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LernenTranskript
00:03Ein seltsames Erlebnis hatten einst Jäger nahe der Rotenbrück.
00:07Nichts ließ sich sehen, bis die Geisterstunde schlug.
00:10Da kam ein Mägdelein durch den Wald und rief mit feiner Stimme,
00:14Komm Matz, komm Matz!
00:16Worauf es schien, als ob der Berg sich aufgetan und Wildsauen geheckt hätte.
00:21So viele kamen hervor und zogen alle dem Mädchen nach.
00:24Wer will, mag's glauben, eben eine Sage.
00:28Hör mir!
00:29Dies hier ist kein Sput. Es ist helllichter Tag.
00:32Ort der Handlung, ein kleines Waldgebiet im Bezirk Magdeburg.
00:37Die Akteure Heinz Meinhardt und seine Wildschweine.
00:40Er hat sich mit ihnen gemein gemacht.
00:43Jetzt ist er einer der ihren, Schwein unter Schweinen, ohne dass das für ihn ein Schimpfwerk wäre.
00:48Er lebt mit den Schwarzkitteln in freier Wildbahn.
00:52Sie bestimmen Anfang und Ende seines Tageslaufs.
00:55Und das seit Jahren.
00:58Wohlgemerkt, das sind keine handzahmen Tiere, die sich von jedermann streicheln und füttern lassen.
01:02Das hier sind Wildschweine in des Wortes wahrer Bedeutung.
01:06An sie kommt niemand heran.
01:08Nur einer kann mit ihnen umgehen.
01:10Heinz Meinhardt.
01:14So ist das wahr.
01:19Willkommen.
01:20Ach, wie sieht's aus.
01:22Und wie sieht's aus.
01:30Auch die Filmaufnahmen, die ihn zusammen mit den Tieren zeigen, hat er zum allergrößten Teil selbst gemacht.
01:35Dafür war ein Umbau seiner Kamera nötig, damit er sie auch aus einiger Entfernung eigenhändig auslösen kann.
01:41Für ihn ist Verhaltensforschers Traum wahr geworden, in eine Gemeinschaft freilebender Tiere als Artgenosse aufgenommen zu werden.
01:50Er muss nicht von ferne ein scheues, ständig fluchtbereites Wild beschleichen.
01:55Ungehindert bewegt er sich unter den Tieren und sie offenbaren ihm ihre Lebensweise.
02:03Lang war der Weg bis dahin, voller Schwierigkeiten, Strapazen und Gefahren.
02:51Herbst 1973.
02:54Ein Pferdefuhrwerk zuckelt ins Jagdgebiet Grabo, Kreisburg.
03:00An bestimmter Stelle wird eine Ablenkfütterung für Wildschweine eingerichtet.
03:04Die Tiere sollen im Wald bleiben und möglichst wenig die umliegenden Felder heimsuchen.
03:09Zusammen mit dem Jagdleiter kommt Heinz Meinhardt ins Revier.
03:13Er will die seltene Gelegenheit nutzen und Wildschweine filmen.
03:17Doch beide warten vergeblich, Woche für Woche.
03:23Die Tiere tafeln zwar ausgiebig, allerdings immer nur nachts.
03:28Schwarzwild ist durch ständige Störungen in immer kleiner werdenden Waldgebieten längst zu heimlicher, nächtlicher Lebensweise gezwungen.
03:35Niemand bekommt es zu Gesicht.
03:38Anderes Waldgetier läuft Heinz Meinhardt genug über den Weg.
03:41Die Wildschweine bleiben Phantome.
03:46So vergeht der Herbst.
03:50Der Winter kommt.
03:52Das neue Jahr brächt an.
03:55Langsam wird es Frühling.
04:05Heinz Meinhardt
04:06Heinz Meinhardt wartet auf Schwarzwild und beobachtet mittlerweile Kraniche.
04:10Schöne, stolze Vögel.
04:21Doch auch dabei vergeht sein Unmut nicht ganz.
