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  • vor 4 Monaten
Brasiliens Umweltministerin Marina Silva spricht über Klimawandel, Ölförderung im Amazonas und die Ziele der COP30 in Belém.

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Transkript
00:00Wir begrüßen Brasiliens Ministerin für Umwelt und Klimawandel, Marina Silva.
00:07Sie hatte dieses Amt bereits von 2003 bis 2008 ebenfalls unter Präsident Lula da Silva inne.
00:16Frau Ministerin, die Welt blickt auf Brasilien, nicht nur, weil das Land eine Schlüsselrolle im Kampf gegen die globale Klimakrise spielt,
00:24sondern auch, weil es Gastgeber der COP30 sein wird, der UN-Klimakonferenz in Belen, mitten im Amazonasgebiet.
00:36Was wird Ihrer Ansicht nach Brasiliens größte Herausforderung als Verhandlungsführer sein?
00:41Ich sage oft, eine der größten Herausforderungen, die vor uns liegt, und das betrifft nicht nur Brasilien,
00:54auch wenn wir eine führende Rolle in diesem Prozess spielen, es ist eine gemeinsame Aufgabe von 196 Staaten.
01:03COP30 sollte ein neuer Meilenstein werden.
01:05In den letzten 33 Jahren haben wir viele Verfahrensregeln und Rahmenwerke diskutiert.
01:15Zehn Jahre nach dem Abkommen von Paris ist das alles erfolgt.
01:20Wir haben bereits beschlossen, dass es jetzt an die Umsetzung geht.
01:25Und auf der letzten COP29 wurde festgelegt, dass dafür jährlich 1,3 Billionen US-Dollar bereitgestellt werden müssen.
01:33Zur Unterstützung der Entwicklungsländer bei ihren Transformationsprozessen.
01:41Die COP30 soll daher die Grundlage für einen neuen Weg schaffen.
01:47Für die Umsetzung dessen, was wir bereits alles vereinbart haben.
01:50Sie haben die Finanzierung angesprochen.
01:57Traditionell ein zentraler Streitpunkt zwischen den Industrieländern des globalen Nordens und den Ländern des globalen Südens.
02:04Die Frage lautet ja immer, wer wird zahlen?
02:08Die Debatte darf nicht dahin führen, dass Industrieländer ihre Verantwortung auf Entwicklungsländer abwälzen, statt ihren Teil beizutragen.
02:18Ich sehe weltweit eine wachsende Sorge um den Erhalt der Biodiversität und der tropischen Regenwälder.
02:29Brasilien hat einen Finanzierungsmechanismus vorgestellt, der auch auf privaten Mitteln basiert.
02:34Ein innovativer, globaler Mechanismus namens Tropical Forest Forever Facility, der es ermöglicht, private Gelder sowohl aus Industrie als auch aus Entwicklungsländern zu mobilisieren.
02:46Diese Mittel würden pro Hektar geschütztem Wald ausgezahlt.
02:56Sei es in Brasilien, im Kongo, in Indonesien, Malaysia oder überall dort, wo es die Wälder noch gibt.
03:04Und sie sollen auch der Wiederaufforstung und dem Schutz lokaler Gemeinschaften dienen.
03:08Brasilien hat recht ehrgeizige nationale Ziele vorgelegt.
03:18Null Abholzung bis 2030, deutliche Emissionssenkung bis 2035.
03:25Und gleichzeitig gibt es Pläne, an der Äquatorialküste nahe der Mündung des Amazonas nach Öl zu bohren.
03:32Wie passt das zur Glaubwürdigkeit Brasiliens als Klimavorreiter?
03:42Ich denke, Führung darf heute nicht isoliert betrachtet werden.
03:53Wir müssen den globalen Kontext einbeziehen.
03:56Emissionen müssen weltweit gemindert werden, sowohl bei Produzenten als auch bei Verbrauchern fossiler Energien.
04:03Was das Öl betrifft, so wurde beschlossen, dass die reichen Länder den Ausstieg aus den fossilen Energien und damit die Emissionsreduzierung anführen.
04:19Sowohl Produzenten als auch Konsumenten.
04:23Entwicklungsländer sollen dann folgen.
04:25Und wir müssen unbedingt beide Seiten betrachten. Die, die produzieren und die, die konsumieren.
