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00:05Der 13. Februar 1945 ist die Zäsur in der Geschichte Dresdens, prägend für die Erinnerung und Identität der Stadt.
00:17Doch weshalb bleibt die Deutungshoheit über die Geschichte so umkämpft?
00:22Weil der, der sie besitzt, auch jene über die Gegenwart beanspruchen kann?
00:42Friedrich Porstorf ist am 13. Februar 1945 fünf Jahre alt.
00:48Von Radebeul aus erlebt er mit seinen Eltern die Bombenabwürfe auf Dresden.
00:56Ich bin dann am Morgen, als es hell war, zur Meisterstraße, sind vielleicht 50 Meter bis zur Hauptstraße zwischen Weißen
01:06und Dresden, um irgendwie zu schauen.
01:10Und da sah ich eine schwarze Masse quer über die Straße auf mich zukommen.
01:17Und ich wusste nicht, was das ist.
01:20Und dann, als es näher rückte, diese Masse, diese schwarze Masse, sah ich ab und zu weiße Punkte.
01:29Und als ich immer näher kam, bekam ich mit, dass das Menschen waren.
01:36Das waren die überlebenden Geflüchteten aus dem Inferno Dresden.
01:43Und das Weiß, was da gewesen war, das, was ich sah, das waren verbundene Wunden dieser Menschen.
01:52Und diesen Eindruck werde ich mein Leben lang nicht vergessen.
01:57Und meine Eltern haben dann mir später erzählt, dass ich gesagt habe, wenn ich mal groß bin, werde ich Maler
02:09und werde das malen.
02:11Ich habe es nie gemalt.
02:14In Dresden geht es auch für die letzten in der Stadt verbliebenen Juden am 13. Februar 1945 ums Überleben.
02:22So für die damals 21-jährige Henni Wolf.
02:25Meine Oma als Jüdin in Dresden, sie war stolze Dresdnerin und sie war stolze Deutsche und als zweites war sie
02:33Jüdin.
02:35Sie war eine der letzten jüdischen Überlebenden in Dresden, einer der letzten, sagt man, 170 Juden in Dresden noch da
02:42geblieben ist.
02:43Und dann nach dem Bombardement immer noch da geblieben ist.
02:46Zur Tragödie Henni Wolfs wurde, dass die totale Zerstörung der Heimatstadt ihr das Leben rettete.
02:59Als sie 1924 in Dresden geboren wird, ist die Stadt eine der schönsten Metropolen des Deutschen Reichs.
03:09Die Familie der Mutter stammte aus einer wohlhabenden russischen Familie, die vor Pogromen ins liberale und weltoffene Dresden geflohen war.
03:20Dort begegnet die Jüdin Rebecca Katzenbogen dem jungen Dresdner Max Wolf.
03:28Sie gründen eine Familie und starten mit der Geburt ihrer Tochter Henni in eine hoffnungsvolle Zukunft.
03:40Spaziergänge durch den großen Garten, an der Hand des Vaters durch die Prager Straße und Besuche im berühmten Dresdner Zwinger
03:48gehören zum Alltag der jüdisch-protestantischen Familie.
03:58London
04:04Sinclair McKay hat ein Buch über die Bombardierung Dresdens geschrieben.
04:09Als er begann, das Labyrinth der verschiedenen Erinnerungen zu durchdringen, sah er sich damit konfrontiert, dass sich sowohl in Deutschland
04:17als auch in Großbritannien im Laufe der Zeit so viele Versionen der Geschehnisse jener Nacht angesammelt hatten.
04:24Und dabei war die Hoheit über diese Erinnerungen selbst zum Schlachtfeld geworden.
04:35Seine Recherchen führen Sinclair McKay ins Dresden zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
04:42Dresden wurde als eine Art Schmuckkästchen wahrgenommen.
04:49In den Tagen des frühen Massentourismus in den 1930er Jahren wurde Dresden hier in Großbritannien wie ein Thomas Cook-Urlaub
04:58beworben.
04:58Es gab wunderschöne Plakate, die die Kunst und die Architektur Dresdens zeigten, die schönen Kirchen, das Opernhaus.
05:06Und es wurde bei den Briten sehr stark damit geworben, dass Dresden der Ort sei, wenn man Kunst und Kultur
05:12sehen wolle.
05:15Es gab ein ausgeprägtes Gefühl von, ich würde nicht sagen näher, aber die Menschen in Großbritannien hatten das Gefühl, sie
05:21kennen Dresden.
05:22Nicht zuletzt wegen des Dresdner Porzellans, der Porzellanfiguren.
05:26In praktisch jedem britischen Haushalt gab es ein Stück Dresdner Porzellan.
05:30Dresden galt als Inbegriff von Schönheit, Eleganz und Anmut.
05:46Henni Wolf geht bereits zur Schule und ist neun Jahre alt, als Adolf Hitler 1933 zum Reichskanzler ernannt wird.
05:54Kurze Zeit später erringt die NSDAP die Mehrheit im Parlament.
06:00Im Wahlkreis Dresden-Bautzen stimmen 43,6 Prozent der Wähler für sie.
06:07Johannes Schütz hat die Wirkungsgeschichte des 13. Februar 1945 intensiv untersucht.
