- 5 hours ago
Category
📺
TVTranscript
00:00.
00:04How does it feel to be away?
00:07It's a test in the JVA Halle.
00:10It's now about 6.
00:12That means for me, right?
00:14I'm in the next hour
00:16to about 60.000 people in Germany,
00:18who are behind the Gittern.
00:20And I'm excited,
00:21because I don't know what happened to the wall.
00:24But I'm going to go on.
00:30Wer in Deutschland hinter Gittern sitzt,
00:32hat meistens eine schwere Straftat begangen.
00:35Fast 95 Prozent sind Männer.
00:37Die meisten kommen in Einzelhaft.
00:40Auf jeden Fall nicht viel Platz.
00:42Ich bin schon gespannt,
00:44wie schnell mir hier die Decke auf den Kopf fällt.
00:49Aber, ja, so ist das halt im Knast.
01:00Pro Tag kostet ein Haftplatz ungefähr 200 Euro.
01:03Mehr als eine Nacht im Hotel.
01:06Aber was bringt Knast?
01:08Strafverzug ist Elend.
01:10Und es ist nichts, was hilft,
01:12um die Menschen in ein straffreies Leben zu führen,
01:15so wie es jetzt läuft.
01:17Gefängnisse gehören abgeschafft.
01:18Es bewirkt perfiderweise aus meiner Sicht
01:21genau das Gegenteil von dem, was es eigentlich bewirken sollte.
01:25Dem halte ich entgegen.
01:26Der Staat muss dafür sorgen, dass es eine gewisse Gerechtigkeit gibt.
01:29Und wenn es eine Freiheitsentziehung nicht geben würde,
01:31würden wir ganz schnell wieder in die Anarchie verfallen.
01:33Wir würden dann ganz schnell wieder dazu kommen,
01:35dass das Recht des Stärkeren gilt.
01:49Was macht Gefängnis mit Menschen?
01:52Nach einem halben Tag habe ich nur den Hauch einer Ahnung davon.
01:57Das ist schon beklemmend, wenn der einzige Blick nach draußen
02:00durch Gitterstäbe ist.
02:01Die Zeit vergeht wirklich sehr, sehr langsam.
02:03Ich habe sogar angefangen zu zählen.
02:07Ich habe angefangen runterzuzählen.
02:10Irgendwelche Minuten.
02:11Das war ja nur ein kurzer Einblick.
02:14Ja, ich bin irgendwie jetzt froh, wieder raus zu dürfen.
02:19Und weiß auch wirklich nicht, wie es einem geht, wenn man hier länger Zeit verbringt.
02:24Und verbringen muss.
02:31Wozu braucht es Gefängnisse wie diese überhaupt?
02:34Ein wesentlicher Gedanke ist ja die Resozialisierung.
02:37Also, dass Menschen draußen klarkommen und am besten keine Straftaten mehr begehen.
02:42Ungefähr 58.000 Menschen sitzen in Deutschland hinter Gittern.
02:47Aktuell liegt die Rückfallquote entlassener Straftäterinnen und Straftäter
02:50nach drei Jahren bei 45 Prozent.
02:53Nach neun Jahren sogar bei 63 Prozent.
02:59Das heißt, mehr als die Hälfte aller Inhaftierten wird wieder rückfällig.
03:03Wenn die Rückfallquote so hoch ist, dann kann man sich ja schon fragen, ob Gefängnisse sinnvoll sind
03:08oder am Ende sogar kontraproduktiv.
03:11Um das herauszufinden, fahre ich nach Sachsen.
03:14Nach Zeithain bei Riesa.
03:16Ich treffe Manuel.
03:17Er saß mehr als sechs Jahre im Knast.
03:23Wie haben denn deine Straftaten angefangen?
03:25Also, was war das so?
03:26Hast du da geklaut, oder?
03:28Ähm, nee, Körperverletzung.
03:31Mhm.
03:31Und warum?
03:33Warum?
03:34Ähm, naja, man ist halt in einer Gegend aufgewachsen, wo ich natürlich aufgrund meiner Farbe,
03:44meiner Hautfarbe, ein bisschen polarisiert habe.
03:48Mhm.
03:49Ähm, und dann führte natürlich auch das eine zu dem anderen.
03:52Und meine Jugend war nicht immer leicht, das kann ich ganz klar sagen.
03:54Aber im zunehmenden Alter dann irgendwann war es dann halt an dem Punkt,
03:59wo dann auch die Justiz gesagt hat, hey, gut, stopp.
04:02Und dann gab es halt dann die Haftstrafe.
04:04Mhm.
04:05Und wofür?
04:06Äh, wirtschaftlicher Betrug, Raub und Körperverletzung.
04:09Mhm.
04:09Also, es ist schon nichts irgendwie, wo ich sage, oh, das ist geil oder so, ne?
04:15Also das nicht.
04:16Aber es ist halt einfach nur mal ein Teil meines Lebens, das ist passiert.
04:23Ja, das ist geil.
04:23Die meiste Zeit saß er hier in der JVA Zeithain ab.
04:27Ein Männerknast.
04:29Anfang 2021 wird er wegen guter Führung vorzeitig entlassen.
04:35Manuel, wenn du hier bist, wie ist das mittlerweile für dich, vor dieser JVA zu stehen?
04:41Ähm, das ist okay.
04:44Ja?
04:45Ja.
04:45Hast du da keine Emotionen zu?
04:48Nein.
04:53Okay.
04:55Was glaubst du?
05:00Ich glaube, dass man sich zu wenig mit den Menschen wirklich befasst.
05:04Ein Großteil der meisten Inhaftierten kommt halt aus einer schwächeren sozialen Schicht,
05:12sag ich mal.
05:14Was es den Menschen natürlich nicht einfacher macht im Verzug.
05:18Sondern im Gegenteil.
05:19Ganz viele werden ja auch rückfällig nach ihrer Haftzeit.
05:23Mhm.
05:24Was glaubst du, sind die Gründe dafür?
05:25Ähm, ich versuch's mal so ein bisschen anders darzustellen.
05:28Zwei Prozent sind Resozialisierung.
05:31Mhm.
05:31Und die restlichen 98 Prozent sind dann, auch wenn ich das nicht so gerne sage, so diese
05:37Asozialisierung.
05:38Mhm.
05:38Würde ich ganz klar sagen.
05:40Ähm, weil es kann einfach nicht funktionieren mit den Maßnahmen, mit den Methoden, die im
05:46normalen Strafverzug umgewandelt werden.
05:47Dafür brauchst du einfach viel mehr Menschlichkeit.
