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00:05We knew that you were afraid of something.
00:10And then the kindergartner came on and she said,
00:14could you imagine that Lena is missing?
00:17It's not automatically that you check,
00:19there is something bad, you say it,
00:22you don't want to go home or you don't want to go home.
00:24I was in our family very close, I loved her.
00:27And then came another Therapeut and he said,
00:30Lena, you must say it.
00:31And then she said, Lena knows nothing about Sexuality.
00:34And then she said, we can try it with a picture.
00:37And then I made an irrigated penis and a normal penis.
00:40And then I asked her if she saw it.
00:43And then she showed it on the irrigated penis.
00:46And I said, where have you ever seen it?
00:48Yeah, the XY has put it in me.
00:51Oh my God.
01:31Why is it so important to talk about you?
01:35Will you start?
01:36I want to make this topic a bit more such a thing because it is unasspreched.
01:44Also, als ich damals das herausgefunden habe und ich wollte zu jemandem damit hingehen. Oh, ich will das nicht hören.
01:50Das kann ich nicht ab. Das ist mir zu schwer. Also, ich war so isoliert, seit das aufgedeckt wurde. Bis
01:58heute habe ich eine Einsamkeit. Habe ich immer gesagt, Missbrauch macht einsam.
02:02Und genau deswegen braucht es gerade euch, diejenigen, die laut werden, dass ich endlich das erinnern kann. Danke.
02:12Lena, du warst zwei Jahre alt. Du konntest noch nicht wirklich sprechen, als die Übergriffe begonnen haben. Und die gingen
02:19bis zu deinem sechsten Lebensjahr. Kannst du dich überhaupt an diese Zeit erinnern?
02:24Ja, also das erste Mal erinnere ich mich halt, als ich zwei Jahre alt war, an den Übergriff, weil ich
02:30meine Schwester danach kennengelernt habe. Die ist halt geboren in dieser Nacht, also in dieser Zeit. Deshalb ist das so
02:37prägend für mich.
02:38Und ich erinnere mich halt einfach noch daran, wie ich in diesem Reisebett lag und der Mann mit der Taschenlampe
02:43halt durch das Zimmer, in das Zimmer reingekommen ist, mich aus dem Bett gehoben hat, mich eben dann sexuell missbraucht
02:48hat.
02:48Und ich dann noch, das war eigentlich das Schlimmste, weil ich dann so zur Seite geguckt hatte und dann die
02:54Frau hinter der Lampe gesehen hat, die so mit einer Kamera auf mich gerichtet war, also diese alten Videokameras, und
02:59gemeint hatte, Lena, lächle doch mal in die Kamera.
03:01Aber auch in so einer Sprache, wie du es in einer ganz normalen Situation sagen würdest. Und ich weiß noch,
03:08wie ich das so nicht einordnen konnte alles.
03:10Und auch später, also die Erinnerungen verschwimmen halt so krass, weil zum Beispiel war es manchmal so, wenn wir losgefahren
03:17sind, haben wir dann so einen Tupperbecher bekommen mit zum Beispiel Orangensaft drin.
03:21Und dann waren da einmal so Stückchen, ich mag halt das Stückchen, also weder Joghurt noch irgendwo anders. Und ich
03:26meinte halt, nee, ich will das nicht trinken.
03:28Da ist ein Stückchen drin. Und dann meinte die Frau, ich verrühre es nochmal und jetzt trinke.
03:32So, dann sind wir losgefahren und das andere Kind auf dem Rücksitz ist halt immer bei jeder Fahrt eingeschlafen.
03:38Und ich dachte jedes Mal, wie kann man denn auf jeder Fahrt einschlafen? Also das Kind ist vor mir halt
03:43eingeschlafen.
03:44Und dann bin ich auch eingeschlafen und dann erinnere ich mich halt nur noch, wie ich da so lag und
03:48halt viele nackte Bäuche quasi so um mich herum waren und mich eben auch sexuell missbraucht haben.
03:52Und als wir wieder zurückgekommen sind, standet ihr dann ja an der Tür, also Mama und Papa, und haben dann
03:59gefragt, so wie man das macht.
04:00Hey, was habt ihr denn Schönes gemacht? Und dann streichelt mir der Täter so über den Kopf und sagt dann
04:05so, ja, wir waren am Strand.
04:07War auch toll am Strand, oder Lena? Und ich weiß noch, wie ich da saß und dachte, irgendwas stimmt mir
04:13nicht.