06:17Im Frühjahr 1933, nach dem Reichstagsbrand in Berlin, wird wie in anderen Städten auch, wie im ganzen Reich, eben in
06:26Dresden versucht, die nationalsozialistische Macht durchzusetzen.
06:29Das geht dann damit weiter, dass Gewerkschaftshäuser und SPD-Häuser besetzt werden, dass die Presse von SPD und Gewerkschaften eingestellt
06:38wird.
06:38Dass überhaupt die doch recht differenzierte Presselandschaft in Dresden nicht mehr so funktioniert, sondern dass es eigentlich nur noch den
06:44Freiheitskämpf gibt,
06:45also die nationalsozialistische Zeitung, die dann eben auch das Propagandamedium der neuen Machthaber ist.
06:57Bereits 1931 hatte sich in der weltberühmten Semperoper eine Theaterfachgruppe der NSDAP gegründet, die erste in Deutschland.
07:06Ihr Ziel ist es, ideologisch in den gesamten Opernbetrieb einzugreifen.
07:19Der damalige Musikdirektor Fritz Busch stellt sich mit seiner Personal- und Aufführungspolitik energisch dagegen.
07:27Doch Fritz Busch verliert im Machtkampf gegen die Nationalsozialisten. Ein Wendepunkt.
07:35Die Oper war bis zum 7. März 1933, der Tag, an dem Fritz Busch hier von den Nazis vom Dirigentenpult
07:44entfernt wurde,
07:46ein ganz glanzvoller Opernbetrieb, der weltweite Ausstrahlung hat.
07:50Und zwar auch vor allen Dingen in Bezug auf modernes Musiktheater, auf neue Entwicklungen.
07:55Es wurden viele Werke uraufgeführt und wirklich auch zeitgenössige deutsche Komponisten gespielt, auch mit jüdischem Hintergrund.
08:10Noch glauben Henni Wolfs Eltern, das tausendjährige Reich sei eine fixe Idee der Nationalsozialisten.
08:19Im Kino des Vaters in der Allaunstraße fiebert Henni mit ihrem Helden, Mickey Mouse.
08:26Über Politik sprechen die Eltern mit der Tochter nicht.
08:30Doch der Antisemitismus sickert in jeden Bereich des gesellschaftlichen Lebens.
08:42Verantwortlich für die Durchsetzung der neuen nationalsozialistischen Ideen ist Martin Mutschmann.
08:48Seit 1933 Reichsstadthalter von Sachsen.
08:56Martin Mutschmann ist dafür bekannt, dass er unberechenbar ist, dass er sehr wechselhaft in seiner Stimmung auch ist
09:04und dass er nach dieser Stimmung Politik macht, dass er auch enge Vertraute plötzlich fallen lassen kann
09:09und dass, wenn er aber etwas durchsetzt mit äußerster Proletalität, das dann macht.
09:14Gleichzeitig hat er aber ein sehr großes Organisationstalent.
09:16Also er schafft es schon, auch diese Umkrempelung des Staates voranzubringen.
09:25Als mächtigster Mann in Sachsen bekämpft Martin Mutschmann die demokratischen Kräfte
09:30und setzt die Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung durch.
09:35Ein Alleinstellungsmerkmal seiner Politik erfördert die Idee des identitätsstiftenden Sachsentums.
09:42Eine seiner Maßnahmen ist das Verbot von Sachsenwitzen.
09:46Er hat so eine ganze Aktion, Operation Sachsenstolz, wo es darum geht, eben zu zeigen,
09:52dass die Sachsen ein wichtiger und stolzer Volksstamm im Nationalsozialistischen Reich sind.
09:58Und das nimmt dann auch so absurde Ausmaße an, dass es Schallplatten gibt,
10:03in denen den Sachsen vorgesprochen wird, wie der sächsische Dialekt richtig zu sprechen ist.
10:08Also, dass man ihn nicht mehr verächtlich machen kann, aber auch nicht mehr unbedacht irgendwie zu breit ziehen soll,
10:14sondern es gibt quasi so eine Art Sprecherziehung für den ordentlichen deutschen Sachsen.
10:20Eine weitere Besonderheit, der an außergewöhnlichem so reichen Stadt.
10:28Während in der Semperoper die Hochkultur gefeiert wird,
10:31brennt 1938 die ebenfalls von Semper erbaute große Synagoge.
10:47Deportationen der jüdischen Bevölkerung beginnen auch in Dresden.
10:52Noch schützt die protestantische Herkunft des Vaters sowohl dessen jüdische Frau als auch die Tochter Henni.
11:01Immer wieder wird er von der Gestapo vorgeladen und bedrängt, sich scheiden zu lassen.
11:07Selbst als man droht, er würde sein Kino in der Alaunstraße verlieren, hält er bedingungslos zu seiner Familie.
11:18Im Vereinigten Königreich ist diese Realität Dresdens lange kein Thema.
11:24Noch ist die Stadt für die meisten Briten das Schmuckkästchen an der Elbe.
11:33Das Schreckliche ist, dass sich die Wahrnehmung von Dresden nicht wirklich änderte.
11:37Es wurde immer noch mit Kultur und Anmut assoziiert, obwohl die Nazis bereits die Stadt mit ihrer Dunkelheit überzogen.
11:44Einige der ersten Bücherverbrennungen fanden in Dresden statt.
