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Mitarbeiter von Rettungsdiensten, öffentlichen Verkehrsmitteln und Behörden werden bei ihrer täglichen Arbeit zunehmend mit Gewalt und Respektlosigkeit konfrontiert.
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NewsTranskript
00:01Deutschland ist ein sicheres Land.
00:05Aber nicht für alle. Und das ist ein Problem.
00:08Menschen, die den Staat vertreten oder für sein Funktionieren arbeiten,
00:13werden immer häufiger Opfer von Gewalt.
00:15Ich wurde mit unserem Reichwert angegriffen.
00:18Da rennt der los und schubst mir die in die Schulter rein.
00:20Die Menschen sind deutlich aggressiver als früher.
00:23Der gewaltsame Tod eines Zugbegleiters Anfang des Jahres
00:26hat viele erschüttert.
00:28Wir erleben, dass nicht nur Bahnmitarbeitende,
00:31sondern auch andere Beschäftigtengruppen des öffentlichen Dienstes
00:34im Dienste der Gesellschaft angegriffen werden.
00:37Leider ist das in der Tat etwas gesellschaftlich aus den Fugen geraten.
00:40Das ist ein Zeichen dieser Verrohung der Gesellschaft.
00:43Wir wollen verstehen, warum gerade diejenigen,
00:46deren Aufgabe es ist, den Staat am Laufen zu halten
00:49und anderen zu helfen, selbst zur Zielscheibe werden.
00:52Wie gehen sie mit der Situation um?
00:54Und was wird getan, damit sie sich wieder sicher bei ihrer Arbeit fühlen können?
01:00Es ist der Beginn von Jörg Norris Schicht.
01:03Er ist seit vier Jahren Zugbegleiter.
01:05Damals kündigte er seinen Bürojob, um näher am Menschen zu arbeiten.
01:09Er passt auf seine Fahrgäste auf und damit auch auf sich selbst.
01:12Das ist so der Serviceblick.
01:14Da gucke ich, was hier gerade so am Bahnsteig passiert.
01:17Da sehe ich auch schon bei, kommt hier was nicht so Gutes rein in den Zug.
01:21Bin ich schon mal ein bisschen vorbereitet.
01:22Sieht gut aus.
01:24Sieht toll aus.
01:29Er liebt seinen Job, auch wenn es manchmal brenzlig wird,
01:32vor allem beim Kontrollieren der Fahrkarten.
01:34Das ist ja bei vielen so.
01:37Wenn der steht hier, ist in Panik,
01:39scheiße, ich habe kein Ticket, wohin, ich kann nirgendswohin.
01:42Das macht die dann richtig wild.
01:44Wenn du die hast, hast du die.
01:45Die wissen das auch.
01:46Die haben hier keine Fruchtmöglichkeit.
01:47Und ein beengter Raum, der macht sowieso aggressiv.
01:51Norris sagt, er begegne in jeder Schicht mindestens einem Schwarzfahrer.
01:56Und dass er pro Woche mindestens zehnmal verbal angegriffen wird.
02:02Ich hatte ja schon gesagt,
02:04dass es eine hohe Unzufriedenheit und Wut auf den Staat gibt.
02:07Das ist Dr. Joris Stegg, Soziologe der Universität Wuppertal.
02:12Sein Forschungsschwerpunkt, die Gewalt im öffentlichen Dienst.
02:16Und das ist bei der Bahn natürlich auch so.
02:19Bei der Unpünktlichkeit, dass die Bahn nicht den besten Ruf hat,
02:24dass die Bahn nicht so gut funktioniert.
02:25Aber ich könnte mir vorstellen, dass das ein Aspekt ist,
02:28dass das eben ein hohes Unzufriedenheitspotenzial ist.
02:31Im November 2024 geriet eine Situation außer Kontrolle.
02:36Ein Schwarzfahrer, der versuchte, den Zugbegleitern zu entkommen,
02:40griff Norris körperlich an.
02:41Ich bin an die Treppe hoch zum Oberdeck,
02:44hab gerade die letzte Stufe hinter mir gelassen.
02:47Da rennt der los und schubst mir die in die Schulter rein.
02:51Hätte ich jetzt diese Stange nicht erwischt, die neben mir war,
02:54die Haltestange, wäre ich kopfüber die Treppe runtergefallen.
02:58So konnte ich mich festhalten.
02:59Aber mir wurden sämtliche Sehnen aus der Schulter gerissen.
