00:03Mein Sohn sagte mir, dass er ein Geheimnis mit einem Betreuer hat, mir aber niemals verraten wird, was es ist.
00:10Dieser Typ reibt sich jeden Morgen an kleine Mädchen, bevor er in den Tag startet. Warum reagiert niemand in der
00:15Klasse darauf?
00:17Die französische Hauptstadt wird von einem Missbrauchsskandal erschüttert.
00:21An über 100 Kindergärten, Vor- und Grundschulen in Paris sollen Kinder Opfer von Gewalt und sexuellen Übergriffen geworden sein.
00:29Die Vorwürfe richten sich gegen Aufsichtskräfte und Betreuer. In allen Arrondissements von Paris. Wie konnte es dazu kommen?
00:38Ich weiß noch, als ich meinen Sohn von der Schule abholte, wie er mir sagte, Mama, mir tut der Po
00:43weh.
00:44Eric, so nennen wir ihn, ist vier Jahre alt, als er seiner Mutter von den Schmerzen erzählt.
00:49Er geht in eine öffentliche Vorschule in Paris, eine Bildungseinrichtung für Kinder zwischen drei und sechs Jahren.
00:55Sein Verhalten verändert sich in der Zeit. Der Junge zieht sich zurück, macht wieder in die Hose, will nicht mehr
01:00schlafen, erzählt die Mutter.
01:02Sie sucht deshalb psychologische Hilfe.
01:05Erst bei einem Termin bei einem Psychologen konnte mein Sohn anhand von Puppen nachstellen, was ihm widerfahren war.
01:15Er war vergewaltigt worden.
01:20Elisabeth und Anne wollen den betroffenen Eltern und Kindern Gehör verschaffen.
01:24Die beiden gründeten 2021 die Initiative SOS Periscolaire, also SOS Schulbetreuung.
01:30Sie sammeln Zeugenaussagen und fordern, dass Aussagen von Eltern und Kindern ernst genommen werden.
01:36Kinder im Vorschulalter, die Opfer solcher sexueller Übergriffe werden, können sich nichts ausdenken, wenn sie einen Missbrauch mit Worten beschreiben
01:44oder bildlich darstellen.
01:46Entweder haben sie gesehen, wie es an jemandem oder von jemandem begangen wurde, oder sie haben es selbst erlebt oder
01:52in einem Video gesehen, denn auch das kommt vor.
01:55Mit ihrer Aufklärungsarbeit haben Elisabeth und Anne nun erreicht, dass die Behörden jetzt genauer hinschauen.
02:00Im letzten Jahr wurden über 30 Betreuer suspendiert. Seit Jahresanfang sind über 130 weitere Personen hinzugekommen.
02:07In über 50 Fällen vermuten die Behörden sexuelle Übergriffe auf Kinder.
02:12Roxane de Jour glaubt, dass auch ihrer Tochter Schlimmes passiert ist.
02:16Das Pariser Rathaus hat eine kleine Broschüre herausgegeben, in der es um nonverbale Signale geht.
02:21Unsere Tochter zeigte all diese Signale.
02:24Roxanes Tochter hat eine Sprachstörung, drückt sich in Zeichensprache und mit einzelnen Wörtern aus.
02:29In der Schule braucht sie einen ständigen Betreuer.
02:34Sie sagt zu mir, kille, kille, kille.
02:36Ich sage zu ihr, ah, kille, kille, er hat dich am Rücken oder am Arm gekitzelt.
02:41Und sie sagt, wehgetan.
02:44Ich sage, ach, hat er dir wehgetan?
02:46Und sie sagt, poh, da wiederhole ich es noch einmal und sage, Moment mal, was erzählst du mir da, dass
02:51er dir am Po wehgetan hat?
02:52Und dann die totale Krise, aber so richtig.
02:55Alle Badespielsachen flogen durchs Zimmer, sie schrie und schrie.
02:59Ich weiß nicht mit Sicherheit, was genau passiert ist.
03:02Sie ist nicht in der Lage, es genau zu erzählen.
03:04Sie hat aber wichtige Dinge gesagt.
03:06Ich befürchte, dass schlimme Dinge passiert sind.
03:10Jungen und Mädchen im Kindergarten oder der Grundschule während der Mittagszeit beaufsichtigen, sie in Randzeiten betreuen.