11:47Die ersten schrecklichen Verfolgungen jüdischer Menschen geschahen in Dresden.
12:00Am 1. September 1939 marschiert die deutsche Wehrmacht in Polen ein.
12:06Als Adolf Hitler auf die Forderung Großbritanniens nicht reagiert, sich aus Polen zurückzuziehen, erklärt das Vereinigte Königreich Deutschland den Krieg.
12:15Es ist der Beginn eines neuen Weltkrieges, an dessen Ende auch die so einzigartige Stadt Dresden zerstört sein wird.
12:26Friedrich Porstdorfs Vater wird aufgrund seines Alters und Berufs nicht in die Wehrmacht eingezogen.
12:32Das Krieg herrscht, davon ahnt der damals kleine Junge nichts.
12:37Ausflüge nach Dresden gehören für ihn zu den faszinierenden Abenteuern seiner frühen Kindheit.
12:43Meine Eltern sind oft mit uns, mit meiner Schwester und mir, mit der Straßenbahn nach Dresden zum Einkaufen oder zum
12:55Shoppen gefahren.
12:57Und es war eine Stadt, die voller Trubel und Lebendigkeit und voller architektonischer Highlights war.
13:07Mein Vater, der Architekt war, war glücklich, in einer solchen Stadt auch arbeiten zu können.
13:25Im August 1940 beginnt die Luftschlacht um England.
13:30Nazi-Deutschland will nach dem Sieg über Frankreich nun auch das Vereinigte Königreich zur Kapitulation zwingen.
13:38Dem Blitz, wie die Briten die Angriffe nennen, werden ca. 43.000 Zivilisten zum Opfer fallen.
13:50Ab September 1940 gerät London immer wieder ins Visier der deutschen Luftwaffe.
14:06Das Ziel der Deutschen war es, Feuerstürme in London zu erzeugen.
14:10Das war das Ziel der Luftstreitkräfte.
14:14Es reichte nicht aus, einfach Brandbomben abzuwerfen und Brände zu legen.
14:18Sie wollten ein Feuer entfachen, das die Atmosphäre zerreißt, das eine Meile hoch in den Himmel lodert und alles im
14:25Umkreis in Asche verwandelt.
14:32Aber solche Feuerstürme konnten sie in London nicht erzeugen.
14:35Die Gebäude standen zu weit auseinander und sie waren nicht aus Holz.
14:42Einer der bis dahin schwersten Angriffe trifft Coventry im November 1940.
14:48Auch wenn das eigentliche Ziel die Industrieanlagen der Stadt waren, werden 60.000 Gebäude zerstört und der Tod von Hunderten
14:57von Zivilisten in Kauf genommen.
15:05Die Bombardierung Coventrys in jener Nacht im November 1940 war von ungekanntem Ausmaß.
15:12Ein Horror, den man so noch nie zuvor im Krieg gesehen hatte.
15:16Plötzlich fielen die Bomben, es brannte und die Flammen loderten bis in den Himmel.
15:22Coventrys große Kathedrale wurde komplett zerstört.
15:25Die Bleirohre der Dachrinnen wurden durch die Hitze so heiß, dass sie zu schmelzen begannen und hinunterliefen.
15:31Es gab also nicht nur Tote in einem entsetzlichen Ausmaß, sondern es war ein absolut obszönes und erschreckendes Spektakel.
15:38Coventry war weg.
15:40Diese wunderschöne historische Stadt war verschwunden und nur noch ein rauchendes Loch in der Erde.
15:49Von diesem Zeitpunkt an gab es in der britischen Öffentlichkeit ein Gefühl von Enthemmung in Bezug auf den Krieg und
15:55die Nazi-Führung.
15:57Um sie zu stoppen, wurde jedes Mittel legitim, auch Flächenbombardierung.
16:07Noch werden deutsche Städte nicht bombardiert.
16:13Der Siegeszug der Wehrmacht gegen Westen scheint ungebrochen und als sie am 22. Juni 1941 die Sowjetunion angreift, wird der
16:24Krieg auch nach Osten ausgeweitet.
16:26Neben der territorialen Expansion ist es die konsequente Durchsetzung der Rassenideologie, mit der das nationalsozialistische Deutschland zur Großmacht aufsteigen will.
16:38Für alle, die keine sogenannten Arier sind, bedeutet das letztlich die Vernichtung.
16:44Auch für die inzwischen 18-jährige Henni Wolf.
16:48Kurz bevor sie gezwungen wird, den Davidstern zu tragen, entsteht dieses Bild.
16:54Später wird sie, wann immer sie in der Stadt ist, genau an dieser Stelle ein Foto machen.
17:02In Großbritannien ist 1941 die Begeisterung für Dresdens Einzigartigkeit verpufft.
17:11Seine Recherchen über die Zerstörung Dresdens führen Sinclair McKay in die Archive der Royal Air Force.
17:20Aus Dokumenten geht hervor, dass es längst ein anderes Dresden ist, das ins Visier der britischen Luftwaffe gerät.
17:32Schaut man in die Archive, ist es interessant, dass es eine Karte von 1942 für die Royal Air Force gibt,
17:38die Dresden als Ziel zeigt.
17:40Und zwar ein Dresden mit einer Reihe von Industriegebieten.
17:43Nicht etwa, hier ist eine schöne Kirche, hier ist eine schöne Kathedrale.
