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#Hörbuch #deutsch
Das Hörbuch Die dreizehnte Geschichte vom Diane Setterfield vom Random House online hören bei Audioteka. Hörbücher überall und jederzeit hören.

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Musik
Transkript
00:07Ich wurde im Hain geboren, zwischen zwölf uralten Eichen, deren Kronen sich so eng ineinander verschränkten, dass selbst am hellsten
00:18Tag ein Zwielicht darunter lag.
00:21Meine Mutter sagte, ich sei ein Kind der Wurzeln, weil sie mich nach einer Nacht voller Nebel dort gefunden hatte,
00:28noch blutig vom Leben und doch still wie ein Stein.
00:33Alle im Dorf hielten das für ein Zeichen. Ich hielt es später für einen Fluch.
00:39Die anderen Kinder, die zu Novizen der Droiden bestimmt waren, hörten früh die Stimmen.
00:45Sie erwachten weinend, weil ihnen ein Gott den Namen eines Kranken verraten hatte.
00:51Sie zeichneten Runen in Asche, ohne zu wissen warum.
00:55Sie sahen im Flug der Krähen, ob ein Winter hart werden würde.
00:59Ich sah nur Krähen.
01:02Meister Bran beobachtete mich seit meinem siebten Sommer.
01:06Er war der oberste Druide. Ein Mann mit weißem Haar und Augen, die nie ganz bei einem ruhten.
01:12Wenn er den anderen die Hände auflegte, fielen sie in Trance oder sprachen mit fremden Zungen.
01:19Wenn er mich berührte, geschah nichts.
01:23Keine Vision, kein Zittern, kein Zeichen.
01:28Nur seine Finger auf meiner Stirn und die Scham in meinem Bauch.
01:33Am Tag der Nebelweihe knieten wir im Kreis.
01:36Jeder Novize sollte endlich hören, welche Gottheit ihn annahm.
01:41Links von mir begann Ajedan zu lachen, bis Blut aus seiner Nase lief.
01:46Rechts von mir flüsterte Nessa den Namen ihrer toten Großmutter.
01:50Dann kam Bran zu mir.
01:52Seine Hand sank auf meine Haut.
01:55Der Hain schien auf etwas zu warten.
01:58Ich wartete auch.
01:59Doch in mir blieb es leer.
02:03Bran zog die Hand zurück, als hätte ich ihn verbrannt.
02:06Für die anderen sagte er, Geduld sei eine Tugend.
02:10Für mich sagte sein Blick etwas anderes.
02:13Ich war nicht taub für die Götter.
02:16Ich war eine Tür, die sich nicht öffnen ließ.
02:19Und irgendwo hinter den Zwölfeichen wartete etwas, das genau darauf gehofft hatte.
02:25In diesem Augenblick begriff ich noch nicht, dass Stille kein Mangel sein musste.
02:31Manchmal ist Stille der einzige Ort, an dem Wahrheit überlebt.
02:35Mein Bruder Cale war alles, was unser Dorf liebte.
02:39Er trug den Speer, als sei er mit ihm geboren worden.
02:42Und selbst alte Krieger nickten, wenn er übte.
02:46Er konnte lachen, während Regen in seinen Haaren hing.
02:49Und wenn er sang, klangen die müden Frauen am Herd wieder jung.
02:54Für mich war er nicht der Held, den alle sahen.
02:56Für mich war er der Junge, der mir als Kind heimlich Honig stahl,
03:01wenn Mutter ihn für die Festtage versteckte.
03:03Er war mein Bruder.
03:05Und gerade deshalb glaubte ich, dass ihm nichts geschehen konnte.
03:10In der Nacht der roten Beere versammelte sich das Dorf im Hain.
03:15Zwölf Beeren lagen in einer Holzschale.
03:17Elf schwarz wie getrocknete Erde.
03:20Eine rot wie frisches Blut.
03:23Man sagte uns seit Jahren, wer die rote Beere ziehe,
03:28segne den Hain und sichere Ernte, Frieden und Schutz.
03:32Niemand sagte, warum die Erwählten danach nie wieder am Feuer saßen.
03:37Als Kind hatte ich geglaubt, sie zögen in andere Dörfer, um dort zu leeren.
03:42Später hatte ich nicht mehr gefragt, weil Erwachsene ihre Lügen am besten mit Schweigen schützten.
03:48Cale trat vor, ohne zu zögern.
03:51Ich sah, wie Bran ihm die Schale hinhielt.
03:54Die Flammen der Fackeln bewegten sich über den Gesichtern der Menschen,
03:58aber niemand lächelte.
04:00Cale griff hinein.
04:02Als er seine Hand öffnete, lag die rote Beere in seiner Handfläche.
04:07Für einen Atemzug sah er aus, als verstünde er es nicht.
04:11Dann sah er mich an.
04:13Ich wollte zu ihm laufen, doch zwei Novizen stellten sich mir in den Weg.
04:18Bran hob die Arme und verkündete, die Götter hätten gesprochen.
04:23Die Menschen senkten die Köpfe.
04:25Manche weinten, aber leise, als hätten sie Angst, ihr Schmerz könne als Zweifel gelten.
04:32Cale wurde fortgeführt.
04:33Er ging aufrecht, weil alle ihn ansahen.
04:37Nur ich sah seine Hand.
04:39Sie zitterte.
04:41In diesem Zittern brach mein Glaube an jedes heilige Wort.
04:44Ich sah die rote Beere, und mir war, als läge nicht Frucht in seiner Hand,
04:49sondern ein Urteil, das schon lange vor seiner Geburt gefällt worden war.
04:53Nach der Wahl durfte ich Cale nicht sehen.
04:57Man brachte ihn in die innere Hütte der Druiden,
05:00dorthin, wo nur Älteste und Erwählte eintreten durften.
05:03Ich blieb vor dem Eingang stehen, bis meine Beine taub wurden.
05:08Niemand jagte mich fort, und das war schlimmer, als hätten sie mich geschlagen.
05:13Die Menschen gingen an mir vorbei, sahen zur Seite und taten so,
05:18als sei mein Bruder bereits etwas Heiliges, das man nicht mehr mit seinem alten Namen beschmutzen durfte.
05:24Bei Sonnenuntergang trat Bran aus der Hütte.
05:28Seine Robe roch nach Harz und bitteren Kräutern.
05:31Ich fragte ihn, ob Cale sterben müsse.
05:34Bran sah mich an, als hätte ich in die Opfergrube gespuckt.
05:38Er sagte, kein Mensch sterbe, wenn er den Göttern gegeben werde.
05:43Ich fragte, warum keiner zurückkehre.
05:46Da wurde sein Gesicht hart.
05:49Er erklärte mir, manche Wahrheiten seien wie Messer in Kinderhänden.
05:54Ich war siebzehn Winter alt, aber in diesem Augenblick behandelte er mich wie ein dummes Mädchen,
05:59das vor einem dunklen Zimmer Angst hatte.
06:02Er verbot mir, weiterzufragen.
06:04Er verbot mir, mit Cale zu sprechen.
06:07Vor allem verbot er mir, den Hain nach Einbruch der Dunkelheit zu betreten.
06:12Ein Verbot kann wie eine Mauer klingen.
06:15Dieses klang wie eine Einladung.
06:18In jener Nacht wartete ich, bis das Dorf schlief.
06:21Ich nahm den alten Umhang meines Vaters, ein kleines Messer und einen Beutel mit getrockneten Beeren.
06:28Meine Mutter lag wach, das wusste ich, aber sie hielt mich nicht auf.
06:33Vielleicht schlief auch in ihr noch genug Mutterliebe, um meinen Ungehorsam zu segnen.
06:39Als ich den Hain erreichte, zählte ich die Eichen wie immer.
06:44Eins bis zwölf.
06:46Dann bewegte sich der Nebel hinter ihnen.
06:49Dort stand ein dreizehnter Stamm, breiter als alle anderen, dunkel wie nasse Asche.
06:55Ich begriff, dass unser heiliger Hain nicht verborgen hatte, was fehlte.
06:59Er hatte verborgen, was zu viel war.
07:02Ich schwor mir, dass ich nie wieder vor einem heiligen Wort zurückweichen würde,
07:06nur weil ein alter Mann es mit ruhiger Stimme aussprach.
07:10Die dreizehnte Eiche stand dort, als hätte sie seit der Erschaffung der Welt auf mich gewartet.
07:17Kein Moos wuchs an ihrem Stamm, keine Flechte wagte sich auf ihre Rinde.
07:21Ihre Äste trugen keine Blätter, sondern schwarze Knospen, festgeschlossen wie Augenlider.
07:29Ich wollte zurückgehen, doch der Boden unter meinen Füßen fühlte sich weich an, fast warm,
07:36als stünde ich nicht auf Erde, sondern auf etwas Schlafendem.
07:41Je näher ich kam, desto mehr erkannte ich die Formen in der Rinde.
07:45Erst hielt ich sie für Narben, dann für alte Schnitzereien.
07:51Schließlich sah ich ein Gesicht.
07:54Es war das Gesicht eines jungen Mannes, den ich aus den Geschichten kannte.
07:58Er war vor fünf Wintern erwählt worden, ein Fischer mit hellem Haar.
08:03Seine Mutter hatte damals drei Tage lang nicht gesprochen.