04:25Sollte er in seinen Träumen zu hoch geflogen sein,
04:28jetzt bemüht er sich ein halbes Jahr lang Tag für Tag um die Wildschweine
04:32und hat nicht einmal eine Schwanzspitze zu sehen bekommen.
04:36Aber dann...
04:37Ich weiß es noch genau, es war am 20. März 1974.
04:42Wir sind am Futterplatz und auf einmal passiert's.
04:45Urplötzlich kommen ein paar Frischlinge aus der Dickung.
04:48Ich bin richtig sprachlos.
04:51Scheu sind sie überhaupt nicht.
04:58Eine ältere Bache lugt misstrauischend zu uns hin.
05:01Das ist sicher ein Muttertier.
05:03Ein paar andere Eugenahre gewöhnisch.
05:07Aber die Kleinen sind nicht mehr zu halten.
05:09Auch die Bachen überwinden sich langsam.
05:11Noch wittern sie zwar vorsichtig.
05:15Doch bald führt eine nach der anderen ihre Kinderschar zum Futterplatz.
05:20Ich kann mir dieses Zutrauen wie aus heiterem Himmel nur so erklären,
05:24dass sie uns schon lange vorher aus sicherem Versteck geobachtet haben müssen.
05:28Die kleinen Biester stürzen sich gierig über unseren Mais her.
05:33Mehr als zwei, drei Wochen alt können sie nicht sein.
05:36Meine Filmkamera läuft und ich beobachte.
05:41Da putzt eine Bache ihren Frischling lang und gründlich.
05:45Reinlichkeit scheint bei Schweinen ganz vorne anzustehen.
05:49Viel später werde ich davon noch eine Menge Interessantes zu sehen bekommen.
05:54Aber so weit ist es noch lange nicht.
05:56Ich merke auch, dass die kleinen Kerle noch eine Menge zu lernen haben.
06:00Aber zwischendurch siegt immer wieder der Appetit.
06:04Mais ist ja auch ein Leckerbissen.
06:08Auf einmal sehe ich, wie eine der Bachen die Frischlinge verjagt und selber frisst.
06:13Doch auch die hat nicht lange das Vergnügen.
06:16Es kommt nämlich ein anderes Tier und da räumt das erste freiwillig das Feld.
06:20Es muss so etwas wie eine Rangordnung geben.
06:24Das hier aber ist sicher nur ein Spiel.
06:34Zu guter Letzt habe ich noch eine Gelegenheit, ein friedliches Bild zu betrachten.
06:38Die Frischlinge wollen saugen und kommen zu ihrem Recht.
06:42Irgendwie scheinen die dolligen Kerle ja doch Narrenfreiheit zu haben.
06:46Und wie ich mir das alles so ansehe, da kommt mir der Gedanke,
06:50ob ich diesen ersten Kontakt nicht ausbauen könnte.
06:54Sicher, mein Ziel habe ich erst einmal erreicht.
06:58Ich habe die Tiere gefilmt und nicht zu knapp.
07:02Aber wenn ich nun versuchen würde, mir diese Wildschweinrotte immer vertrauter zu machen,
07:07was man dann erst alles beobachten könnte.
07:10Aber erst einmal scheint die Rotte genug von mir zu haben.
07:14So plötzlich, wie sie gekommen ist, verschwindet sie wieder.
07:21Was tun die Tiere dort im Wald?
07:25Es klingt zwar wie eine Schnapsidee
07:28und alle, denen ich davon erzähle, lachen mich aus.
07:31Aber eines Tages werde ich mit den Wildschweinen mitgehen.
07:36Ganz bestimmt.
07:43An diesem Frühlingsmorgen aber klappt das noch nicht.
07:48Was ist das für ein Mensch, der auf solche Gedanken kommt?
07:57Heinz Meinhardt, 42 Jahre alt, ist Elektromeister in Burg.
08:02Er ist verheiratet, hat zwei Söhne.
