Story-Inhalten oder Erzähl-Events. Lediglich
06:40ein Eingangsvideo zeigt euch, dass die Natur die von den Menschen verlassene Welt zurückerobert.
06:45Diese Prämisse erklärt dann auch, warum die Spielwelt zum Teil verseucht ist und wieso ihr
06:49auf den Karten alte Stahlruinen findet, aus denen ihr euer Altmetall gewinnt oder warum auf den
06:55neueren Karten Artefakte und mysteriöse Gegenstände verteilt sind. Ebenfalls fehlt sowas wie ein Koop,
07:02Multiplayer oder andere Spielmodi. Ihr könnt lediglich mit Alt-Shift-Y den Entwicklermodus
07:08anschalten, wenn ihr mal was ausprobieren wollt. Damit lassen sich alle Gebäude ohne Ressourcenkosten sofort
07:14bauen. Und solltet ihr auf sowas Lust haben, könnt ihr euch im eingebauten Karten-Editor eine eigene
07:19Welt erschaffen oder den ebenfalls integrierten Steam Workshop durchstöbern. Da gibt es schon
07:25einiges zu finden. Etwas ausbaufähig wäre neben der Handlung außerdem noch die Inszenierung. Die
07:34Biber sind putzig und die Wasserphysik ist ordentlich. Auch die Technik läuft rund, wir hatten keinerlei
07:40Abstürze oder Probleme mit der Performance. Sonst aber ist die Darstellung eher zweckmäßig und die
07:46Musik wird mit der Zeit eintönig. Immerhin gibt es neben einfachen Dekorationen auch ein paar coole
07:51Spielereien. Zum Beispiel könnt ihr solche Banner aufstellen und darauf Bilder von eurer Festplatte
07:57anzeigen lassen. Und genauso könnt ihr bei Lautsprechern Töne oder Musikdateien hinterlegen,
08:02die dann auf ein Signal hin abgespielt werden. Dass hier viel vom Videomaterial auf der höchsten
08:13Spielgeschwindigkeit abläuft, liegt übrigens daran, dass es in Timberborn einfach nie genügend Holz
08:18gibt. Das verlangsamt Baumaßnahmen doch recht deutlich. Gleichzeitig müsst ihr kaum auf die
08:24Bedürfnisse eurer Biber achten. Solange sie Wasser und irgendwelche Nahrung haben, ist alles gut.
08:29Weitere Nahrungsvielfalt, Servicegebäude und Dekorationen machen die Wasserratten lediglich
08:34effizienter, zufriedene Einwohner schalten aber nicht irgendwas frei oder zahlen mehr Steuern.
08:40Es geht in Timberborn also wirklich weniger um den einzelnen Biber, sondern vielmehr um das große
08:45Tüfteln. Wie sehr Timberborn, das sich übrigens schon über eine Million Mal verkauft hat, auch
08:51langfristig fesseln kann, zeigen die täglichen Spielerzahlen, die seit dem ersten Abfall kurz nach dem
08:56Early Access Release wieder konstant steigen, was ja doch eher eine Seltenheit bei solchen
09:01Indie-Titeln ist. Bei Timberborn kommt der Erfolg aber nicht von ungefähr. Es mag im ersten Moment
09:07nicht nach so viel aussehen, da versteckt sich aber wirklich eine Menge drin. Zumindest wenn ihr
09:12jemand seid, die oder der auf solche Tüftelaufbausachen steht. Wer einfach nur wie in Rimworld das Leben
09:18individueller Einwohner verfolgen möchte, nach einer spannenden Geschichte sucht oder nur
09:23bildhübsche Städte bauen will, ist hier eher auf dem falschen Damm.
09:37Und, aber das dürfte schon klar geworden sein, für Timberborn müsst ihr Zeit mitbringen. Gigantische
09:44Holz-Punk-Städte bauen sich eben nicht von allein. Und weil sich im Verlauf des Early Access echt viel
09:50getan hat, lohnt sich auch die Rückkehr für alle, die vor vier Jahren schon einige Zeit reingesteckt
09:55haben. Zu den Neuerungen gehören die angesprochenen Automatisierungsmöglichkeiten, die Einführung von
10:01Robotern und spezielle Monumente, auf die ihr hinarbeiten könnt. Außerdem wurden die Wasserphysik,
10:06die Grafik und die Performance verbessert, sowie diverse Quality of Life Features eingeführt.
10:12Die Aufgaben für eure Biber gehen euch also erstmal nicht aus. Die Frage ist nur, ist das insgesamt
10:18eine Spielfantasie, die euch abholt? Oder steht ihr dann doch mehr auf klassischere Koloniesimulationen?
10:24Lasst es uns gerne wissen. Und damit vielen Dank fürs Zuschauen und bis zum nächsten Mal.
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