00:00Ungefähr 400. So viele Truhen habe ich während des Tests von Avowed locker aufgemacht. Und was
00:10soll ich euch sagen, bei fast jeder davon hat es sich gelohnt sie aufzuspüren. Vielleicht
00:16nicht immer wegen ihres Inhalts, aber der Weg dorthin war stets ein Abenteuer.
00:20Für mich ist klar, Avowed ist Obsidian Entertainments bislang bestes 3D-Rollenspiel.
00:26Die Entwickler bezeichnen es selbst nicht als Open World. Aber in Wahrheit besteht die Fantasy-Welt
00:32von Avowed aus mehreren frei begehbaren Arealen. Da fühlt sich die Unterscheidung fast schon wie
00:38Wortklauberei an. Denn hier wird Erkundung so clever belohnt, wie in kaum einer echten Open
00:44World. Und das Beste, langweilige Nebenaktivitäten von der Stange sucht ihr dabei vergebens.
00:5650 Stunden könnt ihr in Avowed investieren. Locker. Es hat vier richtig große Gebiete und
01:03zwei kleinere. In allen überzeugt das Design. Optisch macht Avowed einiges her. Die Spielwelt
01:10punktet mit glaubwürdiger Architektur, hübschen Details und schlichter Natürlichkeit. Alles fließt
01:16geschickt ineinander über. Straßen, Höhlen, Felsklippen und Häuser passen organisch zueinander.
01:23Weil es weniger, aber dafür größere Gebiete gibt als beim Planetenspringen von The Outer Worlds,
01:29fühlt sich die Welt stimmiger und zusammenhängender an. Außerdem gibt es viel weniger Ladezeiten als
01:35bei Skyrim oder Fallout. Man sieht interessante Strukturen in der Ferne, die dazu einladen,
01:40immer noch einen Schritt zu machen. Nur noch hinter diese Ecke spähen, nur noch den Turm
01:46dahinten erklimmen, nur noch schnell… Wo war ich? Achja, Avowed schafft es sehr gut,
01:52einen Abseits der Story zu beschäftigen. Zumindest, wenn ihr euch darauf einlasst,
01:56ein paar Bildschirmanzeigen bewusst zu deaktivieren. Und Spaß am Klettern. Den
02:01solltet ihr mitbringen. Vor Release hatte das kaum jemand auf dem Schirm, aber Avowed setzt
02:07stark auf Parkurelemente. Ihr könnt fast überall hochklettern, sofern der nächste Vorsprung nicht
02:12zu hoch ist. Und meine Güte nutzt Obsidian diese Mechanik gut aus. Egal ob in der Wildnis oder in
02:19der Stadt, es gibt kaum Grenzen für eure Entdeckerlust. Ihr könnt mit Granaten geheime
02:24Gänge freilegen, alte Maschinen per Stromschlag aktivieren oder durch Magie unzugängliche
02:29Plattformen erreichen. Aber das Beste ist, dass wirklich an jeder entlegenen Stelle auch
02:34tatsächlich ein kleiner Schatz auf euch wartet, um euch für eure Exkursion zu belohnen. Das hat
02:40bei mir so einen Sog erzeugt, wie ich ihn nur selten in einer Open World erlebt habe.
02:45In seinen besten Momenten hat mich Avowed dabei an Gothic erinnert. Wie im Minental erledige ich
02:51erstmal alles abseits der Hauptquest. Ich durchsuche jedes Gebiet millimetergenau nach
02:57Schätzen. Wann immer ein schwaches Klimpern von der Nähe einer Truhe oder anderer Items kündet,
03:02merke ich auf. Wenn das für euch genauso spaßig klingt, wie es für mich im Test war,
03:08dann habe ich eine dringende Bitte. Schaltet den Kompass oder zumindest die dort angezeigten
03:13Symbole aus. So müsst ihr die Schätze nämlich selbst finden, statt sie nur Ubisoft-typisch auf
03:19der Karte abzufarmen. Es ist eigentlich eine Schweinerei, dass Obsidian diese Informationen
03:25standardmäßig aktiviert hat, denn ohne sie steigt der Spielspaß spürbar an. Avowed ist überhaupt
03:31ein Spiel, bei dem es sich lohnt, eine Weile in den Optionen herumzufummeln. Viele Interface-
03:37Erleichterungen lassen sich abschalten, das Ergebnis ist ein intensiveres Spielerlebnis.