08:05Außerdem gehören zwei Hunde zum Hausstand.
08:08Englische Bullterrier.
08:10Der eine heißt Little Kings Asa.
08:13Aber welcher Hund kann sich solch einen Namen schon merken?
08:15Also hört er kurz auf Buffy.
08:23Er ist übrigens als besonders edler seiner Rasse mehrfach preisgekrönt.
08:34Heinz Meinhardts Wellensittiche zu zählen, ist ein hoffnungsloses Unterfangen.
08:38Schon als Junge hat er Sittiche gezüchtet.
08:40Er ist dabei geblieben.
08:42Heute ist er als Zuchtrichter ein gefragter Mann auf Ausstellungen und Fachtagungen.
08:51Das ist Buffys bessere Hälfte.
08:54Ader von der Flamingshöhe.
08:56Die Ader eben.
08:58Jegliches Getier ist ihm untertan.
09:00So scheint es.
09:03Nur der Kater Peti hat seinen Stolz und lässt sich nicht blicken.
09:13Seit 20 Jahren ist Heinz Meinhardt Amateurfilmer.
09:17Um einen Elch vor das Objektiv zu bekommen, hat er einmal drei Wochen lang auf dem Anstand
09:21gehockt.
09:22Sein Kater aber wird er heute nicht vor die Kamera locken.
09:33In Geduld und Liebe zum Tier ist er also geübt.
09:37Eigenschaften, die er nun seit über vier Jahren schier maßlos für seine Wildschweine
09:40übrig hat.
09:42Er gehört der Jagdgemeinschaft an, in deren Gebiet sie ihr Revier haben.
09:46Ein Gewehr aber besitzt er nicht.
09:48Dafür stets wohlgefüllte Eimer mit Mais.
09:55Seit jenem Frühlingsmorgen des Jahres 1974 geht Heinz Meinhardt täglich zweimal zum Futterplatz.
10:02Morgens und abends und von Monat zu Monat wird die Rotte vertrauter.
10:06Den Pferdewagen haben die Tiere akzeptiert.
10:09Bald haben sie sich auch daran gewöhnt, pünktlich zur Fütterung zu erscheinen.
10:13Wenn er einmal früher da ist, kann er sie herbeirufen.
10:17Verspätet er sich, stehen sie schon erwartungsvoll da.
10:20In ihrer unmittelbaren Nähe lassen sie ihn aber nicht.
10:23Auch muss er sich anfangs noch recht klein machen, damit die Schweine durch seine Größe
10:27nicht erschreckt werden.
10:29Doch eigentlich Angst hat der Familienverband nicht mehr, am Futterplatz.
10:34Will er ihnen allerdings in den Wald folgen, dann nehmen sie Reis aus.
10:40Das Revier der Wildschweine ist ja viel größer als die kleine Ablenkfütterung.
10:44Ungefähr 200 Hektar.
10:47Er sucht sie dort, aber immer wenn sie ihn auch nur von Weitem wittern, geben sie Fersengeld.
10:54Oder sie greifen an.
11:07Allerdings jahren sie ihn immer nur bis auf eine ganz bestimmte Distanz von sich weg
11:10und drehen dann ab.
11:12Nie wollen sie ihn wirklich ans Leder.
11:14Trotzdem, da bleibt noch eine ganze Menge zu tun.
11:18Neues erfährt Heinz Meinhardt aber auch jetzt schon genug.
11:21Die Fröschlinge wachsen heran.
11:23Solange sie klein sind, können sie sich alles erlauben.
11:26Nun aber müssen sie sich einordnen.
11:28Es gilt, sich einen Platz in der Rangordnung zu erobern.
11:32Wildschweine finden sich nicht zufällig und wahllos zusammen.
11:35Sie leben in festen Familienverbänden mit strenger Rangordnung.
11:40Erwachsene Keiler gibt es nicht in der Rotte.
11:42Die müssen im Alter von 18 Monaten den Verband und auch gleich das ganze Revier verlassen.
