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  • 7 hours ago
Spillover · Planet Der Viren
Transcript
00:00:02Transcription by ESO. Translation by —
00:00:30Es ist die Nadel im Heuhaufen. Denn auf der Suche nach der Wahrheit lässt sich nicht jeder Winkel der Erde
00:00:37untersuchen.
00:00:41Wissenschaftler schätzen, dass es tausende bislang unbekannte Viren gibt, die das Potenzial haben, Menschen zu infizieren.
00:00:49Wir bemerken sie nicht. Sie leben unentdeckt in ihren tierischen Würden.
00:00:55Und tauchen deshalb scheinbar aus dem Nichts auf.
00:01:02In einem einzigen Moment. Einem Wimpernschlag der Geschichte. Forscher nennen ihn Spillover.
00:01:11Es ist der Augenblick, in dem ein Virus von Tier auf Mensch überspringt.
00:01:15Ein einziger könnte eine Pandemie auslösen.
00:01:20Wenn wir dies in Zukunft verhindern wollen, müssen wir diesen einen Moment verstehen.
00:01:27In einem Hangbau im Hintergrund.
00:01:32Und dem wir dies in Zukunft sehen.
00:02:21The Infektiologist Jessica Manning
00:02:24arbeitet seit zehn Jahren in Kambodscha.
00:02:28Im Auftrag des Nationalen Gesundheitsinstituts der USA
00:02:31erforscht sie hier neu auftretende, zuvor unbekannte Viren.
00:02:37Als 2020 das neue Coronavirus auftaucht, ist sie alarmiert.
00:02:44Nach Ausbruch der Corona-Pandemie waren wir überrascht,
00:02:47dass es hier in Südostasien so wenige Fälle gab.
00:02:51Was war anders in Kambodscha und Thailand, hier im Mekong-Delta?
00:02:58Mysteriös.
00:03:00Und so begannen wir, Proben von Menschen aus der Zeit
00:03:03vor der Pandemie zu untersuchen.
00:03:12Die Forscher analysieren archivierte Blutproben
00:03:15aus den Jahren 2005 bis 2011, also weit vor der Corona-Pandemie.
00:03:23Darin finden sie Hinweise, die Fragen aufwerfen.
00:03:26Etwa 10% der Proben enthalten Antikörper,
00:03:29die auch auf SARS-CoV-2 reagieren.
00:03:35Sind diese Menschen also bereits zuvor mit SARS-CoV-2
00:03:38oder ähnlichen Viren in Berührung gekommen?
00:03:41Gab es einen Übersprung eines solchen Coronavirus
00:03:45von Tier auf Mensch bereits vor Beginn der weltweiten Pandemie?
00:03:53Klar ist, dieser Teil Südostasiens ist ein Hotspot für Viren.
00:03:59Alle SARS-CoV-2, nächstverwandten Coronaviren
00:04:03wurden hier in Fledermäusen gefunden.
00:04:07In der südchinesischen Provinz Yunnan,
00:04:10in Laos, Vietnam und Kambodscha.
00:04:17Waren Menschen in Kambodscha, die in einer ländlichen Umgebung lebten,
00:04:21vor der Pandemie mit einem Seuchenerreger in Kontakt gekommen?
00:04:24Wir versuchen gerade, dieses Geheimnis zu lüften.
00:04:42Jessica Manning und ihr Team gehen auf Virenjagd.
00:04:45Monatelang.
00:04:47Sie durchforsten zahlreiche Höhlen Kambodschas.
00:04:52Trotz intensiver Suche finden sie das Tier,
00:04:54das SARS-CoV-2 in sich trägt, nicht.
00:05:07Aber dafür bringt ihnen jede Begutachtung von Fledermäusen
00:05:11neue Erkenntnisse.
00:05:13Denn das Team findet zahlreiche andere,
00:05:16zuvor unbekannte Viren.
00:05:23Wir müssen herausfinden,
00:05:25welche Viren in diesen Fledermäusen sind
00:05:27und welche prädestiniert sind,
00:05:29auf den Menschen überzuspringen.
00:05:31Wir können nicht jede Fledermaus beproben.
00:05:34Aber je mehr Proben wir nehmen,
00:05:36desto wahrscheinlicher ist es,
00:05:37dass wir einen Erreger finden,
00:05:39der beim Menschen eine Krankheit auslösen kann.
00:05:50Ein einziger Virusübersprung
00:05:53kann eine weltweite Pandemie in Gang setzen.
00:05:57Das Potenzial dafür ist riesig.
00:06:04Die Vielfalt an Krankheitserregern in Wildtieren
00:06:07ist erstaunlich.
00:06:10Je mehr wir forschen,
00:06:11desto mehr entdecken wir.
00:06:14Und wir kratzen gerade erst an der Oberfläche.
00:06:26Auf unserem Planeten existieren
00:06:29mindestens noch 10.000 unentdeckte Viren,
00:06:32die plötzlich Menschen befallen könnten.
00:06:36250 von ihnen haben diesen Übersprung bereits vollbracht.
00:06:41Aber warum passiert das überhaupt?
00:06:43Warum springen Viren von Tier auf Mensch?
00:07:07Ich war 19 Jahre alt.
00:07:11Ich hatte meine Ausbildung gemacht
00:07:13als Biologie-Laborantin
00:07:14und habe bei den Bering-Werken
00:07:17meine erste feste Stelle angenommen.
00:07:26Die Bering-Werke haben im Wesentlichen
00:07:29Impfstoffe hergestellt.
00:07:30Tetanus, Diphtorie, Masern, Polio,
00:07:33Grippeimpfstoff.
00:07:34Das war ihr Hauptanliegen.
00:07:44Die Bering-Werke war sehr selbstbewusst mit ihren Impfstoffen
00:07:47und weltweit bekannt.
00:07:49Also die hatte einen Namen.
00:07:51Für die Herstellung der Impfstoffe
00:07:53benötigen die Bering-Werke unterschiedliche Tiere.
00:07:57Nur aus ihren Organen lassen sich bestimmte Zellen gewinnen,
00:08:01um diese Präparate herzustellen.
00:08:04Das war wie im Zoo da.
00:08:07Also Hamster gab es, Meerschweinchen, jede Menge Meerschweinchen.
00:08:15Pferde hatten sie natürlich für Passivimpfstoff
00:08:18und solche Geschichten.
00:08:23Wir hatten es mit den Affen zu tun,
00:08:26weil wir die Affennieren verwertet haben.
00:08:41Und dann kamen die ersten Krankmeldungen.
00:08:44Es waren brütend heiße Tage.
00:08:46Brütend heiß.
00:08:47Und wir hörten, dass ein, zwei Tierpfleger krank waren.
00:08:51Und nach drei Tagen haben schon sieben Tierpfleger gefehlt.
00:09:00Es kam täglich jemand Neues in die Klinik.
00:09:03Die hatten Hautausschläge, aber auch so eine punktierte Haut,
00:09:09aus denen es dann geblutet hat.
00:09:11Also wie andere Schweißausbrüche kriegen,
00:09:14haben die aus den Poren geblutet.
00:09:17Es gibt zwar Medikamente, um Blutungen zu stoppen.
00:09:20Aber sie helfen hier nicht.
00:09:22Die Ärzte sind machtlos.
00:09:25Und zum Schluss waren sie dann auch im Koma.
00:09:29Und das war das Ende.
00:09:36Hinter diesen Fenstern kämpfen die Ärzte gegen eine Krankheit,
00:09:39die in Europa bisher noch nicht beobachtet wurde,
00:09:42deren Ursprung und Erreger noch unbekannt sind.
00:09:44Herr Professor Martini,
00:09:46ist die Krankheit inzwischen identifiziert worden?
00:09:48Nein, sie ist nicht identifiziert worden bisher.
00:09:58Und die Ärzte waren schon ziemlich verzweifelt.
00:10:01Und ich bin auch auf jede Beerdigung gegangen, ehrlich gesagt.
00:10:06Es war schon ziemlich heftig.
00:10:08Manchmal in einer Woche zwei oder drei.
00:10:16Acht Institute auf der ganzen Welt haben sich darum gekümmert,
00:10:20was das sein könnte.
00:10:22Und keiner hat es eigentlich in der passenden Zeit rausgekriegt.
00:10:30Die Proben aus Marburg werden an das Tropeninstitut in Hamburg geschickt.
00:10:40Es hat drei Monate gedauert, drei Monate der Misserfolge,
00:10:46als mein Chef dann auf die Idee kam,
00:10:48doch lieber mal im Blut der Tiere nachzusuchen,
00:10:52als in den Organen.
00:10:58Als ich das Mikroskop einschaltete,
00:11:02sah ich auf dem ersten Blick etwas,
00:11:06was ich meinen Augen gar nicht zutraute.
