- vor 1 Jahr
2006 wird die Millionärin Charlotte Böhringer in einem
Parkhaus in München erschlagen. Ihr Lieblingsneffe wird
lebenslänglich verurteilt. Doch bis heute ist ein
Unterstützerkreis des Täters von dessen Unschuld überzeugt.
Parkhaus in München erschlagen. Ihr Lieblingsneffe wird
lebenslänglich verurteilt. Doch bis heute ist ein
Unterstützerkreis des Täters von dessen Unschuld überzeugt.
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00:00Die Leiche von Charlotte Böhringer
00:30Sie ist erschlagen worden. Als Täter wird ihr Neffe verurteilt. Heute, mehr als 15 Jahre danach, gibt es neue Recherchen. Können diese die Unschuld des Neffen beweisen? Wir rekonstruieren den Fall.
00:45Charlotte Böhringer wurde 59 Jahre alt. Sie gehörte zum Münchner Geldadel, zu den wirklich Vermögenden, die dies nicht in die Öffentlichkeit tragen.
01:04Wenn man Schickeria nennen will, die gibt es in München. Das sind die, die sehr gerne sich in den Zeitungen und im Fernsehen sehen.
01:13Zu denen hat die Frau Böhringer sicher nicht gehört. Es gibt eine andere Art von Stadtgesellschaft, die sehr viel Geld hat, die sich auch untereinander kennen.
01:25Und da war sie eher bekannt. Aber das ist ein Kreis, der eher nicht so gern in der Öffentlichkeit steht.
01:33Bis zu dem Mord im Mai 2006 wusste kaum jemand, dass sich über dem Parkhaus eine mehr als 400 Quadratmeter große Luxuswohnung befindet.
01:42Die Residenz der Parkhausmillionärin.
01:44Die Frau Böhringer war sicher keine einfache Frau. Sie war Witwe, sie hatte viel Geld geerbt.
01:57Sie war jetzt die Inhaberin dieses einträglichen Parkhauses und hat das wohl auch ihren Angestellten und so gegenüber denen durchaus zum Ausdruck gebracht.
02:08Auch mit der Familie war sie nicht so ganz freundschaftlich verbunden. Sie hatte halt so viel Geld im Gegensatz zu allen anderen.
02:18Ja, auf der einen Seite ist sie sicherlich ein Familienmensch gewesen, weil sie hat schon auch Ansprüche gehabt, dass an Muttertag, dass man sich da meldet oder an Geburtstag oder an Weihnachten.
02:30Dann wollte sie schon auch Familie um sich herum haben.
02:32Was hier das Geschäftliche anging, im Parkhaus, da hat sie auch immer gewusst, was sie will.
02:37Ein strenges Regiment geführt, sollte immer alles sauber sein und nach ihren Vorstellungen.
02:43Marte Todt ist einer der beiden Neffen von Charlotte Böhringer.
02:48Er hat einen zwei Jahre älteren Bruder, Benedikt.
02:51Böhringer hatte keine eigenen Kinder, deshalb sollten die beiden einmal ihr gesamtes Vermögen erben.
02:57Und die Millionärin hatte offenbar eine genaue Vorstellung, wie ihre Nachfolge aussehen sollte.
03:06Und dazu gehörte, dass Benedikt Todt ein Jurastudium abschließt, weil sie der Meinung war, dass hier in diesem Betrieb doch ein Jurist die Leitung übernehmen sollte.
03:17Und das hätte, so wird es ja immer gesagt, eine der Voraussetzungen gewesen sein sollen, dass Benedikt Todt dann tatsächlich auch erbt und sein Bruder ebenfalls.
03:31Am 16. Mai 2006 hängt ein Mitarbeiter wie jeden Tag die Zeitungen an die Wohnungstür seiner Chefin.
03:39Ich bin in die Arbeit gekommen, haben mir die beiden Frühschüchtler gesagt, dass die Tante eben nicht zu erreichen war und dass sie sich nicht gemeldet hat.
