00:09Sport statt Substanzen. Trainieren statt konsumieren.
00:13Seit zwei Monaten lebte Jan-Marty Kaljöwe in Lodose Kühler in Estland.
00:19Eine Gemeinschaft von Menschen, die ihr Leben ändern wollen.
00:22Hier lebt er frei. Frei von Drogen, Tabak, Alkohol.
00:26Frei von seiner dunklen Vergangenheit.
00:30Ich habe hier die Chance, um mein Leben neu anzufangen. Das ist super.
00:36Dieses neue Leben verlangt aber Kraft. Wer es nicht schafft, riskiert einen Rückfall.
00:566 Uhr morgens. Frühes Aufstehen ist das erste, woran sich der 18-jährige Jan-Marty gewöhnen muss.
01:03In seinem neuen Leben.
01:07Lodose Kühler heißt sein neues Zuhause. Dorf der Hoffnung auf Estnisch.
01:13Es liegt eine Stunde Autofahrt von der Hauptstadt Tallinn entfernt, im Norden Estlands.
01:18Umgeben von alten Kiefern und malerischen Mooren.
01:21Wer hierher kommt, muss sein altes Leben hinter sich lassen. Und völlig neu anfangen.
01:27Zwischen zehn Monaten und einem Jahr dauert der Aufenthalt.
01:30Ohne Zigaretten, ohne Drogen, ohne Alkohol.
01:33In einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten, die eins verbindet.
01:37Ihr Kampf gegen die Sucht.
01:39Es ist ein wunderschöner Ort mit positiver Energie. Hier fühle ich mich nicht gefangen.
01:44Ich könnte jederzeit gehen, denn ich kam freiwillig hierher.
01:56Das Dorf der Hoffnung wurde vor 22 Jahren von einem Priester der Freikristlichen Pfingstbewegung gegründet.
02:03Was mit einem kleinen Baucontainer begann, ist inzwischen zu einer Siedlung mit neun Häusern angewachsen.
02:10Einem Sägewerk und einer Sauna.
02:13Mehr als tausend Menschen kamen bisher hierher.
02:15Die meisten von ihnen mit krimineller Vergangenheit.
02:19Dealer, Diebe, Mörder. Direkt nach dem Gefängnis als Teil des Resozialisierungsprogramms.
02:25Manche wurden frühzeitig entlassen und leben jetzt hier unter Aufsicht.
02:29Ihr Tag beginnt ungewöhnlich. Mit einer Umarmung.
02:38Die Menschen hier sind genau wie ich. Süchtige, die ähnliche Probleme durchgemacht haben.
02:43Mir fällt es leicht, mit ihnen zu sprechen, weil sie dieselben Erfahrungen machen.
02:47Wir können uns austauschen und gegenseitig unterstützen.
02:52Alle sind freundlicher, fast schon liebevoll zueinander.
02:55Aber das liegt daran, dass wir alle nüchtern sind.
02:57Wenn Menschen Drogen nehmen, sind sie nicht so freundlich und hilfsbereit.
03:05Noch vor dem Frühstück, die Bibelstunde im Gemeindehaus.
03:09Christlicher Glaube als Grundlage des neuen Lebens.
03:12Alle machen mit, lesen eine Zahl in ihrer Muttersprache vor.
03:16Russisch, Englisch, Estnisch, Lettisch und Finnisch.
03:19Die Wohngemeinschaft von Lothus Kühler ist international.
03:23Estnische Staatsbürger neben Ausländern, die in Estland leben.
03:49Geleitet wird die Bibelstunde von Raimann Cook.
03:51Der heutige Pastor kam vor 14 Jahren hierher, damals um seine Drogenvergangenheit zu überwinden.
03:59Mittlerweile ist Cook Geschäftsführer von Lotus Kühler.
04:06Die größte Hilfe, die wir leisten können, ist unseren Bewohnern Respekt zu zeigen.
04:11Wir akzeptieren sie so, wie sie sind.
04:13Wenn ein sogenannter harter Kerl zu uns kommt, jemand, der vielleicht zwei Menschenleben auf dem Gewissen hat,
04:1820 Jahre im Gefängnis verbrachte und dort im Gefängnis als kriminelle Autorität behandelt wurde,
04:26wenn ich diesen Menschen hier genauso als kriminelle Autorität behandle, wird sich nichts ändern.
04:31Darum muss ich diesem Menschen anders begegnen, selbst wenn er mit einem sehr verhärteten Herzen kommt.
04:36Ich muss versuchen, ihn zu verstehen. Was steckt hinter seiner Fassade?
04:41Meine Aufgabe ist es, seine andere, innere Seite zu erkennen
04:44und durch meinen Respekt und meine Nächstenliebe ihm zu helfen, innerlich zu wachsen.
04:54Respekt und Nächstenliebe statt strengern Strafen?
04:57Im Umgang mit drogenbedingten Straftaten setzt Estland auf Sensibilität.
05:03Präventionsarbeit hat Vorrang.
05:05Bewährungsstrafen und elektronische Überwachung werden immer häufiger eingesetzt.
05:10Mit Erfolg.
05:10Die Hälfte der estnischen Gefängnisse steht heute leer.
05:14Die Kriminalitätsraten sinken.
05:18Noch vor 15 Jahren galt das baltische Land als eines der größten Drogenlabore Europas,
05:23das auch Skandinavien mit verbotenen Substanzen belieferte.
05:27Am Rauschmittel Fentanyl starb alle drei Tage ein Abhängiger.
05:32Mittlerweile ist die Zahl der Fentanyltoten auf ein Viertel des ursprünglichen Wertes gefallen.
