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00:00Lustig ist das Zigeunnerleben, Faria, Faria, ho.
00:06Staat muss keine Entschädigung geben, Faria, Faria, ho.
00:13In Auschwitz waren Duschen gar lustig und fein, da kriegte man Seife und durfte hinein.
00:19Faria, Faria, Faria, Faria, Faria, Faria, Faria, ho.
00:26Ich wurde in der medizinischen Versuchsanstalt Westewitz-Hochweitschen bei Döbeln sterilisiert.
00:31Und zwar mit der Begründung, dass wir asozial seien.
00:34Ich möchte sagen, dass mein Vater Kapellmeister war und meine Mutter Heimarbeit gemacht hat damals während des Krieges.
00:40Und dass wir auch einen festen Wohnsitz hatten.
00:43Nachher hat mein Vater Spielverbot bekommen und musste in einer Fabrik arbeiten.
00:48Also asozial konnte da überhaupt keine Rede sein.
00:50Ich möchte sagen, diese Menschen sollten doch nicht immer nur das sehen, dass diese Zigeuner am Wohnplatz, Wohnwagenplatz,
00:56sondern sie sollten doch mal die Menschen sehen, die jetzt noch 35 Jahre nach dem Krieg im tiefen Leid stehen.
01:06Nein, ich wohne nicht in einem Wohnwagen, ich wohne in einer ganz normalen Wohnung.
01:10Nein, ich muss Steuern zahlen.
01:11Und diese ganzen Stigmas, zu 99 Prozent von meiner Erfahrung in 32 Jahren, in denen ich lebe, hat man einfach
01:19die Erfahrung gemacht,
01:21oh, okay, das war immer so ein Stück zurück, so kurz, als wäre man so zwei Treppen runtergestiegen.
01:28Und ja, man wird einfach direkt anders wahrgenommen.
01:51Mein Papo, Balani Georg, Papo heißt bei uns auf Roman das Großvater.
01:57Mit Roman die Rose beim Hungerstreik in Dachau.
02:03Der Herr sagte, wir müssen dorthin, wo unsere Menschen gelitten haben und genau da müssen wir hingehen und streiken und
02:10hungern.
02:10Und da ist der Punkt, wo wir darauf aufmerksam machen müssen, dass das hier weitergeht mit dieser Ungerechtigkeit, mit der
02:18Diskriminierung, mit der Ausgrenzung.
02:208. April 1980, fünfter Tag des Hungerstreiks.
02:2535 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges ist der Massenmord, an den Sinti und Roma, nicht als Völkermord anerkannt.
02:34Die Vorurteile, die in der Hitlerzeit gegen uns aufgebaut worden sind zur Rechtfertigung von Verfolgung und Ausrottung, die wurden nach
02:41dem Krieg niemals rehabilitiert.
02:43Das Unrecht, das man uns zugefügt hat im Dritten Reich, wird von der Bevölkerung als rechtens angesehen.
02:49Sinti und Roma wurden von den Nazis systematisch ermordet. Die Opferzahlen reichen bis zu einer halben Million.
02:57Unter den Hungerstreikenden in Dachau auch der Großvater von Julie Halilitsch.
03:11Er selbst war nicht im KZ, aber er ist ein Kind von deportierten Eltern.
03:17Und das hat natürlich auch was mit ihm gemacht. Und dieser Schmerz, den trägt man einfach weiter.
03:23Und vor allem, wenn es dann auch in der Gesellschaft gar nicht angekommen ist, diese Message,
03:28und dass dieser Völkermord hier in Deutschland genauso stattgefunden hat wie der an den Juden zur gleichen Zeit,
03:34dass der aber auch ein Stück weit stillgeschwiegen wird.
03:46Meine Mutter wollte nicht, dass ich mit diesem Leid und mit diesem Trauma im Kindesalter aufwachse.
03:52Deswegen hat sie mir das dann erst so, als ich zehn war, erklärt und erzählt.
03:57Ja, das hat mich sehr mitgenommen. Und ja, dann war ich dann eine Woche lang wirklich ausgenockt.
04:11Ja, also es war halt, dass man weiß, dass die eigenen Großeltern,
04:18weil es war ja nicht nur von meiner Mutter die Seite, sondern auch von meinem Vater die Seite,
04:26dass die halt als Kinder oder auch größere Jugendliche eben in einem Vernichtungslager waren.
04:34Es ist, dass man einfach sie ermorden wollte. Das ist schon extrem für uns.
