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Die 1907 in Odessa adelig geborene Jefrossinija Antonowna Kersnowskaja, genannt Frosia, lebte seit der Flucht vor dem russischen Bürgerkrieg mit ihrer Familie auf einem Landgut in Bessarabien. Nach der Annexion Bessarabiens durch die Sowjetunion 1940 wurde sie nach Sibirien verbannt. Insgesamt verbrachte sie 18 Jahre entweder in Lagerhaft oder als Zwangsarbeiterin. In den 1960er Jahren schrieb sie ihre mit 680 kolorierten und kommentierten Zeichnungen versehenen Memoiren. Frosias Erinnerungen vermitteln ein erschütternd detailliertes Bild vom Leben und Sterben im Gulag.
Transcrição
00:00Untertitelung. BR 2018
00:30Mama, mein liebes altes Mütterchen, du hast mich gebeten, die Geschichte dieser traurigen Jahre niederzuschreiben.
00:56Ich habe deine Bitte erfüllt.
01:00Ich schwöre bei deinem Grab, dass alles, was in diesen Heften geschrieben steht und gezeichnet wurde, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit ist.
01:11Eine solche Wahrheit, dass es vielleicht besser wäre, sie aus seiner Erinnerung zu löschen.
01:17Aber was bliebe dann noch?
01:19Ein Vakuum, in das sich die Lüge einschleichen würde.
01:22Und deshalb ein Hoch auf die Wahrheit, auf das sie die Lüge verdränge.
01:31Ich heiße Jefrosinja Kjasnowskaja. Meine Freunde nennen mich Frosia.
01:51Ich bin im russischen Kaiserreich geboren. Nach der Oktoberrevolution ist meine Familie 1919 nach Rumänien geflüchtet und hat sich auf ihrem dortigen Landgut niedergelassen.
02:04Dessen Verwaltung liegt seit dem Tod meines Vaters in meinen Händen.
02:07Am 28. Juni 1940 besetzt die Sowjetunion Bessarabien, die rumänische Provinz, in der wir leben.
02:18Der Lärm der sowjetischen Panzer hat uns geweckt.
02:20Die, die in der Nähe des Flusses wohnen, können mit Kind und Kegel per Schiff in den unbesetzten Teil Rumäniens fliehen.
02:33Die Straßen aber werden von den Sowjets überwacht, die die Flüchtlinge verfolgen.
02:40Vom Feld zurückkommend setze ich mich zu meiner Mutter, um mit ihr bei einer Tasse Tee die Nachrichten im Radio zu hören.
02:48Ihre Hand zittert.
02:50Ich erinnere mich an ihren panischen Blick.
03:02Unsere vertraute kleine Welt, die wir bis zu diesem Moment für unerschütterlich hielten, beginnt zu bröckeln.
03:13Wir leben nun unter sowjetischer Herrschaft, mit sowjetischen Gesetzen.
03:17Verstaatlichung von Grundbesitz, Beschlagnahme der Güter.
03:22Wir werden aus unserem Heim vertrieben.
03:25Als ich das Foto meines Vaters auf dem Tisch mitnehmen will, reißt es mir ein Mann aus der Hand.
03:30Das Volk behält nichts, was an die Grundbesitzer erinnert.
03:33Unser Vieh wird abgeschlachtet. Bis hin zum letzten Ferkel.
03:38Alle unsere landwirtschaftlichen Geräte liegen auf einem Haufen im Hof.
03:43Am wichtigsten ist es mir, meine Mutter in Sicherheit zu bringen.
03:46Ein alter Pfarrer, der nach Rumänien will, hat noch einen Platz in seinem Karren.
04:01Ich begleite sie noch ein Stück und drücke meine Mutter dann ganz fest an mein Herz.
04:05Man erklärt mir, dass ich von nun an mit meiner Hände Arbeit für meinen Unterhalt sorgen müsse.
04:33Was für ein Witz. Genau das habe ich mein Leben lang getan.
04:39Früher oder später werden sie schon einsehen, dass ich keine Ausbeuterin war. Kein Parasit.
04:47Wissen Sie schon das Neueste?
04:49Sie haben Petela Malenda in der Nacht abgeholt.
04:52Sie musste in einen Lastwagen steigen und niemand weiß, wohin man sie gebracht hat.
04:56Frosia, sie haben auch nach ihnen gesucht und hatten Gewehre dabei.
05:00Fliehen sie, egal wohin. Vielleicht können sie ihnen entwischen.
05:05Wer schuldig ist, flieht. Wer faul ist, versteckt sich.
05:09Ich werde nicht warten, bis sie kommen und mich am Kragen packen wie ein Karnickel.
05:12Ich gehe zu ihnen.
05:13Ich weiß nicht, warum ich in die Verbannung geschickt werde.
05:28Ich stopfe etwas Unterwäsche, ein handgewebtes Hemd und feste Schuhe in meinen Rucksack.
05:34In die eine Hosentasche stecke ich Papas Jagdmesser, in die andere meinen Ausweis.
05:38Die alte Emma Jakowlevner nimmt mich fest in den Arm.
05:42Allein Gott muss man fürchten, aber er ist auch unsere Hoffnung.
05:47Jetzt werde ich ihnen stellvertretend für ihre Mutter meinen Segen geben für den Kreuzweg, der vor ihnen liegt.
05:52Ich weiß nicht mehr, wie ich in diesen Zug gekommen bin.
05:59Ich erinnere mich an Menschenmassen, an Soldaten, Schreie, Schläge, an das Gedränge vor den mit verzweifelten Menschen vollgestopften Waggons.
06:07Kleine Angestellte, Händler, junge Mädchen mit etwas lockerer Moral, Lehrer.
06:14Sie haben nur eines gemeinsam.
06:16Sie verstehen nicht, was mit ihnen passiert und weinen vor Angst und Verzweiflung.
06:20Vor allem, wenn ihr Blick auf die Rinne fällt, in der man seine Notduft verrichten muss.
06:23Ein Soldat läuft zweimal den ganzen Konvoi ab, um einen Arzt zu finden.
06:46Als sich niemand meldet, spreche ich ihn an und erkläre, ich habe einem Tierarzt assistiert und könne gerne auch Menschen helfen, falls er niemand Besseres fände.
06:55Die Situation im Waggon nebenan ist ein Albtraum.
06:59Die Kinder sind bleich, zerlumpt und ausgemergelt.
07:07Eine dieser armen Seelen ist dabei, ihr 13. Baby zu gebären.
07:12Ihr Mann ist nach Rumänien geflüchtet.
07:13Zur Strafe werden die Familien dieser Deserteure nun in die Verbannung geschickt.
07:21Und jetzt soll in dieser Vorhölle ein kleines Mädchen zur Welt kommen.
07:29Aus allen Waggons dringt Heulen und Wehklagen.
07:32Wir sagen unserer Heimat, unserem geliebten Bessarabien Adieu.
07:36Der Dnieper, die Ukraine, Kharkiv, Voronezh, Tambov, Pienza, die Volga.
