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Longreads Mit Heidi Reichinnek
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00:02Hi!
00:03Hi!
00:04Hi!
00:05No, no, no.
00:06No, no, no, no, no, no, no, no, no, no, no, no, no, no, no, no, no, no, no, no,
00:07no, no, no, no, no, no, no, no, no, no, no, no.
00:08We wanted to do a small book to do, but there didn't have any political events.
00:12We didn't have any political events.
00:13We have to do it.
00:13Heidi Reichenegg kÀmpft as the President of the Linken in the Bundestag.
00:17Gegen Rechte Hetze and for bezahlebar Mieten.
00:20Denn what you from Union and SPD here are currently in the US, that is relatively undemokratisch.
00:24She has still time for a meeting in the Berliner VolksbĂŒhne with us.
00:27Das Arbeitertheater befindet sich direkt gegenĂŒber der Zentrale ihrer Partei, am Rosa-Luxemburg-Platz.
00:34Und wurde vor ĂŒber 100 Jahren errichtet, um der Revolution von unten eine BĂŒhne zu bieten.
00:40Im Wahlkampf 2025 schaffte Heidi es, ihre Partei nach groĂer Existenzkrise wieder zur vertretbaren Stimme fĂŒr soziale Gerechtigkeit zu machen.
00:48Auf Instagram folgten ihr zeitweise 100.000 mehr Leute als AfD-Frontfrau Alice Weidel.
00:53Und sogar mehr als doppelt so viele wie Friedrich Merz.
01:01Das sind die Garderogen. Ich glaube hauptsÀchlich die MÀnner-Garderogen.
01:06Das muss schon irgendwen interessieren, dass ich hier ĂŒberlebe.
01:08Den scheiĂ globalen Kapitalismus zum Beispiel.
01:11Oder den homogenen Staat oder die Sparpolitik.
01:13Möglich, dass die an meinem Ăberleben interessiert sind.
01:16Ja, krass. Also das restliche Zitat auch. Und deshalb interessieren auch keine Geschichten.
01:20Oder die Geschichte, die du mir erzÀhlst, zum Beispiel dein Leben, die sind einfach nicht interessant.
01:23Also als Motivation wĂŒrde ich es jetzt irgendwie nicht in der Schule aufhĂ€ngen, aber nachdenken ist es auf jeden Fall
01:28nicht schlecht.
01:34Reichenek wuchs in Sachsen-Anhalt auf. Sie arbeitete mit vernachlÀssigten Jugendlichen.
01:38Sie lebte in Kairo, als der arabische FrĂŒhling ausbrach.
01:41Und ich glaube, sie trÀgt eine revolutionÀre mafretete als Tattoo auf dem Unterarm. Aber ich bin mir nicht ganz sicher.
01:58Heute sprechen wir nicht ĂŒber Politik, nicht direkt. Wir sprechen ĂŒber BĂŒcher.
02:06Wer bei Longreads zu Gast ist, bringt ein Buch mit, ĂŒber das er reden will.
02:10Und ich bringe ein Buch mit, das mir wie eine ganz gute ErgÀnzung dazu vorkommt.
02:15Macht es in einem politischen Kontext Sinn, sich ĂŒber Literatur zu unterhalten?
02:19Unbedingt. Also warum? Das wĂŒrde mich brennend interessieren.
02:23Ich finde Literatur auf vielen Ebenen unfassbar wichtig fĂŒr Politik.
02:27Also weil es dir einfach nochmal einen anderen Blick eröffnet, weil du viele Lebenswelten nochmal anders verstehen kannst,
02:31weil es dir Impulse gibt, weil es auch Emotionen in dir weckt. Aber auch mal ganz simpel gesagt,
02:35manchmal brauchst du Literatur einfach, um dich abzulenken. Also du kannst auch nicht 24-7 nur Politik im Kopf haben.
02:41Also manchmal ist es auch einfach schön zu sagen, hey, ich will einfach mal in eine andere Welt,
02:45ich will ein anderes Leben leben fĂŒr eine kurze Zeit.
02:48Und das ist ja auch das Buch, was ich mitgebracht habe, ist ja nicht das extrem anspruchsvollste.
02:54Heidi hat das Buch 84 Sharing Crossroad mitgebracht, von Helene Hanf.
02:58Es ist die Sammlung einer Reihe von Briefen, die eine New Yorker Drehbuchautorin und ein britischer Antiquar mit Sitz in
03:04London in den Nachkriegsjahren ausgetauscht haben.
03:06Ich muss meins zeigen, weil ich habe ein Ă€lteres und das ist ein sehr viel schöneres Cover, mĂŒssen wir mal
03:10ganz ehrlich sagen.
03:11Auf dem Buchcover von Heidis Ausgabe ist ein alter Buchladen in Soho zu sehen.
03:16Dieses Cover dient auch der BeweisfĂŒhrung. Die Korrespondenz zwischen den beiden ist keine Fiktion, sondern eine sogenannte wahre Begebenheit.
03:24Und was mache ich jetzt? Beeindruck ich dich jetzt und die Leute, die zugucken, mit meinen total klugen BĂŒchern?
03:28Also bringe ich jetzt irgendein Sachbuch mit und wir reden jetzt irgendwie ĂŒber ganz tiefe Themen?
03:32Oder bringe ich jetzt irgendwie so einen ganzen groĂen Gesellschaftsroman mit, der irgendwie ganz viele Geschichten umfasst und ganz viele
03:37Jahrzehnte, um einfach zu zeigen, hey, ich bin voll klug.
03:40Das ist dein politisches Beruf sein und du hast das alles durchgearbeitet.
03:43Genau, aber das will ich eigentlich gar nicht, sondern ich wollte was mitbringen, was ich jetzt irgendwie schon wirklich, ich
03:47weiĂ nicht, fĂŒnf, sechs, sieben Mal gelesen habe.
03:48Immer dann, wenn ich das GefĂŒhl hatte, ich muss mal wieder so ein bisschen abschalten, ich muss mal wieder irgendwie
03:54einen anderen Blickwinkel kriegen, ich muss einfach auch mal wieder glĂŒcklich werden.