04:58Siehst du hier? Z-Zigeuner. Und das war meine Nummer.
05:05Und dann habe ich versucht, die Nummer rauszuradieren. Guck, ist wieder drüber gewachsen, die Nummer war wieder da.
05:16Ich wollte einen Z-Check machen.
05:23Sie gehört zu den letzten Überlebenden, die noch über den Völkermord berichten können.
05:28Zilli Schmidt, 1924 in Thüringen geboren.
05:35Wir haben doch ein Wanderkino gehabt. Und im Kino haben wir unser Geld verdient.
05:42Ach, alle angelaufen. Kino kommt, Kino kommt. Wie im Dorf ist. Alle aufgeregt. So war das.
05:55Wir sind in Liebe aufgewachsen.
06:00Unsere Familie, die war da. Die war da. Nicht da. So. Eine heile Familie haben wir gehabt.
06:11Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kommen, sieht Zilli Schmidts Vater zuerst keine Gefahr.
06:19Mein Vater. Nur nicht eine Strafe, über die Straße zu gehen. Nur nicht eine Strafe.
06:26Mein Vater. So ein regeller, ehrlicher Mann.
06:31Und der hat gesagt, ach, Batschka, weißt du was? Der bringt doch nur die Verbrecher weg.
06:38Nein, nein. Die hat er nicht alle weggebracht. Sie hat uns weggebracht.
06:45Wir waren die Verbrecher. Der bringt nur die Verbrecher weg. Die Verbrecher waren wir.
06:54Sinti und Roma werden im Nationalsozialismus als Kriminelle und Asoziale diffamiert und systematisch erfasst.
07:03Die Grundlagen für die Erfassung liefert die Rassenhygienische Forschungsstelle unter Robert Ritter und seiner Mitarbeiterin Eva Justin.
07:14Sie haben versucht, jeden Einzelnen zu identifizieren.
07:18Und Ritters Ehrgeiz war es ja, er würde auch dann noch Sinti und Roma als solche identifizieren, wenn sie selber
07:24das schon nicht mehr wüssten.
07:27Man hat gesehen, wer hat Eltern, Großeltern, die als Sinti oder Roma gelten könnten, hat dann meterlange Stammbäume gezeichnet,
07:38hat Blutproben genommen, Haarfarben untersucht, hat die Sprachen getestet, die Sprachfähigkeiten.
07:44Und das war also schon ein ziemlich auch gewalttätiges Vorgehen.
07:51Genealogien nennen die Rassenforscher diese Stammbäume.
07:54Wer auch nur einen Großelternteil hat, den Ritter und Justin rassistisch als Zigeuner einordnen, ist der Verfolgung und Vernichtung ausgeliefert.
08:05Nahezu alle Deutschen Sinti und Roma werden von der Rassenhygienischen Forschungsstelle begutachtet.
08:111943 wird Zilli Schmidt nach Auschwitz-Birkenau deportiert.
08:16Mit ihren Eltern, ihren Geschwistern und ihrer dreijährigen Tochter Gretel ist sie im sogenannten Zigeunerlager interniert.
08:23Da, wo wir waren, wir konnten hinlegen auf die Gaskammer.
08:30Und die ist immer gekommen, Mama, Mama, da hinten werden die Menschen verbrannt, hat sie zu mir gedacht.
08:37Da habe ich gesagt, nein, Gretel, da backen sie Brot.
08:41Nein, Mama, die Kinder reden nicht viel.
08:45Aber der hat die Wahrheit gesagt.
08:48Mama, da werden die Menschen verbrannt.
08:52Am 2. August 1944 wird Zilli Schmidt nach Ravensbrück gebracht.
08:58Sie gilt als arbeitsfähig.
09:00In der Nacht werden alle verbliebenen Sinti und Roma in Auschwitz ermordet.
09:04Darunter Zilli Schmidts Eltern, ihre Schwester und ihre mittlerweile vierjährige Tochter Gretel.
09:12Wie ich kleiner war, habe ich immer gedacht beim Schlafen, wenn deine Eltern sterben, sterben Sie aber mit, nicht, Zilli.
09:19Und ich bin nicht mitgestorben.
09:22Aber bei meinem Kind wäre ich mitgestorben.
09:30Zilli Schmidt kann aus Ravensbrück fliehen, überlebt bis zum Ende des Krieges in der Illegalität.
09:38Etwa 5000 deutsche Sinti und Roma überleben den Völkermord, hunderte von ihnen zwangssterilisiert.
09:45Nach der Befreiung versuchen sie, in ihre Heimatorte zurückzukehren.
