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Charlotte Roche & Bianca Hauda - einsfestival einsweitergefragt 20.11.15
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TVTranskript
00:00Tag zusammen bei 1 weiter gefragt seid ihr. Heute mit der coolsten Sau der Generation Viva, der Queen
00:08of German Pop Television, wie Harald Schmidt das mal gesagt hat. Und mittlerweile muss man ja
00:12eigentlich sagen, der Queen of Books. Feuchtgebiete, Schoßgebiete, kennt ihr bestimmt die Bücher?
00:17Zwei tolle Bestseller-Romane, die so ein bisschen den deutschen Literaturbetrieb mal so gezeigt
00:21haben, wie radikal und offen man über Sex schreiben kann. Und dieses neue Buch hier,
00:26Mädchen für alles, ist gerade rausgekommen. Und mich freut's mega, dass sie heute hier ist.
00:30Herzlich willkommen, Charlotte Roche. Dankeschön. Ich freue mich auch hier bei dir zu sein. Cool. Kann
00:35man denn sagen, hier bei dem Buch, bei diesem schönen roten Buch, das ist so ein unterhaltsamer
00:40Kleinfamilien-Horror-Trip mit Selbstironie und schwarzem Humor? Also ich freue mich, wenn du das so sagst.
00:47Man würde das auf jeden Fall alles falsch verstehen, wenn man das so bärenst liest und denkt, was will
00:54uns die Autorin hier mit sagen? Und ist sie selber so eine schlechte Mutter wie die Mutter
00:58in einem Buch und so? Das ist wirklich lustig gemeint und aus Alltagsbeobachtungen zusammengeschrieben.
01:06Und ich würde mich freuen, wenn man das lustig findet und nicht so ernst nimmt.
01:09Kannst du noch mal kurz sagen, um was das so genau geht? Weil du hast schon gesagt, Mutter, Chrissy ist das?
01:13Also ganz kurz zusammengefasst ist, dass eine Mutter, die ein Kind bekommen hat, eigentlich um von der Arbeit wegzukommen.
01:21Und die dachte, das ist ein guter Exit von der Arbeit, Mutter werden. Die hat sich total vertan.
01:27Und die Ehe ist eigentlich kaputt mit ihrem Mann und die stellen eine Babysitterin ein, fürs Baby eigentlich.
01:34Und im Laufe des Buches wird die Babysitterin eher so die Nanny für die Arbeitgeberin, also für die Chrissy, für die Mutter.
01:41Und Chrissy und der Mann, die zanken sich auch so ein bisschen um eben diese Nanny.
01:47Warum hast du dir gedacht, ich muss jetzt echt noch was schreiben, so übers Muttersein und übers Abkotzen übers Muttersein?
01:54Ja, also das ist, ich bin ja schon lange Mutter, also mein Kind ist ja schon älter.
02:00Und damals, als es klein war, war es für mich sehr schockierend anstrengend.
02:05Also einfach so wie diese Foltermethoden in China, also Leute nicht schlafen lassen.
02:10Als es so ein Baby war.
02:11Ja, genau. Da wird man ja auf Dauer richtig verrückt und sauer und isoliert und einsam und kaputt.
02:19Und damals im Problem, das ist oft so, kann ich nicht drüber schreiben.
02:23Und dann muss das erstmal weg sein, das Problem, oder bearbeitet und dann kann ich drüber schreiben.
02:29Und das ist jetzt eher für alle jungen Familien, die kleine Kinder haben und aufs Zahnfleisch gehen.
02:36Aber warum sind wir eigentlich selber so total überrascht immer, wenn du so eine Mutter vorstellst wie eben Chrissy?
02:42Weil das ist ja nicht das normale Rollenbild und man denkt schon eher so teilweise, was ist das für eine Rabenmutter?
02:48Ja, also das ist für mich ein großer Spaß, das zu schreiben, dass man eine facettenreiche Darstellung von Muttersein hat.
02:57Gerade in diesem Land leider glaube ich, dass Mütter immer noch sehr unter Druck gesetzt werden, eine perfekte Mutter zu sein.
03:07Liebevoll, immer verständnisvoll, ausgeschlafen, super Haushalt, am besten durchtrainierter Körper.
03:12Immer noch gut aussehen für den Mann da.
03:14Die richtigen Stellen entharrt, das ist auch viel Arbeit. Immer überlegen, was war das nochmal?
