- vor 2 Monaten
In dieser Folge stehen die Taten von Serienmördern im Fokus –
Verbrechen, die sich über Jahre hinweg wiederholen und oft
lange unentdeckt bleiben.
Verbrechen, die sich über Jahre hinweg wiederholen und oft
lange unentdeckt bleiben.
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TVTranskript
00:00Heute in XY Spuren des Verbrechens.
00:04Serienmörder.
00:05Warum sie immer wieder töten und lange unentdeckt bleiben.
00:10Raus!
00:14Dass du in mein Auto eingestiegen bist,
00:17war der letzte Fehler in deinem Leben.
00:37Serienmörder.
00:38Das ist ein Begriff, bei dem man sofort aufhorcht.
00:41Er erzeugt Angst und Schrecken,
00:43aber vielleicht auch so eine Art Faszination.
00:46Die nachgestellten Szenen, die wir gerade gesehen haben,
00:49stammen aus Fällen, in denen Serienmörder eine zentrale Rolle spielen.
00:53Es sind 4 Mordserien aus dem Archiv von Aktenzeichen XY ungelöst.
00:58Und ich möchte anhand dieser Fälle herausfinden,
01:01ab wann ist jemand ein Serienmörder?
01:03Folgt er dabei immer dem gleichen Muster?
01:05Und wie kann ein Mensch überhaupt zu solchen Taten fähig sein?
01:09Das ist XY Spuren des Verbrechens.
01:12Ich bin Helene Reiner.
01:14Und eine Frage klärt sich direkt.
01:16Nämlich die, warum Serienmörder teilweise über Jahre unentdeckt bleiben.
01:21Stichwort Doppelleben.
01:23Und wie gut das funktioniert, zeigt der Fall von Frank G.
01:26Ein Familienvater mit sadistischen Gewaltfantasien.
01:31Ein Serienmörder, den seine Ex-Partnerinnen im späteren Prozess
01:34als zärtlichen Liebhaber beschreiben.
01:37Wir schauen später noch, welche Rolle dieses Doppelleben spielt
01:41und warum offenbar niemand Verdacht schöpft.
01:43Aber erst mal schauen wir hinter die Fassade
01:46auf die Morde von Frank G.
01:54Ich fuhr abends, ich meine, es war schon dunkel,
01:57ziellos in der Gegend herum.
01:59Da stand eine Tramperin mit Gepäck.
02:03Die Südafrikanerin Catherine lebt in den Niederlanden und will nach Hause.
02:06Na, wo willst du hin?
02:08To Nordwijk in the Netherlands in the South.
02:11Right.
02:12Or at least to the next Rust-Settel?
02:16Like an.
02:17Cool.
02:18Catherine wird Beifahrerin eines Mannes,
02:21der seit langem grausame Gewaltfantasien hegt.
02:24Die junge Tramperin ahnt nicht, in wessen Auto sie steigt.
02:37Kurz darauf fährt Frank G. von der Autobahn ab.
02:41Catherine behagt es nicht.
02:44Was ist falsch?
02:47Was ist falsch?
02:50Ist es ein Problem mit dem Auto?
02:54Nein, nein.
03:01Ich muss nur mal auf Toilette.
03:04Okay.
03:07Doch Frank G. hat gelogen.
03:09Er bedroht die 28-Jährige mit einer Pistole und vergewaltigt sie.
03:14Catherine hat keine Chance zu fliehen.
03:21Danach tötet er die Anhalterin mit einem Kopfschuss.
03:29Katharines unbekleidete Leiche wird in den Niederlanden gefunden.
03:33Frank G. hat Kopf und Hände abgetrennt,
03:35um ihre Identifizierung zu erschweren
03:37und um nicht mit der Tat in Verbindung gebracht zu werden.
03:41Die Polizei findet zwar seine DNA.
03:43Da diese jedoch in keiner Datenbank gespeichert ist,
03:46wird der Fall vorerst zu den Akten gelegt.
03:54Frank G. arbeitet zu dieser Zeit für den Lebensgefährten seiner Mutter
03:58und verkauft Krawatten auf einer Messe in Essen.
04:01An diesem Abend fährt er auf den Straßenstrich
04:04und spricht die Prostituierte Silke an.
04:09Komm, steck an.
04:14Im Verlauf der Messe bin ich an einem Abend
04:16auf den Essener Straßenstrich gefahren.
04:18Dort habe ich mir ein Mädchen geholt,
04:20ohne speziell zu selektieren.
04:23Sie ist eingestiegen und wir sind losgefahren.
04:25Das Mädchen war total heil.
04:28Sie ist auf dem Beifahrersitz fast eingeschlafen.
04:30Die Gedankenwelt von Frank G.
04:32ist inzwischen immer stärker von seinen Gewaltfantasien bestimmt.
04:36An diesem Abend werde diese erneut
04:38und noch grausamer an einer Frau ausleben.
04:40Während des Geschlechtsverkehrs
04:42habe ich mit der rechten Hand die Waffe ergriffen.
04:44Dann habe ich absichtlich laut gehustet,
04:46um das Geräusch des Harnspannens zu überdecken.
04:51Ein Autofahrer entdeckt Silkes Leiche an einem Wirtschaftsweg.
04:57Er hat Frank G. nicht allein, wie zuvor bei Catherine,
05:00den Kopf abgetrennt.
05:02Der Leichnam ist grausam zugerichtet.
05:12Das folgende dritte Mordopfer ist eine Verwandte,
05:15der sich Frank G. offenbarte.
05:17Weil sie drohte, ihn zu verraten.
05:19Dann bricht Zinsadismus wieder durch.
05:22Etwa ein Jahr nach der Sache mit Silke hatte ich Ruhe.
05:26Auch diese Gewaltfantasien waren nicht mehr vorhanden.
05:29Ein Jahr später fingen sie dann wieder an.
05:32Ich weiß nicht mehr, was damals der Auslöser dafür war.
05:35Im Juni 1998 fährt Frank G. erneut zum Essener Straßenstrich,
05:39wo er auf sein viertes Opfer trifft.
05:41Seine damalige Frau glaubt,
05:43der Dachdecker arbeite auf einer Baustelle.
05:46400 Mark.
05:48Okay.