09:50Das war in den letzten Jahren immer der erste Eindruck, den die Riemer Fluggäste von der Bayerischen Landeshauptstadt bekamen.
09:57Das Landfahrerlager in München-Steinhausen.
10:00Sie haben sich vielleicht auch schon über diesen Schandfleck geärgert, wenn sie dort vorbeifuhren.
10:04Nun aber hat endlich seine letzte Stunde geschlagen.
10:07Die neue Flughafenstraße beansprucht diesen Platz, der alles andere, aber nur keine menschenwürdige Wohnstätte ist.
10:15Also Sinti und Roma sind nach 1945 aus den Lagern zurückgekommen in ihre Heimatorte und sind da nicht besonders freundlich
10:22empfangen worden.
10:24Und es findet sich quer durch die ganze Bundesrepublik eigentlich das Phänomen, dass sie nur am Rande der Städte geduldet
10:32wurden,
10:32in aller kerkster Ausstattung, in Behelfsunterkünften, in Obdachlosenasylen.
10:39Die Verdrängung an den Rand der Städte, die hat praktisch in der ganzen Bundesrepublik stattgefunden.
10:47Baden-Württemberg im Jahr 1957. Landkreis Reutlingen.
10:54Im Dorf Margolsheim kauft sich die Familie Kreuz ein Haus. Einziehen möchten neun Menschen.
11:02Sie sind Sinti.
11:06Herr Bürgermeister, ich nehme doch an, dass Sie alles unternommen haben, um diesen Kaufvertrag zwischen den Zigeunern und dem Besitzer
11:15dieses Hauses hier rückgängig zu machen.
11:16Jawohl. Ich habe alles unternommen, was zu unternehmen möglich war.
11:22Der Bürgermeister kann den Kauf nicht mehr rückgängig machen.
11:25Am 4. Juni will die Familie Kreuz einziehen.
11:28Am Abend zuvor zerstören die Dorfbewohner das Haus vollständig. Dazu gibt's Freibier.
11:35Sie haben bestimmt nicht die Absicht, für ein Verbrechen zu begehen.
11:38Sie haben sich nur eingesetzt für ihre Heimat, um sie von sich einzubewahren.
11:45Die Dorfbewohner werden wegen Landfriedensbruchs angeklagt.
11:49Politische Unterstützung bekommen sie aus dem Stuttgarter Landtag, von Tiberius Fundel, CDU.
11:55Die Verteidigung dieses Landfriedensbruchs oblag mir in Stuttgart, dem Landtag.
12:03Und das war mit das Schwerste, aber auch das Größte und Schöhnste in meinen Erfolgen.
12:10Ich konnte erreichen, dass keiner über neun Monate und alle mit Bewährung und die Bürger sind so halbwegs mit heiler
12:21Haut davongekommen.
12:22Sodass der Oberstaatsanwalt selbst erklären musste, das wäre der friedlichste Landfriedensbruch in seiner ganzen langen Praxis gewesen.
12:32Die Familie Kreuz muss nach dem Hausabriss in einer Scheune wohnen. Alle Familienmitglieder in einem Raum.
12:41An der Vertreibung der Sinti und Roma aus den Städten nach 1945 kann man wieder sehr gut zeigen,
12:48wie sich die Mehrheitsgesellschaft ihr Feindbild selber schafft, indem sie die Verhältnisse produziert,
12:56die dann dazu führen, dass die Menschen im Abseits oder auch im Elend leben müssen.
13:02Und am Ende bestätigt das wieder nur das eigene Bild.
13:15Manolito Steinbach und Romani Weiß werden in den 60er und 70er Jahren in West-Berlin groß.
13:29Ich bin bei meiner Großmutter aufgewachsen.
13:34Er hat immer gesagt, Mensch Junge, spiel leise, wir werden aus der Wohnung, kriegen wir eine Kündigung,
13:39die Leute klingen hier, schmeißen uns hier aus der Wohnung, meckern.
13:42Das war an den hellen Tagen. Warum? Weil die Angst hatte.
13:46Dass einer von der Mehrheitsgesellschaft kommt und sagt, leise und das darfst du nicht und wir sind doch hier in
13:53Deutschland und keine Ahnung.
13:55Und davor hatte sie Angst, weil sie hatte immer noch diese Angst in sich von Auschwitz.
14:07Wir haben in einem ganz normalen Mietshaus gewohnt, wo wir die einzigen Sintis waren.