00:11:08Und mir ist wirklich der Atem gestoppt.
00:11:14Da waren so viele Partikel in der Größe einheitlich,
00:11:19aber sehr unterschiedliche Strukturen.
00:11:22Und mir war es schlagartig klar,
00:11:24es musste ein neues Virus sein.
00:11:38Der wurde tatsächlich Marburg-Virus genannt.
00:11:41Das war irgendwie ein Schock für die Stadt.
00:11:47Woher haben die Affen das?
00:11:49Das ist natürlich das,
00:11:51was als allererstes interessiert, woher kam es.
00:11:58Pro Jahr importieren die Bering-Werke 5000 Affen aus Afrika.
00:12:04Den Import aus Uganda übernimmt eine deutsche Firma.
00:12:08Es ist eine Routine-Lieferung.
00:12:11100 grüne Meerkatzen sollen im Juli 1967 nach Europa transportiert werden.
00:12:17Doch der gewohnte Transportweg ist abgeschnitten.
00:12:21Bis nachdem, dass der Suezkanal gesperrt war,
00:12:25und deshalb wurden die Affen über London transportiert,
00:12:30wo sie zusammen mit allen möglichen Tieren aus anderen Ländern zusammen waren.
00:12:37Und da mussten die Affen irgendwo das Virus aufgefangen haben.
00:12:44Am 28. Juli 1967 landet die Maschine der British United Airways
00:12:51mit den Affen aus Uganda in London Gatwick.
00:12:55Der Flughafen wird zum Drehkreuz für Tiere aus aller Welt.
00:13:00Frachtpapiere belegen,
00:13:01dass hier jetzt plötzlich ganz unterschiedliche,
00:13:04exotische Tierarten zusammenkommen, die nicht zusammengehören.
00:13:08Ein idealer Ort für Viren, um ihren Wirt zu wechseln
00:13:12und um von einem Tier zum anderen zu springen.
00:13:19Schließlich brachte man den Ausbruch unter Kontrolle.
00:13:23Das Virus sprang nicht von Mensch zu Mensch über.
00:13:25Es war identifiziert, aber unklar war, woher es kam.
00:13:30Es stammte offenbar nicht von den Affen.
00:13:32Denn weitere Tests zeigten,
00:13:35dass auch Affen für dieses Virus empfänglich waren
00:13:37und dass auch sie an dem Virus erkrankten.
00:13:45Wenn das Marburg-Virus nicht in Affen lebt,
00:13:48sondern auch sie krank macht,
00:13:50wo hat es dann seinen Ursprung?
00:13:53Wo versteckt es sich?
00:13:55Und warum befallen zuvor unbekannte Viren plötzlich,
00:13:58wie aus dem Nichts, andere Tiere und dann Menschen?
00:14:16Wir hatten eine sehr enge Beziehung zum Kongo,
00:14:20dem ehemaligen Sair.
00:14:251976 erreichte uns die Nachricht,
00:14:29dass in einer belgischen Missionsstation in Mjambuku, 1200 Kilometer nördlich von Kinshasa,
00:14:37eine neue Krankheit aufgetaucht war, an der belgische Nonnen und viele Einheimische starben.
00:14:56Es war alarmierend.
00:15:10Auf dem Luftweg wurde eine Blutprobe nach Belgien gebracht.
00:15:16Der Pilot kam herein und stellte uns eine Thermosflasche auf den Tisch.
00:15:21Er sagte, Leute, es ist dringend.
00:15:29Darin befindet sich die Blutprobe einer gerade verstorbenen Ordensschwester.
00:15:34Findet heraus, was es ist.
00:15:42Ich öffnete die Flasche.
00:15:45Das Eis war geschmolzen.
00:15:48Darin fand ich zwei Röhrchen.
00:15:53Eins war zerbrochen, das andere intakt.
00:15:57In einem Plastikumschlag fanden wir einen Brief.
00:16:04So ein kleines Stück Papier, auf dem der Name der Person stand, der das Blut entnommen worden war, und eine
00:16:10Diagnose.
00:16:11Gelbfieber?
00:16:12Fragezeichen?
00:16:13Das war alles.
00:16:23Peter und ich machten uns an die Arbeit, um herauszufinden, ob es sich um ein Bakterium oder ein Virus handelt.
00:16:35Nach elf Tagen waren wir fertig.
00:16:39Dieses Virus war ein Riese. Es war gigantisch.
00:16:45Das größte Virus, das wir je gesehen haben.
00:16:49Der Elefant unter den Viren.
00:16:59Es sah eher aus wie Spaghetti oder Würmer.
00:17:03Das einzig bekannte Virus, das so aussah, war das Marburg-Virus.
00:17:07Da bekamen wir es mit der Angst zu tun.
00:17:11Als Peter Piot und Guido van der Groen 1976 das Ebola-Virus entdecken, ist es für die Wissenschaftler eine Sensation.
00:17:21Denn die Virologie ist eine junge Disziplin.
00:17:24Und in immer schnellere Abfolge tauchen in dieser Zeit wie aus dem Nichts zuvor vollkommen unbekannte Viren auf.
00:17:30Die Menschen infizieren. Auf der ganzen Welt.
00:17:36Wo waren diese Viren zuvor?
00:17:38Und warum infizieren sie jetzt plötzlich Menschen?
00:17:47Die belgischen Wissenschaftler sollen herausfinden, woher das Virus stammt.
00:17:53Es ist ein Flug ins Ungewisse.
00:17:56Der Aufbruch in eine neue Welt.
00:18:011976 war ich 27 Jahre alt.
00:18:04Unerfahren. War noch nie in meinem Leben in Afrika gewesen.
00:18:08Wir flogen tief in den tropischen Regenwald, umgeben von unzähligen Tieren.
00:18:13Diese Geräuschkulisse und Bäume, die bis zum Himmel reichten.
00:18:18Eine unvergessliche Erfahrung.
00:18:29Überwältigend.
00:18:30Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich solche Bäume.
00:18:34Wie Riesen.
00:18:38Mir wurde zum ersten Mal klar, wie mächtig und auch bestimmend die Natur ist.
00:18:46Und wie winzig und unbedeutend wir selbst.
00:18:50Und ich sah, wie eng die Menschen, die dort lebten, mit der Natur verbunden waren.
00:19:01Dann kamen wir bei der Missionsstation an.
00:19:08Als wir mit den epidemiologischen Untersuchungen begannen, befand sich dort kein einziger Patient mehr.
00:19:27Bei einer Epidemie unbekannten Ursprungs fragt man sich, woher kamen die ersten Patienten?
00:19:32Wo leben sie?
00:19:35Als erstes sind wir mit unseren Teams in alle Dörfer gegangen.
00:19:45Wir erstellten Listen.
00:19:47Von Hand.
00:19:58Ich erinnere mich noch an einen Mann, der aus dem Mund blutete, aus der Nase und den Ohren.
00:20:04Die Menschen haben schrecklich gelitten.
00:20:06Sie hatten hohes Fieber, blutigen Durchfall und unaufhaltsames blutiges Erbrechen.
00:20:11Unstoppable vomiting, also mit Blut in there.
00:20:21Ebola-Patienten, die im Sterben liegen, sind ein furchtbarer Anblick.
00:20:31Neun von zehn Erkrankten starben.
00:20:36Die Sterblichkeitsrate war extrem hoch.
00:20:44Der Ursprung des Virus war uns immer noch ein Rätsel.
00:20:48Wann also kam es zum Übersprung?
00:20:50Diesem magischen Moment.
00:20:52Wann ist der magische Moment da?
00:21:01Der magische Moment.
00:21:04Spillover.
00:21:05Der Moment, in dem ein Virus von Tier auf Mensch überspringt.
00:21:10Wie kommt es dazu?
00:21:14Wir konnten rekonstruieren, wer als erster erkrankte.
00:21:18Es war ein Lehrer der Missionsschule.
00:21:21Wir fanden sein Tagebuch.
00:21:24Er kam von einem Familienbesuch und hatte einen toten Affen mitgebracht.
00:21:30Der Mann verstarb an Ebola.
00:21:35Affen werden verzehrt.
00:21:37Sie gelten als Delikatesse.
00:21:53Dieses Buschfleisch ist auch heute noch eine wichtige Spur,
00:21:57wenn man neue Viren sucht.
00:22:06Unsere Hypothese war, dass vielleicht Affen der Ursprungswirt sind.
00:22:10Aber es stellte sich heraus, dass das nicht stimmt.
00:22:13Affen sterben genauso wie der Mensch an Ebola.
00:22:20Wenn das Ebola-Virus auch Affen tötet,
00:22:24können sie nur der Zwischenwirt sein.