03:17Das übernehmen in Frankreich größtenteils Aufsichtskräfte, keine Lehrerinnen und Lehrer.
03:22Die Aufsichtskräfte sind nicht direkt bei Schulen oder dem Bildungsministerium angestellt,
03:26sondern werden von der Stadtverwaltung beschäftigt, oft ohne Ausbildung und als Aushilfe.
03:32Allein die Stadt Paris beschäftigt rund 15.000 Betreuer.
03:36Auch hier und weit des Eiffelturms gab es Vorfälle.
03:39In der Vorschule St. Dominique wurden dieses Jahr 16 Personen festgenommen.
03:43Zwei Betreuer kamen in Untersuchungshaft.
03:46Die Eltern erfuhren davon aus der Presse.
03:49Zum Protest und weiter Schule hat Anne von SOS Periscolaire aufgerufen.
03:54Demonstriert wird in einem der exklusivsten Viertel von Paris selten,
03:57doch die Empörung der Eltern hier ist groß.
04:03Den Aussagen der Kinder zufolge haben die Betreuer die Kinder zu mehreren missbraucht.
04:08Sie stimmten sich ab.
04:10Zur Mittagszeit brachten mehrere von ihnen die Kinder in Räume, um sie dort zu missbrauchen.
04:18Meinem Sohn ging es nicht gut, er war verstört.
04:21Ich hoffe, dass es daran lag, dass er angeschrien wurde.
04:24Das ist zwar schlimm, aber weniger schlimm als Gewalttaten.
04:29Meine Tochter ist wahrscheinlich nicht betroffen, aber für viele Eltern bleibt diese Ungewissheit,
04:34ob ihre Kinder betroffen sind oder nicht.
04:38Das französische Parlament will nun die Kontrollen für Betreuer verschärfen.
04:42Diese müssen künftig bei der Einstellung ein Führungsdeugnis vorlegen und es alle drei Jahre erneuern.
04:49Die Schulbetreuer selber sehen sich seit den jüngsten Skandalen einem Generalverdacht ausgesetzt.
04:54Sie fordern geregelte Arbeitszeiten und vor allem höhere Gehälter.
04:59Viele würden nur als Springer eingesetzt, sagen Betroffene.
05:02Man muss Leute, die diesen Beruf ausüben wollen, mit richtigen Verträgen und einem guten Gehalt gewinnen.
05:08Da wir all das nicht haben, haben wir mit unzuverlässigen Leuten zu tun und natürlich auch mit Menschen,
05:13die potenziell gefährlich sein können.
05:16Wenn man jemandem vorschlägt, mittags zwei Stunden pro Tag zu arbeiten, funktioniert das nicht.
05:22Die Stadt Paris hat einen Aktionsplan im Volumen von 20 Millionen Euro beschlossen.
05:28Unter anderem sollen Qualifikationen besser kontrolliert und die Ausbildung von Betreuern verbessert werden.
05:33Die Schulbeauftragte der Stadt Paris wollte uns trotz mehrerer Nachfragen kein Interview geben.
05:39Vertreter der Justiz haben eine Erklärung, warum die gerichtliche Aufarbeitung der Missbrauchsfälle nur schleppend in Gang kommt.
05:46Es stimmt, dass wir dazu neigen, schreckliche Dinge nicht sehen zu wollen.
05:49Es handelt sich also um eine Art kollektive Verblendung.
05:52Auch die Justiz muss sich kritisch hinterfragen und sie muss unbedingt mit großer Offenheit und Demut anerkennen,
05:58dass sie bei der Bekämpfung dieser Probleme vielleicht nicht immer ihren Aufgaben gerecht geworden ist.
06:03Im Moment bleibt so für viele der Betroffenen der Eindruck.
06:07Ein Grund für die schleppende Aufklärung der Missbrauchsfälle sei auch das Versagen der Justiz.
06:16Polizei, Stadtverwaltung, Regierung, Justiz, sie alle haben es zugelassen, dass die Kinder missbraucht wurden,
06:23anstatt etwas zu ändern und zu akzeptieren, dass auch sie Teil dieser Missstände sind.
06:28Sie sind in Partie responsable für diese Dysfonktionen.
06:34Sie sind in Partie responsable für diese Dysfonktionen.
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