03:41Die aufsteigenden Schadenszahlen braucht zum Beispiel niemand, glaubt mir. Das Sichtfeld lässt
03:47sich vergrößern, die Tasten frei belegen und es gibt auch einige mögliche Anpassungen für Menschen
03:52mit Einschränkungen. Bei der Grafik lässt sich ebenfalls viel einstellen, das ist mit einem PC
03:57der gehobenen Mittelklasse aber kaum nötig. Anders sieht es auf der Xbox aus, hier gab es
04:03auch im Performance-Modus Slowdowns. Noch schlimmer waren Bildfehler wie flimmernde
04:08Texturen und Haare. Auch ein paar kleinere Quest-Bugs konnten wir beobachten, insgesamt
04:13war das aber im Rahmen und Obsidian wurde auf die Probleme bereits hingewiesen. Meine Empfehlung ist,
04:18spielt Avowed auf dem PC. Übrigens, wer den Gamepass hat, kann auf beiden Plattformen relativ
04:25problemlos reinschnuppern. Also, was haben wir gelernt? Avowed bietet eine tolle Bewegungsfreiheit
04:31und motiviert zum Erkunden. Den Open-Teil hat das Spiel also drauf. Wo es hapert,
04:37ist die Sache mit der World. Denn wenn ihr die Maßstäbe einer Open World wie der von
04:42Red Dead Redemption 2 oder The Witcher 3 anlegt, fallen euch schnell viele Unzulänglichkeiten auf.
04:48Avowed ist keine Sandbox oder auch nur ansatzweise eine Welten-Simulation. Der
04:54Großteil der NPCs ist reine Kulisse ohne Dialoge, es gibt keine Zufallsevents und
05:00kaum Leben in der Welt. Im Vergleich mit den besten Open-World-Spielen wirkt Avowed statisch
05:05und teils gar unglaubwürdig. So könnt ihr etwa problemlos Häuser ausräumen und den Figuren ihre
05:11Besitztümer unter der Nase wegstehlen. Diebstähle werden nicht geahndet, weil alle Gegenstände nur
05:18auf eure gierigen Hände warten. Friendly Fire existiert auch nicht, NPCs und friedfertige Tiere
05:25könnt ihr schlicht nicht angreifen. Das muss man akzeptieren, um Avowed zu genießen. Oder
05:31man geht und spielt Kingdom Come Deliverance 2. Noch da? Dann weiter im Text. Avowed spielt ihr
05:38idealerweise aus der Ego-Perspektive. Es gibt zwar eine jederzeit aktivierbare Third-Person-Kamera,
05:43aber glaubt mir, die wollt ihr abseits der Aufnahme schicker Screenshots nicht benutzen.
05:49Aus der Ego-Perspektive visiert ihr besonders mit Maus und Tastatur präzise Gegner an und
05:55springt punktgenau durch die Gegend wie in Mirror's Edge. Schaut ihr eurem Charakter
05:59stattdessen über die Schulter, fühlt sich jede Bewegung schwammig an. Das ist in den Kämpfen
06:04fatal, denn die sind hektisch und erfordern in den höheren Schwierigkeitsgraden einiges
06:08an Übersicht. Auch könnt ihr beim Erkunden an Gegner geraten, die euch zu diesem Zeitpunkt
06:13überlegen sind, denn die Feinde leveln nicht automatisch mit. Ihr stoßt mal auf leicht
06:19aus den Latschen zu hauende Anfängerechsen und woanders auf zähe Supermonster. Noch so
06:25eine Gothic-Parallele. Optisch gibt's einen Tick zu wenig Abwechslung bei den Gegnertypen. Dafür
06:31tretet ihr oft gegen Support-, Tank- und Fernkämpferfiguren gleichzeitig an. So müsst
06:36ihr einigermaßen taktisch vorgehen. Bis zu zwei Begleiter helfen euch im Kampf,
06:40ihre und die Fähigkeiten des Helden setzt ihr am PC gezielt mit den Zifferntasten ein.