08:07Jetzt lag sein Mund im Holz eingeschlossen, verzogen zu einem stummen Flehen.
08:13Ich stolperte zurück, doch eine Wurzel schob sich über meinen Fuß.
08:18Nicht schnell, nicht wie ein Tier.
08:21Eher wie eine alte Hand, die weiß, dass sie Zeit hat.
08:26In meinem Kopf öffnete sich eine Kälte.
08:28Sie sprach nicht mit Worten, aber ich verstand sie.
08:32Sie nannte meinen Namen.
08:35Danach nannte sie Keils Namen.
08:38Vor mir veränderte sich die Rinde.
08:40Ich sah die innere Hütte, sah meinen Bruder auf den Knien, die Hände mit Bast gefesselt.
08:47Brann stand vor ihm und malte Zeichen auf seine Brust.
08:51Keil versuchte tapfer auszusehen, doch seine Lippen bewegten sich.
08:56Er betete nicht.
08:57Er sagte meinen Namen.
09:00Die Eiche zeigte mir mehr.
09:02Eine Grube unter dem Opferstein.
09:05Wurzeln, die sich um Menschenleiber legten.
09:08Älteste, die lächelten, während Kinder verschwanden.
09:11Ich wollte schreien, aber mein Mund blieb offen und leer.
09:15Dann drückte sich ein neues Gesicht aus der Rinde.
09:19Es hatte meine Augen.
09:21Ich wusste nicht, ob die Eiche mir drohte oder mich warnte.
09:24Vielleicht war beides dasselbe, wenn ein Ungeheuer ehrlich genug war.
09:29Ich erwachte vor unserer Hütte, mit Erde im Haar und schwarzem Staub unter den Fingernägeln.
09:37Der Morgen war grau und für einen Augenblick hoffte ich, alles sei ein Traum gewesen.
09:43Dann sah ich meine rechte Hand.
09:46In der Haut meiner Handfläche lag eine dünne, dunkle Linie, kaum länger als ein Fingernagel.
09:53Doch sie bewegte sich, wenn ich nicht hinsah.
09:57Meine Mutter fand mich dort.
10:00Sie war eine stille Frau geworden, seit Vater bei einem Überfall aus dem Norden gefallen war.
10:06Früher hatte sie laut gelacht, so laut, dass die Nachbarn mitlachten, ohne den Grund zu kennen.
10:13An diesem Morgen war ihr Gesicht steinern.
10:17Ich fragte sie nach der 13. Eiche.
10:20Ihre Hand fuhr hoch und traf meine Wange.
10:25Der Schlag war nicht hart.
10:26Er war schlimmer.
10:28Er war Angst.
10:31Sie zog mich in die Hütte und schloss die Tür.
10:35Dann flüsterte sie, ich solle diesen Baum nie wieder erwähnen.
10:40Ich fragte, ob sie gewusst habe, was mit den Erwählten geschieht.
10:45Sie wandte den Blick ab.
10:49In diesem Wegsehen lag eine Antwort, die mir mehr wehtat als jedes Geständnis.
10:57Später schlich ich zum Versammlungshaus.
11:00Die Ältesten waren dort und durch einen Spalt in der Wand hörte ich Bran sagen,
11:05Ich habe die Eiche gesehen.
11:08Eine alte Druidin fragte, ob man mich ebenfalls geben müsse.
11:13Bran antwortete, noch nicht.
11:18Ich biss mir in den Handrücken, damit kein Laut aus mir brach.
11:22Da verstand ich, dass mein Schweigen in den Weihen kein Versagen war.
11:27Die Stimmen erreichten mich nicht, weil etwas in mir ihnen widerstand.
11:32Vielleicht hatten die Götter mich nie verlassen.
11:35Vielleicht waren die Stimmen niemals Götter gewesen.
11:39Als die Ältesten gingen, blieb ich im Schatten liegen.
11:42Meine Wange brannte, meine Hand kribbelte.
11:45Und mein Bruder wartete auf einen Tod, den alle heilig nannten.
11:50Ich hatte keine Vision, keinen Segen und keinen Plan.
11:54Ich hatte nur Wut.
11:56Aber Wut ist manchmal der erste Funke von Mut.
12:00Außerhalb der Palisade, dort wo die Felder in Heide und Stein übergingen, lebte Morda.
12:07Die Kinder nannten sie Knochenmutter.
12:09Und die Erwachsenen taten so, als lachten sie darüber.
12:13Doch niemand ging nach Sonnenuntergang an ihrer Hütte vorbei.
12:18Morda wusch die Toten, band die Kiefer zu und legte Münzen aus hellem Stein auf ihre Augen.
12:25Man sagte, sie kenne jeden Namen, der unter der Erde liege.
12:29Ich brauchte Namen, die nicht mehr lügen konnten.
12:34Sie öffnete, bevor ich klopfte.
12:37Ihr Haar hing in grauen Strähnen über den Schultern.
12:40Und ihr Gesicht war so faltig, dass es wie zerknitterte Rinde wirkte.
12:46Sie ließ mich eintreten, stellte eine Schale Wasser vor mich und sagte, ich solle meine Hand hineinlegen.
12:53Das Wasser wurde dunkel, als hätte ich Tinte verschüttet.
12:58Ich erzählte ihr alles.
13:01Die Beere, Kyle, das Verbot, die 13. Eiche, das Gesicht in der Rinde.
13:09Morda unterbrach mich nicht.
13:11Als ich fertig war, nahm sie drei Knochen aus einem Beutel und legte sie auf den Tisch.
13:17Hirsch, Rabe, Mensch.
13:21Den Menschenknochen schob sie zu mir.
13:25Sie sagte, unser Hain sei älter als unsere Lieder.
13:29Bevor die Droiden kamen, hätten die Stämme dort etwas gefunden, das unter der Erde schlief.
13:35Sie hätten es nicht töten können.
13:37Also hätten sie ihm Namen gegeben.
13:39Ein Ding mit Namen lässt sich anbeten.
13:42Ein Ding, das angebetet wird, kann fordern.
13:47Ich berührte den Knochen.
13:49Wärme stieg in meine Finger.
13:52Vor mir stand plötzlich ein Mann, blass wie Nibel.
13:57Er trug die Kleidung eines Erwählten und hatte Wurzeln in den Augen.
14:02Er sagte, er habe einst geglaubt, sein Opfer rette das Dorf.
14:07Dann hob er die Hand und zeigte auf meine Haut.
14:11Die schwarze Linie in meiner Handfläche war gewachsen.
14:16Morda beobachtete mich, während ich zitterte.
14:19Dann sagte sie, wer die Toten frage, müsse bereit sein, lebendigen Menschen nicht mehr zu glauben.
14:27Danach nahm sie mir den Knochen ab, als könne selbst diese Wahrheit mich beißen, wenn ich sie zu lange festhielt.
14:33Morda schnitt mir mit einem scharfen Stein in die Hand.
14:37Ich wollte sie wegstoßen, doch sie hielt mein Handgelenk mit erstaunlicher Kraft.
14:42Aus der Wunde trat Blut und darin wandte sich etwas Schwarzes, dünn wie ein Haar und doch lebendig.
14:50Mir wurde schlecht, aber Morda zwang mich hinzusehen.
14:54Sie sagte, Angst werde größer, wenn man ihr den Rücken zeige.
14:58Sie hielt einen Eisenring über meiner Hand.
15:01Das schwarze Ding zog sich sofort zurück, als fürchte es das Metall mehr als Schmerz.
15:08Morda nickte, als habe sie genau das erwartet.
15:12Eisen, erklärte sie, sei Erde, die durch Feuer gegangen sei.
15:16Darum erinnerte es sich an Grenzen.
15:20Wurzeln hassen Grenzen.
15:22Aus einer Truhe holte sie ein kurzes Sichelschwert.
15:25Die Klinge war alt, fleckig und an einer Stelle leicht gebogen.
15:30Sie sah nicht aus wie eine Heldenwaffe.
15:33Sie sah aus wie ein Werkzeug für jemanden, der keine Zeit hatte, schön zu sterben.
15:39Als ich den Griff nahm, kühlte meine Hand ab.
15:42Die schwarze Linie unter meiner Haut wurde dünner.
15:46Morda sagte, ich dürfe Keil nicht einfach aus der Hütte reißen.
15:51Der Hain habe Menschen zu Dienern gemacht, ohne dass sie es merkten.
15:55Manche würden mich aufhalten, weil sie Angst hätten.
15:58Manche, weil sie glaubten, das Richtige zu tun.
16:01Die Schlimmsten aber würden lächeln und mir Frieden anbieten.
16:06Ich fragte, ob meine Mutter zu ihnen gehöre.
16:09Morda schwieg zu lange.
16:12Dann sagte sie, liebe Schütze nicht vor Wurzeln.
16:16Manchmal mache sie nur gefügiger.
16:19Bevor ich ging, band sie mir den Eisenring um das Handgelenk.
16:23Er war zu groß und rieb auf der Haut.
16:27Morda sagte, wenn die Eiche in meinen Gedanken nach mir greife,
16:31solle ich dem Ring fühlen und meinen eigenen Namen sagen.
16:36Auf dem Heimweg wiederholte ich meinen Namen, bis er mir fremd wurde.