07:50Die Räder fressen Kilometer um Kilometer.
07:53Dann kommt der Oral.
07:55Europa bleibt hinter uns zurück.
07:58Unser Zug rollt weiter in Richtung Osten.
08:00Bei jedem Halt werden Gruppen von Deportierten abgesetzt.
08:08Wenn man alle Tränen, die in Sibirien vergossen wurden, sammeln würde, könnte man verstehen, warum es hier so viele Sümpfe gibt.
08:16Bodenlos wie die Verzweiflung dieser unschuldigen Menschen.
08:18Man transportiert uns wie Diebesgut, das man vor den Augen der Bevölkerung verstecken muss.
08:27Unser Konvoi hält schließlich auf einem Abstellgleis, sodass wir nicht erkennen können, wo wir sind.
08:34Wir warten.
08:36Auf wen?
08:37Auf was?
08:39Auf was?
08:40Schließlich kommen wir in unserem Arbeitslager an.
08:51Es gibt keine Latrinen.
08:53Wir schlafen alle kreuz und quer auf einem Massenlager.
08:56Da kein Geschirr vorhanden ist, benutzen wir anstelle von Näpfen Birkenrinde.
09:01Aber am schlimmsten sind die Stechmücken.
09:02Lichatschow ist einer von uns, er zeigt sich tatkräftig.
09:16Wir machen ein Feuer und kochen Tee, also Wasser.
09:20Ich habe noch sechs Stücke Würfelzucker.
09:22Der Rest von dem, was ich von zu Hause mitgenommen habe.
09:25Und die teile ich nun mit ihm und seinem Sohn.
09:28Hör gut zu, was ich dir jetzt sage, Frosia.
09:30Aber behalte alles, was du hast, für dich.
09:34Ich habe deinen Zucker angenommen.
09:36Es ist Jahre her, dass ich zum letzten Mal Zucker hatte.
09:39Und mein Sohn Ilyusha hatte überhaupt noch nie welchen.
09:42Du wirst ihn vielleicht auch nicht so schnell wiedersehen.
09:46Mir würden die Zuckerwürfel auch nicht ewig reichen.
09:49Wer könnte Freude daran haben, einen Knochen allein abzunagen und alle Welt anzuknurren wie ein Hund?
09:55Du hast recht.
09:56Aber das hier ist schlimmer als ein Hundeleben.
09:58Denk an meine Worte.
10:01Teile nichts mit niemandem.
10:03Und sage nie, was du denkst.
10:05Denn jedes leichtfertig gesprochene Wort kann gegen dich verwendet werden und deinen Tod bedeuten.
10:11Wenn dir etwas Freude bereitet, so verberge es.
10:14Denn man könnte es dir neiden und dir Leid antun.
10:18Verbirg deine Angst und dein Leiden.
10:20Denn die Angst macht dich schwach.
10:21Und die Schwachen werden getötet.
10:23Verbirg auch deine Freude.
10:24Denn hier gibt es so viel Leid, dass Freude verdächtig wirkt.
10:29Aber vor allem, verstecke jeden Kantenbrot.
10:33Du wirst schnell begreifen, dass uns allen der Hungertod droht.
10:37Und auch du wirst dieser Hölle nicht entkommen.
10:39Als der Winter kommt, bringt man uns in ein anderes Lager.
10:55Wir müssen dort Bäume fällen, richtiggehend Kahlschlag betreiben und auch alle Stümpfe und Wurzeln entfernen.
11:01Wir leben abgeschnitten vom Rest der Welt.
11:07Chokrin, der Vorsteher, ist unser Zar.
11:10Wir sind ihm völlig ausgeliefert.
11:14Bevor er kam, mussten wir pro Person und Tag zweieinhalb Kubikmeter Holz machen.
11:18Das war die Norm.
11:20Er erhöht sie erst auf sechs, dann auf neun und schließlich auf zwölf Kubikmeter.
11:24Barzak schafft es nicht, seine Tagesvorgabe als Fuhrmann zu erfüllen, aber es ist uns verboten, ihm zu helfen.
11:35Sowieso hätte sich das auch keiner erlauben können, denn alle schuften sich buchstäblich zu Tode, um das eigene Pensum zu erfüllen,
11:42denn andernfalls wird uns die Essensration gestrichen.
11:45Ich sehe diese Szene mit eigenen Augen, die an das tiefste Mittelalter erinnert.
11:50Der alte Barzak wirft sich vor Chokrin in den Schnee, küsst ihm die Füße, die Hände überm Kopf gefaltet.
11:56Er fleht ihn an, ihn nicht von der Liste derjenigen zu streichen, die das Recht haben, sich mit ihrem Geld eine Ration zu kaufen, also 800 Gramm Brot pro Tag.
12:05Er hat zwei Kinder, eine kranke Frau und eine gebrechliche Mutter.
12:10Er weint und windet sich wie ein Wurm am Boden.
12:13Sie müssten Chokrins zufriedene Miene sehen.
12:16Es ist einfach unvorstellbar.
12:20Dmitri Alexeyevich, ich kann nicht mehr.
12:48Du kannst nicht mehr? Na dann stirb.
12:59Holzfällen ist an sich schon eine gefährliche Arbeit.
13:02Wenn man dabei aber unter Druck gesetzt wird und sowieso keine Kraft mehr hat, verwundert es nicht, dass es immer häufiger zu Unfällen kommt.
13:11Trotzdem jagt einem der Anblick eines jungen Mädchens von einem Ast gepfählt eine Schauer über den Rücken.
13:21Sie stirbt vor unseren Augen und nicht wenige beneiden sie um ihren raschen Tod.
13:24Dann kommt ein sogenannter Agitator in unser Lager, der uns einen Vortrag hält.
13:36Wir haben ja keine Ahnung, was im Rest der Welt geschieht.
13:41Er liest uns vor, dass Deutschland unsere friedliche Nation hinterhältig angegriffen habe und auf dem Vormarsch sei.
13:47Aber das würde sich bald ändern.
13:54Wir müssten nur unsere Rüstungsindustrie wieder auf Vordermann bringen.
13:57Dann würden wir es ihnen zeigen.
13:58Nach einer unruhigen Nacht auf dem Massenlager mit seinen stinkenden Ausdünstungen müssen wir um 5 Uhr morgens aufstehen und uns vor der Kantine aufstellen.
14:18Sobald sich das Tor öffnet, entert die total ausgehungerte Holzfällermeute die Baracke,
14:23trampelt achtlos über die Körper derjenigen, die gestürzt sind und belagert die Essensausgabe.
14:29Was für ein wüstes Gerang.
14:32Es macht mich traurig zu sehen, wie diese Menschen ihre Würde verlieren.
14:42Vasia Timoschenko ist unser Stachano-Vist, unser Modellarbeiter.
14:46Der kerngesunde 18- oder 19-Jährige hat in der Kantine seinen eigenen Tisch und darf so viele Rationen kaufen, wie er will.
14:55Was für ein widerlicher Anblick.
14:57Die perfekte Verkörperung des Ausspruchs, Dummheit siegt.