05:49Dafür brauchst du vielleicht auch mehr finanzielle Mittel und mehr Fachpersonal.
05:52Also ein Bediensteter hat mal zu mir gesagt, ein zuer Haftraum ist ein guter Haftraum.
05:56Da hatte ich ganz tolle Bauchschmerzen, als er das zu mir gesagt hat.
06:02Während Manuels Haftzeit leitet Jurist Thomas Galli die Anstalt.
06:06Auch er kritisiert die Zustände.
06:08Noch vor Manuels Entlassung wirft er hin.
06:11Als Rechtsanwalt vertritt er heute Strafgefangene.
06:14Galli wurde vom Gefängnisdirektor zum Gefängnisgegner.
06:18Ich möchte von ihm wissen, was läuft schief im Strafvollzug?
06:25Hallo.
06:26Hallo.
06:27Willst du sich die Zeit geben?
06:28Lass die Schuhe gerne an.
06:30Genau.
06:31Kommen Sie rein.
06:32Herr Galli, Sie haben ja lange im Gefängnis gearbeitet.
06:35Was hat Sie am meisten überrascht?
06:37Überrascht hat mich schon, dass es eben nicht funktioniert letztlich.
06:43Und so wie es funktionieren sollte.
06:45Marder-Kant-Kriminalität hängt zusammen mit der Sozialisierung.
06:49Die meisten Straffälligen haben so ein Sozialisierungsdefizit.
06:52Und das müssen wir versuchen im Strafvollzug sozusagen nachzuholen.
06:56Insofern ist der Gedanke eigentlich überholt, dass wir Gerechtigkeit schaffen können,
07:00nur in Anführungsstrichen, indem wir jetzt den Täter bestrafen.
07:04Das heißt, eine vernünftige Bestrafung würde viel mehr die langfristigen Zusammenhänge berücksichtigen,
07:15in der Kindheit, in der Jugend und so weiter.
07:17Das heißt aber vielleicht auch Abstand nehmen von irgendwie diesem archaischen Gefühl von, ich will Rache üben.
07:23Das ist es, genau. Das ist nach wie vor und das aus meiner Sicht eben der Knackpunkt, dass das noch
07:31viel zu stark da ist und dass das uns irgendwo im Wege steht, wenn es um eigentlich vernünftigere Umgang mit
07:40Kriminalität ginge.
07:41Wenn Sie jetzt mal so auf das Systemgefängnis schauen, wie würden Sie denn das so insgesamt beurteilen?
07:47Diese geschlossene Anstalt für hunderte von Leuten, die dann auf engstem Raum über Monate oder Jahre dort zusammen untergebracht sind,
07:55wo dann wirklich eine Parallelkultur nochmal entsteht oder gefördert wird.
07:59Diese Gefängnisse gehören abgeschafft. Also ich würde sagen, mindestens 90 Prozent der derzeit Inhaftierten könnte man freilassen,
08:08beziehungsweise für diesen Anteil wären Maßnahmen außerhalb der Gefängnisse, wie wir sie heute kennen, sinnvoller.
08:16Zum Beispiel, dass die Leute ganz verschiedene Behandlungsprogramme durchlaufen, möglicherweise mit elektronischer Fußfessel und diesen Dingen.
08:24Wir müssen alternative Wege aufbauen, aber insofern kann man das unterstreichen, Gefängnisse gehören abgeschafft.
08:33Aber nicht für alle Straftäterinnen und Straftäter, oder?
08:37Denn was passiert mit Mördern, Terroristen oder Sexualstraftätern?
08:44Wir brauchen eine Sicherung vor ganz gefährlichen Menschen, denen muss auch die Freiheit entzogen werden können, notfalls auch bis zum
08:49Lebensende.
08:51Das sind aber wirklich nur sehr wenige, wo man keine so großen Anstalten braucht.
09:00In Deutschland gibt es fast 200 Gefängnisse mit etwa 58.000 Inhaftierten. Wer Gesetze bricht, soll büßen.
09:09Freiheitsentzug ist seit dem späten 19. Jahrhundert gesetzlich klar geregelt und bis heute eine der wichtigsten Strafen.
09:19Ich frag mich, kann oder sollte man das über den Haufen werfen?
09:22Ich bin hier in der JVA Bill Werder in der Nähe von Hamburg mit René Müller verabredet.
09:27Der ist Gewerkschaftschef der Bediensteten in Gefängnissen und hat 20 Jahre selbst im Knast gearbeitet.
09:32Und ich bin gespannt auf seine Sicht.
09:36Ich habe lange nach jemandem gesucht, der sich im System gut auskennt und mit mir über dieses Thema sprechen möchte.
09:43Viele Bedienstete scheuen die Kamera.
09:46René Müller ist der Einzige, der einem Gespräch im Gefängnis zustimmt.
09:52Hallo, hallo Herr Seibert, grüße Sie.
09:54Für mich ein ungewöhnlicher Ort für ein Gespräch, aber Sie sind wahrscheinlich noch häufiger in Gefängnissen unterwegs.
09:59Fast täglich, also ich kenn das.
10:02Ich habe mit Menschen gesprochen, die ganz grundsätzlich in Frage stellen, ob man Freiheitsstrafe überhaupt braucht.
10:07Zumindest für einen Großteil der Inhaftierten.
10:09Ja.
10:10Was halten Sie denn davon, Menschen zu entlassen?
10:12Also entlassen, die müssen alle irgendwann entlassen werden.
10:15Aber wenn Sie mich fragen, gibt es eine Alternative zum Justizvollzug?
10:19Da muss ich sagen, wir haben ja drei Säulen als Justizvollzug für die Gesellschaft zu leisten.
10:24Der erste ist der Schutz der Allgemeinheit vor weiteren Straftaten.
10:28Wie soll das geschehen, wenn es keine Freiheitsstrafe gibt?
10:31Das zweite ist die Resozialisierung.
10:34Und die dritte Säule darf man nicht vergessen.
10:36Der Staat muss dafür sorgen, dass es eine gewisse Gerechtigkeit gibt.
10:39Und wenn es keine Hafteinrichtung geben würde, wenn es eine Freiheitsentziehung nicht geben würde,
10:43dann glaube ich, würde der Staat nicht mehr das Recht ausüben, sondern wir würden dann ganz schnell wieder in die
10:48Anarchie verfallen.
10:49Wir würden dann ganz schnell wieder dazu kommen, dass das Recht des Stärkeren gilt.
10:55Alles Argumente, die theoretisch für Haftanstalten sprechen.
10:59Wenn die Hälfte der Gefangenen aber wieder rückfällig wird, bleibt die Frage, was funktioniert hier nicht?