00:22:27Eine Art Sprungbrett.
00:22:29Die Viren müssen sich woanders verstecken.
00:22:36Jedes neu auftretende Virus stammt von einem Wirt,
00:22:40in dem es unauffällig lebt.
00:22:42Meist ohne Symptome zu verursachen.
00:22:47Dieser Wirt ist eine Art Zufluchtsort für das Virus.
00:22:55Es gibt immer einen Ursprungswirt.
00:22:58Da beginnt die Detektivgeschichte.
00:23:13Wo versteckt sich das Virus?
00:23:16Es gibt unzählige Möglichkeiten.
00:23:18Wir reisten in den Südosten Kameruns.
00:23:22Die Natur dort ist überwältigend.
00:23:24Wir waren die Ersten, die jemals mit Pygmäen zusammenarbeiteten und lebten.
00:23:38Zunächst mussten wir die lokalen Namen für die Tiere lernen
00:23:41und dann die Einheimischen überzeugen, uns diese zu bringen.
00:23:46Die Pygmäen erlegten mehr als tausend Tiere für uns.
00:23:51Verschiedene Arten, die wir später identifizierten.
00:23:55Ein gewaltiges Unterfangen.
00:23:58Wir gingen davon aus, dass wenn wir all diese Proben später in Antwerpen untersuchen würden,
00:24:04am Ende wenigstens eine von ihnen positiv sein würde.
00:24:21Aber wir konnten keinen einzigen Wirt identifizieren
00:24:24und auch nicht die Frage beantworten, wo in der Natur versteckt sich Ebola.
00:24:35Wir wissen das nicht bis heute.
00:24:41Unmittelbar nach dem Ausbruch von Jambuco flackert Ebola nur noch dreimal auf.
00:24:47Aber es sind lokal begrenzte Einzelfälle.
00:24:50Dann verschwindet das Virus wieder, genauso wie es gekommen war.
00:24:5515 Jahre lang taucht es nicht auf.
00:24:58Ein Mysterium?
00:25:00Nein.
00:25:03Offenbar brauchen Viren einen Anlass, um auf Menschen überzuspringen.
00:25:17Ich bin Jim Cheek.
00:25:19Ich war leitender Epidemiologe für Infektionskrankheiten beim Indian Health Service.
00:25:25Unsere Behörde leistet die Gesundheitsversorgung für die Ureinwohner in den USA.
00:25:331993 erhielt ich Mitteilungen von Ärzten, dass einige Menschen wie aus heiterem Himmel gestorben waren.
00:25:44Das Ungewöhnliche an diesen Todesfällen war, dass die Opfer noch sehr jung waren.
00:25:49Sie waren 19, Anfang 20, bis dahin kerngesund, sogar Langstreckenläufer.
00:25:58Im Sportteil las ich ehemaliger Leichtathletik-Star gestorben.
00:26:03Er war bei der Beerdigung seiner Verlobten, als er sich so schlecht fühlte, dass er gehen musste.
00:26:14Wir hatten nicht einmal Zeit, ihn zur Behandlung auf die Intensivstation zu bringen.
00:26:21Innerhalb weniger Stunden war er tot.
00:26:29Sie bekamen plötzlich eine grausame Lungenentzündung.
00:26:33Ihre Lungen füllten sich mit Flüssigkeit, die Sauerstoffzufuhr war abgeschnitten.
00:26:44Die Lungen der Patienten kollabieren.
00:26:47Sie ersticken bei vollem Bewusstsein.
00:26:50Wir kannten keine derartige Krankheit.
00:26:53Es war schockierend.
00:26:56Jeden Tag kommen neue Patienten auf die Intensivstation.
00:27:02Es gab mehr als zehn Fälle. Sechs von ihnen starben.
00:27:05Der Name des Opfers ist Brenda Benelli.
00:27:08Eine hoch ansteckende Krankheit, aber wir wissen noch nicht, wie sie übertragen wird.
00:27:12Elf Menschen sind gestorben, einige innerhalb von 24 Stunden.
00:27:1517 Menschen haben sich infiziert, 13 sind gestorben.
00:27:19Viele sind verängstigt und besorgt, sie könnten das nächste Opfer sein.
00:27:23Es ist beängstigend, nicht zu wissen, was vor sich geht.
00:27:30Die unbekannte Seuche tötet mehr als 50 Prozent aller Infizierten in rasanter Geschwindigkeit.
00:27:37Aber was löst die Krankheit aus?
00:27:42Wir versuchten verzweifelt, die Ursache herauszufinden.
00:27:47Es gab eine lange Liste möglicher Infektionskrankheiten.
00:28:01Es war rätselhaft, dass der Krankheitsverlauf so rasant ablief.
00:28:06War ein Opfer eben noch gesund, konnte es innerhalb weniger Stunden plötzlich kaum noch atmen und starb kurz darauf.
00:28:19Die ersten zwei Todesopfer lebten mit ihren Familienmitgliedern zusammen, bei denen keine Symptome auftraten.
00:28:26Das überzeugte uns, dass die Menschen die Krankheit nicht untereinander verbreiteten.
00:28:31Es musste an eine bestimmte Gegend gebunden sein.
00:28:45Alle Fälle ereigneten sich in einem sehr ländlichen, abgelegenen Gebiet innerhalb des größten Reservats amerikanischer Ureinwohner, das der Navajos.
00:29:00Wir durchsuchten den Trailer, in dem das Paar gestorben war, von oben bis unten.
00:29:08Das einzige, was uns auffiel, war Nagetierkot.
00:29:20Um ehrlich zu sein, ließ das bei uns keine Alarmglocken läuten.
00:29:23Es ist eine sehr ländliche Gegend.
00:29:28Die Menschen leben dort inmitten der Natur.
00:29:31Da gehören Mäuse dazu.
00:29:44Es war wirklich zum Verzweifeln.
00:29:48Wir haben mit allen Mitteln versucht herauszufinden, woher die Krankheit kommt.
00:29:58Bei den Gesundheitsbehörden arbeitet ein Mann, der zwischen den Welten wandelt.
00:30:02Ben Munieda.
00:30:04Er schaut mit ganz neuer Perspektive auf das Rätsel.
00:30:08Ich habe fast mein ganzes Leben im Reservat verbracht.
00:30:12Dann wurde ich bei der CDC, dem Nationalen Amt für Seuchenkontrolle, als Epidemiologe ausgebildet.
00:30:21Mein Großvater war der Medizinmann unseres Stammes, ein Heiler.
00:30:28Wir blicken immer auf das ganze Universum, die gesamte Umwelt.
00:30:34Für uns bedeuten Krankheiten, dass das harmonische Gefüge der Welt gestört ist.
00:30:39Wir sehen Krankheiten nicht als Folge eines einzigen Erregers.
00:30:51Es ist eine vollkommen andere Sicht auf die Welt und wie die Dinge zusammenhängen.
00:31:00Gesundheit ist bei den Navajo Teil eines großen Ganzen.
00:31:04Wir sind integraler Teil des Universums.
00:31:07Tiere werden als Lebewesen betrachtet, die eine Seele haben.
00:31:11Ihnen werden spirituelle Kräfte zugerechnet.
00:31:14Aus Sicht der Navajo sind wir nicht die dominante Spezies,
00:31:18sondern wir koexistieren mit Tieren.
00:31:28Nagetiere gelten als friedliche Kreaturen.
00:31:32Der Maus wird allerdings etwas Unheimliches zugeschrieben.
00:31:36Sie gilt als Überbringerin dieser Krankheit.
00:31:39Eines unserer Sprichwörter besagt, dass man seine Kleidung verbrennen sollte,
00:31:44wenn eine Maus darüber läuft, während man schläft.
00:31:52Kann es sein, dass die Maus aus den Lebensweisheiten der Navajo auch bei den neuen Fällen eine Rolle spielt
00:31:59und verantwortlich ist für die rätselhaften Todesopfer?
00:32:14Die Labore machten Überstunden, um den Krankheitserreger zu ermitteln.
00:32:25Sie testeten sämtliche Proben, auf alles Mögliche, wirklich alles.
00:32:30Selbst auf Erreger, die man niemals als Auslöser dieser Krankheit in Betracht ziehen würde.
00:32:36Wir waren ratlos.
00:32:47Dann rief die CDC an und sagte, es sei ein neuartiges Virus aus der Familie der Hunter-Viren.
00:33:00Das Hunter-Virus. 1952 erstmalig entdeckt.
00:33:07Aber hier in New Mexico tritt ein ganz neuer Virus stammt zutage,
00:33:11der vollkommen andere Symptome auslöst und damit alle Experten überrascht und überfordert.