16:40Da begriff ich, dass Mut nicht warm ist.
16:44Mut ist kalt, klar und unbequem, wie Eisen auf bloßer Haut.
16:51Hinter mir blieb Mordas Hütte wie ein letzter warmer Punkt in einer Welt,
16:55die plötzlich fremd geworden war.
16:57Meine Mutter wartete am Rand des Pfades.
17:01Der Nebel hing hinter ihr in langen Schleiern und ihr Umhang war feucht,
17:06als stünde sie schon seit Stunden dort.
17:09Als sie mich sah, lächelte sie.
17:11Dieses Lächeln hätte mich trösten sollen.
17:15Stattdessen fühlte es sich an wie eine Maske,
17:17die jemand zu fest über ein bekanntes Gesicht gezogen hatte.
17:21Sie sagte, Kale wolle mich sehen.
17:24Die Ältesten hätten Mitleid gehabt und Bran erlaube einen letzten Abschied.
17:29Alles in mir wollte ihr glauben.
17:32Ich wollte meine Hand in ihre legen und wieder Tochter sein,
17:35nicht Diebin, nicht Ketzerin, nicht Schwester eines Opfers.
17:39Also ging ich mit ihr, obwohl der Eisenring an meinem Handgelenk kalt wurde.
17:45Sie führte mich nicht zur inneren Hütte, sondern zum Hain.
17:50Ich blieb stehen.
17:52Meine Mutter drehte sich um und für einen Augenblick war ihr Blick leer.
17:57Dann wurde er weich, viel zu weich.
18:02Sie sagte, Opfer seien keine Grausamkeit,
18:05Opfer seien Liebe, die groß genug sei, den eigenen Schmerz zu überleben.
18:11Kale sei stolz.
18:12Ich solle ihn nicht klein machen durch Angst.
18:15Ich zog das Sichelschwert unter dem Umhang hervor.
18:19Ihre Augen wanderten zur Klinge
18:21und etwas Dunkles bewegte sich darin.
18:25Sie kam auf mich zu, langsam,
18:28die Hände ausgestreckt wie zu einer Umarmung.
18:30Ich roch Erde an ihr, nicht den Geruch eines Feldes nach Regen,
18:35sondern die dumpfe Tiefe unter faulen Wurzeln.
18:39Als sie nach meinem Hals griff, schnitt ich nicht tief.
18:43Ich traf nur den Ärmel und die Haut darunter.
18:47Schwarze Linien zuckten über ihren Arm.
18:50Meine Mutter sank auf die Knie,
18:52als hätte jemand die Fäden in ihr durchtrennt.
18:55Aus ihrem Mund kam ein Atem, der nicht ihrer war.
18:58Dann sah sie mich an.
19:01Wirklich mich.
19:03Tränen füllten ihre Augen,
19:05und sie flüsterte Kales Namen.
19:07Ich fing sie auf, bevor sie fiel.
19:10Für den Hain war sie ein Werkzeug gewesen.
19:13Für mich war sie der Grund, weiterzukämpfen.
19:16Und während ich sie trug,
19:18schwor ich mir,
19:19dass der Baum keinen von uns noch einmal
19:22Mutter, Tochter oder Bruder nennen durfte.
19:26Morda nahm meine Mutter auf.
19:28Ohne eine Frage zu stellen.
19:29Sie legte sie auf ein Lager aus Fällen,
19:32schob Eisenstücke unter die Decke
19:34und band Kräuter über ihre Brust.
19:37Meine Mutter schlief unruhig.
19:39Manchmal bewegten sich ihre Lippen,
19:41als antworte sie jemandem,
19:43den nur sie hören konnte.
19:45Einmal sagte sie meinen Namen so kalt,
19:48dass ich nach dem Sichelschwert griff.
19:50Morda hielt mich zurück
19:51und erklärte,
19:53nicht jede Stimme in einem Mund
19:55gehöre dem Menschen, der ihn trage.
19:58In jener Nacht erzählte sie mir
20:00vom grünen Vater.
20:02So nannten die Ältesten das Wesen,
20:04wenn sie dachten, niemand lausche.
20:07Die Lieder stellten ihn als Gott
20:08der Fruchtbarkeit dar,
20:10als Hüter der Herden,
20:12als Wurzel unter allen Wurzeln.
20:14Morda spuckte in die Feuerstelle
20:16und sagte,
20:17ein Hunger werde nicht zum Vater,
20:19nur weil man ihn so nenne.
20:21Vor vielen Generationen
20:23hatte eine Dürre
20:24die Stämme fast vernichtet.
20:26Im Hain öffnete sich damals die Erde
20:29und etwas sprach aus der Tiefe.
20:32Es versprach Regen,
20:34wenn man ihm Blut gab.
20:36Später versprach es Ernte für Gehorsam,
20:39Visionen für Schweigen,
20:41langes Leben für jene,
20:42die den Handel bewahrten.
20:44Die Droiden wurden mächtig
20:46und das Dorf überlebte.
20:49Darum nannten sie es ein Wunder.
20:52Niemand fragt ein Wunder,
20:53wie viele Knochen es im Bauch hat.
20:56Ich fragte, wie man es töten könne.
20:59Morda antwortete,
21:01man töte keinen Hunger.
21:03Man nimmt ihm den Mund.
21:05Die 13. Eiche
21:06sei nur der sichtbare Teil.
21:08Die Herzwurzel
21:10liege unter dem Opferstein,
21:11dort, wo alle Erwählten
21:13gebunden würden.
21:15Die letzte Segnung für Karl
21:17begann bei Sonnenaufgang.
21:19Danach wäre er nicht tot,
21:20sagte Morda.
21:21Er wäre schlimmer als tot.
21:24Er wäre Teil von etwas,
21:26das seine Liebe benutzen würde,
21:27um mich zu rufen.
21:29Ich sah meine Mutter an,
21:30die im Schlaf weinte.
21:32Dann nahm ich die Klinge
21:33und ging.
21:35Ich spürte keine Zuversicht,
21:37aber das war nicht nötig.
21:39Ein Schritt in die richtige Richtung
21:41bleibt richtig,
21:42auch wenn man ihn voller Furcht tut.
21:44Der Hain erwartete mich.
21:47Ich weiß nicht,
21:48warum ich das so sicher wusste,
21:49aber jeder Schritt
21:51zwischen den zwölf Eichen
21:53fühlte sich an,
21:54als träte ich in eine Falle,
21:56die seit meiner Geburt
21:57gebaut worden war.
21:59Der Opferstein lag in der Mitte,
22:01frisch gewaschen
22:02und mit Kräutern geschmückt.
22:04In seinen Rissen
22:05steckte altes Rot,
22:07das kein Wasser je
22:08ganz entfernen konnte.
22:11Kyle war nicht dort.
22:12Die innere Hütte war leer.
22:14Also hatte Morda recht gehabt.
22:16Sie hatten ihn bereits hinabgebracht.
22:19Ich kniete am Opferstein
22:21und suchte nach Zeichen.
22:23Die Runen am Rand
22:24sahen aus wie gemeißelt,
22:26doch als ich mit den Fingern
22:27darüber fuhr,
22:28zuckte der Stein
22:29unter meiner Berührung.
22:31Mir wurde klar,
22:32dass die Runen
22:33keine Schnitzerei waren.
22:35Es waren Narben.
22:37Der Stein war nicht einfach Fels,
22:39er war eine verschlossene Wunde.
22:42Ich legte das Sichelschwert
22:43auf die mittlere Rune.
22:45Das Eisen wurde so kalt,
22:47dass meine Finger schmerzten.
22:49Die Rune öffnete sich.
22:51Nicht mit Gewalt,
22:52sondern langsam,
22:53widerwillig,
22:54wie ein Mund,
22:55der nach langer Zeit
22:56widersprechen muss.
22:58Unter dem Stein
22:59erschien eine Treppe,
23:00schmal,
23:01feucht und schwarz.
23:03Der Geruch,
23:04der daraus stieg,
23:05gehörte nicht in die Welt
23:06der Lebenden.
23:07Ich stieg hinab.
23:09Die Wände bestanden aus Wurzeln,
23:12die ineinandergriffen
23:13wie Finger.
23:14Zwischen ihnen
23:15lagen Gesichter.
23:17Manche schliefen.
23:19Manche sahen mich an.
23:21Ein Mädchen,
23:22kaum älter als zwölf.
23:24Ein alter Krieger.
23:26Eine Frau mit den Zeichen
23:27einer Heilerin.
23:29Sie alle waren einmal
23:31Erwählte gewesen.
23:32Ihre Münder bewegten sich,
23:34aber ich hörte keine Worte,
23:36nur Gedanken,
23:37die an mir kratzten.
23:39Am Ende der Treppe
23:40fand ich Kyle.
23:42Er hing in einem Geflecht
23:43aus Wurzeln,
23:44nackt bis zur Hüfte,
23:46Zeichen auf der Brust,
23:47Blut an den Lippen.
23:49Als er mich erkannte,
23:50lächelte er schwach.
23:52Er bat mich zu gehen.
23:55Ich hob die Klinge
23:56und schnitt die erste Wurzel durch.
23:58Ich zwang mich nicht,
23:59auf die anderen Gesichter zu sehen.
24:01Wenn ich jedes Leid betrachtete,
24:03würde ich vor Kummer erstarren.
