00:00Musik
00:41Musik
01:12Musik
01:38Wir sind so, wie ihr uns werden lasst. Wir können aber nicht so sein, wie ihr wart.
01:50Musik
02:19Mittwoch
02:20Wie mir unser alter Kuckofen
02:28Eine Fernsehakademie
02:35Übertrug
02:36Musik
02:43Wer zum Fenster
02:52Hinausguckt
03:01Hofft immer etwas zu sehen, was ihn interessieren könnte.
03:10Beinahe wäre mir dadurch entgangen, was Interessantes hinter meinem Rücken geschah.
03:22Eigentlich hätte er ja auch mich fragen können, wozu schickt man mich in die Schule?
03:25Hast du da nichts zu tun, Heinz?
03:27Nimm dein Beispiel an deinem Vater. Der arbeitet auch noch nach der Arbeit.
03:31Nichts zu tun? Na klar, schließlich haben wir noch ein Fenster, aus dem ich gucken kann.
03:35Papa guckte in den Duden hinein und ich zum Fenster hinaus.
03:42Und schon hatten wir beide zu tun.
03:47Ich erwartete niemanden und trotzdem kam jemand.
03:53Herr Hausmann, das ist unser Deutsch- und Geschichtslehrer.
03:57Ich blätterte hastig in meinem Tätigkeitsregister und fand nichts, was einen Elternbesuch notwendig gemacht hätte.
04:03Also guckte ich ruhig weiter aus dem Fenster.
04:06Aber als er zu unserem Fenster guckte, wusste ich Bescheid.
04:11Tag, Herr Hausmann!
04:12Tag, Heinz!
04:13Ist Papa zu Hause?
04:15Papa ja, bloß Mama nicht.
04:17Ich brauche nur den Papa!
04:24Nur?
04:26Nun fing es aber doch an, in mir zu wackeln.
04:53Ging das mit der Schule oder nicht mit der Schule zusammen?
04:57Das war hier die Frage.
05:01Es konnte natürlich auch etwas sein, was überhaupt nichts mit der Schule zu tun hatte.
05:06Weil Herr Hausmann und Papa sich gut kennen.
05:09Nicht nur von den Sitzungen, sondern auch durch die Stunden nach den Sitzungen.
05:14Im Gasthof zur Eule.
05:15Tja, Richard, ich muss was mit dir bereden.
05:20So?
05:22Hat er was ausgefressen bei dir?
05:25Ach was!
05:28Es geht um den Deutschunterricht.
05:32Na, du weißt ja selber, Richard.
05:34Unsere Dorfkinder sprechen schlecht.
05:36Tja, und wer schlecht spricht, der schreibt falsch.
05:39Papa sagte ganz unverbindlich.
05:41So.
05:43Auf das falsche Schreiben ging er vorsichtshalber nicht erst ein.
05:46Wie viele Fehler macht er denn da so pro Tag?
05:50Na, Heinz?
05:51Wie viele waren es denn im letzten Diktat?
05:56Acht!
05:59Na, das ist doch der Gipfel.
06:01Acht Fehler?
06:03Acht Fehler in einem einzigen Diktat?
06:06Also, ich bin erschlagen.
06:07Ach, weißt du, Richard, ich habe Kinder in der Klasse, die machen in 30 Worten 45 Fehler.
06:11Das interessierte Papa überhaupt nicht.
06:13Acht Fehler?
06:15Das wird anders werden, mein Sohn.
06:17Ganz anders.
06:17Verlass dich drauf.
06:18Ja, deshalb komme ich zu dir.
06:20Dafür danke ich dir auch, Werner.
06:21Du sollst mir nämlich dabei helfen.
06:23Darauf kannst du dich verlassen.
06:26Lass mich mal machen.
06:33Also, ab sofort fällt Kino und Fußball weg.
06:37Klar.
06:38Ich nickte vor Schreck.
06:46Irrtümlicherweise tat nun Papa so, als wäre das Thema beendet.
06:50Er wusste mit Herrn Hausmann überhaupt nichts mehr anzufangen.
06:54Sicher dachte er.
06:56Hausmann hat mir das von den acht Fehlern gesagt und ich habe meine Sofortmaßnahmen getroffen.
07:02Doch hier irrte Papa.
07:04Mein Lehrer blieb sitzen.
07:08Tja, Richard.
07:13Und nun komme ich zu meinem eigentlichen Anliegen.
07:15Ja, auch Herrn Hausmann ist Verlass.