03:49Sie machen sich Sorgen und sehen nach, ob Böhringer die Zeitungen hereingeholt hat.
03:56Erreichbar ist sie aber nicht.
03:58Und da ging die Suche los. Also wir haben auch Freundinnen, Freunde von ihr angerufen, die haben auch nichts gewusst.
04:04Dann haben wir eben den stellvertretenden Geschäftsführer angerufen, weil er einen Schlüssel fürs Büro hatte.
04:10Und im Büro war ein Schlüssel für die Wohnung.
04:14Und eben dieser stellvertretende Geschäftsleiter ist mit meinem Bruder raufgegangen.
04:20Und ja, mein Bruder war halt erst Auffinder.
04:27Tante!
04:29Es ist ganz kalt.
04:30Die Obduktion wird später ergeben, dass Charlotte Böhringer am Abend des 15. Mai 2006 stirbt.
04:40Die Polizei schränkt den Tatzeitraum auf etwa 18.45 Uhr bis 19.30 Uhr ein.
04:46Sie wird mit mindestens 24 Schlägen auf den Kopf getötet.
04:52Die Tatwaffe, ein schwerer Gegenstand, wurde bis heute nicht gefunden.
05:00Der Neffe des Opfers, Benedikt Todt, Spitzname Benze, gibt bei der Polizei an, dass er zur Tatzeit zu Hause war.
05:13Da er sich angeblich nicht gut fühlte, will er ein Erkältungsbad genommen haben.
05:18Tschüss!
05:19Seine Verlobte soll dann die Wohnung verlassen haben, um sich mit Freundinnen zu treffen.
05:24Dass die Polizei zunächst Benze gar nicht auf dem Schirm hatte, lag auch daran, dass seine Freundin oder Verlobte ihm damals sofort ein Alibi gegeben hatte.
05:38Sie hat gesagt, er sei bis 19 Uhr in der gemeinsamen Wohnung gewesen und dann sei sie zu einem Treffen mit Freundinnen am chinesischen Turm gegangen.
05:49Das prüft die Polizei natürlich nach.
05:53Und da stellte sich eben heraus, dass sie schon um 17 Uhr am chinesischen Turm war und keineswegs bis 19 Uhr in der Wohnung.
06:00Und das ist der kritische Zeitpunkt gewesen, denn bis 18.45 Uhr hat die Frau Böhringer noch telefoniert, das kann man nachweisen.
06:10Und dann reißt es plötzlich ab, dann von da an verstummt sie.
06:14Dadurch gerät Benedikt Todt ins Visier der Polizei.
06:19Seine Wohnung wird von den Münchner Ermittlern durchsucht.
06:23Hier finden sie eine Zeitung mit der Stadtteilausgabe, die nur in der Gegend des Parkhauses verkauft wird.
06:29In seiner Gegend gab es wieder eine andere Stadtteilausgabe.
06:37Also muss er die Zeitung mitgenommen haben, wie denn sonst, denn er bei sich zu Hause konnte er sie nicht erwerben.
06:47Polizei und Staatsanwaltschaft sammeln offenbar genügend Indizien gegen Benedikt Todt.
06:53Der damals 31-Jährige wird angeklagt.
06:56Das öffentliche Interesse an dem Prozess ist groß.
06:59Ich bin, was ja die Aufgabe des Journalisten ist, erstmal neutral reingegangen, natürlich.
07:07Habe die Anklage gekannt und das hörte sich ja auch schlüssig an.
07:14Und dann kam eben die Verteidigung mit immer neuen Beweisanträgen und Gegenargumenten und so.
07:19Und dann habe ich mir gedacht, naja, vielleicht könnte es auch anders gewesen sein.
07:25Und beim Benze hatte ich das Gefühl, dass der am Anfang eigentlich immer noch ganz zuversichtlich war und dann gegen Ende hin immer verzweifelter wurde, was jetzt nichts über die Täterschaft sagt.
