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00:04Les Aliscons. Die Stadt der Toten. Gespenstisch und verwunschen zugleich.
00:12Seit mehr als 2000 Jahren ranken sich unzählige Legenden um die antike Nekropole im südfranzösischen Aho.
00:21Die berühmteste spielt im dritten Jahrhundert und dreht sich um das Schicksal des Gerichtsschreibers Gennesius.
00:30Weil Gennesius sich geweigert hatte, Todesurteile gegen Christen niederzuschreiben, wurde er enthauptet und auf Les Aliscons bestattet.
00:41Fortan setzte ein regelrechter Run auf die Gräberstadt ein. Gläubige aus ganz Europa wollten hier in der Nähe des Märtyrers
00:49begraben werden.
00:51Seit 1981 zählt die Nekropole zum Weltkulturerbe der Menschheit.
01:29Sоїktisch und Widerde
01:35Arl. Eine Stadt zwischen Antike und Avantgarde.
01:45Bei uns stehen die historischen Denkmäler und die Denkmäler der Zukunft im Dialog miteinander.
01:55Wir haben eine Geschichte und die muss man fortschreiben.
02:02Es gibt noch enorm viel zu tun. Diese Gegend birgt noch viele Schätze. Vieles wartet nur darauf, entdeckt zu werden.
02:15Wir hatten vielleicht das Glück, dass es so etwas wie einen lokalen Geist gibt, der sehr mit dieser Kultur verbunden
02:22ist.
02:22Daher sind manche Denkmäler extrem gut erhalten, aber erst das Ensemble macht die Stadt einzigartig.
02:30In Arl sind die Spuren der antiken und mittelalterlichen Vergangenheit allgegenwärtig.
02:36Unübersehbar prägen bedeutende römische und romanische Bauwerke das Stadtbild.
02:43Arl hat es geschafft, ein antikes Erbe zu behalten, umzuwandeln, nicht zu zerstören, umzudeuten und umzunutzen.
02:54Und jahrhundertelang darauf aufzubauen. Bis in unsere heutige Zeit hinein.
02:58Jede Epoche hat eigentlich so einen Beitrag dazu geleistet.
03:03Es sind vor allem seine römischen Monumente, mit denen Arl identifiziert wird.
03:08Seit Ende des ersten Jahrhunderts nach Christus thront das gewaltige Amphitheater über der kleinen Stadt, ihr wohl bekanntestes Wahrzeichen.
03:17Bis heute wird die Arena für kulturelle und sportliche Großveranstaltungen genutzt.
03:26Damals 11.500 Quadratmeter für 21.000 Menschen.
03:31Wobei die Zuschauer durch ein ausgeklügeltes System von Treppen, Gängen und Galerien geleitet und je nach sozialem Stand platziert wurden.
03:42Das Besondere an diesem Denkmal ist, dass hier große Aufführungen stattfinden konnten, klar.
03:48Aber ab dem 16. Jahrhundert wurde es ganz anders genutzt.
03:53Es wurde nämlich zu einer mittelalterlichen Festung im Herzen der Stadt.
04:00Statt Gladiatoren kämpfen nun also städtisches Leben.
04:03Man nutzt die Außenmauern des Amphitheaters, um ein befestigtes Viertel zu schaffen.
04:15Das Amphitheater wird zur Stadt, mit Häusern, Gassen und einem zentralen Platz.
04:25Anfang des 19. Jahrhunderts ließ die Stadtverwaltung all diese Bauten wegen mangelnder Hygiene abreißen.
04:32Nachdem das Amphitheater wieder freigelegt war, wurde es 1840 unter Denkmalschutz gestellt.
04:41Und diese Anerkennung wurde 1981 mit der Auszeichnung UNESCO-Weltkulturerbe nochmals gesteigert.
04:51Arl lebt nicht nur vom Nimbus seiner römischen Vergangenheit.
04:55Arl hat sich im Laufe von mehr als 2000 Jahren immer wieder erneuert.
04:59Sichtbarstes Zeichen unserer Zeit? Der spektakuläre Turm von Star-Architekt Frank Gehry.
05:07Er steht im Zentrum des Luma-Kunstcampus, mit dem sich die Stifterin, eine Schweizer Kunstsammlerin und Farmererbin,
05:15ihren Lebenstraum in der Stadt erfüllt hat, in der sie aufgewachsen ist.
05:26Wir fingen an zu diskutieren, wie eine kulturelle Institution des 21. Jahrhunderts wohl aussähe.
05:34Solche Fragen erschienen am Ende des 20. Jahrhunderts wichtig.
05:39Meine Berater und ich haben darüber viel nachgedacht.
05:45Gleich wurden Zweifel laut. Würde eine solche Institution zu einer so alten Stadt passen?
05:51Es war von Anfang an ganz wichtig, dass diese Zukunft auch aus Fragmenten der Vergangenheit entwickelt wird.
05:57Dass man eben nicht nostalgisch mit Vergangenheit umgeht,
06:03sondern dass die Vergangenheit keine Werkzeugkiste sein kann, um die Zukunft zu produzieren.
06:09Wie kann man Verknüpfungen finden, einen Bezug zum Kulturerbe herstellen?
06:14Solche Überlegungen spielten bei Maya Hoffmann und Frank Gehry, dessen Name für eigenwillige ikonische Bauten steht, eine große Rolle.
06:26Wir dachten über etwas nach, das er den römischen Plan nannte.
06:31Gemeint war die Glasrotunde, die als Referenz an die Arena gedacht ist.
06:37Wir nennen sie Drum, also Trommel.
06:44In Arles, mit all seiner historischen Substanz, sind Bauvorhaben immer heikel.