17:47Das ist nicht eingezeichnet, sondern es sind die Fabriken.
17:50Es gab Geheimdienstinformationen, die zwar nicht genau sagen konnten, wo sich die Fabriken befanden,
17:56aber sie wussten, dass es diese riesigen Industrieanlagen gab.
17:59Außerdem gab es einen sehr großen Eisenbahnknotenpunkt mit einem großen Rangierbahnhof,
18:04was es zu einem wertvollen Transportweg für militärischen Nachschub machte.
18:09Schon seit 1942 war die Stadt also ein potenzielles Ziel.
18:20In Dresden ahnt davon kaum jemand etwas.
18:24Der Krieg, so scheint es an der Elbe, ist weit entfernt.
18:30Henni Wolf hingegen, die mit ihrer Mutter in den Zeiss-Icon-Werken Zwangsarbeit leisten muss,
18:35weiß, dass dort Rüstungsgüter hergestellt werden.
18:40Doch die meisten Dresdner fühlen sich sicher auf ihrer Insel der Hochkultur, die sie für unantastbar halten.
18:48Es gab ja dieses, vielleicht könnte man jetzt sagen, aberwitzige Gerücht, dass Winston Churchill eine Tante in Dresden hat.
18:54Und deswegen würden die Briten eben Dresden verschonen, weil er quasi seine Familie schützen wollte.
19:02Und es ist nicht ganz klar, wie fest daran geglaubt wurde, aber diese Mischung eben aus dem Kontrast zu anderen
19:09Städten,
19:10der langen Verschonung, Gerüchten, einer überschätzten Selbstwahrnehmung.
19:14Die Briten werden ja nicht die schönste Stadt Europas zerstören.
19:17Das hat dazu geführt, dass man vielleicht anders als in anderen Städten diesen Angriff nicht so erwartet hat.
19:26Arthur Harris ist ab Februar 1942 Oberbefehlshaber des Royal Air Force Bomber Command.
19:35Unter seiner Führung beginnt die Bombardierung deutscher Städte, ohne Rücksicht auf deren Pracht und Bewohner.
19:49Arthur Harris war eine seltsame Figur.
19:53Er betrachtete sich seltsamerweise als einen Außenseiter.
19:57Er sah sich als jemand, der außerhalb des Whitehall Establishments stand.
20:02Er fühlte sich in gewisser Weise als eine Art Rebell.
20:05Aber als es dann um Flächenbombardierung ging, war es eigentlich nicht Arthur Harris, der damit anfing.
20:12Es war Churchills wissenschaftlicher Berater, Frederick Lindemann.
20:20Er sagte, das Ziel der Bombenangriffe sollte das sogenannte Dehousing der Bevölkerung sein.
20:25Dahinter steckte der Gedanke, dass die Bürger nicht mehr in der Lage sein würden, in den Kriegsfabriken zu arbeiten,
20:30wenn man ihre Häuser und ihr Leben derartig zerstörte.
20:33Und so würde Deutschland seiner wichtigsten Arbeitskräfte beraubt werden.
20:37Sie wären manövrierunfähig und obdachlos. Das war die Idee dahinter.
20:41Aber das bedeutete gleichzeitig auch, Zivilisten ins Visier zu nehmen.
20:45Und das war der entscheidende Schritt. Der Schritt zum absoluten, totalen Krieg.
20:52Obwohl andere deutsche Städte bereits schwer zerstört sind, geht das Leben in Dresden nahezu unbehelligt weiter.
20:59Es gibt Luftschutzmaßnahmen, doch keine, die geeignet wären, die Bevölkerung ausreichend zu schützen.
21:07Bunker hat Gauleiter Mutschmann nicht einrichten lassen in der Annahme,
21:11niemand würde es wagen, das so einzigartige Dresden zu bombardieren.
21:16Als im August 1944 erste Bomben die Außenbezirke treffen, bereiten sich Industrie und Verwaltung zwar auf weitere Bombardierungen vor,
21:24doch Angriffe auf das Herz der Stadt scheinen unvorstellbar.
21:30Mit einer letzten Vorstellung des Freischütz schließt die Semperoper erst eine Woche,
21:36nachdem in den Vororten die ersten Todesopfer zu beklagen sind.
21:44Als die Ostfront näher rückt und damit die Gefahr bedrohlich wächst,
21:49Dresden könnte erneut Ziel von Luftangriffen werden,
21:52fehlen für den Bau entsprechender Schutzeinrichtungen Zeit und Geld.
22:00Anfang Februar 1945 beraten in Yalta unterdessen die Führer der Alliierten über die Zukunft Deutschlands.
22:09Dresden als strategisches Ziel soll Thema gewesen sein, angeregt durch Josef Stalin.
22:21Ausgewählt oder vorgeschlagen wurde es, weil Stalin darum gebeten hatte, dass Dresden ein Ziel sein sollte.
22:27Es wäre für die Bewegungen seiner Roten Armee, die durch Ostdeutschland fegte, enorm hilfreich gewesen,
22:32wenn Dresden in die Knie gezwungen würde. Dann könnte die Rote Armee durchmarschieren.
22:42Am 13. Februar 1945 bekommen alle Mitglieder der Familie Wolf ein amtliches Schreiben der Geheimen Staatspolizei.