04:38Entschuldigung, aber Brasilien ist ein Ölproduzent.
04:41Ja, ohne Zweifel.
04:43Aber die Erschließung der Äquatorialküste wäre eine neue Öffnung, ein ganz neues Feld.
04:50Warum setzt Brasilien, sollte dieses Öl gefördert werden, auf einen rückwärtsgewandten Weg, in dem es weiter nicht saubere Energie fördert?
05:03In diesem Fall geht es nicht nur um Brasilien. Leider nicht.
05:09Die Länder aller Kontinente, sowohl Produzenten als auch Konsumenten, setzen weiterhin auf diese Strategien.
05:15Aber Brasilien braucht diese Energie doch gar nicht.
05:22Brasilien hat im Inland tatsächlich diesen Vorteil.
05:27Unser Strommix ist zu 90 Prozent sauber.
05:30Der gesamte Energiemix zu 45 Prozent.
05:34Aber diese Widersprüche gibt es sowohl in Industrie als auch in Entwicklungsländern.
05:39Was wir dringend brauchen, ist eine Art globaler Fahrplan für den Ausstieg aus fossilen Energien.
05:44Brasilien ist sogar bereit, Ländern zu helfen, die nicht über dieselben Vorteile verfügen wie wir.
06:01Deshalb setzen wir auf grünen Wasserstoff, auf Kraftstoffe aus Ethanolproduktion und vor allem auf Biokraftstoffe für die Luft- und Seeschifffahrt.
06:10Grüner Wasserstoff kann eine tragfähige Alternative sein.
06:18Aber dafür braucht es Technologietransfer.
06:24Neue Märkte müssen geöffnet werden, damit Entwicklungsländer nicht nur Pflichten übernehmen, sondern auch Chancen erhalten.
06:31Zur Schaffung von Arbeitsplätzen, Einkommen und zur Armutsbekämpfung in ihren Gemeinschaften.
06:38Kehren wir noch einmal zum Amazonas zurück.
06:51Die Waldbrände im letzten Jahr waren für ganz Brasilien extrem alarmierend.
06:55Welche Mittel hat die brasilianische Regierung, um solche Ereignisse in dieser Dimension künftig zu verhindern?
07:05Nun, es gibt zwei Möglichkeiten, die Entwaldung zu erfassen.
07:16Eine davon ist die Todrodung, also die vollständige Entfernung des Waldes.
07:21Und die hat abgenommen.
07:23Wir konnten die Abholzung in den ersten zwei Jahren unter Präsident Lula um 46 Prozent senken.
07:29Durch stärkere Kontrollmaßnahmen und wirtschaftliche Instrumente.
07:38Andererseits sehen wir durch den fortschreitenden Klimawandel verheerende Waldbrände.
07:42Nicht nur in Brasilien, sondern auch in Kanada, Chile, Portugal, den USA und verschiedenen Regionen Brasiliens.
07:53Und in Brasilien betraf es nicht nur den Amazonas.
07:56Ja, im ganzen Land.
07:59In verschiedenen Biomen, wie dem Cerrado und dem Pantanal.
08:02Diese Brände waren erschreckend.
08:08Zum ersten Mal war die durch Feuer verlorene Waldfläche größer als die durch Rodung.
08:14Das gab es noch nie.
08:19Wir bereiten uns zunehmend darauf vor, dieser Herausforderung zu begegnen.
08:23Das ist nicht einfach.
08:28Wir haben die Mittel für die Umweltbehörde aufgestockt.
08:31Das Obama erhielt beispielsweise 800 Millionen Reais aus dem Amazonas-Fonds.
08:36All das dient dazu, unsere Einsatzfähigkeit zu stärken.
08:43Von Flugzeugen bis hin zu technologischen Überwachungssystemen in nahezu Echtzeit, die es uns ermöglichen, Waldbränden frühzeitig vorzubeugen.
08:51Brasiliens Umweltgesetze sind umfangreich.
09:03Im internationalen Vergleich gibt es eine recht starke Gesetzgebung im Umweltbereich.
09:09Gleichzeitig ist es sehr, sehr schwierig, diese Gesetze einzuhalten.
09:17Warum ist die Umsetzung nach wie vor so eine Schwachstelle in Brasilien?
09:22Ich würde nicht sagen, dass das immer noch eine große Schwachstelle ist.