06:50Gleich beim ersten Entwurf gab es daher Schwierigkeiten.
06:57Dieser erste Vorschlag war für einen Ort gedacht, der aus archäologischer Sicht als sensibel galt.
07:04Zu nah dran, meinte die Archäologie-Kommission und schlug vor, unseren ersten Entwurf um etwa 20 Meter zu verschieben.
07:12Unserer Ansicht nach hätte das aber insgesamt ein Ungleichgewicht verursacht.
07:21Es wurde ein langer Weg von diesem ersten, zurückgewiesenen Entwurf bis zur endgültigen Umsetzung des Turms.
07:28Selbst Gehry wusste am Ende gar nicht mehr, wie viele Modelle sein Team angefertigt hat.
07:33Vielleicht 100?
07:38Der glitzernde Turm ist nur ein Teil des Luma-Projekts.
07:43Auf der elf Hektar großen Industriebrache, einem ehemaligen Ausbesserungswerk der französischen Bahn,
07:48ist ein Kulturcampus entstanden, der nicht nur Ausstellungsort sein will.
07:55Es ist ja so, dass man oftmals sieht, dass eigentlich Menschen relativ wenig Zeit vor Kunstwerken verbringen.
08:0110 Sekunden, 15 Sekunden im Durchschnitt pro Kunstwerk.
08:05Und die Idee war eigentlich von Anfang an auch, wie kann es möglich sein,
08:10eine Kunstinstitution für das 21. Jahrhundert zu entwickeln, wo Menschen vielleicht einen Tag verbringen.
08:15Ein Entdeckungsraum, ein offener Kunst- und Produktionsort mit starkem Fokus auf ökologische Fragen.
08:23Und ein Ort, der sich ständig verändert.
08:26Zunächst aber hatten Maya Hoffmann und ihre Mitstreiter mit den Hinterlassenschaften des ehemaligen Industrieareals zu kämpfen.
08:34Die französische Bahn war gekommen und hatte einen großen Teil des Geländes zerstört, auch römische Überreste.
08:41Nämlich große Teile des antiken Gräberfelds.
08:45Die Eisenbahn hatte Beton darüber gegossen, um darauf Werkstätten zu errichten, in denen Züge hergestellt werden konnten.
08:53Maya Hoffmann hatte sich in den Kopf gesetzt, ausgerechnet dort einen Park anzulegen.
08:58Wie sollte das gehen?
09:00Obwohl es absurd schien, bat sie den vielfach preisgekrönten belgischen Landschaftsarchitekten Bas Smets, sich das Gelände anzusehen.
09:11Wir gingen die Rampe hinunter und kamen auf diese Betonplattform.
09:15Sie sagte, dass ich hier gerne einen Park für die Menschen in Aral anlegen würde.
09:19Ich weiß noch, dass ich dachte, hier, auf dieser Betonplatte, wo es keine Erde, kein Wasser und keine Vegetation gibt?
09:27Wie sollen wir das hinkriegen?
09:29Wie können wir nicht nur einen Park anlegen, sondern überhaupt die Situation hier verstehen?
09:34Und wie können wir das Klima verändern?
09:36Es ging vor allem darum, das Klima so zu verändern, dass ein Park gebaut werden konnte.
09:42Auch nachdem 1984 die Eisenbahnwerkstätten geschlossen wurden, wuchs hier nichts mehr.
09:48Und auf dem ehemaligen Gräberfeld tief zu bohren, war schon aus archäologischen Gründen undenkbar.
09:54Also musste Erde drauf und die Wasserversorgung organisiert werden.
10:00Die ersten Pflanzen wurden in einer Halbwüste gepflanzt.
10:03Wir mussten also pflanzen, pflanzen, pflanzen, um das Klima zu ändern.
10:08Und der Natur eine Chance zu geben.
10:13Bei den ersten Pflanzen war ich ein bisschen nervös.
10:16Wir haben jeden Tag die Feuchtigkeit des Bodens geprüft und sichergestellt, dass die Pflanzen überleben und Teil dieser neuen Landschaft
10:22werden.
10:26Für ihn persönlich sei das gesamte Projekt vor allem eine Lektion in Optimismus gewesen.
10:34Die Betonplatte absorbiert die Hitze.
10:37Und so haben wir durch 80.000 Pflanzen und durch das Verdunsten des Wassers die Temperatur um 8 Grad gesenkt.
10:43Das ist die reale Temperatur.
10:45Die gefühlte Temperatur, die eine Kombination aus Wärme, aber auch Luftfeuchtigkeit, Windgeschwindigkeit und Strahlung ist, die sinkt um 25 Grad.
10:57Und langsam wuchs auf der Industriebrache tatsächlich eine Art grüner Lunge für Aal heran.
11:05Wir denken, dies könnte zum Modell für Industriegebiete werden.
11:08Das war ein Rangierbahnhof, wie viele auf der ganzen Welt.
11:12Wir versuchen, hier ein Vorbild zu schaffen.
11:16Ein Vorbild, wie es in Zeiten des Klimawandels dringend gefragt ist.
11:26Auch Les Saliscons oder das, was von der riesigen Nekropole übrig ist, genießen die Menschen in Arles als grüne Oase
11:34am Rande der Stadt.
11:37Das bekannte Bild der schnurgeraden Allee mit den aufgereihten Sarkophagen allerdings hat mit dem ursprünglichen Gräberfeld nichts zu tun.
11:48In der Antike waren die Sarkophage nicht sichtbar. Sie befanden sich in den Mausoleen, waren begraben.
11:54Es gab jedenfalls keine Sarkophage-Allee. Das ist ein völlig künstliches Bild davon, was die Aliscons ursprünglich waren.