03:03Ja, kostete mich zehn Monate Ausfall.
03:06Ich bin heute, hab einen Schwerbehindertengrad heute.
03:10Ja, und bin trotzdem noch da.
03:14Seitdem lebt er mit drei Schrauben,
03:16die seine Schulter zusammenhalten und kaputten Sehnen.
03:19Mittlerweile überlegt er sich zweimal,
03:22bevor er sich in eine potenziell gefährliche Situation begibt.
03:25Diese Linie, wo das drauf passiert ist,
03:27da will ich nicht mehr drauf.
03:28Da kriege ich Panik drin, ja.
03:30Ich mache hier Dienste, bis der Arzt kommt.
03:31Das juckt mich nicht.
03:32Aber da bitte nicht.
03:34Und schon gar nicht in die Nachtschicht rein,
03:36sondern weil nachts haben wir ja richtig Probleme.
03:39Statistiken von National Express zeigen,
03:42dass sich Drohungen und Beleidigungen seit 2020 vervierfacht
03:46und körperliche Angriffe fast verdoppelt haben.
03:49Und das Unternehmen schätzt,
03:51dass die tatsächliche Zahl aufgrund vieler nicht gemeldeter Fälle
03:54noch viel höher liegen könnte.
03:57Diese Gewalt hat Folgen.
03:59Eine interne Umfrage des größten Akteurs auf Deutschlands Schienen
04:02der Deutschen Bahn ergab,
04:03dass jeder dritte ihrer Mitarbeiter über eine Kündigung nachdenkt.
04:07Manchmal vergesse ich auch, dass mir auch was passieren kann.
04:10Mir ist erst mal wichtig, dass der Fahrgast sich wohlfühlt.
04:12Wenn mir was passiert, dann ist es eben so.
04:13Ist mein Job, klar, gehört nicht dazu.
04:15Aber musst du hier drauf leben, ist einfach so.
04:18Meist sind es zwei Faktoren, die zu Spannungen führen.
04:21In Zügen befinden sich Menschen aus allen Gesellschaftsschichten
04:24auf engstem Raum.
04:26Und Zugbegleiter werden schnell zur Zielscheibe der Frustration,
04:30die eigentlich den großen Bahnunternehmen oder der Regierung gelten.
04:33Ja, wie gesagt, die Fahrgäste unterscheiden das nicht,
04:36wer jetzt schuld an dieser Geschichte ist.
04:39Der Fahrgast sieht jetzt nur, ich bin unpünktlich,
04:42ich habe einen Termin, ich muss zur Arbeit,
04:44ich muss zum Flugzeug, ich muss nach Oma Hilde.
04:48Den ist das egal, ich will da jetzt hin.
04:50Wir wurden auch schon richtig angeschrien,
04:52setz dich jetzt gefälligst da vorne rein und fahr den Zug.
04:55Es ist manchmal ungerecht.
04:56Ich halte meinen Kopf für wildfremde Menschen hier hin,
05:00die ich im Leben niemals sehe.
05:02Ich habe mit diesen Menschen nichts zu tun.
05:04Ich benutze nur den Zug, deren Trasse.
05:07Aber ich halte meinen Kopf für die hin.
05:10Mitarbeiter in anderen Berufen erleben Ähnliches.
05:12So wie hier in Rüsselsheim.
05:15Früher stand dieses Rathaus allen offen.
05:17Ja, bitte.
05:19Ja, ich mache Ihnen die Tür auf.
05:20Aus Sicherheitsgründen gehört das nun der Vergangenheit an.
05:26Die Türen werden nur geöffnet, wenn man einen Termin hat.
05:30Wir hatten noch zwei weitere Eingänge hier im Haus,
05:32die immer offen waren.
05:33Somit wussten wir nicht, wer im Haus war.
05:35Es gab leider die Vorfälle,
05:36dass Menschen hier im Haus reinkamen
05:39und bei mir oder bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
05:42im Büro standen und entsprechend aggressiv aufgetreten sind.
05:45Die Vorfälle sind deutlich mehr geworden.
05:47Sie sind deutlich intensiver und aggressiver geworden.
05:51Deswegen mussten wir handeln.
05:53Wir haben uns dann am Ende nach der Beratung entschieden,
05:55dieses System hier so einzuführen.
05:58Neben verbalen Angriffen und Morddrohungen
06:00wurde vor einem Jahr das Amt für öffentliche Ordnung
06:03der Stadt mit Öl beschmiert.