07:37Er beteuert immer wieder seine Unschuld.
07:40Hinter ihm stehen Freunde und Familie.
07:42Auch sie sind überzeugt, dass Todt seine Tante nicht getötet hat, obwohl er ein stichhaltiges Motiv für den Mord gehabt hätte.
07:50Wir wissen, dass Benedikt Todt mit dem Jurastudium begonnen hat, aber es ist ihm keine Freude gewesen.
07:58Und deswegen hat er es vernachlässigt, hat zwischendurch versucht, sich zum Schauspieler ausbilden zu lassen,
08:06ist dann wieder zum Jurastudium zurückgekehrt, aber hat es nicht beendet.
08:12Doch dass er das Jurastudium abschließt, war für seine Tante Charlotte Böhringer offenbar die Voraussetzung für den Job als Geschäftsführer und das Millionenerbe, erklärt Gisela Friedrichsen.
08:26Die Gerichtsreporterin hat die Fallakten intensiv studiert.
08:30Benedikt Todt befand sich damals in einer höchst bedrängten Situation vor der Tat.
08:36Er hatte ja angegeben, dass er das erste Staatsexamen bestanden hat und dass er also auch alles absolviert hat, um das zweite abzulegen.
08:45Und in dem Monat der Tat wäre herausgekommen, dass er weder das erste gemacht hat, noch das zweite abgelegt hat.
08:55Und die Tante bestand ja darauf, ihn nur dann als Erben einzusetzen und als Geschäftsführer dann wirken zu lassen, wenn er Volljurist wäre.
09:09Damit das nicht aufliegt, belügt Todt seine Tante. Aber nicht nur sie.
09:14Auch seinen Kommilitonen, Freunden, der Familie und seiner Verlobten erzählt er, dass er das erste Staatsexamen bestanden und das Rechtsreferendariat absolviert hat.
09:26Er hat sich wohl in eine Situation hinein manövriert, aus der er irgendwo nicht mehr herausfand, sondern wo sich dann eine Lüge an die andere reihte.
09:35Das hat so eine eigene Dynamik dann. Wenn man mal in so einer Lügengeschichte, in so einem Lügengeflecht drin ist, dann kann man auch nicht mehr unterscheiden.
09:44Also dem einen sage ich es jetzt, dem anderen sage ich was anderes, dem dritten sage ich die reine Wahrheit.
09:51Das kann man dann auch nicht mehr auseinanderhalten. Lügen ist ja eine ganz intellektuell sehr anstrengende Angelegenheit.
10:00Das Gericht sieht ein Motiv darin, dass die Lüge kurz vor der Entlarvung steht und Todt Angst hat, dass er enterbt wird.
10:09Da er kein Alibi nachweisen kann, hat er ja auch die Gelegenheit, so die Richter.
10:15In dem Indizienprozess wird er 2008 wegen Mordes an seiner Tante verurteilt.
10:22Das Gericht stellt die besondere Schwere der Schuld fest.
10:25Seine Unterstützer sind entsetzt.
10:30Sie sind schuldig!
10:33Sowas ist eine Frechheit, ist das!
10:37Sowas ist eine Frechheit!
10:41Laut Urteil soll sich die Tat wie folgt abgespielt haben.
10:45Benedikt Todt weiß, dass seine Tante am Abend die Wohnung noch einmal verlassen will.
10:50Er lauert ihr an der Wohnungstür auf.
10:52Mindestens 24 Mal schlägt er auf Charlotte Böhringers Kopf ein.
11:08Danach geht er in das Arbeitszimmer.
11:15Dort sucht er nach dem Testament.
11:17Er ist nicht sicher, ob er immer noch als Erbe eingesetzt ist.
11:21Schließlich stiehlt er noch vier 500-Euro-Scheine.
11:34Die Scheine mit Spuren des Opfers werden später bei Todt sichergestellt.