00:33:19Diese Entdeckung reiht sich ein in zwei Dekaden immer neuer Spillover-Ereignisse,
00:33:24bei denen Viren von Tier auf Mensch überspringen.
00:33:28Warum nimmt die Taktzahl dieser Ereignisse immer stärker zu?
00:33:32Was könnte die Ursache sein?
00:33:39Teams fuhren aufs Land und fingen sämtliche Nagetiere, die sie finden konnten.
00:33:44Sie entnahmen Proben, um zu testen, welches Tier den Erreger in sich trug.
00:33:50Sie finden das Virus schließlich. In der Hirschmaus.
00:33:55In genau der Maus, die in den Legenden der Navajo eine Rolle spielt.
00:34:04Vermutlich trugen diese Mäuse das Virus schon lange in sich.
00:34:07Aber warum kam es jetzt zum Spillover? Warum in diesem Jahr?
00:34:21Die Medizinmänner sagten, dass die Ursache mit etwas zu tun habe, was weit entfernt liegt.
00:34:26So wie Waldrodungen im Amazonas, die einen Schmetterlingseffekt auslösen.
00:34:33So etwas sei der Auslöser für die Krankheit.
00:34:36Mir wurde bei genauem Nachdenken klar, dass sie den Klimawandel meinen mussten.
00:34:45In der Sichtweise der Navajo hängt alles mit allem zusammen.
00:34:49Gerät die Welt ins Ungleichgewicht, kommt es zu Krankheiten.
00:34:53Tatsächlich gab es im Vorjahr des Ausbruchs ein außergewöhnliches Wetterereignis.
00:34:59Seit Jahrhunderten taucht im Pazifik immer wieder das Naturphänomen El Nino auf.
00:35:06Es bringt saisonal begrenzte, aber extreme klimatische Veränderungen.
00:35:11Gerade 1991, 1992, so stark wie kaum jemals zuvor.
00:35:16Mit Folgen auch für New Mexico.
00:35:18Es war ungewöhnlich mild und regenreich.
00:35:28Im Winter 92, 93 trugen die Pinionkiefern extrem viele Zapfen.
00:35:35Die Mäuse konnten sich den ganzen Winter über von Kiefernzapfen und Pinienkernen ernähren.
00:35:42In der Folge explodierte 1993 die Mauspopulation auf ein Zehnfaches, zehnmal mehr als sonst.
00:36:02Es kamen Wellen von Mäusen aus den Bergen.
00:36:06Sie überrannten die Siedlungen und Häuser, kamen in Kontakt mit den Bewohnern.
00:36:10Und dann traten die ersten Hunter-Virus-Fälle bei Menschen auf.
00:36:21Das ungewöhnliche Klima dieses Jahres führte dazu, dass sich Mäuse da ansiedeln, wo Menschen wohnen.
00:36:31Dadurch kommt es zum Spillover.
00:36:35Das Klima verändert das Ökosystem und das wiederum sorgt dafür, dass sich Krankheiten verbreiten.
00:36:47Die Entdeckung des Hunter-Virus in New Mexico verändert die Perspektive.
00:36:52Die Erkenntnis, dass Spillover von ökologischen Veränderungen ausgelöst werden, gerät immer stärker in den Fokus.
00:37:01Auch ein Jahr später, am anderen Ende der Welt.
00:37:24Hendra, ein Vorort von Brisbane. Es ist die Hochburg des australischen Pferderennsports.
00:37:33Der Veterinär Peter Reed hat sich auf diese Tierart spezialisiert.
00:37:46Pferde können sehr viel Blut in ihre Muskeln pumpen.
00:37:49Dadurch sind sie in der Lage, große Energien freizusetzen und sehr schnell zu laufen. Einzigartig im Tierreich.
00:37:58Es sind fantastische Tiere mit einmaliger Athletik.
00:38:21An einem Tag Anfang September bekam ich einen Anruf. Sie müssen sich eine Zuchtstute ansehen.
00:38:26Sie hatte Muskelkrämpfe. Ihre Augäpfel rollten nach hinten und schließlich kippte ihr Hals zur Seite.
00:38:32Ich wusste nicht genau, was es war. Es sah aus wie eine Vergiftung oder eine bakterielle Infektion.
00:38:44Noch in der Nacht erhielt sich um vier Uhr morgens den Anruf, dass die Stute vor dem Stall zusammengebrochen sei
00:38:49und sie im Sterben liege.
00:38:51Ich sollte sofort kommen.
00:38:59Als ich dort ankam, war sie bereits tot.
00:39:09In den Ställen war etwas Schlimmes im Gange. Einige Pferde brachen zusammen oder schlugen auf dem Boden um sich.
00:39:18Innerhalb von zwölf Stunden sind sieben Pferde gestorben.
00:39:22Dieses Leiden setzte sich fort, einen Tag und eine Nacht.
00:39:32Neun Pferde musste ich einschläfern lassen. In der darauffolgenden Woche starben fast alle restlichen Pferde.
00:39:43Dann erkrankt der Trainer der Pferde. Innerhalb weniger Tage ist er tot.
00:39:50Sein Stall liegt mitten in Hendra, dem Vorort von Brisbane.
00:39:55Niemand weiß, was die Krankheit auslöst und ob es sich um einen Erreger handelt, der in der Millionenmetropole weitere Opfer
00:40:03fordern könnte.
00:40:05Die Wissenschaft identifiziert den Erreger. Es ist kein Virus, das jemals zuvor Pferde infiziert hat.
00:40:15Sie nennt ihn Hendra-Virus. Nach dem Ort seines ersten Auftretens.
00:40:25Als man den Erreger aus einigen Gewebeproben isoliert hatte, war es ein Virus, das die Wissenschaft noch nie zuvor gesehen
00:40:31hatte.
00:40:33Wir waren sehr besorgt und tappten völlig im Dunkeln.
00:40:50Es bleibt ein Mysterium.
00:40:53Wo versteckt sich dieses Virus, das scheinbar aus dem Nichts Pferde und an Menschen befällt?
00:41:00Warum verlässt es sein Refugium? Und könnte es plötzlich wieder auftauchen?
00:41:08Die Forscher der australischen Seuchenschutzbehörde müssen diese Fragen lösen. Schnell.
00:41:14Kim Halpen ist damals an vorderster Front dabei.
00:41:19Niemand wusste, wie ansteckend der Erreger war.
00:41:22Alle waren sehr besorgt und nervös, ob und wo das Virus wieder auftauchen würde.
00:41:27Woher kam es?
00:41:38Wir haben Proben von über 4000 Tieren genommen.
00:41:46Keines von ihnen hatte Antikörper gegen dieses neue Virus.
00:41:50Wir steckten in einer Sackgasse.
00:41:56Es war fast so, als sei das Virus vom Himmel gefallen.
00:42:11Dann gab es plötzlich einen weiteren Fall, der sich als Hendra-Virus herausstellte.
00:42:17Ein Mensch, der sich in Mackay infiziert hatte.
00:42:23Der Ort liegt 800 Kilometer nördlich von Brisbane.
00:42:27Der Infizierte ist ebenfalls Pferdezüchter.
00:42:31Das Hendra-Virus tötet auch ihn.
00:42:35Das lieferte uns den Hinweis, dass es sich beim Ursprungswirt um etwas handeln musste, das vermutlich fliegen konnte.
00:42:50Und Bingo, Flughunde.
00:42:52Bei ihnen gab es jede Menge Viren.
00:42:55Ein sehr hoher Prozentsatz dieser Proben war positiv.
00:43:04Flughunde sind Fledertiere.
00:43:07Riesige Kreaturen mit Flügelspannweiten von weit über einem Meter.
00:43:12Auch die australischen Flughunde sind Vegetarier, die sich von Früchten und Blütennektar ernähren.
00:43:18Die Forscher finden Antikörper gegen das Hendra-Virus in 50 Prozent der Flughunde.
00:43:24Das bedeutet, die Hälfte aller Tiere trug das Virus bereits in sich.
00:43:31Sie könnten es überall verbreiten.
00:43:36Man sieht nachts vor lauter Flughunden die Sterne am Himmel nicht.
00:43:41Trotzdem kam ich nicht sofort auf die Flughunde.
00:43:43Es war eher so, als käme es aus dem Nichts.
00:43:50Warum ist das Hendra-Virus 1994 zum ersten Mal auf Menschen übergesprungen?
00:43:57Und warum nicht schon früher?
00:43:58Die Flughunde und das Virus bevölkern den Kontinent wahrscheinlich seit Millionen von Jahren.
00:44:04Die ersten Menschen siedelten sich vor 60.000 Jahren hier an.
00:44:09Das erste Pferd kam 1788 nach Australien.
00:44:13Es waren also alle Bestandteile da.