04:13Also ich erinnere mich nicht, dass wir am Strand waren. Und wenn gesagt wird, das ist da so toll, dann
04:18will ich doch wissen, wie toll das war.
04:21Ich will doch diese schöne Erinnerung selber haben. Und ich war irgendwann so, weil ich auch gelernt habe, okay, Erwachsene
04:27haben immer recht, ein Kind nicht.
04:30Das heißt, der muss ja recht haben und irgendwas stimmt mit meiner Psyche nicht.
04:33Und deshalb sind so ganz viele kleine Fetzen. Ich glaube, das schlimmste Fetzen, und ich glaube, das weiß ich nicht,
04:40ob das hier jemand versteht,
04:41aber das schlimmste Fetzen war damals für mich, als ich halt gesehen habe, wie die versucht haben, Säugling.
04:47So es war auch und diese Schreie. Und ich hatte ein Leben lang Angst, wenn ich Kinder bekomme, dass ich
04:52diese Schreie nicht hören kann,
04:54weil mich das, also selber da zu sitzen, Entschuldigung, ich würde lieber alles selber im Leben ertragen, Entschuldigung,
05:06als ein anderes Wesen zu sehen, wie das so eine Gewalt erfährt.
05:11Wenn man das selber erlebt, dann kann man das irgendwie festhalten, man kann es irgendwie aushalten, man kann es abspalten,
05:15aber es so zu sehen und dann auch noch ein Wesen, das man liebt, das war, ja, also die Erinnerungen
05:23sind viel, viel.
05:25Vor allem, es ist so schlimm zu sehen, wozu Menschen imstande sind, wo man sich denkt, das kann kein Mensch
05:30mehr sein, das ist ein Ungetüm.
05:33Welches Verhältnis hattest du denn zu diesem Täter und der Täterin, wenn du sagst, dass ihr mit denen auch Ausflüge
05:38gemacht habt?
05:39Also ich darf das genaue Verhältnis nicht benennen, weil die nie verurteilt worden sind.
05:43Und, aber sie waren auf jeden Fall sehr nah, sie standen unter unserer Familie sehr nah, ich habe die auf
05:48jeden Fall geliebt.
05:49Und ich glaube, das ist auch ein Punkt, der ganz oft nicht gesehen wird.
05:52Es ist ja nicht so, man geht da hin und denkt dann, man erfährt irgendwas Schlimmes und abseits davon kann
05:58es ja auch sein, man wird sediert,
05:59man erinnert sich nicht dran, man ist ganz klein, man kann es nicht einordnen, es passiert in der Nacht, du
06:02denkst, das war ein Traum.
06:03Also es ist nicht automatisch so, dass du checkst, da passiert was Schlimmes, du kommst nach Hause, du sagst es
06:08und du gehst nicht mehr hin oder du willst auch nicht hin.
06:10Sondern es war einfach so, das war eine ungesunde Liebe, die aufgebaut worden ist, so Stück für Stück.
06:15Du denkst, es ist normal, du willst auch diese Liebe, du hechelst so danach und ja, wenn man die dann
06:21nicht mehr hat oder die verloren geht, dann ist man richtig traurig.
06:25Wie oft warst du denn mit denen unterwegs?
06:27Ja, in diesen ganzen Jahren schon oft.
06:30Und das Schlimme daran war ja auch, dass die, also ihr habt ja auch gemerkt, dass mir was nicht stimmt,
06:37also mein Verhalten hat sich halt verändert, ich hab halt wieder ans Bett gemacht,
06:39ich hab angefangen zu stottern, ich hatte eine Sozialphobie, ich hatte Angststörungen en masse, also das kann man sich nicht
06:44vorstellen.
06:45Ich hab, meine Finger waren irgendwann so verkrampft, dass ich die nicht mehr bewegen konnte.
06:49Ich war, ich hab mich aufgekratzt, ich hatte Albträume, also es war wirklich schlimm.
06:54Und dann seid ihr ja auch mit mir so zu verschieden, also zum ersten Arzt, wo wir hingegangen sind, das
06:59war eine Empfehlung von dem Täter.
07:00Und meine Mama hat natürlich gesagt, ja, irgendwas stimmt mit Lena nicht, habt ihr nicht eine Idee, was es sein
07:05könnte, ich will Hilfe holen, sowas.
07:07Und dann haben die halt empfohlen, ja, hier, die und die können wir halt empfehlen, geht mal dahin.
