00:00Weit im Norden der Mongolei, die Ärztin Shurenzezek Gambold macht sich auf den Weg in die Wildnis.
00:09Kein Strom, kein Wasser. Zweimal im Monat fährt sie erst mit dem Motorrad, dann reitet sie viele Stunden zu den Rentiernomaden.
00:18Ein Volk, das älter wird und ums Überleben kämpft.
00:22Dass die Ärztin kommt, ist das Wichtigste.
00:25Jeden Monat warten wir auf sie.
00:27Sie ist die einzige Ärztin, die herkommt und hilft, die Nomadenkultur am Leben zu halten.
00:33Der Weg ist heute ausnahmsweise kurz.
00:58Doch das ist selten, in Saganur, ein Dorf im Norden der Mongolei, fast an der Grenze zu Russland.
01:07Vor 40 Jahren haben sich hier ein paar Nomaden niedergelassen.
01:10Heute leben rund 2000 Menschen hier.
01:13Ob Haus oder Jurte, Shurenzezek ist für die Gesundheit der Menschen hier zuständig.
01:28Normalerweise leben sie in der Taiga-Region, aber sie haben dieses Jahr ein Baby bekommen und sind deshalb vorübergehend ins Dorf gezogen.
01:34So, jetzt machen wir die Grunduntersuchung.
01:43Hey kleiner Junge, was ist los?
01:47Ein kleines Baby, gerade zwei Monate alt.
01:51Sein Name, Bad Enerel.
01:536,7 Kilo und fertig.
02:01Und jetzt die Größe.
02:03So, leg den Kopf nach oben.
02:13Halt ihn fest.
02:2161 Zentimeter.
02:23Jetzt den Kopf umfangen.
02:24Zur Beruhigung, ein Stückchen Fett vom Schafschwanz.
02:33Ein mongolischer Schnuller.
02:39Wie geht es deiner Mutter eigentlich?
02:43Hier kennt jeder Shurenzezek und sie kennt jeden.
02:54In ein paar Monaten zieht die Familie weiter.
02:57Der erste Umzug für den kleinen Nomaden.
03:01Die Jurte in weniger als einer Stunde abgebaut und leicht zu transportieren.
03:07Ein mobiles Zuhause, ein Leben lang.
03:12Hier im medizinischen Zentrum arbeitet Shurenzezek.
03:20Nur zwei Ärzte im Team versorgen die Nomaden weit draußen.
03:24Auch sie war einmal Nomadin.
03:30Da ich in einer Nomadenfamilie aufgewachsen bin, hatte ich nie Schwierigkeiten damit.
03:40Aber meine Eltern wollten, dass ich einen Beruf erlerne.
03:43Deshalb habe ich mich dazu entschieden, Nomadenärztin zu werden.
03:48Damit ich weiterhin oft in der Natur sein kann.
03:50Wenn sich die Nomaden freuen, freue ich mich auch.
03:56Es wärmt mein Herz.
04:03Ein Beruf mit Herz, aber auch mit Herausforderungen.
04:08Denn eine wichtige Patientengruppe ist das Zazan-Volk, die Rentier-Nomaden.
04:13Ihre Existenz ist bedroht, sagt uns der stellvertretende Bürgermeister.
04:19Bei uns sind nur 52 Zazan-Personen registriert.
04:31Seit 2018 gibt es ein Gesetz, um die Rentier-Nomaden zu schützen und dem Sozialsystem aufzunehmen,
04:39sie finanziell zu unterstützen und ihre Kultur und Traditionen zu erhalten.
04:44Erwachsene Rentier-Nomaden erhalten 400.000 Tugrik, etwa 114 Euro im Monat.
04:54Kinder 60 Euro.
04:57Auch Rückkehrwillige werden unterstützt.
05:02Schurenzicek kümmert sich um die Gesundheit dieses bedrohten Volkes.
05:06Zweimal im Monat macht sie sich auf den langen Weg.
05:09Heute ist es wieder soweit.
05:10Doch zuerst kümmert sie sich um ihre eigene Familie.
05:20Sie wird ein paar Tage unterwegs sein.
05:22Kaum erreichbar.
05:256 Uhr morgens.
05:26Die Familie schläft noch.
05:30Die ersten Tropfen gehen an Mutter Erde.
05:34Ein mongolisches Dankesritual.
05:35Im Haus wird das Feuer gemacht.
05:44Gesalzener Milchtee für alle.
05:54Einer der wenigen stillen Momente für Schurenzicek.
05:58Bevor der Tag beginnt.
06:04Mein Kleiner, möchtest du aufwachen?
06:08Auch jemand ist jetzt wach.
06:10Er spricht wenig.
06:11Aber wenn der Sohn ihn ruft, zeigt sich, was ihn bewegt.
06:15Papa?
06:17Ja, komm zu Papa.
06:21Na, hast du gut geschlafen?
06:22Auch für ihn ist Schurenziceks Arbeit eine Herausforderung.