07:19Ach.
07:22Heinz.
07:23Sicher vermutete er, dass ihm Herr Hausmann noch einige Geheimtipps geben würde, die ihn befähigten, mir gutes Deutsch beizubringen.
07:31Ich verließ die Stube.
07:38Öffnete die Korridortür, schloss sie wieder, ohne hinausgegangen zu sein.
08:04Wir haben nämlich einen Guckofen, der in der Wand zwischen Küche und Stube steht.
08:13Stellt man in der Küche einen Topf in die Röhre, kann man ihn in der Wohnstube herausnehmen.
08:23Es geht auch umgekehrt.
08:51Das halte ich.
08:56Das ist es, Richard. Liebe natürlich, sowieso.
09:00Ja, und Vorbild, Richard. Vorbild.
09:34Hätten wir keinen Guckofen, könnte ich das folgende Gespräch nicht in mein Tagebuch.
09:57Eintragen.
10:04Ich gehe in den Lager fahren lassen, weil er zwei Vieren im Zeugnis hatte.
10:07Public hat sein Mädel bei der Hochzeit der Schwester zu Hause gelassen.
10:10Gebessert ist nichts.
10:12Richard, Kino und Fußball allein machen es nun auch wieder nicht.
10:18Ach, du meinst, ich müsste mir eine noch strengere Bestrafung einfallen lassen.
10:24Natürlich, Papa ist immer für Steigerung.
10:28Am liebsten hätte ich durchs Röhr gerufen, wie wäre es mit Daumenschrauben und Kompottentzug.
10:33Dafür blieb aber Herr Hausmann vernünftig und sagte,
10:36Ich will einen Deutschzirkel einrichten, mein Lieber.
10:41Und zwar eine Stunde in der Woche.
10:43Wärst du einverstanden?
10:45Richard?
10:46Und ob?
10:47Na meinetwegen drei Stunden wärmer oder vier, wie du willst.
10:50Hast du denn so viel Zeit?
10:57Wieso ich?
10:59Ich meine natürlich einen Deutschzirkel für die Eltern.
11:03Sie will ich in die Lage versetzen, ihren Kindern helfen zu können.
11:09Und nun schwieg mein Ofenröhr eine Zeit lang.
11:13Papa schien die Sache überhaupt keinen Spaß zu machen.
11:16Er musste sich erst umstellen.
11:20Bisher hatte er sich kühn mit Herrn Hausmann auf einer Linie gehalten.
11:24Aber nun, das ahnte ich, schaltete er um auf Verteidigung.
11:29Da soll ich Deutsch lernen.
11:32Ideen hast du.
11:34Nächste Woche kommt vielleicht noch einer verlangt, dass ich Russisch lerne.
11:37Nun bleib doch mal sachlich, Richard.
11:39Deutsch, Deutsch.
11:43Bisher bin ich mit meinem Deutsch ganz gut ausgekommen.
11:47Pech, Richard.
11:49Mit meinem Deutsch heißt das.
11:53Ach nee.
11:55Da fängt wohl der Herr Lehrer schon mit der ersten Nachhilfestunde an, was?
11:59Wenn Herr Hausmann so weitermacht, dachte ich, schafft ihr ihn.
12:04Dass Papa so weitermacht, dessen war ich sicher.
12:07Denn bisher habe ich in meinem Tagebuch die Sprache meines Vaters immer ins Deutsche übersetzt.
12:16Überlegt es mal in Ruhe, Richard.
12:20Von acht Leuten habe ich schon die Zusage.
12:25Und die müssen auch alle Deutsch gelernt bekommen?
12:28Tja.
12:29Das war ja wieder köstlich, was Papa da abschoss.
12:33Es musste natürlich gelehrt bekommen heißen.
12:36Und prompt lehrte Herr Hausmann meinem Papa den Unterschied zwischen Lernen und Lehren.
12:44Damit auch ich ein Vergnügen an der Stunde hatte, zählte ich Papas Fehler mit.
12:50Das heißt, dass man nicht aktiv sein soll beim Lernen.
12:55Ja, Richard.
12:57Sie wollen Deutsch lernen.
13:03Du hast ja eine nette Art, mich zu überreden.
13:08Zweifelsohne verfährst du in deinen geplanten Stunden dann genauso groß mit uns, was?
13:11Ohne Zweifel, Richard.
13:14Dachte ich mir's.
13:17Nein, Richard.
13:19Ich meinte doch, Zweifelsohne ist schlechtes Deutsch.