07:13Weil ich auch immer wund im Genitalbereich war.
07:15Und dann hat der Arzt halt zu euch gesagt, dass ihr euch da keine Gedanken machen müsst, dass es normal
07:20ist, dass sich Kinder zum Beispiel unten rumstochern.
07:23Und so was, solche Manipulationen und dass sie eben auch zu mir gesagt haben, deine Mama ist böse und ich
07:28war dann gegen ihr überaggressiv.
07:31Wie hat sich das für dich angefühlt?
07:34In dieser Missbrauchszeit bin ich natürlich auf die Suche gegangen.
07:37Ich habe gedacht, ich habe als Mutter hier gründlich versagt.
07:39Dein Kind ist sowas von dir gegenüber aggressiv.
07:42Du machst irgendwas falsch.
07:44Erziehungsberatung, Kinder- und Jugendpsychotherapeut war ich.
07:48Du hast eine Spieltherapie gemacht.
07:51Ich habe alles gemacht.
07:52Und irgendwann habe ich fast schon aufgegeben gehabt, weil ich gedacht habe, nee, du kannst das nicht.
07:56Du kannst das nicht, du bist so doof, um ein Kind zu erziehen.
07:59Und ich hatte ja noch ein zweites Kind, was okay war.
08:02Wir wussten irgendwie, hast du vor etwas ganz massiv Angst.
08:07Und da hat die Kindergärtnerin kam dann da drauf und sie hat gesagt, die kam drauf und hat zu mir
08:14gesagt, können Sie sich das vorstellen, dass Lena missbraucht wird?
08:18Und da war es so, dass ich mir dann überlegt habe, ja, wer ist denn das?
08:23Und ich wusste nur, das musste ich, also der Therapeut hat mir gesagt, das muss Lena selber sagen.
08:29Also ich bin zuerst zum anderen Therapeuten gegangen, habe den Verdacht geäußert.
08:33Und dann hat sie tatsächlich zu mir gesagt, ja, wollen Sie das wirklich wissen?
08:37Was?
08:38Ob Lena missbraucht worden ist?
08:40Was?
08:41Ja.
08:41So, und dann kam ein anderer Therapeuten, der hat zu mir gesagt, Lena muss ich selber sagen.
08:45Bis wir dann darauf kamen zu sagen, Lena weiß ja, weiß nichts über Sexualität.
08:49Und dann hat er gesagt, wir können das ja versuchen mit einem Bild.
08:52Also da habe ich einen erigierten Penis gemalt und einen normalen Penis.
08:56Und dann habe ich sie gefragt, ob sie das schon mal gesehen hat.
08:58Also da war ich auch noch nicht mal, dass Frauen irgendwie missbrauchen, sondern da war ich noch bei ganz Klassisch
09:03bei Männern.
09:03Und da hat sie ihm, hast du auf den erigierten Penis gezeigt.
09:07Und ich sage, ja, ich sage, wo hast du das schon mal erlebt?
09:10Ja, der XY hat das bei mir reingesteckt.
09:14Oh Gott.
09:15Oh mein Gott.
09:16Und da war mir klar eigentlich, und das machte, plötzlich machte alles Sinn.
09:20Plötzlich machte es, also eine ganze Blase zerplatzt und machte Sinn.
09:24Und dann stand ich da vor meinem Trauma.
09:26Und wie hast du dich dann gefühlt?
09:28Ich habe es verdrängt.
09:29Also es war in dem Moment, ich bin explodiert und ich wusste, ich überlebe das nicht.
09:33Ich bin nach oben gegangen.
09:34Ich habe mich da sitzen gelassen unten einfach.
09:35Und ich habe gesagt, geh mal spielen.
09:36Toll, dass du das gesagt hast und so.
09:39Und ganz automatisch, null Gefühl.
09:42Und bin nach oben gegangen auf den Dachboden und hatte in dem Moment hier so ein Kloß.
09:46Und habe gesagt, so jetzt stirbst du, du verbrennst.
09:49Der Schmerz war so groß.
09:51Und dann machte das plötzlich klack.
09:53Und dann war hier so ein Siegel.
09:54Und ich habe gedacht, ich kriege keine Luft.
09:56So.
09:57Und ich kriege auch eine Angststörung.
09:58Ganz schlimm.
09:59Also richtig schlimm.
10:00Und hatte nur gedacht, dann plötzlich ein Schalter hier oben.
10:03Hm, Lena sitzt da unten.
10:04Ich muss ja irgendwas tun jetzt.