05:50Wenn ich nicht kresseln darf.
05:51Für 400 Mark.
05:59Okay.
06:01Aber zuerst das Geld, ja?
06:04Auch das heimliche Ansparen der 400 Mark ist Teil seines Plans.
06:09Was der jungen Prostituierten in den nächsten Stunden
06:12in der Gewalt von Frank G. widerfährt,
06:14ist kaum in Worte zu fassen.
06:17Der Grund für die dritte Tat und die Planung dafür war,
06:20dass ich einmal ein Opfer leiden sehen wollte.
06:23Diese Sache hatte ich schon in meiner Fantasie genau durchgeplant.
06:28Weißt du, dass du in mein Auto eingestiegen bist?
06:33Das war der letzte Fehler in deinem Leben.
06:40Frank G. wurde im Jahr 2000 wegen Mordes in vier Fällen verurteilt.
06:44Was uns dieser Fall über Serienmörder verrät und welche Muster sich darüber hinaus erkennen lassen,
06:50kann ich jetzt mit Kolja Schilz besprechen.
06:52Er ist Professor für forensische Psychiatrie hier an der Universität München
06:57und beschäftigt sich als Arzt und Wissenschaftler mit psychisch kranken Straftätern
07:02und ist als Gutachter vor Gericht tätig.
07:07Hallo, Herr Schilz. Schön, dass Sie Zeit für uns haben.
07:09Guten Tag.
07:11Herr Professor Schilz, vielleicht können Sie uns einen kurzen Überblick geben,
07:15dass ein Mensch zu solchen tatenfähig ist wie im Fall von Frank G.
07:20Welche psychischen Erkrankungen oder Störungen liegen da vor?
07:24Also spezifisch für den Frank G. kann man sagen,
07:27dass hier ein sexueller Sadismus vorgelegen hat.
07:30Allgemein, und das hat er gemeinsam mit anderen Serienkillern,
07:35oder Serienmördern, ist auch ein Empathiedefizit festzustellen.
07:39Also er hat kein Mitgefühl mit den Opfern, die er dort umgebracht hat.
07:43Und das ist etwas, was sehr viele dieser Serienmörder an den Tag legen.
07:48Frank G. ist in schwierigen familiären Verhältnissen aufgewachsen.
07:51Das kann natürlich keine Ausrede sein, deswegen muss man nicht zum Mörder werden.
07:56Aber was würden Sie sagen, wie hoch ist der Anteil einer problematischen Kindheit?
08:04Grundsätzlich spielt die Kindheit eine wichtige Rolle für die Entwicklung eben auch der Fähigkeit zur Empathie
08:10und der dauerhaften Anwesenheit von Empathie und überhaupt zur Entwicklung von zwischenmenschlichen Beziehungen.
08:16Und da muss man bei Frank G. ganz klar feststellen,
08:19dass sich da große Auffälligkeiten seit der Geburt über die Kindheit und die Jugend bereits abzeichnen.
08:25Also hier sind viele traumatische Faktoren.
08:28Ähnliche Muster sehen wir bei vielen anderen Personen, die dann schwere Straftaten später begehen.
08:34Bei mehreren Taten, inwieweit sinkt nach der ersten Tat die Hemmschwelle und die Brutalität nimmt zu?
08:43Das ist ein Muster, was wir sehr häufig bei Serienmördern tatsächlich sehen,
08:47dass erste Taten weniger ausgestaltet sind, wie wir das nennen,
08:51also weniger zum Beispiel sexuelle, sadistische Handlungen vorkommen,
08:55erst nur ganz wenige, wie auch bei Frank G. und bei anderen Tätern,
09:00und sich das im Laufe der Zeit dann steigert.
09:03Das kommt daher, dass die Täter sich auch während der Verübung der Taten daran gewöhnen, was sie machen.
09:10Sie werden routinierter.
09:11Ein anderer Mechanismus, der auch eine Rolle spielt, ist, dass die Intensität dessen, was sie gerne machen wollen, sich auch
09:19steigert.
09:20Also sie haben etwas, was sie befriedigt, sexuell-sadistische Handlungen,
09:25und sie wollen das dann immer weiter steigern.
09:27Und dadurch werden die Taten dann auch drastischer.
09:30Bei Frank G. wurde eine leicht überdurchschnittliche Intelligenz festgestellt.
09:34In Filmen oder Serien, man kennt das ja, dass Serientäter oft als besonders clever dargestellt und gezeichnet werden.
09:42Ist da was dran oder ist es ein Klischee?
09:44Ich würde das zunächst als Klischee einordnen.
09:48Die meisten Serientäter sind eher ganz normale, wenig auffällige Personen, die durchschnittliche Leben führen.
09:54Bei Frank G. galt das Risiko, dass er rückfällig wird, als hoch.
09:58Andere Mordserien dagegen enden ohne erkennbaren Grund und ohne, dass der Täter zunächst gefasst werden kann.
10:06Egidius S. ist so ein Beispiel.
10:09Er wurde auch als Würger von Aachen bezeichnet.
10:12Er erwürgte oder erdrosselte fünf Anhalterinnen.
10:16Diese Mordserie folgte über sieben Jahre hinweg dem gleichen Muster, ohne dass es der Polizei gelang, ihn zu stoppen.
10:28Angelika ist am Abend des 31. August 1984 mit ihrer Freundin Margit zu einem Disco-Besuch verabredet.
10:36Die 17-Jährige wird in dieser Nacht zum dritten Opfer von Egidius S.
10:41Weil Bus und Bahn im Kreis Heinsberg keine Fahrmöglichkeit bieten, wollen die Schülerinnen per Anhalter nach Boscheln bei Aachen.
10:48Hallo. Hallo. Wartest du schon lange?
10:50Ach nee, nicht so schlimm. Was ist denn noch? Gehen wir in die Rocktabrik?
10:53Klar. Mein Vater hat nur wegen den Bränden wieder gemeckert.
10:57Sollen wir die 35 Kilometer zu Fuß gehen oder vielleicht mit dem Fahrrad fahren?
11:00Du weißt doch, die denken böse an die Schauer.
11:02Blödsinn, wir passen schon auf.
11:04Genau, habe ich ihm auch gesagt.
11:07Viele junge Menschen sind damals per Anhalter unterwegs.
