00:00.
00:05Stellen Sie sich vor, Sie könnten nur noch diesen kleinen Ausschnitt sehen.
00:09Der Rest verschwimmt.
00:10Genau das ist Michael Linz passiert.
00:12Fast blind durch grünen Starr.
00:15Als ich mal der Badewanne entstiegen bin und dachte,
00:19ich hätte Schaum im Auge.
00:20Dann habe ich da rumgerieben.
00:23Der Schaum ging nicht raus.
00:25Dann stellte sich raus, dass es ein grüner Starr ist.
00:28Als ich die Diagnose hörte und dass das auch beide Augen betrifft,
00:33wurde ich ziemlich depressiv, muss ich sagen.
00:37Jetzt soll Michael ein Jahr in eine Rehabilitationseinrichtung.
00:40Ein Schritt, der Mut erfordert und mit Scham und Angst verbunden ist.
00:44Kann Michael lernen, mit dem Verlust seines Augenlichtes zu leben
00:47und seinen Platz im Leben neu finden?
01:01Einen Monat bevor Michael Linz für ein Jahr in die Reha nach Berlin geht,
01:05besuchen wir ihn zu Hause im Umland.
01:07Die blinden Flecken werden bei ihm immer mehr.
01:11Es gibt nur noch einen kleinen Bereich mitten im Auge,
01:14durch den der damals 60-Jährige etwas sehen kann.
01:18Wenn mir was runterfällt, ist es in der Regel erst mal weg.
01:23Das wiederzufinden, ist äußerst schwierig.
01:26Ich muss mir merken, wo ich Sachen hinlege.
01:30Ich war nie der ordentlichste Mensch.
01:33Und jetzt fällt mir das auf die Füße.
01:36Michael ist Sozialpädagoge und betreut in einer Wohngemeinschaft
01:40Menschen mit geistiger Beeinträchtigung.
01:42Manche von ihnen kennt er, seit sie Kinder waren.
01:45Ich erkenne jetzt bei mir selbst genau das,
01:48was ich die ganzen Jahre bei meinen Betreuten gesehen habe.
01:53Dass oft die Hilfe scheitert, weil die Hilfe nicht angenommen werden kann.
02:01Aber damit ist ja auch so eine gewisse Scham verbunden,
02:05sich helfen zu lassen.
02:07Im Grunde bräuchte ich jetzt schon viel mehr Hilfe, als ich nehme.
02:12Mit seinem heute erwachsenen Sohn trieb Michael viel Sport.
02:16Er hatte etliche Hobbys, verreiste viel.
02:19Doch nach und nach zog er sich zurück.
02:22Das ist dann manchmal auch so meine Lösung,
02:24dass ich manche Sachen meide dann einfach.
02:27Wenn ich sie nicht hinkriege, dann ist die Geduld schnell am Ende.
02:32Wenn ich dann einen Tag frei habe, dann meide ich alles, was anstrengend ist.
02:36Das heißt aber auch, im Zweifelsfall meidest du auch schöne Sachen.
02:41Ich verreise zum Beispiel nicht mehr, gar nicht mehr.
02:46Manche Sachen würde ich gerne machen.
02:48Irgendwelche Freunde besuchen und Familie besuchen.
02:51Das würde ich schon gerne, aber nicht zu diesem Preis.
02:56Ich gehe selten raus.
02:58Es sieht nicht schön aus draußen.
03:00Es ist immer alles im Nebel.
03:03Michael musste erfahren, dass ihm durch die Blindheit mehr verloren geht,
03:07als nur nichts mehr zu sehen.
03:09Nämlich das Gefühl für andere.
03:11Ich merke, dass meine Mimik nie verloren geht.
03:16Weil man antwortet ja immer mit der eigenen Mimik auf die des Anderen.
03:21Richtig begeistert ist Michael nicht von der Idee,
03:23ein Jahr lang in die Reha zu gehen.
03:26Noch kann er sich nicht vorstellen, was das bringen soll.
03:31Das weiß ich noch gar nicht.
03:33Kann ich schlecht sagen.
03:35Es ist jetzt nicht so, dass ich da alle Hoffnungen reinlege.
03:39Das sehen, man kann es lernen, mit vielen Situationen klarzukommen.
03:46Aber deswegen sieht man ja trotzdem nicht.
03:48Einen Monat später beginnt die Reha.
03:51Sie findet in Berlin in der Außenstelle des Berufsförderungswerkes Halle statt.
03:56Dort hat man sich spezialisiert auf die berufliche Rehabilitation
03:59von Blinden und Sehbehinderten.
04:02Der grüne Star, auch Glaukom genannt,
04:04ist die zweithäufigste Ursache für Erblindung.
04:08Mehr als 80 Mio. Menschen weltweit
04:10sind Schätzungen zufolge von der Krankheit betroffen.
04:13Man nennt sie den Stillendieb.