00:44:16Warum passierte dieser Spillover erst jetzt, 1994, so plötzlich wie aus heiterem Himmel?
00:44:26Die Forscher können diese Frage zunächst nicht beantworten.
00:44:30Noch nicht.
00:44:37Drei Jahre später.
00:44:40In Indonesien wüten gewaltige Feuerwalzen.
00:44:44Die Flammen fräsen sich durch riesige Waldgebiete.
00:44:48Diese Vernichtung ist menschengemacht und gewollt.
00:44:52Die Wälder sollen weichen und die Brandrodung Platz schaffen für gigantische neue Palmölplantagen.
00:44:58Aber es gerät außer Kontrolle.
00:45:00Am Ende ist eine Fläche größer als Bayern komplett abgebrannt.
00:45:08Der Rauch der zerstörerischen Feuer bedeckt über Monate weite Teile Südostasiens mit einem undurchdringlichen Schleier.
00:45:16Ganze Städte und Landstriche versinken darin.
00:45:23Zwei Jahre später kommt es im benachbarten Malaysia zu mysteriösen Todesfällen.
00:45:46Ende Februar 1999 wurde eine Reihe von Patienten eingeliefert.
00:45:52Junge Leute zwischen Mitte 30 und 40.
00:45:56Anfangs waren sie wie wandelnde Tote.
00:46:00Physisch konnten sie noch gehen, aber geistig waren sie bereits verwirrt.
00:46:09Sie kamen ins Krankenhaus und fielen dann ins Koma.
00:46:13Aber mental sind sie bereits verwirrt.
00:46:24Nach drei oder vier Tagen starben einige von ihnen.
00:46:28Dann wurde der Neffe eines Opfers eingeliefert.
00:46:31Auch er verstarb.
00:46:33Dann kam der Onkel und starb auch.
00:46:35Dann kam der Bruder und starb.
00:46:38So etwas hatten wir noch nie erlebt.
00:46:41So eine Flut an Patienten mit gleichen Symptomen.
00:46:46Die Krankheit war sehr seltsam.
00:46:55Wir fanden dann heraus, dass sie alle Schweinezüchter waren,
00:47:00aus einem Ort etwa 70 Kilometer von hier.
00:47:15Kurz nachdem mein Nachbar ein sterbendes Schwein aus seinem Stall getragen hatte,
00:47:20wurde er ins Krankenhaus eingeliefert und starb dort einen Tag später.
00:47:39Schweine können wie Menschen husten.
00:47:47Nachts war ihr Husten sehr laut zu hören.
00:47:54Es sind Malaysias Boom-Jahre.
00:47:58Das Land hat die Schweineproduktion zu einem Industriezweig ausgebaut.
00:48:02Vor allem für den Export.
00:48:05Mitten im ehemaligen Dschungel entstehen deshalb Schweinefarmen.
00:48:09Die aufstrebende Volkswirtschaft will vom Schwellenland zum Industriestaat werden.
00:48:14Nichts soll diesen Aufschwung stoppen.
00:48:19Laut dem Gesundheitsministerium wurde es durch Stechmücken übertragen.
00:48:23Wir schützten uns, trugen Schutzkleidung und versprühten jeden Tag Insektenschutzmittel.
00:48:45Es hieß, dass es sich um die japanische Enzephalitis handele,
00:48:49die in Asien weit verbreitet ist und von Stechmücken übertragen wird.
00:48:56Aber die Todesrate ist extrem hoch.
00:49:0030 Prozent aller Erkrankten sterben.
00:49:05Und noch etwas passt nicht zur Erklärung der Regierung.
00:49:09Denn es erkranken keine Malaien, die Muslime sind.
00:49:17Stechmücken wissen nicht, wer Muslim ist und wer nicht.
00:49:20Wir konnten also Mücken als Überträge ausschließen.
00:49:30Die Malien arbeiten nicht als Schweinezüchter.
00:49:34Deshalb wurden sie nicht krank.
00:49:37Es waren also nicht die Mücken.
00:49:39Es wurde durch Schweine übertragen.
00:49:41Durch sie verbreitete sich die Krankheit.
00:49:59Mehr als 100 Menschen starben hier.
00:50:01Wir hatten alle Angst.
00:50:03Wir wurden evakuiert und ließen die Schweine zurück.
00:50:06Schließlich kamen die Behörden und töteten alle Schweine.
00:50:23Es wurden etwa eine Million Schweine in Malaysia gekeult.
00:50:27Das war an der Zeit, in der Lande.
00:51:07Dr. Chua, zu der Zeit ein junger Wissenschaftler,
00:51:10war überzeugt, dass es sich um ein neues Virus handelt.
00:51:19Dort war etwas Ungewöhnliches im Gange.
00:51:23Wir mussten ins Unbekannte vordringen
00:51:25und neues Terrain erforschen.
00:51:36Ich forschte unentwegt im Labor weiter
00:51:38und fand heraus, dass das Virus
00:51:40sehr schnell Zellen miteinander verschmelzen lässt
00:51:43und sich sehr schnell vermehrt.
00:51:46Es war ein tödliches Virus.
00:51:48Das kann man sagen, dass das Wasser sehr tödlich ist.
00:51:55In dem Moment, wo ich es zum ersten Mal
00:51:57unter dem Elektronenmikroskop sah,
00:51:59wusste ich, dass das etwas vollkommen Neues war.
00:52:05Die Forscher nennen den zuvor unbekannten Erreger
00:52:09Nipah-Virus.
00:52:11Nach dem Dorf, in dem es die ersten Menschen tötete.
00:52:18Mir lief ein Schauer über den Rücken.
00:52:20Ich konnte es nicht fassen.
00:52:21Niemand hat mir geglaubt.
00:52:23Ich habe gewarnt, das ist es, das ist furchtbar.
00:52:30Das Virus war so tödlich.
00:52:33Ich hatte Angst, mich angesteckt zu haben.
00:52:35Wir kannten ja die Inkubationszeit nicht.
00:52:37Man konnte nur beten.
00:52:46Doch wie war das Virus auf Schweine
00:52:48und dann auf Menschen übergesprungen?
00:52:49Waren noch weitere Tiere beteiligt?
00:53:06Ich fuhr zu der Farm, wo der erste Fall aufgetreten war,
00:53:10um nachzuforschen.
00:53:12Ich wusste, dass das Nipah-Virus
00:53:15mit dem australischen Hendra-Virus verwandt ist,
00:53:18welches von Flughunden abstammt.
00:53:22In Malaysia gibt es zwei Arten von Flughunden
00:53:25und auf diese konzentrierte ich mich.
00:53:32Ich hatte Glück und konnte das Virus aus dem Urin isolieren
00:53:36und auch aus angefressenen Früchten.
00:53:40Die Fledermäuse fressen Früchte und lassen den Rest fallen.
00:53:51Über den Speichel in den Resten konnten wir das Virus nachweisen
00:53:55und im Urin.
00:54:03Direkt neben den Schweineställen stand ein großer Mangobaum.
00:54:06Diese Bäume werden gern gepflanzt,
00:54:09wegen der Früchte und wegen des Schattens, den sie spenden.
00:54:14Was ist schon falsch daran,
00:54:17Obstbäume neben einem Schweinegehege zu pflanzen?
00:54:20Warum sollte das ein Problem sein?
00:54:24Unglücklicherweise fielen die Früchte in das Gehege.
00:54:27Einige der angefressenen Früchte enthielten das Virus
00:54:30und wurden von den Schweinen gefressen.
00:54:38Paul Chua stößt bei seinen Recherchen noch auf eine andere wichtige Information.
00:54:43Eine der beiden Flughundarten, die das Nipah-Virus in sich tragen,
00:54:47ist in diesem Teil Malaysias eigentlich nicht heimisch.
00:54:51Warum hat sie sich trotzdem hier angesiedelt?
00:54:54Offenbar ist sie von den Früchten der angepflanzten Mangobäume angezogen worden.
00:54:58Aber es gibt noch einen anderen Grund.
00:55:101997 wurde in Indonesien sehr viel Land durch Brandrodung gewonnen.
00:55:14Ganze Lebensräume wurden zerstört.
00:55:17Flughunde fürchten sich vor Rauch.
00:55:20Das vertrieb sie und ließ sie Richtung Malaysia fliegen.
00:55:27Wir haben genügend Daten, die die Luftverschmutzung belegen.
00:55:31An manchen Tagen konnte man wegen des Rauchs die Sonne nicht sehen.
00:55:39Fehlende Sonneneinstrahlung führt zu geringem Wachstum der Früchte.
00:55:45Was wiederum dazu führt, dass die Fledermäuse für die Futtersuche an neue Orte fliegen müssen.