03:20Wo fange ich denn jetzt wieder an?
03:21Ach nicht, die Wimpern weg, nein.
03:23Und dass man eben einen so starken Begriff von Mutter hat, dass man nur verlieren kann und sich als Loser fühlt, wenn man das nicht schafft, dem zu entsprechen.
03:34Und für mich ist das eben eine Freude, so was Befreiendes zu schreiben, wo Mütter das lesen und sagen, ach guck mal, so schlimm wie Chrissy, wenn ich noch lange lege.
03:44Chrissy ist aber auch so eine, die guckt ja viel Fernsehen, die zieht ihr Wissen ja auch so aus Serien raus.
03:50Da dachte ich mir so, inwiefern waren so Mädels auch wie aus Beispieler, beispielsweise jetzt Homeland, irgendwie so Vorbildfiguren?
03:58Also ich wollte unbedingt so eine Hommage schreiben.
04:02Da kommt ja ganz viel Serien vor, auch die Gewalt in den Serien, weil ich so viel Serien konsumiere.
04:08Und die Besten sind auch die Gewalttätigsten.
04:11Tut mir leid.
04:12Ich gucke ja nur The Killing.
04:14Ja, genau.
04:15The Killing, The Missing, The Following, alle mit The und In.
04:20Das ist super brutal.
04:21Erstmal wollte ich mir diese ganze Gewalt so von der Seele schreiben.
04:25Und was war die Frage?
04:28Die Frage war, inwiefern diese Mädels aus solchen Serien Vorbild sind, auch für Chrissy.
04:34Genau.
04:35Und das ist so, dass ich in ganz vielen Serien Fan von der Hauptdarstellerin bin.
04:40Also es ist zum Beispiel bei Homeland, Carrie Matheson.
04:43Es gibt noch viele andere, die mir gerade nicht einfallen, wo halt eine gestörte Frauenfigur im Vordergrund steht.
04:50Und die zwar für mich unterhaltsam ist, aber die teilweise sehr unsympathisch ist.
04:56Und das finde ich interessant.
04:58Und deswegen ist Chrissy auch unterhaltsam unsympathisch.
05:02Und Chrissy und Marie lernen wir jetzt mal in so einem kurzen Eispier kennen.
05:06Marie läuft vor mir her.
05:10Sie trägt eine große Strickjacke, Boyfriend groß, weiße Fluselwolle mit schwarzen Sternen drauf.
05:17Ab und zu bekommt sie Hitzewallungen, Reisenervosität oder Koffer ziehen.
05:23Sie zieht immer wieder die Strickjacke an und aus.
05:26Das T-Shirt ist so weit am Arm ausgeschnitten, dass man den seitlichen Brustansatz sehen kann.
05:32Sehr sexy.
05:33Aber ihr vielleicht selber manchmal zu entblößend.
05:36Passiert ja manchmal.
05:38Man fühlt sich zu Hause stark und sexy, geht mit aufblitzenden Hautstellen raus.
05:43Und draußen tut es einem wieder leid, weil das Selbstbewusstsein unter Leuten dann doch dafür fehlt.
05:48Ich sehe, dass sie keinen BH trägt heute.
05:51Ist das schon der gute Einfluss von mir?
05:54Dass sie es nicht mehr mit einem Beton-Push-Up-BH faken will?
05:59Kann sein.
06:00Mein Grinsen wird immer breiter.
06:02Wenn du jetzt ein neues Buch schreibst, da gehen ja viele erst mal so mit der Erwartungshaltung ran,
06:09okay, neues Buch von Charlotte Roche, wieder irgendwas mit Tabuthemen, wieder irgendwas auf jeden Fall mit Sex drin.
06:16Wie bist du jetzt selber an das Buch angegangen, mit dieser Erwartungshaltung im Hintergrund?
06:19Ja, also ich versuche überhaupt nicht nachzudenken, was andere erwarten.
06:24Ich versuche sogar zu vergessen, dass es veröffentlicht wird.
06:27Dann schreibe ich am besten.
06:28Ja, also ich verarsche mich selber beim Schreiben und sage, ach.
06:31Und es geht gut?
06:32Ja, total.
06:33Und dann kann ich richtig frei alles runterschreiben.
06:37Und zum Beispiel so Sachen wie dieses, wenn Leute das als Skandal wahrnehmen oder Tabubruch oder so,
06:44diese Begriffe denke ich nicht.