11:37Für Familie und Freunde ist die Darstellung des Gerichts an den Haaren herbeigezogen.
11:47Sie sagen, Benedikt ist unschuldig.
11:50Wir sind ja dessen überzeugt, dass er es nicht ist.
11:55Also unabhängig davon, dass wir jetzt dem, als Beisitzer dem Gerichtsprozess gefolgt haben und feststellen mussten,
12:03dass das Gericht an keinem Tag Interesse zeigte, die Wahrheit rauszubekommen,
12:07sondern einfach nur auf die Verurteilungen gearbeitet hat.
12:09Seit Jahren lässt Marte Todt nichts unversucht, um die Unschuld seines Bruders zu beweisen.
12:16Er hat das gesamte Vermögen von Charlotte Böhringer geerbt
12:19und engagiert die besten Anwälte und Gutachter, die immer wieder vor Gericht ziehen.
12:27Bislang wurden jedoch alle Anträge und Klagen zurückgewiesen,
12:31erklärt die Sprecherin des Oberlandesgerichts München.
12:33Der Angeklagte ist zunächst zum Bundesgerichtshof gegangen
12:40und der hat im Jahr 2009 die Revision des Angeklagten zurückgewiesen.
12:46Der nächste Schritt war, dass der Angeklagte das Bundesverfassungsgericht angerufen hat.
12:50Dieses hat jedoch seinen Antrag nicht zur Entscheidung angenommen.
12:55Als nächstes kam dann ein erster Wiederaufnahmeantrag,
12:59für den das Landgericht Augsburg zuständig war.
13:01Das Landgericht Augsburg hat den Antrag zurückgewiesen.
13:05Die Beschwerde dagegen hat das Oberlandesgericht München entschieden
13:09und auch dieser Beschwerde wurde nicht stattgegeben.
13:14Vor fünf Jahren stößt der Kriminalist Axel Petermann auf den Fall.
13:19Für ein neues Buchprojekt will er die Hintergründe recherchieren.
13:24Wir treffen Petermann am Tatort in München.
13:27Vor seiner Pensionierung war er Leiter der Mordkommission und Fallanalytiker des LKA Bremen.
13:35Von den Anwälten erhält Petermann Einblick in die Ermittlungsakten.
13:40Vor Ort will er sich nun selbst ein Bild machen.
13:42Ich bin ja ein Mensch, der viele Tötungsdelikte bearbeitet hat,
13:47der später dann sich mit den Methoden der Fallanalyse oder des Profilings beschäftigt hat.
13:54Und mir ging es darum zu sagen, welche Spuren habe ich am Tatort in gewisser Weise herauszufinden,
14:01was die Aussagen über den Ablauf des Geschehens und ob die Annahmen des Gerichts,
14:09ob die vorliegenden Beweise so tatsächlich zu halten sind
14:14oder ob die Ergebnisse nicht revidiert werden müssen.
14:20Der Flur sah zur Tatzeit so aus, wie wir es hier auf dem Foto erkennen können.
14:25Es hing kein großer Spiegel, darunter war ein goldenes Tischchen abgestellt.
14:31Und zwischen dem Tischchen und den Treppen, auf denen ich jetzt hier stehe, lag der Körper von Charlotte Böhringer.
14:39Am Original-Tatort will Axel Petermann herausfinden, ob der Ablauf so gewesen sein kann, wie ihn das Gericht dargestellt hat.
14:48Mit zwei Schauspielern will er deshalb die Tat nachstellen.
14:51Dann kommst du als Charlotte Böhringer, öffnest die Tür und wirst gleich von ihm mit ersten Schlägen hier im Türbereich angegriffen.
15:03Ja, muss ich machen.
15:03Okay, und ich währenddessen schlagge ich, das waren ja 24 Schläge.
15:11Noch bevor die eigentliche Tatrekonstruktion beginnen kann, erreicht uns die Nachricht,
15:17dass wir mit Benedikt Trott im Gefängnis telefonieren dürfen.