22:50Es ist die Aufforderung, sich drei Tage später an einer Sammelstelle zum Arbeitseinsatz einzufinden.
22:57Ihnen ist klar, dass es die Deportation in ein Konzentrationslager bedeutet.
23:02Das Einzige, was sie jetzt noch retten könne, sagt der Vater, sei ein schwerer Angriff auf Dresden.
23:11Man hat sich darauf vorbereitet, indem er mit Anziehsachen geschlafen hat, mit den Schuhen, mit der Jacke einen Koffer gepackt
23:18hatte
23:19und seine Familie auch dazu gezwungen hatte, ihr habt jetzt alles an, was ihr braucht und habt alles griffbereit.
23:27Die nationalsozialistische Führungstriege um Mutschmann war anders vorbereitet als die Bevölkerung,
23:32weil sie eigene Luftschutzorte hatte, also wirklich tatsächlich mit betongesicherten Bunker, in den sie flüchten konnte.
23:45Am Nachmittag des 13. Februar 1945 erfahren die Bomberbesatzungen der Royal Air Force das Ziel ihres nächsten Angriffs.
23:54Es liegt weit im Osten. Drei bis vier Flugstunden werden sie brauchen, um es zu erreichen.
24:01Aus ihren Tagebüchern weiß Sinclair McKay, was diese Mission für die Besatzungsmitglieder bedeutet hat.
24:12Zur gleichen Zeit feiern in Dresden diejenigen, denen es an diesem Dienstag möglich ist, Fasching.
24:20Spät am Abend schreckt der damals sechsjährige Friedrich Porstorf aus dem Schlaf.
24:26Es dröhnte ein bedrückendes Geräusch. Die waren sehr, sehr tief, die Flieger.
24:33Und deshalb konnten wir das alles sehen, denn sie fingen an, sogenannte Christbäume.
24:39Das sind Beleuchtungsgegenstände, die aussahen wie 180 Grad gedrehte, beleuchtete Christbäume.
24:48Die hatten die Aufgabe, die Gebäude für die Bomber sichtbar zu machen,
24:56sodass die ersten Bomber dann die Sprengbomben werfen konnten, die sozusagen die Gebäude öffneten,
25:05sodass dann die weitere Staffel der Bomber, die Brandbomben geworfen haben,
25:14dann eben diese Brandbomben in diese geöffneten Gebäude auch werfen konnten.
25:25Sie wussten, dass die Aufgabe, die sie erfüllten, abscheulich war, dass das, was sie taten, schrecklich war.
25:32Aber sie wussten auch, dass das Gleiche mit Großbritannien passieren würde, wenn sie es nicht täten.
25:38Sie trugen keine Rachegefühle in sich, als sie über den Kanal und durch Deutschland flogen.
25:43Das war es nicht. Das ist nicht, was man in den Tagebüchern oder Memoiren findet.
25:49Was man stattdessen findet, sind junge Männer, die mit ihrer eigenen Sterblichkeit konfrontiert sind.
25:54Denn sie tun das, was sie glauben, tun zu müssen, um ihr Land und ihr Volk zu verteidigen.
25:59Und wenn der beste Weg, den Feind zur Kapitulation zu bringen, darin besteht, die Städte des Feindes zu bombardieren,
26:05dann ist es das, was sie glauben, tun zu müssen.
26:11Nach der Unschuld verliert Dresden nun in nur einer Nacht alles, wovon ihre Bewohner so lange glaubten,
26:17es würde sie vor einer solchen Tragödie bewahren.
26:21Henni Wolf und ihre Eltern überleben den ersten Angriff.
26:24Sie laufen in Richtung des Stadtteils Weißer Hirsch.
26:27Den Sternen reißen Henni und ihre Mutter ab, verstecken ihn in den Schuhen.
26:33Alles hat gebrannt, alles war dunkel, der Tag ist überhaupt gar nicht mehr gekommen, so schildert sie das.
26:39Sehr heiß, alle wollten nur noch Luft, sind ans Wasser gerannt.
26:42Das war der erste Punkt, wo die Leute hingeflohen sind.
26:47Und dieser Ausblick von hier oben, das muss ein wahnsinniger Kontrast sein.
26:52Du rennst gerade aus der brennenden Stadt, rennst hier hoch und hast die Aussicht nach unten.
26:56Das kann ich mir gar nicht vorstellen, wie das damals gewesen sein muss oder wie sich das angefühlt hat.
27:04Mein Vater lief am Mittag vor der Radeboll nach Dresden und er ist dann eben schon über Trümmer und an
27:12brennenden Häusern vorbei
27:13und stand an der Elbe, nachdem er festgestellt hat, dass das Haus, in dem sein Büro war, noch stand.
27:24Er ist ja an das Elbufer getreten und es entstanden natürlich Turbulenzen durch die Hitze
27:32und so erzählt er stromähnliche Bewegungen in der Stadt.
27:37Und auf einmal riss dieser Nebelschleier auf und er sah die Frauenkirche stehen.
27:45Und er blieb eine ganze Weile stehen und auf einmal sah er, wie die Frauenkirche in sich zusammenstürzte.
27:55Ich habe meinen Vater nie weinen sehen. Als er wieder nach Hause kam, weinte er dieses Erlebnis des Wegen.
