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00:05A 500-Pund-Bombe from the 2. World War II.
00:09They are in an old military camp.
00:12To research purposes.
00:15What if something in a city is uncontrollable?
00:20I'm in Oranienburg, north of Berlin.
00:24People here live on a Pulver-Fass.
00:2780 years.
00:28Brandenburg bleibt bundesweit weiter Spitzenreiter
00:31mit den meisten Verdachtsflächen.
00:33Schwerpunkt der Kampfmittelsuche
00:35ist den Angaben zufolge die Region um Oranienburg gewesen.
00:40Immer wieder müssen ganze Stadtviertel evakuiert werden,
00:44um Blindgänger aus dem 2. Weltkrieg zu entschärfen.
00:47Nicht nur hier.
00:50Bis Kriegsende wurden rund 1,3 Mio. Tonnen Bomben
00:54über Deutschland abgeworfen.
00:56Fachleute schätzen, dass 10 bis 15 Prozent nicht detoniert sind.
01:02Sie liegen noch immer unter Häusern, Straßen und Brücken.
01:06Je länger sie dort vor sich hin rosten,
01:08desto höher das Risiko, dass sie explodieren.
01:12Wird die Gefahr der Blindgänger unterschätzt?
01:14Warum gibt es überhaupt noch so viele davon in unseren Städten?
01:17Und wie kann uns die Wissenschaft dabei helfen,
01:20dieses schwere Erbe loszuwerden?
01:33Ich starte meine Spurensuche an einem ziemlich verlassenen Ort.
01:38In dieser alten Halle in Oranienburg
01:41haben die Nazis einst Bomber und Jagdflugzeuge gebaut.
01:44Einer der Gründe, warum die brandenburgische Stadt
01:47so stark bombardiert wurde.
01:59Ich war jetzt auch schon lange nicht mehr drin.
02:01Es ist wirklich wow.
02:02Es ist ja riesig.
02:07Stefanie Rose ist Oranienburgerin
02:10und bei der Stadt für die Kampfmittelbeseitigung zuständig.
02:16Mehr als 230 Blindgänger wurden seit 1991
02:21im gesamten Stadtgebiet gefunden.
02:25Warum liegt denn in Oranienburg so viel Munition?
02:28Also hier sind zwei Standorte von Rüstungsindustrie gewesen.
02:32Das eine ist im Prinzip dieser, die Heinkel Flugzeugwerke.
02:35Also eine Zweigstelle,
02:36in der eben auch für den Krieg Flugzeuge hergestellt worden sind.
02:40Und hier war eben der Flugplatz, die Einfliegehalle hier,
02:43in der wir uns gerade befinden.
02:44Und dann gab es noch in der Innenstadt die Auerwerke,
02:48die Uranoxid herstellen sollten.
02:49Das heißt, es ging dann wirklich auch um atomare Kriegsmittel.
02:52Das heißt, man hat dann sowohl hier
02:55als auch dort im Kernstadtgebiet stark bombardiert,
02:58um auch diese Werke eben kaputt zu machen.
03:01In Oranienburg wurden vor allem amerikanische Bomben abgeworfen,
03:05die mit einem speziellen Langzeitzünder ausgestattet sind.
03:12Vor ein paar Tagen ist eine Verdachtsfläche aufgetaucht,
03:15die besonders heikel ist.
03:18Die Hauptfeuerwache der Stadt.
03:21Hier soll ein Erweiterungsbau entstehen,
03:23doch auf dem Gelände könnten Blindgänger liegen.
03:27Stefanie Rose nimmt mich mit zu den Kollegen
03:29vom Kampfmittelbeseitigungsdienst.
03:33Das Problem?
03:34Die Kampfmittelräumer müssen auf der Fläche
03:37wochenlang Bohrungen durchführen,
03:38um nach Blindgängern zu suchen.
03:41Gleichzeitig muss die Stadt den Betrieb der Feuerwehr aufrechterhalten.
03:48Was wäre denn, wenn man jetzt hier was finden würde?
03:50Der Worst Case quasi.
03:52Weil das ist natürlich hier eine kritische Infrastruktur.
03:54Wir haben nebenan noch dazu,
03:55hier ist die Sporthalle,
03:57dahinter ist das Luise-Henriette-Gymnasium.
03:58Wir haben hier Wohngebiet,
04:00wir haben auch direkt angrenzend Wohngebiet.
04:01Das wäre also eine Stelle, wenn wir hier was finden würden.
04:04Das ist dann schon, da sind eine Menge Leute betroffen,
04:06da ist die Feuerwehr betroffen.
04:07Das wäre schon eine Hausnummer hier für die Stadt.
04:11Jedes Jahr gibt Oranienburg für die Kampfmittelräumung
04:13drei bis vier Millionen Euro aus.
04:16Weitere Millionen kommen vom Land Brandenburg.
04:19Dass hier so viele Bomben nicht explodiert sind,
04:22liegt am sandigen Boden, in dem die Blindgänger zum Liegen kommen,
04:25erklärt Sprengmeister Gerd Will.
04:27Aber nicht nur daran.
04:30Was ist die Herausforderung bei dieser Bombe?
04:33Die Herausforderung liegt weniger an der Bombe,
04:36mehr an der speziellen Bezündung.
04:38Und das Besondere daran war, dass es kein Aufschlagzünder gewesen ist,
04:43der direkt detonieren sollte beim Aufschlag,
04:45sondern wirklich in der Erde zur Ruhe kommen sollte
04:48und den nach mehreren Stunden erst detonieren sollte.
04:52Fliegerbomben mit einem solchen Langzeitzünder
04:54sind besonders tückisch.
04:56Sie zünden erst eine bis 144 Stunden nach dem Abwurf.
05:01Dafür ist ein Schlagbolzen eingebaut,
05:03der durch Scheiben aus Tellurloid gehalten wird.
05:06Darüber sitzt eine Glasampulle mit Aceton,
05:09die beim Abwurf durch eine Spindel zerstört wird.