15:20Dieses Gespräch hat Axel Petermann arrangiert.
15:25Hallo Herr Trott, Axel Petermann hier. Hören Sie mich?
15:28Oh ja, jetzt höre ich was. Herr Petermann, grüß Gott.
15:31Grüß Gott, Herr Trott. Fein, dass das klappt.
15:35Benedikt Trott ist in der Justizvollzugsanstalt Straubing inhaftiert.
15:40Er erzählt, dass der Tagesablauf streng geregelt ist.
15:42Er beginnt um 6 Uhr morgens, abends um 17.30 Uhr ist wieder Einschluss in die Zellen.
15:48Er arbeitet in der Anstaltsbibliothek.
15:53Wie war denn das Verhältnis zu Ihrer Tante?
15:55Es war grundsätzlich gut, aber es war natürlich durchsetzt von Schwankungen.
16:02Also natürlich sage ich, weil ich war sowohl privat als auch geschäftlich am nächsten an ihr dran.
16:09Und wir sind beide nicht vom diplomatischen Korps und so wird halt viel gestritten.
16:15Und für jemanden, der das nicht gewohnt ist, der meint natürlich gleich eine rustikale Kommunikationsart entdecken zu können,
16:23die halt dann durchaus auch da ist.
16:25Aber das ist halt per se meiner Meinung nach auch nichts Schlechtes.
16:28Aber es war vom Grundsatz her eine sehr herzliche Beziehung.
16:31Benedikt Todt erzählte in dem Telefonat, dass er seiner Tante bereits im Spätsommer 2005 gestanden haben will,
16:40dass er sein Jurastudium abgebrochen habe.
16:43Sie haben ja natürlich auch, und da stolper ich so immer ein bisschen drüber,
16:48auch Ihren Freunden erzählt, Sie hätten das Staatsexamen gemacht.
16:52Ja, also dass ich mit diesem Studium aufgehört habe, das ist eine der besten Entscheidungen meines Lebens gewesen.
16:58Und dass ich halt diese unzählige Scharade da abgezogen habe, das ist sicherlich eine der schlechtesten Entscheidungen gewesen.
17:05Und das ist ein Fehler, das hängt mir nach.
17:07Vielleicht werde ich dafür bestraft, das mag sein.
17:10Und ursächlich dafür war wohl, dass ich mich geschämt habe einfach.
17:14Ich habe dann halt genau den Leuten was vorgemacht, die mir am wichtigsten waren.
17:18Ich würde es heute sicherlich anders machen, gar keine Frage.
17:21Vor allem, weil ich ja dann zumindest im Nachhinein dann gehört habe von allen wesentlich Beteiligten.
17:28Eigentlich haben wir es geahnt und zweitens ist es eh wurscht.
17:31Und also darauf wäre es ja nicht angekommen.
17:34Also da ist nichts Illegales passiert.
17:36Das ist ein familiäres oder ein soziales Versagen gewesen meinerseits.
17:43Gut, und dafür werde ich ja jetzt schon lang genug bestraft.
17:46Ich kann die Ermittler verstehen, dass die sagen, da macht einer eine Lebenslüge, da steht eine wichtige Prüfung an.
17:54Das Kartenhaus fällt zusammen und dann tötet er seine Tante, damit das nicht bekannt wird.
18:02Damit er quasi in die Firma hereinrutschen kann und sich niemand darum kümmert, ob er das Studium abgelegt hat oder nicht.
18:11Aber das war für mich nicht entscheidend, um diese Arbeit hier zu machen.
18:17Denn Petermann will für ein neues Buchprojekt die objektiven Spuren der Tat noch einmal überprüfen.
18:24In einem ersten Schritt stellt er mit zwei Schauspielern am Tatort der Baderstraße den Ablauf des Mordes noch einmal nahe.
18:3116, 17, 18, 19, 20, 21, 20, 23, 24.
18:44Ja.