28:10Nach den Angriffen der Royal Air Force gemeinsam mit der kanadischen Luftwaffe in der Nacht des 13. Februar
28:17werden die darauffolgenden Angriffe am 14. und 15. Februar von amerikanischen Streitkräften verübt.
28:26Das ganze Geschehen streckt sich. Es ist quasi wie so ein endloses Martyrium von ihnen dann wahrgenommen worden.
28:32Und dadurch wurde auch dieser ganzen Erzählung von der Einzigartigkeit und der Besonderheit dieses Angriffs noch mal besonders Futter genommen,
28:40weil es, man kann es ja nicht anders sagen, schon ein besonderes Ausmaß an Angriff und Zerstörungen durch das Baumeau
28:48-Mannau ausgelöst wurden.
29:00Vier Tage nach dem Angriff sind wir dann gemeinsam durch die Schad gegangen, um irgendwie zu sehen,
29:09unter anderem an der Peripherie des großen Gartens entlang, um also nach Striesen zu gelangen.
29:16Und da hatte ich ein Erlebnis, was mich erschüttert hat und was sich so eingeprägt hat.
29:23Und überall lagen verbrannte Menschen, Leichen.
29:29Und im großen Garten stehen überall Bänke.
29:32Und ich hörte ein Hund jaulen.
29:35Und mein Vater sagte, bleib hier.
29:37Und ich bin aber doch dann hin und sah, wie ein Mann auf einer Bank saß und der Hund daneben
29:46weinte um sein Herrchen.
29:51Denn der Mann war vom Scheitel bis zum Gürtel verbrannt.
30:08Simons Großmutter Henni schafft es mit ihren Eltern auf den Weißen Hirsch.
30:12Sie wissen dort von einem Haus, in dem sie als Juden Unterschlupf finden können.
30:18Wir stehen hier vor dem Haus, wo meine Oma in der Nacht von dem Bombardement am 13. Februar hergeflohen ist.
30:24Es war ein Haus, wo sich mehrere versteckt haben, wo eine Malerin auch drin gewohnt hat, die sie kannten.
30:32Und da konnten sie sich kurz verstecken, einige Nächte.
30:38Im ersten Chaos der Zerstörung wird sofort nach überlebenden Dresdner Juden gefahndet.
30:44Auch wenn man die Zivilbevölkerung nicht schützen konnte.
30:48Die Akten der Gestapo waren rechtzeitig vor dem Angriff in Sicherheit gebracht worden.
30:53Kurz nach der Bombardierung Dresdens lanciert die nationalsozialistische Propaganda mit dem Tagesbefehl 47 eigene Fakten über Täter und Opfer.
31:04In der Geschichtswissenschaft zählt diese Reaktion der nationalsozialistischen Propaganda auf diesen Angriff.
31:12Sie zählt quasi dem letzten Coup, den sie machen konnte.
31:15Weil sie es schafft, ein Narrativ in die Welt zu bringen und auch besonders effektiv zu prägen, das ja bis
31:21heute nachwirkt.
31:22Und von Beginn an sind eben zentrale Begriffe wie der angloamerikanischen Terrorbomber wichtig.
31:27Aber eben auch die Toten zahlen, dass die immer um das Zehnfache höher sind als die, die eigentlich innerhalb der
31:33nationalsozialistischen Verwaltung kursieren.
31:46Friedrich Porstdorffs Familie überlebt den Zweiten Weltkrieg.
31:53Für Henni Wolf und ihre Eltern ist das Ende des Nationalsozialismus der Anfang eines Lebens in Freiheit.
32:07Dresden gehört ab Mai 1945 zum Machtbereich der Sowjetunion.
32:13In der bis zur Unkenntlichkeit zerstörten Stadt geht das Leben mühsam weiter.
32:18Stein um Stein wird das Erbe abgetragen und die nationalsozialistische Vergangenheit gleich mit.
32:25Henni Wolfs Familie, die zu den 170 überlebenden Juden in der Stadt gehört, hilft die Gemeinde und eine neue Synagoge
32:34aufzubauen.
32:36Nur fünf Jahre nach der Bombardierung Dresdens wird die Tragödie wieder ideologisch vereinnahmt.
32:44Sie dient nun zur Legitimation des Klassenkampfes im Kalten Krieg.
32:53In diesem Machtkampf spielt Dresden eine besondere Rolle, weil daran sich eben genau diese Frontstellung ja erzählen lässt.
33:00Also Dresden wurde von, das ist ja schon das, was die Nationalsozialisten mehr oder weniger behaupten,
33:07von alliierten Terrorbombern angegriffen und zerstört.
33:11Und diese Terminologie übernehmen die neuen Machthaber.
33:13Der Faschismus wirkt auf der anderen Seite noch weiter, der ist ungebrochen.
33:17Er will weiter auch seinen imperialistischen Streben nachgeben.
33:21Er möchte jetzt sogar die DDR und dann natürlich auch die Sowjetunion unterwerfen.
33:26Und deswegen ist er auch immer noch Aggressor, dem wir uns mit unserer Friedensmacht entgegenstellen müssen.
33:33Und nur wir hier können quasi verhindern, dass es ein zweites Dresden gibt.
33:39Am 13. Februar 1950 findet in Dresden die erste Massenkundgebung in der DDR statt,
33:47die der Opfer des anglo-amerikanischen Bombenterrors, wie es nun heißt, gedenkt.