05:12Das Aceton löst die Celluloidscheiben auf,
05:15bis sich der Bolzen löst und die Bombe explodiert.
05:23Außer der Mechanismus versagt.
05:26Doch woher wissen die Oranienburger,
05:28wo sie nach Blindgängern suchen müssen?
05:30Die Alliierten hatten zur Kontrolle ihrer Angriffe
05:33Fotos der bombardierten Region gemacht.
05:36Diese Bilder wurden den Deutschen
05:37nach dem Krieg zur Verfügung gestellt.
05:42Ich treffe die Luftbildauswärterin Jutta Kissel.
05:45Für die Dechiffrierung der Aufnahmen braucht sie ein geschultes Auge,
05:49damit sie anhand der Größe der Einschlagskrater
05:51mögliche Positionen von Blindgängern finden kann.
05:55Ja, man macht irgendwie was für die Bevölkerung.
05:58Man fühlt sich nach jeder Bombe, die gefunden wurde,
06:00nach jedem Grundstück, das abgesucht wurde,
06:02fühlt man sich sicherer in der Stadt.
06:05Also, man hat jetzt nicht irgendwie so ein Unsicherheitsgefühl,
06:08wenn man durch die Stadt läuft.
06:09So ist es nicht.
06:10Aber man denkt so, ja, haben wir wieder was,
06:14was hätte hochgehen können,
06:16haben wir wieder aus der Erde gezogen.
06:17Das ist ein schönes Gefühl.
06:21Stefanie Rose ist hier aufgewachsen.
06:24Ich begleite sie zu ihrer ehemaligen Schule.
06:28Ist das dann hier auch schon ein Schulhof gewesen damals?
06:31Das war so ähnlich offen wie hier,
06:33aber ich glaube, der Zaun verlief tatsächlich weiter hier außen,
06:35wahrscheinlich hier vor der Hecke dann.
06:38Mehr als 200 Blindgänger
06:40befinden sich schätzungsweise noch im Stadtgebiet.
06:43An die Gefahr haben sich die Oranienburger notgedrungen gewöhnt.
06:47Das ist jetzt das Luftbild dazu.
06:50Äh, das müsste man ...
06:52Also, wir sitzen jetzt ...
06:53Genau.
06:55Das ist die Walter-Botte-Straße.
06:57Das ist die hier?
06:58Das ist die lange hier.
06:59Das müsste sie sein.
07:00Ach krass, war das denn ab hier alles bauen?
07:03Stefanie Rose hat als Kind einige Evakuierungen miterlebt.
07:08Und wie war das in der Zeit?
07:12Das war mir als Kind mit, ich sag jetzt mal,
07:1512 und dann 13 oder sowas gar nicht so bewusst.
07:18Dass tatsächlich, wenn sowas hochgeht,
07:21also wirklich ganz viele Menschen dabei möglicherweise ums Leben gekommen wären
07:24und was es hier alles zerstört hätte, die Schule.
07:26Wenn das bei den Stadtwerken zerstört worden wäre,
07:28dass hier die Strom- und Wasserversorgung nicht mehr funktioniert.
07:31Das sind so Sachen,
07:32die macht man sich als Kind natürlich nicht bewusst.
07:36Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg
07:38sind eine latente Gefahr für die Bevölkerung.
07:41Nicht nur in Oranienburg.
07:45Könnte die Wissenschaft helfen, das Risiko von Blindgängern genauer zu berechnen?
07:53Um das herauszufinden, fahre ich zu einem alten Militärgelände in der Nähe von Rostock.
08:00Hier findet gerade das aufwändigste zivile Blindgängerexperiment seit Kriegsende statt.
08:11Daran beteiligt
08:13Kampfmittelräumdienste aus Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen.
08:21Und Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Kurzzeitdynamik.
08:27Der Sprengversuch soll Daten für eine Risikoanalyse-Software liefern.
08:32Wie breitet sich die Druckwelle aus?
08:34Wohin fliegen die Splitter?
08:36Wie weiträumig muss evakuiert werden?
08:38Dafür soll eine Woche lang täglich eine 500 Pfund Bombe gesprengt werden.
08:46In einem abbruchreifen ehemaligen Militärgebäude ist die Messtechnik untergebracht.
08:53Besonders im Fokus die Ausbreitung der Bodendruckwelle.
08:59Oh, wow!
09:02Ground-Schock, sagen die Forschenden dazu.
09:06Und was passiert denn mit den ganzen Daten? Was wollt ihr hinterher mehr wissen als jetzt?
09:11Der Kampfmittelräumdienst hat natürlich hauptsächlich das Interesse, dass die wissen wollen, wie diese unterschiedlichen Dämpfungsmaßnahmen, wie wirksam die sind, gerade
09:17in Bezug auf diesen Splitterflug.
09:19Für uns ist jetzt hauptsächlich interessant, wie dieser Ground-Schock entsprechend durch die Erde läuft, dass wir damit Daten sammeln,
09:25mit denen wir uns Modelle validieren können.
09:27Und da kommt die Bombe, die die Daten für die Software liefern soll.
09:32Herr Wuth, wir sind soweit!
09:34In gut drei Stunden, so der Plan, wird die amerikanische Weltkriegsbombe gesprengt.
09:39Da ist sie!
09:43Also wir gehen mit der Sprengstur aus der Sprengstelle raus und ganz zum Schluss, wenn alle weg sind, dann kommen
09:48die Sprengkapseln, die elektrischen Sprengkapseln ran, weil dann ist da eigentlich so dieser Zündkreis geschlossen.
09:52Und erst dann, wenn wirklich die Sicherheit hergestellt wird, dann kommen diese elektrischen Zünder dran.
09:57Robert Molitor leitet den Munitionsbergungsdienst Mecklenburg-Vorpommern und ist für die Sicherheit der Sprengversuche verantwortlich.