24:05Und Kyle hatte keine Zeit
24:06für meinen Kummer.
24:07Die Wurzel,
24:08die ich durchtrennte,
24:10zog sich zusammen
24:11wie ein verletzter Finger.
24:13Dunkler Saft
24:14lief über Kails Haut
24:15und tropfte auf den Boden,
24:17wo er sofort von der Erde
24:18geschluckt wurde.
24:20Kyle stöhnte,
24:21aber er blieb bei Bewusstsein.
24:23Ich schnitt eine zweite Wurzel durch,
24:26dann eine dritte.
24:27Jede trennte sich schwerer
24:29als die vorige,
24:30als würde ich nicht Holz,
24:32sondern Erinnerung teilen.
24:35Bilder stürzten in meinen Kopf.
24:37Ich sah Kyle als Kind,
24:39wie er mich auf dem Rücken
24:40durch den Fluss trug.
24:41Ich sah meinen Vater,
24:43lebend und lachend.
24:45Ich sah meine Mutter
24:46ohne Kummer im Gesicht.
24:48Dann veränderten sich die Bilder.
24:50Ich sah mich als mächtige Druidin
24:53in weißer Robe
24:55mit Menschen,
24:56die meinen Namen
24:56ehrfürchtig sprachen.
24:58Ich sah unser Dorf reich,
25:00geschützt und gefürchtet.
25:02Ich sah Felder voller Korn
25:04und Feinde,
25:05die vor unseren Grenzen umkehrten.
25:08Die Eiche zeigte mir
25:09nicht nur Lügen.
25:10Das war das Schlimmste.
25:13Sie zeigte mir Möglichkeiten.
25:15Dinge, die wirklich hätten sein können,
25:17wenn ich nur aufhörte zu schneiden.
25:19Sie flüsterte nicht
25:21und doch verstand ich ihren Handel.
25:24Kyle leben lassen,
25:26Mutter heilen,
25:28Dorf schützen.
25:29Dafür nur Gehorsam.
25:31Dafür nur ein Opfer im Jahr.
25:34Ein Kind,
25:35ein Krieger,
25:36eine Schwester,
25:37ein Bruder.
25:38Immer nur einer,
25:40damit viele überleben.
25:43Meine Hand sank.
25:44Das sichere Schwert wurde schwer.
25:47Kyle packte mein Handgelenk.
25:49Seine Finger waren kalt und schwach,
25:52doch sein Blick war klar.
25:54Er sagte,
25:55kein Frieden,
25:56der Kinder frisst,
25:57sei Frieden.
25:58Kein Gott,
25:59der Angst brauche,
26:00sei ein Gott.
26:02Dann hustete er Blut
26:04und versuchte trotzdem zu lächeln.
26:07Ich riss die Klinge hoch
26:08und schlug in das Geflecht hinter ihm.
26:11Die Höhle bebte.
26:13Eine Wurzel schnellte aus der Dunkelheit
26:15und bohrte sich in meine Seite.
26:17Der Schmerz nahm mir die Luft.
26:19Etwas suchte in meinem Blut
26:21nach einem Platz zum Wachsen.
26:24Ich legte die Hand auf den Eisenring
26:26und sagte meinen Namen.
26:28Ich weiß nicht,
26:29wie lange ich auf den Knien blieb.
26:31Die Wurzel in meiner Seite pulsierte,
26:34als hätte sie ein eigenes Herz
26:36und mit jedem Schlag
26:38wurde die Höhle wärmer.
26:40K.L. rief meinen Namen.
26:42Seine Stimme zog mich zurück.
26:44Nicht stark,
26:45aber beharrlich,
26:46wie ein Seil um die Brust.
26:49Ich griff nach der Wurzel,
26:51die in mir steckte.
26:52Sie wand sich unter meinen Fingern.
26:55Als ich sie mit dem Sichelschwert abschnitt,
26:57blieb ein Stück davon in der Wunde
26:59und ich wusste,
27:00dass ich den Hain nie wieder
27:02ganz aus mir herausbekommen würde.
27:05Ich befreite K.L. vollends.
27:07Er fiel gegen mich,
27:09schwer und zitternd.
27:11Gemeinsam schleppten wir uns zur Treppe.
27:14Hinter uns bewegten sich die Wände.
27:17Die Gesichter in den Wurzeln
27:18öffneten die Augen.
27:20Nicht alle feindselig.
27:22Manche schienen zu hoffen.
27:25Andere wirkten wütend,
27:26als hätten wir sie aus einem Traum gerissen,
27:29den sie dem Tod vorzogen.
27:32Oben war der Morgen noch nicht angebrochen.
27:35Trotzdem lag graues Licht im Hain.
27:38Die zwölf Eichen standen näher
27:40beieinander als zuvor.
27:42Ihre Äste hingen tief
27:44und zwischen ihnen ragte
27:46die dreizehnte Eiche offen auf.
27:48Ohne Nebel.
27:50Ohne Versteck.
27:51Sie war gewachsen.
27:53Oder wir sahen sie endlich,
27:55wie sie wirklich war.
27:57Vor dem Opferstein
27:59warteten Brann und die Ältesten.
28:01Hinter ihnen standen Dorfbewohner
28:03mit gesenkten Köpfen.
28:05Einige trugen Messer.
28:06Einige trugen Seile.
28:08Manche weinten.
28:10Aber ihre Augen waren leer.
28:13Meine Mutter war nicht unter ihnen.
28:15Und dieser eine fehlende Anblick
28:17gab mir Kraft.
28:19Brann sah K.L.
28:21Dann mich.
28:22Dann das Blut an meiner Seite.
28:24In seinem Gesicht lag kein Zorn.
28:27Nur Müdigkeit.
28:29Er sagte,
28:30ich hätte den Handel gebrochen.
28:32Ohne den grünen Vater
28:33werde Hunger kommen.
28:35Krankheit.
28:36Feinde.
28:37Kinder würden sterben,
28:39weil ich ein einziges Kind
28:40nicht loslassen konnte.
28:42K.L. richtete sich
28:44mit letzter Kraft auf.
28:46Er sagte,
28:46ein Dorf,
28:47das seine Kinder opfert,
28:48sei längst krank.
28:50Da begann er heim
28:52durch fremde Münder zu lächeln.
28:54Ich hatte mir vorgestellt,
28:56gegen Monster zu kämpfen.
28:57Gegen Wurzeln.
28:59Gegen Schatten.
29:00Gegen etwas mit einem
29:01Maul voller Erde.
29:03Stattdessen
29:04standen mir Menschen
29:05gegenüber,
29:06die ich kannte.
29:08Aiden,
29:09der mit mir
29:10bei der Weihe gekniet hatte.
29:12Nessa,
29:12die einst
29:13meine Zöpfe
29:14geflochten hatte.
29:15Der alte Schmied,
29:17der mir als Kind
29:18Holzfiguren schnitzte.
29:20Ihre Gesichter
29:21waren vertraut
29:22und gerade das
29:24machte sie
29:24furchtbar.
29:26Sie kamen
29:27nicht wie Krieger.
29:28Sie kamen
29:29wie Schlafwandler.
29:31Langsam,
29:31mit Waffen
29:32in den Händen
29:33und Tränen
29:33auf den Wangen.
29:35Der Hain
29:36benutzte
29:37ihren Gehorsam,
29:38ihre Angst,
29:39ihre Liebe
29:40zum Dorf.
29:41Ich wollte
29:42niemanden töten.
29:44Doch wenn ich
29:45die Klinge sinkte,
29:46würden sie K.L.
29:47zurück unter den
29:48Steinzerren.
29:50Ich schnitt
29:51nicht nach Kehlen.
29:52Ich schnitt
29:53nach den schwarzen Linien.
29:56Bei Aiden
29:56lagen sie am Hals
29:57wie dunkle Fäden.
29:59Ein flacher Schnitt,
30:01Eisen an Wurzel
30:01und er brach zusammen.
30:03Wirkend,
30:04aber lebendig.
30:08Nessa
30:08hob ein Messer
30:09gegen mich,
30:10während ihr Mund
30:10um Verzeihung bat.
30:12Ich traf
30:13ihren Unterarm.
30:15Schwarzer
30:15Saft trat
30:16aus der Wunde
30:16und ihr Blick
30:17wurde wieder
30:18ihr eigener.
30:21Kale kämpfte
30:21neben mir,
30:22obwohl er kaum
30:23stehen konnte.
30:25Er stieß
30:25die Menschen zurück,
30:27nicht hart genug,
30:28um sie zu brechen,
30:29nur stark genug,
30:30um Zeit zu gewinnen.
30:33Jede Bewegung
30:34kostete ihn Kraft.
30:36Ich sah,
30:37wie seine Knie
30:37nachgaben
30:38und stellte mich
30:39vor ihn.
30:41Bran kam
30:42durch die Menge.
30:43Er trug
30:44das Opfermesser,
30:45dessen Griff
30:46aus Knochen
30:46bestand.
30:48Unter seiner Haut
30:49krochen dunkle
30:50Linien,
30:51älter und dicker
30:52als bei den anderen.
30:54Doch in seinen Augen
30:55lag etwas
30:56Gefangenes.
30:58Als er nach
30:59Kale stach,
31:00warf ich mich
31:00dazwischen.