11:47Erst während der Brunft tauchen sie in fremden Rorten wieder auf.
11:51Das ist sinnvoll.
11:52Inzucht und dadurch Schwächung der Bestände wird vermieden.
11:55Die älteste und erfahrenste Bache führt den Familienverband.
11:59Nie ist ein jüngeres Tier Rang höher als ein älteres.
12:02Bei den gleichaltrigen Frischlingen aber wird der Rang ausgekämpft.
12:11Ein anderer Ausdruck ihres Sozialverhaltens ist die Körperpflege.
12:15Einen großen Teil des Tages verbringen Wildschweine mit Putzen.
12:19Wegen ihres gedrungenen Körperbaus können sie das nicht selbst besorgen.
12:22Also helfen sie sich gegenseitig.
12:25Die Bachen putzen die Frischlinge und umgekehrt.
12:28Die Frischlinge untereinander, die Bachen gegenseitig.
12:31Sorgfältig bearbeiten sie sich mit der Rüsselscheibe und befreien sich so von Schmutz und Ungeziefer.
12:48Länger als ein Jahr habe ich nun schon Kontakt mit meiner Wildschweinrotte.
12:52Aber nach wie vor kann ich ihnen nicht ganz direkt auf die Schwache rücken.
12:57Seit Wochen versuche ich mir das Putzverhalten der Tiere zunutze zu machen und zu probieren,
13:02ob sie sich das auch von mir gefallen lassen.
13:04Das Ergebnis ist mager.
13:17Manchmal denke ich, jetzt klappt es.
13:19Aber die Schweine sind nach wie vor unruhig.
13:22Der steif weggestreckte Schwanz, der Pürzel, ist ein deutliches Zeichen dafür.
13:35Schließlich sind das wieder die Frischlinge, die als erste Vertrauen fassen.
13:40Für die älteren Bachen scheine ich immer noch ein Fremdling zu sein.
13:44In mir hat sich der Gedanke festgesetzt, wenn die sich von mir putzen lassen, dann wäre das ein großer Vertrauensbeweis.
13:53Dann würde ich vermutlich schon zur Rotte gehören.
13:57Aber wenn so ein großes Tier vor mir steht, dann weiß ich nie, ob ich mich nicht vielleicht doch zu
14:03weit vorgewagt habe.
14:09Vorsichtig, ganz behutsam, versuche ich es immer wieder.
14:13Und als es dann endlich doch klappt, also das ist ein richtig glücklicher Augenblick für mich.
14:19Ich bin geradezu stolz.
14:28Nach und nach lassen sich alle von mir putzen.
14:31Nicht nur die Mutigsten.
14:34Und Wochen später vertausche ich einmal die Rollen, um endgültig sicher zu sein, dass die Tiere mich als ihresgleichen ansehen.
14:41Das Unglaubliche geschieht.
14:43Die Bache putzt mich.
14:47Aber zu dumm.
14:50Gerade in diesem Moment reicht der Film nicht.
14:54Von nun an lerne ich ihr natürliches Verhalten in freier Wildbahn überall kennen.
14:59Und da werden mir Dinge klar, über die ich mir lange vergeblich den Kopf zerbrochen habe.
15:05Nie habe ich zum Beispiel beobachtet, dass die Tiere am Futterplatz ihr Geschäft verrichten.
15:09Jetzt, da ich mit ihnen kreuz und quer durchs Revier ziehe, stelle ich fest,
15:14Sie haben im Wald an ganz bestimmten Stellen regelrechte Toiletten.
15:18Wechseln Sie darüber, koten und harren Sie sofort.
15:22Ich probiere das aus und führe die Rotte 50 Meter an diesen Plätzen vorbei.
15:27Nichts passiert.
15:28Wenn ich sie aber darüber führe,
15:32dann hocken sich alle Sauen wie auf Kommando hin.
15:35Die Stellen befinden sich immer in den dichtesten Waldbeständen.