03:58Und genau, deswegen ist es halt das Buch geworden.
04:01Und warum berĂŒhrt es dich so?
04:04Also bei mir hat er nochmal diesen schönen Untertitel Eine Freundschaft in Briefen. Ich glaube, der steht bei dir gar
04:08nicht drauf.
04:08Es geht um eine New Yorker Autorin, die nach antiquarischen BĂŒchern sucht.
04:13Also der Zweite Weltkrieg ist gerade vorbei. Es gibt in Amerika irgendwie scheinbar nicht die Literatur, die sie sucht.
04:18Und sie hat dann irgendwie so eine Anzeige entdeckt von einem Antiquariat in London, die halt damit werben, dass sie
04:23bestimmt BĂŒcher organisieren können.
04:25Und da schreibt sie halt hin, einfach erstmal mit so einer Liste, ich hÀtte gerne das und das. Und dann
04:27kommt ein Brief zurĂŒck.
04:29Und dann kommen die so langsam ins GesprÀch. Wie ist deine RealitÀt? Wie ist meine?
04:32Und ja, es basiert halt auf den Briefen, die sie wirklich ausgetauscht haben.
04:34Und es ist irgendwie nichts Besonderes, es ist nichts, was die Welt verÀndert, aber schon das Leben von den Personen.
04:40Das ist es einfach, so einfach dieses verbindende Element vom Lesen.
04:45Und die schicken dir dann fĂŒr einen Spottpreis immer ĂŒber den Atlantik diese völlig bizarren NeuĂŒbersetzungen von christlichen und philosophischen
04:53Texten,
04:53die ja auch was sehr ElitÀres haben. Das finde ich, das wollte ich dich fragen.
04:56Ob du irgendeines der BĂŒcher, die sie dort bestellt, gelesen hast? Gar nicht.
05:01Ich habe einfach gelesen, sie sagt mir, okay, spannend, sehr intelligente Frau, sehr literatisch.
05:05Aber es geht gar nicht darum, was das fĂŒr BĂŒcher sind und wie klug die alle sind, sondern es geht
05:11einfach darum,
05:12dass man lesen will und dass man diese BĂŒcher haben möchte.
05:15Und vielleicht auch BĂŒcher, fĂŒr die sie eigentlich gar nicht mehr so groĂ interessiert wird. Das finde ich so irre.
05:23Helene bestellt Erziehungsratgeber aus der Barockzeit oder Bibeln auf Latein aus der SpÀtantike.
05:28Pretty uncommon.
05:29Anyone would think I was asking for Isaiah's personal copy of the Old Testament.
05:32These are famous books by famous writers, for God's sake.
05:35They're British books by British writers. Nobody asks for them anymore.
05:39Wahrscheinlich wurden ihre Briefe aber aus einem anderen Grund zu einem Ăberraschungsbestseller
05:42und Anfang der 80er Jahre sogar verfilmt mit Anne Bancroft und Anthony Hopkins in den Hauptrollen.
05:51Briefe sind Zeitmaschinen.
05:53Dass sie aus England die ganze Zeit BĂŒcher zugeschickt kriegt, fĂŒhrt nach relativ kurzer Zeit dazu,
05:58dass sie dem Antiquariat riesige Fresspakete aus Amerika schickt, sodass es irgendwann fast zu viel wird.
06:04Also sie fragt auch immer weiter, braucht ihr noch Eipulver, braucht ihr noch irgendwas?
06:07Und sie so, nein, nein, es reicht bis April.
06:09Ich musste ein bisschen an so GroĂtanten denken, denen man einmal gesagt hat, die SchwarzwĂ€lder Kirschtorte schmeckt ganz gut
06:16und plötzlich wird man da fĂŒr den Rest seines Lebens mit beladen.
06:19Also warum schickt sie dir die ganze Zeit Essen?
06:21Ich hatte so das GefĂŒhl, sie will das wieder gut machen, was ihr Land, wie sie das sieht, eben nicht
06:26gut gemacht hat.
06:27Und sie erfÀhrt dann eben auch, wie die Situation ist.
06:29Also dass nach diesem Krieg, ich meine in den USA sicher, dieser Weltkrieg hat alle in irgendeiner Form beeinflusst,
06:34aber in den USA war natĂŒrlich die Auswirkung sehr andere oder weniger gravierend als das, was in GroĂbritannien passiert ist.
06:41Sie schreibt ja auch einmal irgendwie, die USA sind ein schlechter Freund, der jetzt Deutschland unterstĂŒtzt
06:45und GroĂbritannien den Partner sozusagen jetzt irgendwie am langen Arm sozusagen verhungern lĂ€sst.
06:49Das wird sicher auch ihr vordergrĂŒndiges GefĂŒhl bei der Sache gewesen sein.
06:52Ich glaube, es spielt aber trotzdem noch eine Rolle, dass sie sich darĂŒber definiert, all das geben zu können.
06:58Also sie fĂŒhrt diese relativ prekĂ€re Existenz zu einem Wissengrad und hat da aber dieses eine nicht von ihr so
07:05beabsichtigte,
07:06aber trotzdem ganz klar als solches zu benennende Machtinstrument, ich kann euch fĂŒttern.
07:10Ich merke, ich mag diesen Gedanken ĂŒberhaupt nicht, zu glauben, dass sie da irgendwie ihre Macht ausspielen will
07:15oder irgendwie diese Beziehung erzwingen will, sondern ich habe wirklich eher das GefĂŒhl, sie lebt selber prekĂ€r
07:20und sie ist froh, dass sie da an dieser Stelle jemandem was geben kann, was ja so oft so ist.
07:25Also dass auch gerade Menschen, die vielleicht nicht so viel haben, trotzdem versuchen, andere zu unterstĂŒtzen
07:29und da auch irgendwie was geben und das halt oft gar nicht können, weil sie die Möglichkeit nicht haben.
07:32Sie hat diese Möglichkeit in diesem Moment und nutzt sie.