31:02Die Klinge
31:03traf meine Schulter.
31:05Schmerz
31:05explodierte
31:06durch meinen Augen.
31:08Ich packte
31:09Bran's Hand
31:09und hielt das
31:10Sichelschwert
31:11an seine Brust.
31:13Er sah
31:13mich an
31:14und für
31:15einen
31:15Herzschlag
31:16war da
31:16kein Druide,
31:17kein Verräter,
31:19nur ein
31:19erschöpfter
31:20Mann.
31:21Ich fragte
31:22ihn,
31:23seit wann er
31:24Angst
31:24habe.
31:26Bran
31:27antwortete
31:27nicht sofort.
31:28Um uns
31:29herum
31:30drängten
31:30die Dorfbewohner
31:31zurück,
31:32als hätte die
31:32Frage mehr
31:33Macht als
31:34meine Klinge.
31:35Die
31:36dreizehnte
31:36Eiche neigte
31:37ihre Äste
31:38über den Hain
31:38und ihre
31:39Knospen
31:40öffneten
31:40sich.
31:41Darin
31:42lagen
31:42keine
31:42Blätter,
31:43sondern
31:43kleine
31:44dunkle
31:44Augen.
31:46Sie
31:46sahen
31:46auf Bran
31:47herab
31:47wie auf
31:48einen
31:48Besitz,
31:48der
31:49sich
31:49falsch
31:49verhielt.
31:50Endlich
31:51flüsterte
31:52er,
31:52seit
31:53seinem
31:53zwölften
31:54Winter.
31:55Er war
31:56selbst
31:56erwählt
31:56worden,
31:57lange
31:57bevor
31:57ich
31:58geboren
31:58wurde.
31:59Die
31:59rote
32:00Beere
32:00hatte
32:00in
32:00seiner
32:01Hand
32:01gelegen
32:01und
32:02man
32:02hatte
32:02ihm
32:02gesagt,
32:03er
32:03sei
32:03besonders.
32:05Nicht
32:05zum
32:05Sterben,
32:06sondern
32:06zum
32:07dienen.
32:08Die
32:08Herzwurzel
32:09hatte
32:09ihn berührt,
32:10ihm Visionen
32:11gegeben,
32:12ihm die
32:12Stimmen
32:12der Toten
32:13gezeigt.
32:14Anfangs
32:15glaubte
32:15er
32:15gesegnet
32:16zu
32:16sein.
32:17Später
32:17merkte
32:18er,
32:18dass
32:18jede
32:19Vision
32:19einen
32:19Preis
32:20hatte.
32:21Erst
32:21verlor
32:21er
32:21Träume,
32:22dann
32:23Erinnerungen,
32:24dann
32:24den
32:24Mut,
32:25Nein
32:25zu
32:25sagen.
32:26Ich
32:27sah
32:27die
32:27schwarze
32:27Wurzel
32:28unter
32:28seiner
32:28Haut,
32:29dicht
32:29über
32:29dem
32:30Herzen.
32:30Sie
32:31bewegte
32:31sich
32:31bei
32:32jedem
32:32Atemzug.
32:33Ich
32:34hätte
32:34ihn töten
32:34können,
32:35vielleicht
32:35sogar
32:36müssen.
32:37Doch
32:37Morda
32:38hatte
32:38gesagt,
32:39Eisen
32:39erinnere
32:39an
32:40Grenzen.
32:41Also
32:41setzte
32:42ich
32:42die
32:42Klinge
32:42an
32:43und
32:43schnitt.
32:45Bran
32:45schrie
32:45nicht.
32:46Er
32:46biss
32:46sich
32:47die
32:47Lippen
32:47blutig
32:47und
32:48blieb
32:48auf
32:48den
32:48Knien.
32:49Die
32:50Wurzel
32:50kam
32:50langsam
32:51aus
32:51ihm
32:51heraus,
32:52zäh
32:52und
32:53widerwillig,
32:53als
32:54reiße
32:54ich
32:54ein
32:54Stück
32:55nicht
32:55aus
32:55seiner
32:55Brust.
32:56Als
32:57sie
32:57endlich
32:57frei
32:58war,
32:58wandte
32:59sie
33:05Brann
33:05fiel
33:06nach
33:06vorn.
33:07Plötzlich
33:07sah er
33:08nicht
33:08mehr
33:08zeitlos
33:09aus.
33:09Er
33:10sah
33:10aus
33:10wie
33:10ein
33:10alter
33:10Mann,
33:11der
33:11zu
33:11lange
33:12für
33:12seine
33:12Feigheit
33:13bezahlt
33:13hatte.
33:14Er
33:15sagte,
33:15die
33:15Herzwurzel
33:16könne
33:16nur
33:17durch
33:17freiwilliges
33:17Blut
33:18freigelegt
33:18werden.
33:19Kein
33:20Opferblut,
33:21kein
33:21geraubtes
33:21Blut.
33:22Jemand
33:23müsse
33:23hinabgehen
33:24und
33:24sich
33:25geben,
33:25ohne
33:26sich
33:26nehmen
33:26zu
33:26lassen.
33:27Ich
33:28wusste,
33:28warum
33:29er
33:29mich
33:29ansah.
33:32Ich
33:32wusste,
33:33dass
33:33er
33:33recht
33:33hatte.
33:34In
33:35diesem
33:35Blick
33:35lag
33:36die
33:36ganze
33:36Krankheit
33:37unseres
33:37Dorfes.
33:38Menschen,
33:39die
33:39Böses
33:39taten,
33:40weil sie
33:41einmal
33:41selbst
33:41als
33:41Kinder
33:42vor
33:42Bösem
33:42gezittert
33:43haben.
33:44Cale
33:44packte
33:44mich,
33:45bevor
33:45ich
33:45zum
33:45Opferstein
33:46gehen
33:46konnte.
33:47Seine
33:47Finger
33:48gruben
33:48sich
33:48in
33:49meinen
33:49Arm
33:49und
33:50trotz
33:50seiner
33:51Schwäche
33:51war
33:51sein
33:51Griff
33:51hart.
33:53Er
33:53sagte,
33:54ich
33:54dürfe
33:54nicht
33:54gehen.
33:55Er
33:56sei
33:56gewählt
33:56worden.
33:57Er
33:57habe
33:58überlebt,
33:58also
33:59müsse
33:59er
33:59den
33:59Preis
34:00zahlen.
34:01Ich
34:02sah
34:02meinen
34:02Bruder
34:03an,
34:03diesen
34:04tapferen,
34:05törichten
34:05Bruder,
34:06der
34:06glaubte,
34:07Schuld
34:07lasse
34:07sich
34:08wie
34:08ein
34:08Mantel
34:08weiterreichen.
34:11Ich
34:11sagte
34:12ihm,
34:12dass
34:12niemand
34:12mehr
34:13gewählt
34:13werde,
34:14nicht
34:14er,
34:15nicht
34:15ich,
34:16nicht
34:16irgendein
34:17Kind,
34:17das
34:17noch
34:17nicht
34:18wusste,
34:18wie
34:18grausam
34:19Erwachsene
34:20ihre
34:20Angst
34:20heilig
34:21nennen
34:21können.
34:22Ich
34:23würde
34:23gehen,
34:24weil
34:25ich
34:25es
34:25entschied.
34:29Zum
34:30ersten
34:30Mal
34:31seit
34:31Generationen
34:32würde
34:32der
34:32Hain
34:32nicht
34:33nehmen,
34:33jemand
34:34würde
34:34ihm
34:35entgegentreten.
34:38Meine
34:39Mutter
34:39kam aus
34:39dem
34:39Nebel,
34:40gestützt
34:41von
34:41Morder.
34:42Sie
34:43war
34:43bleich
34:43und
34:44auf
34:44ihrem
34:44Arm
34:44lagen
34:45Verbände,
34:45unter
34:45denen
34:46die
34:46Wurzelmale
34:46verschwanden.
34:49Als
34:49sie
34:50mich
34:50sah,
34:50brach
34:51etwas
34:51in
34:51ihrem
34:51Gesicht.
34:53Sie
34:53wollte
34:53sich
34:54entschuldigen,
34:55doch
34:55ich
34:55schüttelte
34:56den
34:56Kopf.
34:57Für
34:57lange
34:58Worte
34:58hatten
34:58wir
34:58keine
34:59Zeit
34:59und
35:00manche
35:00Wunden
35:01bluten
35:01stärker,
35:02wenn
35:02man
35:02zu
35:03früh
35:03daran
35:03rührt.
35:05Ich
35:06legte
35:06meine
35:06Stirn
35:07an
35:07ihre.
35:08Sie
35:08roch
35:09wieder
35:09nach
35:09Rauch,
35:10Kräutern
35:11und
35:11Mensch.
35:14Morder
35:15band
35:15mir einen
35:16zweiten
35:16Eisenring
35:17um das
35:17verletzte
35:17Handgelenk.
35:19Sie
35:19sagte,
35:20zwei
35:20Grenzen
35:20seien
35:20besser
35:21als
35:21eine.
35:23Dann
35:23drückte
35:24sie mir
35:24einen
35:24kleinen
35:24Beutel
35:25in
35:25die
35:25Hand.