12:06Man muss sich vorstellen, dass diese Nekropole am Ende der Antike extrem groß war.
12:11Es ist immer noch schwierig, ihre Entwicklung wirklich zu erfassen.
12:15Nachdem sie im 19. Jahrhundert durch den Bau der Eisenbahnlinie zerstört wurde.
12:20Doch selbst das änderte nichts an ihrer Faszination.
12:25Vincent van Gogh hat auf den Aliscons mehrfach seine Staffelei aufgeschlagen.
12:31Auf einem seiner Bilder sind die rauchenden Schlote der angrenzenden Eisenbahnwerkstätten zu erkennen.
12:40Von der Kirche Saint-Honorat am Ende der Allee war vor allem Paul Gauguin fasziniert.
12:46Van Gogh hatte den Malerfreund nach Arles gelockt, um hier eine Künstlerkolonie zu gründen.
12:53Doch Gauguin blieb nur wenige Wochen.
12:59Sein Lieblingsmotiv auf den Aliscons, die Kirche von Saint-Honorat, ist durch den Kult um den heiligen Genesius berühmt geworden.
13:06Und zwar weit über die Grenzen der Provence hinaus.
13:09Im Mittelalter soll ein rotes Licht im Turm der Märtyrerkirche den Toten den Weg gezeigt haben.
13:17Professor Andreas Hartmann-Firnig hat sich eingehend mit der Baugeschichte der Kirche befasst, die nie wirklich fertiggestellt wurde.
13:24Immer wieder gab es finanzielle Probleme, trotz der vielen Gläubigen, die hierher strömten.
13:31Die Kirche dient der Reliquienverehrung für diesen schon in der Spätantike aufgesuchten Ort.
13:37Hier waren verschiedene Bischofsgräber, die auch sich um die Reliquien des heiligen Genesius, des Märtyrers, gescharrt hatten.
13:48Und im Mittelalter dann auch als verehrungswürdig aufgesucht wurden von den Pilgern.
13:55Hier seine letzte Ruhe zu finden, galt als besonderes Privileg.
14:00Gläubige von außerhalb sollen ihre toten Angehörigen in Fässer gesteckt, eingesalzen, mit Geld versehen und flussabwärts in die Rohnen geworfen
14:07haben,
14:08damit sie in Arles aus dem Fluss gefischt und begraben werden.
14:14Zum Weltkulturerbe zählt auch der andere bedeutende Sakralbau von Arles, die Kirche Saint-Trophim.
14:221178 wurde hier Friedrich Barbarossa zum König von Burgund gekrönt.
14:27Benannt ist die Kathedrale nach dem ersten Bischof von Arles, dem heiligen Trophimus, der die Provence christianisiert hat.
14:36Die Heiligen sind halt eben die Vermittler zwischen dem Menschen und Gott, die also auch dann entsprechend von der Kirche
14:42hochgehalten werden.
14:44Und je mehr solche Heiligen sich zusammenfinden an einem auch, desto höher ist das Potenzial.
14:50Ich vergleiche es oft mit so einer Art heiligen Radioaktivität.
14:52Je näher man dran ist und je mehr Strahlung von diesen Reliquien ausgeht, desto besser ist es als eine heiligende
15:00Kraft.
15:02Die Suche nach dieser Kraft zog immer schon viele Pilger nach Arles.
15:06Auf die besonders hohe heiligen Dichte der Stadt hat der berühmte Pilgerführer von Santiago de Compostela bereits im frühen 12.
15:14Jahrhundert hingewiesen.
15:18Saint-Trophim gilt als herausragendes Beispiel romanischer Baukunst, besonders ihr imposantes Entree.
15:25Das Portal von Saint-Trophim ist eines der bedeutendsten Figurenportale in Südostfrankreich.
15:32Das Meisterwerk empfängt die Gläubigen mit eindeutigen Botschaften.
15:37Jemand, der dann zur Kathedrale gehen wollte, ein Besucher, ein Pilger, sah wahrscheinlich als erstes die Seitenfronten dieses Vorbaus.
15:45Und da wird dann betont, die Höllenstrafen und die Seelenwägung, das, was halt eben den Gläubigen erwartet, der nicht seine
15:53Christenpflichten erfüllt.
15:56Mit solchen einschüchternden Szenen wurde der Gläubige schon vor dem Betreten der Kirche konfrontiert.
16:03Wenn er vor diesem Portal steht, empfängt ihn als erstes der richtende Christus mit seinen Aposteln.
16:15Interessant ist also auch die Plastizität 3D.
16:18Ich vergleiche es immer gerne mit der heutigen Tendenz dazu, dass Menschen das dreidimensional erfahren wurden.
16:24Es muss etwas Ähnliches gewesen sein, dass man dann auf einmal überall diese Skulptur, das als Medium nutzt, um Botschaften
16:32den Menschen nahe zu bringen.
16:34Und es sollte wirken, es sollte auch dann auf ihren Seelenzustand wirken.
16:39Ende der 1980er Jahre wurde das Portal aufwendig restauriert.
16:43Seitdem, so heißt es, strahlt hier das Mittelalter.
16:48Bis 1792 befand sich an der Südseite der Kirche das Kloster Saint-Trophim.
16:54Zentraler Teil der Anlage war der repräsentative Kreuzgang mit seinem reichen Skulpturenschmuck.
17:00Ein Prestigeobjekt der Klerikergemeinschaft, an dem sich Kunsthistoriker Professor Hartmann-Virnig immer noch nicht satt gesehen hat.
17:10Ich habe schon tausende Fotos hier von diesem Kreuzgang seit Jahrzehnten.