15:02Er nimmt sich acht Rationen Grießklößchensuppe und eine Ration Dosenfleisch, die er betont genüsslich verzehrt.
15:08Das alles vor den Augen der Verzweifelten halbverhungerten, die auf die Reste hoffen.
15:16Meisterin, vielleicht könnten Sie, ist das nicht so viel für Sie?
15:34Würden Sie meiner Schwester und mir etwas abgeben?
15:38Wovon sprichst du?
15:39Die Brote, vielleicht könnten Sie sich mit einem begnügen?
15:46Ich folge Ihrem Blick und beginne zu verstehen.
15:50Auf dem Fensterbrett glänzen meine dicken braunen Fäustlinge im Mondlicht.
15:53Mädchen, das sind keine Brote, das sind meine Handschuhe.
16:04Am 24. Dezember, meinem Geburtstag, muss ich Stämme entasten, ihre Rinder abschälen und die Abfälle verbrennen.
16:13Das Holz ist feucht und fängt kein Feuer. Es glimmt nur leise knisternd vor sich hin.
16:18Neun Feuerstellen habe ich auf der Parzelle eingerichtet.
16:23Ich renne von einer zur anderen, um nachzulegen.
16:25Ich stolpere über die Wurzeln, falle und rapple mich wieder auf.
16:29Irgendwann bin ich völlig erschöpft und weiß, dass ich die Norm heute nicht erfüllen werde.
16:37Zum ersten Mal übermannt mich völlige Verzweiflung.
16:40Ich sammle meine Werkzeuge ein und wanke hungrig und erschöpft zurück.
16:54Die sieben Kilometer bis zum Dorf erscheinen mir endlos.
17:01Ich meine zu hören, wie sich die Grabplatte über mir schließt. Es gibt keinen Ausweg.
17:06Ich liege ausgestreckt auf einer Liege. Regungslos. Wie im Koma.
17:17Kein Freund ist an meiner Seite. Keiner, der mir ein aufmunterndes Wort spendet.
17:22Ich bin allein. Völlig allein.
17:27Und plötzlich sehe ich Schatten durch den Raum gleiten.
17:32Träume ich? Bin ich im Delirium?
17:36Nein, da sind Menschen.
17:43Frauen aus der Umgebung.
17:45Frosia,
17:47die Engel rufen dich.
17:51Du warst immer ehrlich.
17:53Herr,
17:55hab Mitleid mit deiner Dienerin Euphrosinia
17:57und schenke ihr einen sanften Tod.
18:00Sie schließen meine Hände um eine brennende Wachskerze.
18:07Beim Hinausgehen legt jede von ihnen ein Kleidungsstück auf den Nachttisch für meine Beerdigung.
18:12Und dann bin ich wieder allein.
18:14Doch ich weiß nun, dass ich in diesem Dorf nicht völlig verlassen bin.
18:22Diese Frauen sind gekommen, um mich zu verabschieden und haben versprochen, für mich zu beten.
18:27Es ist Balsam auf meiner Seele.
18:29Mit letzter Kraft nehme ich die Axt zur Hand und stürme durch das Dorf bis zur Verwaltungsbaracke.
18:45Ihre Fenster sind erleuchtet.
18:50Drinnen am Tisch sitzt der, dem ich gleich den Schädel spalten werde.
18:52Ich werde ihm ein letztes Mal in die wässrigen Augen schauen und ausholen.
19:04Meine Hände werden völlig ruhig sein und die Axt wird ihre Aufgabe erfüllen.
19:09Ihre scharfe Klinge wird wie durch Butter gleiten.
19:13Chokrin sitzt mit dem Rücken zur Tür.
19:16Ein Ungeheuer wie ihn zu töten ist eine gute Tat.
19:19Aber wer jemanden Hinterrückser schlägt, ist ein Mörder.
19:26Ich kann es nicht.
19:29Ich höre mein Herz in der Brust hämmern.
19:33Langsam drehe ich wieder um.
19:49Ich werde sterben.
19:51Es gibt keinen Ausweg mehr.
19:53Aber nicht vor Chokrins Augen.
19:58In fiebriger Hass stopfe ich meine Sachen in meinen Rucksack.
20:01Mit ein paar Schritten erreiche ich den Rand eines Eislochs.
20:04Hier endet Chokrins Macht über mich.
20:14Hier erwartet mich das Ende aller Qualen und Demütigungen.
20:17Das Ende von allem.
20:22Aus dem Loch starrt mir das Wasser entgegen.
20:24So schwarz wie der Styx.
20:26Der Fluss ins Totenreich.
20:27Lieber Gott, murmle ich und falte die Hände wie früher als Kind.
20:34Lieber Gott, sag mir, was ich tun muss.
20:41Ich meine zu spüren, wie mir eine Hand über das Haar streicht.
20:45Mutter,
20:47ob tot oder lebendig,
20:49in den schwierigen Momenten meines Lebens war sie bei mir.
20:51Ihre Gebete haben mir geholfen,
20:54jeden Schicksalsschlag zu überstehen.
21:01Schaue ich nach vorne, sehe ich den Tod.
21:04Schaue ich zurück, sehe ich ihn ebenfalls.
21:06Will ich als Sklavin oder als freier Mensch sterben?
21:10Meine Entscheidung ist getroffen.
21:12Mit einem Ruck stehe ich auf und laufe westwärts.
21:21Untertitelung des ZDF,
21:51Ich irre durch dichten, eisigen Nebel.
22:11Auf einer Anhöhe kann ich ein paar Häuser erkennen.
22:14Schnell, da sind Menschen und Wärme.
22:16Reiß dich noch einmal zusammen und du hast ein Dach über dem Kopf.
22:21Der Weiler besteht aus acht Häusern.
22:25Ich klopfe an acht Türen.
22:29Verschwinde oder ich lasse die Hunde los.
22:33Hau ab.
22:38Nun wird mir klar,
22:39es gibt nur einen Weg.
22:41Durch die Taiga.
22:41Woher nehme ich, die kaum schwimmen kann,
22:55den Mut, mich in die schwarzen Fluten zu stürzen,
22:57auf denen Eisblöcke schwimmen?
22:58Als ich das andere Ufer erreiche, ziehe ich die nassen Sachen aus
23:07und renne nackt, wie Gott mich erschuf, los,
23:10um trocken zu werden und mich etwas aufzuwärmen.
23:12Es ist günstiger, sich tagsüber auszuruhen,
23:18wenn es etwas wärmer und sicherer ist.
23:20Ein Unwetter zwingt mich, entgegen aller Vorsicht,
23:24stärker frequentierten Straßen zu folgen,
23:25anstatt Schleichwege zu benutzen.
23:28Ein Polizist hält mich an und verlangt nach meinen Papieren.
23:32Da ich keine habe, bringt er mich zum Sowjet im nächsten Dorf.
23:35Wer sind Sie?
23:37Wohin wollen Sie?
23:39Warum haben Sie keine Papiere?