11:06Bei meiner Recherche stelle ich fest, in Deutschland gibt es nur wenige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler,
11:11die sich mit Gefängnissen beschäftigen.
11:14Ich fahre nach Berlin.
11:17Hier am Max-Planck-Institut läuft, in Kooperation mit den Universitäten Duisburg, Essen und Hamburg,
11:23ein Forschungsprojekt zum Thema, was macht Haft mit dem Gehirn?
11:28You are now going to start a new round. Your score has been reset to 100 points.
11:35Fuck, dieses Piepennerd.
11:38Immer genau, wenn ich drückgekommen ist.
11:41Ich hab danach gepiept.
11:43Genau, sie sagt ihnen, das ist nicht schlimm, dass sie Fehler machen.
11:47Marvin ist einer von 150 Probanden, die mitmachen.
11:51Ich bin mit ihm und Psychologin Susanne Bründl im Testlabor verabredet.
12:01Hey, was macht ihr denn?
12:04Wir spielen Spiele. Reaktionstest ist das jetzt.
12:10Reaktionstest?
12:11Ja, ich hab jetzt wegen dir verloren.
12:15Der Test soll zeigen, wie schnell Marvins Gehirn arbeitet.
12:19Mehr als fünf Jahre saß er hinter Gittern.
12:21Seit einem halben Jahr ist er wieder draußen.
12:29Ich hab mit 13 angefangen zu kiffen.
12:32Und dann hab ich mit 18 Jahren jemanden kennengelernt.
12:35Oder falsche Leute kennengelernt.
12:38Und bin dann dadurch irgendwie ins Verkaufen reingeschlittert.
12:42Ja, und hab dann viereinhalb Jahre für bewaffneten Drogenhandel bekommen.
12:47Weil halt so Messer und Schreckschusswaffen und so,
12:49wenn wir zu Hause noch waren.
12:53Dieses Spiel misst seine Impulsivität.
12:56Es geht darum, ob er auf die Anweisung kontrolliert
12:59oder hektisch reagiert.
13:01Letzteres könnte auf einen Schaden am Gehirn hinweisen.
13:08Also das wäre natürlich das Worst-Case-Szenario,
13:11dass wir Leute ins Gefängnis bringen,
13:14um sie zu resozialisieren.
13:16Dann kommen die aber raus und sind dann aber noch impulsiver,
13:20als sie vorher schon waren.
13:23Um das genauer zu untersuchen, muss Marvin ins MRT.
13:27Sein Gehirn wurde erstmals während der Haft gescannt.
13:30Jetzt, nach einem Jahr, kommt die Kontrolle.
13:33So wie bei allen anderen Probanden auch.
13:35Egal, ob sie noch inhaftiert oder bereits entlassen sind.
13:40Im MRT werden ihre Gehirnareale vermessen.
13:45Neurowissenschaftlerin Simone Kühn und Psychiater Johannes Fuß
13:48wollen herausfinden, wie sich Gehirne während der Haft
13:52und nach der Entlassung verändern.
13:54Drei Hirnregionen interessieren sie dabei besonders.
14:02Der Präfrontale Kortex, der unsere Entscheidungen und Handlungen steuert.
14:13Der Hippocampus, der für unser Gedächtnis und die Orientierung zuständig ist.
14:23Und die Amygdala, in der Emotionen wie Angst, Freude und Wut gesteuert und verarbeitet werden.
14:34Gibt es dazu jetzt schon irgendwelche Erkenntnisse oder seid ihr sozusagen noch nicht an dem Punkt?
14:39Ne, wir sind noch nicht an dem Punkt. Wir haben sozusagen die ganzen Vormessungen schon gemacht,
14:43also die ganz am Anfang der Inhaftierung und sind jetzt gerade dabei,
14:48ungefähr nach dem einen Jahr alle wieder einzuladen.
14:51Unsere Hypothese ist, dass der Präfrontale Kortex, also die Stirnlappen hier oben,
14:55deutlich leiden kann, wenn man in so monotonen Umgebungen ist.
14:58Und wir wissen auch noch, dass Gehirnregionen anwachsen, wenn man sie trainiert.
15:04Und so ist natürlich der Schluss nahe, dass Gehirnvolumen auch schrumpfen können,
15:10wenn das Gehirn so nicht genutzt wird oder Menschen eben unter reizarmen Bedingungen leben.
15:16Und das ist so unsere Hypothese und die möchten wir jetzt eben nachweisen.
15:222026 rechnen sie mit ersten Ergebnissen.
15:25Wenn sich die Gehirne der Inhaftierten verkleinern, wäre das ein Beweis,
15:29dass Haft schädlich ist und womöglich krank macht.
15:33Gibt es von euch eine persönliche Motivation, daran zu forschen?
15:36Also ich habe viele Jahre lang als Knastpsychiatr gearbeitet
15:39und habe da einfach auch viele Menschen mit psychischen Erkrankungen im Gefängnis behandelt
15:44und gesehen, dass manche stark unter der Situation leiden.
15:47Man hatte ja auch so das Gefühl, hier ließe sich so aus psychologischer Sicht auch noch einiges verbessern.
15:53Also wir haben in Deutschland ja eine paradoxe Situation,
15:56dass eigentlich das Hauptziel von Haft Resozialisierung der Menschen ist.
16:01Und gleichzeitig, wenn man sich die Haftbedingungen anschaut, sind es ja nicht unbedingt Bedingungen,
16:06unter denen man sich vorstellen würde, dass es die besten Bedingungen sind, um Menschen zu Resozialisieren.
16:12Also soziale Isolation, Reizarmut etc.
16:16Die waren fast ein bisschen wie im Labor gehalten, also total standardisiert auch.
16:23Im Labor dürfen wir sowas nicht machen, muss man auch sagen.
16:25Also wir können nicht irgendwo Leute einfach in Bedingungen bringen,
16:29gerade so extreme Bedingungen, uns wieder leben lassen, das wäre ausgeschlossen.
16:32Und da machen wir es aber in großem Stil sozusagen.
16:36Aber das ist halt auch eine Gruppe, die eine kleine Lobby hat.
16:40Das heißt, das nehmen wir einfach in Kauf?
16:41Ja, zum Teil nehmen wir das auch einfach in Kauf.
16:46Bevor ich mich damit beschäftigt habe, fand ich auch, dass Haft als Strafe okay ist.
16:51Inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher.
16:54Ich will meine Eindrücke nochmal mit Manuels Erfahrungen abgleichen.
16:58Vier Jahre saß er im geschlossenen Vollzug.
