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  • vor 2 Tagen
In Georgien kämpfen Mütter inhaftierter Pro-EU-Demonstranten mit ausgedruckten Gefängnisbriefen um Aufmerksamkeit für das Schicksal ihrer Kinder - und gegen den Versuch, kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen.

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Transkript
00:02Niemand kann eine verzweifelte Mutter jetzt noch zu Hause halten.
00:05Ich werde überall hingehen.
00:06Nur damit ich mein Kind und das Kind aller anderen an mein Herz drücken kann.
00:12Vor mehr als einem Jahr wird Georgien von massiven Protesten erschüttert.
00:17Viele, vor allem junge Menschen, werfen der Regierung vor,
00:20sich von der EU abzuwenden und immer autoritärer zu werden.
00:24Die Polizei geht teils gewaltsam gegen die Demonstrierenden vor.
00:27Hunderte werden festgenommen.
00:32Sie werden verhaftet und bestraft für ihre Überzeugung
00:35und nicht, weil sie etwas Unrechtes getan hätten.
00:39Doch die Mütter der Inhaftierten wollen das nicht hinnehmen.
00:42Sie kämpfen für die Freiheit ihrer Kinder.
00:48Später Vormittag in der georgischen Hauptstadt Tiflis.
00:51Abseits des touristischen Zentrums trifft sich eine Gruppe von Müttern und einem Vater.
00:57Sie wollen selbst gestaltete Zeitungen verteilen.
01:01Darin Informationen über das Schicksal ihrer inhaftierten Kinder.
01:07Mein Sohn lebt auf acht Quadratmetern. Ich kann einfach nicht anders.
01:13Nani's Sohn wurde zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt.
01:16Aus politischen Gründen, meint Nani.
01:18Manche auf dem Markt hier haben davon schon gehört.
01:24Ich bin so froh, dass sie die Geschichte unserer Jungs kennen.
01:27Wir setzen unsere Hoffnung in die Jungs, diese starken, mutigen Jungs.
01:31Ich setze meine Hoffnung in sie.
01:35Durchs ganze Land sind die Mütter schon gefahren, um ihre Zeitungen zu verteilen.
01:40Sie drucken darin Briefe der Inhaftierten und deren Biografien ab.
01:44Doch nicht jedem gefällt das.
01:47Als diese Frau erfährt, dass es um verhaftete Demonstranten geht,
01:50gibt sie Nani die Zeitung mit Nachdruck zurück.
01:52Und als die Kamera aus ist, wettert sie gegen die Demonstranten.
01:58Der Meinungskampf wird hart ausgetragen in Georgien.
02:02Für die einen ist die Regierung antidemokratisch und der Feind.
02:05Für die anderen Garant für Sicherheit und Stabilität.
02:11Ende November 2024 verkündet der georgische Premierminister,
02:16dass die Regierung Verhandlungen über einen Beitritt zur Europäischen Union
02:20für mehrere Jahre aussetzt.
02:22Kurz darauf kommt es zu massiven Protesten.
02:28Laut Umfragen wollen mehr als 80 Prozent aller Georgier den Beitritt zur EU.
02:34Auch Nani's Sohn Georgi ist am Tag nach der Verkündung bei den Protesten.
02:42Georgi sieht in der Annäherung an die EU den einzig richtigen Weg für sein Land.
02:47Dort sieht er seine Zukunft.
02:51Nani hat in ihrer Wohnung einen kleinen Schrein für ihren Sohn eingerichtet.
02:55Kein Tag vergeht, an dem sie nicht an seine Verhaftung denkt.
03:02Plötzlich kamen drei Männer ohne Uniform.
03:05Sie ließen ihn nicht einmal seine Jacke anziehen.
03:08Und während sie ihn mitnahm, hielt ich seine Hand.
03:11Zu fünf Jahren Gefängnis wird ihr Sohn Georgi verurteilt.
03:15Da ist er 21 Jahre alt und Medizinstudent.
03:19Er soll während der Demo einen Polizisten mit einer Feuerwerksrakete angegriffen haben.
03:24Nani sagt, ihr Sohn habe niemanden verletzt.
03:27Angebliche Videobeweise seien manipuliert worden.
03:30Das sei bei weitem kein Einzelfall, sagt Sandro Baramice von der Nichtregierungsorganisation Transparency International.
03:39Wir haben die Strafakten gelesen von mehreren Dutzend Personen, die bereits verurteilt wurden.
03:49In jedem einzelnen Fall wurden bei der Verurteilung massiv die Menschenrechte verletzt.
03:55Kein einziges Verfahren war fair.
04:00Und warum entscheiden die Richter so?
04:04Wir haben in diesem Land keine unabhängigen Gerichte.
04:08Kritiker werfen der Regierung vor, wichtige Posten mit Parteigetreuen zu besetzen
04:13und warnen vor wachsender Einflussnahme auf Gerichte.
04:16Transparency International geht derzeit von mehr als 100 politischen Gefangenen aus,
04:21was zu deutlicher Kritik auch aus der EU führt.
04:26In Georgien gibt es pro Kopf mehr politische Gefangene als in Russland.
04:32Eine Interviewanfrage der DW zu den Fällen beantwortet der Sprecher der Regierungspartei Georgischer Traum so.
04:39Ich weiß nicht, inwieweit ich den Wunsch habe, mit gewalttätigen Häftlingen zu tun zu haben.
04:44Ein Familienangehöriger eines Straftäters und ein Abgeordneter haben nichts miteinander zu tun.
04:50Nani und ihr Sohn Georgi geben sich kämpferisch.
04:53Er hat einen weiteren Brief aus dem Gefängnis geschrieben.
04:57Liebe Mütter, macht euch keine Sorgen, bleibt stark und passt gut aufeinander auf.
05:02Wir lassen uns nicht brechen, wir werden gewinnen.
05:06Und dieser Sieg wird gerecht sein und in die Geschichte eingehen.
05:14Die Gemeinschaft mit den anderen Müttern gibt Nani Trost.
05:18Marisis Sohn Tornike wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.
05:22Der Schmerz darüber schmeißt die Frauen, die sich vorher nicht kannten, zusammen.
05:28Wir teilen den gleichen Schmerz, die gleiche Trauer.
05:32Gemeinsam sprechen wir über all das, über das Schlechte und das Gute.
05:38Wir Mütter halten uns an den Händen, so wie jetzt.
05:41So gehen wir unseren Weg. Und das nun schon seit einiger Zeit.
05:46Nani hofft auf einen Sturz der Regierung und darauf, dass ihr Sohn und die Kinder anderer Mütter vorzeitig entlassen werden.
05:54Bis dahin wollen die Mütter auf jeden Fall zusammenhalten.
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