14:14Aufgrund des Aussehens, wahrscheinlich auch damals von meiner Oma, meiner Mutter weniger, meiner Tante weniger,
14:18weil sie die einzige, ein bisschen dunklere Person war, die sich auch noch mal ein bisschen langer Rücken damals getragen
14:24hat,
14:25ist es vielleicht ein bisschen auffällig gewesen.
14:26Aber sonst hatten wir eigentlich schon versucht, uns anonym zu verhalten.
14:32Uns nicht so zu offenbaren, so zu zeigen, wer wir wirklich sind.
14:39Zurückhaltend. Ängstlich, vorsichtig.
14:42Nicht groß auffallen, nichts anstellen, ordentlich sein.
14:48Das war bei uns so eigentlich gewesen, dass, ich kann mich nur in meinem Haushalt erinnern,
14:53dass wir alle so ordentlich und penibel immer rumgelaufen sind.
14:56Ich bin als, als ich mit fünfeinhalb oder fünf in die Schule gekommen bin, mit Anzug in die Schule gegangen
15:01bin.
15:03Anzug, Hemd, immer so schick, dass die anderen immer, wo sich guckt haben, was ist denn das für einer wahrscheinlich,
15:10wo kommt denn der her?
15:11Aber die ganze Familie ist so rumgelaufen.
15:13Um einfach ordentlich zu sein, sauber, nicht irgendwo aufzufallen.
15:27Im Fernsehen werden Sinti und Roma vor allem im Elend gezeigt.
15:32Auch im öffentlich-rechtlichen Rundfunk ist rassistisches Denken in den 60ern keine Ausnahme.
15:39Das Schlimmste aller Zigeunerlager fanden wir in Duisburg-Neuenkamp.
15:44Duisburg-Neuenkamp zeigte deutlich, was geschieht, wenn die Zigeuner ihre Reinrassigkeit aufgeben.
15:49Wie verhängnisvoll die Verbindung mit anderen, asozialen Elemente wurde.
15:54Nur diese Kinder erwecken Mitgefühl.
15:56In diesem Milieu werden sie ganz zwangsläufig zum Verbrechen erzogen und nicht nur zum Mundraub oder Körperverletzung.
16:05Dass Sinti und Roma durch Aufgabe ihrer Reinrassigkeit zu Asozialen und Verbrechern würden, war auch die Vorstellung der Rassenforscher in
16:15der Nazizeit.
16:18Nach 1945 wird der Mediziner Hermann Arnold zu einem wichtigen Experten in der Bundesrepublik, berät Ministerien und Verbände.
16:27Er knüpft an die Arbeit der Rassenhygienischen Forschungsstelle aus der NS-Zeit an.
16:32Sinti und Roma, für ihn noch 1965, bastardisiert, primitiv, verschlagen.
16:39Grundlage seiner Forschung, die Aktenbestände der NS-Rassenforscherin Eva Justin.
16:46Das Skandalöse ist, dass die RassenforscherInnen nach 1945 nicht verurteilt worden sind.
16:53Aber genauso skandalös ist die Tatsache, dass mit diesen Akten, die ja nun tatsächlich zu Recht als Planungsunterlagen für den
17:01Völkermord mal bezeichnet wurden,
17:03dass diese Akten nicht an Archive gegeben wurden, sondern dass die von den damaligen TäterInnen weiter benutzt wurden.
17:13Man hat im Grunde genommen da weitergemacht, wo man ein paar Wochen lang gezwungen war, aufzuhören durch die Alliierten.
17:22Heute lagern die Akten der Rassenhygienischen Forschungsstelle im Bundesarchiv in Berlin.
17:33Über Hermann Arnold gelangten sie zuvor in den 1960er Jahren zu Sophie Erhard, selbst ehemalige Mitarbeiterin der Rassenhygienischen Forschungsstelle.
17:44An der Universität Tübingen nutzt Erhard die Unterlagen aus der Nazi-Zeit, um mit staatlicher Unterstützung Handfurchen bei Zigeunern zu
17:53untersuchen.
17:54Diese rassistische Forschung endet erst 1981 und nicht freiwillig.
18:01Am 1. September 1981 besetzen Überlebende des Völkermords und ihre Nachkommen den Keller der Tübinger Universität und pressen die Akten
18:11frei.
18:13Sie finden meterlange Stammbäume, auf denen neben Mischlingsgraden auch die Namen der Menschen auf Romanes notiert sind.
18:23Es ist das erste Mal, dass sie die Dokumente ihrer Verfolgung in den Händen halten.