10:05Er und seine Kollegen erhoffen sich neue Erkenntnisse für künftige Entschärfungen.
10:11Vor allem in Wohngebieten.
10:14Warum ist es denn so wichtig, mehr über diese Ground-Schocks herauszufinden?
10:17Wir haben unheimlich viel Infrastruktur im Boden, sonst Kellerfundamente, U-Bahn, auch Gasleitungen oder sowas, wo man dann einfach jetzt
10:24abschätzen muss, wie viel mache ich oben drauf, um den Spitterflug zu verhindern und was richte ich damit unterirdisch an.
10:31Und da fehlen uns tatsächlich so die Erfahrungswerte, weil das irgendwie noch nicht einer getestet hat.
10:35Und das ist jetzt hier eben auch einer der Sinne dieser Testreihe, um zu sehen, wenn wir das drauf machen,
10:39dann haben wir die Erdstöße und wenn wir was anderes drauf machen, haben wir die Erdstöße.
10:44Bei einem Ground-Schock wird die Energie der Explosion auf den Boden übertragen und breitet sich dann wellenförmig innerhalb von
10:52Millisekunden aus.
10:56Je mehr Dämpfungsmaterial bei der Sprengung an der Oberfläche aufgebracht wird, desto stärker wirkt die Druckwelle im Untergrund.
11:04Doch welche Schäden der Ground-Schock an Fundamenten und Gasleitungen anrichten kann, darüber gibt es bisher kaum Erkenntnisse.
11:15Die Bombe wird nun in das vorbereitete drei Meter tiefe Erdloch abgesenkt. Als Dämpfungsmaterial gegen den Splitterflug kommt Sand obendrauf.
11:26Und dieser riesige Plastiksack, der mit Wasser gefüllt wird. Dafür rückt extra die lokale Feuerwehr an.
11:37Wir haben noch eine Stunde Zeit. Punkt 13 Uhr soll gesprengt werden. Dafür wird, wie bei Sprengungen üblich, der Luftraum
11:44gesperrt.
11:48Der Wassersack ist gefüllt und alle müssen vom Gelände. Auch die Feuerwehr.
11:56Enorm, wie ruhig das jetzt auf einmal ist.
11:58Ja, also das ist tatsächlich halt auch bei Entschärfung in der Stadt. Man hat ja dann, alle Menschen sind evakuiert,
12:04der Verkehr ruht und dann ist es wirklich so, man hört Vögel zwitschern, das ist schon, das ist wirklich so
12:08ein faszinierender Moment.
12:11Während Robert Molitor die letzten Handgriffe erledigt, ziehe ich mich in einen nahegelegenen Bunker im Wald zurück.
12:22Und warte.
12:26Dann ist es soweit.
12:29Zündstelle an alle. Es folgt das erste Signal.
12:36Zündstelle an alle. Wir zünden.
12:393, 2, 1, Zündung.
12:58Die Sprengung lief nach Plan.
13:00Alle Splitter nicht anfassen mit bloßen Händen, die sind heiß.
13:06Gemeinsam machen wir uns ein Bild von der Zerstörung.
13:11Ach krass, da sind ja Wurzeln mit hochgekommen.
13:14Ja, alles was hier unten im Erdreich ist.
13:17Wow.
13:21Grundsätzlich, durch die Eindeppung steht das Gebäude noch.
13:24Also das wäre so eine der Maßnahmen, wenn wir die Bombe offen gesprengt hätten, hätten wir hier deutlich mehr Schäden.
13:29Hier wird nachher der Krater vermessen, also tatsächlich auch der Kraterdurchmesser, sodass wir dann aus diesen Reihen sagen können,
13:35okay, hier haben wir jetzt nach außen hin weniger Wirkung, möglicherweise mehr Erdstoß.
13:41Also deswegen, wir müssen nachher so ein bisschen mehr auf die Messwerte gucken.
13:43Alles klar.
13:44Um den Radius des Splitterflugs zu bestimmen, wird außerdem jeder Splitter einzeln markiert.
13:51Ein Teil der schweren Aluringe, mit dem das Erdloch stabilisiert war, ist sogar bis aufs Dach geflogen.
13:57Doch was lässt sich daraus ableiten?
14:05Gemeinsam mit einer Softwarefirma haben die Fraunhofer Forscher ein Programm entwickelt, um Druckwellenausbreitung und Splitterflug zu simulieren.
14:13Ein Zusatzwerkzeug, um besonders heikle Evakuierungen besser planen zu können.
14:21Inwiefern kann sowas denn dem Kampfmittelräumdienst helfen?
14:24Der Verantwortliche vor Ort muss ja immer ganz schwerwiegende Entscheidungen treffen.
14:30Und wenn du dir vorstellst, dass ein Krankenhaus evakuiert werden muss,
14:34und an der Stelle gibt das Simulationsergebnis eben nochmal ein starkes Indiz für den, der die Entscheidung treffen muss,
14:42um eben dann zu sagen, okay, das Krankenhaus oder ein Teil des Krankenhauses muss nicht evakuiert werden oder es muss
14:49eben doch evakuiert werden.
14:53Die Daten aus dem Sprengversuch sollen helfen, Risiken bei einer Entschärfung besser abzuschätzen.
15:00Noch bevor evakuiert wird.
15:07Die letzte große Krankenhausevakuierung in Deutschland gab es im Oktober 2024.
15:13Hier am Krankenhaus in Köln-Mehrheim.
15:17Die Ursache, ein Blindgänger mitten auf dem Klinikgelände, der kontrolliert gesprengt werden musste.
15:25Es rollt eine Evakuierung an, die es so noch nie gab.
15:29Mehrheim ist kein Krankenhaus, es ist eine Krankenhausstadt.
15:33Sobald auch alle 6400 Anwohner ihre Wohnungen verlassen haben, kann die Entschärfung beginnen.
15:41Auf der Intensivstation treffe ich den medizinischen Geschäftsführer der Klinik, Axel Gossmann.