33:52Das Narrativ der Nationalsozialisten ist in der DDR angekommen.
33:58Fortan dient das kollektive Erinnern, der Befreiung von individuellen Traumata, aber auch von Schuld und Verantwortung.
34:10Henni Wolf und ihre Eltern erleben diese Indoktrination gepaart mit Antisemitismus
34:15und sie entscheiden sich, aus ihrer Heimatstadt Dresden zu fliehen.
34:23Friedrich Porstdorf und seine Eltern bleiben.
34:27Ab 1952 besucht er in Dresden die Kunstschule.
34:31Der Vater ist als Architekt daran beteiligt, die schwer zerstörten Dresdner Prachtbauten zu stabilisieren.
34:38Dazu gehört auch die Semperoper.
34:43Das gesamte Blütenhaus war zerbombt als Ruine offen bis in die Kellergeschosse.
34:48Und im Zuschauerraum war durch Brandschäden und Bombentreffer das Dach zerstört.
34:53Und die Foyers, Rundfoyer mit den Malereien, die waren ausgebrannt.
34:58Das war schon so komplett zerstört.
35:01Und 1952 wurde sozusagen auf Initiative der Stadtbevölkerung auch die Fassade gesichert.
35:10Dahinter blieb aber bis zum Beginn des Wiederaufbaus 1976 die Ruine stehen.
35:17Jahr um Jahr wird mit einer offiziellen Demonstration am 13. Februar in Dresden an die Bombardierung der Stadt erinnert.
35:26Und immer wieder dient der Begriff der angloamerikanischen Bomber dafür, Schuld und Opfer zu benennen.
35:34Allmählich gerät in Vergessenheit, dass es die Nationalsozialisten waren, die den Anlass gegeben hatten und damit die Antwort auf die
35:42Frage, warum Dresden?
35:46Doch neben der staatlich vorgegebenen Vergangenheitsbewältigung gab es in Dresden auch immer individuelle Momente des Erinnerns.
35:57Also die Erinnerung an den 13. Februar als Kind, als Yoga-Mensch, der auf dem Weißen Hirsch aufgewachsen war, hat
36:04für mich schon so ein bisschen eine traditionelle Linie.
36:07Man ging raus und hat sich das Glockenläut angehört und hat sich dann eben auch mit den Eltern, mit Freunden
36:14und Nachbarn darüber verständigt, was oder unterhalten, was für ein Schaden da eigentlich angerichtet worden ist mit der Zerstörung Dresdens.
36:24Da war gar nicht so sehr die Schuldfrage oder wer hat es verursacht, wie ist die Kausalkette, sondern einfach das
36:34Bedauern. Die Tradition ist zerstört worden.
36:39Doch nicht nur in Dresden, der inzwischen sozialistischen Bezirkshauptstadt der DDR, bleibt die Bombardierung der Stadt immer präsent.
36:47Auch in Großbritannien wird die Frage nach Dresden als Ziel einer totalen Zerstörung zu einem Thema gesellschaftlicher Auseinandersetzung über Schuld
36:57und Unschuld im Krieg.
37:06Warum Dresden? Ich glaube, diese Frage haben sich mehr Menschen danach gestellt als davor.
37:13Ich denke, bevor Dresden bombardiert wurde, war es nur eine weitere Stadt, ein weiteres Ziel, wie so viele andere Ziele
37:20in ganz Deutschland.
37:21Von Hamburg über Frankfurt bis nach Berlin, die ja unerbittlich bombardiert worden waren und worauf man viel gesetzt hatte.
37:28Sie dachten, wenn man das Herz der Naziregierung bombardiert, dann würde die Naziregierung einknicken.
37:35Ist sie aber nicht. Absolut nicht.
37:38Aber die Frage, warum Dresden, wurde unmittelbar danach zu einer drängenden Frage für die Regierung und für die Menschen gleichermaßen.
37:45Es gab diesen Moment, wo alle, auch die Bomberbesatzungen, plötzlich nachgedacht haben und sich fragten, was haben wir getan?
38:021962 wird der Schriftsteller Ingo Schulze in Dresden geboren.
38:09In seiner Kindheit ist er begeistert von seiner Heimatstadt, der Elbe, dem Zwinger.
38:19Und mit den Narben der Zerstörung Dresdens wächst er auf.
38:23Erst später wird er sie als solche erkennen.
38:26Wenn ich mich jetzt frage, warum in Dresden, dann ist da schon so eine gewisse Ratlosigkeit jetzt.
38:33Das kann man auch nicht mit der ambivalenten Selbstbezüglichkeit der Dresden erklären.
38:40Eine Erklärung wäre für mich, dass diese Zerstörung so lange als freier Raum sichtbar gewesen ist.
38:50Am 13. Februar 1985 wird die Wiedereröffnung der Semperoper zu einem Ereignis,
38:57bei dem internationale Prominenz aus Ost und West geladen ist.
39:01Die DDR-Führung präsentiert der Welt damit auch ihre Interpretation der Zerstörung Dresdens.
39:0741 Jahre nach der letzten Vorstellung wird die Semperoper am Jahrestag der Bombardierung mit der Oper eröffnet,
39:14mit der die Nationalsozialisten sie einst geschlossen hatten, dem Freischütz.