18:45Und wie anstrengend ist das für das Gewirr?
18:47Also ich finde es war sehr anstrengend.
18:49Also das ist jetzt ein Schaumstoffhammer und trotzdem 24 Schläge mit voller Kraft nur mit dem Hammer zu machen ist schon,
18:57also man kommt schon wirklich ins Schnaufen.
18:59Für den Profheiler Axel Petermann sind diese Beobachtungen äußerst interessant.
19:09Also unsere beiden Schauspieler haben ja versucht, die Situation so, wie es im Urteil beschrieben steht, nachzuahmen, nachzustellen.
19:19Und da sind sie ja ganz intuitiv vorgegangen.
19:21Aber letztendlich kann es so nicht gewesen sein, kann es deshalb nicht so gewesen sein, weil wir ein ganz anderes Spurenbild haben.
19:30Ich meine jetzt nicht, dass das hier mit Katrin, die ja hier noch ein wenig liegen geblieben ist,
19:36da die letzten Schläge, die dort auf ihrem Kopf erfolgten, das zweifle ich nicht an.
19:42Das wird so gewesen sein.
19:43Aber was mich völlig irritiert hat, ist, dass wir hier in diesem Bereich, in etwa 1,70 Meter Höhe und darunter,
19:51verschiedene Blutspritzerzentren haben.
19:53Blutspritzer am Tatort des Mordes in Charlotte Böhringer.
20:01Sie erzählen eine Geschichte.
20:07Aber was können Experten daraus lesen?
20:10Dr. Carsten Barbian ist Rechtsmediziner an der Universitätsklinik Leipzig.
20:15Außerdem ist er Blutspuren-Analyst.
20:19Aus einem Blutspurenbild kann man sowohl die zeitliche Abfolge von Tathandlungen rekonstruieren,
20:26als auch die örtliche Abfolge.
20:28Also wie haben sich Täter und Opfer am Tatort bewegt?
20:31Was ist zuerst passiert, was danach, was vielleicht zum Schluss?
20:37Wir haben einen Raum mit Papierbahnen abgeklebt, um Blutspuren so realistisch wie möglich abbilden zu können.
20:43Darsten Barbian benutzt dafür Schweineblut, weil dies dem menschlichen Blut am ähnlichsten ist.
20:50Er zeigt den Unterschied zwischen passiven und projizierten Blutspuren.
20:58Passive Blutspuren entstehen, wenn Blut einfach der Schwerkraft folgend abtropft von einem Gegenstand, von einem Körperteil.
21:06Was passiert?
21:07Die Tropfen werden mit zunehmender Fallhöhe größer.
21:10Und es bilden sich Sekundärspritzer.
21:14So kleine Ausziehungen am Rand, teilweise auch mit Satellitentropfen, also einzelnen runden Klecksen neben dem großen Klecks.
21:25Projizierte Blutspuren entstehen durch eine Bewegung.
21:29Zum Beispiel durch Schlagen auf einen Kopf.
21:33Sie können auch von einem blutigen Tatwerkzeug stammen.
21:35Schauen wir mal, was passiert, wenn der Täter mit dem blutigen Hammer kräftig nach hinten ausfohlt, wo sich dann die Blutspuren finden.
21:47Solche Spuren finden sich auch am Tatort in München.
22:03Für Petermann ergibt sich daraus aber ein anderes Tatgeschehen.
22:06Interessant sind diese Spuren, weil sie eben halt beweisen dürften, das Tatgeschehen hat sich hier in der Nähe des Tischchen zugetragen.
22:21Unterdessen hat der Anwalt von Benedikt Todt einen weiteren Wiederaufnahmeantrag gestellt.
22:30Diesmal geht es unter anderem um DNA-Spuren, die am Jackett des Opfers gefunden wurden, erklärt Peter Witting.
22:37Diese DNA-Spur war eine DNA-Mischspur, die auch Benze Todt zugeordnet worden war.