17:16Und jedes Mal, wenn ich komme, gibt es immer wieder etwas Neues zu sehen, Details, aber auch Lichtverhältnisse, die sich
17:23ändern.
17:24Jeden Tag ist was anderes, jede Jahreszeit ist anders. Also von da ist es ein fantastischer Ort.
17:32Möglicherweise soll die außergewöhnliche Pracht auch dazu gedient haben, potenziellen Geldgebern zu imponieren.
17:38Der Kreuzgang wurde zwischen dem 12. und dem 14. Jahrhundert in mehreren Bauphasen errichtet.
17:45Typisch für Arlen, für diesen Kreuzgang, eben die romanischen Galerien selbst.
17:49Diese stark mit Bildern halt eben fast überfrachteten Stützen und das Gewölbe.
17:55Mal mit romanisch Runden, mal mit gotisch Spitzenbögen.
18:00Das Gebäudeensemble ist 1981 zum Weltkulturerbe erklärt worden.
18:06Trotz seines reichen historischen Erbes ist Arles keine Stadt der Vergangenheit.
18:12So trifft sich jeden Sommer das internationale Who is Who der zeitgenössischen Fotografie beim Festival Rencontre d'Arles.
18:21Anne Clercq, selbst Inhaberin einer Fotogalerie, ist die Tochter des Mitbegründers Lucien Clercq,
18:28der eigentlich ganz andere berufliche Pläne hatte.
18:35Mein Vater wollte Torero werden, aber mit Brille wird man kein Torero. Das war nicht möglich.
18:42Notgedrungen musste sich Lucien Clercq für einen anderen Beruf entscheiden.
18:46Statt Torero wurde er Fotograf.
18:48Ein erster Höhepunkt seiner Karriere war die Einladung, im New Yorker Museum of Modern Art auszustellen,
18:55dem Mecker der Kunst schlechthin.
18:58Stellen Sie sich vor, Lucien Clercq, ein kleiner Mann aus der kleinen Stadt Arles, wird eingeladen, im MoMA auszustellen.
19:04Das war wirklich außergewöhnlich. Fast schon ein bisschen zu viel der Ehre.
19:09Denn wenn man mit 27 Jahren im MoMA ausstellt, was soll dann noch kommen?
19:14Der Besuch im MoMA brachte Lucien Clercq auf eine Idee, die für Arles entscheiden werden sollte.
19:23Er läuft durch Räume, in denen die Fotografie gleichberechtigt mit Malerei und Skulptur ausgestellt ist.
19:30Gleichberechtigt mit Kunst im Allgemeinen.
19:34Da ist er wie vom Blitz getroffen.
19:36Von da an hat er eine Mission.
19:39Nämlich, dass auch in Frankreich die Fotografie als Kunstform anerkannt wird.
19:43Und dafür denkt er sofort ans Musée Réa-Tus.
19:49Das städtische Museum für moderne Kunst in Arm.
19:53Untergebracht im ehemaligen Sitz des Malteser-Ordens in der Provence aus dem 15. Jahrhundert.
19:59Auch Weltkulturerbe.
20:01Als erstes Kunstmuseum in Frankreich legte es eine beachtliche Fotosammlung an.
20:13Hier sind die Großen der Fotokunst vertreten.
20:17Neben Lucien Clercq Namen wie Henri Cartier-Bresson, Brassay, Robert Doineau oder auch die Deutsch-Französin Giselle Freund.
20:28Heute umfasst die Sammlung mehr als 5000 Fotografien.
20:32Und begonnen hat all das in Arles.
20:37Arles. Offenbar ein fruchtbarer Boden für innovative kulturelle Projekte.
20:42Und keineswegs erdrückt durch die Monumente seiner römischen und mittelalterlichen Vergangenheit.
20:54Mit Vergnügungsstätten wie dem antiken Theater oder der Arena wollten die römischen Kolonialherren vor allem die eigene Kultur verbreiten.
21:02Im Gegensatz zur Arena ist das Theater aber weitgehend zerstört worden.
21:07Zeitweise wurde es als Steinbruch genutzt, um Baumaterial zu gewinnen, unter anderem für die Kirche Saint-Trophim.
21:19Heute finden in den Überresten der antiken Spielstätte sommerliche Open-Air-Veranstaltungen statt.
21:27Sich wieder ein Bild vom ursprünglichen Zustand eines solchen Orts zu machen, das ist die Arbeit von Jean-Claude Gauvin.
21:37Das große Problem, vor dem wir immer stehen, wenn wir zerstörte Städten, Ruinen sehen, ist die Frage, wie sahen diese
21:45Dinge aus?
21:47Wie sahen diese Denkmäler ursprünglich aus und was war ihre Rolle, ihre Funktion?
21:54Das, was fehlt, kann nur durch das Studium vergleichbarer Beispiele aus einer vergleichbaren Epoche erforscht werden.
22:01Vergleichbar sowohl bezüglich der Form als auch der Zivilisation.
22:08Man muss aus dem, was man vor sich hat, Vorstellungen, Möglichkeiten ableiten und das vorschlagen, was am ehesten der ursprünglichen
22:17Stadt, dem ursprünglichen Objekt nahe kommt.
22:23Man nennt Gauvin auch den Maler verschwundener Welten.
22:27Der Archäologe, Architekt und leidenschaftliche Zeichner hat das Genre quasi erfunden.
22:34Arles ist ein wichtiger Hafen, als Bindeglied zwischen Fluss- und Seeverkehr.
22:43Deshalb haben wir hier das kommerzielle, industrielle und aktive Viertel der Stadt,
22:48während wir hier vorwiegend ein Wohnviertel mit großen öffentlichen Gebäuden haben.