15:38Leider viel zu dunkel zum Filmen.
15:47Immer wieder beobachte ich, wie intensiv die Tiere im Boden nach Nahrung suchen.
15:51Brechen nennt man das.
15:53Bei dieser Wühlerei wird mir klar,
15:55dass sie in den Feldern den größten Schaden nicht durchs Fressen anrichten.
15:59Der entsteht dadurch, dass sie ganze Schläge in einer einzigen Nacht um und um wühlen.
16:05Meine Rotte zeigt übrigens ein ausgesprochenes Mach-Mit-Verhalten.
16:09Wenn ein Tier frisst, fressen alle.
16:11Fängt eins mit der Körperpflege an, beteiligen sich auch bald die anderen am Putzen.
16:15Sie haben eben ein ausgeprägtes Zusammengehörigkeitsgefühl.
16:19Wem es außer der Reihe juckt, der muss sich schon allein behelfen.
16:24Dabei treffen sie stets eine sorgfältige Wahl der Mittel.
16:28Für jedes Körperteil kommt nur ein ganz bestimmter Baum in Frage.
16:31Er muss so gewachsen sein, dass die entsprechende Stelle gut erreichbar ist
16:36und ausgiebig bearbeitet werden kann.
16:45Ich glaube auch, dass Wildschweine eine Mimik haben.
16:49Meine jedenfalls.
16:51Nach langen, ganz speziellen Beobachtungen kann man die sicher auch deuten.
16:57Vielleicht mache ich das mal.
17:00Vorerst verlasse ich mich aber auf ihre Pürzel als Stimmungsbarometer.
17:04Wenn sie freundlich wedelnd herunterhängen, sind die Tiere unbesorgt.
17:09Stehen sie aber steil nach oben, bedeutet das höchste Wachsamkeit.
17:20Pilze jedenfalls fressen sie nicht.
17:22Sauber brechen sie drum herum, der Pilz selbst bleibt liegen.
17:26Das ist ein sinnvoller Mechanismus.
17:29Er könnte ja giftig sein.
17:30Und was dann?
17:36Ein kleiner Waldtümpel liegt mitten im Revier von Heinz Meinhards Wildschweinen.
17:42Dort beobachtet er einen Teichrohrsänger,
17:44der emsig bemüht ist, einen jungen Kuckuck als ungebetenen Nimmersatt zu füttern.
17:53Doch nicht wegen dieses ungleichen Paares ist Heinz Meinhardt hierher gekommen.
17:57Hier ist die große Sohle der Rotte.
18:02Jetzt im Sommer, dem heißen Sommer des vergangenen Jahres, tut Kühlung Not.
18:11Wo sich die Gelegenheit bietet, ist Schwarzwild nicht wasserscheu und kann gut schwimmen.
18:30Außerdem bietet sich den Tieren an diesem Platz ein ganz besonderer Leckerbissen.
18:34Rohrkolben.
18:41Schwimmend oder wartend rupfen sie ihn aus und bringen ihn bündelweise ans Ufer.
18:45Dort fressen die Feinschmecker genüsslich nur die zarten Wurzeln ab.
18:49Der Rest bleibt liegen.
19:03An einer kleineren Sohle muss um den besten Platz gekämpft werden.
19:08Der starkste, ranghöchste ist der erste.
19:14Heinz Meinhardt ist nach langen Beobachtungen der Meinung,
19:17dass das Suhlen nicht dazu da ist, Ungeziefer einzukapseln und dadurch abzutöten.
19:22Zu diesem Zweck putzen sich die Tiere ja oft und gründlich.
19:25Er meint vielmehr, dass dadurch lästige Stechinsekten von der Schwarte ferngehalten werden sollen.
19:31Außerdem scheint es den Tieren Vergnügen zu machen und jedes kommt an die Reihe.
19:36Wirklich, jedes.
19:43Gefressen und gesuhlt haben sie.
19:45Jetzt ist es wohl Zeit, den Schlafplatz herzurichten.