00:56:04Unsere Lebensweise wirkt sich direkt auf die Umwelt aus.
00:56:09Und beeinflusst dadurch, wohin sich die Fledermäuse bewegen.
00:56:15Und das führt zur Übertragung von Krankheiten auf den Menschen.
00:56:26Menschen haben es in Gang gesetzt.
00:56:29Dieser Spillover ist menschengemacht.
00:56:36Es ist der erste Ausbruch dieses zuvor unbekannten Virus und er wird der harmloseste bleiben.
00:56:42In den folgenden Jahren kehrt das Nipah-Virus zurück in die umliegenden Länder Südostasiens.
00:56:50Und das Virus wird zu einem Killer.
00:56:53Mittlerweile verbreitet sich Nipah von Mensch zu Mensch.
00:56:57Das Virus, dessen Übersprung der Mensch provozierte, zählt heute zu den zehn gefährlichsten Erregern der Welt.
00:57:05Die WHO stuft es als Virus ein, das das Potenzial hat, eine Pandemie in Gang zu setzen.
00:57:32Das Auftreten des Nipah-Virus im Jahr 1999 war ein erschreckendes Ereignis.
00:57:38Die Tatsache, dass es sich um dieselbe Fledermausart handelte, die auch das Hendra-Virus in sich trug,
00:57:46trieb uns an, verstehen zu wollen, wie genau es zum Spillover des Hendra-Virus gekommen war.
00:57:53Was war geschehen?
00:57:55Wir untersuchten, ob sich die Umwelt der Fledermäuse verändert hatte und damit vielleicht ihre Nahrungsquellen.
00:58:02Wie war es plötzlich dazu gekommen?
00:58:13Die Biologin Peggy Eby zählt zu den erfahrensten Fledermaus-Forscherinnen weltweit.
00:58:20Seit über 30 Jahren beobachtet sie das Verhalten von Flughunden in Australien.
00:58:27Fledermäuse sind rätselhaft für uns, denn sie fliegen und sind nachtaktiv und deshalb schwer zu erforschen.
00:58:43Peggy Eby beobachtet, dass vor allem ein Faktor das Verhalten der Flughunde steuert.
00:59:10Es war naheliegend, dass genau dieser Faktor eine Rolle bei den Hendra-Virus-Fällen spielte.
00:59:19Mehr als zwei Jahrzehnte lang sammelt die Forscherin Daten dazu.
00:59:24Nur mit diesem Schatz kommt Peggy Eby, dem Rätsel der Hendra-Virus-Spillover, Stück um Stück auf die Spur.
00:59:35Während ich die Schauplätze untersuchte und dokumentierte, tauchten immer wieder neue Fälle auf.
00:59:49In den Folgejahren kommt es zu 44 Übersprüngen des Hendra-Virus. Aber warum?
00:59:56Für ihre Forschung besucht Peggy Eby immer wieder die über ganz Australien verteilten Pflegestationen,
01:00:02in denen kranke und schwache Flughunde versorgt werden.
01:00:27Wenn sie kein Futter finden und dann hunderte von Jungtieren hier in deine Obhut kommen,
01:00:32wie gewöhnst du sie an Früchte?
01:00:36Man beginnt mit Früchten wie Birnen oder Trauben und steigert im Laufe der nächsten drei Wochen allmählich die Menge.
01:00:53Eigentlich ernähren sich Flughunde von Früchten im Regenwald, aber sie fressen auch den Nektar blühender Eukalyptusbäume.
01:01:09Blühende Eukalyptusbäume sind wie Magnete.
01:01:15Australische Forscher haben diese Aufnahmen mit Wärmebildkameras gedreht, um sichtbar zu machen,
01:01:20wie viele Tiere diesen Eukalyptus-Hein bevölkern.
01:01:24Sie zeigen, dass blühende Bäume die Flughunde im Winter zu Hunderttausenden anziehen.
01:01:48Der Nektar sichert ihre Nahrungsgrundlage. Diese Bäume sind für sie überlebenswichtig.
01:02:00Diese Bäume, die im Winter blühen, wachsen vor allem auf fruchtbaren Böden, also an Orten, die wir uns nutzbar machen
01:02:07oder für Wohngebiete roden.
01:02:09Das macht die Sache so teuflisch.
01:02:18Die fortschreitende Abholzung hat Folgen. Das Hemra-Virus ist eine davon.
01:02:24Das Virus hat sich nicht verändert, aber plötzlich springt es über.
01:02:34Laut unserer wissenschaftlichen Beweise sind etwa zwei Drittel der 44 Ausbrüche des Hemra-Virus auf den Verlust dieser Winterquartiere zurückzuführen.
01:02:46Wir und unser Handeln sind die Ursache dafür.
01:02:50Wir haben ihren Lebensraum gerodet, auf den sie während des Winters angewiesen sind.
01:02:56Wenn man einen Baum schüttelt, fallen die Äpfel herunter.
01:03:08Nach den Ausbrüchen von Hendra und Nipa rücken Fledermäuse immer stärker in den Fokus der Forscher.
01:03:19Fledermäuse zählen zur artenreichsten Gattung der Welt. Es gibt über 1400 verschiedene Arten.
01:03:27Damit sind rund 25 Prozent aller Säugetierarten auf dem Globus Fledermausarten.
01:03:35Und es sind die einzigen Säugetiere, die fliegen können.
01:03:40Forscher gehen davon aus, dass Fledermäuse ihr Immunsystem so steuern können, dass es Viren toleriert und die Fledermäuse deswegen fast
01:03:48symbiotisch mit ihnen leben, ohne selbst zu erkranken.
01:03:57Manche dieser Virusarten können sogar Pandemien auslösen.
01:04:02Vor allem ein Virus wird lange Zeit vollkommen unterschätzt.
01:04:09Anhaltenden Wurz
01:04:35Anhaltenden Wurz
01:04:43Am 14. Februar 2003, es war Valentinstag, aßen meine Frau und ich in einem Restaurant in Hongkong zu Abend,
01:04:51als ich einen Anruf von der Weltgesundheitsorganisation erhielt.
01:05:01Man teilte mir mit, dass man über einen Ausbruch schwerer Lungenentzündungen in Guangdong besorgt sei.
01:05:13Guangdong ist die bevölkerungsreichste Provinz Chinas. Jeden Tag pendeln Hunderttausende aus den Millionenstädten nach Hongkong.
01:05:22Sie könnten den Ausbruch hierhin tragen und eine Epidemie in Gang setzen.
01:05:31Jeden Abend wurde in den Nachrichten berichtet, wie viele Menschen sich infizieren, wie viele Menschen an dieser ungewöhnlichen Lungenentzündung sterben.
01:05:40Wir waren sehr besorgt, weil wir keine Methode fanden, um sie zu identifizieren und einzudämmen.
01:05:46Die Zahl der Infizierten stieg und stieg ungebremst.
01:05:54Diese neue, unbekannte Infektion verbreitet sich offenbar über die Luft.
01:06:00Die Infizierten leiden an schwerem, akutem Atemwegssyndrom.
01:06:04Die Krankheit wird SARS genannt. Aber noch ist der Erreger nicht gefunden.
01:06:15Weltweit war man ziemlich besorgt, dass sich die Krankheit von Asien aus in andere Teile der Welt ausbreitet.
01:06:23Wir standen unter Druck, die Ursache für diese neue Krankheit zu finden.
01:06:30Malik Pires und sein Team sind Virenjäger.
01:06:34Ein paar Jahre zuvor gelang es ihnen, eine Vogelgrippe-Epidemie in Hongkong zu stoppen.
01:06:39Und bei diesem Ausbruch?
01:06:45Wie kommt es, dass wir es nicht schaffen, die Ursache zu finden?
01:06:49Es war beängstigend, dass es ein neuer Erreger war. Neu für uns. Wir wussten nicht, was es ist.
01:07:01Wir hörten Berichte über einen Ausbruch in Vietnam. Es gab einen Bericht über einen Ausbruch in Singapur und auch über
01:07:09einen in Hongkong.
01:07:15Innerhalb einer Woche hatten wir etwa 30, 40, 50 Patienten, die sich gegenseitig ansteckten.
01:07:22Dann plötzlich konnten wir ein Virus nachweisen.
01:07:29Als wir es vergrößerten, sahen wir Partikel umgeben von kleinen Punkten.
01:07:34Sie sahen wie Kronen aus. Wir waren wirklich überrascht.
01:07:40Die Feststellung, dass es sich um ein Coronavirus handelt, war ein Schock.
01:07:45Die erste Reaktion war Schock, denn wir hätten nie gedacht, dass so etwas passieren könnte.