09:31Ich denke, die Gesetzgebung ist inzwischen so stark geworden, dass Teile der Gegenbewegung begonnen haben, sie ändern zu wollen.
09:39Als sie unter früheren Regierungen nicht durchgesetzt wurde, gab es keinen Druck, sie im Kongress zu verändern.
09:47Aber seit Präsident Lulas Regierung die Abholzung reduziert, neue Schutzgebiete ausweist,
09:58kriminelle Aktivitäten aus indigenen Gebieten aufdeckt, indigene Territorien anerkennt
10:05und die Waldflächen für ausschließlich nachhaltige Nutzung reserviert,
10:09seitdem hat im Kongress ein regelrechter Kampf begonnen.
10:12Nicht im gesamten Kongress, aber in Teilen davon, die versuchen, Umweltgesetze zurückzudrehen.
10:31Deshalb würde ich sagen, es ist nirgendwo auf der Welt einfach, Gesetze durchzusetzen.
10:36Aber es ist möglich.
10:37Die Klimakrise setzt auch die Agrarwirtschaft, eine wichtige Säule Brasiliens, immer mehr unter Druck.
10:48Steigende Temperaturen, mehr Dürren.
10:50In manchen Regionen ist die Produktivität dahingehend bereits um 10 bis 20 Prozent gesunken.
10:55Wie plant die Regierung, die Agrarwirtschaft wirklich in den ökologischen Wandel einzubinden?
11:07Wir arbeiten an mehreren Initiativen.
11:16Von der Wiederherstellung von Flusseinzugsgebieten wie derzeit am San Francisco-Becken
11:20bis zur Renaturierung degradierter Flächen, der Wiederaufforstung von Uferwäldern, Quellen und Grundwasserzonen.
11:27All das dient dem Schutz der Wasserressourcen.
11:31Aber das Wichtigste ist, die Abholzung zu stoppen.
11:34Sie waren in diesem Jahr zielheftige Angriffe im Senat und im Abgeordnetenhaus.
11:48Wenn man die brasilianische Politik beobachtet und die Aggressionen gegen sie, stellt sich die Frage,
11:58welche Rolle spielt die Umweltfrage noch im Parlament?
12:02Wie sehen Sie das?
12:03Kein Parlament der Welt ist homogen.
12:12Und auch Unternehmer oder Landwirte vertreten nicht überall eine einheitliche Meinung.
12:19Man muss auf die Ergebnisse schauen.
12:21Selbst in einem schwierigen, widersprüchlichen und manchmal sehr angespannten Umfeld haben wir gute Fortschritte erzielt.
12:27Ja, es gibt eine sehr laute Gruppe, die sich Gehör verschafft.
12:34Aber es gibt auch viele Leute, die weiterarbeiten und die Hausaufgaben machen.
12:39Und das Gute ist, das sehen wir überall auf der Welt.
12:44Brasilien ist da keine Ausnahme.
12:47Wenn man mich fragt, ob ich optimistisch oder pessimistisch bin, sage ich, weder noch.
12:53Was wir brauchen, ist Ausdauer.
12:57Wenn Sie heute eine einzige Sache ändern könnten, etwas, auf das Sie in einigen Jahren zurückblicken und sagen könnten,
13:04das war ein echter Meilenstein und ich habe dazu beigetragen.
13:08Was wäre das?
13:09Ich denke, unsere Denkweise zu ändern, vor allem die Haltung, viel zu sagen, aber wenig zu tun.
13:25Heute wird viel geredet, aber wenig umgesetzt, nicht wahr?
13:28Unsere Denkweise ändern, aufhören, Ressourcen zu zerstören, die über tausende von Jahren entstanden sind, für den Profit von nur wenigen Jahrzehnten.
13:40Die Mentalität ändern, dass Wohlstand gleichbedeutend ist mit mehr Konsum.
13:46Diese Denkweise ändern, das könnte das Wichtigste sein.
13:49Wir müssen nicht Dinge besitzen, um uns reich und glücklich zu fühlen.
13:56Was wir brauchen, ist mehr Gerechtigkeit, mehr Mitgefühl, mehr Respekt und mehr Harmonie.
14:02Mit uns selbst, miteinander und mit der Natur.
14:06Frau Ministerin, vielen Dank für Ihre Zeit.
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