11:10Vor allem im ländlichen Raum, wo die Entfernungen weiter und öffentliche Verkehrsmittel seltener sind.
11:16Angelika und Margit stellen sich an unterschiedlichen Punkten der Kreuzung auf.
11:21Ein junger Mann hält an.
11:23Feindsinn Richtung Gallenkirchen?
11:25Ja, bis Hückelhofen kann ich die mitnehmen.
11:26Prima, kann meine Freundin auch noch mitschauen.
11:29Okay, meinetwegen.
11:31War geht's, komm!
11:35Die Freundinnen verbringen einige Stunden in dem Club.
11:38Womöglich ist Angelikas Mörder bereits im Auto auf den nächtlichen Straßen unterwegs.
11:43Mit Handschellen, einem Strick und Nylonstrümpfen im Seitenfach der Fahrertür.
11:54Gegen Mitternacht verlässt Angelika plötzlich das Lokal.
11:58Allein.
11:59Ihre Freundin Margit will sie noch aufhalten.
12:01Angelika, warte!
12:08Angelika!
12:10Angelika, warte doch!
12:13Doch Angelika ist verschwunden.
12:17Ungefähr eine halbe Stunde später wird sie noch einmal sechs Kilometer weiter in Gallenkirchen von einer Autofahrerin gesehen,
12:23die allerdings eine andere Strecke fährt und sie deswegen nicht mitnehmen kann.
12:29Irgendwann muss Angelika in das Auto von Egidius S. gestiegen sein.
12:33Wie seine anderen Opfer wird der Versicherungsvertreter auch sie fesseln, sexuell missbrauchen und anschließend erdrosseln, um seine Tat zu verdecken.
12:42Ihren fast nackten Leichnam legt der Täter in einem Waldstück ab.
12:48Ihre Freundin Margit wundert sich am nächsten Tag, dass Angelikas Fahrrad noch am Bahnhof steht.
12:53Hey, das ist doch Angelikas Fahrrad.
12:56Das muss ich halt nacht hier stehen lassen haben.
12:58Du, da stimmt was nicht.
12:59Da muss ich gleich zu Hause bei den Eltern anrufen.
13:01Komm.
13:03Also, ich hab da nichts mitgekriegt.
13:05Die Angelika hat mir nur ein Zeichen gemacht, dass sie gehen will und dann war sie auch schon weg.
13:10Das verstehe ich nicht.
13:12Sie ist doch immer gleich nach Hause.
13:16Na ja, ja, ist schon gut, Margit.
13:19Dankeschön.
13:21Nichts.
13:23Ich hab's immer schon gesagt.
13:24Dieses verdammte Trend.
13:27Die Polizei kann Angelikas Mörder nicht ermitteln, aber seine DNA-Spuren an ihrer Leiche sicherstellen.
13:33Ein Treffer in der DNA-Datenbank gelingt erst nach über 20 Jahren.
13:38Angelika war das dritte Opfer von Egidius S. Er mordete danach noch zweimal. Zuletzt 1990.
13:46Fast zwei Jahrzehnte später passierte dann etwas ziemlich Unglaubliches.
13:50Wir haben die Szenen mit einer Animation nachgestellt.
13:54Es ist Ende März 2007. Auf einem Schrottplatz in Heinsberg will der Mann Altmetall stehlen.
14:01Doch er wird erwischt. Die Polizei nimmt ihn vorläufig fest.
14:07Freiwillig gibt er den Beamten eine DNA-Probe. Beim Abgleich mit der Datenbank landen die Ermittler einen Volltreffer.
14:16Das DNA-Profil stimmt mit den Spuren überein, die an der Leiche von Angelika sichergestellt werden konnten.
14:24Drei Beamte vernehmen Egidius S. im Wechsel über zwei Tage.
14:29Am ersten Tag gesteht er nur den Mord an Angelika. Am zweiten vier weitere Morde.
14:34Es fallen Sätze wie, an dem Tag habe ich mein Leben zerstört und selbstverständlich nicht nur meines.
14:41Oder auch, das höchste Gut ist das Leben, das zweite Gut ist die Freiheit.
14:46Am Ende der Befragung bricht der Serienmörder in Tränen aus.
14:51Da klingt ja schon Reue durch in diesen letzten Worten. Herr Professor, das ist aber bei Serientätern eher die Ausnahme,
14:59oder?
15:00Die Frage, die man hier erstmal beantworten muss, ist, ist das tatsächlich Reue über die Taten oder ist es auch
15:06Mitleid mit sich selber?
15:07Dass man sozusagen Reue empfindet, in welches schlechte Fahrwasser man gekommen ist, welche gesellschaftliche Reputationsbeschädigung man hinnehmen muss.
15:18Es ist ja ein kompletter Gesichtsverlust gesellschaftlich, wenn man jetzt inhaftiert wird wegen solcher Taten.
15:24Und ich vermute viel Selbstmitleid in den Fällen.
15:27Täuscht der Eindruck oder sind Serienmörder eigentlich immer männlich?
15:32Es sind auch weibliche Serienmörderinnen bekannt, aber das sind viel weniger.
15:37Das sind also wahrscheinlich etwa ein Hundertstel des Anteils oder der Anzahl der Männer.
15:42Viel weniger.
15:43Woran liegt das?
15:45Gewalt und überhaupt auch gewalttätige Handlungen werden von Frauen nicht so häufig angewendet wie von Männern.
15:53Es gibt aber den Hinweis, wenn Frauen schwere psychiatrische Erkrankungen haben, dass dann ihr Anteil etwas ansteigt.
16:00Also Frauen sind wahrscheinlich auch eher gehemmt im Hinblick darauf, Gewalt anzuwenden.
16:04Das können gesellschaftliche Rollen sein, die da wesentlich sind.
16:11Sozialisationsfragen, wir wissen es nicht.
16:13Sie sind ja auch als Gutachter tätig.
16:17Kann man denn als Gutachter zum Ergebnis kommen, dass ein Serienmörder nach langer Haftstrafe wieder zurück in die Gesellschaft gelassen
16:24wird?
16:24Es könnte ja hier durchaus so sein, dass diese Person eine ausgiebige sexualtherapeutische Behandlung durchlaufen hat.