17:00Wenn du da rüber guckst, gleich auf der linken Seite, das erste Fenster,
17:04und da war ich ein ganz paar Jahre untergebracht.
17:06Es gibt Forschungen dazu, ob sich das Gehirn auch verändert in der Haftzeit.
17:10Hast du den Eindruck, dass sich wirklich auch sowas an einem Menschen verändert,
17:13so ganz tiefgreifend, wenn er so mehrere Jahre in so einer Haftzelle sitzt?
17:16Ich habe Menschen erlebt, die sich selbst verstümmeln.
17:19Die gibt es einfach. Die schlitzen sich dann halt mit einer Rasierklinge auf.
17:23Das ist halt so ein bisschen den hier Hilferuf vielleicht.
17:26Es gibt Menschen, die Psychosen bekommen.
17:28Das habe ich selber erlebt. Ganz schlimm.
17:32Suizide habe ich ja auch erlebt.
17:34Es passiert halt einfach. Das ist halt einfach dieser Kosmos Gefängnis.
17:37Ich sage dir ehrlich, das war meine größte Angst, dass ich dumm werde.
17:40Über meine Haftzeit.
17:41Alles, was in meiner Macht stand, habe ich versucht zu unternehmen, dass es nicht passiert.
17:47Im Nachhinein sieht Manuel seine Rettung im sogenannten offenen Vollzug.
17:52Offen meint, dass die Inhaftierten zu bestimmten Zeiten das Gefängnis verlassen dürfen.
17:57Manuel bekam diese Lockerung zweieinhalb Jahre vor Entlassung.
18:00Du warst halt so, weißt du, mit einem Fuß draußen und mit dem anderen Fuß drin.
18:04Ja.
18:05Gerade wenn du lange Zeit inhaftiert warst, dann ist es natürlich so, dass du nur von dieser Welt hier umgeben
18:11warst.
18:12Und dann ist es natürlich wichtig, wieder diesen Anschluss, diesen Kontakt nach außen zu finden.
18:16Ich habe damals noch eine Umschulung gemacht und bin dann immer nach Giza gefahren.
18:19Und dann bin ich dann nachmittags wieder hergekommen und am Wochenende war ich immer zu Hause.
18:23Siehst du irgendwo eine kleine Wahrscheinlichkeit, dass du irgendwann nochmal straffällig wirst?
18:30Naja, das ist halt so eine Frage, wie wenn du den Suchtabhängigen stellst, hey, wirst du nochmal irgendwie rückfällig werden.
18:37Und er würde dir die Frage mit Nein beantworten. Auf jeden Fall werde ich alles in meiner Macht stehen dafür
18:40tun, dass es nicht passiert.
18:45Hängt ein straffreies Leben nach der Entlassung mit der Art des Vollzugs zusammen?
18:49Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen
18:55verglichen über mehrere Jahre das Rückfallverhalten der Gefangenen aus dem geschlossenen mit dem der Gefangenen aus dem offenen Vollzug.
19:09Die Forscherinnen und Forscher bildeten sogenannte statistische Zwillinge,
19:14die in der Schwere der Tat, den Vorstrafen, der Drogenvergangenheit und auch im Alter übereinstimmen,
19:22sich aber in ihrer Unterbringungsform, also offener oder geschlossener Vollzug, voneinander unterscheiden.
19:29In einem Zeitraum von drei bis fünf Jahren verglichen die Forschenden deren Rückfälligkeit nach der Entlassung.
19:35Das Ergebnis? Das Risiko, erneut inhaftiert zu werden, ist nach dem offenen Vollzug um 43 Prozent geringer als nach dem
19:44geschlossenen.
19:45Das heißt, es werden fast nur halb so viele nach der Freilassung wieder rückfällig.
19:52Ein großer Unterschied. Darüber will ich mit Thomas Galli sprechen.
19:57Der Jurist und ehemalige Anstaltsleiter fordert seit Jahren, dass mehr Gefangene einen Platz im offenen Vollzug bekommen.
20:05Aktuell sind es nicht mal 15 Prozent. Aber wieso?
20:10Weil es ein Hin- und Hergeschiebe von Verantwortung ist.
20:13Also die Gesetze sind so formuliert, dass die einzelnen Anstalten entscheiden müssen,
20:20ob ein Gefangener im offenen Vollzug oder im geschlossenen untergebracht wird.
20:23Das heißt, wenn entschieden wird, einer wird im offenen untergebracht und dann passiert irgendwas,
20:28der haut ab oder begeht vielleicht sogar Straftaten,
20:31dann ist derjenige oder diejenige schuld sozusagen, die das entschieden hat.
20:36Und das führt natürlich dazu, dass das sehr, sehr restriktiv gehandhabt wird.
20:41Inwiefern hat die Allgemeinheit denn was vom offenen Vollzug?
20:43Die Allgemeinheit hat was vom offenen Vollzug, indem die dort untergebrachten
20:48sehr häufig eben ganz normale, steuerpflichtige, sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse haben.
20:56Das heißt, die zahlen Steuern und wenn jemand ganz normal weiter verdient,
21:00dann kann er zumindest einen Teil von dem Gehalt auch zur Schadenswiedergutmachung verwenden.
21:04Das heißt, er wäre auch im selben Sinne der Opfer.
21:07Und Schadenswiedergutmachung, das sind einfach so zutiefst menschliche und vernünftige Wege.
21:12Das leuchtet jedem ein, dass es sozusagen besser ist, der Schaden wird wiedergutgemacht,
21:17als er wird nicht wiedergutgemacht.
21:18Das ist was Zukunftsorientiertes, das ist ein Stück weit was Heilendes.
21:23Und das ist eben was, was im echten Interesse der wirklich Geschädigten auch ist.
21:30Dagegen immer zu behaupten, also es wird vielfach behauptet,
21:33wir brauchen harte Strafen, sind wir den Opfern schuldig.
21:36Das betrifft einige Opfer sicherlich und einige Geschädigte, aber eben bei weitem nicht alle.
21:42Anstatt also nur über die Härte der Strafen zu sprechen, fordert Thomas Galli,
21:47dass es auch um eine Wiedergutmachung im Sinne der Opfer gehen sollte.
21:51Aber wie soll das aussehen?
21:53Saskia ist diesen Weg gegangen, nachdem sie fast getötet wurde.
21:57Wir treffen uns in Hannover.
21:59Schön, dass ich dich kennenlernen darf, dass du dir Zeit nimmst.
22:03Ist ja auch nicht ganz selbstverständlich, dass du über sowas sprichst vor der Kamera.
22:07Kannst du mir erzählen, was damals genau passiert ist?