04:16Denn sie stiehlt das Augenlicht ohne Vorwarnung.
04:19Mit Frank Kießling, einem der Therapeuten,
04:21bespricht Michael die ersten Schritte.
04:25Es verschwinden mehr Sachen auf meinem Küchentisch,
04:28die dort sind.
04:31Die Unsicherheit ist auch größer geworden.
04:33Um die Reha gut zu steuern und zu gucken, wie sind die Probleme,
04:36machen wir noch eine Sehfunktionsversuchung.
04:40Michael soll nun seine Klasse kennenlernen.
04:42Die meisten möchten nicht gezeigt werden.
04:44Die Erblindung hat manche aus einem erfüllten und erfolgreichen Berufsleben geworfen.
04:50Für Michael ist es ein großes Glück,
04:53dass er Doris Spiekermann an die Seite gestellt bekommt.
04:56Doris war Fotografin bei einer großen Tageszeitung,
04:59bis sie die Erblindung nicht länger leugnen konnte.
05:08Mein Selbstbewusstsein in dem Jahr, in dem ich hier war, hat sich total geändert.
05:12Es ist wieder zurückgekommen.
05:15Ich war am Boden zerstört.
05:18Ich konnte nichts mehr sehen, ich war zu nichts mehr zugebrochen.
05:20Mach dieses Jahr, du lernst auf jeden Fall dazu.
05:24Mit ihr kann Michael alles besprechen.
05:26Auch, dass er weder ein Blindenabzeichen noch einen Stock will.
05:29Er möchte nicht als Blinder erkannt werden.
05:32Ja, es ist auch so ein bisschen ein Ding der Eitelkeit.
05:35Da kann man sehen, wie eitel man doch ist.
05:38Ja.
05:39Ich habe immer gedacht, ich wäre nicht so eitel.
05:40Ich dachte auch, ich bin nicht eitel.
05:42Aber an der Stelle merkt man es, ne?
05:44Ich fühle mich einfach nur nicht so mobil mit dem Ding.
05:47Aber ich bin ja sowieso nicht mobil.
05:48Ich will immer so tun, als ob ich noch sehen könnte,
05:52damit die anderen das nicht merken.
05:54Für Michael bedeutete das, jede Art von Hilfe abzulehnen.
05:58Er macht sich vor, wer keine Unterstützung beansprucht,
06:01ist auch nicht wirklich blind.
06:03Und dann war ich bei dem Professor.
06:05Dann hat er sich alles nochmal angeguckt, das Gesichtsfeld.
06:08Und dann hat er zu mir gesagt,
06:09Na, haben Sie schon Blindengeld beantragt?
06:12Ich habe den angeguckt und sagte, Nö.
06:16Ja, Sie sind blind.
06:18Ja.
06:19Ach.
06:20Und dann war ich richtig entlastet, muss ich sagen.
06:22Ach.
06:23Ich habe so eine Entlastung gefühlt in diesem Moment.
06:29Eben so dieses, jetzt brauche ich nicht mehr so tun,
06:31als ob ich sehen könnte.
06:34Michael und Doris wollen in Kontakt bleiben.
06:37Denn sie haben ähnliche Probleme und Sorgen.
06:40Und einen ähnlichen Humor.
06:42Nach neun Monaten Reha besuchen wir Michael erneut.
06:46Er kommt uns mit einem Stock entgegen.
06:49Es war leicht mit Stock dann.
06:52Also, weil es ja, weil mein Sehen ja viel schlechter geworden ist.
06:58Die Mobilitätstrainerin Petra Kiebuck zeigt uns, wie Michael angefangen hat.
07:04Monatelang haben sie in Innenräumen trainiert.
07:06Sie führen es für uns noch einmal vor.
07:09Also, für Vollblinde ist es Tatsache so, dass sie wirklich lernen, sich im rechten Winkel zu drehen.
07:15Das Üben war richtig.
07:16Dass manchmal sogar die Füße richtig setzen.
07:19Dass man lernt, sich zu orientieren.
07:21Dass man bei jeder Drehung weiß, ich habe mich jetzt 90 Grad nach rechts gedreht.
07:25Dann muss ich mich vielleicht auch wieder 90 Grad nach links drehen.
07:28Und dann merke ich, wenn er im Gebäude Treppen mitbekommt, kann ich mit ihm rausgehen.
07:35Heute sollen akustische Zeichen an Ampeln trainiert werden.
07:38Im Unterschied zu vielen anderen Städten in Deutschland ist Berlin recht gut mit Leitstreifen und akustischen Signalen für Sehbehinderte ausgerüstet.
07:47Doch wenn davon etwas kaputt geht, dauert es oft sehr lang, bis es repariert wird.
07:52Deshalb wird auch diese Situation geübt.
07:55Ohne Akustik. Und das ist nachher das Schwierige.
07:58Das machen wir aber heute nicht. Heute kriegen sie erstmal hier die einfache Kost.