22:53Das Forum gibt Rätsel auf. Wir kennen es nur teilweise.
22:58Und so greift man für den am wenigsten bekannten Teil auf Hypothesen zurück,
23:02denn das Forum liegt unter der heutigen Stadt.
23:09Und zwar genau unter dem Rathausplatz, bis heute das Zentrum des städtischen Lebens.
23:17Wie der riesige Platz in der römischen Ära als Forum ausgesehen haben könnte, zeigt ein Modell im Antikenmuseum von Ahr.
23:29Nur wenige Reste des ursprünglichen Bauwerks, das einen großen Teil des antiken Stadtgebiets einnahm, sind erhalten.
23:37Ein paar Säulen, Reste einer Straße eines Bürgersteigs, ein paar Pflastersteine.
23:52Wir befinden uns im Hof des Museons Ahrlatans.
23:55In seinem Zentrum, direkt hinter mir, befinden sich Überreste des römischen Forums aus dem ersten Jahrhundert nach Christus,
24:02also aus der Zeit von Kaiser Augustus.
24:04Davon ist nur noch ein Teil erhalten, der Excedra genannt wird, ein Halbkreis, der das zentrale Forum flankierte.
24:20Die Überreste dieser Excedra des römischen Forums sind Spuren eines Ortes, der für eine römische Stadt damals von großer Bedeutung
24:29war.
24:30Es handelte sich um einen wahrhaft öffentlichen Ort, wo über politische und gesellschaftliche Themen diskutiert wurde.
24:37Kaiser und andere wichtige politische Persönlichkeiten waren hier in Form von Statuen präsentiert.
24:42Davon ist nichts mehr übrig.
24:49Das Forum mit seinen 3400 Quadratmetern lag teilweise auf abschüssigem Gelände.
24:56Massive unterirdische Gewölbe, der sogenannte Crypto Porticus, mussten den Platz abstützen.
25:02Überhaupt hat Arl eine Unterwelt, die den Archäologen Mark Heymans fasziniert.
25:09Viele antike Häuser hatten Keller und als man diese rund um das 17. Jahrhundert wiederentdeckt, wurden sie legendär.
25:18Wenn man in Arl Leute besucht, erzählen alle, dass sie als Kinder von ihrem Keller aus bis zum Crypto Porticus
25:25gehen konnten.
25:26Alle Keller von Arl waren untereinander verbunden.
25:30Dieses Wissen über Keller und unterirdische Tempel wurde also immer weitergegeben.
25:34Ich schwöre, wenn man jemanden besucht, lässt man sich den Keller zeigen.
25:38Und viele sagen, dass man früher von ihrem Keller aus bis zum Crypto Porticus gelangen konnte.
25:47Alle hier gehen davon aus, dass in Arl noch viel Unentdecktes unter den Häusern schlummert.
25:52Erst vor wenigen Jahren haben Archäologen einen spektakulären Fund gemacht, der international großes Aufsehen erregt hat.
26:02Im Tractay-Viertel, also diesem Bereich hier, wurde eine Villa entdeckt mit Resten der eingestürzten Decke, der Wände und der
26:10wunderschönen Fresken.
26:12Sie wird natürlich besonders vorsichtig ausgegraben.
26:15Die Fragmente werden ins Museum gebracht und dann mit viel Geduld wieder zusammengesetzt.
26:20Dabei wird sehr methodisch vorgegangen, denn diese Dinge haben nur durch einen Glücksfall überlebt.
26:29Herausragend ist vor allem ein Fresco mit großformatigen figürlichen Darstellungen.
26:34Vergleichbare Malereien aus dieser Epoche sind in Frankreich nie zuvor entdeckt worden.
26:40Wenn wir sehr große Teile, vielleicht sogar ein ganzes Wandbild rekonstruieren können, was hier bei einem Raum der Fall ist,
26:47können wir daraus die Höhe der Zimmer ableiten, die Lage der Fenster und Türen, ob da eine Decke oder ein
26:52Gewölbe war.
26:53Diese Malereien liefern uns quasi die Gussform für Wände und Räume und eine Fülle an Informationen,
26:58die helfen werden, den Gebäudekomplex insgesamt zu verstehen.
27:03Fast 1000 Kisten haben die Forscher aus der ehemaligen römischen Villa getragen.
27:07Schon aufgrund der Menge ein außergewöhnlicher Fund.
27:11Beinahe unvorstellbar, wie aus diesen Massen, die wie simpler Bauschutt aussehen, irgendetwas Sinnvolles rekonstruiert werden soll.
27:20Die Ausgrabungen dauerten von 2013 bis 2017 und dabei kam diese römische Villa zum Vorschein.
27:28Ein sehr früher Bau aus den Jahren 70 bis 50 vor Christus.
27:32Er ist älter als die römische Kolonie von Aal und doch mit allen typischen Merkmalen eines römischen Hauses.
27:40Das Interessante daran ist, dass die Villa bis zu einem Meter Höhe erhalten ist.
27:44Der Rest der bemalten Wände ist eingestürzt, aber man kann sie mit der Bemalung der ein Meter hohen Mauerreste verknüpfen.
27:53Inspiriert vom Fragment einer der Malereien tauften sie es, das Haus der Harfinistin.
28:01Bei dieser Ausgrabung wurden Malereien freigelegt, die in mehrfacher Hinsicht von Bedeutung sind.
28:06Zunächst einmal sind es die ersten, die in Aal gefunden wurden.
28:09Vor allem aber handelt es sich um sehr frühe Malereien.
28:12Man unterscheidet vier pompeianische Stile und diese Malereien ordnen wir dem zweiten zu.