07:34Also die Nylonstrumpfusen, ich fand das einfach so ein Beispiel.
07:37Kannst du das kurz erzÀhlen, die Nylonstrumpfusen?
07:39Sie ist dann unterwegs, weil sie mitbekommt, dass die Frauen, die im Antiquariat arbeiten,
07:44so verzweifelt nach Nylonstrumpfusen suchen, die es einfach nicht gibt und das einfach fĂŒr die so ein Riesenluxus ist.
07:49Und dann lĂ€uft sie halt los und kauft welche und schickt die rĂŒber, weil sie einfach merkt,
07:52was das fĂŒr eine unfassbare Bedeutung hat. Also was fĂŒr sie ĂŒberhaupt nicht real ist,
07:57weil es in den USA diese Probleme ĂŒberhaupt nicht gab.
07:59Ich weiĂ nicht, wie du es empfunden hast, aber sie zwingt diesen Antiquar ja schon irgendwie in Kontakt.
08:04Also sie schreibt sehr, sehr ausfĂŒhrlich ĂŒber ihren Alltag, ĂŒber ihr Empfinden den BĂŒchern gegenĂŒber, die er ihr schickt.
08:11Die Briefe, die sie ihm anfangs schreibt, sind gefĂŒhlt dreimal so lang wie die sehr nĂŒchternen,
08:16geschĂ€ftlichen, wenn auch höflichen Antworten, die er zurĂŒckschreibt.
08:20Sie fÀngt ja erstmal wirklich nur mit diesen Bestellungen an und dann merkt sie,
08:23da ist bei ihm genau diese Leidenschaft fĂŒr BĂŒcher klar.
08:25Ich meine, er arbeitet in einem Antiquariat, also irgendwie muss das ja einen Grund haben.
08:28Und, glaube ich, sieht da so ein bisschen so eine verwandte Seele und fÀngt dann an sich so zu öffnen
08:32ĂŒber diese BĂŒcher
08:33und merkt dann vielleicht, hey, das ist eigentlich total toll, dass es doch Menschen gibt, die mich da verstehen und
08:37mit denen ich mich austauschen kann,
08:38die ich scheinbar vor Ort nicht habe oder noch nicht gefunden habe, weil ich auch gar nicht versucht habe, sie
08:41zu finden.
08:41Er ist so eine gute ProjektionsflÀche irgendwie, auf der sie sich ein bisschen literarisch austoben kann und feststellen,
08:48was sie eigentlich genau will und was ihre Stimme und ihre Sprache ist, ohne dass sie Gefahr lÀuft, demjenigen mal
08:53auf der StraĂe zu begegnen,
08:54oder dass das reale Konsequenzen haben könnte oder so.
08:57Ich glaube, dass sie dort, wo sie lebt, diese Person nicht gefunden hat oder auch gar nicht versucht hat, sie
09:02zu finden.
09:03Und das hat sich durchaus zufÀllig ergeben, aber das nutzt sie dann auch.
09:06Aber ich habe jetzt gar nicht so den Blick darauf, dass ich denke, sie braucht das jetzt so ganz, ganz
09:11dringend.
09:11Ich mochte die total gerne, aber ich hatte zum gewissen Grad zum Beispiel das GefĂŒhl, das sind alles Ausreden, weshalb
09:19sie nicht nach England fahren kann.
09:20Die hat eigentlich Angst, die hat irgendwie Angst, da hinzugehen, wo sie gerne hingehen wollen wĂŒrde.
09:26Fast 20 Jahre lang schreiben Helene und Frank sich hin und her, kriegen es am Ende aber nicht hin, sich
09:31live zu begegnen.
09:32Der Flug ist fĂŒr Helene zu teuer und Frank stirbt unerwartet im Dezember 1968.
09:39Das ist so der Moment, wo ich dachte, oh nein, also jetzt hat sie das vielleicht auch so lange aufgeschoben
09:44und hatte vielleicht auch so viel Angst
09:46und jetzt verpasst sie dann doch diesen Moment, diese Person persönlich kennenzulernen.
09:50Ich mache das sehr, sehr gerne, weil ich wusste, die werden das fĂŒreinander bleiben, was sie fĂŒreinander immer sein sollten.
09:56Ich war ganz erleichtert, dass die sich nicht noch kennenlernen und plötzlich wird der gemeinsame Mythos entkrÀftet, weil so eine
10:03leibliche Begegnung doch eine andere ist als die in der Brieffreundschaft.
10:06Sie kann ja wirklich vor ihm diejenige sein, die sie gerne sein wĂŒrde.
10:11Und ein bisschen, ne, ist es...
10:13Ne, meine rosa Brille sagt, das wÀre einfach...
10:15Wir haben verschiedene rosa Brille, bei mir ist es ja auch eine rosa Brille.
10:18Genau, meine sagt, nein, es wÀre so schön gewesen, sie hÀtten sich mehr persönlich kennengelernt und einfach diesen Moment miteinander
10:23gehabt.
10:23Aber sie hatten ihn nicht und sie hat ja natĂŒrlich dafĂŒr die anderen getroffen und es lebt ja auch alles
10:27weiter, ne, also das Andenken an ihn.
10:29Aber ja, das war fĂŒr mich dann nochmal so dieser bisschen traurigere Abschluss, aber trotzdem bei allem immer noch sehr
10:33schön.
10:42Das ist einer meiner Lieblingsorte. Das ist auch der schönste Ausschnitt des Sternenhimmels, den ich kenne, wenn es Nacht ist.
10:47Wenn man es dann sieht, ja. Dann kommen wir nachts nochmal her. Ich finde ja nachts im Auto sowieso nochmal
10:52viel spannender.
10:52Allerdings, das stimmt. Und hier war, zu DDR-Zeiten, war hier ein kleiner Einkaufslagen fĂŒr die Leute, die im Schichtbetrieb
11:00gearbeitet haben.
11:01Das ist ja aber immer noch total praktisch, oder? Das wĂŒnsche ich mir zum Beispiel im Bundestag auch.
