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  • vor 6 Monaten
Die Einbürgerung in Österreich ist so streng wie in kaum einem anderen Land. Immer mehr Menschen werden deshalb von Wahlen ausgeschlossen, obwohl sie hier leben. Kann das so weitergehen?

Credit: DER STANDARD; Thumbnail: Adobe; Privat; Collage: Yasaman Hasani

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Transkript
00:00Politikerinnen und Politiker sollten eigentlich alle Menschen vertreten, die in einem Land leben.
00:05Aber in Österreich ist eben rund ein Fünftel davon ausgeschlossen.
00:08Nur Saudi-Arabien und die Arabischen Emirate sind noch strenger mit ihrer Einbürgerung.
00:23Mein Name ist Isadora Walnüfer.
00:25Ich bin Redakteurin im Standard-News-Team und ich beschäftige mich jetzt schon länger mit dem österreichischen Staatsbürgerschaftsgesetz.
00:38Liebe Österreicherinnen, liebe Österreicher und alle, die hier leben.
00:47Diese Ansprache ist sicher vielen bekannt, die schon mal dem Bundespräsidenten zugehört haben.
00:52Aber was meint er mit alle, die hier leben?
00:54Damit meint er rund 1,9 Millionen Menschen, die in Österreich dauerhaft leben, aber nicht Staatsbürgerinnen oder Staatsbürger sind.
01:03Dieser Anteil, also derjenigen, die hier leben, aber keine Staatsbürgerinnen und Staatsbürger sind, ist am steigen.
01:10Wenn man jetzt vergleicht mit dem Jahr 2008, da waren das noch 10 Prozent der Bevölkerung, die nicht österreichische Staatsbürgerinnen waren.
01:18Dieser Anteil ist immer weiter gestiegen, bis zu den heutigen 20 Prozent.
01:21Das sind Menschen, die hier leben, viele davon zahlen Steuern und sie dürfen nicht bestimmen, was mit ihren Steuergeldern passiert.
01:29Sie sind aus Nationalratswahlen ausgeschlossen, sie dürfen keinen Bundespräsidenten oder Bundespräsidentin wählen und sie dürfen auch keinen Landtag wählen.
01:37Politikerinnen und Politiker sollten eigentlich alle Menschen vertreten, die in einem Land leben, aber in Österreich ist eben rund ein Fünftel davon ausgeschlossen.
01:45Die meisten Menschen, die hier leben und nicht die Staatsbürgerschaft haben, kommen aus Deutschland mit großem Abstand.
01:53Danach folgen Rumäninnen und Rumänen und Menschen aus der Türkei.
01:57Nur Saudi-Arabien und die Arabischen Emirate sind noch strenger mit ihrer Einbürgerung.
02:01Besonders sichtbar war das bei der Wiener Gemeinderatswahl.
02:08Weil Wien ein Bundesland ist, durften rund 35 Prozent der Menschen, die hier leben, nicht entscheiden, wer die Stadt regiert.
02:16Wenn man dann noch mit einberechnet, dass rund ein Drittel der Wahlberechtigten auch nicht mitgewählt hat,
02:22dann wurde die Regierung von Bürgermeister Michael Ludwig von nur einem geringen Teil der Menschen gewählt, die hier auch leben.
02:29Die NGO SOS Mitmensch macht darauf mit der sogenannten Pass-Egal-Wahl aufmerksam.
02:34Das ist eine Wahl, bei der alle teilnehmen dürfen und der Pass nicht wichtig ist.
02:39Dabei sind die Ergebnisse deutlich anders als bei der Wien-Wahl, die wirklich gezählt hat.
02:44Diese symbolische Wahl ging so aus, dass die ÖVP und die FPÖ wesentlich schlechter abgeschnitten haben.
02:50Die SPÖ war trotzdem weiterhin auf Platz 1.
02:54Die NGO betont natürlich, dass diese Wahl nicht repräsentativ ist für alle Menschen, die hier leben und keine Staatsbürgerschaft haben.
03:02Aber dennoch haben diese Menschen dann das Gefühl, ihre Meinung kundzutun.
03:06Und man sieht, rechte Parteien schneiden deutlich schlechter ab.
03:09Wie kommt man jetzt zu einer österreichischen Staatsbürgerschaft?
03:16In Österreich gilt das Prinzip des sogenannten Jus Sanguinis, also das Gesetz der Ahnen.
03:22Man bekommt die Staatsbürgerschaft nämlich durch die Eltern und nicht dadurch, dass man hier geboren ist.
03:26Es leben also laut Statistik Austria rund 270.000 Menschen in Österreich, die hier geboren sind, aber keine Staatsbürgerschaft haben.