06:45Ansonsten gibt's noch ein Kreismenü mit Pausenfunktionen. Am Gamepad ist das Pflicht,
06:50aber es nimmt Tempo raus und ist umständlich zu bedienen. Das Ergebnis ist, dass ihr auf
06:55der Xbox wahrscheinlich deutlich seltener euren Begleitern Anweisungen gebt. Wegen
07:00der schwerfälligeren Gamepad-Steuerung habt ihr weniger Übersicht und Flexibilität als am PC.
07:05Das Skillsystem von Avowed ist komplett frei, es gibt keine Klassen. Auch Waffen
07:11lassen sich beliebig kombinieren. Es gibt Bögen, Sperre, Musketen, Kriegshammer und vieles mehr.
07:16Wer mag, darf sogar einen Zauberstab mit einem Schild kombinieren, eine Pistole mit einem Schwert
07:22oder zwei Dolche gleichzeitig führen. Das nenn ich mal Freiheit. Die Balance ist anfangs aber
07:27nicht ganz ausgegoren. Auf dem normalen Schwierigkeitsgrad haben Zauberer es anfangs
07:32deutlich leichter als Nahkämpfer. Erst mit mehr Fähigkeitspunkten und besseren Nahkampfwaffen
07:37wird es später sinnvoll sich mitten ins Getümmel zu stürzen. Toll ist dagegen,
07:42dass ihr jederzeit per Respec alles zurücksetzen könnt. Gegen eine kleine Gebühr. Das fördert die
07:48Experimentierfreude. Allerdings steht dem das Upgradesystem etwas entgegen. Erinnert ihr euch
07:54noch an die 400 Kisten? In denen stecken hauptsächlich Crafting-Materialien. Mit ihnen
08:00baut ihr Standardwaffen über Stunden zu mächtigen Knüppeln aus. Ihr konzentriert euch also auf eine
08:06Lieblingswaffe und buttert da reichlich Materialien rein. Das Gute ist, dass ihr oft je nach Item-Typ
08:13unterschiedliche Ressourcen braucht und es von ihnen so viele gibt. Ihr könnt also tatsächlich
08:17mit etwas Geduld ein ganzes Arsenal an unterschiedlichen Waffen und Rüstungen aufleveln.
08:23Weil der Loot oft nur aus Handwerksmaterialien besteht, freut man sich umso mehr über den
08:28Fund besonderer, einzigartiger Items. Wer gerne a la Diablo sein halbes Inventar alle paar Minuten
08:35austauschen möchte, ist bei Avowed fehl am Platz. Im Test hat mir das Tempo der Verbesserungen in
08:42jedem Fall sehr gut gefallen und dank Respec habe ich mich später vom Zauberstabnutzer zum
08:46Schwertkämpfer und Bogenschützen entwickelt. Hat auch Spaß gemacht.
08:50Was nun das vor Release viel diskutierte Treffer-Feedback angeht, kann ich teilweise
08:56Entwarnung geben. Zwar ist es tatsächlich so, dass ihr manchmal stur Lebensleisten kleinhackt,
09:02während der Feind relativ unbeeindruckt sein Repertoire an Angriffsanimationen abspult.
09:07Aber das ist vor allem ein Problem der ersten Spielstunden. Mächtigere Waffen und neue Skills
09:14erlauben es euch, Feinde zu Boden zu stoßen oder sie in ihren Aktionen zu unterbrechen.
09:19Auch fliegt die eigene Figur gerne mal durch die Luft, wenn ihr mit leichter Rüstung von
09:23einem schweren Schlag getroffen werdet. Das macht die Kämpfe aus der Ego-Perspektive
09:27intensiv, wenn auch nicht perfekt. Übrigens, dass euch das Spiel beim Zuschlagen ein bisschen
09:33an die Gegner heran beamt, lässt sich wie so vieles in den Optionen deaktivieren.
09:38Was haben wir bis hierher gelernt? Avowed ist ein zutiefst mechanisches Rollenspiel,
09:43das für gute Leistungen bei Erkunden, Kämpfen und Aufleveln Abstriche in anderen Bereichen macht.
09:49Etwa bei der Animation der Hände beim Rennen, also ich meine, ja, pff, ab, ja.