05:37Trotzdem bleibt das Drogenproblem unter jungen Leuten aktuell,
05:40beklagt Katri Abelolo vom Estnischen Institut für Gesundheit.
05:45Die drogenbedingte Todesrate in Estland ist sehr hoch.
05:48Jedes Jahr sterben etwa 100 Menschen an den Folgen von Drogenkonsum, meist junge Menschen.
05:53In dieser Hinsicht gehören wir zu den Ländern mit der höchsten Sterblichkeitsrate in der EU.
05:58Jährlich werden in Estland rund 3000 drogenbezogene Gesetzesverstöße registriert.
06:04Die meisten davon, etwa 2000 Fälle, sind Ordnungswidrigkeiten und rund 1000 sind Straftaten.
06:13Von den Gefängnisinsessen sind etwa 40 Prozent wegen Drogenabhängigkeit hinter Gittern.
06:18Das ist eine sehr hohe Zahl.
06:23Zurück nach Lothusekühla, ins Dorf der Hoffnung, wo Jan Marti seine Geschichte erzählt.
06:29Die erste Drogenerfahrung machte er mit 16 mit Marihuana.
06:33Erst als Konsument, dann als Dealer.
06:39Bevor ich hierher kam, habe ich angefangen, Gras zu verkaufen.
06:42Ich hatte einen Kumpel, der richtig viel Geld damit verdiente.
06:45Da dachte ich mir, warum soll ich arbeiten gehen, wenn ich 100 Euro pro Stunde genauso kriegen kann.
06:52Für mich war es ganz einfach.
06:54Jemand schrieb mir, ich ging die Treppe runter, öffnete die Tür und er gab mir 100 Euro.
07:00Ich übergab die Ware und ging wieder hoch, das war's.
07:04Ich dachte, wow, Geld verdienen ist ja so einfach.
07:08Ich fühlte mich richtig mächtig, als hätte ich eine Art Macht in meinen Händen.
07:19So geht es fast zwei Jahre, bis eines Tages etwas passiert, was Jan Martis Leben verändert.
07:28Es war eine Party, ich hatte ordentlich Kokain und Alkohol konsumiert.
07:32Jemand gab mir irgend so ein Pulver, ein anderer gab mir Koks.
07:35Ich wusste eigentlich gar nicht genau, was sie mir gaben.
07:38Naja, ich habe es ein bisschen übertrieben.
07:40Ich weiß noch, wie ich auf die Toilette ging, neben dem Klo stand und in diesem Moment meine Beine taub
07:45wurden.
07:45Sie gaben nach.
07:46Ich dachte, ich breche gleich zusammen.
07:49Mein Herz hämmerte so heftig.
07:50Ich stand da und dachte, könnte das wirklich eine Überdosis sein?
07:54Kann es sein, dass ich jetzt echt sterbe?
07:57Jan Martis stirbt nicht.
07:59Aber jener Abend ändert tatsächlich sein Leben.
08:02Vor allem das, was nach der Party passiert, als er nach Hause kommt.
08:26Meine Mutter wartete auf mich auf dem Bett.
08:29Sie saß mit dem Rücken zu mir und schaute aus dem Fenster.
08:32Ich sah, dass sie weinte.
08:35Und zuerst verstand ich nicht, warum.
08:38Doch dann traf es mich wie ein Blitz.
08:41Genau das bewirkt Sucht.
08:45Momente wie diese bedeuten so viel.
08:49Wenn man merkt, dass man seine Mutter verletzt hat.
09:19Ich fühle mich nicht.
09:20Ich fühle mich so weit.
09:21ganzes leben lang beschützt und jetzt habe ich ja so viele sorgen gemacht weil sie dachte ich
09:25könnte sterben ich ruiniere mein leben und sie kann nichts dagegen tun wir saßen zusammen und
09:36weinen und dann sagte ich ihr dass ich so nicht mehr weiter leben will
09:54leichtes geld verdienen ist ab sofort geschichte jetzt arbeitet jan martin im sägewerk auf dem
10:00gelände von lotus kühler zusammen mit knapp 30 anderen männern die zurzeit im dorf der
10:05hoffnung wohnen paletten kisten bauelemente aus holz alle häuser in der siedlung wurden übrigens von
10:12den bewohnern selbst gebaut finanziert wird lotus kühler von privaten spenden und zuschüssen des
10:19staates hier wird das holz sortiert wir geben die kleinen stücke in die maschine ich sammle die
10:25späne und werfe sie auf einen separaten haufen für viele hier ist das der erste ordentliche job im
10:34leben selbst wenn sie nicht mehr so jung sind wie jan martin kaljure
10:44am samstag kommt dann das highlight der woche die sauna inklusive eisbaden bei minus 15 grad
11:14und zwei monate nach der ankunft im dorf der hoffnung bekommt jan martin den ersten besuch seine mutter
11:36heute ist ein besonderer tag denn ich bin nun schon zwei monate hier die erste phase ist
11:41geschafft und natürlich bin ich überglücklich aber die größte freude ist dass ich endlich meine
11:46mutter wieder gesehen habe wir haben uns noch nie so lange nicht gesehen von jetzt an wird alles besser
11:59nach dem offenhalt im dorf der hoffnung möchte jan martin wehrdienst machen einen beruf lernen um
12:05später mit menschen zusammenzuarbeiten am besten mit jungen menschen sagt er
12:12und nie wieder drogen nehmen
12:15und nie wieder drogen nehmen
12:31und nie wieder drogen nehmen
12:33so
Kommentare