03:36Wenn ich nun die österreichische Staatsbürgerschaft beantragen will, dann muss ich eine Einbürgerung durchlaufen.
03:42Und dazu zählen viele Dinge, die man erfüllen muss.
03:45Unter anderem muss man ein sehr gutes Deutschniveau haben.
03:48Man muss unbescholten sein, das heißt keinen Eintrag im Strafregisterauszug haben.
03:52Zudem braucht man ein gesichertes Einkommen und hier werden zum Beispiel Kreditrückzahlungen oder die Miete abgezogen.
04:00Das ist in Österreich recht hoch.
04:02Laut dem Politikwissenschaftler Gerd Walchers werden zum Beispiel 60 Prozent der österreichischen Arbeiterinnen und 30 Prozent der österreichischen Arbeiter ausgeschlossen
04:11und hätten keine Chance auf eine Staatsbürgerschaft.
04:14Man muss zudem zehn Jahre hier leben, manchmal gelten auch Ausnahmen und das reichen sechs Jahre und man muss einen sogenannten Staatsbürgerschaftstest durchlaufen.
04:24Für diesen Staatsbürgerschaftstest kann man sich auch online vorbereiten mit so Probefragen.
04:30Wir können das jetzt gleich machen.
04:33Okay, da geht es um Geschichte.
04:37Was geht noch?
04:39Ein paar Sachen kann man sich eh denken.
04:41Okay, da ist eine Frage dabei.
04:45Die Revolution von 1848 betraf auch das Kaiserreich Österreich.
04:50Was waren wesentliche Forderungen in der Revolution von 1848?
04:55Ich war da nicht dabei und kann mich jetzt nicht so genau an meinen Geschichtsunterricht erinnern.
05:01Es ist vielleicht für viele, die auch hier zur Schule gegangen sind, schwierig zu beantworten.
05:05Zur Auswahl stehen Freiheit und Bürgerrechte, Unabhängigkeit vom Kaiserreich Österreich, zum Beispiel Ungarn, eine Verfassung und mehr Rechte für den Kaiser.
05:14Man kann so viele wie möglich anklicken.
05:17Hm, okay.
05:20Ich hoffe, ich liege richtig.
05:22Die nächste Frage, welche der Religionen waren 1918, also zum Ende der Monarchie in Österreich-Ungarn, offiziell anerkannt?
05:31Konfuzianismus, Islam, Judentum, Buddhismus.
05:34Man kann wieder mehrere ankreuzen.
05:37Ich glaube, Islam und Judentum waren auf jeden Fall anerkannt.
05:40Die anderen beiden glaube ich nicht.
05:44Aber es ist vielleicht auch für Menschen, die hier zur Schule gegangen sind, schwierig.
05:48Es gibt aber auch einige Ausnahmen, wo man diesen Test nicht erfüllen muss.
05:54Es gilt ein erleichterter Zugang für jene Menschen, die zur Zeit des Austrofaschismus oder in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt wurden.
06:03Das gilt auch für ihre Nachfahren.
06:05Und es gilt ein erleichterter Zugang für Menschen, die einen besonderen Dienst für die Republik Österreich erbracht haben.
06:11Dieser sogenannte Promi-Paragraf für Sportlerinnen, Wissenschaftlerinnen, Künstlerinnen mit herausragenden Erfolgen wird aber häufig kritisiert, da es recht intransparent ist.
06:24Die österreichische Bundesregierung entscheidet, wer diese Staatsbürgerschaften bekommt.
06:29Und man muss keinen Test machen, muss hier keinen Wohnsitz haben und muss auch nicht gut Deutsch sprechen.
06:35Normalerweise entscheiden aber die Behörden in den neuen Bundesländern, wer die Staatsbürgerschaft bekommt und wer nicht.
06:45In Wien ist das die MA35, lange eine der schlimmsten Behörden in ganz Österreich verschrien.
06:53Die Wartezeiten sind sehr lange.
06:55Menschen beschweren sich, dass oft sehr akribisch und sehr genau nachgefragt wird, welche Dokumente sie bringen.
07:01Teilweise warten Menschen bis zu ein Jahr auf einen ersten Termin.
07:05Die Behörde verteidigt sich und sagt, dass sie wahnsinnig viele Anträge bekommt.
07:10Sie führt ja auch nur das Gesetz aus, das einfach ein kompliziertes Gesetz ist in Österreich.
07:16Und die Behörde betont, dass sie jetzt einen Reformprozess durchläuft.
07:20Es wird mehr Personal dafür abgestellt, um diese Verfahren schneller zu machen.
07:25Dennoch berichten Betroffene davon, dass man wahnsinnig lange warten muss.
