00:00Ja, schönen Dank. Ich freue mich, dass ich hier sein kann und ein paar Dinge sagen kann,
00:09die unsere Debatte oder unseren Diskurs hier maßgeblich mitgestalten.
00:16Es geht letztlich um unsere Verantwortung, die Verantwortung der vierten Gewalt.
00:22Liebe Zuhörerinnen und Zuhörer, heute möchte ich über eine Verantwortung sprechen, die schwerer wird.
00:28Schwerer als viele es wahrnehmen. Eine Verantwortung, die in unserer Gesellschaft nicht nur die Wahrheit schützt,
00:34sondern auch die Zentren der Macht einhegen soll.
00:37Es ist die Aufgabe der sogenannten vierten Gewalt, der Medien.
00:42Als Korrektiv der politischen und wirtschaftlichen Machtstrukturen.
00:46Ihr Ziel ist es, die Mächtigen zur Rechenschaft zu ziehen, die Stimme derer zu sein, die keine Stimme haben
00:53und sicherzustellen, dass die Bürgerinnen und Bürger die Wahrheit erfahren.
00:57Doch was passiert, wenn die vierte Gewalt versagt? Wenn Journalismus nicht mehr aufklärt, sondern verschleiert?
01:05Wir erleben gerade ein solches Versagen, ein Versagen, das uns alle betrifft.
01:10Die Art und Weise, wie über den Nahostkonflikt berichtet wird, offenbart ein tiefes Problem in unserer Medienlandschaft.
01:17Es ist eine schmerzhafte Ohnmacht, die uns mit Zorn erfüllen sollte.
01:22Denn die Berichterstattung in einigen deutschen Medien marginalisiert und entmenschlicht Palästinenser auf eine Weise,
01:29die unvereinbar ist mit den Grundsätzen von Menschlichkeit und journalistischer Ethik.
01:35Wir müssen uns fragen, wie kann es sein, dass eine der wichtigsten Aufgaben des Journalismus,
01:40die differenzierte Darstellung komplexer Konflikte, so kläglich verfehlt wird.
01:47Selektive Berichterstattung, das ist der erste Schritt in die Richtung Verfälschung.
01:52Es ist bezeichnend, dass in vielen Berichten der Fokus nahezu ausschließlich auf die Gewalt der Hamas gelegt wird.
02:00Ohne die jahrzehntelange Besatzung, die Blockade und das tägliche Leiden der palästinensischen Bevölkerung in den Mittelpunkt zu rücken.
02:08Gewalt muss verurteilt werden. Das steht außer Frage.
02:13Aber wie können wir diese Realität abbilden, wenn wir die Ursache und den Kontext verschweigen?
02:23Unseren Journalisten rufe ich zu, wenn ihr das Leid eines Volkes unsichtbar macht,
02:30verwehrt ihr ihm nicht nur die Wahrheit, sondern auch die Hoffnung.
02:36Genau das passiert gerade. Palästinenser, die auf die Rolle der Täter reduziert werden,
02:42ohne ihre Menschenwürde zu achten und ohne ihren Schmerz zu zeigen.
02:47Und dann ist da die entmenschlichende Sprache. Terrorismus, dieses Wort wird wie eine Klammer verwendet,
02:55die alle Palästinenser umfasst, egal ob es sich um bewaffnete Kämpfer oder wehrlose Zivilisten handelt.
03:01Diese pauschale Verurteilung ignoriert, dass die überwältigende Mehrheit der Palästinenser
03:07weder Gewalt unterstützt noch an ihr teilnimmt.
03:10Wo bleiben die Berichte über ihre Tränen, ihre Verluste, ihre zerbrochenen Familien?
03:15Wo bleibt die Menschlichkeit in der Darstellung der Opfer auf beiden Seiten?
03:21Der zweite große Fehler liegt in der fehlenden Kontextualisierung.
03:27Die Berichterstattung vernachlässigt oft die strukturelle Gewalt der israelischen Besatzung.