35:26Darin
35:27lagen
35:27Samen,
35:28Eiche,
35:29Esche,
35:30Birke,
35:31Hasel.
35:33Ich
35:33verstand
35:34nicht.
35:36Sie
35:36sagte,
35:37falls ich
35:37zurückkäme,
35:38solle ich
35:39wissen,
35:40was
35:40nach dem
35:40Feuer
35:40komme.
35:43Bran
35:44öffnete mit
35:44letzter Kraft
35:45auf den
35:45Stein.
35:46Die
35:47Treppe
35:47lag wie eine
35:48Zunge
35:48aus
35:49Dunkelheit.
35:51Kale
35:52stand
35:52neben mir,
35:53Tränen in den
35:54Augen,
35:55aber er
35:55hielt mich
35:56nicht mehr
35:56fest.
35:58Er
35:58kannte mich
35:58gut genug,
35:59um zu
35:59wissen,
36:00dass Liebe
36:01manchmal
36:01loslassen
36:02muss,
36:03damit Mut
36:03gehen kann.
36:06Ich
36:07stieg
36:07hinab.
36:08Über
36:09mir blieb
36:09alles,
36:10was ich
36:10retten
36:10wollte.
36:11Unter
36:12mir
36:12wartete
36:12alles,
36:13was
36:13uns
36:13besessen
36:13hatte.
36:15Hinter
36:15mir
36:15sagte
36:15niemand
36:16meinen
36:16Namen.
36:17Ich
36:18war
36:18dankbar
36:18dafür.
36:20Hätte
36:20Kale
36:20ihn
36:20gerufen,
36:22wäre
36:22ich
36:22vielleicht
36:22umgekehrt.
36:23Der
36:24Weg
36:24unter
36:25den
36:25Opferstein
36:26war
36:26länger
36:26als
36:27zuvor.
36:27Die
36:28Treppe
36:28führte
36:29nicht
36:29einfach
36:29in
36:30die
36:30Erde,
36:30sondern
36:31in
36:31etwas,
36:32das
36:32die
36:32Erde
36:32nur
36:33trug,
36:33weil
36:34sie
36:34es
36:34nicht
36:34loswerden
36:35konnte.
36:36Die
36:36Wände
36:37waren
36:37nass,
36:38warm
36:38und von
36:39Wurzeln
36:39durchzogen,
36:40die
36:40sich
36:40zurückzogen,
36:41wenn
36:41das
36:42Eisen
36:42an
36:42meinem
36:42Handgelenk
36:43sie
36:43streifte.
36:45In
36:45den
36:45Zwischenräumen
36:46lagen
36:46Gesichter.
36:48Einige
36:48kannte
36:49ich
36:49aus
36:49Ahnenliedern,
36:50andere
36:51waren
36:51so alt,
36:52dass
36:52ihre
36:52Namen
36:52schon
36:53vor
36:53den
36:53Namen
36:54unserer
36:54Stämme
36:54verschwunden
36:55sein
36:55mussten.
36:57Sie
36:57sprachen
36:58nicht
36:58und
36:59doch
36:59füllten
37:00ihre
37:00Gedanken
37:00den
37:01Gang.
37:02Bleib,
37:03sagten
37:03manche,
37:05flieh,
37:06sagten
37:06andere.
37:07Eine
37:08Stimme
37:08klang
37:08wie
37:08mein
37:09Vater.
37:10Ich
37:10blieb
37:11stehen,
37:11obwohl
37:12ich
37:12wusste,
37:13dass
37:13er
37:13tot
37:13war
37:14und
37:14seine
37:14Knochen
37:15weit
37:15im
37:15Norden
37:15lagen.
37:17Die
37:17Stimme
37:18bat
37:18mich
37:18nicht
37:19weiter
37:19zu
37:19gehen.
37:20Sie
37:21sagte,
37:21er
37:21habe
37:22schon
37:22eine
37:22Tochter
37:22verloren,
37:23als
37:23ich
37:23den
37:23Hain
37:24betrat.
37:25Der
37:26Eisenring
37:26schnitt
37:27in
37:27meine
37:27Haut,
37:27weil
37:28ich
37:28die
37:28Faust
37:28so
37:29fest
37:29ballte.
37:30Ich
37:31sagte
37:31meinen
37:31Namen.
37:33Dann
37:33ging
37:33ich
37:34weiter.
37:35Am
37:36Ende
37:36der
37:37Treppe
37:37öffnete
37:38sich
37:38eine
37:38Kammer,
37:39so
37:39groß,
37:40dass
37:40kein
37:40Hügel
37:40sie
37:41hätte
37:41fassen
37:41können.
37:42Die
37:43Decke
37:43verlor
37:43sich
37:44in
37:44Dunkelheit.
37:45Aus
37:46dem
37:46Boden
37:46ragte
37:47die
37:47Herzwurzel,
37:49dicker
37:49als
37:49ein
37:49Ochse,
37:50schwarzrot
37:51und
37:51glänzend.
37:53Unzählige
37:54Fasern
37:54liefen von
37:55ihr nach
37:55oben,
37:56in den
37:56Hain,
37:57ins
37:57Dorf,
37:58vielleicht
37:59in jeden
37:59Traum,
38:00den wir
38:00je für
38:00göttlich
38:01gehalten
38:01hatten.
38:03Vor ihr
38:04knieten die
38:04Namen
38:05Losen,
38:06nicht
38:07lebendig,
38:07nicht
38:08tot,
38:10hunderte
38:10Gestalten,
38:11durchscheinend
38:12und verwoben
38:13mit feinen
38:13Wurzeln.
38:15Ein Mädchen
38:16hob den
38:16Kopf,
38:17der Fischer
38:18aus der Rinde
38:19war dort,
38:20eine
38:20Heilerin,
38:21ein
38:21Krieger,
38:23Kinder,
38:24zu viele
38:25Kinder.
38:26Die
38:27Herzwurzel
38:27öffnete
38:28sich an
38:28ihrer
38:28Seite,
38:30darin
38:30sah ich
38:31nicht
38:31Holz,
38:31sondern
38:32einen
38:32dunklen
38:33Raum
38:33ohne
38:33Ende.
38:35Etwas
38:36darin
38:36bemerkte
38:36mich,
38:37nicht wie
38:38ein Tier
38:38Beute
38:39bemerkt,
38:40sondern wie
38:40ein
38:40Herr
38:41sein
38:41Eigentum.
38:42Es
38:43nannte
38:43meinen Namen.
38:45Diesmal
38:45antwortete
38:46ich
38:46nicht.
38:47Die
38:48Kammer
38:48roch nach
38:49feuchter
38:49Erde und
38:50alter
38:50Angst.
38:51Ich
38:51wusste,
38:52dass
38:52dieser
38:52Ort
38:53nicht nur
38:53unter
38:53dem
38:53Hain lag,
38:54sondern unter
38:55jeder
38:55Lüge,
38:56die
38:56ihm
38:56genährt
38:57hatte.
38:57Die
38:58Herzwurzel
38:59zeigte
38:59mir
38:59keine
39:00Schrecken.
39:00Das
39:01hätte
39:01ich
39:01erwartet
39:02und dagegen
39:02hätte
39:03ich
39:03mich
39:03wappnen
39:03können.
39:05Stattdessen
39:06zeigte
39:06sie mir
39:06Hoffnung.
39:08Ich
39:08sah
39:09das
39:09Dorf
39:09nach
39:09einem
39:10milden
39:10Winter,
39:11die
39:11Speicher
39:11voll,
39:12die
39:12Kinder
39:13rund
39:13und
39:13lachend.
39:14Ich
39:15sah
39:15Kyle
39:15mit
39:16grauem
39:16Haar,
39:17umgeben
39:17von
39:17Söhnen
39:18und
39:18Töchtern.
39:19Ich
39:20sah
39:20meine
39:20Mutter
39:21alt
39:21werden,
39:22friedlich,
39:23ohne
39:23Schuld.
39:24Ich
39:25sah
39:25mich
39:25selbst
39:26als
39:26Druidin,
39:27nicht
39:27als
39:28Dienerin
39:28des
39:28Hungers,
39:29sondern
39:29als
39:30Herrin
39:30über
39:30ihn.
39:31Ich
39:32sah
39:32eine
39:32Zukunft,
39:33in der
39:34alle
39:34lebten.
39:36Dann
39:36zeigte
39:37sie mir
39:37die
39:37andere
39:38Zukunft.
39:39Ohne
39:39Handel,
39:40ohne
39:41Visionen,
39:42ohne
39:42Schutz.
39:43Schlechte
39:44Ernten,
39:45fremde
39:46Krieger,
39:47Seuchen,
39:47die
39:47durch
39:48Hütten
39:48gingen,
39:49Kindergräber
39:50auf dem
39:50Hügel,
39:51Menschen,
39:52die
39:52meinen
39:52Namen
39:53verfluchten,
39:53weil ich
39:54ihnen die
39:54falsche Sicherheit
39:55genommen hatte.
39:57Die
39:58Herzwurzel
39:58log nicht
39:59vollständig.
40:00Genau
40:01darin lag
40:01ihre
40:02Macht.
40:03Freiheit
40:04bedeutet
40:04nicht,
40:04dass das
40:05Leben
40:05freundlich
40:05wird.