10:06Entweder gehst du jetzt hin und schießt den Täter mal einen Haufen.
10:09Oder du siehst zu, dass du dein Kind noch aufwachsen siehst.
10:13Du musst alles Menschenmögliche tun.
10:15Und das war eine aktive Entscheidung dann zu sagen, ich habe also dann von dem Zeitpunkt
10:20an nur noch für dich gelebt.
10:21Es gab nichts mehr.
10:26Also, das ist auch für viele Themen und das ist schwer.
10:33Ja, das ist, also ich habe so großen Respekt davor, wie ihr damit umgeht, wie ihr das in
10:38die Öffentlichkeit tragt.
10:39Weil dann hast du, Lena, irgendwann darüber geredet.
10:42Ja.
10:43Was ist passiert?
10:43Dann sind wir direkt zur Polizei und dann saß ich halt in so einem Raum mit zwei Polizisten,
10:49die halt auch wieder eine Kamera und ein Licht auf mich hatten, so wie in dieser Missbausituation.
10:52Ich habe mich halt voll so getriggert gefühlt.
10:54Und die haben halt gesagt, ich brauchte halt Monate, dass ich meine Mama, die ich vertraut
10:58habe, das sage.
10:59Und ich hatte solche Angst, also vor den Tätern.
11:01Ich hatte Angst, dass ich die verliere.
11:03Ich hatte Angst, dass ich die verrate.
11:05Ich wollte nicht Penis oder Scheide damals halt sagen.
11:08Ich wollte alles, ich wollte nicht.
11:09Ich wollte einfach nur, dass es aufhört.
11:11Und so, und also, dass darüber gesprochen wird.
11:15Und dann saß ich da und sollte das jetzt aber alles erzählen, so wildfremden Menschen,
11:19die ich gerade erst getroffen habe in einer bestimmten Zeit, weil die wollen irgendwann
11:22ja auch Mittagspause machen.
11:23Und dann saß ich halt, ich war auch alleine da drin und habe dann versucht, so mein Bestes
11:29zu sagen.
11:29Und dann kam halt dabei raus, dass halt mehrere Kinder betroffen waren.
11:32Und dann gab es auch ein medizinisches Gutachten.
11:35Also wir mussten dann, also es gab ganz viele Untersuchungen noch und so.
11:39So, die Täter wurden benachrichtigt und gefragt, ob sie es gemacht haben.
11:42Natürlich nicht.
11:44Und dann, haben sie gesagt, ja, sie waren ganz betroffen.
11:49Also, ja, die waren halt sehr charmant, beliebt.
11:52Und man hätte sich das einfach bei denen nicht so vorstellen können.
11:55Aber auf jeden Fall war es dann so, dass ich dann da mich nicht untersuchen lassen
11:59wollte mehr, weil es war jedes Mal wieder so, du musst deine Beine auseinander machen,
12:02die Leute wollen deinen Intimbereich fassen.
12:05Und das hat, ich wollte, also das ging, ich hatte so eine Kraft in meinen Oberschenkeln.
12:09Ich weiß noch, wie ich da bei einer Untersuchung saß und sie wirklich versucht hat, meine
12:11Oberschenkel aus dem Kopf zu kriegen.
12:12Oh mein Gott.
12:12Aber es ging nicht, weil ich die so zusammengepresst habe.
12:15Und dann meinten sie so, okay, wir müssen dann sedieren.
12:18Und dann, also auch wieder, wie man es braucht.
12:20Und dann saß ich da und ich so, nee, ich werde nicht mehr schlafen hier in so einer
12:24fremden Situation und so.
12:25Natürlich bin ich dann eingeschlafen, aber dieser Kontrollverlust war halt einfach enorm
12:31krass.
12:31Aber bei der Untersuchung ist dann eben auch rausgekommen, dass wir sexuell missbraucht worden sind.
12:36Also wir Kinder.
12:37Ja, das war auch das erste Gutachten in Deutschland überhaupt, dass man mal nachweisen konnte, dass
12:42ein sexueller Missbrauch, also dass die Organe im Endeffekt zerstört sind.
12:47Also meine Blase war quasi so.
12:48Oh mein Gott.
12:49Aber ich hatte dann auf jeden Fall, also wir dachten halt, die Beweise sind gut.
12:54Es gab dann auch eine Hausdurchsuchung, weil wir halt auch, also wir hatten halt darüber
12:58berichtet auch, dass wir haben Filme ja aufgenommen, also verschiedene Arten.