23:41Ich erkläre Ihnen, wer ich bin und woher ich komme
23:43und dass ich nicht weiß, warum man mich ins Arbeitslager geschickt hat.
23:47Aber warum ich von dort abgehauen bin, erschließt sich.
23:50Die beiden Männer wechseln einen Blick.
23:52Wir alle haben irgendwann versucht, der Verbannung zu entkommen.
23:55Ohne Erfolg.
23:57Du kannst gehen, Frau.
23:59Wir wünschen dir viel Glück.
24:00Diese unerwartete Reaktion macht mich sprachlos.
24:06Ich wende mich zur Tür.
24:08An der Wand hängen die Porträts unserer Führer und starren mich an.
24:13Sicher sind sie genauso überrascht wie ich.
24:24Ich nehme meinen Weg wieder auf.
24:26Fünf Monate lang bin ich auf Wanderschaft.
24:34In dieser Zeit wird mir klar, dass Menschen viel gefährlicher sind als die Natur,
24:39die zwar brutal und gnadenlos, aber nicht ungerecht ist.
24:42Den Kampf mit ihr kann man mit Mut gewinnen.
24:46Bei den Menschen dagegen braucht es List und Tücke.
24:48Und der Umgang mit diesen Waffen ist mir fremd.
24:51Hast du es noch weit?
24:52Ich zucke zusammen.
24:54Hinter mir ist eine alte Frau aufgetaucht, der ein Unterarm fehlt.
24:59Komm und trage mir das Holz nach Hause, denn das kann ich nicht.
25:06Es ist fast Mittag, bis ich den Auftrag erledigt habe.
25:10Die Alte kommt aus dem Haus, eine Zigarette im Mundwinkel,
25:13und lädt mich ein, einen Bissen zu essen.
25:16Mein Blick fällt auf etwas, das mir bekannt vorkommt.
25:19Das ist doch meine Decke.
25:23Ich kaufe sie dir ab und mache daraus einen Mantel.
25:26Sie ist nicht zu verkaufen.
25:27Ich habe dir dafür Butter in den Rucksack gepackt.
25:30Ich sagte, ich verkaufe sie nicht.
25:32Ein Kilo Butter ist ein guter Preis für eine gestohlene Decke.
25:36Gestohlen?
25:37Du kommst mir so?
25:38Maschka, hol rasch den Sowjet und sag ihm,
25:40hier ist eine Frau, die aus dem Arbeitslager geflohen sein muss
25:43und dort Sachen gestohlen hat.
25:45Ein alter Trick, aber ich bin ja so naiv.
25:49Und so sage ich meiner Decke auf Wiedersehen.
25:55Mein Leidensweg dauert bis August 1942,
25:59als ich ein Dorf erreiche, dessen Namen ich vergessen habe.
26:02Meine Flucht wird auf die dümmste Weise beendet,
26:05die man sich vorstellen kann.
26:07Eine magere Rothaarige, ein wahrer Hungerhaken,
26:10hält mich an und fragt nach meinen Papieren.
26:12Als ich keine vorzeigen kann, bringt auch sie mich zum Sowjet des Dorfes.
26:17Die Tür fällt ins Schloss.
26:21Das Geräusch des Schlüsselbunds verfolgt mich noch ewig.
26:25Ein abscheuliches, höhnisches Klimpern.
26:27Ich schließe die Augen, um die Gitterstäbe und den Fäkalieneimer nicht sehen zu müssen.
26:37Um überhaupt nichts mehr zu sehen.
26:40Man nimmt meine Fingerabdrücke und einen Handabdruck.
26:43Dann werde ich in eine andere Zelle gebracht.
26:45Darin sind elf Frauen.
26:46Ich bin die Zwölfte.
26:48Ich habe mir immer eingebildet,
26:50nur Schwerverbrecher und Dissidenten kämen in solche Gefängnisse.
26:52Dann sind die wohl alle gemeingefährlich.
26:56Wie diese drei alten Frauen.
26:58Zwei davon Nonnen.
26:59Der einen wirft man vor, Steppdecken genäht zu haben.
27:02Der anderen, dass sie eine weiße Ziege hielt.
27:04Die dritte Alte kommt aus einer Kolchuse und hatte über Ischias geklagt.
27:08Am Tag darauf wurde sie verhaftet.
27:13Aufgestanden!
27:14Sieht euch aus und hebt die Arme.
27:16Kommt auf den Flur und stellt euch vor der Wand auf.
27:18Solche Durchsuchungen mitten in der Nacht gibt es häufig.
27:23Sie sind demütigender als alles andere.
27:25Die Nacktheit hat so etwas Herabwürdigendes.
27:29Aber unter den Blinden ist der einäugige König.
27:32Und im Vergleich zu ihnen sehe ich wie eine junge Heldin aus.
27:34Frosia, du lebst.
27:48Warum hast du diesen Schurken von Chokrin nicht umgebracht?
27:52Man hätte dich dafür erschossen, aber wie viele Leben hättest du dadurch gerettet?
27:57Niemals hätte ich in dieser verwahrlosten alten Olja Popova wiedererkannt.
28:01Siehst du den dort in der letzten Reihe?
28:08Das ist Vassia Timoschenko.
28:12Auch der strahlende Stachanovist, den wir uns alle zum Vorbild nehmen sollten, ist im Gefängnis gelandet.
28:18Chokrin hat keinen verschont.
28:24Kaum zu glauben, dass diese zerlumpte, gebeugte, vor Kälte zitternde Gestalt der eingebildete Dummkopf war, den wir selbstherrlich an seinem Einzeltisch sitzen sahen.
28:33Die Bearbeitung meines Falls zieht sich in die Länge.
28:44Ich weiß alles über Sie, Olfrosinja Antonovna. Ich kenne Ihren widerspenstigen Charakter.
28:51Sicher sehen Sie nun ein, dass Sie verloren haben und hier nicht mehr heil herauskommen.
28:55Liegt es an seiner hypnotischen Ausstrahlung oder bin ich bereits zu schwach, um zu kämpfen?
29:01Jedenfalls fühle ich, wie sich unter mir ein Abgrund auftut.
29:05Sie haben antisowjetische Propaganda betrieben.
29:09Sie haben die Sowjetunion verunglimpft.
29:11Sie haben Arbeiter dazu aufgestachelt, ihre Norm nicht zu erfüllen.
29:15Sie haben das Loblied des Kapitalismus gesungen.
29:18Sie haben andere zum Ungehorsam verleitet.
29:20Aus dem Radio erklingt Musik, verzerrt und doch vertraut.
29:26Krieg, Tchaikovsky.
29:29Die Bilder, die diese Musik in mir heraufbeschwört, reißen mich aus dem Bann dieses teuflischen Mannes,
29:34der mich schon fast in die Knie gezwungen hat.
29:36Ich kann ihr System nicht gutheißen und bin entsetzt über die Ungerechtigkeiten, die es hervorbringt.
29:53Aber ich bin Russin und meinem Vaterland zu schaden, wäre mir genauso unmöglich,
29:57wie die Hand gegen die eigene Mutter zu erheben.