06:47Also ich will einfach nur schreiben über das Leben, wie ich das wahrnehme.
06:51So sehe ich Sexualität, so betrachte ich Familien, wie in den Büchern.
06:56Und wenn das Leute irgendwie verletzt oder als Skandal wahrnehmen, dann ist das einfach so, aber eher zufällig.
07:04Also ist es nicht so, dass du jetzt dann doch manchmal mit dieser Erwartungshaltung so ein bisschen spielst?
07:09Nee.
07:10Nee.
07:10Also das ist zum Beispiel so, dass ich, wenn ich so denke, Leute schlagen ein Buch auf und wollen, dass Sex kommt sofort.
07:16Wie die Lesbenszene zum Beispiel.
07:17Ja.
07:18Das ist ziemlich weit hinten, oder?
07:19Also du hast doch auch die ganze Zeit gedacht, hör mal.
07:22Wann kommt der Sex?
07:22Wann kommt der Sex?
07:23Die ganzen Stellen gesucht.
07:25Ja.
07:26Quer gelesen.
07:27Und das ist für mich zum Beispiel eine Freude, mit den Erwartungen insofern zu spielen, die nicht zu erfüllen und das ganz weit nach hinten zu schieben.
07:34Wir haben ja schon über Chrissy gesprochen, dass das eher so eine Loser-Heldin ist.
07:39Da kann ja auch geteilter Meinung so ein bisschen sein.
07:41Die ist lässig, die ist großartig abgefuckt eigentlich drauf.
07:43Was glaubst du, warum so Anti-Helden eher so akzeptiert werden in so Romanen als Männer, bei Heinz Sturm zum Beispiel, aber so in der Mutterrolle wird so gesagt?
07:54Nee.
07:55Ja, ich glaube, dass dann die Leute das so ernst nehmen und dann sozusagen umrechnen auf eine echte Mutter und auf ein echtes Kind.
08:05Auf dieses Perfekte wieder.
08:06Ja, und dann tut Leuten vielleicht das Kind leid.
08:10Und das ist eben bei einem abgefuckten Vater, der kann so sein heutzutage noch, in der Gesellschaft ist das so.
08:16Ein Vater kann eher sein, wie er will.
08:18Und für eine Mutter gibt es harte Grenzen, wie weit die nach außen ausscheren darf.
08:23Und dann gibt es immer Mitleid für das Kind.
08:25Das ist, glaube ich, der Grund.
08:27Was sagst du zu den Leuten, weil du sagst, okay, Kritik, die lese ich jetzt vielleicht nicht so.
08:33Aber da gibt es schon Leute, die sagen, ey, Charlotte, warum schreibst du denn jetzt Bücher?
08:38Also so wie, hör bitte auf.
08:40Ja, genau.
08:41Es gibt ja auch die Leute, die das sagen.
08:42Gerade auch bei dem Buch ist ja auch so ein bisschen die Kritik jetzt groß.
08:45Ja, also erst mal lese ich keine Kritiken, weil ich wusste nicht, dass das irgendwo steht.
08:50Ich bin jetzt etwas überrascht, dass das jemand geschrieben hat.
08:53Nee, ich hab's dir gesagt.
08:55Egal.
08:56Komm, ist egal.
08:56Und wenn jemand sich so aufregt, zum Beispiel, über meine Bücher oder mich und dann auch noch so sagt, wie halt die Klappe, lass mich in Ruhe damit, dann denke ich immer besonders doll, dass ich was richtig mache.
09:12Weil es polarisiert?
09:14Ja, weil es nicht egal ist.
09:17Genau.
09:17Und als Beispiel beim ersten Buch Feuchtgebiete, dann gab es natürlich sehr viele Leute, die konnten das körperlich, psychisch nicht aushalten, das Buch zu lesen.
09:27Weil es so nah geht, es hat so viel mit dem Körper zu tun, mit Körperausscheidungen, Körperöffnungen, Körperpflege.
09:34Die kriegten das nicht mal aus dem Kopf raus und haben das praktisch angewidert an die Wand geworfen.
09:39Und wenn mir das jemand sagt, und das soll auch eine Beleidigung sein, bin ich trotzdem richtig stolz, dass ich das mit Worten geschafft habe.