22:12Ja, mein Ex-Freund hat mich mit 18 Messerstichen versucht zu töten in meiner Wohnung.
22:21Warum?
22:22Wir haben ein ganz normales Leben geführt und mein Ex-Freund hat damals seine Arbeit dann verloren und ist abgerutscht,
22:33falsche Menschen kennengelernt, Freunde und dann fing er wieder an mit Drogen.
22:42Und dann ist es dann zu einem Streit gekommen?
22:45Ja, genau, genau. Und da ist er morgens um 10 nach 8 hinten durchs Küchenfenster mit einem Ziegelstein und ich
22:54lag noch im Bett.
22:55Hat dich überrascht quasi?
22:56Er hat mich überrascht, genau. Und es gab wohl eine Wortwahl, ich weiß es nicht mehr. Und dann hat er
23:02mit einem Küchenmesser zugestochen. Das sind so Sachen, wo ich mich genau daran erinnern kann.
23:10Gott sei Dank war das Trankenhaus, die Notaufnahme genau gegenüber.
23:14Wurdest du direkt dorthin gebracht?
23:15Mir sofort, sofort. Ich bin auch sofort notoperiert worden, sonst hätte ich das nicht überlebt.
23:20Aber ich hätte nie gedacht, dass er mir das wirklich antut. Im Leben nicht.
23:25Die Frage nach dem Warum lässt ihr damals keine Ruhe. Sie nimmt Kontakt zu einer Mediationsstelle auf. Zum Verein Waage.
23:34Der Verein hilft vor allem Opfern von Straftaten. Finanziert wird dies durch das Land Niedersachsen und durch Spenden.
23:41Hallo. Hallo Frau Metzold. Hallo Saskia.
23:45Hallo Frank Seilbart. Guten Tag Herr Seilbart, Herr Petzold.
23:49Oh. Auch ein Mitarbeiter.
23:52Ja, das ist unser Hauptmediator hier.
23:55Hallo mein Schatz. Hallo mein Schatz.
23:57Nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus wollte Saskia den Täter unbedingt konfrontieren.
24:03Mediatorin Frauke Petzold ist damals die einzige, die sie versteht. Sie bereitet einen sogenannten Täter-Opfer-Ausgleich vor.
24:11Ich würde es zuallererst mal interessieren, also was genau versteht man unter einem Täter-Opfer-Ausgleich?
24:16Also im Täter-Opfer-Ausgleich geht es um die Klärung einer Straftat zwischen Tätern und Opfern.
24:23Und um Schadensregulierung im weitesten Sinne. Also Wiedergutmachung, Schmerzensgeld, Schadensersatz.
24:32Das heißt, der Täter-Opfer-Ausgleich ist eigentlich mal erfunden worden oder entstanden dafür, dass zunächst mal den Opfern die
24:41Möglichkeit gegeben wird, ihre Interessen zu vertreten.
24:44Was ist jetzt das Besondere an Saskias Fall? Ist das denn irgendeine Art anders als die Fälle, die sie sonst
24:49so haben?
24:50Auf jeden Fall anders, weil da ging es ja um ein sehr schweres Delikt. Da gibt es eine sehr, sehr
24:56intensive Vorbereitung auf beiden Seiten, bevor es dann überhaupt zu einer Begegnung kommt.
25:01Erinnerst du dich noch gut an die Vorbereitung?
25:03Ja, auf jeden Fall.
25:04Was habt ihr da gemacht?
25:06Ja, wir haben über mich gesprochen, über ihn gesprochen, wie wir vorgehen, was ich ihn fragen möchte.
25:17Und hat dir das geholfen?
25:19Ja.
25:20Wie kann denn so ein Ausgleich aussehen? Jetzt auch konkret in Saskias Fall, gibt es ja eigentlich nicht mehr so
25:25viel auszugleichen?
25:26Genau.
25:26Außer vielleicht eine Entschuldigung, außer vielleicht eine Erklärung?
25:29Ich glaube, deswegen ist mir das auch so wichtig. In so sehr schwierigen Fällen, da ist tatsächlich schwierig, was auszugleichen.
25:36Es hat zwar, ja, vielleicht darf ich das sagen, es hat ja eine Wiedergutmachung gegeben.
25:42Das ist dann manchmal aber eher so was Symbolisches.
25:46Was kann das sein?
25:48Vielleicht auch eine Geldsumme.
25:50Was hat dir geholfen in den Gesprächen jetzt auch mit deinem Ex-Freund?
25:54Also was hat dir letztlich irgendwie vielleicht auch geholfen, damit abschließen zu können?
26:02Ja, dass wir also keinen Hass untereinander haben.
26:09Aber das war, ich weiß es gar nicht mehr genau.
26:12Boah.
26:13Moment.
26:16Soll ich Ihnen mal helfen?
26:17Ja.
26:18Also Sie hatten ja so den Eindruck, dass da irgendwie, dass er das nicht so bewusst gemacht hat.
26:25Mhm.
26:26Und nicht mit Absicht, sondern dass das irgendwie, ja so.
26:30Ja, durch seine, durch Drogen, Medikamente alles.
26:34Genau, richtig, dass das so entstand. Und das war ja so Ihr Anliegen.
26:38Hatte ich, hatte ich so das Gefühl, dass, da waren Sie von ausgegangen, dass er gar nicht so bei sich
26:43war.
26:43Ja, ja, genau.
26:44Und das wollten Sie gerne, hab ich so in Erinnerung, mit ihm geklärt haben.
26:49Und das fand ich auch einen sehr, sehr starken Moment in der, in der gemeinsamen, in dem gemeinsamen Gespräch.
27:05Der Täter ist bereit, sich mit uns zu treffen.
27:08Ich fahre mit Frauke Petzold und Saskia zur JVA Hannover.
27:12Hier hat er einen Teil seiner Strafe abgesessen.
27:16Und erinnerst du dich noch, wie das damals war, als du auf dem Weg zu diesem ersten Gespräch warst mit
27:21ihm?
27:21Oh ja, ich war so aufgeregt.
27:23Ja, mein Herz hat geklopft.
27:27Ja.
27:28Ich glaube, ich habe auch geweint, wo ich ihn gesehen habe.
27:30Ich habe gleich geweint.
27:32Hattest du Angst?
27:33Nein.
27:33Was war das für ein Gefühl, mit dem du da hingefahren bist?
27:37Nee, ich wollte ja einfach diese Klärung haben.
27:41Ihn auch wieder nüchtern zu sehen.
27:44Ich hätte eher das Gefühl, ich will jetzt mal, dass der einen Denkzettel kriegt.