13:02Also entweder mussten wir Kinder untereinander sexuelle Handlungen vornehmen mit Verkleidungen
13:07oder die Erwachsenen halt an uns und das wurde halt immer festgehalten und die haben
13:12wir dann manchmal auch zu Nachbarn gebracht.
13:13Ich weiß noch einmal ganz erschrocken war da nämlich auch so ein Familienpapa, der hat
13:16die Tür aufgemacht und meinte so, warum bringst du denn die Kinder mit?
13:19Und dann meinte der Täter noch so, ach die machen doch nichts.
13:22Und dann hat er halt dieses Paket mit den Filmen quasi so übergeben und dann haben die halt
13:29auch eine Hausdurchsuchung bei denen gemacht, aber halt Wochen nachdem die wussten, dass
13:32das Verfahren schon lief und dann wurde natürlich auch nichts mehr gefunden.
13:36Was hat das damals mit dir gemacht?
13:38Ich kann mir das überhaupt nicht vorstellen.
13:40Nee, also damals, wie gesagt, stand ich alleine da, komplett alleine.
13:46Also da war, ich konnte mit niemandem drüber sprechen.
13:49Jugendamt war überfordert, Polizei war überfordert, normale Therapeuten waren überfordert und
13:55so saß ich da alleine und wusste nicht weiter.
13:58Und dann sind wir in die Kinder- und Jugendpsychiatrie überwiesen worden.
14:04Und da war eine Chefärztin, die mich an die Hand genommen hat und gesagt hat, weil alle
14:10drumherum gesagt haben, das können Sie vergessen, Sie können Ihr Kind jetzt gerne hier in irgendeine
14:16Klinik oder in Behindertenwerkstatt packen, die ist mit acht Jahren tot.
14:19Wie bitte?
14:21Ja, das wurde mir gesagt, weil sie so stark behindert wäre durch den Missbrauch, dass sie das nicht
14:27überleben würde.
14:28Du hattest ja drei Selbstmordversuche hinter dir mit sechs Jahren.
14:31Du hattest mit sechs Jahren zwei Selbstmordversuche?
14:34Drei.
14:34Drei hinter dir?
14:35Der dritte war im öffentlichen Raum.
14:37Was ist passiert?
14:39Da wollte ich mich vom Dach unterstützen.
14:41Ich bin auf das Dach geklettert und dann wollte ich runterspringen.
14:43Aber ich wollte nicht sterben, ich weiß es noch, ich wollte nicht sterben, weil ich
14:48dachte, dass mir das alles zu viel ist, sondern Kinder sind so feinfühlig.
14:55Und ich liebe, man liebt die Eltern einfach so bedingungslos.
15:00Und wenn man sowas erzählt, dann sieht man halt das Umfeld so leiden auf einmal.
15:07Und mich hat nie mein eigener Schmerz so interessiert, sondern ich wollte halt nicht, dass ich, meine
15:12Eltern waren so fertig mit den Nerven und ich dachte, okay, ich habe das gesagt und wenn
15:17ich, wenn ich jetzt das wieder zurücknehme oder wenn ich nicht mehr da bin, dann geht es
15:22denen wieder besser.
15:23Und ich dachte, ich verursache den Schmerz hier und deshalb wollte ich dann halt gehen.
15:28Als zwei- bis sechsjährige Missbrauchtworten sich dreimal mit sechs versucht hat, das Leben
15:33zu nehmen, ihr beobachtet, dass alles stimmt, dass die noch am Gartenzaun standen, die Täterinnen
15:38und Täter und euch versucht haben, noch einzuschüchtern?
15:41Ja, es war so, dass auf dem Weg, egal wo wir waren, also ob wir einkaufen waren, irgendwo
15:46hingefahren sind, standen immer in schwarz kleidete Männer da.
15:49Also die haben quasi mit ihrer Anwesenheit gedroht, sage ich mal.
15:53Und dann gab es nochmal eine Situation, wo der Täter selbst am Gartenzaun stand und
15:58das, und ich habe alleine draußen im Sandkasten gespielt und er hat mich versucht zum Gartenzaun
16:02anzulocken.
16:03Ich weiß nicht, was er wollte, ob er mich mitnehmen wollte oder, ich war, ich war, ja, ich kann
16:06mir nichts anderes vorstellen, ich weiß es nicht, aber ich konnte mich auf einmal nicht
16:09bewegen.