09:55Aber wie sieht es eigentlich mit klassischen Rollenspieltugenden wie Story und Dialogen aus?
10:00Die Geschichte von Avowed teilt sich in zwei Stränge. Zum einen sind da die politischen
10:06Verwicklungen eines neuen Kontinents, auf dem kürzlich ein fernes Imperium die Kontrolle
10:11übernommen hat. Zum anderen gibt es das eher philosophisch angehauchte Mysterium
10:16um Götter und körperlose Stimmen. Euer zu Beginn selbst erstellter Charakter
10:22ist ein Spezialagent des Kolonialreiches, der die Hintergründe einer mysteriösen
10:27Seuche erforschen soll. Zufällig handelt es sich bei ihm, ihr oder ihnen auch um ein Wesen
10:34mit einer besonderen Verbindung zur Welt von Avowed. Die Story lässt sich in gut 20 Stunden
10:40abschließen, wenn ihr Tempo macht. Normalerweise dauert es mit Erkundung und dem Erfüllen der
10:45vielen Nebenquests aber mindestens doppelt so lang. Auch 80 Stunden sind durchaus drin.
10:51Im Spielverlauf kommt es zu Reibereien mit verschiedenen Fraktionen, die alle sehr
10:55plastisch dargestellt sind und nachvollziehbar handeln. Selbst die klassisch Bösen haben gute
11:02Motive für ihre Taten. Entsprechend gliedern sich eure Entscheidungen im Spielverlauf dann
11:07auch in drei unterschiedliche Endsequenzen auf, je nachdem wen ihr unterstützt. Obsidian-typisch
11:13bekommt ihr angezeigt, was mit euren Begleitern und den Personen passiert, die ihr getroffen habt.
11:17Allerdings ist die Inszenierung sowohl des Finales als auch aller vorheriger dramatischer
11:23Momente sehr altmodisch. Wer sich gerne schicke Zwischensequenzen anschaut,
11:28ist in Avowed an der falschen Adresse. Die Dialoge sind gut geschrieben. Die
11:33ausschließlich englische Sprachausgabe erweckt die Figuren zum Leben, besonders eure Begleiter.
11:38Weniger wichtige NPCs fallen auch grafisch etwas ab, dafür setzt Avowed auf eine gesunde
11:44Mischung aus Witz und ernsten Themen. Die Autoren geben sich sichtlich Mühe,
11:53trotz der Fülle an Fachbegriffen eine zugängliche Geschichte und interessante
11:58Gespräche auf die Beine zu stellen. Das funktioniert auch mit den souverän
12:02übersetzten deutschen Texten gut, ein im Gespräch abrufbares Lexikon erklärt etwa
12:07unbekannte Wörter. Quests verfallen zwar öfter ins klassische Töte-Monster-Gruppe-X,
12:12Sammler-Item-Y, aber die interessanten Situationen und schicken Locations kaschieren das Geschickt.
12:19So richtige Highlights unter den Aufträgen musste ich dennoch mit der Lupe suchen.
12:25Oldschool-Rollenspieler dürften sich dafür über die häufige Anwendung von Attributen
12:30und dem anfangs ausgewählten Hintergrund eurer Spielfigur in den Dialogen freuen.
12:34Meist schaltet ihr dadurch nur eine etwas andere Antwort der NPCs frei, es gibt also
12:39keinen mechanischen Effekt. Aber ihr könnt damit gut eure Rolle ausdifferenzieren. Und
12:45zuweilen habt ihr so eben doch Einfluss auf den Verlauf einer Quest, die Belohnung oder
12:49das Schicksal von Figuren und Fraktionen. Das gab mir im Test immer wieder das Gefühl,
12:54wirklich meinen Charakter zu spielen und etwas zu erleben, das sich von den Erlebnissen anderer
12:59Personen unterscheidet. Eines ist sicher, ich habe in Avowed mehr Truhen geöffnet als in jedem
13:05anderen Spiel bisher. Und was soll ich sagen, ich habe es immer noch nicht satt. In einer Zeit,
13:11in der moderne Open-Worlds immer mehr Spieler anöden, darf sich Obsidian diesen Erfolg groß
13:17auf die Fahnen schreiben.
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