39:19Das Thema, was politisch dargestellt worden ist, war ja,
39:23seht her, was wir als SED-Regime dort für Erfolge vorgezeigt haben oder geschaffen haben.
39:31Diese Kundgebung am Nachmittag des 13. Februars vor der Semperoper war ja rein,
39:37nicht ein Blick zurück und die Frage, warum, sondern guckt, was wir geschafft haben.
39:43Nicht einmal fünf Jahre später sind die DDR und die Utopie einer sozialistischen Gesellschaft Geschichte.
39:51Warum Dresden, fragt nach der Wiedervereinigung erst einmal niemand.
39:58Ab 1995 wird an die Zerstörung Dresdens mit Gedenkmärschen erinnert,
40:04in denen es wieder um die Deutungshoheit geht, was am 13. Februar 1945 geschehen ist.
40:14Es gibt zu dieser Zeit keine offiziellen Gedenkveranstaltungen, es gibt keine offiziellen Erinnerungsformate
40:21und in diese Lücke gehen diese rechtsextremen Gruppen hinein und versuchen eben auch dadurch,
40:27dass sie ihre Demonstration als Trauermärsche deklarieren, im gewissen Sinne an das Opfergedenken
40:37der Stadtbevölkerung mit anzuschließen, die darin nicht sofort eine rechtsextreme Geschichtspolitik erkennt.
40:43Zu den rechtsextremen Gedenkmärschen anlässlich des Jahrestages der Bombardierung Dresdens am 13. Februar
40:50kommen tausende von Menschen. Damals sind es die größten Aufmärsche in Europa.
40:57In den 2000er Jahren regt sich Widerstand gegen die Vereinnahmung der Gedenkveranstaltungen.
41:062010 erreicht der Protest seinen Höhepunkt. Auch Ingo Schulze fährt an diesem Tag von Berlin zum Dresdner Bahnhof Neustadt.
41:17Ich erinnere mich dann sehr an den 13. Februar 2010, der war für mich sehr wichtig,
41:23weil da das erste Mal gelungen war in Dresden den sogenannten Trauermarsch von, muss man schon sagen,
41:29von Rechtsradikalen, dem sich viele angeschlossen haben, die einfach auch ihre Trauer zum Ausdruck bringen wollten.
41:37Aber das konnte damals verhindert werden. Und die, die das verhindert haben,
41:41ich bin da extra nach Dresden gefahren, ich wollte mir das eigentlich angucken,
41:43und plötzlich war man Teil davon, wo man auch merkt, dass es in der Demokratie nicht einfach ist,
41:48auf eine Kreuzung zu gehen, wo Straßenbahnen fahren und wo eine Ampel weiter schaltet.
41:55Aber das fand ich eben toll, dass das möglich gewesen ist.
42:00Aber die, die es verhindert haben, wurden criminalisiert.
42:03Und man hat auch von der Stadtregierung gesagt, also da in die Neustadt, da schickt man die Polizei,
42:09da sollen sich Rechte und Linke kloppen und hat überhaupt nicht begriffen, was da passiert ist.
42:14Und ich weiß noch, der Tagesspiegel titelte damals, Dresden ist ein Synonym für Antifaschismus.
42:22Das nehmen wir mit Schrecken wahr, dass das so vereinnahmt wird.
42:28Und das ist genau gegen diejenigen, die zu Schaden gekommen sind, die Opfer, gegen diese Opfer.
42:36Denn das ist ja die Folge des Nationalsozialismus, dass diese Stadt bombardiert wurde.
42:44Dass sie direkt bombardiert wurde, hätte nicht sein müssen, das ist eine andere Geschichte.
42:49Aber, dass man das so sehr in einer Art und Weise jetzt betreibt und dass man das Wahrzeichen, das Symbol
43:00so für sich vereinnahmt,
43:03ist katastrophal, ist auch für mich fast nicht ertragbar.
43:11Für Friedrich Porstdorf sind seine Erinnerungen an die Bombardierung Dresdens traumatische Erlebnisse geblieben.
43:20Erst Jahrzehnte später beginnen die Bilder im Kopf, auch die Leinwand zu beherrschen.
43:32Warum Dresden?
43:35Das Zähringen um die Interpretation dieser Vergangenheit ist Teil der Auseinandersetzung der Gegenwart.
43:48Ich kenne eine Menge Briten, die fasziniert von Dresden sind.
43:52Sie sehen die Stadt, wie sie jetzt ist, wieder aufgebaut und restauriert in einem außergewöhnlich schönen Ausmaß.
43:58Sie berührt etwas in einem.
44:00Es ist eine wunderbare, einladende Stadt.
44:02Sie ist voller Kunst und Musik, so wie sie sein sollte.
44:08Aber jede Straße trägt auch diese Erinnerung in sich.
44:12Wenn man als Brite durch die Straßen Dresdens geht, wird man bei jedem Schritt an seine Verantwortung erinnert.
44:17Nicht an eine persönliche, sondern an ein allgemeines Verantwortungsgefühl.
44:22Daran, was Krieg bedeutet und was Moral im Krieg bedeutet.
44:26Und vor allem, warum so etwas nie wieder geschehen darf.
44:29Was war means, and fundamentally, why it must never ever happen again.
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