22:46Das ist fehlerhaft, so wissen wir jetzt nach einem Sachverständigenvotum, das uns vorliegt.
22:53Es ist nicht sicher, dass er der Spurenverursacher ist.
22:56Genauso gut ist es möglich, dass aus dem familiären Umfeld jemand als Spurenverursacher in Betracht kommt.
23:02Gemeint ist, dass die Spuren von Benedikts Bruder oder seiner Mutter stammen können, da die DNA bei Verwandten sehr ähnlich ist.
23:10Ende Juli 2021 wurde auch dieser Antrag abgelehnt.
23:14In dem Fall war es so, dass das damalige Gericht davon ausging, dass die Blutspur im Zusammenhang mit der Tat steht.
23:22Und deshalb haben die Wiederaufnahmegründe, die angebracht wurden, dass die Spur möglicherweise auch von Bruder oder Mutter stammen können.
23:32Keinen Erfolg, denn im Urteil damals wurde bereits ausgeschlossen, dass diese beiden mit der Tat zu tun haben, da die für die Tat ein Alibi hatten.
23:43Ist der Mord an Charlotte Böhringer ganz anders abgelaufen?
23:47Dieser Frage ist auch Professor Dirk Laibudde aus Midweida nachgegangen.
23:52Er leitet an der dortigen Hochschule den Studiengang Allgemeine und Digitale Forensik.
23:58Mit seinem Team hat er versucht, die Blutspuren und Spritzrichtungen zu visualisieren.
24:04Wir haben uns diese Tropfen angeguckt, dann haben wir die Richtung und Winkel noch mit mehr oder weniger Hand eingezeichnet.
24:11Das haben wir jetzt alles automatisiert. Wir haben also auch intelligente Systeme, also KI-Algorithmen eingesetzt und können das jetzt alles automatisch abmachen.
24:19Ziel war es, möglichst genau die Orte im Flur der Wohnung zu definieren, wo auf Charlotte Böhringer eingeschlagen wurde.
24:28So, und jetzt sieht man aber da, wo sich viele dieser Pfeile kreuzen, das sind sozusagen Quellen des Blutes.
24:39Also das ist die Quelle, in welche Richtung nachher dieser einzelne Blutstropfen nachher fliegt.
24:43Ja, also wir sehen es jetzt hier einmal das Rote. Jetzt sieht man sozusagen nochmal wunderbar frontal eigentlich, dass sie hier gestanden haben muss.
24:50Auch von der Intensität des Sammelmusters. Dann haben wir ganz viele Querspritzer eigentlich, die natürlich durch die Dynamik gekommen sind.
24:59Und dann sehen wir hier unten sozusagen also nochmal eine zweite Quelle all dessen.
25:03Die Animation zeigt auch deutlich, dass am Anfang des Flurs, an der Tür, keine Blutspritzer zu finden sind.
25:12Hier hat aber laut Urteil die Tat begonnen.
25:15Wir erinnern uns, Benedikt Todt soll seiner Tante an der Tür aufgelauert und dann sofort zugeschlagen haben.
25:23Ich bin der Meinung, dass doch sehr vieles von dem, was für wahrgehalten wurde, vom Gericht, von den Ermittlern, dass das nicht zutrifft.
25:36Und deswegen bin ich der Meinung, dass unter diesen Umständen Benedikt Todt mit den vorliegenden Indizien nicht hätte verurteilt werden dürfen.
25:45Ich kann mir gut vorstellen, dass es einen völlig anderen Tatablauf gegeben hat.
25:53Prof. Dirkler-Budde aus Midweida hat eine Theorie entwickelt. Danach war der Täter bereits in der Wohnung von Charlotte Böhringer.
26:04Also Täter und Opfer kommen von oben, also aus dem oberen Teil der Wohnung, nutzen jetzt also diese Marmortreppe und gehen gemeinsam runter.
26:11Und dann kommt es zur Auseinandersetzung in diesem Teil des Flures.