11:05Also du hast ja die Kantine. Ein kleiner SpÀti noch. Ja, oder einen Döner. Also ich fÀnde, das wÀre mal
11:08wirklich eine MarktlĂŒcke.
11:10Das könnte der Markt mal regeln, dass es eine Dönerbude im Bundestag gibt.
11:13Nein, aber es ist lustig, es wĂ€re ganz schön, wenn die Linke jetzt dafĂŒr sorgt, dass der Markt wieder die
11:17Dinge regelt, die er zu regeln hat.
11:19Das wĂŒrde ich mir ja wĂŒnschen von euch. Können wir da kurz reingucken?
11:25Ich finde ja solche Orte so spannend, die eigentlich immer nur, wenn sie belebt sind, wahrgenommen werden.
11:30Also eigentlich ist das ja ein Ort, wo Menschen sind, wo was passiert und dann bist du auf einmal in
11:32einer anderen Welt, wenn du hier bist.
11:35Ja, zum Beispiel. Ja.
11:37Also auch im Bundestag so, das ist ja immer so ein Gewusen, wenn du da spÀt abends bist, gerade in
11:40Nichtsitzungswochen, also bei mir auf dem Gang, das sieht eher aus wie ein Knast.
11:42Du lÀufst da rum und plötzlich andere Welt, ist da nichts mehr. Und das ist dieses RiesengebÀude, dieses Zentrum unserer
11:49Demokratie und Stille.
11:51Bist du da gerne? Magst du den Ort?
11:53Im Bundestag grundsÀtzlich? Ja.
11:55Also fĂŒr mich hat es immer noch mal so einen Moment, es kommt immer mal so unregelmĂ€Ăig von Ehrfurcht, dass
12:00ich da sein darf.
12:01Also dann kam ich da Montag, ohne geschlafen zu haben, aus dem Hauptbahnhof raus und sehe dann den Freistag und
12:06sagte mir so, krass, da darfst du jetzt rein, da darfst du jetzt irgendwie die Menschen vertreten und das nimmt
12:11auch nicht ab.
12:12Und gibt es einen Moment von, jetzt geht die Performance los? Also kann man es als BĂŒhne betrachten? Gibt es
12:17einen Switch?
12:19FĂŒr mich gar nicht, aber ich kann halt ĂŒberhaupt nicht schauspielern. Also ich kann nicht lĂŒgen, ich kann nicht schauspielern,
12:22ich wĂ€re hierfĂŒr ĂŒberhaupt nicht geeignet.
12:24Also ich habe auch immer noch, wenn ich eine Rede halten muss, ist mir immer noch ĂŒbel davor. Also nicht
12:28mehr so krass wie frĂŒher, so die ersten Wahlen, aber ich habe schon immer so diesen Moment, boah, du darfst
12:32es jetzt nicht versauen, weil es ist irgendwie wichtig.
12:361914 wurde die Berliner VolksbĂŒhne fertiggestellt, im damals noch nicht sehr verbreiteten Stil der Moderne.
12:42Damit sollte eine programmatische Ansage gemacht werden, und zwar folgende, revolutioniert die bĂŒrgerliche BĂŒhne.
12:50Dieser Geist wĂ€hrte leider nicht lange. Die Nationalsozialisten besetzten das Haus und ĂŒberfĂŒllten Begriffe wie Kunst und Volk in faschistisches
12:57Gedankengut.
12:58Der Geist der GrĂŒnder ist aber auch trotz massiver KriegsschĂ€den immer wieder in die VolksbĂŒhne zurĂŒckgekehrt.
13:02Das wir hier sehen, aber es ist 1954, weil natĂŒrlich die Kriegszerstörung und dann 1954 schnell aufgebaut wurde.
13:08Um spielfĂ€hig zu werden, wurden Materialien halt von ĂŒberall zusammengetragen, teilweise auch aus der Sowjetunion.
13:14UrsprĂŒnglich ist es gebaut worden, eben vom VolksbĂŒhnenverein, als eine VolksbĂŒhne, als ein Theater, das eins gegensetzt wollte zum bĂŒrgerlichen
13:22Logentheater mit Balkönchen und VorhĂ€ngen und eigenen TĂŒren und GĂ€nge.
13:27Sondern es sollte ein Theater fĂŒr alle sein, in dem alle gemeinschaftliches Erlebnis haben, in dem man, ja, so eine,
13:34ja, GemeinschaftsgefĂŒhl, ja, und das vor allem fĂŒr einfache.
13:37Wichtig ist, sie haben es selber finanziert, also es ist ja wirklich durch MitgliedsbeitrÀge entstanden.
13:41Es gab Menschen, die sich einfach darum gekĂŒmmert haben, dass andere, einfache Menschen Zugang zu Kultur haben, ja.
13:46Und das, was uns heute, diese Kinobestimmung, die uns heute normal vorkommt, war damals, also das Kinosaal, war revolutionÀr.
13:52Ja, aber die hatten aber, es sollte, Einheitspreis, und es sollte eben, alle sollten gleich behandelt werden, aber manche saĂen
13:58halt vorne und manche saĂen hinten und da war es schon Stunk.
14:01Was hat man da gemacht?
14:02Ganz charmant, ja, die haben, Àhm, die haben eine Sitzplatzlotterie gemacht.
14:07Ja, wenn ihr beide zusammensitzen wollt, kamen eure beiden Tickets in ein Döschen und meins, ich bin alleine, kamen auch
14:12in ein Döschen und dann wurde gelost.
14:14Wer wo sitzt, maximale Gerechtigkeit.
14:16Das ist doch irgendwie ganz schön, oder?
14:18Ich helfe dir nochmal.
14:19Na, ich setze mich ja einfach mal elegant.
14:21Ja, gut, ist das so.
14:22Ich habe gar keine Probleme.
14:23Aber ich finde das so toll, weil ich ja, ich finde ja, Kultur hat immer oft so dieses, ich weiĂ
14:29es auch nicht, es ist so ein bisschen ĂŒber die Köpfe der Leute und es ist, man muss irgendwie ein
14:32gewisses Wissen haben, um es auch zu entschlĂŒsseln und das nervt mich immer so.