01:07:57Susan Weiss zählt 2003 wie heute zu den renommiertesten Coronavirus-Forscherinnen der Welt.
01:08:05Kaum jemand hat sich so intensiv mit dieser Virenfamilie auseinandergesetzt wie sie.
01:08:09Aber die Virologin betreibt Grundlagenforschung.
01:08:13Denn Coronaviren gelten als harmlose Erreger, die in erster Linie Erkältungskrankheiten auslösen.
01:08:21Ich hatte mich seit 1979 mit Coronaviren beschäftigt.
01:08:25Wir waren sehr, sehr überrascht. Mit so etwas hatten wir nicht gerechnet.
01:08:29Bis dahin hatte sich nie jemand für Coronaviren bei Menschen interessiert.
01:08:40Mein erster Gedanke war, wow, niemand konnte es glauben.
01:08:45Unser kleiner Forschungsbereich war geschockt.
01:08:47Dass ein Coronavirus tatsächlich Menschen töten konnte, war neu für uns.
01:08:56Zu dieser Zeit waren nur zwei menschliche Coronaviren bekannt.
01:09:01Es handelte sich um eine Virenfamilie, die als ungefährlich und harmlos galt.
01:09:10Aber das war ein Irrtum.
01:09:13SARS hat das Verständnis darüber, wozu Coronaviren in der Lage sind, völlig auf den Kopf gestellt.
01:09:25Eine vermeintlich harmlose Virusfamilie, die normalerweise nur Schnupfen auslöst,
01:09:31aber niemals im Verdachtstand, Menschen weltweit zu infizieren und knapp 10% von ihnen zu töten.
01:09:38Und was ist mit den zwei bis dahin bekannten Coronaviren?
01:09:42Sind sie tatsächlich so harmlos?
01:09:45Eines von ihnen nehmen Wissenschaftler ein Jahr später ins Visier.
01:10:04Nach dem Auftauchen von SARS begibt sich der belgische Wissenschaftler Marc van Ransd auf Spurensuche.
01:10:10Er will mehr über den Variantenreichtum von Coronaviren herausfinden.
01:10:15Der Virologe konzentriert sich auf OC43.
01:10:20Ein Coronavirus, das bis dahin als absolut glimpflich galt, weil es nur Schnupfen auslöst.
01:10:26Es ist kaum erforscht. Warum auch?
01:10:29Aber war es schon immer so harmlos?
01:10:32Wann hat es zum ersten Mal Menschen infiziert?
01:10:35Van Ransd bringt ein Werkzeug der virologischen Forschung zum Einsatz.
01:10:43Der Zeitpunkt des ersten Übersprungs lässt sich mithilfe der sogenannten molekularen Uhr herausfinden.
01:10:51Viren mutieren jeden Tag.
01:10:55Diese Veränderungen laufen ziemlich konstant ab.
01:11:00Jedes Virus mutiert mit gleichmäßiger Geschwindigkeit.
01:11:04Diese Taktung nimmt die molekulare Uhr als Maßstab und kann so rückwärts rechnen, wann ein Virus sich von seinem Vorgänger
01:11:12abgespalten hat.
01:11:22Unsere Berechnungen ergaben einen Wert um das Jahr 1890.
01:11:27Wenn man sich das Jahr 1890 aus epidemiologischer Sicht ansieht, stößt man sofort auf die russische Grippe.
01:11:43Die russische Grippe von 1890 ist eine Atemwegserkrankung.
01:11:49Sie breitet sich zwei Jahre lang über ganz Europa bis in die USA aus und zählt zu den großen Pandemien
01:11:56der Weltgeschichte.
01:12:02Bei der russischen Grippe ging man davon aus, dass es sich um ein Influenza-Virus handele.
01:12:08Doch es gibt einige deutliche Hinweise, vor allem die Analyse der molekularen Uhr,
01:12:14dass diese Epidemie eine nicht erkannte Coronavirus-Epidemie gewesen sein könnte.
01:12:19Eine Coronavirus-Epidemie in disguise.
01:12:28Der Virologe Harald Brüssow hat die Forschung von Marc van Rans zur russischen Grippe aufgegriffen und in der Medizingeschichte recherchiert.
01:12:38Man geht davon aus, dass etwa eine Million Menschen an der russischen Grippe gestorben sind.
01:12:45Und ich war überrascht, wie gut die russische Grippe dokumentiert ist.
01:12:57Die Mediziner hatten mit Überraschung festgestellt, dass Übertragungen der russischen Grippe beobachtet wurden,
01:13:06bevor die Patienten Symptome entwickelten. Das ist untypisch für Influenza.
01:13:21Sieht man sich Zeitungen aus dieser Zeit an, stellt man sofort fest, dass es keine normale Grippe war.
01:13:29Die Karikaturen der damaligen Zeit greifen bereits auf, dass es sich um ungewöhnliche Symptome handelt.
01:13:36Die Mediziner beobachteten auch erstaunliche Geschmacks- und Geruchsveränderungen, ähnlich wie wir das in der Covid-19-Epidemie erlebt haben.
01:13:47Das sind epidemiologische, klinische Hinweise, die potenziell für eine Coronavirus-Infektion sprechen.
01:14:06War die russische Grippe tatsächlich eine Influenza oder eine Coronavirus-Infektion?
01:14:19Wenn OC-43, ein Coronavirus, der Auslöser der russischen Grippe war, wo kam es dann her?
01:14:28Wo war es zuvor? Wie kam es zum Spillover?
01:14:34In den Jahren vor 1890 gab es, von Russland ausgehend, eine seltsame weltweite Epidemie bei Rindern.
01:14:46Es hat verheerende Rindersäuchen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gegeben.
01:14:53Es ist dokumentiert, dass etwa 70.000 Tiere daran gestorben sind.
01:15:04In den Monaten vor der russischen Grippe fand in der russischen Provinz Tomsk eine massive Rinderkeulung statt.
01:15:19Das heißt, sehr enger Kontakt zwischen Rindern und Menschen.
01:15:23Vermischung von Blut, Speichel und Atemluft.
01:15:27Perfekte Bedingungen für einen Spillover.
01:15:37Noch fehlt der letztendliche Beweis.
01:15:40Aber wenn sich bestätigt, dass OC-43 der Auslöser für die russische Grippe von 1890 gewesen ist,
01:15:47dann wäre es die erste weltweite Corona-Pandemie ausgelöst durch einen Spillover.
01:16:21Es war auch für uns sein Ziel.
01:16:23Ziemlicher Schock, dass Coronaviren, die wir bisher nur mit Erkältungen in Verbindung gebracht hatten,
01:16:29eine so schwere Krankheit verursachen können.
01:16:36Plötzlich hatten wir es mit einem sehr bösartigen Virus zu tun,
01:16:39das von Mensch zu Mensch übertragen wird und schwere Krankheiten auslöst.
01:16:44Die Natur überrascht uns immer wieder aufs Neue.
01:16:48Wir wissen, dass solche Krankheitserreger von Tieren stammen müssen.
01:16:51Nur, von welchem?
01:16:56Es musste ein Tier sein, mit dem Menschen so eng zusammenkommen, dass das Virus überspringen kann.
01:17:01Also Wildtiermärkte.
01:17:16Meine Kollegen reisten nach China und versuchten, Proben auf Märkten zu nehmen.
01:17:31In China ist der Geschmack von Wildtierfleisch sehr beliebt.
01:17:35Und es gibt den Glauben, dass Fleisch von Wildtieren gesünder ist.
01:17:46Die Menschen glauben, dass Wildtiere ihrer Gesundheit zuträglich sind.
01:17:50Deshalb gibt es einen Markt dafür.
01:17:55Dort waren tausende Tiere unterschiedlicher Arten auf engstem Raum unter unhygienischen Bedingungen zusammengepfercht.
01:18:09Es gelang mir, Proben von Zibetkatzen und Marderhunden in China zu nehmen.
01:18:14Sie wurden positiv getestet.
01:18:27Eines gibt den Entdeckern des SARS-Virus Rätsel auf.
01:18:31Als sie die gleichen Tierarten in freier Wildbahn beproben, finden sie das Coronavirus nicht.
01:18:39Offenbar waren Zibetkatze und Marderhund auf dem Wildtiermarkt in Guangzhou nur ein Zwischenwirt.
01:18:45Das Sprungbrett, von dem das Virus auf den Menschen übergesprungen ist.
01:18:52Der Spillover passierte eindeutig auf einem dieser Wildtiermärkte.
01:18:56Aber welches Tier ist der Ursprungswirt des Virus?
01:19:04Die Forscher aus Hongkong suchen weiter nach dem Ursprung des SARS-Coronavirus, das sie 2003 fanden.
01:19:11Sie müssen es aufspüren.
