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  • vor 20 Stunden
Die Rückkehr der Wölfe: Von Tierschützern als gute Nachricht gefeiert, für Landwirte Grund zur Sorge. Wie können Mensch und Wolf zusammenleben?

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Transkript
00:05Man sagt, man spürt es, wenn ein Wolf einen beobachtet.
00:09Glaubst du, er ist hier irgendwo in der Nähe?
00:11Vielleicht.
00:12Das ist unheimlich.
00:15Der Norden Deutschlands ist voller Wölfe.
00:18Es gibt hier sogar einen besonders berüchtigten.
00:20Nummer GW950M.
00:22Er hat mehr als 70 Nutztiere gerissen.
00:24Richtig Ärger bekam er aber, als er ein Pony von Pferdeliebhaberin, ähm,
00:27EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen tötete.
00:30Er wurde zum Abschluss freigegeben.
00:34Einige Wölfe wurden getötet, aber nicht GW950M.
00:38Drei Jahre später lebt er immer noch irgendwo in diesen Wäldern,
00:40mit neuer Partnerin und zwei Welten.
00:44Viele in Deutschland wollen, dass er und andere Wölfe verschwinden.
00:47Ist es möglich, die Wölfe loszuwerden?
00:51Durchtöten, ja.
01:02Ich gebe zu, ich liebe Tiere und ich bin eigentlich nur hergekommen, um einen Wolf zu sehen.
01:06Doch je mehr ich mich damit beschäftigt habe, desto mehr wurde es eine Geschichte über Menschen und Politik.
01:14Zwei Dinge habe ich gelernt und ich zeige euch später, wie ich darauf gekommen bin.
01:17Wölfe zu jagen ist die wohl schlechteste Lösung des Problems.
01:20Und es ist möglich, mit ihnen zusammenzuleben.
01:22Vielleicht sogar als eine Art Mitbewohner.
01:26Siegfried, Kenny, Kenner, lebt im Norden Deutschlands, in Niedersachsen.
01:30Ich habe ihn in seinem Hotel besucht.
01:31Sein Grundstück liegt zum Teil im Revier eines siebenköpfigen Wolfsrudels.
01:38Wie lebt es sich denn so nah bei einem Wolf?
01:40Ich finde es sehr spannend und sehr schön.
01:43Ich hätte mir nie vorstellen können, dass es in Deutschland wieder Wölfe gibt.
01:46Das hat mich total überrascht, als das passiert ist.
01:49Derzeit gibt es rund 1600 Grauwölfe in Deutschland, vor allem im Norden.
01:54Langsam breiten sie sich nach Süden aus.
01:56Wölfe sind sehr intelligent.
01:57Sie meiden Menschen fast immer, obwohl sie in von Menschen dominierten Regionen leben.
02:02Oh, da ist Kot.
02:05Das ist Wolfskot.
02:14Man sieht viele Haare.
02:17Und Knochen.
02:19Das sind Knochengrün.
02:20Und es riecht nach Wolfskot.
02:22Und es riecht nach Wolfskot.
02:25Och!
02:28Kenny ist Teil einer Gruppe von Freiwilligen, die im Auftrag der Regierung die Wolfsbewegung überwachen.
02:33Er sucht nicht nur nach Exkrementen.
02:35Im Wald hat er 35 Kamerafallen installiert.
02:40Eine davon hat eine besonders gefährliche Spezies erwischt.
02:44Er will beobachten, was im Wald passiert und wie sich alles verändert, wenn Wölfe das Ökosystem beeinflussen.
02:49Und wie sie ihm nützen.
02:55Wildschweine.
02:57Eine große Gruppe.
02:59So viele.
03:00Das ist ein junges.
03:03Rotwild.
03:05Wunderschön.
03:07Wenn Wölfe andere Tiere töten, ernähren sich viele andere Tiere mit.
03:12Und über Fotofallen weiß ich, dass mindestens über 40 Arten fressen mit an der Wolfsbeute.
03:18Also es ist ein Kreislauf.
03:19Und da sind Wölfe einfach ein Teil.
03:21Und der hat gefehlt vorher.
03:23Jetzt kommen die Wölfe zurück und nehmen ihren Platz wieder ein und bedienen das Ökosystem.
03:34Ein gesundes Ökosystem ist auch für unser Überleben entscheidend.
03:37Von sauberer Luft bis zu Insekten, die durch Bestäuben für unsere Nahrung sorgen.
03:42Die Rückkehr des Grauwolfs in so großer Zahl in Westeuropa gilt als großer ökologischer Erfolg.
03:49Doch inzwischen hat sich etwas verändert.
03:58Hier sind die Stellen, wo der Wolf quasi gebissen hat.
04:01Direkt am Hals.
04:09Und das war der Wolf?
04:12Ja, da siehst du nicht ganz viel, weil da war auch nicht viel.