06:30Es ist schwierig.
06:32Sie ist Nomadenärztin und sie ist eine Frau.
06:36Da mache ich mir Sorgen, wenn sie alleine unterwegs ist.
06:39Man weiß nie, ob das Wetter mitspielt.
06:42Es sind viele Herausforderungen.
06:43Aber wir sind ein Team.
06:47Auch wenn die Anrufe sehr spontan kommen,
06:50manchmal auch mitten in der Nacht,
06:52da bin ich immer dabei und unterstütze sie.
06:58Dabei bleibt aber meine eigene Arbeit auch liegen.
07:02So ist es halt.
07:03Zieh ihm seine Sachen an und bring ihn zum Betreuer.
07:19Er wird sicher weinen, wenn ich weg bin.
07:25Ich hoffe, es regnet nicht.
07:30Hier ist meine ärztliche Grundausstattung drin.
07:33Blutdruckmesser, Medikamente, das Wichtigste.
07:39Die Tasche ist perfekt zum Reiten.
07:44Heute geht es zu ihren Nomadenpatienten.
07:48Ein sehr weiter Weg.
07:52Ihr Mann bringt sie mit dem Motorrad zu den Pferden.
07:59Schurenzicek lebt drei Leben.
08:01Als Ärztin im Dorf, als Mutter und Ehefrau zu Hause
08:05und als Nomadenärztin in der Wildnis.
08:09Und alle erfordern eins.
08:11Stärke.
08:12Vorbei am letzten Haus des Dorfes.
08:32Schurenzicek besitzt kein eigenes Pferd.
08:35Sie muss welche mieten.
08:36Oft muss sie die Kosten selbst tragen.
08:42Ab hier wird sie sieben bis acht Stunden reiten.
08:45Rund 80 Kilometer bis zu den Rentinomaden.
08:49Es geht durch die Steppe, durch Flüsse, über Berge.
08:52Hinein in den dichten Nadelwald, den Taiga-Wald.
09:00Er erstreckt sich von der Mongolei und China, durch Russland, über Skandinavien, bis nach Alaska und Kanada.
09:07Mit etwa 17 Millionen Quadratkilometern ist er das größte zusammenhängende Waldgebiet der Erde.
09:14Mindestens zweimal im Monat nimmt Schurenzicek diese Strecke auf sich.
09:24Den Weg muss man kennen.
09:27Er ist nicht ausgeschildert.
09:29Ein Telefonnetz gibt es nicht.
09:31Wie geht's dir denn?
09:45Gut.
09:50Stundenlang, nur endlose, menschenleere Weite.
09:54Dann endlich Rentiere und die Spitzen der kegelförmigen Zelte.
10:04Das Leben der Nomaden richtet sich vor allem nach den Rentieren.
10:10Sie ziehen mindestens viermal im Jahr um, immer wenn es den Tieren zu warm wird.
10:17Die Zelte heißen Urt.
10:20Kein Strom, kein fließendes Wasser.
10:24Im Zentrum immer ein Ofen.
10:30Um ihn herum entfaltet sich das ganze Familienleben.
10:42Die Rentiere sind das Herz der Zazan-Kultur.
10:46Sie werden nicht geschlachtet.
10:49Man lebt von ihrer Milch.
10:51Und vom Käse.
10:54Die fettreiche Rentiermilch ist der Hauptgrund für Herzkrankheiten und Bluthochdruck.
11:05Weitere Beschwerden sind auch Blasenkrankheiten, Harnwegsinfektionen oder Niereninsuffizienz.
11:11Das kommt vor allem wegen der hohen Luftfeuchtigkeit.
11:17Es ist wichtig, dass sie gesund bleiben, denn nur dann können sie ihre Kultur am Leben erhalten.
11:21Und ich bin froh, sie dabei unterstützen zu können.
11:23Am nächsten Tag, die erste Patientin, ein Mädchen.
11:35Hallo zusammen, geht es allen gut?
11:40Na, was ist los?
11:41Du hattest Husten und Fieber?
11:46Wir schauen uns jetzt erstmal deinen Körper an.
11:53Manchmal schafft sie es dann doch nur zur Nachkontrolle.
11:56Erst seit kurzem kehren Familien mit kleinen Kindern zurück.
12:04Der Altersdurchschnitt liegt weit über 40.
12:07Die Jungen ziehen meistens weg.
12:10Sie wollen keine Rentiernomaden mehr sein.
12:12Alles okay, 37 Grad.
12:16Die nächste Patientin wartet schon.
12:18Vieles läuft über Solarenergie.
12:22Geräte laden, oft ein Problem.
12:28Noch eine Herausforderung für Schürenzitzek.
12:36Sie ist 70 Jahre alt, die älteste Frau im Camp.
12:45Sie hat einen hohen Blutdruck.
12:46Jetzt ist er gerade bei 170.
12:52Es waren sogar schon mal 230.
12:56Ein Notfall.