29:59Kategorisch weise ich alle Anschuldigungen zurück.
30:05Insbesondere den Vorwurf, ich würde mir den Sieg der Deutschen wünschen.
30:09Alles, was ich gesagt habe, ist die Wahrheit.
30:11Und sie werden von mir nichts anderes hören.
30:13Der Staatsanwalt ist laut Artikel 206 verpflichtet,
30:29mir meine Prozessakte zur Kenntnisnahme und Unterschrift vorzulegen.
30:36Sein Schreibtisch ist übersät von Papierstapeln mit Ruchgrins Verleumdungen.
30:40Diese Dokumente entscheiden über mein Leben und ich lasse es mir nicht nehmen,
30:47die wirren Ausführungen dieses verrückten Sadisten genauestens zu studieren.
30:54Dann fordert man mich zur Unterschrift auf.
30:57Ich tunke die Feder in das Tintenfass und schreibe ohne Zögern, alles Lüge.
31:06Eine Frau nach der anderen tritt vor, um ihr Urteil zu hören.
31:10Dann bin ich an der Reihe.
31:12Was ich erlebt habe, ist viel absurder als Don Quixotes Kampf gegen die Windmühlen.
31:17Ich schildere den ganzen Irrsinn, der mir während der Zeit im Arbeitslager,
31:20auf der Flucht und im Gefängnis begegnet ist.
31:25Die Wahrheit ist wie das Licht, das auch in der dunkelsten Ecke erstrahlt
31:28und jeden Schatten verdrängt.
31:30Deshalb fürchten ihre schwarzen Lügen das Licht der Wahrheit.
31:33Im Namen der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken verurteile ich sie zur härtesten Strafe,
31:42die es im Falle der Bedrohung unserer Gesellschaftsordnung gibt.
31:45Die Todesstrafe.
31:46Zehn Tage später werde ich erneut einbestellt.
31:58Der Sekretär teilt mir mit, dass meine Todesstrafe aufgehoben
32:02und in zehn Jahre Umerziehungslager umgewandelt wird.
32:05Ach, mein liebes Mütterchen Sibirien.
32:12Wie viele Karawanen von Gefangenen sind durch deine unendlichen Weiten gezogen.
32:19Früher hörte man ihre Ketten klirren,
32:21aber heute erreicht man dasselbe, indem man sie einfach hungern lässt.
32:31Wir kommen in ein Dorf.
32:35Eine Bäuerin kreuzt unseren Weg.
32:38Sie trägt ein Joch über der Schulter,
32:39an dessen beiden Enden je ein voller Wassereimer baumelt.
32:43Plötzlich verspüre ich einen unbändigen Durst.
32:47Alles um mich herum verschwindet
32:48und ich sehe nur noch diese Frau mit ihren Wassereimern.
32:54Dann schwinden mir die Sinne und alles wird schwarz.
33:01Sie lebt.
33:03Mag sein, aber die steht nicht mehr auf.
33:05Sie wird sich erholen. Sie ist zäh.
33:10Pochalenko schiebt mir ein Stück gefrorenes Brot in den Mund.
33:13Mit einiger Mühe gelingt es mir, es zu schlucken.
33:19Allmählich weicht die Dunkelheit.
33:21Ich komme mir vor, als würde ich vom Grund eines Schwimmbeckens aufsteigen.
33:24Ich mobilisiere all meine Kräfte und stehe auf.
33:38Wir erreichen das Umerziehungslager.
33:40Als erstes werden wir gezwungen, uns komplett zu entkleiden.
33:50Ziel dieser Maßnahme ist es, uns alles noch verwertbarer zu nehmen.
33:54Nur die fadenscheinigsten Lumpen dürfen wir behalten.
33:56Zu zehnt machen sich diese Leichenfledderer ohne jede Scham über uns her.
34:07Über uns funkeln die Sterne und unter unseren Füßen ist die Erde mit gefrorenen Exkrementen übersät.
34:13Nachdem man uns durchgezählt hat, bringt man uns in eine provisorische Baracke.
34:24Die Reise ist zu Ende.
34:27Nun bin ich hier, soll hier leben und arbeiten.
34:30Aber zumindest werde ich zu etwas Nütze sein.
34:32Es ist nicht die Arbeit, die mir Angst macht.
34:37Ihr gehört zu Weismannstruppe.
34:39Geht zu ihm.
34:40Ihr gebt euch eure Brotration.
34:41Ich gebe euch einen guten Rat.
34:44Versucht bei der Arbeit eure Kräfte einzuteilen.
34:47Und kämpft mit allen Mitteln um jedes kleinste Stückchen Brot, das ihr kriegen könnt.
34:51Ihr seid schockiert von meinen Worten.
34:53Vor sechs Jahren hätte auch ich niemals geglaubt, dass ich einmal so reden würde.
35:02Aber glaubt mir, ihr werdet weit weniger als sechs Jahre brauchen, um einzusehen, wie recht ich habe.
35:07Normalerweise kann ein Mensch mehr als einen Monat lang ohne Nahrung überleben.
35:13Aber solche Klappergestelle wie ihr am Rande des Zusammenbruchs schaffen es höchstens zwei oder drei Tage.
35:18Chaim Isakovich Weismann ist ein freundlicher, weiser Mann.
35:27Mit seinen Worten schafft er es, dass alle ihre Ration bekommen und seine ganze Truppe, bestehend aus 123 Halbverhungerten, am Leben bleibt.
35:35Das sind die Werkstätten, in denen unsere Truppe arbeitet.
35:42Hier stellen wir Holzspielzeug her, beispielsweise kleine Lastwägen, dazu Kämmer und Zigarettenhalter.
35:49Und in der Küfferei machen wir Dauben aus Kirschholz und fügen sie mit Bändern zu Fässern zusammen.
35:54Euch stecke ich in die Werkstatt für Brandmalerei.
36:01Mein Arbeitskamerad, der alte Fedja Balandin, stammt aus Tambov.
36:06Er muss den Blasebalg in Gang halten, der Luft in die Glut bläst.
36:10Gebeugt sitze ich im beißenden Qualm, den Stab mit der weißglühenden Spitze in der Hand.
36:16Abends sind wir beide dem Tod durch Rauchvergiftung nahe.
36:18Schau, was ich da habe, Frosia.
36:23Das wird ein Fest für uns beide.
36:26Ach, Frosia, Frosia.
36:30Werden wir es jemals noch erleben, Ostern in Freiheit zu feiern?
36:35Ich würde so gern noch einmal Buchweizenfangkuchen essen.
36:38Nur ein einziges Mal.
36:41Wenn du wüsstest, wie gut die bei uns in Tambov sind.
36:44Vorsichtig entfaltet er sein Taschentuch.
36:50Es ist Salz.
36:52Ein Kaffeelöffel Salz.
36:55Niemand kann sich vorstellen, was das bedeutet.
36:58Für uns ist es das höchste der Gefühle, sich eine Prise Salz zu teilen.