40:07Freiheit
40:07bedeutet
40:07nur,
40:08dass der
40:08Schrecken
40:09einem
40:09nicht mehr
40:09als
40:10Segen
40:10verkauft
40:10wird.
40:12Ich
40:12hob das
40:13Sichelschwert,
40:14doch meine
40:15Hand
40:15zitterte.
40:16Ein
40:17Teil
40:17von mir
40:17wollte
40:18den
40:18Handel
40:18annehmen
40:19und
40:19ihn
40:19besser
40:19machen.
40:20Nur
40:21die
40:21alten
40:21Opfern,
40:22nur
40:22die
40:22Sterbenden,
40:23nur
40:24Verbrecher.
40:25So
40:26beginnen
40:26alle
40:26sauberen
40:27Lügen,
40:27mit
40:28einem
40:28kleinen
40:29Nur.
40:30Da
40:31trat
40:31eine
40:32der
40:32namenlosen
40:32Gestalten
40:33vor.
40:34Sie
40:34war
40:34eine
40:35Frau
40:35mit
40:35bemalter
40:36Stirn,
40:36die
40:37Zeichen
40:37einer
40:37Druidin
40:38trug,
40:38älter
40:39als
40:39alle
40:39Zeichen
40:40Brans.
40:41Sie
40:41legte
40:42ihre
40:42durchscheinende
40:43Hand
40:43auf
40:43meine.
40:44In
40:44meinem
40:45Kopf
40:45sah ich
40:45sie
40:45als
40:46junges
40:46Mädchen.
40:47Sie
40:47hatte
40:48den
40:48ersten
40:48Handel
40:48geschlossen,
40:49nicht aus
40:50Bosheit,
40:51sondern aus
40:51Angst vor
40:52dem
40:52Sterben
40:52ihres
40:53Volkes.
40:54Sie
40:54bat
40:55mich
40:55nicht
40:55um
40:55Vergebung,
40:56sie
40:56sagte
40:57nur,
40:58Angst
40:58habe
40:58tiefe
40:59Wurzeln,
40:59wenn man
41:00sie
41:00füttere.
41:02Die
41:02Namenlosen
41:03legten
41:03ihre
41:03Hände
41:04auf
41:04meine
41:04Arme,
41:05meinen
41:05Rücken,
41:06meine
41:06Schultern.
41:07Sie
41:08gaben
41:08mir
41:08keine
41:09Kraft
41:09wie
41:09in
41:09den
41:09Liedern.
41:10Sie
41:11erinnerten
41:11mich
41:11nur
41:11daran,
41:12dass
41:12ich
41:12nicht
41:12die
41:13Erste
41:13war,
41:13die
41:13Angst
41:14hatte.
41:15Ich
41:16schnitt
41:16in
41:16meine
41:16Handfläche.
41:18Freiwilliges
41:18Blut
41:19lief
41:19über
41:19die
41:19Klinge.
41:20Dann
41:21schlug
41:21ich
41:21zu.
41:22Das
41:22Eisen
41:23drang
41:23in
41:23die
41:24Herzwurzel
41:24und
41:25die
41:25Kammer
41:25zog
41:26sich
41:26um
41:26mich
41:26zusammen.
41:27Nicht
41:28die
41:28Erde
41:28bebte,
41:29die
41:29Lüge
41:30bebte.
41:31Aus
41:32der
41:32Wunde
41:32der
41:32Wurzel
41:33quoll
41:33Dunkelheit,
41:34dicht
41:35und
41:35kalt
41:35und
41:36darin
41:37öffneten
41:37sich
41:37Bilder
41:38von
41:38Ländern,
41:39die
41:39ich
41:39nicht
41:39kannte.
41:40Andere
41:41Heine,
41:42andere
41:42Steine,
41:43andere
41:44Völker,
41:44die
41:44anderen
41:45Namen
41:45für
41:46denselben
41:46Hunger
41:46gefunden
41:47hatten.
41:49Unsere
41:4913.
41:50Eiche
41:50war kein
41:51Gott
41:51gewesen,
41:52nicht
41:52einmal
41:53der
41:53ganze
41:53Feind.
41:54Sie
41:55war
41:55nur
41:55ein
41:55Finger
41:56an
41:56einer
41:56Hand,
41:57die
41:57unter
41:57der
41:58Welt
41:58tastete.
41:59Der
41:59Hunger
42:00griff
42:00nach
42:00mir.
42:01Er
42:02hatte
42:02keine
42:02Klauen
42:03und
42:03doch
42:03fühlte
42:04ich,
42:04wie er
42:04meine
42:05Erinnerungen
42:05berührte.
42:06Er
42:07nahm
42:07den
42:07Geruch
42:08meiner
42:08Mutter,
42:09dann
42:09Karls
42:10Lachen,
42:11dann
42:11den
42:11Klang
42:11meines
42:12eigenen
42:12Namens
42:13in
42:13meinem
42:13Mund.
42:14Für
42:15einen
42:15Moment
42:15wusste
42:16ich
42:16nicht
42:16mehr,
42:16warum
42:16ich
42:17kämpfte.
42:17Ich
42:18war
42:18nur
42:18Schmerz,
42:19Blut
42:20und
42:20ein
42:20Körper
42:21in
42:21der
42:21Dunkelheit.
42:23Der
42:23Eisenring
42:24an
42:24meinem
42:24Handgelenk
42:25brannte
42:25kalt.
42:26Ich
42:27presste
42:27ihn
42:27gegen
42:27die
42:28Wunde
42:28in
42:28meiner
42:28Hand.
42:29Mein
42:30Name
42:30kam
42:30zurück,
42:31erst
42:32fremd,
42:33dann
42:33klar.
42:34Ich
42:34schlug
42:35noch
42:35einmal
42:35zu.
42:36Die
42:36Herzwurzel
42:37riss
42:37auf.
42:38Die
42:39Namenlosen
42:40richteten
42:40sich auf
42:40und ihre
42:41Wurzeln
42:42zerfielen
42:42zu
42:42Staub.
42:44Ich
42:44weiß
42:44nicht,
42:45ob sie
42:45mich
42:45trugen
42:45oder
42:46ob
42:46ich
42:46kroch.
42:47Ich
42:47erinnere
42:48mich
42:48an die
42:48Treppe,
42:49an
42:49Erde
42:49in
42:50meinem
42:50Mund,
42:50an
42:51Licht,
42:51das
42:51oben
42:52wie
42:52ein
42:52fernes
42:52Versprechen
42:53lag.
42:54Als
42:55ich
42:55aus
42:55dem
42:55Opferstein
42:56herauskam,
42:57brannte
42:57der
42:57Hain.
42:58Die
42:58Dorfbewohner
42:59hatten
42:59selbst
43:00Fackeln
43:00genommen.
43:01Nicht
43:02aus
43:02Gehorsam,
43:03aus
43:03Entscheidung.
43:05Die
43:05zwölf
43:05Eichen
43:06standen
43:06in
43:06Flammen.
43:08Die
43:08dreizehnte
43:08Eiche
43:09brannte
43:09nicht
43:09hell,
43:10sondern
43:10dunkel,
43:11als
43:12würde
43:12Nacht
43:12zu
43:13Asche
43:13werden.
43:14In
43:14ihrer
43:15Rinde
43:15erschienen
43:16die
43:16Gesichter
43:16der
43:16Gefangenen.
43:17Einige
43:18lächelten,
43:19bevor
43:19sie
43:19verschwanden.
43:20Ich
43:21fiel
43:21in
43:21Karls
43:22Arme.
43:22Über
43:23uns
43:23öffnete
43:24sich die
43:24Krone
43:25der
43:25brennenden
43:25Eiche
43:25und
43:26ich
43:26sah
43:27den
43:27Himmel.
43:28Er
43:28war
43:28leer.
43:29Keine
43:30Stimme,
43:31kein
43:31Zeichen,
43:32nur
43:32Weite.
43:34Zum
43:34ersten Mal
43:35empfand
43:35ich das
43:36nicht
43:36als
43:36Verlust.
43:37Ich
43:38wusste
43:38nicht,
43:38ob
43:39irgendwo
43:39echte
43:39Götter
43:40zusahen,
43:41aber
43:41wenn
43:41sie
43:42es
43:42taten,
43:43sollten
43:43sie
43:43sehen,
43:44dass
43:44Menschen
43:44auch
43:44ohne
43:45ihre
43:45Stimmen
43:45aufstehen
43:46konnten.
43:47Drei
43:47Tage
43:48lag
43:48ich
43:48zwischen
43:49Fieber
43:49und
43:49Erwachen.
43:51In
43:51meinen
43:51Träumen
43:52krochen
43:55doch jedes
43:55Mal,
43:55wenn
43:56sie
43:56mich
43:56erreichten,
43:57lag
43:57Eisen
43:58in
43:58meiner
43:58Hand.
43:59Als
44:00ich
44:00endlich
44:00die
44:00Augen
44:01öffnete,
44:02saß
44:02Morda
44:02neben
44:03mir
44:03und
44:04schälte
44:04einen
44:04Apfel
44:05mit
44:05meinem
44:05Sichelschwert.
44:06Ich
44:07wollte
44:07sie
44:07dafür
44:07beschimpfen,
44:08aber
44:09meine
44:09Stimme
44:09war
44:09nur
44:10ein
44:10Kratzen.