04:14Der war ein Zahn noch.
04:15Das hat so eine Refektion ausgelöst.
04:19Vor zwei Monaten starb ihr ein Schaf.
04:2116 weitere wurden bei Angriffen auf diesem Hof verletzt.
04:24Und so etwas passiert immer häufiger.
04:28Wie fühlst du dich über dieses Thema?
04:32Schlecht.
04:33Sehr schlecht momentan.
04:35Weil man kann den Tieren ja irgendwie keine Sicherheit mehr geben.
04:40Ich habe mal gesagt, die Tiere sind eigentlich meine Tiere, die vertrauen mir.
04:44Aber das können sie momentan nicht mehr.
04:45Es werden ja immer mehr Wölfe.
04:46Man hat keine Sicherheit für die Zukunft irgendwie.
04:50Und ich habe schon das Gefühl, dadurch, dass wir dieses Jahr schon zweimal diese Übergriffe hatten, dass es momentan rasant
04:55zunimmt.
04:58Auch der Vizepräsident des Niedersächsischen Bauernverbandes stimmt dazu.
05:03Es geht nicht nur ums Geld.
05:05Es geht um die Arbeit.
05:07Darum, was man fühlt, wenn man seine toten Tiere findet.
05:15Man zieht sie groß, man erlebt ihre Geburt mit und dann sieht man, wie sie getötet wurden.
05:21Die deutschen und europäischen Bauernverbände haben sich bei der Politik wieder und wieder beklagt.
05:26Mit Erfolg.
05:27Das EU-Recht wurde geändert.
05:29Der Schutzstatus der Wölfe herabgestuft.
05:32Er bleibt zwar geschützt, aber die Mitgliedstaaten haben nun mehr Flexibilität.
05:37Dazu gehört auch die Genehmigung der Jagd.
05:43Würden Sie persönlich einen Wolf schießen?
05:46Ich bin kein Jäger, ich darf das nicht. Aber wenn ihr es niemandem verratet, würde ich es tun.
05:53Und wenn alle Wölfe getötet würden, wie vor 100 Jahren in Deutschland, würde sie das glücklich machen?
06:00Nein, nein, das halte ich auch nicht für nötig.
06:05Ich glaube, die Wölfe sind Teil der Natur.
06:08Sie sollen hier leben können, aber das muss so sein, dass es für uns handelbar ist.
06:14In einer Größenordnung, die auch für uns akzeptabel ist.
06:21Ein paar Tage zuvor in Berlin.
06:23Ich treffe Dr. Sibylle Klenzendorf, Wissenschaftlerin und Naturschutzexpertin beim WWF.
06:28Sie lehnt das neue Gesetz strikt ab.
06:34Das war eine politische Entscheidung, keine, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruht.
06:39Das Umweltministerium selbst hat ausgerechnet, für eine langfristig überlebensfähige Population brauchen wir mindestens 279 Rudel in Deutschland.
06:48Derzeit haben wir 209.
06:49Wir liegen also unter der selbstdefinierten Mindestgrenze.
06:56Wie kam es dazu?
06:59So ist Politik.
07:01Politiker entscheiden sich gegen das, was ihre eigenen Wissenschaftler sagen.
07:07Nach so vielen Gesprächen habe ich das Gefühl, dass das eine hochemotionale Debatte ist, in der niemand von seiner festen
07:12Meinung abweicht.
07:17Ich habe mich intensiv mit der Wissenschaft beschäftigt.
07:19Die Populationszahlen sind umstritten.
07:21Aber richtig interessant wird es beim Verhalten der Wölfe.
07:27Hier nun das wissenschaftliche Argument, warum Jagd nichts bringt.
07:29Wölfe leben in Rudeln von zwei bis etwa zehn Tieren.
07:32Es gibt zwei Leitwölfe, früher Alpha-Tiere, heute Mutter und Vater genannt.
07:38Nur Mutter und Vater pflanzen sich fort.
07:40Die anderen sind sozusagen Tanten und Onkel, die helfen.
07:43Wenn man Vater oder Mutter erschießt, ändern sich die Regeln des Rudels.
07:47Alle Erwachsenen können sich dann fortpflanzen.
07:49Und sie tun es auch.
07:52Am Ende hat man also möglicherweise mehr Wölfe, wo man sie eigentlich loswerden wollte.
07:56Und noch ein Punkt.
07:58Das hier ist eine Karte mit GPS-Daten aus Nordamerika.
08:00Sie zeigt, wie stark die Wölfe in ihren Revieren bleiben.
08:04Wenn man einen Wolf tötet, kann ein fremder Wolf mit völlig neuem Verhaltensweisen nachrücken.
08:10Und der kann für Nutztiere gefährlicher sein.
08:13Niemand weiß genau warum, aber manche Wölfe bevorzugen leicht verfügbare, wohlgenährte Nutztiere gegenüber Wild.