37:03Wir zerzupfen unser Brot, stippen jedes Bröckchen vorsichtig in das Salz
37:07und lassen uns den Geschmack auf der Zunge zergehen.
37:10Nein, du wirst es nicht mehr erleben, Ostern in Freiheit zu feiern.
37:18Du wirst nie mehr Pfannkuchen in Tambov essen.
37:23Ein paar Tage später heißt es, Fedja sei verrückt geworden.
37:27Er sei schreiend und splitternackt durch die Gegend gerannt.
37:31Er ist den drei großen Ds des Lagerlebens zum Opfer gefallen.
37:35Durchfall, Dermatitis, Demenz.
37:37Aufgrund des Vitaminmangels leidet fast die gesamte Lagerbesatzung,
37:49rund 800 Menschen, unter Nachtblindheit.
37:53Es ist ein groteskes Schauspiel.
37:55Sobald es zu dämmern beginnt, tastet sich eine Kolonne magerer Gestalten
37:59mit Stöcken in der Hand an der Mauer entlang zur Essensausgabe,
38:03als ob es schon Pechschwarze Nacht wäre.
38:04Und für sie ist es das auch, denn mit Sonnenuntergang werden sie blind.
38:13Um von der wertvollen Suppe nichts zu verschütten,
38:16trinken sie sie noch vor dem Ausgabeschalter.
38:18Aber aufgrund der nachdringelnden Kollegen landet trotzdem viel davon auf dem Boden.
38:30Dann gehen die Ärmsten auf alle Viere,
38:32kratzen aus dem festgetrampelten Schnee ein paar Sägespäne,
38:36die sich mit der Suppe vollgesogen haben, und stecken sie in den Mund.
38:39Ich bleibe wie angewurzelt stehen, als ich diese große, klapprige Gestalt am Zaun sehe.
38:52Viere.
38:53Nichts ist von der eleganten Frau aus dem Lager von Mejaninowka übrig geblieben.
38:59Die Begegnung erschüttert mich, umso mehr als ich sehe, dass sie schwanger ist.
39:03Sie scheint dem Tode nahe.
39:05Die einzige Möglichkeit, sie und ihr Baby zu retten, ist die Mithilfe bei der Kartoffelernte.
39:15Also arbeite ich nachts in der Werkstatt und tagsüber auf dem Feld.
39:25Aber ich kann keine Kartoffeln herausschmuggeln, denn wir werden ständig gefilzt.
39:30Was also tun?
39:32Ich habe eine Idee.
39:33Aus einer alten Konservendose und Nägeln mache ich eine Reibe.
39:39Damit reibe ich die Kartoffeln zu Muß und forme daraus kleine Polster, die den Wachen nicht auffallen.
39:48Viere ist überglücklich.
39:51Mit Tränen in den Augen drückt sie die feuchten Säckchen mit der schwärzlichen Pampe ans Herz,
39:55die ihrem Baby das Überleben und ihr selbst das Mutterglück bescheren werden.
39:59Heißt hier jemand Kiersnowska, ja?
40:10Ja, ich. Warum?
40:12Kannst du Ferkel zur Welt bringen?
40:14Was für Ferkel?
40:16Eine Muttersau hat Probleme mit dem Ferkeln.
40:19In deiner Akte steht, du hättest Tiermedizin studiert.
40:21Die armen Schweine sind in einem furchtbaren Zustand.
40:27Nachdem ich die Sau entbunden und alles mit Kalk eingestäubt habe,
40:35bestehe ich darauf, dass die Tiere nicht länger in ihrem Koben gefüttert werden,
40:38sondern außerhalb, wegen der Ratten.
40:40Hör zu. Morgen fährt ein Kommandant nach Moskau.
40:45Dort gibt es Fleischmangel.
40:46Schreib in deinem Bericht, dass das Schwein gestorben ist.
40:49Als Grund wird dir schon etwas einfallen.
40:52Das geht nicht. Das wäre ungesetzlich. Frag jemand anderen.
40:57Das Schwein wird abgestochen und der Kommandant fährt mit einem Koffer voll Fleisch nach Moskau.
41:01Prosia, Viera bittet dich, ihr Baby zu taufen.
41:14Viera hat ihr Kind bekommen.
41:16Der Kleine hat die kritischen ersten Tage überlebt.
41:19Aber es geht ihm schlecht.
41:25Es heißt, dass Kinder in aussichtsloser Verfassung dank der Taufe überleben.
41:29Prosia, wir können der unglücklichen Mutter diese Hoffnung nicht nehmen.
41:41Das kleine, in einen weißen Fetzen gewickelte Würmchen in meinen Armen
41:45ist Enkel und Urenkel der Admiräle Nieveskoy, die so viel für Russland getan haben.
41:50Wir haben kein Salböl.
41:57Also tauche ich nur ein kleines Kruzifix in Wasser und bekreuzige das Baby damit.
42:05Deine Gedanken sollen rein.
42:07Deine Absichten auf das Gute gerichtet.
42:10Und deine Taten im Dienst der Wahrheit sein.
42:12Kiesnowskaja, nimm deine Sachen und geh zur Lagerwache.
42:22Eufrosinia Antonovna, geboren 1908.
42:26Gemäß Artikel 5810 werden sie erneut angeklagt.
42:29Sie gehört mir und soll hier auf mich warten.
42:37Im Halbdunkel kann ich in dem Raum mehrere Tische erkennen.
42:41An jedem sitzt eine Frau mit einem Haufen Briefe vor sich.
42:44Offensichtlich wird hier die Post zensiert.
42:46Eine Frau zerreißt einen der zum Dreieck gefalteten Bögen, ohne ihn auch nur anzusehen.
42:54Und wirft ihn in den Papierkorb.
42:57Dann nimmt sie den nächsten zur Hand und legt ihn, ohne ihn zu lesen, auf den Stapel vor sich.
43:04Das ist keine Zensur, sondern reine Willkür.
43:10Ich kann das nicht mehr aushalten.
43:13Ich bin soweit. Gehen wir.
43:16In dem Moment habe ich nur noch einen Wunsch, zu sterben.
43:22Nur der Tod kann mich von diesem Albtraum erlösen.
43:28Was dann geschieht, wird mir für den Rest meines Lebens ein Rätsel bleiben.
43:34Wie ist es mir gelungen, ihm unbemerkt seine Pistole zu entwenden?
43:39Eine große Leere breitet sich um mich herum.
43:42Und in mir aus.
43:44Und ich weiß nur eines.
43:45Bald werde ich diesen Gefängnissen entrinnen.
43:49Keine Verhöre mehr, bei denen ich das Gefühl habe, ein Krake würde in meinen Eingeweiden wühlen.
43:54Ich werde diese herzlosen Bestien nicht mehr sehen, die zum Dreieck gefaltete Briefe wegwerfen, auf die die Mütter nun vergeblich warten.
44:03Ich ziehe die Pistole aus der Hosentasche.
44:08Ich entsichere sie.
44:12In den Mund oder in die Schläfe.
44:14Mein Finger am Abzug.