03:32Die tägliche Demütigung, die Vertreibung, die Zerstörung von Häusern, die Verhaftung von Kindern.
03:39Es ist, als ob die Besatzung unsichtbar wäre, als ob sie keine Rolle spielen würde.
03:44Ohne diesen Kontext erscheinen die palästinensischen Reaktionen irrational, ja, geradezu barbarisch.
03:52Aber wie können wir diese Wut verstehen, wenn wir den Schmerz ignorieren?
03:57Und dann dieser doppelte Standard, der vielleicht gefährlichste Aspekt des medialen Versagens.
04:03Israelische Opfer haben Namen, Gesichter, Geschichten.
04:07Sie werden als Individuen dargestellt, die Zuneigung und Mitgefühl verdienen.
04:12Doch palästinensische Opfer erscheinen oft nur als Zahlen.
04:16Sie sind ein Teil der anonymen Masse, deren Leid irgendwie weniger real erscheint, weniger bedeutsam.
04:24Diese Ungleichbehandlung vermittelt eine unheilvolle Botschaft,
04:28dass palästinensische Leben weniger wert sind als israelische.
04:33Wie können wir so etwas zulassen?
04:36Warum versagen unsere Medien?
04:40Die Antwort ist komplex, aber wir müssen uns dem stellen.
04:44Unbewusste Vorurteile spielen eine Rolle.
04:47Vorurteile, die tief in der westlichen Wahrnehmung von Muslimen und Arabern verankert sind.
04:52Es ist einfacher, die Palästinenser als die anderen zu betrachten,
04:57als sie als Menschen zu sehen, die genauso leiden, hoffen und kämpfen wie wir.
05:02Doch genau hier versagt der Journalismus.
05:05Denn seine Aufgabe ist es, diese Vorurteile zu durchbrechen, nicht sie zu verstärken.
05:11Wir brauchen keine einseitige Berichterstattung,
05:14die die Gewalt der Hamas anklagt und gleichzeitig die Leiden der Palästinenser unterdrückt.
05:19Was wir brauchen ist eine Berichterstattung, die sich den komplexen Realitäten stellt,
05:24die es wagt, die Wahrheit zu sagen, auch wenn sie unbequem ist.
05:28Die Wahrheit darf niemals den Interessen der Mächtigen geopfert werden.
05:33Das ist die Verantwortung der vierten Gewalt.
05:36Und ich frage Sie, die Sie hier zuhören, wo ist diese vierte Gewalt heute?
05:41Wo sind die Stimmen, die den Mächtigen sagen,
05:44dass die Bombardierung von Zivilisten nichts mit Selbstverteidigung zu tun hat
05:48und damit auch nicht gerechtfertigt werden kann?
05:51Wo sind die Berichte, die die Welt daran erinnern,
05:54dass die palästinensischen Kinder genauso wertvoll sind wie die israelischen?
05:59Es ist unsere Pflicht, diesen Zorn zu spüren
06:02und ihn nicht in Resignation zu verwandeln, sondern in den Kampf um die Wahrheit.
06:07Denn nur durch einen ehrlichen Journalismus können wir die Macht einhegen,
06:11die allzu oft zur Unterdrückung genutzt wird.
06:15Nur so können wir eine Zukunft schaffen,
06:18in der jedes menschliche Leben gleich viel wert ist.
06:22Nur so kann die vierte Gewalt wieder ihre Rolle erfüllen,
06:25als Güterin der Gerechtigkeit und der Wahrheit.
06:28Ich möchte abschließend noch dazu hinfügen,
06:31der Sender Arte hat sich in positiver Weise hervorgetan
06:36und bildet eine rübliche Ausnahme der öffentlich-rechtlichen Sender.
06:40Es gibt wunderbare Dokumentationen.
06:43Eine zum Beispiel, die ich wärmstens empfehle, ist
06:46Wie funktioniert eine Besatzung?
06:48Dankeschön.
06:55Applaus
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