09:47Dass jemand ein Buch gegen die Wand wirft und das nie wieder aus dem Kopf rauskriegt, wenn er auf Toilette geht und duscht.
09:52Weil du gerade Feuchtgebiete auch selber gesagt hast, hast du mal gesagt, so 70% davon ist selber Charlotte.
09:58Wie viel autobiografisch ist denn jetzt in deinem Mädchen für alles?
10:01Also das ist diesmal anders. Es ist immer sehr nah an meinem Leben und an meinem Charakter.
10:08Chrissy ist wie so ein Verbeugen vor dem Bösen, Verbeugen vor dem Schlechten in uns, was wir meistens verstecken, damit die anderen einen lieb haben.
10:19Und das ist ein richtiges so Let it all hang out.
10:23Alles, was ich eigentlich nicht auslebe, weil ich mir das nicht erlaube, aber Sachen, die in mir drin sind, dieses faule, böse, hinterfotzige Menschen manipulieren, das steckt alles in mir drin.
10:36Aber ich lasse das nicht raus, damit ich geliebt werde.
10:39Und in einem Roman kann ich das total ausleben, in so einer Asi-Figur wie Chrissy.
10:48Und die ist verdächtig nah an mir dran, aber das würde keiner so sagen, der mich kennt, weil ich das sehr, sehr gut unterdrücken kann.
10:56Aber ist es denn auch immer noch so eine Art Therapiebücher zu schreiben, gerade auch bei dem Buch jetzt gewesen?
11:01Total. Also wenn Folchgebiete über körperliche Komplexe war, von mir selber, Scham und so, dann ist das auch zum Beispiel sehr hilfreich.
11:10Ich bin dann viel selbstbewusster dadurch geworden mit dem Körper.
11:14Schoßgebiete war über Ängste, so psychische Probleme.
11:18Da habe ich auch ganz viele Probleme gelöst beim Schreiben.
11:21Und bei Mädchen für alles geht es sozusagen um gesellschaftliche Sachen, Familie, Mutter, Ehe.
11:27Und ich schreibe mir richtig Sachen von der Seele, die danach dann weg sind.
11:31Das kann ich sehr empfehlen.
11:33Weil du gerade sagst, Eltern und Ehe, auch am Ende gibt es ja schon eine schöne Quentin Tarantino-Splatter-Szene.
11:39Ja.
11:40Mit den Eltern.
11:41Ja.
11:41Großartig. Aber wie fragt man sich schon so, wie ist das Verhältnis Eltern-Charlotte?
11:45Also meine Eltern leben noch, deswegen daran spätestens merkt man, es muss Fiction sein, das Buch.
11:53Das ist, du kannst dir nicht vorstellen, wie das für einen Spaß gemacht hat, diese Gewaltszenen zu schreiben.
11:59Also eine Küche zu bespielen, wo extreme Gewalt passiert.
12:07Und man benutzt alle Gegenstände, die da sind, die man in den Körper reinbohren kann und so.
12:11Und bei mir ist das so, dass man wird davon ein ausgeglichenerer Mensch.
12:17Weil man es los wird.
12:18Genau. Es war ja alles hier drin.
12:20Und es geht dann alles raus. Und das ist wirklich befreiend für mich.
12:25Wie geht es denn jetzt weiter nach diesem Buch, was du rausgebracht hast?
12:28Bist du schon am nächsten oder gibt es vielleicht auch ein Buch nur über Sex?
12:32Weil du gesagt hast, das wäre mal ein Job jetzt, wenn du einen Job machen könntest, nur komplett über Sex wäre super.
12:37Oder Sex und Gewalt. Nur Sex und Gewalt. Das fände ich auch gut.
12:41Also erstmal lese ich. Bis Weihnachten bin ich auf Lesetour.
12:45Das ist für mich schön, weil dann treffe ich meine echten Leser.
12:48Die bringen dann das Buch mit und dann signiere ich.
12:50Und wir machen Fotos und ich beantworte Fragen den Lesern auf der Bühne und so.
12:56Und wenn ich fertig bin mit der Lesetour, habe ich jetzt schon sehr viele Ideen für ein neues Buch.
13:03Bis dahin lest ihr dieses Mädchen für alles. Danke, Charlotte.
13:06Dankeschön. Schön hier.
13:07Dankeschön.
13:09Danke, Forever.
13:25Vielen Dank.
13:27Koch.
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