14:35Weil ich finde, Kultur hat eigentlich verdammt nochmal den Auftrag, dass es alle verstehen können, dass alle davon was mitnehmen
14:40können, dass alle ihre eigenen PrĂ€dationen haben, aber dass es einen Zugang fĂŒr alle gibt und jeder dann mit einer
14:44Emotion da rausgehen kann.
14:45Ich finde das immer total anstrengend, wenn ich das GefĂŒhl habe, dass Menschen, die Kultur schaffen, das gibt es in
14:49der Politik ĂŒbrigens auch ganz massiv, denken, das höchste Ziel ist es, mega intelligent zu wirken.
14:53Das ist fĂŒr mich keine Kultur, das ist fĂŒr mich Angeberei.
14:56Ich habe Heidi auch ein Buch mitgebracht, den Lumpenroman von Roberto Bolaño.
15:09Bolaño war Chilene und hat sich als 20-JÀhriger einer Gruppe von Literaten angeschlossen, die dem kulturellen Establishment nach eigener
15:16Aussage gern das Hirn rausgepustet hÀtten.
15:18Seine Jugend verbrachte er in Mexiko City.
15:221973 kehrte er aber nach Chile zurĂŒck, um die ArbeiteraufstĂ€nde unter dem PrĂ€sidenten Salvador Allende zu unterstĂŒtzen.
15:28Nach Pinochis MilitÀrputsch ist er nach Spanien gezogen, hat an der Costa Brava als CampingplatzwÀchter gearbeitet, zu viele Drogen genommen,
15:35sich mit Hepatitis angesteckt
15:36und im Bewusstsein dessen, dass er sehr viel frĂŒher sterben wĂŒrde, als er vorher dachte, innerhalb von 15 Jahren 18
15:42Romane geschrieben.
15:44Der Lumpenroman ist der letzte, den er vor seinem Tod beendet hat.
15:54Heidi musste bei dem Titel sofort an das Lumpenproletariat denken.
15:58Kai Marx hat diesen Begriff erfunden und Heidi hat sich darĂŒber schon aufgeregt, als sie noch keine Spitzenpolitikerin war.
16:06Also wir sind alle das Proletariat und alle sind wertvoll und wichtig und alle mĂŒssen ihre Ketten sprengen und so
16:10weiter, aber die nicht.
16:12Also die kann man da auch nicht mehr integrieren, also die sind auch verloren.
16:14So, das hat mich so abgefuckt.
16:15Warum sind sie verloren, weil sie ĂŒberhaupt nicht mehr dazu imstande sind, sich selbst als Gruppe zu organisieren, weil sie
16:20halt...
16:21Weil sie dann, glaube ich, seinen Moralvorstellungen doch nicht entsprochen haben.
16:24Also es ging ihm ja auch beispielsweise um Prostituierte oder heute wĂŒrde man Sexarbeiter und sagen, er hat das natĂŒrlich
16:28nicht gesagt.
16:29Wo man dann so denkt, du willst dann diese klassenlose Gesellschaft, aber die gehören nicht dazu.
16:33Du willst dann auch irgendwie Leute ausgrenzen, weil es dir dann zu anstrengend ist vielleicht.
16:36Und das sind dann die Verlorenen, die man leider nicht mitschleifen kann.
16:39Ja, da können wir leider nicht... Also wir sind gerade so damit beschÀftigt, uns noch zu befreien.
16:42Das war dann auch so meine groĂe Kritik damals noch mit der groĂen Fresse von der Jugendlichen, sodass ich dachte,
16:47er kann ja sowas machen.
16:48Das ist ja ĂŒberhaupt dann gar nicht das, was er uns die ganze Zeit verkauft, weil er selber diesen Unterschied
16:52fortfĂŒhrt.
16:52Und da musste ich dran denken, als ich diesen Titel gelesen habe.
17:00Das Buchhandel von zwei Teenagern, die nach dem Tod ihrer Eltern dagegen ankÀmpfen, kriminell zu werden.
17:07Es wurde 2002 publiziert und spielt in Rom.
17:10Es könnte aber genauso gut in Heidis Wahlheimat OsnabrĂŒck oder hier in Berlin-Mitte spielen.
17:14HeiĂt das im Original auch so? Ich habe gar nicht...
17:15Es heiĂt Una Nova Lita der Lumpen, oder?
17:18Stimmt. Ja, ich hatte nÀmlich auch Gucknach nur so hoch. Guck an.
17:20Ich wusste das auch nicht. Kannst du das nochmal kurz erzÀhlen, als was es im Spanischen tatsÀchlich verwendet wird?
17:25Also Lumpen ist halt jemand, der arm ist, aber auch abgerissen.
17:30Menschen, die auf der StraĂe leben, werden als Lumpen bezeichnet.
17:34Es geht nicht um das TextilstĂŒck, sondern tatsĂ€chlich arm und schmutzig, könnte man sagen.
17:41Das finde ich irre. Ich wusste es nicht, dass es in Spanisch ĂŒbernommen wurde, weil es offenbar so gut passt.
17:46Es ist aber halt auch so ein abwertender Begriff. Also eigentlich auch keinen, den man nutzen möchte.
17:49Also man hat dann keinen positiven Blick darauf. Und das finde ich dann auch wiederum schwierig.
17:52Es ist ja direkt schon ein Framing. Also er hÀtte das ganz anders benennen können, das Buch.
17:56Aber er hat sich ja bewusst dazu entschieden, das als Lumpenroman zu bezeichnen, direkt zu sagen, also die Leute, ĂŒber
18:00die ich hier rede.
18:01Ist es ein ErklĂ€rungsversuch, wie man ĂŒberhaupt so abdriften kann, dass man nicht mehr integrierbar ist?
18:07Und was daraus entsteht?
18:08Also ich finde schon, es zeigt ja halt diesen Tod der Eltern als diesen Moment, wo die dann auf einmal
18:14ohne jemanden da sind, jemanden, der sich um sie kĂŒmmert.
