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Die Wohnungsnot in Europa ist in vielen Hauptstädten ein Problem. Wien hält mit viel sozialem Wohnungsbau dagegen. Heute noch leben über 60 Prozent der Wiener in kommunalen oder geförderten Wohnungen.

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Transkript
00:00In vielen europäischen Städten wird Wohnen zum Luxus.
00:04Mieten steigen rasant, Familien finden keinen bezahlbaren Wohnraum mehr,
00:08junge Menschen ziehen immer später aus.
00:11Doch eine Stadt gilt seit Jahren als Gegenmodell.
00:14Wien. Hier gibt es noch vielen sozialen Wohnungsbau und vergleichsweise stabile Mieten.
00:20Man sieht es ja in anderen Städten, wenn nicht eingegriffen wird.
00:23Da sind teilweise die Mietpreise unleistbar geworden.
00:27Wir haben mit Politikern, Experten und Bewohnern gesprochen, um zu klären,
00:31warum funktioniert das hier besser als anderswo in Europa?
00:34Und wo stößt auch das Wiener Modell an seine Grenzen?
00:38Der hauseigene Spielplatz direkt unter der Wohnung.
00:42Für Familie Boskovic seit kurzem Realität.
00:44Gefällt dir der Spielplatz hier?
00:46Die junge Familie ist Anfang Mai in die Neubausiedlung Sophie Sieben mitten in Wien gezogen.
00:51Teil des städtischen sozialen Wohnungsbaus und somit staatlich gefördert.
00:55Ja, wo da wohnen wir? Schau mal, hier in diesem Gebäude.
00:58Also wir haben einen Pensionistenclub, einen Kindergarten, eine Volkshochschule, ein Restaurant.
01:04Auf dem ehemaligen Krankenhausgelände entstanden 222 geförderte Wohnungen.
01:09Das Interesse war groß. Auf das Projekt gab es hunderte Bewerbungen.
01:13Wir sind wirklich davon ausgegangen, dass wir diese Wohnung niemals bekommen würden.
01:18Es ist ein Neubau, vor allem zentral.
01:21Schon länger wollte die Familie umziehen, denn ihr älterer Sohn, Nehmanja, leidet an einer schweren epileptischen Erkrankung.
01:28Besonders nachts kommen die Krämpfe.
01:30Ein weiteres Zimmer musste her, damit Bruder Theo die Anfälle nicht mitbekommt.
01:34Das war eigentlich unser Hauptgrund, warum wir so schnell wie möglich eine neue Wohnung haben wollten.
01:40Der letzte Sommer war nämlich bei uns auch wirklich furchtbar.
01:42Der Große hat die Hitze nicht gut vertragen.
01:46Und du kannst einfach nicht, wir können nicht einfach schwimmen gehen.
01:50Wenn es ihm nicht gut geht, weiß ich das eben nicht vorher.
01:53Und das ist halt schon super, weil wir eben einen Balkon haben und eben dieses Planschbecken.
02:00Für ihre 90 Quadratmeter große Wohnung zahlt die Familie rund 1000 Euro Miete.
02:06Mit einem Nettoeinkommen von etwa 5.500 Euro gehören sie zur Mittelschicht.
02:11Doch in Wien richtet sich der geförderte Wohnbau bewusst nicht nur an Menschen mit geringem Einkommen.
02:17Es ist auch eine leistbare Wohnung und wenn man sich denkt, das ist eigentlich eine Gemeindewohnung.
02:22Es schaut ja gar nicht aus wie so typische Gemeindewohnungen.
02:25Der Wiener Wohnungsbau gilt in Europa als Vorbild.
02:29Anders als viele andere Städte hat Wien große Teile seines Wohnungsbestandes nie privatisiert.
02:35Über 60 Prozent der Wienerinnen und Wiener lebt heute in kommunalen oder geförderten Wohnungen.
02:41Das gibt der Stadt bis heute Einfluss auf den Wohnungsmarkt.
02:44Wie das konkret aussieht, zeigt sich in der Seestadt, rund 15 Kilometer nordöstlich von Wien.
02:50Wo früher ein Flugfeld war, entsteht seit gut zehn Jahren ein komplett neuer Stadtteil für rund 24.000 Menschen, inklusive
02:58Badeställe.
02:59Von Anfang an dabei war Stadtplaner Kurt Hofstetter.
03:02Er erklärt uns, in Wien wird bei der Entwicklung neuer Viertel generell auch an das Wohnumfeld gedacht.
03:08Also an Einkaufsmöglichkeiten, Schulen, Restaurants und eine direkte Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr.
03:14Das war extrem wichtig, weil wir das gesamte Mobilitätsverhalten der Menschen in der Seestadt damit auch mitsteuern konnten.