19:49Manchmal wird er schön ausgepolstert, mit Adlerfarn zum Beispiel.
19:53Der hält die Wärme des Sandbodens ab, ist schön feucht und spendet Verdunstungskühle.
19:58Die gescheckten Rottenmitglieder sind übrigens nicht etwa durch Paarungen mit entlaufenen Hausschweinen entstanden.
20:04Das sind Ergebnisse einer Mutation, die gar nicht einmal so selten auftritt.
20:12Ihre Schlafplätze suchen die Tiere immer an ganz bestimmten Stellen, abhängig von der jeweiligen Witterung.
20:20Bei eisigem Wind sucht die Rotte im Windschatten eines Hügels Schutz.
20:25Regnet es, dann steckt sie im dichtesten Fichtenbestand.
20:30Bei großer Wärme sonnen sich die Wildschweine drei Kilometer weiter in einer lichten Kiefernschonung.
21:04Kiefernschonung
21:07Schwarzwild legt sich auch nicht einfach so hin, um zu ruhen.
21:10Er schiebt sich ein, wie es weitmännisch heißt.
21:13Und es ist leicht zu erkennen, dass das ganz wörtlich gemeint ist.
21:19Doch das hier wird wohl noch nichts Rechtes.
21:24Aber schließlich kommen sie alle zur Ruhe.
21:29Musik
21:40Meinen Mais mögen die Schwarzkittel immer noch gern.
21:43Ich brauche ihn zwar schon lange nicht mehr, um sie anzulocken,
21:46aber heute kann mir ein guter Köder doch helfen,
21:50denn ich stehe vor einem schwierigen Problem, das mir Kopfschmerzen macht.
21:54Zum ersten Mal muss ich mit dem Auto ins Revier fahren.
22:04An das gute alte Pferd mit Wagen sind die Tiere ja gewöhnt,
22:07aber Tag für Tag, sechs Stunden draußen, morgens drei und abends drei,
22:14das hält der stärkste Gaul nicht aus.
22:17Tagsüber muss er ja auch arbeiten.
22:19Die Lisa also steht mir nicht mehr zur Verfügung.
22:22Ich muss auf moderne Technik umsteigen.
22:26Die Tiere warten jetzt da draußen, dass ich komme.
22:29Aber was sagen Sie dazu, wenn ich auf einmal im roten Schigoli daherbrause?
22:34Ich bin ziemlich unsicher und halte alles für möglich.
22:40Aber ich brauche den Wagen.
22:43Bald habe ich mit meiner Rotte etwas vor,
22:46wofür unbedingt der Schutz eines geschlossenen Raumes nötig ist.
22:54Es hat keinen Sinn, besonders leise und vorsichtig zu sein.
22:57Die Tiere müssen von Anfang an wissen, was Sache ist
23:00und die veränderte Situation erkennen.
23:03Vielleicht werde ich sie aber jetzt für immer verscheuchen.
23:23Da haben wir das Theater.
23:25Ich habe es ja geahnt.
23:27Als wäre ich ein x-beliebiger, der hier zufällig vorbeikommt.
23:31Die Pürzel sind hoch.
23:33Ich weiß, was das bedeutet.
23:37Nun kommt ihr.
23:39Ei, kommt mal her.
23:41Komm mal her, Dicke.
23:44Da stehe ich nun und rufe und locke wie am ersten Tag.
23:48Immerhin eins ist deutlich.
23:50Zahm sind die Tiere nicht geworden.
23:53Jede Störung vergrämt sie nach wie vor sofort.
23:56Aber was nützt mir das?
23:59Nun kommt.
24:01Jeden Tag fahre ich aufs Neue mit diesem Ungetüm ins Revier.
24:05Und ganz allmählich bekomme ich die Schweine
24:07wenigstens von Ferne wieder zu Gesicht.
24:09Der lange Prozess der Gewöhnung beginnt gewissermaßen von vorn.