16:32Dass eine Resozialisierung schon während der Haft weitgehend erfolgt ist, sodass eine Einbindung in die Gesellschaft schon wieder da ist.
16:40Haft hat immer einen rehabilitativen Zweck in Deutschland.
16:44Und wenn derjenige eine Arbeit hat, familiäre Anbindung hat, überhaupt keine ranghafte Sexualität mehr besteht, dann ist darüber durchaus zu
16:53diskutieren.
16:54Warum kann es sinnvoll sein, einen Serientäter zu therapieren, auch wenn dieser nie mehr freikommen wird?
17:03Ganz grundsätzlich ist es in Deutschland gesetzlich so geregelt, und das ist auch sehr gut so, dass jeder Person, der
17:09die Freiheit genommen wird durch eine Verurteilung oder einen Gerichtsbeschluss, auch eine therapeutische Möglichkeit angeboten werden muss.
17:16Also, dass die Resozialisierung immer als Potenzial da sein muss.
17:21Therapie, das ist auch ein zentrales Thema bei Thomas H. Er wurde als Heidemörder bekannt, benannt nach seinem letzten Wohnort
17:29in der norddeutschen Heide.
17:31Er hat vier Frauen vergewaltigt, drei davon umgebracht.
17:35Er wurde nach seiner Verurteilung in der Psychiatrie untergebracht, als vermindert schuldfähig eingestuft.
17:41Und dort hat er eine Therapeutin getroffen, die später noch eine bedeutende Rolle in diesem Fall spielen sollte.
17:48Aber zunächst zu seinen Taten.
17:53Den 23. November 1987 verbringt die Studentin Andrea an der Hamburger Universität.
18:00Nach den Vorlesungen lernt sie bis ca. 19.15 Uhr noch mit einer Freundin in der Bibliothek.
18:07Nächste Haltestelle, grüß Sie.
18:10Im Anschluss fährt sie mit der S-Bahn nach Hause. Die 21-Jährige wohnt noch bei ihren Eltern.
18:16Ihr Mörder sieht Andrea aus seinem Auto. Er parkt und zwingt sie mit einem Messer in seine Gewalt.
18:22Als Andrea nicht zu einer Verabredung erscheint, ruft die Freundin ihre Mutter an.
18:26Ich sitze hier wie auf Kohlen.
18:28Ich dachte, ihr spielt schon längst. Wo bist du denn jetzt?
18:31Noch zu Hause. Sie wollten mich doch mit dem Auto abholen.
18:34Da hätte sie ja von der Uni erst nach Hause kommen müssen.
18:37Na klar. Sie hat ja auch ihre Sportsache nicht mitgenommen.
18:40Das ist aber komisch.
18:42Andrea wird in diesen Stunden das erste Opfer, das Thomas H., dem sogenannten Heidemörder, sicher nachzuweisen ist.
18:51Einem Autofahrer fällt in dieser Nacht ein Pkw mit Standlicht und offener Heckklappe am Rande einer Bundesstraße nördlich von Hamburg
18:58auf.
19:01Genau an dieser Stelle wird zwei Tage später die Leiche der jungen Frau gefunden.
19:06Thomas H. hat Andrea erst vergewaltigt und dann getötet.
19:13Und nur drei Monate später in Hamburg. Petra ist Mutter zweier Töchter.
19:19Sie will an diesem Abend nochmal weg. Ihre Mutter wohnt nebenan und weiß Bescheid.
19:23Ihr Mann erholt sich im Krankenhaus von einem Eingriff.
19:27Das Ehepaar ist Teil einer Spargemeinschaft, die sich in der knapp einen Kilometer entfernten Stammkneipe trifft.
19:34An diesem Abend steht die wöchentliche Einzahlung an.
19:37Hallo Petra. Hallo Uschi. Hallo zusammen. Hallo Petra.
19:42Hast du schon geleert worden? Nein, noch nicht. Aber ich habe für dich aufgepasst.
19:45Hat das Geld schon parat? Na gut, dann mache ich das schnell. Kannst du schon ein Bier fertig machen?
19:51Als Petra die Kneipe gegen 23 Uhr verlässt, ist Thomas H. bereits in der Nähe.
19:57Er wird sie nach dem Weg zur Polizei fragen.
20:01Petra wird in dieser Nacht das zweite Mordopfer von Thomas H., dem damals 23-jährigen Grafiker.
20:08Er quält und vergewaltigt sie in seiner Wohnung, bevor er die junge Mutter erwürgt.
20:12Die 29-Jährige soll sich mit aller Kraft gewehrt haben.
20:17Gottes Willen, Kinder, kommt rein. Was ist denn los? Ihr holt euch ja den Tod.
20:21Die Mutti ist nicht da. Wie? Was heißt nicht da?
20:26Ja, die ist weg. Wir sind alleine aufgestanden.
20:29Wartet, ich komme nicht rüber.
20:3330 Kilometer nordöstlich von Hamburg entdeckt ein Bauer am Tag darauf Petras unbekleidete Leiche auf einem Feld.
20:40Sie wird anhand ihres Eheringes schnell identifiziert.
20:51Der Heide-Mörder mordet danach noch ein weiteres Mal.
20:54Es kommt zu einer großen Fahndungsaktion, bei der Thomas H. festgenommen wird.
20:591993 wird er verurteilt zu lebenslanger Freiheitsstrafe.
21:04Er gilt als vermindert schuldfähig und wird in einer Hamburger Psychiatrie untergebracht.
21:09Dort lebt er bis heute. Nur zwei Jahre nach seiner Einweisung schafft er es auszubrechen.
21:16Und dabei hilft ihm ausgerechnet eine Therapeutin.
21:22Sein drittes Opfer, eine 22-jährige Kosmetikschülerin, ist als Anhalterin unterwegs.
21:28Thomas H. nimmt sie in seinem Auto mit, fährt sie jedoch nicht an ihr Ziel, sondern in sein abgelegenes Haus
21:35in der Nordheide.
21:36Dort ermordet er die junge Frau.
21:38Nach seiner Ergreifung wird Thomas H. für seine Taten zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt.
21:44Aber wegen verminderter Schuldfähigkeit in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht.
21:50Hier begegnet er einer Psychologin, die Beschäftigungskurse anleitet.