16:09Ich war wie in so einem Freeze.
16:11Ich war, mein ganzer Körper war angespannt und ich hab, irgendwann kamst du raus, ich weiß
16:14nicht, wie viel Zeit vergangen ist und du hast gebrüllt.
16:18Ich weiß nur noch, du warst wie so eine Löwe und hast einfach so gebrüllt und ich, ich weiß
16:21nicht mehr, was du gesagt hast, aber auf jeden Fall war es am Weg.
16:24Ich hab die weggeschrien.
16:25Weißt du noch, was du gesagt hast?
16:26Keine Ahnung, fünf Wörter, die haben hier keinen Platz, aber ich bin hingegangen und ich
16:30hab die als, als, ja, als Täter.
16:35Wie habt ihr es geschafft, euch Hilfe zu holen?
16:39Wie seid ihr zu diesen unglaublich souveränen Menschen geworden, die hier sitzen und das
16:44einfach so erzählen vor Millionen von Menschen?
16:55Also bei mir kann man nicht sagen, dass das freiwillig war, denn ich wurde dann eingewiesen,
16:59natürlich, nach dem Selbstmordversuch in die Psychiatrie und da war ich dann halt auch
17:04alleine und ich weiß noch, wie ich in diesem Bett wirklich lag und mich so festgehalten habe,
17:09weil ich so dachte, meine Seele zerreißt, ich hab immer Laura Stern gehört und dachte
17:12immer, ach, ich bin auch da mit dem Zacken und will wieder heilen.
17:15Also ich hab mich an so viel so festgehalten, ich hab auch angefangen zu beten und dann kam
17:19damals eine Therapeutin aus Süddeutschland, wurde auf den Fall aufmerksam und die kam dann
17:24nach Norddeutschland und hat mit mir eine EMDR-Therapie gemacht.
17:27Und ich weiß noch, wie ich da saß vor ihr und mit verschränktem Arm und dachte, oh,
17:31die 50.
17:32Psychologin, was will sie mir jetzt erzählen?
17:35Wenn du sowas erlebt hast, du hast eine ganz andere Reife und ein ganz anderes Denken
17:38in deinem Kopf.
17:39Und ich saß da und hab ihr wirklich gesagt, ja, sie haben das nicht erlebt, sie können
17:43mir nicht helfen.
17:44Und sie meinte so nur ganz trocken, ja Lena, ich muss es nicht erlebt haben, ich muss einfach
17:48nur mein Handwerk beherrschen.
17:49Und was sie dann gemacht hat, ist eigentlich nichts anderes, als in mir eine Hoffnung geweckt,
17:53weil sie hat mir dann die Frage gestellt, Lena, was ist eigentlich dein größter Traum?
17:57Und das hat mich niemand gefragt, alle haben nur gesagt, ja, du wirst sterben, da ist nichts
18:02mehr, du wirst eine Behinderung haben, dein Leben ist dahin.
18:05Und sie hat mir so eine Perspektive gegeben und ich hab wirklich die Augen geschlossen und
18:09so überlegt, okay, was ist jetzt mein größter Traum?
18:11Hab dann so, irgendwann hat sich dann so ein Bild ergeben, dass ich halt auf einer Bühne
18:15stehe quasi so und ein Licht ist und ganz viele Leute zuhören und so.
18:19Und ja, sie hat mir dann gesagt, wenn du mir vertraust, dann wirst du das schaffen.
18:24Und dann hatte ich irgendwie so ein Ziel und dann bin ich diese EMDR-Therapie quasi
18:28so durchgegangen bis zum Schluss.
18:31Und als ich dann fertig war mit der Therapie und aus der Psychiatrie entlassen worden bin
18:35und dann ging es noch ambulant weiter und als wir dann quasi so fertig waren, hat sie
18:38irgendwann gesagt, hab ich dann ihr irgendwann gesagt, ja, also ich stehe jetzt hier nicht
18:42auf einer Bühne.
18:43Also es hat jetzt nicht so geklappt, wie sie gesagt haben.
18:45Und dann meinte sie so, ja Lena, ich hab dir jetzt den Weg geebnet, du musst ihn jetzt
18:50aber alleine gehen.
18:51Und dann hab ich sie so gefragt, ja toll, aber wo geht's denn lang?
18:54Also wo weiß ich jetzt, wo der Weg ist?
18:56Und dann meinte sie, du erkennst ihn daran, dass du da Angst hast.
19:01Also da, wo die Angst ist, da musst du rein.