06:04Am selben Tag wurde eine weitere Einrichtung der Stadt
06:07mit Fäkalien beschmutzt.
06:0950% der Beschäftigten im öffentlichen Dienst geben an,
06:12dass sie während ihrer Arbeit persönlich behindert,
06:15beschimpft oder körperlich angegriffen wurden.
06:18Bürgermeister Burkhardt hat versucht,
06:20die Sicherheit seiner Mitarbeiter
06:21durch verschiedene Maßnahmen zu erhöhen.
06:24Dazu gehören Zugangskontrollen
06:25oder Notrufknöpfe an den Schreibtischen.
06:29Ich will das alles gar nicht haben.
06:31Ich möchte wieder zurück zu dem offenen Rathaus.
06:34Aber das lässt aktuell nicht zu.
06:36Aktuell habe ich da gar keine Hoffnung.
06:38Ich glaube eher, dass es aktuell wieder schlimmer wird.
06:39Die Unsicherheiten in der Welt werden größer.
06:41Somit auch am Ende die Unsicherheiten
06:43bei den Bürgerinnen und Bürgern.
06:44Ich gehe davon aus, dass das noch schwieriger wird.
06:48Unser Experte kommt zu einem ähnlichen Ergebnis.
06:50Die Vielzahl der Krisen schüre die Wut auf alle,
06:53auch vermeintliche Vertreter des Staates.
06:56Das ist erstens die sogenannte Flüchtlingskrise.
06:58In dieser Krise hat der Staat nach Ansicht einiger Menschen
07:02sein Schutzversprechen nach außen hin nicht eingelöst.
07:06Und es gab einen wahrgenommenen Kontrollverlust.
07:09Dann ist da zweitens die Corona-Krise,
07:11die sehr einschneidend war für alle Menschen.
07:14In dieser Krise sind viele Menschen gestorben.
07:17Da konnte das elementare Versprechen
07:20auf Schutz des Lebens nicht eingelöst werden.
07:22Und drittens ist dies die anhaltende Wirtschaftskrise
07:25mit Inflation.
07:26Viele Menschen haben Probleme,
07:28am Ende des Monats Rechnung zu bezahlen.
07:30Sie gucken auf die Benzinpreise,
07:31auf gestiegene Wohnungspreise.
07:34Und da ist es so, dass der Staat nach Ansicht vieler
07:37eben das Versprechen auf materielle und soziale Sicherheit
07:40nicht wirklich einlöst.
07:42Die Polizei bekommt die Wut am stärksten zu spüren.
07:45In den letzten zehn Jahren ist die Zahl
07:47der von Gewalt betroffenen Polizeibeamten
07:50um mehr als 38 Prozent gestiegen.
07:53Viele Menschen sind nicht mehr bereit,
07:55solche Angriffe auf Mitarbeiter im öffentlichen Dienst
07:57zu tolerieren.
07:58Wie zum Beispiel Ingo Maßmann.
08:01Jemand, der jetzt Sanitäter ist, Feuerwehrmann ist,
08:06ein Schaffner hier im Zug,
08:07der gehört geahndet, wie immer das aussieht.
08:10Aber das geht einfach nicht.
08:12Das sind Leute, die uns helfen wollen.
08:13Die werden dafür bezahlt.
08:14Die müssen hart arbeiten.
08:15Die machen viele Überstunden.
08:17Und die kann man nicht angreifen.
08:19Strafen könnten eine Lösung sein,
08:21um diesen Trend zu stoppen.
08:23Viele setzen jedoch auf Prävention.
08:25Auch die Feuerwehrgewerkschaft macht seit Jahren
08:28auf das Problem aufmerksam.
08:30Die Feuerwehr will denjenigen,
08:32die wie sie im öffentlichen Raum arbeiten,
08:34dabei helfen, sich vor Gewalt zu schützen.
08:36Schon in der Ausbildung lernen die Berliner Feuerwehrleute,
08:40wie sie reagieren sollen, wenn sie angegriffen werden.
08:42Mein Boot mit einer Flasche, mit einem Messer,
08:47da kann man ja alles sein.
08:49Und natürlich der Angriff mit der Waffe,
08:51da spätestens raus.
08:54Um solche gefährlichen Situationen zu dokumentieren,
08:57tragen etliche Rettungskräfte nun Körperkameras.
09:00Die Ausbilder geben alles,
09:02um potenziell gefährliche Situationen nachzustellen.
09:05Na, dann sagen Sie doch nicht so einen Schwachsinn.