21:55Die Psychologin ist vom Serienmörder eingenommen und verhilft ihm zwei Jahre später zu einer spektakulären Flucht.
22:02Sie verschafft ihm Zugang zur Turnhalle, wo er mit bloßen Händen ein Loch ins Dach reißt.
22:08Draußen seilt er sich sechs Meter tief ab und versteckt sich drei Monate in einem Apartment, das sie für ihn
22:14angemietet hat.
22:15Die Flucht des verurteilten Serienmörders Thomas H. aus der Psychiatrie hat Hamburg in Angst und Schrecken versetzt.
22:23Drei Monate lang, bis er sich selbst stellte.
22:26Bei Aktenzeichen XY ungelöst gab es damals einen Fahndungsaufruf, der mit den Worten endete.
22:32Thomas H., 30 Jahre alt, gilt als sehr gefährlich.
22:37Er wirkt aber, und das erhöht die Gefahr, auf den ersten Blick sympathisch und harmlos.
22:45Da macht ein Serienmörder also einen sympathischen, harmlosen Eindruck und bringt eine Therapeutin dazu, ihm bei der Flucht zu helfen.
22:52Wie konnte er sie so manipulieren?
22:56Nach den Informationen, die ich über den Fall habe von Thomas H., war es so, dass diese Therapeutin ein besonderes
23:05Bedürfnis hatte, Menschen zu helfen und Missstände aufzudecken.
23:08Und es ist ihm hier gelungen, tatsächlich sich so darzustellen, als ob er in dem Umfeld der forensischen Psychiatrie nicht
23:15richtig behandelt würde,
23:17als ob er benachteiligt würde, als ob ihm Dinge fehlen und ihm nicht gegeben würden, die ihm eigentlich zustimmen.
23:22Denn, sodass die Frau sich berufen gefühlt hat, das geht aus dem hervor, was ich darüber weiß.
23:29Wenn wir über das Umfeld und das Thema Doppelleben sprechen, wie kann das eigentlich sein, dass da niemand etwas von
23:34solchen grausamen Taten mitbekommt?
23:38Das ist eine in der Tat faszinierende Frage.
23:41Es ist halt so, dass diese Personen vollkommen normal sozial integriert sind.
23:46Sie haben einen Beruf, sie haben eine Familie, sie haben auch Freundesumfeld.
23:51Aber dann in bestimmten Situationen tritt halt beispielsweise eine abweichende Sexualbefriedigung in den Vordergrund oder ein sexuelles Bedürfnis, das nicht
24:01mehr normal ist.
24:02Und das leben diese Personen eben nicht in ihrem normalen Umfeld aus, sondern ganz speziell in Situationen, wo Taten dann
24:08begangen werden und wo sie eben nicht beobachtet werden.
24:11Sie sind häufig in der Lage, auch wieder völlig umzuschalten, sodass sie auch nach den Tatbegehungen ganz unauffällig wieder in
24:18ihrer Familie erschienen sind, am nächsten Morgen aufgestanden sind aus dem Bett.
24:21Niemand hat was geahnt.
24:23Kann so eine scheinbar normale Fassade, ein bürgerliches Leben, jemanden davon abhalten, noch mehr Taten zu begehen?
24:30Das kann alleine sicherlich nicht entsprechend motivierte Täter abhalten.
24:34Aber es ist eine Stabilisation. Und wenn jemand ein solches Leben hat, ist das immer prognostisch günstiger, als wenn jemand
24:42ein solches Leben nicht hat.
24:43Also wenn jemand heimatlos, also wohnsitzlos ist, keine Wohnung hat, keine Beziehung hat, dann ist die Gefährlichkeit in der Regel
24:50doch noch höher, zumindest im Durchschnitt.
24:53Partnerinnen scheinen ja auf so eine Art unantastbar zu sein. Und auch mit der Familie kann ganz liebevoll umgegangen werden,
25:01während mit den Opfern überhaupt kein Mitgefühl gezeigt wird. Wie kann man sich das erklären?
25:06Ganz wichtig ist halt in den meisten Fällen, dass Opfer ausgesucht werden, zu denen gar keine Beziehung besteht.
25:14Und dass diese Opfer eben leichter objektifiziert werden können und dass damit überhaupt kein Mitgefühl mit ihm empfunden werden kann
25:21vom Täter oder auch nicht soll.
25:23Diese Situation wird so konstelliert vom Täter.
25:26Das zeigt auch unser nächster Fall, bei dem zwei Opfer Prostituierte waren. Gemeint ist der sogenannte Brummi-Mörder.
25:34Marco M., ein Lkw-Fahrer, der zwischen 2003 und 2006 vier Frauen vergewaltigte.
25:42Drei davon hat er getötet, eine konnte schwer verletzt überleben.
25:47Marco M. hat die Ermittler vor große Herausforderungen gestellt.
25:51Er begien zwei seiner Taten in Nordrhein-Westfalen, zwei in Hessen, also zwei Bundesländer und kaum verwertbare Spuren.
26:00Dabei drängte die Zeit, weil eins war sicher, Marco M. würde wieder zuschlagen.
26:09In seiner Stammkneipe ist Marco M. ein gern gesehener Gast. Er gilt als ruhig und freundlich.
26:16Ab und an fährt er sogar junge Frauen nach Hause, damit ihnen nichts passiert.
26:21Du, Marco! Kannst du dich so ein Traum mitnehmen? Die wurden bei dir auf dem Weg.
26:25Sie? Kein Problem.
26:27Eine langjährige Freundin bezeichnet den Lkw-Fahrer später im Prozess als Frauenversteher.
26:35Drei Frauen hat Marco M. getötet, eine vierte überlebte knapp.
26:41Sein erstes Opfer, eine Prostituierte vom Kölner Straßenstrich, wird erdrosselt und postmortal vergewaltigt,
26:48zwischen Gartenhütten eines Baumarkts aufgefunden.
26:53Ein Jahr später fährt Marco M. nach einem heftigen Ehestreit wieder zum Kölner Straßenstrich.
26:59Dort spricht er eine junge Frau aus Osteuropa an.
27:12In den nächsten Stunden steht die junge Frau Todesängste durch.
27:19Hilfe! Hilfe! Hilfe!