27:48Oder dass der...
27:49Ja, nur so mein Eindruck von außen ist.
27:54Ich könnte das, glaube ich, nicht so...
27:57Ja, aber es ist bei mir so, was soll ich...
27:59Ja, es ist...
28:08Hallo!
28:11Na, du?
28:14Thomas ist seit Herbst 2023 wieder draußen.
28:18Fast sieben Jahre saß er hinter Gittern.
28:20Dank einer Therapie ist er inzwischen drogenfrei.
28:23Nach dem Messerangriff auf Saskia wurde er noch am Tatort verhaftet.
28:30Die Richterin hatte mir noch beim Haftbefehl, wo sie mir den verkündet hat, hat sie mir noch gesagt, sie ist
28:36nicht gestorben, liegt aber auf der Intensivstation.
28:39Ja, und das war's.
28:41Ich wusste gar nicht genau, was ich jetzt überhaupt, sag ich mal, in dem Moment angerichtet habe.
28:45Als du davon das erste Mal gehört hast, von so einem Täter-Opfer-Ausgleich, beziehungsweise gehört hast, dass Saskia mit
28:50dir sprechen will, wie hast du reagiert?
28:53Ja, erstmal war mir das natürlich unheimlich, ne? Also ich wusste gar nicht, was jetzt ihre Intention dahinter ist oder
28:58was.
28:59Und, äh, ja, aber dann kam...
29:02Ich sag mal, du, du kamst ja dann vorbei, ne? Und hast ja mit uns Vorgespräche gemacht und alles, ne?
29:08Für mich war das ja auch so ein kleiner Strohhalm, ne? Da auch irgendwie einen Umgang mitzufinden.
29:12Weil du sitzt ja dann erstmal im Knast, hast irgendwie richtig scheiße gebaut und dann bist du erstmal mit dem
29:17ganzen Knastalltag beschäftigt, der haut dich da aus der Verantwortung raus, ne?
29:21Also statt Menschen einfach wegzusperren, wäre es aus deiner Sicht erstmal wichtig, dass sich Menschen da auch mit auseinandersetzen?
29:27Na, das ist doch ganz wichtig. Wenn sie irgendwen wegsperren und er ist sich seiner Schuld noch nicht mehr bewusst
29:32oder beharrt immer auf sein subjektives Empfinden, ja, ich war ihm recht, bringt ja gar nichts.
29:37Was würdest du sagen, was hat dir jetzt dieser, dieses Gespräch mit Saskia damals gebracht oder diese Gespräche für dich
29:45und deine Tat, die du begangen bist?
29:46Ja, überhaupt das erstmal zu begreifen. Was ich überhaupt für eine Schuld auf mich geladen habe, ne? Wie es ihr
29:52dabei erging.
29:53Ich meine, sie hat die körperlichen Nachwehen, die hast du heute noch, ne? Und das ist eine Schuld. Für die
30:02muss sie gerade stehen und für die werde ich auch gerade stehen.
30:05Also ich finde das wirklich auch großmütig, dass du ihm vergibst ja eigentlich, oder?
30:10Ja, ist ja.
30:10Würdest du sagen, du hast ihn vergeben?
30:11Ja, ja, ja.
30:13Und das ist ja echt nicht selbstverständlich.
30:15Ja, das ist nicht selbstverständlich. Auch wenn du mir vergeben hast, bin ich mir trotzdem meiner Schuld bewusst.
30:20Und das wäre nicht so gewesen, hätte ich nicht die Möglichkeit gehabt, mich damit immer auseinanderzusetzen, ne?
30:28Gut. Dankeschön, dass du auch bereit warst, darüber zu sprechen, weil ...
30:32Gehört auch dazu, ne? Verantwortung zu übernehmen.
30:40Verantwortung übernehmen. Wenn das im Gefängnis gelingen soll, wie müssten dann die Haftbedingungen aussehen?
30:47An der FU Berlin wird seit 2022 dazu geforscht.
30:56Kirstin Drenkhan ist Professorin für Strafrecht und untersucht die Umstände, unter denen Menschen im Gefängnis leben.
31:04Nachdem ich viele Gespräche geführt habe, frage ich mich ganz grundsätzlich.
31:08Wie hart darf oder muss Knast denn eigentlich sein?
31:12Ich erkenne mir immer ein kleines Gefühl, also so ein widerstrebendes Gefühl von, da ist jemand, der hat was falsch
31:18gemacht.
31:18Und jetzt sollen wir uns darum kümmern, dass es ihm auch noch besonders gut geht.
31:21Ja, diese Vorstellung, dass Strafvollzug vielleicht irgendwie zu lieb ist oder zu gut ausgestattet oder so,
31:27also das ist keine Strafe mehr, das haben glaube ich viele Leute.
31:29Aber man muss sich eben klar machen, dass eine üble Behandlung im Strafvollzug nicht das ist, was mit Freiheitsstrafe gemeint
31:36ist,
31:36sondern der Entzug der Fortbewegungsfreiheit. Also es ist wirklich schlimm, wenn man nicht raus kann.
31:46Kirstin Drenkhan will mir ihre Studie zeigen. Sie und ihr Team untersuchen, wie sich der Umgang der Bediensteten mit den
31:53Gefangenen auf die Haft auswirkt.
32:00Das ist ja ein Raum, in dem das Zusammenleben unglaublich verdichtet ist. Und wenn wir so draußen mit Leuten zusammenleben,
32:08dann funktioniert das Zusammenleben auch nur über Beziehungen.
32:11Und eines unserer Themen hier in unserem Projekt ist natürlich die Resozialisierung. Passiert das eigentlich?
32:19Was sind da so Hinderungsfaktoren vielleicht auch, wenn das nicht passiert?
32:24Was folgt denn aus dieser Studie?
32:26Ja, die Haltung. Es ist nicht so, dass die Bediensteten nicht an Resozialisierung als Ziel glauben.
32:31Aber vielleicht ist allen noch nicht so richtig klar, was es dafür braucht.
32:36Also zum Beispiel mit Menschen wertschätzend zu sprechen, ihnen Raum zu geben, Ideen zu haben,
32:43aber auch gleichzeitig sie so auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen, ohne dass sie so knallhart aufschlagen.
32:48Aber das Ziel ist schon, dass die Forschung einen Anstoß gibt, was zu verändern.
32:52Ja, aber es ist auch klar, dass die Dinge, die bei so einem Projekt rauskommen, nicht leicht zu verändern sind.
33:00Es sei denn, Politik und Justiz wagen eine radikale Reform.
33:04In Norwegen ist genau das passiert.