07:29Und vor allem für Menschen, die nicht hier geboren sind oder die hergereist sind und hier neu starten müssen,
07:35für die Deutsch erst die zweite oder dritte Sprache ist, die sie lernen, ist dieser Prozess sehr schwierig.
07:41Viele sprechen auch von Schikane.
07:42Viele fordern, dass dieser Prozess in Österreich leichter gemacht wird.
07:49Beispielsweise sagt die Caritas, dass dieser Prozess vereinfacht werden sollte.
07:54Die türkis-rot-pinke Regierung hat tatsächlich auch Änderungen umgesetzt.
07:59Die Bürokratie soll abgebaut werden und es soll alles ein wenig schneller gehen.
08:03Dennoch wurde das Sprachniveau aber auf B2 hochgesetzt.
08:08Früher war es B1.
08:09B2, das ist Fremdsprachen-Matura-Niveau.
08:12Das heißt, man muss eine Sprache wirklich gut verstehen und wirklich gut beherrschen.
08:17Expertinnen und Experten sagen, dass es dadurch schwieriger wird, die Staatsbürgerschaft zu erhalten,
08:21weil dieses Niveau so viel höher ist und das einen großen Unterschied macht, ob B1 oder B2.
08:26Politikerinnen der ÖVP betonen zum Beispiel immer wieder, dass die österreichische Staatsbürgerschaft ein hohes Gut ist.
08:33Das sagt zum Beispiel auch die Salzburger Landeshauptfrau und ehemalige Verfassungsministerin Caroline Etzstadler.
08:40Wir leben in einem der lebenswertesten Staaten und daher gilt es auch,
08:47die österreichische Staatsbürgerschaft als hohes Gut, als höchstes Gut unseres Rechtsstaates entsprechend hervorzuheben.
08:55Es ist aber so, dass viele Politikerinnen und Politiker, die bei der ÖVP sind, immer wieder sagen,
09:00dass die Staatsbürgerschaft am Ende dieses Integrationsprozesses steht und man damit sozusagen abgeschlossen hat.
09:08Laut der Forschung ist es aber so, dass viele das Gefühl haben, wirklich integriert zu sein,
09:12wenn sie diese Staatsbürgerschaft haben.
09:14Also es ist sozusagen ein Schritt in diesem Integrationsprozess.
09:18Für einen erleichterten Zugang spricht sich zum Beispiel die SPÖ in Wien aus.
09:22Sie wollen, dass hier geborene Menschen die Staatsbürgerschaft leichter bekommen
09:26und auch, dass die Einkommensgrenzen gesenkt werden.
09:30Die Grünen wollen einen erleichterten Prozess und die NEOS sprechen sich für Doppelstaatsbürgerschaften aus,
09:35die ja in Österreich allgemein nicht erlaubt sind.
09:38Die FPÖ sagt in Österreich zum Beispiel, dass die österreichische Staatsbürgerschaft kein Ramschartikel werden darf
09:45und dass sie nicht jedem nachgeschmissen werden sollte.
09:47Allgemein sagen rechte Parteien wie die AfD oder die FPÖ,
09:52dass die Staatsbürgerschaft denjenigen, denen sie verliehen wurde, auch wieder entzogen werden kann.
09:59Das nennen sie Remigration.
10:01Andere Länder handhaben es anders als Österreich.
10:04Wie gesagt, ist ja Österreich eines der strengsten Länder.
10:07In Deutschland sind Doppelstaatsbürgerschaften erlaubt.
10:10In Schweden reichen beispielsweise fünf Jahre Aufenthalt.
10:13In Estland und Belgien ist der Zugang erleichtert und in Neuseeland ist beispielsweise das Wahlrecht an den Aufenthalt gekoppelt
10:22und nicht an die Staatsbürgerschaft.
10:24Allgemein könnte man es zum Beispiel so handhaben, dass die Staatsbürgerschaft nicht ausschlaggebend ist für eine Wahlberechtigung
10:32und dass man es so handhabt wie bei der EU-Wahl.
10:35Man kann ja zum Beispiel sagen, dass man ab einer gewissen Aufenthaltsdauer in Österreich,
10:39die man hier ununterbrochen lebt, mitentscheiden kann und der Pass dabei keine Rolle spielt.
10:46Dass sich daran etwas ändert, ist aber unwahrscheinlich.
10:48Denn diejenigen, die darüber entscheiden, ob sich etwas an diesem Prozess verändert,
10:53die für die Parteien wählen würden, die etwas ändern wollen, sind ja die, die nicht betroffen sind.
10:59Weil wählen darf ja, wer Österreicherin oder Österreicher ist.
11:02Und das bedeutet, dass es immer noch mehr Menschen geben wird, die hier leben, die hier arbeiten,
11:09aber die von wichtigen Entscheidungen ausgeschlossen sind.
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