24:13Das Auto muss ein richtiger Schock für die Rotte gewesen sein.
24:17Wochenlang geht das so.
24:19Ich erkenne aber so etwas wie einen leichten Erfolg.
24:23Deshalb verliere ich nicht die Geduld.
24:25So ist es fein.
24:26Ja, so ist es brav.
24:28So ist es brav.
24:31So ist es fein.
24:33Ja, so ist es fein.
24:35Das eine oder das andere Tier schiebt sich schon wieder langsam aus der schützenden Dickung.
24:44Und nach und nach kommen sie auch wieder gruppenweise.
24:47Höchst misstrauisch sind sie, zwar immer noch,
24:50aber sie haben mich anscheinend doch schon wiedererkannt.
25:02Sechs Wochen dauert die ganze Geschichte.
25:04Dann weiß ich, dass ich die Rotte wieder fest im Griff habe.
25:10Da kommt nämlich eine Bache angehumpelt.
25:13Sie hat sich am rechten Vorderlauf verletzt.
25:16Solche Tiere sind erfahrungsgemäß ganz besonders scheu.
25:19Wenn das aber kommt, dann habe ich gewonnen.
25:25Mir fällt ein Stein vom Herzen und ich probiere meine neue, alte Vertrautheit sofort aus.
25:31Dabei achte ich gar nicht darauf, was hinter mir passiert.
25:41Als wäre überhaupt nichts gewesen, führen mir die Schweine wieder ihre Rangordnung vor.
25:46Ich habe meine helle Freude an dieser spaßigen Szenerie.
25:58Ins Auto aber gehöre ich.
26:00Wie gesagt, ich habe etwas Besonderes vor.
26:04Dazu brauche ich den Wagen unbedingt als Unterschlupf.
26:07Das ist jetzt geschafft.
26:15Wieder ist es Herbst im Revier geworden.
26:17Die Eicheln stehen gut.
26:20Unter den großen Eichen, den Mastbäumen, versammeln sich die Tiere und halten fette Mahlzeit.
26:31Die Rangordnungskämpfe, die jetzt im Gange sind, sind ernsterer Natur.
26:56Die Bronft des Schwarzwildes, die Rauschzeit steht vor der Tür.
27:01Das ist das große Unternehmen, das Heinz Meinhardt plant.
27:06Er will die Paarung der Wildschweine beobachten und zwar aus nächster Nähe.
27:10Das hier sind Vorgeplänkel schwächerer Tiere.
27:13Die starken Burschen aber tragen untereinander schwere Kämpfe aus und behandeln auch ihn als Nebenbuhler.
27:27Durch die große Vertrautheit der Tiere erkennt er die Anzeichen der nahen Rauschzeit genau.
27:33Die Bachen sind nervös und unruhig.
27:38Das Getöse der Keilerkämpfe braust schaurig durchs Revier.
27:49Immer wieder streichen die Bachen mit den Augendrüsen an bestimmten Bäumen entlang.
27:54Das dient vermutlich der Markierung, um den Keilern den Weg zu weisen.
27:59Oft schälen sie auch die Rinde von den Stämmen, wahrscheinlich ebenfalls ein Signal.
28:10Alle sind gespannt und warten auf den großen Augenblick.
28:15Der erste Keiler kommt, der Stärkste, der Sieger.
28:22Nur in der Rauschzeit, dem dramatischsten Abschnitt im Leben der Wildschweine, sind sie da.
28:56Sie werben um die Bachen und das ziemlich rubbig.
29:00Das dauert alles nicht lange, ein paar Tage höchstens, und alles ist vorbei.
29:06Immerhin, Frischlinge wird's wieder geben im nächsten Jahr.
29:21Untertitelung im Auftrag des ZDF für funk, 2017
29:41Untertitelung im Auftrag des ZDF für funk, 2017
29:55Untertitelung im Auftrag des ZDF für funk, 2017
30:00Untertitelung des ZDF, 2020
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