09:08So ein Sterben?
09:09Keine, du musst ein Sterben davon immer.
09:13Viele Auszubildende im Rettungsdienst
09:15haben bereits schwierige Situationen erlebt.
09:17Und im selben Moment, wo wir ausgestiegen sind aus dem RTW,
09:20ist dieser Obdachlose mit der Glasflasche in der Hand
09:22so auf uns zugekommen.
09:24Angriffe auf Rettungskräfte scheinen häufiger geworden zu sein.
09:28Früher waren es sehr oft Leute, die mit Drohungen beaufschlacht waren,
09:33alkoholische Konsumenten.
09:37Heute ist das in jeder Gesellschaftsschicht sozusagen möglich,
09:42dass da vielleicht ein körperlicher Angriff erfolgt
09:45im Einsatzgeschehen.
09:47Aufzeichnungen zeigen jedoch,
09:49dass bei fast der Hälfte aller Gewalttätigen
09:51Vorfälle bundesweit Alkohol im Spiel war.
09:53Was sind die Gründe für die Angriffe?
09:56Das hat einmal mit Menschen zu tun,
09:58die sich in psychischen Ausnahmesituationen befinden
10:00oder auch psychisch erkrankt sind tatsächlich.
10:03Und Menschen, die drogenabhängig, alkoholabhängig
10:07oder intoxikiert sind,
10:08selbst wenn keine Abhängigkeit besteht,
10:10also wenn die auf Drogen sind oder alkoholisiert sind.
10:15Die Berliner Feuerwehr rückt zu mehr Einsätzen aus als je zuvor.
10:19Oft, weil Obdachlose und Opfer häuslicher Gewalt
10:22sich an niemanden sonst wenden können.
10:24Für viele sind die Feuerwehrleute zur letzten Hoffnung geworden.
10:27Der deutsche Innenminister sieht eine Lösung in härteren Strafen.
10:31Doch davon hält man hier nicht viel.
10:33Sie glauben, dass das geltende Recht ausreicht.
10:36Und vielleicht besser, oder anders ermittelt,
10:38besser genutzt werden, in den Fällen, wo es geht.
10:42Aber bei psychisch Kranken möchte ich noch mal sagen,
10:43glaube ich nicht, dass es funktioniert.
10:45Härtere Strafen bei Suchtkranken,
10:47das sehen Sie hier nicht als Lösung.
10:49Vielmehr würde es Ihnen helfen,
10:50wenn es mehr Anlaufstellen geben würde,
10:52an die sich psychisch Kranke oder Obdachlose Menschen
10:55wenden könnten, um Hilfe zu erhalten.
10:57Auch Joris Stegg glaubt nicht an eine einfache Lösung.
11:00Ansonsten sind nicht nur die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer
11:03selbst gefordert, auch die Gesellschaft ist gefordert.
11:06Wenn man so etwas erlebt, Respektlosigkeiten,
11:10z.B. Beschimpfungen, Bedrängungen,
11:12dann wäre es auch schön,
11:13wenn Zivilcourage und Mut gezeigt wird
11:16und denjenigen, den Tätern, sich entgegengestellt wird.
11:21Auch die Bahnbetreiber wollen Deutschland
11:23wieder ein Stück sicherer für alle machen.
11:25Einige haben schon Maßnahmen ergriffen,
11:27um die Sicherheit ihrer Mitarbeiter zu erhöhen.
11:30Z.B. durch zusätzliches Sicherheitspersonal
11:33oder Körperkameras.
11:35Es könnte viel getan werden, um sicherzustellen,
11:38dass die Menschen wieder sicher zur Arbeit gehen können.
11:41V.a. aber muss die Politik handeln.
11:45Und wenn der Staat wieder funktioniert,
11:48wenn der Staat nicht nur pünktlich ist bei Steuerbescheiden,
11:50sondern wenn die Bahn fährt, wenn die Müllabfuhr pünktlich kommt,
11:53wenn Kitas geöffnet sind, wenn der Staat wieder funktioniert,
11:56dafür sorgt, dass die materielle und soziale Infrastruktur
12:00gewährleistet ist, dann könnte das helfen,
12:02dass der Staat wieder an Ansehen, an Vertrauen gewinnt
12:05und dass sich die gesellschaftliche Stimmung
12:07ein wenig dreht und positiver wird.
12:10Weil man die Menschen, die den Staat am Laufen halten,
12:13nicht mehr alleine lassen sollte.
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