15:47Er und sein Team haben die Evakuierung gemeinsam mit der Stadt Köln vorbereitet.
15:53Wie viele Patientinnen und Patienten hatten Sie denn auf Intensiv?
15:56Zu dem Zeitpunkt der Evakuierung waren es circa 60 Patienten, die wir innerhalb des Hauses evakuieren mussten.
16:03Das geht von Schädel-Hirntraumata, also Patienten, die schwere Hirnverletzungen, Rückenmarkverletzungen haben.
16:09Das geht mit komplexen Baucherkrankungen, das geht bis hin zur Schwerverbrennung.
16:13Also ein sehr, sehr komplexes Muster.
16:15Sollen die Intensivpatienten evakuiert werden oder bleiben sie auf dem Gelände?
16:21Eine falsche Risikobewertung kann hier über Leben und Tod entscheiden.
16:26Das heißt, das ist ja letztlich ein Dilemma, oder?
16:28Das ist ein echtes Dilemma. Ist ein höheres Risiko, einen Menschen zu verlegen in ein anderes Klinikum, in eine andere
16:33Umgebung?
16:34Ist der Transport als solcher schon lebensgefährlich? Und das gilt es dann abzuwägen.
16:38Und da haben wir sehr eng mit den Behörden zusammengearbeitet, wie hoch das Risiko einer Evakuierung ist mit dem möglichen
16:45Szenario einer unkontrollierten Bombensprengung oder auch Zündung der Bombe.
16:51Länger als ein Jahr hatten Stadt und Klinik geplant und rechtzeitig vor der Sprengung eine temporäre Intensivstation in einem Safehouse
16:58eingerichtet.
16:59Das Gebäude befindet sich zwar in der Evakuierungszone, aber weiter vom Sprengort entfernt und wurde mit Brettern gegen Splitterflug geschützt.
17:08Alle anderen Patienten wurden auf Kliniken im Stadtgebiet verteilt.
17:13Mehr als 1200 Einsatzkräfte waren daran beteiligt.
17:21Könnte bei solchen schwierigen Evakuierungen in Zukunft die Risikoanalyse-Software aus dem Sprengversuch helfen?
17:31Professor Gossmann zeigt mir die Notaufnahme, über die all die Patienten damals herausgebracht wurden.
17:38Alle drei Minuten fuhr hier ein RTW dann vor, eingeladen und wurde dann hier wieder austransportiert.
17:45Auch wenn die logistische Arbeit wohl ähnlich wäre, mit einer Software könnten die Verantwortlichen potenzielle Risiken vermutlich besser berechnen und
17:54solche komplexen Evakuierungen einfacher vorbereiten.
17:58Wie evakuiert man denn ein ganzes Krankenhaus?
18:01Das Krankenhaus, das war wirklich eine logistische Herausforderung, aber auch eine Meisterleistung von allen, die daran mitgearbeitet haben.
18:07Weil es gilt, sämtliche Patienten in einer relativ kurzen Zeit aus dem Krankenhaus sicher zu verbringen.
18:13Man muss natürlich die medizinische Sicherheit gewährleisten, aber auch die Logistik.
18:17Dazu sind aus ganz NRW, Transportwagen, medizinische Einsatzkräfte dann zusammengezogen worden.
18:24Und wenn Sie hinter mir sehen, das ist eine sehr, sehr lange Zufahrt, die war bis an den Horizont zugeparkt
18:29mit Rettungswagen.
18:31Sein Team hat am Tag der Bombensprengung Fotos gemacht.
18:36Um die Druckwelle abzufedern, wurden von den Kampfmittelräumern solche Überseekontainer um die Bombe herum aufgestellt.
18:46Zusätzlich wurden 150 Tonnen Sand zur Dämpfung mit Schwerlasttransportern über den Kölner Autobahnring herangekarrt.
18:58An dieser Stelle kann man den riesigen Krater, den die Bombe hinterlassen hat, heute noch erahnen.
19:06Krass, da vorne, wo der Bauzaun ist, da ungefähr müssen die Container gestanden haben.
19:10Und dann, was sind das bis zur Klinik, vielleicht 70 Meter, extrem nah dran.
19:15Und da hinten sind schon die ersten Wohnhäuser.
19:19Und tatsächlich ist wohl auch mindestens ein Splitter, der richtig groß war, rübergeflogen durch ein Dachflächenfenster in ein Kinderzimmer.
19:29Das Beispiel in Köln-Meerheim hat mir gezeigt, Evakuierungen sind hochkomplex, gerade in Ballungsräumen.
19:37Im Juni 2025 mussten am Kölner Rheinufer drei amerikanische Fliegerbomben auf einmal entschärft werden.
19:45Der Luftraum war gesperrt. Die gesamte Altstadt musste evakuiert werden. Sogar die Rheinschifffahrt stand still.
19:54Etwa 20.000 Menschen müssen das betroffene Gebiet verlassen.
19:59Außerdem wird die meistbefahrene Eisenbahnbrücke Deutschlands nahe dem Hauptbahnhof zeitweise gesperrt.
20:05Es ist die größte Evakuierung in Köln seit dem Zweiten Weltkrieg.
20:10Und sicher nicht die letzte.
20:12Aber wie genau findet man eigentlich Blindgänger vor Ort?
20:18Gut zehn Kilometer flussabwärts in Köln-Chorweiler bin ich mit dem Kampfmittelbeseitigungsdienst Rheinland verabredet.
20:27Hallo. Hallo.
20:30Hi, ich bin Lena.
20:31Hi, ich bin Gudela.
20:33Auf einem Feld am Rande der Stadt, das demnächst bebaut werden soll, treffe ich die Geophysikerin Gudela von Gronefeld und
20:40ihre Kollegen.
20:42Der Bereich gilt laut Luftbildauswertung als Verdachtsfläche und muss vor einer Bebauung auf Kampfmittel untersucht werden.