33:07Früher gab es hier Rückfallquoten, die noch höher waren als in Deutschland.
33:12Der Staat beschloss daraufhin in den 90er Jahren Reformen.
33:16Ich will wissen, was genau verändert wurde und fahre nach Nærbø im Südwesten des Landes.
33:24Hier ist eines der größten Gefängnisse Norwegens. Ein Knast für 150 Männer.
33:31Ich bin mit Are Heudahl verabredet.
33:34Der Jurist hat die Reform des norwegischen Strafvollzugs maßgeblich mit vorangetrieben.
33:45Hallo, ich bin Frank.
33:47Willkommen.
33:49Are, du hast in Gefängnissen gearbeitet, richtig?
33:52Ja, ich bin.
33:54Mein ganzes Berufsleben lang war ich im Gefängnis.
33:57Als ich Anfang der 80er anfing, war es extrem.
34:00Wir hatten so viele Probleme, viele Unruhen. Es war nur Verwahrung.
34:04Die Rückfallquote der Gefangenen lag bei über 70 Prozent.
34:13Wie warst du daran beteiligt, das Gefängnissystem in Norwegen zu verändern?
34:18Es gibt so viele Veränderungsmöglichkeiten in einem Gefängnis.
34:22Bringt die Insassen zum Nachdenken.
34:24Schickt die Leute in die Schule, gebt ihnen sinnvolle Arbeit, beschäftigt sie, behandelt sie freundlich.
34:29Wir haben Kontaktbeamte, also sowas wie Paten für die Gefangenen.
34:38Ich möchte sehen, wie das in der Praxis funktioniert.
34:41Das ONA-Gefängnis war eines der ersten in Norwegen, das reformiert wurde.
34:48Willkommen. Willkommen zu ONA-Tengsel.
34:50Hallo, mit ONA-Tengsel. Frank.
34:53Hi.
34:58Leif Magne zeigt mir sein Gefängnis. Auf den ersten Blick ein ganz normaler Knast.
35:04Der zweite verrät, es ist doch anders. Die Zellen sind nur zum Schlafen da.
35:10Im Wohnbereich kochen und essen die Gefangenen. Gemeinsam mit den Bediensteten.
35:19Sie sollen es hier gut haben, obwohl sie kriminell sind oder waren.
35:23Die einzige Strafe ist, dass sie hier sein müssen und nicht einfach raus können.
35:27Das ist aber wirklich auch schon alles. Wir leben wie in einer Familie oder in einer WG.
35:32Wenn wir sie schlecht behandeln, wie sollen sie sich da bessern?
35:35Nein, sie werden dann doch eher schlechter.
35:38Wir arbeiten nach dem Grundsatz, Änderung ist immer möglich.
35:46Für 99 Prozent. Wir behandeln alle mit Respekt.
35:51Früher waren wir Werte, jetzt sind wir Sozialarbeiter.
35:55Tagsüber arbeiten die Gefangenen in Werkstätten, in der Küche oder sie gehen zur Schule.
36:00Jeder kann hier einen Abschluss machen.
36:05Wir unterrichten die Alten und die Jungen, von 18 bis 70.
36:10Ist das freiwillig? Ja.
36:13In Deutschland kostet ein Haftplatz pro Tag 200 Euro. Hier sind es 300.
36:19Die Insassen, die sich gut benehmen, dürfen in Wohnhäuser umziehen.
36:23Auch die ganz schweren Jungs.
36:26Steve war Drogendealer.
36:31Sebastian sitzt wegen Raub und Gewalt.
36:34Die beiden leben in einer WG, dürfen sich frei bewegen und auch Besuch bekommen.
36:41Hi, I'm Frank.
36:42Nice to meet you.
36:43A cup of coffee?
36:44A glass of water.
36:47Um ihren Haushalt kümmern sie sich selbst.
36:54Thank you so much.
36:55No more than welcome.
36:59Wie lange seid ihr beiden hier, also im Gefängnis?
37:03Wie ich? Drei Jahre.
37:05Drei Jahre? Und du?
37:07Fast zwei.
37:09Wie würdet ihr das norwegische Gefängnissystem beschreiben?
37:13Ist es zu luxuriös?
37:16Ich würde nicht sagen, dass es luxuriös ist.
37:19Es ist korrekt. Es ist viel offener als andere.
37:22Du kannst immer mit den Wärtern reden.
37:24Es gibt viele Aktivitätsangebote, man ist hier gut beschäftigt.
37:29Wir haben ein Haus für Besucher.
37:30Frauen und Kinder können übers Wochenende bei uns bleiben.
37:33Ab Montag arbeite ich auch dort. Ich wechsle das Bettzeug, wasche es, ich putze.
37:37Es ist immer viel zu tun. Sieben Tage die Woche.
37:40Alles, was hier in den Häusern sauber zu machen oder zu reparieren ist, das übernehme ich.
37:45Mein Alltag ist das.
37:50Sie wollen, dass man aus seinem Leben etwas macht. Wenn du guten Willen zeigst, dann helfen sie dir hier.
38:01Ich möchte eine Ausbildung mit Abschluss machen.
38:06Einen Abschluss?
38:08Ja, einen Abschluss als Klempnermeister. Also eine Art Projektmanager.
38:14Mein Leben ist viel besser geworden. Ich habe wieder Hoffnung.
38:21Wenn du wie ein Mensch behandelt wirst, veränderst du dich. Dein Verhalten und deine Einstellung ändern sich.
38:31Nur 20 Prozent der Inhaftierten werden in Norwegen wieder rückfällig.
38:35Es geht also. Und wenn es hier klappt, dann muss so etwas doch auch in Deutschland möglich sein.
38:46Ich habe ein Projekt gefunden in Sachsen, das gibt es erst seit kurzem und soll eine Alternative zum gewöhnlichen Knast
38:52sein.
38:52Das ist eine Wohngruppe für inhaftierte Frauen. Und das schaue ich mir jetzt mal an.
38:59Ein Bauernhof in Mohorn bei Dresden. Ich bin mit Sozialpädagogin Sophia Köhler und mit Petra verabredet.
39:08Das Projekt bietet Platz für vier strafgefangene Frauen und heißt Halbe Treppe.
39:16Seid ihr schon ready?
39:17Ja, wir sind eigentlich ready.
39:18Okay, dann begleite ich euch mal zu den Hühnern. Soll ich irgendwas tragen?
39:21Die Mehlwürmer.
39:23Oh, die Mehlwürmer. Okay. Perfekt für mich.
39:27Vorsicht, die sind verfressen. Also die Hühner meinte ich.