12:57Sie musste schnell ins Krankenhaus und wurde dort behandelt.
13:00Aber jetzt nimmt sie Medikamente ein.
13:03Trotzdem möchte sie Nomadin bleiben.
13:06Immer wieder umziehen.
13:11Ich möchte dieses Leben führen, solange es geht.
13:14Nur wenn es wirklich gesundheitlich gar nicht mehr geht, werde ich im Dorf bleiben.
13:21Wie wichtig ist es für dich, dass Schüren immer wieder kommt?
13:23Oh, das ist ganz, ganz wichtig.
13:27Das ist das Allerwichtigste.
13:29Wir warten jeden Monat auf Schüren.
13:35Doch inzwischen warten alle auch auf die Touristen.
13:40Sie sind eine wichtige Einnahmequelle und helfen damit, den Rentiernomaden ihr Leben weiterzuführen.
13:46Wenn Besucher kommen, wird ein kleiner Souvenirbasar improvisiert.
13:52Nur Abenteuerlustige finden den Weg hierher.
13:55Es ist sicherlich keine bequeme Reise, aber das ist wichtig.
14:01Denn wenn es zu einfach wäre, würde dieser Ort hier seine Magie verlieren.
14:10Schurentzetzek kommt kaum zur Ruhe.
14:13Immer wieder wird sie von den Nomaden im Lager um Hilfe gebeten.
14:17Ulsitzetzek klagt über starke Augenschmerzen.
14:20Ja, ich glaube, da ist noch was.
14:25Vor Wochen wurde sie in Saganua operiert.
14:28Schurentzetzek verspricht später vorbeizukommen.
14:31Denn erst muss sie noch zum Ältesten im Camp, dem Schamanen.
14:44Das Wichtigste für uns ist, dass die Ärztin zu uns kommt, weil Gesundheit das Allerwichtigste ist.
14:50Deswegen sind wir wirklich glücklich, dass sie für uns da ist.
14:57Die Veränderungen der letzten Jahre sieht er positiv.
15:01Er ist überzeugt, die Jugend wird zurückkehren.
15:04Es ist eine neue, positive Entwicklung für uns in den letzten Jahren, dass immer mehr Touristen kommen.
15:14Dadurch gibt es immer mehr Zelte, die als Unterkunft für die Touristen dienen.
15:19Die jungen Menschen basteln außerdem Souvenirs aus dem abgefallenen Geweih der Rentiere.
15:23Und dadurch haben wir auch nochmal eine zusätzliche Einkommensquelle.
15:28Das ist alles gut, denn dadurch wird unsere Gemeinde auch attraktiv für junge Menschen.
15:33Der Schamane ist auch ein Bindeglied zur Außenwelt.
15:37Denn er besitzt die einzige Internetverbindung im Camp, per Satellit via Starlink.
15:42Hochmodern.
15:44Gekauft wegen der Touristen, sagt er.
15:46Auch zwei Zelte hat er ihretwegen aufgebaut.
15:50Im Sommer meist ausgebucht.
15:52Die Mongolei ist schon sehr interessant, aber die Rentierleute, die sind etwas ganz Besonderes.
16:02Sie sind mit ihren Rentieren autark, das ist erstaunlich. Es ist wirklich ein Privileg hier zu sein.
16:08Ulzit Setsek treibt ihre kleine Herde zusammen, trotz Schmerzen im Auge.
16:14Endlich wird sie untersucht.
16:17Nach dem kurzen Willkommensritual geht es schon los.
16:22Schurent Setsek vermutet, dass nach der OP ein Faden im Auge geblieben sein könnte.
16:28Er muss sofort raus, sonst droht eine Infektion.
16:38Hat jemand Licht?
16:41Kannst du bitte mal hier drauf leuchten?
16:45Ja, genau, hier drauf.
16:52Professionelle Assistenten gibt es nicht. Da muss oft die Familie einspringen.
17:07Tschüss, alles Gute noch.
17:09Ein langer Tag geht zu Ende.
17:17Am Abend wird wie immer im Sommer Volleyball gespielt.
17:20Für Schurent Setsek endlich Zeit zum Durchatmen.
17:23Ich liebe es, hier mit dem Zazan-Volk Zeit zu verbringen.
17:31Kein Internet, keine Anrufe. Die Seele wird befreit.
17:37Wenn ich könnte, würde ich länger bleiben.
17:38Am nächsten Tag geht es schon zurück.
17:46Das Leben der Nomaden hier ohne Schurent Setsek unvorstellbar.
17:52Sie ist überzeugt, dass Sirentier-Nomaden eine Zukunft haben.
17:56Deshalb will sie auch weiter den langen Weg auf sich nehmen, um ihnen zu helfen.
18:00Der Jubel war unsere rebord, zwischen Raum und Jonak.
18:02Amen.
18:06Aber das Leben ist wunderbar.
18:08Deine Wü size CAPTIONING
18:10In der nächstenahe.
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