19:04Und ich hatte Angst vor Menschen, also hab ich angefangen oder hat meine Mama angefangen
19:08mit uns Theater zu spielen.
19:09Ich hatte Angst vor Wasser und ich hab immer wieder meine Ängste besiegt einfach.
19:13Und dann hast du ja auch selber noch eine Therapie.
19:14Dann hab ich mit fünf, nach 13 Jahren, glaube ich, 13 Jahren, als du so ein bisschen
19:20stabil warst oder ich für mich gefühlt hatte, das Gefühl hatte, du bist stabiler, eine
19:25Therapie gemacht, eine Traumatherapie.
19:27Und da hat sich dieses, was am Anfang war, dieser Ring, den ich hier hatte, der hat sich
19:33da in einer Therapie gelöst.
19:36Da ging es nämlich um das Thema Schuld.
19:38Schuld?
19:39Ich hatte kein Gefühl.
19:40Jeder sagte immer, du hast Schuld als Mutter, du hast nicht rechtzeitig aufgepasst.
19:45Und ich hab, das breite mir an mir noch nicht mal ab, es ging auch vorbei, ich konnte
19:49das gar nicht wahrnehmen.
19:50Also die Wahrnehmung war für Gefühle nicht mehr da.
19:53Und ich hatte in dem Trauma hier, also wirklich das komplett abgespalten, diesen Schmerz.
19:59Und ich hab mich dann in dieser, das ist ja, man geht da so einen virtuellen Weg rein in
20:04dieser Traumatherapie, mich entschuldigt bei Lena in so einem Altar mit einer Rose, für
20:11das, dass ich es nicht gesehen habe, viel zu spät entdeckt habe.
20:15Und danach, da weiß ich nicht, mit dem Papa bin ich nach Hause gefahren und dann hab ich
20:21plötzlich aus dem Nichts heraus, ich war so durcheinander, als wäre ich verwirrt, so
20:25nach einer Narkose oder so, hab ich gesagt, halt mal rechts an.
20:28Und dann bin ich rechts ausgestiegen und hab geschrien.
20:31Ich hab mitten auf dem Gehweg geschrien und ich habe drei Tage durchgeschrien, diesen
20:36ganzen Schmerz, der damals war.
20:39Aber ich konnte ihn aushalten.
20:40Und danach war ich erstmal ein Wrack, ich war richtig ein Wrack, weil mir das Ausmaß
20:44bewusst war, was passiert war.
20:46Und seitdem trage ich diese Schuld.
20:48Und diese Schuld, ja, die ist zu meiner Lebensaufgabe geworden.
20:53Also ich hab nochmal studiert, ich hab nochmal soziale Arbeit, ich widme mich der Forschung
20:57diesem Thema, weil es mir einfach so wichtig ist.
20:59Und ich habe auch nie aufgehört daran, also ich kann das einfach nie aufhören daran,
21:04Schuld zu sein.
21:05Aber ich trage das inzwischen so, dass es für mich gut ist.
21:08Ich bin immer noch allein, ich habe dem Glauben leider abgeschwort.
21:11Ich habe früher sehr viel an Gott geglaubt, das war für mich ganz wichtig.
21:17Und ich habe es nicht verstanden.
21:19Ich habe bis heute keine Erklärung dafür gefunden.
21:22Ich bin mir selbst am nächsten.
21:23Ich bin bis heute isoliert.
21:25Ich habe nie Freunde gehabt in dem Sinne.
21:27Aber ich weiß, ich kann auf mich trauen.
21:29Und ich weiß, wenn ich meine Tochter heute angucke, dass jede Sekunde davon wichtig und
21:34richtig und gut war.
21:36Und ich möchte das auch weitermachen.
21:37Und du hast ganz viel geschafft.
21:39Du hast ganz viel geschafft, wo du stolz drauf sein kannst.
21:43Also ich frage mich gerade, wie kann ich an Gott glauben, wenn Kindern solche Dinge passieren?
21:49Ja, gib uns den Glauben zurück.
21:51Jetzt interessiert mich irgendwie deine Meinung, weil du ja noch enger bist mit Gott.
21:54Ich verstehe das und ich glaube, dass Gott jemand ist, der mit traurig ist, der mit wütend ist,
21:59der neben euch sitzt und sagt, das ist nicht fair, das war nicht von mir gewollt.
22:03Ich glaube, Gott will nie Böses.
22:05Gott steht für das Gute.