44:11Sie
44:11sagte,
44:12wer
44:13eine
44:13Herzwurzel
44:14überlebt,
44:15dürfe
44:15nicht
44:15eitel
44:16mit
44:16Werkzeugen
44:17sein.
44:18Meine
44:19Mutter
44:19kam
44:19später.
44:20Sie
44:20sah
44:21älter
44:21aus,
44:25selbst.
44:26Sie
44:26setzte
44:27sich
44:27zu
44:27mir
44:27und
44:27nahm
44:28meine
44:28Hand.
44:29Lange
44:30sagte
44:30sie
44:30nichts.
44:31Dann
44:32erzählte
44:33sie,
44:33dass
44:33auch
44:33sie
44:34einmal
44:34fast
44:34gefragt
44:35hätte,
44:35wohin
44:36die
44:36Erwählten
44:36gingen.
44:37Ihre
44:38eigene
44:38Mutter
44:38habe
44:39sie
44:39damals
44:39zum
44:39Schweigen
44:40gebracht.
44:41So
44:42werde
44:42Angst
44:42vererbt,
44:43sagte
44:44sie.
44:44Nicht
44:45durch
44:45Blut,
44:46sondern
44:46durch
44:47die
44:47Sätze,
44:47die
44:47man
44:47Kindern
44:48nicht
44:48erlaubt.
44:50Das
44:51Dorf
44:51war
44:51frei,
44:52aber
44:53Freiheit
44:53war kein
44:54Festmahl.
44:55Viele
44:56erinnerten
44:56sich an
44:57Dinge,
44:57die sie
44:57unter
44:57dem
44:58Einfluss
44:58des
44:58Heinz
44:59getan
44:59hatten.
45:00Manche
45:01fanden
45:01Angehörige
45:02in den
45:02Gesichtern
45:02der
45:03verbrannten
45:03Rinde
45:03wieder.
45:05Manche
45:05hassten
45:06Brann,
45:07manche
45:07sich
45:07selbst,
45:08manche
45:09mich,
45:10weil ich
45:10ihnen die
45:10Geschichte
45:11genommen
45:11hatte,
45:12in der
45:12ihre
45:12Schuld
45:12heilig
45:13gewesen
45:13war.
45:15Brann
45:16legte
45:16sein
45:16Amt
45:16nieder.
45:17Er
45:18kam zu
45:18mir,
45:18als ich
45:19noch
45:19nicht
45:19aufstehen
45:19konnte,
45:20und kniete
45:21vor
45:21meinem
45:21Lager.
45:22Ich
45:23wollte
45:23ihn
45:23nicht
45:23dort
45:24sehen.
45:24Ich
45:25wollte
45:25auch
45:25nicht,
45:26dass er
45:26sich
45:26demütigte,
45:27damit
45:27alles
45:27einfacher
45:28wurde.
45:29Er
45:29sagte,
45:30er
45:30werde
45:31den
45:31Rest
45:31seines
45:31Lebens
45:32damit
45:32verbringen,
45:33Namen
45:33aufzuschreiben.
45:34Jeden
45:35erwählten,
45:36jeden
45:36vermissten,
45:37jede
45:37Lüge.
45:39Ich
45:39sagte,
45:40er
45:40solle
45:40anfangen,
45:41bevor
45:41seine
45:41Hand
45:42zu
45:42alt
45:42werde.
45:44Kai
45:45lebte.
45:46Er
45:46ging
45:46langsam,
45:47mit einem
45:47Stock,
45:48und seine
45:49Brust
45:49trug Narben,
45:50die nie ganz
45:50verblassen
45:51würden.
45:52Wenn er
45:53mich
45:53besuchte,
45:54redeten
45:54wir
45:54wenig.
45:55Früher
45:56hatte
45:56mich
45:56Stille
45:57beschämt,
45:58jetzt
45:58wusste
45:59ich,
45:59dass
45:59eine
46:00Stille
46:00ohne
46:00fremde
46:01Stimme
46:01ein
46:01Geschenk
46:02sein
46:02konnte.
46:03Als
46:03der
46:04Frühling
46:04kam,
46:05gingen
46:05wir
46:05gemeinsam
46:06zum
46:06Alten
46:07Hain,
46:08nicht
46:08als
46:08Bittsteller,
46:10nicht
46:10als
46:10Gläubige,
46:11nicht
46:12als
46:12Kinder
46:12eines
46:13hungrigen
46:13Gottes.
46:14Wir
46:15gingen
46:15mit
46:15Spaten,
46:16Samen
46:17und
46:17müden
46:18Händen.
46:18Dort,
46:20wo
46:20der
46:20Opferstein
46:21gelegen
46:21hatte,
46:22war
46:22nur
46:23noch
46:23zerschlagener
46:24Fels.
46:25Kael
46:26und
46:26ich
46:26hatten
46:26darauf
46:26bestanden,
46:27ihn
46:27selbst
46:28zu
46:28zerbrechen.
46:29Jeder
46:30Schlag
46:30hatte
46:30wehgetan,
46:32aber
46:32nicht
46:32jeder
46:33Schmerz
46:33ist
46:33Strafe.
46:35Manche
46:35Schmerzen
46:36beweisen,
46:37dass
46:37man
46:37noch
46:38lebt.
46:39Von
46:40den
46:40zwölf
46:40Eichen
46:41standen
46:41nur
46:41schwarze
46:42Stümpfe.
46:43Von
46:44der
46:44dreizehnten
46:45war
46:45nichts
46:45geblieben,
46:46außer
46:47einer
46:47Senke
46:47im
46:48Boden.
46:48in
46:49die
46:49sich
46:49kein
46:49Tier
46:50verirrte.
46:52Einige
46:52wollten
46:52den
46:53Ort
46:53meiden,
46:54ihn
46:54mit
46:54Steinen
46:55verschließen
46:55und
46:56vergessen.
46:57Morda
46:58widersprach.
46:59Was
47:00man
47:00vergisst,
47:01sagte
47:01sie,
47:02bekommt
47:03Wurzeln.
47:05Also
47:05blieben
47:06wir.
47:07Wir
47:07pflanzten
47:08keine
47:08zwölf
47:09neuen
47:09Eichen.
47:10Wir
47:10pflanzten
47:11viele
47:11Bäume.
47:12Eiche,
47:14Esche,
47:15Birke,
47:16Apfel,
47:17Hasel.
47:18Kein
47:18Stamm
47:19sollte
47:19wieder
47:19für
47:20alle
47:20sprechen.
47:21Kein
47:21Schatten
47:22sollte
47:22so
47:22groß
47:22werden,
47:23dass
47:24Menschen
47:24darin
47:24verschwanden.
47:26Die
47:27Kinder
47:27halfen,
47:28obwohl
47:28ihre
47:28Eltern
47:29erst
47:29zögerten.
47:30Ein
47:31kleiner
47:31Junge
47:32fragte
47:32mich,
47:32ob
47:33die
47:33Götter
47:33nun
47:33zornig
47:34seien.
47:35Ich
47:35sagte
47:36ihm die
47:36Wahrheit.
47:37Ich
47:37wusste
47:38es
47:38nicht.
47:39Doch
47:39ich
47:40wusste,
47:40dass
47:41kein
47:41wahrer
47:41Gott
47:42ein
47:42Kind
47:42fressen
47:42muss,
47:43um
47:43stark
47:43zu
47:44bleiben.
47:45Ich
47:46wurde
47:46keine
47:46Druidin,
47:47wie
47:47Brann
47:48es
47:48gewesen
47:48war.
47:49Ich
47:49hörte
47:50noch
47:50immer
47:50keine
47:50Stimmen.
47:52Manchmal
47:53träume
47:53ich
47:53von
47:53tiefer
47:54Erde
47:54und
47:55von
47:55einem
47:55Hunger,
47:56der
47:56weit
47:56unter
47:56anderen
47:57Ländern
47:57tastet.
47:58Manchmal
47:59erwache
47:59ich
48:00mit
48:00meinem
48:00Namen
48:00auf der
48:01Zunge,
48:01weil
48:02ich
48:02fürchte,
48:02ihn
48:02im
48:03Schlaf
48:03verloren
48:03zu
48:03haben.
48:05Dann
48:05berühre
48:06ich
48:06den
48:06Eisenring
48:06und
48:07atme,
48:08bis
48:08die Welt
48:12nach der
48:12breizehnten
48:13Eiche
48:13fragen,
48:14zeige
48:14ich
48:15ihnen
48:15die
48:15Narbe
48:15in
48:15meiner
48:16Hand.
48:17Ich
48:17erzähle
48:18nicht
48:18von
48:18furchtlosen
48:19Helden.
48:19Ich
48:20erzähle
48:20von
48:21einem
48:21Mädchen,
48:22das
48:22Angst
48:22hatte,
48:23zitterte
48:24und
48:25trotzdem
48:25weiterging,
48:26weil
48:26jemand
48:27weitergehen
48:27musste.
48:29Dann
48:29sehen
48:29wir
48:30auf
48:30dem
48:30jungen
48:30Wald
48:30und
48:32ich
48:32weiß,
48:33manche
48:33Siege
48:34enden
48:34nicht mit
48:34Liedern,
48:35manche
48:36Siege
48:36beginnen
48:37als
48:37Saat.
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