03:22Man konnte den Leuten sagen, zieht in die Seestadt, nehmt mit, was ihr braucht, aber euer Auto, überlegt euch das
03:27mal. Die U-Bahn ist schon da.
03:29Rund zwei Drittel der Wohnungen wurden von gemeinnützigen Bauträgern errichtet.
03:33Nur ein Drittel ist rein privat finanziert.
03:36Menschen mit unterschiedlichen Einkommen sollen hier Tür an Tür leben.
03:39Die Grundstücke bleiben dabei überwiegend im Besitz der Stadt.
03:43Im Vergleich zu Städten wie New York oder London, der Unterschied ist enorm.
03:47Weil die Menschen, die im sozialen Wohnbau leben, das sind die absoluten Loser. Die haben es einfach nicht geschafft.
03:52Das ist in Wien vollkommen anders.
03:54Die Qualität ist aufgrund der Wettbewerbe, die wir haben, vielfach höher, obwohl es günstiger ist drin zu erleben.
04:00Einfach weil es keine Profitentnahme gibt.
04:03Elke Hanneltorsch ist Stadträtin für Wohnen in Wien und für die politische Umsetzung der Ziele verantwortlich.
04:08Sie erzählt uns, dass die Geschichte des sozialen Wohnbaus in Wien bis zum Ende des Ersten Weltkriegs zurückreicht.
04:16Damals war die Wohnungsnot sehr groß und der Stadt war es immer ein Anliegen, genügend leistbaren, sicheren und qualitätsvollen Wohnraum
04:24zur Verfügung zu stellen.
04:26Wien überlässt das Wohnen ganz bewusst nicht dem freien Markt, sondern greift immer wieder ein.
04:32Wohnen ist ein Grundbedürfnis und gerade Grundbedürfnisse sollte man aus unserer Sicht nicht der Marktlogik überlassen.
04:39Und man sieht es ja in anderen Städten, wenn nicht eingegriffen wird, da sind teilweise die Mietpreise unleistbar geworden.
04:47Aber ist das Wiener Modell wirklich die perfekte Lösung?
04:51Ganz so einfach ist es nicht, sagt Wohnsoziologe Christoph Reinbrecht von der Universität Wien.
04:56Wien sei nicht völlig losgelöst vom aktuellen Druck am Wohnungsmarkt.
05:01Bodenpreise sind gestiegen, Betriebskosten sind gestiegen und daher haben wir auch im Gemeindebau in Wien Preissteigerungen,
05:08die teilweise für die Bewohnerinnen und Bewohner sehr schmerzhaft sind.
05:11In den letzten zehn Jahren sind die Mieten im Gemeindebau um rund ein Drittel gestiegen.
05:16Auf dem privaten Wohnungsmarkt legen sie um etwa die Hälfte zu.
05:19Durch erhöhte Baukosten stockt auch der Neubau von Sozialwohnungen.
05:23Die Verfügbarkeit von billigem Wohnraum ist dadurch zurückgegangen.
05:26Schwierig für die, die neu auf dem Wiener Wohnungsmarkt sind.
05:29Die Wohnungssituation ist hier mit viel Glück verbunden, weil es auch viele Altbaumieten gibt, die vererbt werden.
05:35Haben manche Leute das Glück und zahlen so gut wie gar nichts.
05:38Ich wohne schon seit 1982 hier in der Hermanngasse und zahle 475 Euro Miete für 100 Quadratmeter.
05:45Und ich beneide niemanden von den jungen Leuten, die auf Wohnungssuche sind.
05:50Dennoch sieht sich Wien weiterhin als Vorreiter im sozialen Wohnungsbau.
05:53Was können andere Städte von Österreichs Hauptstadt lernen?
05:57Dass man einen möglichst großen Bestand hat an Wohnungen, die nicht dem Markt vollkommen ausgeliefert sind.
06:04Das muss man aufbauen. Das geht nicht von heute auf morgen.
06:07Und wenn man über solche Bestände verfügt, die nicht dem Markt zu überantworten.
06:11Familie Boscovic hat sich mittlerweile gut eingelebt.
06:15Sie sind froh, dass sich die Wohnungsfrage für sie gelöst hat und haben eine konkrete Hoffnung.
06:20Dass man sich jetzt auf die wichtigen Dinge konzentrieren kann. In dem Fall ist das unser Sohn.
06:28Der Druck auf dem Wohnungsmarkt wächst auch in Wien.
06:32Doch die Stadt zeigt, dass politisches Handeln einen Unterschied machen kann.
06:36Denn Wohnen nicht ausschließlich dem Markt überlassen wird.
06:42Untertitelung des ZDF für funk, 2017
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