08:03Zwischen der Mobilitätstrainerin und Michael muss großes Vertrauen herrschen.
08:07Denn sie ist für ihn der Türöffner für ein eigenständiges Leben.
08:13Wenn er dann das erste Mal alleine rüber geht, ist das wahrscheinlich für mich viel schwerer als für ihn.
08:17Weil man ja mitzittert.
08:20Wenn ich zum Beispiel in ein Geschäft gehe oder wenn ich mit der Bahn fahre, da bin ich noch nicht
08:24so sicher an Bahnhöfen.
08:27Michael sieht jetzt nur noch zwei Prozent. Vielleicht wird er auch die verlieren. Im Moment versucht er jede Menge digitale
08:35Technik zu nutzen.
08:36Aber ich habe jetzt erstmal genug Input hier an dieser Schule und mache das jetzt noch, diese Breitschrift auf dem
08:43Handy.
08:45Und danach, wenn ich Kapazität habe, werde ich mich anderen Dingen widmen, wie der Sprachausgabe, auch über Google Maps sich
08:55zurechtzufinden in der Stadt.
08:58Februar 2026. Michael ist jetzt einen Monat aus der Reha raus.
09:07Ich habe jetzt erstmal Urlaub. Den genieße ich auch. Das war ja auch immer eine anstrengende Sache.
09:14Ich habe eine Menge gelernt. Also es war schon gut. Mein Hirn ist sehr trainiert, auch mir Sachen einfach mal
09:23schnell zu merken.
09:25Michael ist mittlerweile 62 Jahre alt. Er macht nach wie vor fast alles selbst.
09:31Dass ein Garten nicht so aufgeräumt aussieht wie bei seinen Nachbarn, stört ihn nicht. Es sei schließlich ein Naturgarten.
09:38Also ich habe auch die Hecke hier beschnitten. Also plötzlich grüßte mich der Nachbar. Der ging außen vorbei. Da hatte
09:46ich ein Loch reingeschnitten.
09:48Also sowas kann schon passieren. Aber was soll's. Ich muss es ja irgendwie machen.
09:53Aus den abgeschnittenen Weiden will er mit Freunden einen Gartenstuhl basteln. Auch das ist zurückgekehrt. Die Lust am Kreativen.
10:00Vieles geht inzwischen. Aber auf seine alte Arbeitsstelle will Michael nicht mehr zurück.
10:05Auf meine Arbeit werde ich nicht wieder einsteigen. Ich dachte mir, genau so würde ich mich fühlen.
10:12Wie so ein blinder Hund, der zu nichts mehr in der Lage ist. Der so sein Gnadenbrot kriegt.
10:20Und mit diesem Gefühl könnte ich meine Arbeit nicht mehr machen.
10:24Ich bin ein Familientherapeut und darauf hätte ich richtig Lust. Und ich denke, das könnte ich auch von zu Hause
10:34aus machen. Es gibt telefonische Beratung da. Ja, da werde ich mich mal drum kümmern.
10:40Mittlerweile treibt Michael auch wieder Sport. Mit seinem Sohn verbindet ihn eine besondere Challenge. Eine Stunde Unterarmstütz.
10:47Sein Sohn schafft die Stunde schon. Michael immerhin 43 Minuten.
10:53Ich hatte mich angerufen und habe mal telefoniert dabei. Das war lustig.
10:59Aber irgendwann hat man den schweren Atem gehört. Und dann war ich beruhigt.
11:06Ich bin nicht da.
11:09Zweimal die Woche geht Michael zum Einkaufen. Da der Bus nur einmal die Stunde kommt, läuft er die vier Kilometer.
11:15Bei Schnee und Eis schon für Sehende eine Herausforderung.
11:22Ich weiß jetzt, ich kann mobil sein. Ich denke schon darüber nach, wieder zu verweisen und noch mehr unterwegs zu
11:29sein, als ich es vielleicht jetzt schon machen.
11:32Aber so ich erupere mir erst mal jetzt den Alltag, dass ich alleine einkaufen gehe und nach Berlinach reinfahre und
11:38so. Und dann werde ich weitersehen.
11:41Also ich habe wieder Lust drauf, weil ich weiß, dass es möglich wird.
11:46Der grüne Star hat ihm das Augenlicht gestohlen. Aber sein Leben soll er nicht bekommen.
11:53Ja, mein Ziel ist Spaß zu haben.
11:57Das habe ich immer meinen Betreuten immer wieder eingebläut.
12:05Es geht darum, dass ihr Spaß habt im Leben.
12:09Und das, was ich denen immer erzählt habe, das nehme ich jetzt für mich in Anspruch.
12:14Ich werde nur noch was tun, was mir wirklich Spaß macht.
12:23Dankeschön!
12:24Danach!
12:31Dankeschön!
12:32Dankeschön!
12:33Not clever!
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