13:24Ohne Zweifel Richtiges.
13:26Und was die geplante Stunde betrifft, so werde ich die halten, wie es euch Freude macht.
13:33Na, Hauptsache, ihr lernt was.
13:37Und Diktate?
13:39Schreiben wir da auch?
13:43Warum eigentlich nicht?
13:50Na, das kann ja lustig werden.
13:59Am nächsten Tag unterhalten sich dann die Kinder darüber und sagen,
14:03mein Vater hat gestern Abend 19 Fehler gemacht.
14:06Und ich heute im Diktat nur 8.
14:11Ich werde es Ihnen nicht erzählen.
14:13Das möchte ich dir auch nicht geraten haben.
14:26Mir macht's ja scheinbar viel Spaß, die Leute was zu lehren.
14:30Und ob?
14:31Vor allem, wenn man einen Erfolg sieht.
14:35Du hast zum Beispiel jetzt schon Lehren gesagt.
14:40Bravo, Richard.
14:42Ja.
14:45Während sie über den Erfolg ein bisschen hin und her lachten, dachte ich,
14:48es war anständig von Herrn Hausmann,
14:51dass ihr Papa nicht sagte,
14:53es müsse anscheinend statt scheinbar heißen.
14:55Schließlich muss man einen Anfänger in der ersten Stunde mehr loben als tadeln
14:59und darf ihn nicht gleich überfordern.
15:02Für Papa war das sowieso schon etwas zu viel.
15:09Und da machte er noch einen letzten Fluchtversuch.
15:13Weißt du was?
15:15Nimm meine Frau zu deiner Deutschsache.
15:18Die ist im Elternbeirat und außerdem im Klassenaktiv.
15:23Nein, nein, das können wir nicht machen.
15:27Nun wurde Papa noch ratloser.
15:35Seine Finger trommelten.
15:37Er trommelte sich seine Entscheidung zusammen.
15:41Vielleicht zielte er auch seine Fehler.
15:45Denn er sagte plötzlich...
15:49Hast du die anderen acht auch so zielstrebig geprüft wie mich?
15:52Um Gottes Willen, Richard.
15:54Das kann ich doch nur mit denen machen, die ich gut kenne und ihnen Spaß verstehen.
15:58Die anderen hätten mich doch glatt rausgeschmissen.
16:00Ja.
16:01Das kann ich mir schon denken.
16:02Nur bei denen ist es doch genau dasselbe Dilemma wie bei mir.
16:07Das gleiche, Richard.
16:08Genau.
16:10Dasselbe.
16:11Leider merkte Papa die Berichtigung nicht.
16:14Weil er im Deutsch war nämlich dasselbe und das gleiche dasselbe.
16:21Zu meiner Erheiterung sagte er auch noch...
16:24Bloß gut, dass ich den Jungen rausgeschickt habe.
16:26So.
16:26Damit er das anhören würde.
16:27Das ist gar nicht auszudenken.
16:29Meine ganze Autorität wäre im Eimer.
16:32Ach, was, Richard.
16:34Die Autorität wächst mit unserem Können und dem Vorbild.
16:37Das schätzen auch unsere Kinder.
16:38Glaub's mir.
16:41Also.
16:42Mittwoch, 20 Uhr.
16:44Papa muss genickt haben, denn durch das Röhr kam nichts.
16:48Ja?
16:50Ich stürzte auf die Straße und dachte, das war eine tolle Kiste.
16:56Papa lernt Deutsch.
16:57Wenn das nur nicht in einem innerfamiliären Wettbewerb ausartete.
17:03Wiedersehen, Richard.
17:04Bis bald.
17:04Schön, dass du mitmachst.
17:05Na, ist doch klar.
17:26Heinz!
17:40Sag mal, Heinz, der Haus, mein Lehrer, das ist wohl nicht der Schlechteste, was?
17:46Nein, der Beste.
17:50Das habe ich gemerkt.
17:52Heinz, kommst du mit Fußball spielen?
17:56Aber mit dem Deutsch nimmst du das jetzt ernster, Heinz?
17:59Jawohl, Papa.
18:00Mit dem Deutsch nehme ich es jetzt ernster.
18:01Nun, Heinz!
18:04Mann, nun hau schon ab zum Fußball.
18:06Hm, hm.
18:29Femme.
18:38Da muss ich mich aber ganz schön dahinter klemmen.
19:07Ja, Mann, nun hau schon ab.
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