22:06Der sitzt da mit drin und weint und ist erschüttert.
22:10Und trotzdem ist es so, du bist eine Stimme.
22:14Du bist eine Stimme.
22:15Das ist so krass, für was ihr sprecht in diesem Leid.
22:19Und ich glaube, dass Heilung im Leid passieren kann.
22:21Und ich glaube, dass das Gott ist, diese Heilung da drin.
22:23Was für eine kraftvolle Antwort.
22:25Voll schön, ja, auch so gut.
22:26Vielen Dank für diese sehr differenzierten Worte.
22:29Ihr klärt die ganze Zeit drüber auf.
22:31Wie macht ihr das, das mit dieser Thematik, wo man glaubt, irgendwann ist Schluss und dann
22:36packt man das weg und dann sagt man, das ist passiert und jetzt machen wir was anderes.
22:41Dass ihr das schafft, immer wieder, jeden Tag aufs Neue damit umzugehen.
22:45Es geht in meinen Kopf nicht rein.
22:47Ich habe so ein Gerechtigkeitsempfinden.
22:49Ich bin komplett akkurat bei allem, was ich mache.
22:51Ich verstehe nicht, wie diese Menschen nicht verurteilt worden sind.
22:55Und diese Wut habe ich, glaube ich, so ein Leben lang in mir getragen.
22:58Ich habe die auch eine Zeit lang weggeschoben und gesagt, hey, das ist passiert.
23:01Ich will nicht, dass das jemand weiß, weil ich schäme mich vielleicht auch dafür.
23:04Ich will einfach mein normales Leben leben und jetzt Frieden haben.
23:08Und ich kann diesen Weg komplett verstehen.
23:10Aber irgendwann war ich an dem Punkt, dass ich so dachte, nee, also die laufen da immer noch frei rum.
23:16Und vielleicht kriege ich nicht mehr mein Recht, aber dann will ich irgendwas mit meiner Energie
23:19und meinem Wissen anfangen, um zumindest andere Kinder davor zu bewahren.
23:23Und wenn es mich nicht so viel Energie kostet, darüber zu sprechen und mich dafür einzusetzen,
23:29dann mache ich das.
23:31Richtig.
23:33Danke und Respekt dafür.
23:36Das war was Schönes.
23:37Heute bist du verheiratet und hast ein Kind.
23:39Ja.
23:39Die Frage, die ich mir stelle ist, kannst du dieses Kind einfach sorgenfrei in andere Hände geben?
23:46Ja, also ich habe von meiner Mama noch etwas viel Größeres gelernt und das ist Loslassen.
23:51Weil wir können alle Prävention leben, wir können unser Wissen weitergeben und das mache ich auch.
23:57Ich tue meinen Menschen Möglichstes, um mein Kind zu beschützen, aber ich werde ihn niemals mit meiner Angst belasten und
24:03einsperren.
24:03Und das hat mir meine Mama damals gesagt, ich kann euch das alles mit auf den Weg geben jetzt,
24:08aber jetzt muss ich euch auch loslassen und eure Erfahrungen machen.
24:12Und das ist bei mir genauso.
24:14Ich befolge meine eigenen Regeln, aber ich werde ihn nicht einschränken durch mich.
24:18Ihr beide seid so großartig.
24:26Wie würdet ihr zwei euer Verhältnis heute zueinander beschreiben?
24:29Und was ist dadurch vor allem für ein Miteinander bei euch beiden gewachsen?
24:33Also ich glaube, wenn in einer Familie sowas passiert, dann ist das schwer, dass die Familie heile bleibt.
24:42Und das ist bei uns ja auch nicht so gewesen, dass die Familie dann heile geblieben ist sozusagen.
24:48Das ist einfach was Belastendes.
24:49Jeder geht anders mit diesem Trauma um.
24:51Meine Geschwister gehen anders damit um ich, du und mein Vater auch.
24:54Und man muss das akzeptieren.
24:57Ich glaube, was wir gelernt haben in der Familie ist, wir müssen unsere Wege, die wir einzeln gehen, akzeptieren.
25:04Und uns so nehmen, wie wir sind.
25:06Und ich glaube, deshalb funktioniert es auch so gut, dass wir alle irgendwie füreinander da sind.
25:11Das ist so, boah, ja, man kann einfach die ganze Welt erfolgen.
25:16Noch mehr Talks von Dieb und Deutlich gibt es hier in der ARD Mediathek.
25:19Die ARD Mediathek.
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