28:19Außerhalb von Pompeji sind vergleichbare Funde selbst in Italien äußerst selten.
28:24Bis bei der Rekonstruktion der Malereien überhaupt mal irgendein Bild, ein Motiv zu erkennen ist,
28:30sind Fingerspitzengefühl, großes Fachwissen und ein langer Atem gefragt.
28:40In dieser Phase untersuchen wir, wie wir das Puzzle der Ornamente zusammensetzen können.
28:45Natürlich ist ein Ziel, die Fresken anschließend im Museum zu präsentieren, aber zuallererst ist das eine Forschungsaufgabe.
28:52Je mehr wir zusammensetzen können, desto besser verstehen wir das Fresko.
28:56Und das wird uns ermöglichen, die Atmosphäre und die Architektur dieser Räume zu rekonstruieren.
29:04Wäre es nicht wünschenswert, dass ein so außergewöhnlicher Fund auch zum Weltkulturerbe erklärt wird?
29:10Wir sind uns auch so bewusst, dass wir an einem sehr außergewöhnlichen Fund arbeiten,
29:15der wissenschaftlich und denkmalschützerisch von großer Bedeutung ist.
29:19Ein UNESCO-Siegel wäre natürlich das Sahnehäubchen.
29:26Was das Experten-Team hier so feierlich und ganz ausnahmsweise präsentiert,
29:31sind die ersten rekonstruierten Teile der Wandmalereien.
29:37Bevor diese Fresken aber öffentlich ausgestellt werden können,
29:41müssen noch schwierige restauratorische Probleme gelöst werden.
29:50Diese Arbeit ist sehr wichtig, weil die Fresken Zinnober enthalten.
29:55Zinnober ist ein Pigment, das in der Antike sehr beliebt war.
29:59Ein Rot, das leider die ärgerliche Eigenschaft hat, bei Lichteinfall schwarz zu werden.
30:06Unsere Restaurateurinnen versuchen also, eine Lösung zu finden,
30:09wie dieses Phänomen gestoppt werden kann,
30:12damit wir die Fresken irgendwann in unserer Dauerausstellung zeigen können,
30:16ohne dass sie Schaden nehmen.
30:29Zu den eindrucksvollsten Hinterlassenschaften der Römer gehören die Thermen,
30:34die Kaiser Konstantin im Zentrum der antiken Stadt bauen ließ.
30:39In der antiken Welt war die Therme ein sehr wichtiger Ort,
30:43an dem man badete, sich wusch, wo man sich aber auch traf.
30:48Die Thermen, als das Zentrum des gesellschaftlichen Lebens,
30:52waren oft auch mit Bibliotheken oder Theatersälen ausgestattet.
30:58Dieser Thermalkomplex aus der Antike ist noch sehr, sehr gut erhalten,
31:02weil er von Mauern umgeben war.
31:05Man denkt, dass das, was man heute sieht, die Therme ist,
31:08aber in Wirklichkeit ging sie weiter in Richtung Süden.
31:11Wir kennen also den Komplex noch nicht vollständig,
31:14aber das, was wir sehen, ist im Originalzustand erhalten.
31:22Was hier aus den Überresten hypothetisch rekonstruiert wurde,
31:26galt jahrhundertelang als Palast Kaiser Konstantins.
31:30Ausgrabungen am Ende des 19. Jahrhunderts zeigten aber,
31:34dass es sich wohl nicht um ein Palast,
31:36sondern um Thermen handelt, wie sie jede antike Stadt besaß.
31:45Die Thermen dienten natürlich der Körperhygiene.
31:48Sie waren für alle zugänglich.
31:50Männer und Frauen, aber normalerweise getrennt.
31:55Wir befinden uns hier in dem am besten erhaltenen Teil.
31:59Hier ist die Feuerstelle.
32:00Von hier strömte die warme Luft unter den Marmorboden, den Sie sehen.
32:06Dann durch kleine Kanäle aus Terracotta, die Wände hinauf
32:09und schließlich durch die Schornsteine wieder hinaus,
32:12die wir hier im Dach haben.
32:16Ein durchdachtes und gut funktionierendes System.
32:19Auch die Konstantin-Thermen stehen als Weltkulturerbe
32:23unter dem Schutz der UNESCO.
32:28Wie blicken zeitgenössische Künstler aus aller Welt
32:31auf das beschauliche Städtchen und sein Kulturerbe?
32:37Künstler und Künstlerinnen reagieren auf die Landschaft,
32:41reagieren auf das Licht,
32:42reagieren auf die ganzen ökologischen Fragen,
32:44die sich erstellen, aber reagieren natürlich auch
32:46auf die Geschichte, die präsent ist.
32:50Und die besteht nicht nur aus Römerzeit und Mittelalter.
32:55Zur neueren Geschichte des Kunstorts Arles
32:58gehört vor allem Vincent van Gogh,
33:00der hier als Maler die produktivste Phase seines Lebens hatte.
33:05Außerdem wollte er in Arles seinen großen Traum verwirklichen.
33:09Die Gründung einer Künstlerkolonie, das Atelier des Südens.
33:14Ein Traum, der tragisch enden sollte.
33:23Frank Gehry hat uns auch immer wieder gesagt,
33:26dass sein Gebäude hier ist eine ganz klare Antwort
33:29auch auf die Geschichte von Arles.
33:31Weil er kam nach Frankreich als ganz junger Architekt
33:33und hat hier auch die Geschichte studiert.
33:37Und das hatte einen großen Einfluss auf das Gebäude.
33:40Und Van Gogh war auch wichtig für ihn.
33:41Er sah das ja auch wie eine Art von Lichtmaschine,
33:44dieses Gebäudes.