18:17Sie haben noch einander, dieses Geschwisterpaar, aber vielmehr ja irgendwie nicht.
18:20Und dann sucht man sich so ein bisschen Wahlverwandtschaften oder was auch immer und rutscht da total ab.
18:25Das ist immer keine Entschuldigung fĂŒr bestimmtes Verhalten.
18:28Das ist keine Entschuldigung irgendwie fĂŒr Diebstahl oder fĂŒr alles andere.
18:31Das sehe ich nicht so, aber es ist zumindest eine ErklĂ€rung, die man irgendwie beachten muss, wenn man sich ĂŒberlegt,
18:36wie komme ich jetzt an diesem Punkt weiter?
18:37Und es ist jetzt nicht so, dass die einfach hingestellt werden als, das sind schlechte Menschen, die machen diese Dinge,
18:42sondern es ist ja schon irgendwo ein Grund dafĂŒr da, warum sich das so entwickelt hat.
18:46Und das finde ich durchaus wichtig zu betrachten, weil das ganz oft irgendwie hinten runterfÀllt.
18:50Also auch in den aktuellen Diskussionen.
18:51Also wenn wir darĂŒber reden, dass das Strafalter fĂŒr MinderjĂ€hrige gesenkt wird, dann denke ich mir so, wir können jetzt
18:57darĂŒber reden, ob man Kinder mit zwölf Jahren einsperren kann.
18:59Aber vielleicht reden wir mal darĂŒber, warum Kinder in diesem Alter Verbrechen begehen und auch wirklich brutale Verbrechen begehen.
19:03Also was ist da alles vorher schiefgelaufen in der Familie, beim Staat, der ja auch einen Schutzauftrag hat und im
19:08Umfeld.
19:09Ich glaube wirklich, dieser Roman, deswegen ist der mir auch so wichtig, liefert das, was eben weder in der Politik
19:16noch im Journalismus noch in der Soziologie aufgearbeitet werden kann.
19:19NĂ€mlich eine eigentlich recht simple Formulierung fĂŒr den inneren Zustand von Leuten, denen es nicht mal mehr darum geht, unter
19:26was fĂŒr UmstĂ€nden sie existieren,
19:28sondern denen es darum geht, ob sie ĂŒberhaupt existieren.
19:31Die Protagonistin, die wird so 15, 16 sein, glaube ich, Bianca heiĂt die, beschreibt eigentlich den Zustand nach dem Tod
19:36ihrer Eltern
19:37und dieses vor sich hin Vegetieren in einer elternlosen, dreckigen Wohnung mit ihrem Bruder zusammen als eine Zeit der andauernden,
19:45gleiĂenden Helligkeit.
19:47Ich habe hier was unterstrichen, vielleicht kann ich das vorlesen.
19:50Es verÀnderte sich der Lauf der Tage oder vielmehr das, was den einen und den anderen Tag verbindet und zugleich
19:55eine klare Grenze zwischen beiden zieht.
19:57Auf einmal gab es keine Nacht mehr und war alles ein Dauerzustand von Sonne und Licht.
20:01So das als Beschreibung von der Depression finde ich schon mal irgendwie irre.
20:04Anfangs dachte ich, das kĂ€me von der MĂŒdigkeit, von dem Schock, den das plötzliche Verschwinden unserer Eltern bewirkt hatte.
20:09Aber als ich meinem Bruder davon erzÀhlte, sagte er, ihm gehe es genauso.
20:13Sonne, Licht und berstende Fenster.
20:15Da dachte ich, wir werden sterben.
20:17Das ist einfach so, du kannst nicht weggucken.
20:19Also du hast gar keine Chance, diesen Schmerz und dieses Elend irgendwie nicht zu sehen.
20:23Du kannst dich nicht ins Dunkle flĂŒchten, wo vielleicht auch diese Taubheit ist, die du brauchst,
20:26sondern du bist die ganze Zeit damit konfrontiert, dass dein Leben jetzt quasi vorbei ist.
20:30Also die Familie ist nicht mehr da und es geht einfach nur noch bergab, wie du gesagt hast.
20:33Und du kannst da nicht die Augen zuhalten, weil dieses Licht dich eigentlich ĂŒberhaupt nicht lĂ€sst.
20:37Und das fand ich, oder auch nicht mal schlafen lÀsst, nicht mal ausruhen lÀsst, nicht mal in Ruhe lÀsst.
20:41Deswegen fand ich das als Beschreibung fĂŒr mich total nachvollziehbar sogar fĂŒr diesen Zustand.
20:44Weil ich finde da irgendwie, mich wĂŒrde, glaube ich, geleistens Licht viel mehr anstrengen als Dunkelheit.
20:48Hat das Buch deinen seelischen Zustand verbessert oder verschlimmert, wĂŒrde mich interessieren?
20:52Eigentlich lese ich immer gegen meine Emotionen.
20:56Also ich lese, wenn ich im Stress bin und wenn ich irgendwie mich mit viel negative Sachen auseinandersetzen muss,
21:00meistens BĂŒcher, die mich glĂŒcklich machen, also wie das, was ich jetzt mitgebracht habe.
21:02Oder ich bin auch so ein riesen Fantasy-Fan, also zum Ablenken und so liebe ich ĂŒber alles.
21:06Und das musste ich jetzt natĂŒrlich sozusagen in einem Moment lesen, wo ich es normalerweise nicht gelesen hĂ€tte,
21:10weil ich irgendwo im Zug war zwischen verschiedenen Terminen, mit ganz vielen Sachen im Kopf, mit ganz viel Stress.
21:14Und dann verstĂ€rkt das natĂŒrlich dieses GefĂŒhl nochmal.
21:16Gibt es auch keinen entlastenden Moment im Sinne von, ah, da wird eine Sprache gefunden fĂŒr das, was schwer zu
21:24formulieren ist?
21:24Also ich empfinde ja oft eine Entlastung, wenn ich was lese und denke, ah, wenigstens wird das Elend konkret aufgezeigt
21:30und formuliert und benannt.
21:32Sofort geht es mir ein bisschen besser, weil man zumindest weiĂ, womit man es zu tun hat.