27:23Marco M. macht sich die Prostituierte mit beispielloser Brutalität gefügig.
27:27Später wird sie aussagen, er habe sie behandelt wie ein Tier.
27:31Sein Gesicht prägt sich ihr unweigerlich ein.
27:36Ebenso die auffälligen punktförmigen Narben am Bauch des Täters.
27:42Bitte! Bitte! Bitte, lass mich gehen!
27:47Bitte!
27:48Komm!
27:51Aus!
27:54Marco M. geht davon aus, dass die Frau seine Messerattacke nicht überlebt.
28:02Doch obwohl der Stich eine Herzkammer durchbohrt hat, schafft sie es mit letzter Kraft, sich über ein Feld zur nächsten
28:07Straße zu schleppen.
28:09Eine Notoperation rettet ihr das Leben.
28:12Die Kripo Köln lässt anhand ihrer Aussage ein Phantombild des Täters erstellen.
28:20Und sie erkennt die Parallelen zum ersten Prostituiertenmord und überprüft 5000 Lkw-Halter und Speditionen.
28:28Auch die Datenbanken werden auf sexuell gewalttätige Lkw-Fahrer hindurchsucht. Ohne Erfolg.
28:37Doch dann durchbricht der Täter sein vermeintliches Schema.
28:43Marco M. ist ziellos mit seinem PKW in seinem Heimatort unterwegs, als ihm eine junge Frau über den Weg läuft.
28:50Sie ist Anfang 30 und wird zum Zufallsopfer.
28:59Es ist das erste und einzige Mal, dass Marco M. ein Opfer mit nach Hause nimmt.
29:04Seine Ehefrau hatte sich einige Monate zuvor von ihm getrennt.
29:10Aus Angst um ihr Leben lässt die Frau eine Vergewaltigung widerstandslos über sich ergehen.
29:15Um seine Tat zu verdecken, erwürgt Marco M. die junge Frau und vergeht sich im Anschluss noch einmal an ihr.
29:23Ein Analyse-Team des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen versucht herauszufinden,
29:28ob dieser Mord mit den beiden Taten in Köln zusammenhängt.
29:31Doch das Muster weicht scheinbar zu sehr ab.
29:36Was ist denn mit eurem LKW-Fahrer? Der hat doch seine Opfer auch gewürgt und gedrosselt, wie der Mörderf***er.
29:42Ja, schon, aber seine Opfer waren Prostituierte. Und bei beiden Taten hat er ein LKW eingesetzt.
29:48Das war hier nicht der Fall.
29:51Den dritten und letzten Mord begeht Marco M. im Sommer 2006 an einer 18-jährigen Schülerin aus Kassel.
29:57Auch sie erwürgt er. Auch ihr Leichnam wird geschändet.
30:02Der Spurensicherung gelingt es, Hautpartikel sowie ein Haar sicherzustellen.
30:08Wenige Wochen später entdeckt ein Passant an einer Rheinbrücke einen Plastikbeutel mit Portemonnaie und Handy der Toten.
30:16Marco M. wollte diesen offenbar aus dem fahrenden LKW im Fluss entsorgen.
30:20An dem Fund haftet seine DNA. Und damit gelingt den Ermittlern in Hessen der Durchbruch.
30:27Halt den Punkt fest.
30:28Die Spur im Fall Nicole an der Socke passt zu der Mischspur an der Fingerkuppe im Fall ***.
30:35Und die wiederum passt zu einem Hautpartikel in unserem Fall ***.
30:40Tatsächlich?
30:41Ja.
30:43Ja, und was ist mit der Schülerin?
30:45Die DNA an dem Frühstücksbeutel und die DNA des Täters in allen anderen Fällen stimmen exakt überein.
30:55Da die DNA allerdings keinen Treffer in der Datenbank ergibt, startet die Polizei erneut eine große Medienkampagne.
31:02Auch der Ex-Partner von Marco M.s neuer Freundin sieht das Phantombild in der Zeitung.
31:08und erkennt den neuen Lebensgefährten der Mutter seiner Kinder wieder.
31:13Hallo!
31:14Hallo!
31:16Na, wie geht's euch?
31:17Ihr könnt schon mal reinkommen.
31:18Ich komm gleich nach.
31:20Entschuldigung, wir standen im Stau.
31:23Kein Problem.
31:25Der Mann ruft die Polizei an.
31:28Ich hab vorhin in der Zeitung ein Phantombild von einem Täter gesehen, den sie suchen.
31:33Und ich glaube, der steht hier gerade bei mir vor der Tür.
31:41Die junge Frau, die als einzige überlebte, identifiziert den Tatverdächtigen auf Anhieb.
31:47Keine zwei Monate nach seinem letzten Mord wird Marco M. festgenommen.
31:54Er, der Mann, hat mich fast umgebracht.
32:01Ich weiß es und ich hasse ihn.
32:08Durch die Zusammenarbeit der Ermittler entstand am Ende ein Gesamtbild, das dazu führte, dass der Täter gefasst werden konnte.
32:15Vor welchen besonderen Herausforderungen steht die Polizei im Zusammenhang mit Serientätern?
32:20Das weiß Fabian Puchelt.
32:22Er ist vom Landeskriminalamt Bayern und informiert in Aktenzeichen XY ungelöst regelmäßig über den Stand der Hinweislage.
32:30Hallo, Herr Puchelt.
32:30Hallo, grüß Sie.
32:31Also es gibt die DNA-Proben der Verdächtigen und die Spuren am Tatort.
32:36Können Sie erklären, wie die gesammelt werden?
32:38Weil da geht es ja um winzigste Partikel.
32:41Wir können das einmal ganz gut erklären.
32:42Es gibt auf den Dienststellen draußen diese sogenannten DNA-Entnahmesets.
32:46Schauen folgendermaßen aus, dass hier immer zwei Wattestäbchen enthalten sind.
32:51Und wenn ich einen Tatverdächtigen habe, über den ich DNA-Materiale nehmen kann,
32:55dann nehme ich dieses Stäbchen, fahre in der rechten Wangenseite mit einem Stäbchen rein,
33:00das zweite Stäbchen für die andere Wangenseite.