20:49Ich ziehe mir Gummistiefel an, denn meine anderen Schuhe haben Metallösen und würden damit die Messungen stören.
20:57Haben wir eine Richtung?
20:59Versuch mal irgendwie...
21:00In die Richtung zu laufen?
21:01Alles klar.
21:03Gut.
21:09Hat auch ein bisschen was Meditatives.
21:12Doch dann...
21:13Aha, hier ist noch was.
21:14...flickt der Metalldetektor an.
21:16Oh ja, jetzt hast du was gefunden.
21:17Okay, den sieht man hier schon.
21:18Sieht man, ne?
21:19Ja, genau.
21:28Na, ein Eisenhaken.
21:32Gut.
21:33Ein Haken hat die Sache.
21:37Von Kampfmitteln keine Spur.
21:40Noch zumindest.
21:43Was wäre denn, wenn wir jetzt hier wirklich was finden?
21:46Also wenn wir jetzt hier was finden, wenn wir was aufgegraben haben und das ist ein Kampfmittel, dann hängt es
21:50natürlich davon ab, was ist das für ein Kampfmittel.
21:52Wenn es beispielsweise ein Bombenblindgänger ist, dass wo noch ein Zünder drauf ist, dann müssen wir eben, dann wird der
21:58Blindgänger entschärft und im Vorfeld von so einer Entschärfung müssen eben alle, die hier in der Nähe sind,
22:04erstmal weg.
22:05Wir haben hier dann auch noch die Problematik, hier sind Hochspannungsleitungen über uns.
22:09Wir wissen, hier liegt eine Gasleitung im Untergrund, die muss gegebenenfalls noch getrennt werden vom Gasnetz.
22:17Während einzelne Verdachtspunkte per Hand abgesucht werden, ist der Kampfmittelsuchtraktor einer privaten Räumfirma für große Flächen im Einsatz.
22:31Stoisch dreht er seine Runden.
22:37Plötzlich finden wir was.
22:39Ah, guck mal hier.
22:40Nimm mal die Schau.
22:42Ich nochmal?
22:43Mhm.
22:45Ist doch ganz da.
22:51Was haben wir?
22:53Ah!
22:54Das ist ein Splitter.
22:56Wie ein Splitter?
22:57Von der Bombe.
22:59Von der Bombe.
22:59Von der Bombe.
23:00Von der Granate.
23:00Echt jetzt?
23:01Ja.
23:03Und woran habt ihr das jetzt erkannt?
23:05Der ist scharfteilig abgerissen hier, von der Form her.
23:10Klar könnte man das jetzt für ein normales Stückchen Eisen halten, aber wir sagen, das ist von der Granate, die
23:16irgendwann mal hier detoniert ist.
23:18Und über die Jahrzehnte hat der Bauer die immer rauf und runter gepflügt und dann sehen die aus, wenn ja
23:23jetzt eine frisch gesprengte Granate wäre, sind die Kanten viel scharfkantiger.
23:28Aber man kann halt nach so vielen Jahren trotzdem noch erkennen, dass es sich um Splitter handelt.
23:34Der Traktor hat inzwischen einen Teil des Feldes abgesucht.
23:44Gudeler erklärt mir die Messtechnik, die aus einer Reihe von Magnetsonden besteht.
23:49Anhand von Störungen im Erdmagnetfeld können damit Eisenteile, also auch Kampfmittel, erkannt werden.
23:56Zur Lokalisierung ist ein GPS-System an Bord.
23:59Wird ein Blindgänger gefunden, stehen die Kampfmittelräumer jedes Mal vor einer neuen Aufgabe.
24:05Wir wissen einfach auch nicht, was uns erwartet.
24:08Bei einer kontrollierten Sprengung ist es auch so, dass wir auch nicht wissen, wie weit fliegt so ein Splitter.
24:15Und deswegen ist es halt wichtig, dass auch wenn wir Schutzmaßnahmen anwenden, dass trotzdem eben alle Leute diesen Gefahrenbereich verlassen.
24:26Ein Bomben-Blindgänger war heute nicht dabei.
24:30Doch ein paar Wochen nach meinem Besuch sind die Daten komplett ausgewertet.
24:34Die beachtliche Bilanz?
24:3615 kleine Sprenggeschosse, eine Panzerfaust, 35 Kilo Munitionsteile mit Explosivstoffrückständen und ca. 250 Kilo Militärschrott.
24:50Bisher hat meine Spurensuche gezeigt, Deutschland ist noch voll von Kriegsresten.
24:55Und die Gefahr der Blindgänger bleibt ziemlich unberechenbar.
25:01Oder etwa doch nicht?
25:05Ich will mehr über die Risikoanalyse-Software wissen und fahre nach Baden-Württemberg.
25:10Auf dem Außengelände des Fraunhofer-Instituts für Kurzzeitdynamik werden weitere Daten gesammelt, um die Gefahren der Blindgänger besser zu simulieren.
25:24Nicht mit echten Weltkriegsbomben, sondern mit einer riesigen Druckluftanlage.
25:31Was genau simuliert ihr denn mit dieser Anlage?
25:33Wir simulieren den Druck, der bei einer Explosion im Außenraum entstehen würde.
25:38Und das machen wir mit Druckluft.
25:40Das Szenario, man hat eine Explosion im Außenraum, meinetwegen von einem Blindgänger.
25:45Und wir wollen sehen, wie viel Schutz bietet die Fassade und auch diese Fensterscheiben gegenüber der Explosion von außen.
25:53Und wie groß ist die simulierte Bombe?
25:55Die Belastung, die wir jetzt hier aufbringen, das entspricht dem gleichen wie von 125 Kilogramm Sprengstoff in 37 Meter Entfernung.
26:05Bei dem Experiment, das ich mit dem Ingenieur Malte von Ramin begleiten darf, ist kein Sprengstoff im Einsatz.
26:13Ob es trotzdem laut werden wird?