18:28Der Bernhard, der Serje Bernhard, der zuletzt noch drin war in Auschwitz, wo sie alle vergast worden sind.
18:34Hier kommt jetzt, das ist der Macho, der Serje Macho, Oswald Braun, mein Vater.
18:45Mein Vater.
18:48Das bin ich jetzt, Franz August.
18:53Mein Spitzname ist Friedrich.
18:57Also das ist die Mama.
18:59Das ist die Mama.
19:00Das bin ich.
19:03Das ist mein ältester Bruder.
19:06Und das ist mein jüngerer Bruder.
19:10Ein Archiv der Verfolgung.
19:13Stammbäume, Fotografien, anthropologische Untersuchungen.
19:17Dokumente der systematischen Erfassung und Vernichtung.
19:39Einer der bekanntesten Sinti-Musiker der Bundesrepublik wird Hänsche Weiss.
19:48Der Gitarrist in der Mitte, sein Neffe Romani.
19:59Ich habe mir das immer gewünscht, mit meinem Onkel damals auf die Bühne zu stellen, den ich unglaublich bewundert hatte.
20:05Und ja, ich habe mich sehr, sehr reingeknett.
20:08Ich habe sehr, sehr viel geübt.
20:10Ab Ende der 1970er Jahre ist Romani Weiss Teil des berühmten Hänsche Weiss-Quintetts.
20:17Ich konnte mich durch die Musik beweisen und mich freispielen und mich darstellen.
20:26Wenn wir unterwegs waren, auf Tourneen und wir waren mit unseren Wohnwegen unterwegs, dann waren wir, ey, die Zigeuner kommen,
20:34räumt die Sachen weg und so weiter.
20:36Wenn es aber dann bekannt wurde, dass wir die, die Sinti-Sinti-Sinti, diese Sinti-Gruppe, die Bekannte, die da
20:42einen Auftritt haben, dann waren wir die Stars.
20:44Dann waren Rundfunk, Fernseh, Presse, dann war alles gut.
20:53Aber da habe ich diesen Unterschied ganz gravierend gespürt.
20:56Da bist du nur ein Zigeuner und da bist du der Star.
20:59Aber wenn du die Bühne verlässt, dann bist du wieder der Zigeuner.
21:081979 steht das Hänsche Weiss-Quintett in Darmstadt auf der Bühne.
21:18Die evangelische Kirche der Stadt hat zum Musikfest der Sinti und Roma geladen.
21:23Ein Fest, das ein gegenseitiges Kennenlernen ermöglichen soll. Das erste dieser Art.
21:28Ich habe mich erinnert an einen alten Satz, der große Wahrheit hat.
21:35Nämlich in einem Land, in dem die Zigeuner umherziehen, da regiert die Freiheit.
21:44Ein Land, in dem es keine Zigeuner gibt, hat auch keine Freiheit.
21:52Seien Sie uns also herzlich willkommen. Nicht nur heute, sondern immer.
22:01Mehr als 10.000 Menschen besuchen das Musikfest.
22:09Ich fand das begeisternd. Ich empfand das als sehr wichtig.
22:14Ich war aber auch, ich muss auch sagen, ich war aber trotzdem ein bisschen skeptisch.
22:19Dieses Gefühl kam auch mit rein. Wie wird das aufgenommen?
22:24Wie kann man überhaupt miteinander?
22:27Also das war schon, das war spannend. Es war auch spannend.
22:40Wie wir Kinder waren. Ich bin von Worms. Da hatte mir das Zigeunerwelsch. Da waren sie sessig.
22:46Und da war es ein bisschen unheimlich, wenn man vorbeigegangen ist. Und das habe ich gesagt.
22:50Und sonst nichts.
22:51Zigeuner sind genauso eine Menschen wie Sie. Es gibt man Zigeuner schlechte Leute.
22:55Und diese Leute noch schlechter.
22:57Jawohl.
22:57Noch schlechter.
22:58Ich habe Ihnen gesagt, ich habe keine schlechte Erfahrungen mit mir gemacht. Das dürfen Sie nicht so hinstellen.
23:03Nein, nein, das habe ich nicht gesagt.
23:05Man hat sich gezeigt.
23:07Man hat die Konfrontation, die Konfrontation, die Diskussion, das Miteinander gesucht, hat sich geöffnet.
23:13Ich weiß noch, es gab unheimlich viele Stände, wo dann auf nichts sind, die es anwesend waren und rege Unterhaltungen
23:20geführt wurden.