21:35Also es gelingt natĂŒrlich. Also die beiden werden nicht vorgestellt als irgendwie faules Geschwisterpaar, das halt vom Fernseher nur rumgammelt,
21:41weil sie keinen Bock haben oder was auch immer.
21:42Und es wird halt irgendwie dieser Ausgangspunkt erlĂ€utert und gesagt, hey, es hat auch GrĂŒnde, warum Menschen so handeln, wie
21:49sie handeln.
21:49Ich muss dieses Handeln nicht gut heiĂen.
21:50Ich muss es auch erst recht nicht unterstĂŒtzen, aber ich kann zumindest schon mal damit anfangen, zu verstehen, wo es
21:55herkommt.
21:56Also man muss die beiden Charaktere jetzt trotzdem nicht lieben, im Gegenteil, aber zumindest hat man so eine Ahnung, wo
22:00das alles herkommt.
22:01Ich liebe sie schon sehr. Ich liebe sie irgendwie sehr. Ich weiĂ so dieses, ich kann dir gar nicht genau
22:06sagen, warum.
22:06Ich glaube, weil die so autonom ist, trotz allem.
22:10Und weil sie immer sich in diesem ganzen Trauma und dieser ganzen HĂ€rte und Schrecklichkeit in so eine, wie in
22:16so eine objektive Instanz flĂŒchtet.
22:17Also die flĂŒchtet sich aus ihren Emotionen immer raus in so ein Detachment, von dem aus sie alles nochmal anders
22:24beurteilen kann oder so.
22:26Ja, und sie versucht ja auch irgendwie Beziehungen aufzubauen, beziehungsweise es geht ja dann am Ende darum, dass sie diesen
22:30Mann ausrauben soll,
22:32beziehungsweise diesen Tresor finden soll. Und man merkt ja, dass sie das nicht aus Ăberzeugung macht.
22:36Also sie macht es, weil sie muss, weil irgendwie, weil sie Geld brauchen, weil der Druck auch da ist.
22:41Aber eigentlich will sie diesem Menschen nichts Böses.
22:44Die Rente der gestorbenen Eltern reicht kaum zum Ăberleben. Zwei Freunde des Bruders ziehen in die Wohnung ein.
22:49Und diese Freunde ĂŒberreden Bianca, die 14- oder 15- oder 16-jĂ€hrige Protagonistin des Buches, mit einem Bodybuilding
22:56-Weltmeister zu schlafen, damit sie ihn ausrauben können.
22:59Machis, dieser Weltmeister, ist erblindet und lebt komplett zurĂŒckgezogen in einer Villa.
23:03Bianca soll ihn verfĂŒhren und ausspionieren, wo der Tresor steht.
23:06Das ist ja quasi ein Arbeitsauftrag, den sie bekommt. Und trotzdem entwickelt sich dann daraus vielleicht die erste Beziehung, wo
23:11sie sich als Person gesehen fĂŒhlt.
23:12Von einem Blinden aus.
23:13Ja, nicht in AbhÀngigkeit wie von ihrem Bruder, was ja einfach auch eine Blutsverwandtschaft ist.
23:18Kann man ja nicht so viel daran Àndern. Auch nicht die beiden. Zwei sind es, glaube ich, die sich dann
23:22in ihre Wohnung holen.
23:23Die dann einfach auch ĂŒber ihren Bruder ja eigentlich in ihr Leben kommen, sondern jemand, der zum ersten Mal ihr
23:29irgendwie was gibt.
23:30Also einen gewissen Halt gibt.
23:31Das ist auch ein sehr schön beschriebener Punkt, der Moment, an dem sie realisiert, wie sie in die KriminalitÀt abrutscht,
23:39wie der einzige Ausweg oder die einzige Konsequenz aus ihrem Leben, das sie gerade fĂŒhrt, die KriminalitĂ€t ist.
23:46Und eigentlich nimmt sie sich vor, auf gar keinen Fall sich zu prostituieren. Tut es dann ohne jeden Ăbergang trotzdem.
23:51Und findet in dieser Begegnung, weil die durch diesen Schicksalsschlag verbunden sind, in gewisser Weise, plötzlich jemanden, der sie sieht
24:03und der was Ăhnliches empfindet, obwohl die sozialen ZusammenhĂ€nge unterschiedlicher nicht sein könnten.
24:10Woher kommen wir und wem begegnen wir, aus welchen GrĂŒnden? Und gibt es tiefe Beziehungen jenseits von Blutsverwandtschaft und Sex?
24:18Das sind Fragen, die beide BĂŒcher verbinden.
24:21Am Ende geht es in 84 Charing Crossroad und dem Lumpenroman um Wahlverwandtschaften, die lebenswichtig sind, obwohl es keine offizielle
24:29Bezeichnung fĂŒr sie gibt.
24:31Oft tun politische Parteien in Deutschland so, als wÀre die Herkunftsfamilie der ultimative Standard. Oder sogar etwas, das der Politik
24:39vorausgeht.
24:41Christian Lindner vor kurzem hat in einem Interview gesagt, auf die Frage, warum er an das glaubt, woran er glaubt.
24:49Und er hat geantwortet, ja, er wurde immer sehr bestÀrkt von seiner Familie, das zu tun, was er gerne tun
24:56möchte.
24:57Und gleichzeitig hat diese Familie, vor allem seine GroĂmutter, aber auch der Rest seiner Familie, immer wieder zu verstehen gegeben,
25:04wenn es nicht lĂ€uft, kommst du zurĂŒck zu uns.
25:08Was ich eine interessante Vorstellung von Familie finde, weil es bedeutet, geh raus, mach dein Ding, wenn du verkackst, wir
25:15sind hier und bring dich durch.
25:16Das bestĂ€tigt natĂŒrlich total diese Idee von, es gibt keine Gemeinschaft, es gibt keinen Staat, es gibt das Individuum und
25:23es gibt die Familie, sonst nichts.
25:25Spannenderweise, ich könnte jeden Satz von Christian Lindner unterschreiben.