26:19Was aussieht wie die Vorbereitung für ein schönes Abendessen, soll verdeutlichen, welche Wucht die Explosion eines Blindgängers auf den Innenbereich
26:26einer Wohnung haben kann.
26:29Sensoren und Hochgeschwindigkeitskameras werden die Ausbreitung der Druckwelle dokumentieren.
26:38Bevor es losgeht, zeigt mir der Sprengmeister in der Experimentierhalle den Antrieb der Druckluftanlage.
26:44Um den nötigen Druck aufzubauen, setzen wir eine Membran aus Aluminium ein und fixieren sie.
26:57Dann sperrt der Sprengmeister den Sicherheitsbereich ab, um den Schuss auszulösen.
27:05Wir bringen uns in einem Container in Sicherheit und überwachen das Experiment am Bildschirm.
27:10Wir wären zu weit.
27:11Jetzt wird der Druck aufgebaut.
27:13320
27:15340
27:17360
27:18Achtung!
27:193
27:202
27:221
27:24Ah!
27:25Ha ha!
27:47Da gehen wir mal gucken.
27:50Mich überrascht, wie weit die Glassplitter geflogen sind.
27:54Das heißt, das ist alles von der Scheibe, ne?
27:57Ja, und den beiden Weingläsern.
27:59Mhm.
28:06Ja, und die meisten Splitter, die liegen eben tatsächlich da hinten.
28:11Das heißt, die sind eben auch relativ weit geflogen.
28:15Und daraus, wie weit eben diese Splitter mit welcher Geschwindigkeit und welcher Masse, also mit welcher Größe sie rausgeschleudert werden,
28:22können wir dann eben in anderen Analysen, die wir über die Highspeed-Kameras machen, dann die Gefährdung einschätzen.
28:27Hier liegen noch ein Löffel, Besteck.
28:32Der Kleiderständer ist noch ganz.
28:34Was macht ihr denn mit den ganzen Daten, die ihr hier sammelt?
28:36Die finden Eingang in Bewertungsmodelle. Und diese Bewertungsmodelle implementieren wir wieder in Simulationssoftware, mit der wir dann halt ausrechnen können,
28:47in welchen Bereichen man von einer Explosion gefährdet wird und wodurch.
28:52Also durch die Blastwelle, durch den Splitterflug, durch den Primär-Splitterflug meinetwegen eben auch bei den Weltkriegsbomben.
28:58Dadurch können wir ableiten, ob man entsprechend evakuieren muss oder nicht.
29:03Bei einer echten Blindgängerexplosion verursacht die Druckwelle im Nahbereich tödliche Verletzungen, weil Lunge und Trommelfell platzen.
29:13Die Welle kann sich in einer Stadt weiter ausbreiten. Mit Überschallgeschwindigkeit trifft sie auf Gebäude.
29:22Ein Teil der Energie wird zurückgeworfen. Ein Teil läuft aber auch über sie hinweg.
29:29Hinzu kommen gefährliche Bombensplitter, die über 1000 Meter auch durch Fenster in Wohnungen fliegen können.
29:44Das hier finde ich enorm verstörend und es macht auf der anderen Seite so unmissverständlich klar, warum diese Forschung wichtig
29:52ist,
29:52nämlich damit im Ernstfall auf diesen Stühlen auf gar keinen Fall Menschen sitzen.
29:59Die Wissenschaft kann helfen, das Blindgängerproblem in den Griff zu bekommen.
30:04Doch nicht nur an Land lagern tonnenweise Bomben. Auch im Meer.
30:10An der Ostsee bin ich mit einem Team des GEOMA Helmholtz-Zentrums für Ozeanforschung verabredet.
30:16Am Hafen von Neustadt in Schleswig-Holstein werde ich morgens abgeholt.
30:23Das kleine da?
30:25Genau das.
30:28Das Boot soll mich an Bord des Forschungsschiffs Alcor in der Lübecker Bucht bringen.
30:33Kaum sind wir aus dem schützenden Hafen raus, zeigt sich die Ostsee von ihrer rauen Seite.
30:43Schon nach wenigen Minuten bin ich pitschnass vom eiskalten Wasser. Und heilfroh, als wir endlich die Alcor erreichen.
30:56Moin!
31:01Vielen Dank für dieses besondere Erlebnis.
31:06Rund 1,6 Millionen Tonnen konventionelle Munition sollen noch in Nord- und Ostsee liegen.
31:15Das Problem? Das Innenleben der Bomben besteht aus TNT und anderen hochgiftigen Chemikalien.
31:25Die Meeresgeologen und Chemiker wollen herausfinden, ob bereits Giftstoffe ins Meerwasser ausgetreten sind.
31:31Und wo genau die Munitionsreste liegen.
31:35Was wir jetzt machen wollen, ist unser AOV Luise einsetzen, autonomes Unterwasser-Vehikel.
31:41Und Luise kann Fotos machen, das ist eine Kamera, die guckt nach unten und da ist ein Blitzring drumherum.
31:46Man macht dann jede Sekunde ein Foto und fährt ganz langsam, sodass die Fotos überlappen.
31:52Und dann können wir danach mit dem Computer diese Fotos zusammenkleben.
31:55Das ist immer ein Fotomosaik und kriegen von vielen kleinen Fotos ein ganz großes Foto mit einer sehr hohen Auflösung.
32:02Jens Greinert ist der leitende Wissenschaftler an Bord der Alcor.
32:06Seit rund zehn Jahren untersucht er die Weltkriegsmunition im Meer.
32:11Circa 450 Munitionshaufen sind inzwischen entdeckt worden.
32:15Die Munition stammt aus deutschen Waffenarsenalen und wurde nach Kriegsende haufenweise in der Ostsee verklappt.
32:22Luise soll weitere Fundorte ausfindig machen.
32:26In welchem Zustand sind die Weltkriegsbomben?
32:28Wie viel Sprengstoff ist bereits ins Wasser gelangt?
32:32Entfernung zum ersten Gegenpunkt.