44:21Ohne es zu wollen, blicke ich zum Fenster.
44:24Es ist wie ein Wunder.
44:29Diese Schönheit.
44:30Diese Schönheit.
44:30Diese unvergängliche Schönheit.
44:33Der Himmel, ein grüner Zweig, die Schwalben.
44:36Das alles würde wirklich ohne mich weiter existieren?
44:38Also, Sie werden beschuldigt, in den Schweinestall eingedrungen zu sein, um dort antisowjetische Propaganda zu betreiben.
44:47Sowas aber auch. Und ich dachte, ich soll mich um ein krankes Schwein kümmern.
44:51Wir haben Sie bei Ihren Tätigkeiten überwacht und wissen alles über Sie.
44:55Für jedes Ihrer Worte haben wir Zeugen.
44:58Sie wagen es sogar, die größten sowjetischen Dichter und Schriftsteller zu verunglimpfen.
45:02Ah, das ist es also. Man hat mich wegen meiner Meinung zu antireligiösen Gedichten von Mayakovsky denunziert.
45:09Wissen Sie nicht, dass Mayakovsky der Stolz der russischen Dichtkunst ist?
45:13Der Stolz der russischen Dichtkunst ist Pushkin.
45:16Diese vulgären Stammeleien für hirnlose Alkoholiker, das sind keine Gedichte, das sind Frazen.
45:21Und wem haben Sie diese ketzerischen Ansichten anvertraut?
45:25Dem Futtertrog im Schweinekoben.
45:26Diese Farce von einem Prozess endet am 24. Juni 1944 um 11.30 Uhr mit folgendem Urteil.
45:39Zehn Jahre Umerziehungslager mit Zwangsarbeit. Wie nicht anders zu erwarten.
45:47Ich gelte nun als Wiederholungstäterin.
45:50Norilsk, Lager Nummer 9.
46:05Ich komme auf die Baustelle für ein Wohnhaus und soll die Tierpappe für das Dach verlegen.
46:14Ich bemerke nicht gleich, dass eines meiner Knie entzündet ist.
46:19Man findet mich im Treppenhaus.
46:22Ich bin nicht ansprechbar.
46:23Mein Bein ist schlimm geschwollen und hart wie ein Brett.
46:25Mein ganzer Körper ist mit roten Flecken übersät.
46:28Die Ambulanz bringt mich ins Lagerkrankenhaus.
46:30Diagnose? Akute Blutvergiftung.
46:32Ich weiß noch genau, wie ich dort ankomme.
46:38Ich empfinde es als furchtbare Demütigung, als die Krankenschwester mir am ganzen Körper die Haare abrasiert.
46:45Man hat vor mir, das Bein von der Hüfte abzuamputieren.
46:48Damals gibt es weder Sulfonamide noch sonstige Antibiotika.
46:53Trotzdem habe ich überlebt.
46:54Und dem Arzt ist es sogar gelungen, mein Bein zu retten.
46:57Im Krankenhaus kümmert man sich sehr gut um mich.
47:05Oft bekomme ich Besuch von Dr. Mardner, einem kompetenten Arzt und gebildeten Mann.
47:11Mit ihm kann ich unbeschwert reden, ohne Angst denunziert zu werden.
47:15Zu meiner großen Überraschung und noch größeren Freude werde ich nach meiner Genesung nicht ins Lager Nummer 9 zurückgeschickt.
47:30Man behält mich als Arbeitskraft im Zentralkrankenhaus.
47:33Viele unserer Patienten waren als Kriegsgefangene in Deutschland und haben dort in den Lagern furchtbare Entbehrungen erdulden müssen.
47:55Nach der Befreiung hat man sie zu Vaterlandsverrätern erklärt und gemäß Artikel 58.1b zu 15, 20 oder 25 Jahren Haft verurteilt.
48:05Sie weigern sich standhaft, ihren Familien zu schreiben.
48:08Sie erhielten meine Todesnachricht, haben getrauert und meine Kinder bekommen vielleicht eine Rente.
48:14Was hätten Sie davon, wenn Sie wüssten, dass ich noch lebe?
48:16Das ist so unvorstellbar für mich. Deshalb versuche ich, Sie dazu zu bewegen, Ihren Familien zu schreiben.
48:24Und leider ist es mir in einigen Fällen auch gelungen.
48:27Erst Jahre später habe ich erkannt, dass Sie recht hatten.
48:30Und ich dachte, ich tue Ihnen etwas Gutes, wenn ich Ihnen von meinen paar rubeln Briefmarken kaufe.
48:38Euphrosinia Antonovna, Sie arbeiten im Leichenhaus.
48:41Im Leichenhaus? Auch das noch? Nein, das mache ich nicht.
48:43Erst im Leichenhaus können wir erkennen, ob unsere Diagnosen richtig waren.
48:48Und das hilft uns, viele Leben zu retten.
48:57Willkommen im Leichenhaus. Wir führen nur zwei Wege hinaus.
49:01Entweder die Freilassung oder ein Platz am Schmidberg.
49:08Im Sommer müssen wir Gräber ausheben. Riesige Massengräber am Fuße des Schmidbergs.
49:13Ich muss etwas anderes finden.
49:26Im Juni 1947 bitte ich, schicken Sie mich ins Bergwerk.
49:31Sie ist verrückt geworden?
49:32Ruft Bjelkin von der Arbeitseinteilung und hebt die Arme zum Himmel.
49:35Wissen Sie, wie das ist im Bergwerk?
49:37Fragt mich Lusin, der Buchhalter, ganz entsetzt.
49:40Sie gehen mir in kein Bergwerk.
49:41Bescheidet mir Ivanov, der Krankenhausdirektor.
49:45Ich will aber im Bergwerk arbeiten, nur dort und nirgendwo anders.
49:48In einem Bergwerk herrschen ewige Dunkelheit und Eiseskälte.
50:03Das Rattern des großen Zahnrads der Seilwinde ist so uhrenbetäubend, dass einem schwindelig wird.
50:08Die ganze Zeit hämmert, quietscht, dröhnt und knarrt es um einen herum.
50:17Trotzdem habe ich das Gefühl, ein Lichtstrahl hätte meine Seele erreicht.
50:21Die Tage, Monate und Jahre vergehen.
50:31Unendlich lange Winter wechseln sich ab mit viel zu kurzen Sommern.
50:35Allmählich verlassen mich meine Kräfte.
50:47Ich werde zu Bloch gerufen, dem Lagervorsteher.
50:50Man hat mir gesagt, er sei ein anständiger Mann.
50:53Ruhen Sie sich aus.
50:54Dann kommen Sie wieder und sagen mir, wo Sie künftig arbeiten wollen.
50:57Das kann ich Ihnen gleich sagen.
50:59Im Zentrallager für Industrie- und Naturprodukte, als Lagerarbeiterin.
51:02Aber das ist die härteste Arbeit.
51:05Dafür zählt sie auch mehr.
51:06Ein Arbeitstag dort entspricht drei Tagen anderswo.