33:03Und dann kann ich letzten Endes die gesammelte Probe, die sich jetzt hier vorne auf diesem kleinen Watteteilchen befindet,
33:08kann ich jetzt hier hineingeben, verschließen und hier schon der entsprechende Barcode drauf.
33:14Geht dann direkt ins Landeskriminalamt bzw. in die Kriminaltechnik, ins DNA-Labor und kann dann dort analysiert werden.
33:20Was muss jemand eigentlich verbrochen haben, damit die Polizei sagt, ich brauche jetzt eine DNA-Probe von dir?
33:25Das ist in der Strafprozessordnung ganz klar geregelt.
33:27Und wir sprechen da wirklich von Straftaten von erheblicher Bedeutung
33:30oder alle Straftaten, die sich gegen die sexuelle Selbstbestimmung richten.
33:34Und dann gibt es noch dieses Klebeband. Wozu ist das?
33:38Das ist Spurensicherungsklebeband.
33:40Das heißt, wenn man zum Beispiel Oberflächen abkleben möchte,
33:44dann klebt man das einfach auf Kleidung oder Autositze zum Beispiel.
33:47Und natürlich alles, was in der Oberfläche haftet, bleibt auch hier auf diesem Klebeband haften.
33:51Und diese kleinsten Partikel werden dann ins Labor geschickt.
33:54Im Labor wird diese Klebestreifen in lauter kleine einzelne Teilchen zerschnitten.
33:58Jedes Teilchen wird untersucht.
34:00Und da sammelt sich dann letzten Endes auch das DNA-Material dran.
34:03Die DNA-Analyse spielt ja wirklich eine ganz bedeutende Rolle in der Kriminalistik.
34:08Wie hat sich das denn entwickelt? Was waren da so die wichtigsten Meilensteine?
34:12Also man kann sagen, dass ab 1998 hat diese Datenbank, von der wir vorhin schon gesprochen haben,
34:17ihren Wirkbetrieb aufgenommen.
34:18Sprich, ab dem Zeitpunkt war es möglich, dass wir bundesweit schauen,
34:22haben wir DNA-Material eventuell an anderen Tatorten gefunden oder nicht.
34:26Mittlerweile sind wir so weit, dass wenn wir einen Abgleich fahren, so nennt sich das bei uns,
34:30dann werden automatisch natürlich alle Daten bundesweit überprüft.
34:34Und gleichzeitig aber auch alle anderen europäischen Staaten, die in der Europäischen Union sind,
34:38plus Großbritannien, werden automatisch gleich mit abgeglichen.
34:41Ich kann mir vorstellen, dass das auch abschreckend wirkt.
34:44Also ob es wirklich abschreckend wird, kann man so vielleicht nicht sagen.
34:47Aber ich glaube, man kann es vielleicht so erklären,
34:49jedem ist bewusst, dass es heute eigentlich nahezu unmöglich ist,
34:51an einem Tatort keine Spuren zu hinterlassen.
34:53Und die Methoden, die wir heute in der Kriminaltechnik haben,
34:57die sind wirklich so, so fein, dass es sehr, sehr unwahrscheinlich ist,
35:00dass ein Täter oder eine Täterin eben nichts davon am Tatort hinterlässt.
35:04Vielen Dank für die Einblicke und die Erklärung, Herr Buchelt.
35:07Sehr gerne.
35:08Wir haben in dieser Folge drei Serienmörder gesehen,
35:11die mit DNA-Analyse überführt werden konnten.
35:14Entweder, weil sie Spuren der Opfer zum Beispiel im Auto des Täters fanden
35:18oder Spuren des Täters an den Opfern.
35:21Man sollte ja eigentlich meinen, dass diese Indizien,
35:24die ja sehr aussagekräftig sind, ausreichen, um den Täter zu verurteilen.
35:28Das ist aber nicht immer so.
35:30Ein zusätzliches Geständnis sichert das Ermittlungsergebnis auf jeden Fall ab.
35:36Der sogenannte Bürger von Aachen wollte sein Geständnis widerrufen
35:41und der Heidemörder tat sich sehr schwer damit, seine Taten zuzugeben.
35:45Und Marco M. und Frank G. reagierten nochmal ganz anders.
35:54Nach seiner Festnahme verweigert Marco M. erst die Aussage.
36:00Also, was haben Sie mit den Morden zu tun?
36:04Nichts.
36:07Schauen Sie, das bringt doch nichts.
36:09Wissen Sie, die Sache ist nämlich die...
36:12Eins Ihrer Opfer hat sie wiedererkannt.
36:18Morgen legt uns das Ergebnis der DNA-Analyse vor
36:22und damit sind Sie dann überführt.
36:26Na?
36:27Wie schaut's aus?
36:30Also, komm.
36:32Okay.
36:34Bitte?
36:36Ich war's.
36:41Ja.
36:42Können wir uns in Ruhe besprechen?
36:47Kollegen?
36:50Marco M. gesteht die drei Sexualmorde.
36:53Und auch, dass er vom Tod des weiteren Opfers nach dem Messerstich ausging.
36:58Am 4. Juni 2007 wird der sogenannte Brummi-Mörder vom Landgericht Limburg
37:03zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt.
37:06Das Gericht stellt die besondere Schwere der Schuld fest
37:09und ordnet Sicherungsverwahrung an.
37:11Die höchste Strafe, die das deutsche Recht vorsieht.
37:14Der Gerichtsgutachter attestiert Marco M. volle Schuldfähigkeit.
37:18Der Serienmörder ist zu diesem Zeitpunkt 29 Jahre alt.
37:21Auf Jahrzehnte wird er keine Chance auf Freiheit haben.
37:25Im November 1999, fast eineinhalb Jahre nach seinem letzten Mord,
37:31klingelt die Polizei an der Haustür von Frank G.
37:34Zwischen ihm und der getöteten Anhalterin Catherine
37:36konnte eine Verbindung hergestellt werden.
37:41Ich muss sie deshalb vorläufig festnehmen.
37:43Auf der Dienststelle werden wir dann eine Speichelprobe von Ihnen nehmen.
37:50Um die DNA abzugleichen.
37:55Das können Sie sich sparen.
37:59Ich war das.
38:01Die DNA-Probe wird dennoch genommen.
38:03Und sie stimmt überein.
38:05Frank G. hat die Anhalterin Catherine getötet.