01:19:14Denn nur so können sie die Gefahr zukünftiger Spillover einschätzen.
01:19:18Sie machen eine beunruhigende Entdeckung.
01:19:22Hier in Hongkong haben wir alle Tiere untersucht, die wir fangen konnten.
01:19:28Schließlich fand Leo im Jahr 2004 den Nachweis für das Coronavirus in Fledermäusen.
01:19:34Das Coronavirus, gefunden im artenreichsten Säugetier der Welt.
01:19:50Zum ersten Mal wurden Coronaviren in Fledermäusen nachgewiesen.
01:19:55In den Folgejahren beproben Wissenschaftler Fledermäuse rund um den Globus.
01:20:00Und sie finden immer wieder neue Coronaviren.
01:20:03Auf fast jedem Kontinent.
01:20:13Überall haben Forscher Fledermausviren gefunden.
01:20:15In Australien, Neuseeland, China, Japan, in ganz Asien, Europa und Afrika.
01:20:21Auf allen Kontinenten, mit Ausnahme der Antarktis, weil es dort keine Fledermäuse gibt.
01:20:29Hunderte von Coronaviren sind weltweit im Umlauf.
01:20:41Coronaviren können genetisches Material untereinander austauschen und daraus ein neues Virus entstehen lassen.
01:20:47Deshalb war es damals für uns nur eine Frage der Zeit, bis es zu einer Pandemie kommen würde.
01:20:52Durch Coronaviren.
01:21:00Wir sahen es als tickende Zeitbombe. Für die gesamte Menschheit.
01:21:04Es wird die ganze Menschheit beeinflusst.
01:21:12Die Forscher aus Hongkong prophezeien schon 2003 ein neues Coronavirus, das Menschen befallen könnte.
01:21:20Wann und wo es kommen wird, wissen sie nicht.
01:21:28Gleichzeitig erhöht sich in den Folgejahren die Schlagzahl neuer Spillover-Ereignisse.
01:21:36Die Triebkräfte, die sie auslösen, sind immer die gleichen.
01:21:42Ein milder Winter führt zu Ausbrüchen des West-Nil-Virus.
01:21:46Malaria breitet sich in Indonesien aus, wo Wald für Plantagen gerodet wurde.
01:21:50Ein vollkommen neues Coronavirus springt von Kamel auf Mensch in einem Schlachthof.
01:21:57Ebola in Westafrika, verstärkt durch eine Bauxitmine in Guinea.
01:22:03Das Zika-Virus in Brasilien. Es schädigt die ungeborenen Föten Schwangerer.
01:22:08In keinem anderen Land wurde so viel Regenwald abgeholzt wie hier.
01:22:12Ein neues Coronavirus tötet mehr als 20 Millionen Menschen, übertragen auf einem Wildtiermarkt.
01:22:18M-Pox aus der Gruppe der Pockenviren, die seit 1980 als ausgerottet gelten, übertragen von Nagetieren.
01:22:30Es ist ein klarer Trend. Wenn sich Tier und Mensch immer näher kommen, was bedeutet das für die Zukunft?
01:22:38Welches neuartige Virus könnte das nächste sein? Wie viele Spillover werden wir erleben?
01:22:45Womit muss man rechnen?
01:23:03Ich beschäftige mich als Biologe mit globalem Wandel und versuche herauszufinden,
01:23:09wie Organismen auf Veränderungen reagieren, die wir dem Planeten zufügen.
01:23:14Unser Team beschäftigt sich mit der Frage, ob der Klimawandel das Risiko für Pandemien und Spillover erhöht.
01:23:25Der Biologe Colin Carlson gilt als Wunderkind der US-Wissenschaft.
01:23:31Mit zwölf Jahren begann er zu studieren, mit 22 hatte er seinen Doktortitel.
01:23:36Heute bildet Carlson die Speerspitze einer jungen Disziplin, die Spillover-Phänomene aus einer zeitgemäßen Perspektive betrachtet.
01:23:45Und für diese neue Sicht das Wissen von Virologie, Ökologie und Klimawandel vereint.
01:23:56Unsere Welt hat sich bereits um 1,2 Grad erwärmt. Das reicht aus, um alles auf dem Planeten in Bewegung
01:24:02zu versetzen.
01:24:03Schon ein Grad war genug, um Tierarten hunderte Kilometer weiterziehen zu lassen. Von hier an gibt es kein Zurück mehr.
01:24:17Für ihre Analyse fütterten die Forscher ein Simulationsprogramm mit tausenden Datensätzen.
01:24:23Was wird passieren, wenn Tiere und mit ihnen die Viren, die sie in sich tragen,
01:24:29aufgrund des Klimawandels aus ihren angestammten Lebensräumen fliehen müssen?
01:24:34Was bedeutet das für zukünftige Spillover?
01:24:39Es ist eine komplette Umstrukturierung der Biosphäre.
01:24:42Jede Tierart muss jetzt irgendwo anders neue Lebensräume finden und wird deshalb auf andere Tiere treffen,
01:24:48mit denen sie zuvor nie in Kontakt war. Und genau diesen Spuren folgen die Viren.
01:25:03Manchmal heißt es, ein Virus sei auf den Menschen übergesprungen oder habe den Sprung vom Tier auf den Menschen geschafft.
01:25:10Aber Viren können nicht springen. Sie können nicht laufen, nicht rennen, schwimmen, nicht fliegen.
01:25:18Sie reisen vielmehr per Anhalter.
01:25:25Wie in einem Netzwerk sind sie ständig in Bewegung.
01:25:28Wie Signale, die sich durchs Gehirn bewegen.
01:25:32Alles wird neu verdrahtet, neu zusammengefügt und steht plötzlich in einem neuen Verhältnis zueinander.
01:25:37Und all die Viren folgen diesen Mustern zum ersten Mal.
01:25:47Mit ihren Analysen hat sich die Gruppe um Carlson an die Spitze einer neuen, global denkenden Forschergeneration katapultiert
01:25:54und mit ihren Daten eine Schockwelle durch die Wissenschaft gesendet.
01:25:59Wenn wir in unseren Simulationen 3000 Säugetiere nehmen und sie auf der Erde umherwandern lassen,
01:26:06ergeben sich daraus tausende neue Gelegenheiten für ein Virus von einem Wirt zum anderen zu wechseln.
01:26:11Und das gilt für hunderte von Viren.
01:26:14Sie könnten ihr gesamtes Virum teilen.
01:26:16Das sind also 300.000 Möglichkeiten, dass es klappen könnte.
01:26:20Das ist, dass es richtig ist.
01:26:31Die Viren, die uns mit Blick auf Pandemien wirklich Sorgen machen, sind die, die wir kennen.
01:26:36Grippeviren, Coronaviren.
01:26:38Wir erforschen sie seit Jahrzehnten.
01:26:40Und sie sind gefährlich.
01:26:41Aber es gibt auch tausende Viren, deren Potenzial noch völlig unbekannt ist.
01:26:45Bis zum Jahr 2050 könnte es zwölfmal so viele Spillover geben wie heute.
01:26:50Wenn man diesen Trend weiterverfolgt, wird sich das, was einem heute schnell vorkommt, lächerlich anfühlen,
01:26:55im Vergleich zu dem, was wir zu erwarten haben.
01:27:05Häufig nehmen wir Viren als heimtückische Killer wahr.
01:27:08Als verborgene Feinde.
01:27:11Als Kreaturen, die uns auf den Fersen sind.
01:27:13Als Erreger, die Menschen nach dem Leben trachten.
01:27:17Wir sollten uns von dieser Sichtweise verabschieden.
01:27:21Denn sie stimmt nicht.
01:27:24Viren sind keine Raubtiere, die es auf uns abgesehen haben.
01:27:27Sie sind nicht von Natur aus böse, obwohl sie eine Menge Schaden anrichten können.
01:27:32Viren haben keinen Willen, keine Absicht.
01:27:35Viren existieren nicht, um Menschen krank zu machen.
01:27:43Spillover.
01:27:45Es ist ein einziger Moment.
01:27:48Aber warum passiert er?
01:27:51Wenn Viren auf Menschen überspringen, ist es immer die Antwort auf unser Handeln.
01:27:58Wir sind es, die die Schneisen für den nächsten Spillover schlagen.
01:28:02Mit Abholzung, Landraub und dem Klimawandel.
01:28:07Erst dadurch setzen wir Spillover-Ereignisse in Gang.
01:28:11Und damit auch zukünftige Pandemien.
01:28:14Dies sind reale Zusammenhänge.
01:28:17Unser aller Gesundheit ist untrennbar mit der Gesundheit des Planeten verbunden.
01:28:44Und damit auch nicht zu machen.
01:29:07Transcription by CastingWords
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