33:45Es fängt ja das Licht ein.
33:46Und es ist auch so, dass es sich dauernd verändert.
33:50Auch innen gibt es überraschende Sichtachsen
33:53und viel Spannendes aus Kunst und Design zu entdecken.
33:56Ab und zu hört man zwar immer noch,
33:58der Turm passe einfach nicht in eine antike Stadt.
34:01Aber diese Stimmen scheinen weniger zu werden.
34:06Es war nie meine Absicht,
34:08das Gebäude gegen die Altstadt zu stellen.
34:11Im Gegenteil, ich denke,
34:13Frank Gehry hat versucht, mit der Architektur zu malen.
34:16All die Facetten dieses Gebäudes dienen dazu,
34:19das Bestehende zu reflektieren
34:21und die Architektur durch das Licht zu modulieren.
34:25Er hat mit der Architektur gemalt.
34:29Nach Gehrys Vorstellung
34:30sollen die 11.000 Edelstahlplatten
34:33den Himmel reflektieren,
34:34aber auch an Van Goghs breite Pinselstriche erinnern.
34:39Man kann sich ins Café setzen,
34:41auf der anderen Straßenseite,
34:43das Gebäude betrachten.
34:44Alle paar Sekunden ist es anders.
34:45Es ist nie zweimal die gleiche Situation.
34:50Ein Künstler, der gern und häufig nach Ahr gekommen ist,
34:53war Pablo Picasso.
34:58Er ging dann ins Amphitheater,
35:01um sich Stierkämpfe anzusehen
35:02und besuchte bei der Gelegenheit
35:04sein engen Freund Lucien Clerc,
35:06den berühmten Fotografen und verhinderten Torero.
35:12Zwischen den Picassos und den Clercs
35:14entwickelte sich im Laufe der Jahre
35:16ein sehr familiäres Verhältnis.
35:22Claude, Picasso, Jacqueline, Paco Munoz und die Arena.
35:37Man darf nicht vergessen,
35:39dass Picasso, seit Franco an der Macht war,
35:41nicht mehr nach Spanien zurückkehren wollte.
35:44Aber er fand seine Kultur in Ahrl und in Nîmes wieder,
35:47mit den Toreros, dem Stierkampf.
35:49Er hatte Freunde, er konnte Spanisch sprechen.
35:52Deshalb kam er sehr gerne nach Ahrl.
35:56Es war auch eine Corrida,
35:57bei der er meinen Vater 1953 in Ahrl kennenlernt.
36:01Sie wurden Freunde und blieben es
36:03bis zu Picassos Tod 1973.
36:06Er wurde auch der Patenonkel
36:08meiner kleinen Schwester Olivia.
36:10So ist diese Freundschaft entstanden.
36:16Doch trotz aller Leidenschaft
36:18stand der Stierkampf für Picasso
36:20nicht an erster Stelle.
36:24Am allermeisten liebte er Ahrl wegen Van Gogh.
36:29Immer wieder Van Gogh.
36:31Das Licht von Van Gogh.
36:33Wenn Picasso also nach Ahrl kam,
36:35ging er natürlich ins Musée Réatü.
36:38Es gab dort eine Van Gogh-Ausstellung
36:40und er hatte darum gebeten,
36:42dass man ihn anruft,
36:43wenn die Bilder abgehängt werden.
36:46Weil er einmal einen Van Gogh
36:48in den Händen halten wollte.
36:53Zwar war Van Gogh während seiner Zeit
36:55in Ahrl als Maler sehr produktiv.
36:57Auch als Motiv spielt die Stadt
36:59eine große Rolle.
37:00Rund 300 Werke sind innerhalb
37:02von 15 Monaten entstanden,
37:04darunter einige seiner bekanntesten.
37:06Trotzdem besitzt die Stadt
37:08kein einziges Gemälde von ihm.
37:14Das einzige Original von Van Gogh,
37:17das es in Ahrl gibt
37:18und das im Musée Réatü aufbewahrt wird,
37:21ist ein handgeschriebener Brief
37:22an den lieben Freund Paul Gauguin.
37:29Anders als Picasso hat Van Gogh
37:31sich in Ahrl wenig für die Stiere
37:33in der Arena interessiert.
37:34Ihm ging es um Menschen,
37:37Landschaften und die kräftigen Farben
37:39des Südens.
37:44Van Gogh hat ja nicht nur hier gelebt
37:47und viele seiner wichtigsten Bilder gemalt
37:49und war natürlich angezogen
37:50von dem Licht, der Kamar.
37:54Van Gogh wollte ja nicht nur
37:55seine eigene Arbeit hier realisieren,
37:58sondern hatte ja diesen Traum.
37:59Und er wollte unbedingt,
38:00dass sein guter Freund Gauguin
38:02hierher kommt und auch andere Künstler.
38:04Und leider hat das nicht stattgefunden
38:05und es blieb ein unrealisiertes Projekt.
38:09Gauguin kam zwar,
38:11reiste aber nach wenigen Wochen
38:12und einem heftigen Streit wieder ab.
38:15Van Goghs Traum von der Künstlerkolonie
38:17in Ahrl war gescheitert.
38:19Verzweifelt schneidet er sich
38:20einen Teil seines Ohrs ab
38:22und wird ins örtliche Krankenhaus eingeliefert.
38:28Heute sind dort Archive
38:29und Büros untergebracht.
38:32Nur der Klinikgarten
38:33ist wieder genauso angelegt worden,
38:35wie Van Gogh ihn damals gemalt hat.
38:42Dieses unrealisierte Projekt
38:44von Van Gogh,
38:45das Atelier des Südens,
38:46ist in Begriffe zu entstehen.