25:27Ich habe ganz tolle Eltern, die mich immer unterstĂŒtzt haben, die immer gesagt haben, mach dein Ding, du kannst alles
25:31schaffen.
25:32Und wir sind immer da und ich wusste und ich weiĂ bis heute, wenn ich irgendein Problem habe, ich kann
25:36da hingehen, egal was es ist.
25:37Und das hat mir einfach eine Freiheit ermöglicht und eine Sorglosigkeit, die mir erst spÀter so bewusst geworden ist, wie
25:44wertvoll das ist.
25:46Und genau deswegen, habe ich gesagt, will ich dafĂŒr sorgen, dass alle Menschen, egal aus welchem Elternhaus sie kommen, welchen
25:52Hintergrund sie haben, welche UnterstĂŒtzungsstrukturen sie haben, wirklich gleiche Chancen und Voraussetzungen haben.
25:56Ich finde auch, das Ziel sollte sein, innerhalb von einer Gesellschaft, dass die Gesellschaft ein Grundvertrauen vermittelt, das jenseits von
26:04einer Familie bestehen bleibt.
26:05Genau so.
26:06Und das passiert gerade nicht.
26:07Und ich habe auch eine ganz andere Erfahrung gemacht, also auch gerade mit den jungen Leuten, mit denen ich gearbeitet
26:11habe, fĂŒr die war auf das Schulsystem zum Beispiel ĂŒberhaupt nicht funktional.
26:14Die sind dadurch alle Raster gefallen, weil das Schulsystem, du hast...
26:17Ich weiĂ nicht zum Beispiel, ich habe abgebrochen in der 10. Klasse, weil es nicht anders ging.
26:21Ich war in einem Ă€hnlichen Zustand wie die Protagonisten da in dem Buch und es war scheiĂegal, ob ich zur
26:25Schule gehe oder nicht.
26:26Was mein groĂes GlĂŒck war, war, dass ich als Teenager an diesem Ort nicht viel auffalten konnte, weil mein Vater
26:31hier zuvor gearbeitet hatte.
26:32Das war mein groĂes GlĂŒck, dass ich Leute kennengelernt habe oder in TheaterstĂŒcke gegangen bin, wo eigentlich das Lumpenproletariat auf
26:42der BĂŒhne stand und ganz viele Leute aus ZusammenhĂ€ngen, aus denen sie nicht anders rausgekommen wĂ€ren, ohne diese Plattform zu
26:51kriegen oder so.
26:52Und deswegen glaube ich einfach immer noch wirklich an die Kraft der Kunst.
26:55Ich glaube einfach, dass Nichtstun oder Aufgeben einfach keine Alternative ist, weil genau dann das passiert, was in diesem Roman
27:05passiert, dass dein Leben an dir vorbeizieht, dass du einfach frustriert bist, dass du ĂŒberlebst.
27:08Und fĂŒr mich war Politik immer die Möglichkeit, aktiv einzugreifen. In meinem Leben hĂ€tte ja sich ganz viel anders entwickeln
27:13können.
27:14Vielleicht hÀttest du einen Fantasy-Roman geschrieben.
27:15Vielleicht auch das. Also ich wĂŒrde gerne ein Kinderbuch eigentlich schreiben. Ich bin ja sehr neidisch auf Robert Habeck, dass
27:19er ein Kinderbuch geschrieben hat. Ich finde das nÀmlich total cool.
27:21Ich finde, das DĂŒmmste, wofĂŒr du Robert Habeck angreifen kannst, ist, dass er KinderbĂŒcher geschrieben hat.
27:25Allerdings finde ich das einfach so richtig toll. Also jemand, der sich hinsetzt und sagt, ich möchte Kindern was beibringen
27:29oder sie daran bestÀrken, so zu sein, wie sie sind. Hallo?
27:33Und das DĂŒmmste, was man ihm vorwerfen kann, ist, dass er Vögel beobachtet. Das finde ich das Schönste, was ein
27:39Politiker machen kann irgendwie. Die Schönheit in einer anderen Spezies.
27:42Das ist natĂŒrlich ein richtig cooles Klischee, ne?
28:06Im Lumpen-Roman findet Bianca in der Villa von Machist ĂŒbrigens ein Frauenmagazin namens La Donna.
28:12Und in diesem Magazin fĂŒllt sie einen Psychotest aus, um etwas ĂŒber ihre eigene Persönlichkeit zu erfahren.
28:18Stellen wir Heidi doch ein paar Fragen daraus, bevor sie jetzt wieder zurĂŒck in den Bundestag muss.
28:22Erste Frage, was hÀltst du von MÀnnern unter 20?
28:24Ăhm, ich glaube, sie haben auf jeden Fall gute Chancen, Ă€hm, nicht Teil des Patriarchats zu werden, wenn sie sich
28:32anstrengen.
28:33Was hÀltst du von MÀnnern unter 30? Haben die die Chance auch noch?
28:36Ich finde, jede und jeder hat die Chance, Àhm, sich immer zu verbessern.
28:41Wenn du ein Vogel wĂ€rst, welcher Vogel wĂŒrdest du sein?
28:43ZĂ€hlt Pinguin? Ich finde die so niedlich.
28:44Das sind meine Lieblingstiere.
28:46Ja, die sind toll.
28:47Totale Trottel, aber Killer unter Wasser. Ich liebe das.
28:49HĂ€ltst du dich fĂŒr hĂŒbsch?
28:50Das ist auch so eine richtig schlimme Frage, ne?
28:52Und dann, weiĂt du, mal als Frau, okay, wenn ich jetzt Ja sage, bin ich arrogant.
28:54Aber wenn ich Nein sage, habe ich kein Selbstbewusstsein. Ich bin zufrieden.
28:57HĂ€ltst du dich fĂŒr intelligent?
28:59Ja, das kann ich sagen, aber, Ă€hm, ich halte auch sehr viele Menschen fĂŒr intelligent.
29:03Danke dir vielmals.
29:04Danke dir.
29:27Okay, ich nehme den nicht in den Arm.
29:34Nee, ich mache es nicht.
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