32:36Ja, sie ziehen sich langsam ein.
32:42Während Luise nun zwei Stunden lang ihre Bahnen zieht, bereiten die Forschenden den nächsten Tauchroboter vor.
32:49Captain Blaubeer haben sie ihn getauft.
32:51Er ist mit einer Videokamera ausgestattet und hilft, die Munitionshaufen am Meeresboden zu kartieren.
32:57Wichtige Vorabinformationen für Bergungsfirmen, um die Munition später nach oben holen zu können.
33:04Außerdem kann Captain Blaubeer auf Knopfdruck Wasserproben direkt an den Munitionshaufen nehmen.
33:15Jens Greinert und ich machen uns am Bildschirm bereit, um den Tauchgang zu überwachen.
33:21Werde ich gleich die Weltkriegsbomben am Meeresgrund zu Gesicht bekommen?
33:28Captain Blaubeer steuert den ersten vermuteten Munitionshaufen an.
33:33Der Meeresboden ist relativ schlammig, aber was man da rechts schon sieht, sind so Kisten, die da liegen.
33:39So Munitionskisten, die so halb im Sediment stecken.
33:44Und eigentlich müsste da gleich noch ein größeres Objekt kommen.
33:49Da sind sie, die Weltkriegsbomben am Meeresgrund.
33:53Das sind diese großen F 103 Fiesler Storch, die fliegenden Bomben, das sind die Sprengkörper davon.
34:01Die muss man sich vorstellen, die sind 1,20 lang, also so wie ein großes Fass.
34:06Und da sieht man hier, da ist ein Loch, da liegen drei Stück nebeneinander.
34:11Eine der Bomben ist komplett verrostet und fängt an sich zu zersetzen.
34:15Die Forschenden wollen wissen, wie hoch die Sprengstoffkonzentration im Wasser ist und lassen Captain Blaubeer Proben direkt an den Bomben
34:23nehmen.
34:26So pumpe es an und jetzt nehme ich Flasche zwei, das ist dann der schwarze Knopf, der zugeht.
34:33Flop, genau.
34:35Explodieren können die Bomben nicht, denn als sie versenkt wurden, hatten sie keine Zünder.
34:41Trotzdem frage ich mich, warum die Munition auch nach 80 Jahren immer noch da unten liegt.
34:48Wieso wird denn dieses Problem erst jetzt angegangen?
34:51Gute Frage, haben wir uns auch immer gefragt.
34:54Ich denke, es lag da dran, dass nach dem Zweiten Weltkrieg direkt, ich glaube, Deutschland andere Sorgen hatte, als jetzt
35:00die Munition zu bergen,
35:02die sie ja gerade auf Geheiß der Alliierten weggeschmissen haben.
35:06Dann wurde das, glaube ich, vergessen und dann wurde vergessen, sich doch mal darum zu kümmern.
35:12Immer mit der Angst, wenn ich mich darum kümmere als Ministerium, ob nun Bund oder Land, müsste ich ja was
35:18machen.
35:19Mit einem millionenschweren Sofortprogramm soll das explosive Erbe in Nord- und Ostsee nun beseitigt werden.
35:26So schnell wie möglich.
35:32Käpt'n Blaubeer ist zurück von seiner Expedition. Und wir sichern die Wasserproben.
35:40Im bordeigenen Labor können die Forschenden die Proben direkt analysieren.
35:45Die Ergebnisse sind eindeutig. Die Bomben entlassen hochgiftige Sprengstoffverbindungen in die Umwelt.
35:53Darunter krebserregendes TNT und andere Stoffe, die das Erbgut schädigen können.
35:59Was bedeutet das für die Lebewesen in der Ostsee?
36:03Zusammen mit dem staatlichen Thünen-Institut wurden die Fische aus der Bucht untersucht.
36:09Hat sich das TNT bereits in ihren Organen angereichert?
36:13Was man hier sieht, das ist Leber. Die wurde extrahiert von mehreren Fischen.
36:19Und da wird dann speziell in den unterschiedlichen Organen oder wie hier im Urin, in der Galle und im Blut,
36:26wird analysiert, was und wie viele Sprengstoffverbindungen da drin sind.
36:29Kann man den Ostseefisch denn noch essen?
36:31Den Fisch selber kann man essen, obwohl auch da haben wir im Fischfilet ganz, ganz, ganz niedrige Konzentration an Sprengstoffverbindungen
36:40gemessen.
36:43Jetzt heißt es für mich, Klamotten wechseln. Denn es wird matschig.
36:48Toll.
36:54Neben dem Meerwasser soll auch untersucht werden, wie viele Sprengstoffverbindungen sich im Sediment der Ostsee angereichert haben.
37:03Dort, wo Kleinstlebewesen und Muscheln leben.
37:09Wie belastet sind diese Tiere?
37:11Wir sehen in den ganz kleinen Würmchen, die wir jetzt sozusagen geprobt haben, sehen wir das noch nicht.
37:15Wir haben das aber gesehen auf Seesternen, die dann auch über diese Munitionsobjekte krabbeln, dass sie zum Teil sehr hohe
37:20Konzentration haben.
37:22Wir sehen halt das in Muscheln auch, die da drum wachsen, dass die höher die Konzentration sind generell.
37:26Also dieses Austreten der Schadstoffe geht in die Fauna und Flora über.
37:35Mit einem mulmigen Gefühl verlasse ich die Alcor.
37:38Mir ist klar geworden, es ist höchste Zeit, dass die Munition in der Ostsee endlich geborgen wird, um eine größere
37:45Umweltkatastrophe zu verhindern.
37:49Wie geht es nun weiter?
37:53In den Versenkungsgebieten finden bereits erste Piloträumungen statt.
37:58Stück für Stück sollen dann Kampfmittelräumfirmen alle Bomben und Minen vom Meeresgrund holen.
38:03Dabei wird die Munition zunächst in Unterwasserregalen am Grund der Ostsee gesammelt.