08:19So einen problematischen Wolf holt man sich dann vielleicht ins Revier.
08:24In der Slowakei hat man versucht, Wölfe durch Jagd zu regulieren.
08:28Ab 2014 gab es Abschussquoten.
08:31Fünf Jahre lang wurden bis zu 56 Wölfe im Jahr getötet.
08:34Studien zeigen aber, dass das die Angriffe auf Nutztiere nicht wesentlich verringert hat.
08:38Trotzdem stimmten Deutschland und andere EU-Länder jetzt für die Jagd.
08:43Der Wolf ist zu einem politischen Thema geworden.
08:45In Deutschland gibt es Wahlplakate wie diese.
08:51Der politische Druck wächst.
08:53Darum hat das Europäische Parlament im Eilverfahren über das Thema abgestimmt.
08:56Normalerweise ist das Krisenfällen vorbehalten.
08:59So wurde der Schutz der Wölfe abgeschwächt.
09:03Für mich ist diese Wolfsdebatte Teil der gesamten Diskussion um Agrarsubventionen, die neu geregelt werden müssen.
09:12Ländliche Räume und kleine Betriebe brauchen echte Unterstützung.
09:15Der Wolf ist ein leichtes Ziel, um schnell mal zu sagen, wir machen ja was.
09:22Ich hoffe, dass Regeln, Wissenschaft und die faire Evaluation des Schutzstatus gefährdeter Arten weiter ihren Platz haben werden.
09:31Und dass wir gemeinsam Lösungen für ein Zusammenleben finden werden.
09:41Ich treffe jetzt einen Schäfer, der an die Koexistenz glaubt.
09:46Die starren mich alle an.
09:53Das ist Stefan Erb. Er hat gelernt, mit den Wölfen zu leben.
10:02Vor sieben Jahren ging es bei uns los, dass wir Übergriffe hatten bei den Schafen.
10:06Also dass der Wolf nachts in der Herde war.
10:12Und das dann halt auch in einem Zeitraum von zwei Jahren immer wieder, immer wieder.
10:17Und zum Schluss war es halt so häufig, die Übergriffe mit vielen toten Schafen, dass es wirklich keinen Spaß mehr
10:25gemacht hat.
10:28Seitdem hält er sich Hütehunde und nutzt staatliche Förderprogramme für Herdenschutz, die es in Deutschland und anderen EU-Ländern gibt.
10:34Er sagt, es sei allerdings mehr Arbeit als früher.
10:37Unter anderem müsse er potenziell aggressive Hunde trainieren und rund um die Uhr für den Schutz der Schafe sorgen.
10:46Kein Problem, man setzt einfach Hunde rein und dann läuft es mit dem Wolf.
10:50Es ist nicht ganz so einfach, aber es ist möglich.
10:52Bei uns ist es jetzt so, dass wir, seit wir jetzt die Hunde in Betrieb haben und die eingesetzt sind
10:58in der Herde, haben wir auch keine toten Schafe mehr.
11:00Okay.
11:02Obwohl permanent Wölfe um uns rum sind.
11:04Er hat außerdem Elektrozäune, die er jeden Abend aufstellt und die ebenfalls von der Regierung bezahlt werden.
11:10Sie helfen schon sehr, sagt er, aber all diese Maßnahmen sind noch nicht völlig narrensicher.
11:15Ich meine, wolfssicher.
11:20Und da haben wir jetzt lange drum gekämpft, dass wir da eine Förderung brauchen und die soll jetzt auch kommen.
11:26Also da sind wir sehr froh drum.
11:27Man wird um Entnahmen nicht drum rum kommen, weil wir werden diese Wölfe haben, zum Beispiel gelernt haben, über diese
11:34Zäune zu springen.
11:34Also wir haben viele Wölfe, oder ein Großteil der Wölfe sogar, akzeptiert mit ziemlicher Sicherheit einen gut aufgebauten Elektrozäune.
11:43Ja.
11:44Zurück im Hotel der Kenners. Die Gäste sehen sich die Aufnahmen des Tages aus dem Wald an.
11:49Es ist schon faszinierend zu sehen, dass ein Wolf nur wenige Stunden vor einem am selben Ort unterwegs war.
11:54Ich denke in dieser Nacht aber auch an die Schafe da draußen und daran, wem man sie schützen kann.
12:03Es geht nicht nur darum, ob wir Wildtiere mögen. Wir brauchen sie. Für das Überleben der Wälder und letztlich für
12:10unser eigenes Überleben.
12:13Und dafür müssen wir auch die Menschen einbeziehen, deren Existenz genauso auf dem Spiel steht.
12:17Und dann geht es uns noch, um die Gespräche zu beenden.
12:20Wohin!
12:24Wohin!
12:26Wohin!
12:28Wohin!
12:29Wohin!
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