38:48Der Luma Campus,
38:50den Hans-Ulrich Obrist meint,
38:51will allerdings kein reiner Kunstort sein.
38:54Eher ein Geflecht aus Ausstellungsräumen,
38:57Archiven, Künstlerresidenzen
38:58und eine Art Think Tank
39:00für Zukunftsfragen.
39:02Maja Hoffmann sieht den Campus
39:04als Brutstätte und Schauplatz zugleich.
39:10Das ist das Forschungslabor des Luma.
39:13Das Team ist komplett multidisziplinär
39:16und bei unserer Arbeit
39:17spielt oft auch der Zufall eine Rolle.
39:23Es geht um nachhaltiges Alltags- und Industriedesign.
39:27Dabei werden neue Materialien
39:29auf Basis lokaler Rohstoffe entwickelt.
39:36Das ganze Team arbeitet zusammen.
39:39Das heißt, wir haben kein Projekt,
39:40das nur einem Biologen oder Designer
39:42zugeordnet wird.
39:44Die Idee ist,
39:45auch fachfremd darauf zu schauen.
39:46Das Besondere an der Arbeit
39:49in einem multidisziplinären Team ist,
39:51dass sich eben die verschiedenen Expertisen ergänzen
39:54und dass es nicht den einen Blick gibt,
39:56den Expertenblick,
39:58der nur auf die eigenen Ziele fokussiert,
40:01sondern dass jede Frage
40:02aus verschiedenen Blickwinkeln betrachtet wird,
40:04man also das Thema ganzheitlich untersucht
40:07und gemeinsam Lösungen findet.
40:10Was hier vor sich hin blubbert,
40:12sind Algen,
40:13aus denen das Designer- und Forschungsteam
40:15bereits einige organische Materialien entwickelt hat.
40:18Materialien für Wandverkleidungen oder Gefäße.
40:23Ein anderer Rohstoff,
40:25der unweit von Ahr reichlich vorkommt,
40:27ist Salz.
40:31Die Idee war,
40:33mit dem Blick eines Designers
40:34andere Verwendungsmöglichkeiten für Salz zu finden.
40:37Und so wurde mithilfe von Salzbauern aus der Region
40:40ein ganzes Know-how
40:41rund um seine Kristallisation entwickelt.
40:46Das Ergebnis können Besucher
40:48im Gary-Turm sehen und anfassen.
40:50Dort sind die Wände mit Paneelen
40:52aus Kamark-Salz verkleidet.
40:56Salz ist von Natur aus feuerfest.
40:59Es ist von Natur aus antibakteriell
41:01und kommt hier in der Nähe
41:03in riesigen Mengen vor.
41:08Ebenfalls typisch für die Region
41:11Sonnenblumen.
41:17Sie sind für die Region ikonisch.
41:19Ich sage nur Van Gogh.
41:21Heute werden Sonnenblumen
41:22in der Kamark hauptsächlich
41:24zur Ölgewinnung angebaut.
41:26Aber dafür braucht man nur die Kerne.
41:29Was könnte man mit dem Rest
41:30der Pflanze anstellen?
41:34Wir haben die Pflanze analysiert,
41:37um zu sehen,
41:38wie wir die Abfälle nutzen können.
41:40Und wir haben verschiedene
41:42Bestandteile extrahiert,
41:44aus denen wir heute Dämmstoffe,
41:46aber auch Möbelkomponenten
41:47herstellen können.
41:48Wir haben auch viele Elemente
41:49und wir wollen anders bauen,
42:00mit recycelten Materialien,
42:03Materialien, die wir um uns herum haben.
42:06Aber es gibt auch noch viel Unbekanntes
42:08bei der Frage,
42:09wie wir morgen bauen wollen.
42:21Wir denken viel darüber nach,
42:23wie das Luma in zehn Jahren aussehen wird.
42:26Aber auch 2050.
42:29Und wie sehr es den Alltag beeinflussen kann,
42:32die Art, wie wir denken
42:34und wie wir Projekte angehen.
42:39Daher sehe ich das Projekt Luma in Arl
42:41als ein Werkzeug,
42:42um diesbezüglich Fortschritte zu machen.
42:51Wir wissen ja nicht,
42:53wo die Kunst in zehn Jahren sein wird.
42:55Wir wissen nicht,
42:56was Künstler in zehn Jahren machen werden.
42:58Es wird auch eine neue Generation
42:59von Künstlern in zehn Jahren präsent sein,
43:01die noch nicht jetzt sichtbar ist.
43:03Wir wissen nicht,
43:04was diese Generation machen wird.
43:05Deshalb, glaube ich, ist es wichtig,
43:06dass Kulturinstitutionen diese Offenheit haben.
43:12Man kann sich vorstellen,
43:13dass hier immer mehr Künstler sein werden in Arl
43:15und dass es ein Ort ist,
43:18wo sich die Zukunft entwickeln kann.
43:21Und die Vergangenheit eine Werkzeugkiste ist,
43:24wie Hans-Ulrich Obrist es ausdrückt.
43:26Wie kann das aussehen?
43:28Welche Rolle kommt dem Kulturerbe künftig zu?
43:33Es ist an uns,
43:36Denkmalpflegerinnen, Restauratorinnen
43:37und Architektinnen,
43:39diese Flamme zu schützen.
43:41Das Interesse an diesem Erbe,
43:43das mehr als 2000 Jahre alt ist.
43:45Denn es ist diese historische Vierschichtigkeit,
43:48die auch heute noch Besucher
43:50aus der ganzen Welt fasziniert.
43:51Das ist die Welt für den ganzen Welt.
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