38:09Damit die giftigen Kriegsreste nicht an Land gebracht werden müssen, soll eine schwimmende Plattform entwickelt werden, auf der die Munition
38:16zerlegt und verbrannt wird.
38:21Doch nicht nur das Leben im Wasser ist in Gefahr, betroffen sind auch die angrenzenden Strände.
38:27Immer wieder werden Munitionsreste vom Meeresgrund an Land gespült.
38:35Kinder haben beim Spielen bereits Sprengstoffbrocken und hochgiftiges Phosphor gefunden, das wie Bernstein aussieht.
38:43Je länger es dauert, bis die Munition geborgen wird, desto gefährlicher wird es.
38:48Denn die Bomben drohen auseinander zu fallen.
38:54Ein Risiko für die Umwelt, aber auch für die Teams der Bergungsfirmen, die direkt an der Munition arbeiten.
39:05Bomben zu bergen bleibt gefährlich, denn neben Maschinen sind ja auch Menschen beteiligt.
39:10Nur muss das so sein?
39:13Oder könnten das in Zukunft autonome Roboter erledigen?
39:19Getestet wird das am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz in Bremen.
39:26In der maritimen Explorationshalle treffe ich Leif Christensen.
39:31Er bereitet gerade eine Weltkriegsbombe für ein Trainingsexperiment vor.
39:36Wahnsinn, das ist ja ein Riesenteil.
39:38Ja, das ist das gute Stück. 500 Pfund Fliegerbombe aus dem zweiten Weltkrieg.
39:43Und das soll für uns heute auch das Anschauungsobjekt sein und das Trainingsobjekt für die Künstliche Intelligenz.
39:49Leif Christensen ist KI- und Robotikforscher. Er möchte einem Tauchroboter beibringen, wie man eine Weltkriegsbombe am Meeresgrund bergen kann.
39:58Am besten komplett autonom.
40:04Tauchroboter Kattelfisch wartet vor dem Salzwasserbecken auf seine Trainingseinheit.
40:09Gleich soll er zur Bombe hinuntertauchen. Dafür hat er jede Menge KI an Bord.
40:17Die KI soll zum einen erkennen, dass es eine Munition ist und dann aber auch wirklich die gesamte 3D-Oberfläche
40:24rekonstruieren.
40:28Zwei Forschungstaucher helfen, die Weltkriegsbombe am Beckengrund zu platzieren.
40:35Dann wird der Dummy-Blindgänger ins Becken gelassen.
40:39Ich darf währenddessen den kleinen Bruder von Käpt'n Blaubeer steuern, um die Arbeiten der Taucher im Wasser zu beobachten.
40:53Nun wird Kattelfisch vorsichtig in das 3,4 Millionen Liter fassende Testbecken gesetzt.
41:04Für die spätere Munitionsbergung muss der Unterwasserroboter in der Lage sein, sich der Fliegerbombe zu nähern, ohne mit ihr zu
41:11kollidieren.
41:15Dafür ist Kattelfisch mit Sonaren, Kameras und Magnetometer ausgestattet.
41:22Und was ist jetzt die Herausforderung für Kattelfisch?
41:25Für Kattelfisch ist jetzt die Herausforderung, dass es quasi dann einmal die Lokalisierung so gut hinkriegt, dass es auf dem
41:32Objekt bleibt.
41:32Also dass die Sensoren immer auf das Objekt ausgerichtet sind, wenn es seine Kreise einmal drumherum zieht, um möglichst vollständiges
41:39Bild zu erfassen.
41:41Ein auf neuronalen Netzen basierender Algorithmus lernt, wie sich der Tauchroboter in der Umgebung bei unterschiedlichen Wasserbedingungen verhalten soll.
41:52Taktile Kraftsensoren an den Greifern erlauben einen feinfühligen Umgang mit der rostenden Munition.
42:00Für heute ist die Trainingseinheit zu Ende. Der Tauchgang hat brauchbare Daten geliefert.
42:06Der Dummy-Blindgänger lässt sich bis ins Detail rekonstruieren. Ein Erfolg auf dem Weg zum autonomen Bergungsroboter.
42:16Wie wichtig ist es denn auch jetzt bei diesem Thema dran zu bleiben?
42:19Ja, ich glaube, es ist ganz wichtig, weil das sind ganz dicke Bretter von der, sag ich mal, Wahrnehmung, dass
42:24man überhaupt weiß, was da liegt.
42:25Dann, dass man weiß, wie gefährlich es ist, dass es sich in Fischen anlagert, dass es sich an Strände gespült
42:30wird, dass es sich immer weiter zersetzt.
42:32Und jetzt muss man dranbleiben, damit wir genau diese Zeit haben, die Techniken auch auf ein Level zu bringen, dass
42:37sie wirklich nutzbar sind und um diese gesellschaftliche Aufgabe dann auch durchzuziehen.
42:44Zwei Jahre lang wird Kattelfisch noch trainiert. Dann soll der Tauchroboter die wichtigsten Grundfähigkeiten haben, um die Munitionsbergung in der
42:53Ostsee unterstützen zu können.
42:58Ob unter Wasser oder an Land, die Spuren des Zweiten Weltkriegs sind noch lange nicht beseitigt.
43:05Und je länger die Bomben vor sich hin rosten, desto gefährlicher werden sie.
43:11Deutschland von seinem explosiven Erbe zu befreien, wird immer schwieriger.
43:15Es ist also höchste Zeit, diese Unmengen an Munitionen zu bergen. Eine enorme Aufgabe, die Jahre, wenn nicht Jahrzehnte brauchen
43:23wird.
43:26Die Sprengstoffforschung und die vielen Kampfmittelräumdienste leisten dafür wichtige Arbeit.
43:34Doch die Weltkriegsmunition endgültig zu beseitigen, bleibt eine Herausforderung für Generationen.
43:59Untertitelung des ZDF für funk, 2017
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