38:08Nach dem Ergebnis aus Korbach überlegt die Sonderkommission in Duisburg,
38:12ob er auch der Mörder der zwei Prostituierten sein könnte.
38:15Also spurentechnisch gesehen können wir ihm jedenfalls gar nichts.
38:18Ja.
38:19Wir müssen sehen, was wir auch zum Rauskriegen, wenn er uns gegenüber sitzt.
38:23In der mehrtägigen Vernehmung wächst das Vertrauen von Frank G. zu den Beamten.
38:29Am Ende ist er bereit zu gestehen.
38:31Unter einer Bedingung.
38:35Möchte ich die Möglichkeit, dass ich morgen vielleicht mit meiner Frau reden könnte?
38:40Was möchtest du mit deiner Frau besprechen?
38:44Sie soll die Sache nicht aus den Medien erfahren.
38:51Holt mir meine Frau her und ich erzähle euch alles.
38:56Die Ehefrau von Frank G. wird zur Vernehmung dazugeholt.
39:00Was sie hier hören muss, wird auch bei ihr für immer Spuren hinterlassen.
39:06Roti, ich muss dir was erzählen.
39:10Ich habe da vor fünf Jahren im September 94 eine Anhalterin mitgenommen.
39:18Damit fing es eigentlich an.
39:22Ich wollte sie nicht töten.
39:26Jedenfalls nicht sofort.
39:31Frank G. gesteht auch die weiteren Morde.
39:33Die dritte Frau hieß Sabine.
39:36Ich habe sie mir auf dem Straßenstrich in Essen geholt.
39:41Diese Frau sollte langsam sterben.
39:45Und sie sollte wissen, dass sie stirbt.
40:02Frank G. ist seit 2000 inhaftiert.
40:04Eine Therapie brach er ab.
40:06Schriftlich bekundet er, es ist eine Tatsache, dass sich meine Einstellung zu meiner Haft in den letzten 25 Jahren nicht
40:13verändert hat.
40:14Ich darf nicht raus.
40:15Und ich wollte und will es auch nicht.
40:20Frank G. und Marco M. haben in dem Moment gestanden, als sie wussten, dass sie überführt sind.
40:26Herr Professor, wie sind solche Geständnisse zu deuten?
40:29Ja, so sehr plötzliche Geständnisse in dem Moment, wo die Täter konfrontiert werden damit, dass andere wissen, was sie gemacht
40:37haben,
40:39deuten darauf hin, dass auch eine gewisse Entlastung bei den Personen tatsächlich stattgefunden hat.
40:44Also dass sie merken, jetzt bin ich entdeckt, jetzt kann ich es auch sagen.
40:47Also dass dann ein gewisser Druck auch sich aufgebaut hat, dadurch, dass sie das geheim halten und verstecken mussten.
40:52Und dann möchte man in dem Moment reinen Tisch machen?
40:55Klar, Schiff machen und das endlich sagen. In dem Moment ist das eine Entlastung.
41:00Frank G. wollte in Anwesenheit seiner Frau gestehen, damit sie es von ihm und nicht aus den Medien erfährt.
41:06Hat er sie damit auch zum Opfer gemacht?
41:09Das kann man so interpretieren.
41:11Es könnte aber auch alternativ natürlich sein, dass er gerne wollte, dass er das in einer gewissen schonenden Art ihr
41:18auch beibringen kann,
41:19um bei ihr auch Verständnis zu erzeugen, damit sozusagen der Bruch nicht von außen in die Beziehung reingetragen wird,
41:26sondern er ihr das verständlich machen kann.
41:28Sowohl Frank G. als auch Thomas H. haben gesagt, nach ihrer Verurteilung, dass es besser wäre, wenn sie nie wieder
41:35auf freiem Fuß kämen.
41:37Was sagt das über die Täter aus?
41:40Letztlich zeigt das nur, dass ihnen vollkommen klar ist, dass ihre eigenen Bedürfnisse immer wieder dazu führen,
41:45dass sie ähnliche Verhaltensweisen an den Tag legen wie die bei den Taten.
41:50Die wissen ganz genau, meine Bedürfnisse kann ich nur stillen, wenn ich diese Taten begehe oder ähnliche Taten begehe.
41:58Und in dem Moment sind sie einfach ehrlich und sagen, also wenn man nicht will, dass ich wieder solche Taten
42:04begehe,
42:04dann darf man mich auch nicht wieder in die Freiheit lassen.
42:07Herr Prof. Schilz, Sie haben, als wir Sie angefragt haben, gesagt, dass Sie sich schon sehr lange für dieses Thema
42:14interessieren.
42:15Warum ist das so?
42:17Jeder, fast jeder Mensch interessiert sich ein bisschen dafür, warum machen die das.
42:22Fast jeder hat auch ein bisschen Angst und gruselt sich gerne, wenn er sich die Taten vorstellt oder darüber in
42:28der Zeitung liest.
42:29Ich habe mich schon immer dafür interessiert, was für neurologische und psychiatrische Prozesse dazu führen, dass Menschen irgendwelche Handlungen begehen.
42:37Und wenn Menschen dann derartige Verbrechen begehen, die Ursache zu finden in der Neurologie und Psychiatrie, das war für mich
42:44natürlich sehr interessant.
42:46Herr Prof. Schilz, danke Ihnen für die interessanten Einblicke und dass Sie uns die Hintergründe erklärt haben zum Thema Serienmörder.
42:54Dankeschön.
42:55Danke Ihnen.
42:58Wir wollen Verbrechen verstehen. Das ist hier unser Ansatz. Weil das helfen kann, besser mit ihnen umzugehen.
43:05Serienmörder zeigen oft ähnliche Muster. Es geht bei ihren Taten um Aggression, um Macht, um Kontrolle.
43:13Nach außen wirken viele aber recht unauffällig. Sie sind sozial integriert, manche sogar beliebt.
43:19Das macht es schwer, sie zu erkennen und erklärt, warum sie so große Aufmerksamkeit auf sich ziehen.
43:26Das war XY, Spuren des Verbrechens. Danke fürs Zuschauen.
43:32Bis zum nächsten Mal.
43:33Bis zum nächsten Mal.
43:43Untertitelung des ZDF, 2020