26:17Benedikt Todt und seine Familie fühlen sich durch diese Theorie bestätigt.
26:21Für sie ist es ein Beweis, dass eine andere Person, Charlotte Böhringer, getötet haben muss.
26:27Das hat Todt schon immer beteuert.
26:30Ich als Betroffener, also ich weiß, dass die Wahrheit nicht ausgesprochen wurde.
26:36Ich weiß auch, dass eine Wahrheit, wenn man Glück hat, nachweisbar ist.
26:41Ich weiß nur, dass im Hintergrund noch irgendein Spiel gespielt wird, das zu groß ist für meinen Verstand.
26:49Und was das ist, naja, das würde ich gerne herausfinden.
26:52Benedikt Todt wäre nicht der erste Täter, der vehement an seiner Unschuld festhält und die auch so kommuniziert nach außen.
27:01Denn dafür kriegt der Unterstützer, wenn er sagt, ich war es, dann findet er niemand, der sich dann groß für ihn engagiert.
27:11Jeder Unterstützer bestärkt ihn wieder darin, dass er es nicht gewesen ist.
27:15Also das ist so ein Kreislauf.
27:17Ich glaube, der kommt aus dieser Nummer gar nicht mehr heraus.
27:20In dem Telefoninterview sagt Todt, dass er nun eine Verfassungsbeschwerde einreichen wird.
27:28Außerdem wollen seine Anwälte prüfen, ob sie mit den neuen Fakten über einen anderen Tatablauf einen weiteren Wiederaufnahmeantrag stellen.
27:36Wenn jetzt es für einzelne Bereiche dieses Tatablaufs, die ein Gericht feststellt, auch andere Möglichkeiten bestehen,
27:44heißt das ja nicht, dass das zwingend zu einem Freispruch führen wird.
27:49Denn selbst auch mit einem anderen Tatablauf hätte es zur Verurteilung kommen können.
27:54Deshalb ist es bei dem Wiederaufnahmeverfahren immer diese Zweiteilung zwischen neuem Beweismittel, neuen Tatsachen
28:00und der Geeignetheit, dass das auch zu einem Freispruch oder zu einer niedrigeren Strafe führt.
28:07Die Familie hat das Vertrauen in die Gerichte verloren, sagt Marte Todt.
28:11Deswegen hat sie selbst eine hohe Belohnung für Hinweise ausgesetzt.
28:15Wir haben 250.000 Euro ausgelobt für Hinweise, die dazu beitragen, dass mein Bruder freikommt.
28:23Also es hilft natürlich nicht, wenn jemand kommt und damit kann man nicht arbeiten.
28:27Oder wenn jemand kommt und sagt, er wagt und meint dafür Beweise zu liefern.
28:32Also natürlich unter der Voraussetzung, dass Benzer aufgrund dessen rauskommt.
28:35Hat Benedikt Todt seine Tante Charlotte Böhringer umgebracht?
28:40Oder wurde er Opfer eines Justizirrtums?
28:44Diese Frage polarisiert die Beobachter bereits seit 15 Jahren.
28:48Ob der Benzer der Täter war, weiß nur er selber und wenn er es nicht war, der wahre Täter.
28:56Ich weiß es auch nicht.
28:57Wo ich aber hundertprozentig sicher bin, ist, dass sie ihn nicht hätten verurteilen dürfen.
29:01Ich glaube eigentlich nicht, dass das Urteil den Falschen getroffen hat.
29:06Ganz abgesehen davon, dass es nicht die Spur eines Alternativtäters gibt.
29:12Also es bleibt nur einer.
29:14Und nur einer hat wirklich ein Motiv, das auch so eine Tat irgendwo trägt.
29:21Jetzt muss man sich ja mal vergegenwärtigen.
29:23Wenn das aufgeflogen wäre, dass er kein Examen hat, dann hätte er keinen Job gehabt.
29:30Er hätte also nichts gehabt, gar nichts.