39:34Petra, bist du den Umgang mit Hühnern gewöhnt?
39:37Eigentlich nicht. Das habe ich hier gelernt. Hier gelernt? Ja.
39:40Das strukturiert ja gleich den Tag auch ein bisschen, oder?
39:43Genau. Die Eier rausholen, füttern. Mit den Hühnern sprechen.
39:48Mit den Hühnern sprechen? Ja.
39:50Wie war die Nacht? Genau.
39:53Hat das irgendeinen Grund mit den Hühnern?
39:55Naja, es geht natürlich auch um Verantwortung übernehmen.
39:57Weil Tiere muss man einfach täglich versorgen.
40:00Mhm.
40:00Die brauchen jeden Tag frisches Wasser, frisches Essen.
40:04Und dadurch lernen die Frauen natürlich auch eben,
40:06Verantwortung für sich und aber auch für andere zu übernehmen.
40:09Mhm.
40:10Genau. Und dass wir halt jeden Tag ein schönes Ei haben.
40:14Ja.
40:15Das Projekt gibt es seit Anfang 2023.
40:18Die Frauen versorgen sich, soweit es geht, selbst.
40:21So.
40:22Genau, und das ist unser Gemüsegarten, Gewächshaus.
40:27Kräutergarten.
40:28Wo geht's denn hier rein?
40:31Was pflanzt ihr hier an?
40:33Alles.
40:34Ich habe ja selber auch keine Ahnung vorher gehabt.
40:36Und jetzt haben wir das halt im gemeinsamen Tun auch gemacht.
40:39Und das ist auch unser Konzept, dass wir wirklich gemeinsam da auch in Interaktion treten.
40:44Und dann kann man ja auch, während man im Dreck wühlt, sag ich mal, irgendwie miteinander reden.
40:49Und da kommt man so auch ganz gut aneinander ran.
40:53Ja.
40:54Wieso ist das wichtig?
40:55Na ja, dass die Frauen hier auch wirklich lernen müssen,
40:59ähm, genau offen auch über ihre Probleme vielleicht zu reden.
41:03Weil es gibt natürlich auch viele, die sich einfach schämen für das, was passiert ist
41:07und wollen doch vielleicht gar nicht darüber reden oder das fällt denen super schwer.
41:10Ja, und das sind alles Sachen, die wir hier aufarbeiten auch, um dann einen guten Weg in die Freiheit zu
41:17finden.
41:20Petra hat das bereits geschafft.
41:22Sie wohnt in einer eigenen Wohnung, kommt aber trotzdem immer wieder her.
41:26Zur Nachbetreuung und um ihre Freundin Yvonne zu besuchen.
41:31Die muss noch ein Jahr bleiben, darf aber ihre kleine Tochter zu sich holen.
41:41Ist das die Wohnung, in die du einziehst?
41:42Ja, genau.
41:43Ich freu mich halt einfach nur riesig, dass ich eine Wohnung hab endlich.
41:46Ist lang her.
41:48Ich hab eigentlich fast meinen Alltag wieder, den ich vorher hatte.
41:50Mhm.
41:52Das ist schon nicht schlecht.
41:54Und trotzdem ist es ja noch eine Art von Strafvollzug.
41:57Ja, aber hier vergisst man das, wenn man hier ist.
42:00Das fühlt sich nicht so an.
42:01Ja, aber das soll es ja auch sein, dieser Übergang in die Freiheit.
42:05Und das ist wirklich für viele eine Überforderung.
42:07Die ersten Frauen, die hier angekommen sind, haben sich erst mal gewundert,
42:10warum steht jetzt auf einmal keiner neben mir und beobachtet mich, was ich mache.
42:14Sondern die konnten einfach mal wirklich alleine irgendwo stehen auf dem Gelände.
42:18Würdest du sagen, der offene Vollzug oder so diese freie Form, wie es jetzt hier ist,
42:23ist das überhaupt noch eine Strafe?
42:26Ja, es ist ja eine Strafe. Die sitzen ja ihre Strafe hier ab.
42:29Aber der Unterschied ist eben, dass wir hier dieses therapeutische und auch dieses
42:34ganz engere Zusammenarbeit mit den Frauen und in der Hoffnung, dass sie halt dadurch
42:39mit dem, was wir hier mit den Frauen gemeinsam arbeiten, einfach ein straffreies Leben
42:45weiterhin führen.
42:47Bisher wurde noch keine von ihnen rückfällig.
42:50Pro Tag kostet ein Platz 300 Euro, also etwa so viel wie ein Haftplatz in Norwegen.
42:56Benötigt wird das Geld für den erhöhten Betreuungsaufwand.
43:02Hier muss ja wirklich 24-7 jemand da sein, auch am Wochenende.
43:07Genau dieses Intensive, dieses, naja, das ist ja wirklich fast eins zu eins.
43:12Und wenn man das im Geschlossenen vergleicht, da hast du auf einer Station
43:1750 Leute und dafür ist einer einen Sozialdienst zuständig.
43:21Der schafft das ja dann gar nicht, die Straftat aufzuarbeiten
43:23oder den Übergang dann wirklich vom Geschlossenen in die Freiheit mit denen gut vorzubereiten.
43:29Und ich glaube, das schafft man hier bedeutend besser als im Geschlossenen.
43:35Obwohl ich mir eine Welt komplett ohne Gefängnisse nicht vorstellen kann,
43:39habe ich gelernt, wegsperren allein, das reicht nicht.
43:44Aus meinen Erfahrungen und Gesprächen der letzten Tage habe ich mitgenommen,
43:48dass Gefängnisse ganz oft nicht das einlösen, was wir uns als Gesellschaft wünschen oder erhoffen.
43:53Wir möchten Menschen ja nicht nur wegsperren, sondern wir wollen, dass sie nach ihrer Haftstrafe
43:58nicht mehr kriminell werden und sich wieder in die Gesellschaft integrieren.
44:01Das geht aber eigentlich nur, wenn wir vorhandene Strukturen stärken
44:04und bei anderen vielleicht eine Reform ansetzen oder mal ganz neu denken.
44:10Und die große Frage, die ich mir stelle, ist, wie schaffen wir es denn,
44:13dass Täterinnen und Täter Verantwortung für ihre Taten übernehmen und Reue zeigen.
44:18Ich bin fest davon überzeugt, dass das ein Schlüssel ist, dass sie eben nicht mehr kriminell werden.
44:32Jungen-Nürnberg
44:33Die Gäste
44:33Die Gäste
44:33Die Gäste
44:34Die Gäste
44:44Die Gäste
44:45Amen.
Comments