51:32Dank der dreifachen Anrechnung der Arbeitstage werde ich im August 1952 freigelassen,
51:52was regulär erst im Juni 1954 erfolgt wäre.
51:55Aber man lässt mich nicht gleich gehen.
51:59Zwei Monate lang bin ich eine unfreie Freigelassene.
52:07Eines Tages kommt ein General nach Norilsk, um das Lager zu inspizieren.
52:12Als er in meine Abteilung kommt, bin ich dort gerade allein.
52:16Seit wann ist das Lagerinsassen erlaubt zu zeichnen?
52:19Meine Strafe ist seit zwei Monaten abgelaufen.
52:24Er fragt mich nach meinem Werdegang und ich erzähle ihm von meiner Flucht, von meiner zweiten Verurteilung.
52:29Er hört sich alles an, geht und kommt gleich darauf wieder zurück.
52:34Zeigen Sie mir Ihre Zeichnungen.
52:36Ich bin eben damit fertig geworden, das Gemälde Ruhe nach der Schlacht Vassili Tjorkin abzuzeichnen.
52:42Das ist wunderschön.
52:45Nehmen Sie es, wenn es Ihnen gefällt.
52:46Am nächsten Morgen ruft man mich, um mich definitiv in die Freiheit zu entlassen.
52:57Nachdem alles geklärt ist, soll ich ein Dokument unterschreiben,
53:01in dem steht, dass ich alles hier vergesse und niemandem erzählen werde, was ich gesehen und erlebt habe.
53:07Ich soll schweigen? Lügen?
53:10Das habe ich bis heute nicht getan und werde es auch künftig nicht tun.
53:16Man lässt mich trotzdem gehen.
53:25Meine ersten Schritte in der Freiheit werden von einem Schneesturm begleitet.
53:30Ich stolpere ins Nichts, habe keinen Ort, wo ich Unterschlupf finden kann.
53:35Alles, was ich habe, sind 40 Rubel.
53:36Ich muss Arbeit finden. Aber wo?
53:47Im Bergwerk natürlich.
53:49Das große Ereignis in diesem Jahr 1953 ist Stalins Tod.
54:003. März, 4. März, 5. März.
54:03Das Monster ist krank, sein Zustand aussichtslos.
54:06Der Große, der Einzigartige wird schwächer.
54:09Und stirbt.
54:16Sollte man sich freuen?
54:18Oder Tränen vergießen?
54:20Zu sehen, wie unser Truppenleiter Budnik zögert, eine Entscheidung zu treffen, ist bestürzend und komisch zugleich.
54:27Doch plötzlich wird er aktiv.
54:29Flaggen auf Halbmast, schwarzer Trauerflor für die Porträts.
54:31Nie wird deutlicher, wie sehr dieser Vampir das russische Volk unterdrückt hat.
54:42Ich bin weder froh noch erleichtert.
54:44Ich bin einfach nur angewidert.
54:52Nach drei Jahren als freie Arbeiterin muss ich Urlaub nehmen, weil sonst mein Anrecht auf die freien Tage verfallen würde.
54:59Und so beschließe ich, den Sommer 1957 in Bessarabien zu verbringen.
55:06Wie traurig zu sehen, was aus diesem kleinen Eckchen Paradies geworden ist,
55:11wo mich alles an die glücklichen Tage mit meiner geliebten Familie erinnert.
55:15Wie durch ein Wunder ist das Grabkreuz meines Vaters unversehrt geblieben.
55:19Darum herum nichts als Wüste.
55:21Die großen Kastanienbäume, unser Garten, unser Haus, alles ist verschwunden.
55:29Ich nehme eine Handvoll Erde im Taschentuch mit, als Glücksbringer, und pflücke ein paar Zweige des duftenden Thymians.
55:41Dann lege ich das Grabkreuz um und gehe, ohne zurückzublicken.
55:44Am Dorfausgang kaufe ich Aprikosen.
55:49Seit 18 Jahren habe ich keine mehr gegessen.
55:53Es beginnt dunkel zu werden, als ich an einem Garten vorbeikomme, in dem eine alte Frau dabei ist, Marmelade zu kochen.
56:00Frosia?
56:01Wie wird sich Alexandra Alexeyevna freuen, wenn sie erfährt, dass du am Leben bist?
56:06Vor meinen Augen beginnt sich alles zu drehen.
56:12Das ist Jelena, Mamas Freundin.
56:17Mama, meine Mutter lebt?
56:19Wo ist sie?
56:20Das kann mir Jelena nicht sagen.
56:23Drei Jahre zuvor hat sie im Radio einen Aufruf meiner Mutter gehört,
56:26die jeden, der etwas über den Verbleib ihrer Tochter Jefrosinia weiß, bittet, sich bei ihr zu melden.
56:321954 ist sie also noch in Rumänien gewesen.
56:39Ob sie noch lebt?
56:40Sie wäre jetzt 79 Jahre alt.
56:45Die ganze Nacht verbringe ich damit, Briefe zu schreiben, die ich aufs Geratewohl in ganz Rumänien verschicke.
56:52Ich rechne nicht damit, vor zwei Wochen eine Antwort zu bekommen.
56:55Also werde ich diese 14 Tage nutzen, um herumzureisen.
56:59Das wird mir das Warten erträglicher machen.
57:02Beginnen will ich mit Odessa, der Stadt meiner Kindheit.
57:26Und so bin ich wieder am Ausgangspunkt.
57:29Und so bin ich wieder am Ausgangspunkt.
57:32Ich segne dich, ich küsse dich und schließe dich in meine Arme.
57:38Immer wieder lese ich das Telegramm.
57:40Ich segne dich, ich küsse dich und schließe dich in meine Arme.
57:45Ich küsse dich und schließe dich in meine Arme.
57:49Sie lebt.
57:50Meine Mutter lebt.
57:52Wir müssen uns erst einmal wieder neu kennenlernen.
57:55Schließlich sind 17 Jahre vergangen.
57:59Rückblickend kommt es mir vor, als ob ich in dieser Zeit so viel erlebt und mitgemacht hätte,
58:04dass man damit 17 Jahrhunderte füllen könnte.
58:08Ich lasse mich in meiner Wanderkleidung fotografieren.
58:11Das ist deine Tochter, Mama.
58:15Du brauchst nicht zu wissen, wie sie während dieser qualvollen Jahre aussah.
58:19Du sollst mich als strahlende Wandersfrau sehen.
58:21Es ist besser so.
58:22Ich muss an alle möglichen Ämter schreiben, um die Erlaubnis zu bekommen, sie im Jahr darauf, 1958, wiederzusehen.
58:34Atemlos renne ich die Treppen hoch in den zweiten Stock.
58:39Ist Mama da?
58:41Ich muss nicht auf Antwort warten.
58:45Da steht sie.
58:46Eine Greisin, aus deren Augen pure Liebe leuchtet.
58:49Wir haben uns so viel zu erzählen, dass wir erst einmal schweigen.
58:54Wir haben uns so viel zu verstehen.
59:24Untertitelung des ZDF, 2020
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