23:27Ich fand das als ein Meilenstein, der gesetzt worden ist. Wir sind da. Hört uns zu. Nicht nur musikalisch.
23:41Seien Sie uns also herzlich willkommen. Nicht nur heute, sondern immer.
23:51Wenige Wochen nach dem Musikfestival kommen mehrere Roma-Familien nach Darmstadt.
24:03Darmstadt stand in meiner Geburtsurkunde und als Adresse stand Lagerplatz drin. Steht immer noch drin.
24:11Meine Familie hat in ehemaligen Jugoslawien, in Serbien auch ganz viel Vertreibung und Verfolgung erlebt.
24:20Das war ja auch mit einer der Gründe, warum meine Eltern damals ja auch nach Deutschland gekommen sind.
24:24Mit der Hoffnung auf ein besseres Leben, aber auch mit dem Wissen, dass Deutschland vielleicht auch zugewandter hätte sein können.
24:33War es aber nicht.
24:38Den Eltern von Gianni Jovanovic wird von der Stadt ein Haus für ihre Familie zugewiesen. Wormser Straße, eine bürgerliche Wohngegend.
24:51Die waren erstmal dankbar, dass sie nicht im Wohnwagen mehr wohnen mussten.
24:55Meine Familie war einfach vor, ein festes Dach im Kopf zu haben und eine fließende Toilette zu haben.
25:00Und deshalb war das erstmal, dass quasi die Grundbedürfnisse von Hygiene und sich waschen können und normal essen können und
25:09mal einen Raum für sich haben kann,
25:12schon mal etwas, was einen hat aufordnen lassen.
25:16Ich kann mich auch an ganz viele schöne Momente noch erinnern, so vage, wo immer am 28. August, das Heilige
25:24-Maria-Fest, das Orthodoxen-Tum,
25:29meine Familie immer groß gefeiert hat, draußen Zelt aufgestellt hat.
25:36Mein Großvater Lämmer und Ferkel auf dem Spieß, wie alle da gesessen haben, kann ich mich noch erinnern.
25:44Ich durfte auch mal, konnte das natürlich nicht, weil es zu schwer war. Das war schon sehr spannend zu dem
25:50damaligen Zeitpunkt.
25:54Unter den Nachbarn sind die Roma nicht gern gesehen. Beschwerden, Anzeigen, Polizeieinsätze.
26:00Die Presse berichtet über Probleme mit den Landfahrern.
26:07Warum seid ihr nicht dazugekommen und habt euch das angeschaut, was wir da tun und was wir da machen und
26:12habt euch am Tisch gesessen und mit uns zusammen gegessen und getrunken und uns kennengelernt.
26:16Nein, stattdessen habt ihr einfach einen schwarzen Vorhang einfach zugezogen und habt gesagt, das sind die Bösen.
26:251982 schlägt die Ablehnung in Gewalt um. In der Nacht vom 2. auf den 3. Januar explodiert vor dem Haus
26:32ein Sprengsatz.
26:36Sie wohnen hier, ne? Ja. Schön. Ich habe auch hier früh gewohnt in dem Haus.
26:40Sie haben da gewohnt? Ja, ich habe da gewohnt. Meine Familie hat gewohnt hier, als der Anschlag war. Vielleicht können
26:46Sie sich noch erinnern.
26:46Ach ja. Ja. Ja. Und ich bin einer derjenigen, der damals sehr verletzt worden ist.
26:52Sie waren das, das sind jetzt schon so viele Jahre her.
26:57Haben Sie damals was mitbekommen? Ja. Was haben Sie mitbekommen?
27:03Also ich weiß nur, dass wenn jemand in der Küche oder auf dem Gang gewesen wäre, der würde nicht mehr
27:10leben.
27:11Wir sind nämlich auch aufgewacht, weil, das ist mein Schlafzimmerfenster, war die Scheibe kaputt und es ist im Vorhang so
27:20Splitter hängen geblieben.
27:23Da sind wir aufgewacht.
27:24Die Explosion hebt die Tür des Hauses der Familie Jovanovic aus den Angeln, zerstört Fenster.
27:30Glassplitter fliegen ins Haus, auf die Straße.
27:34Der Geruch, dieser laute Knall, das Geschrei von meiner Mutter, von den Kindern. Die Männer waren nicht da, soweit ich
27:43weiß.
27:43Wir sind rausgerannt, das weiß ich noch wie heute. Und Schreie mit dem Z-Wort. Vergasen, alles das. Verbrennt, brennt.
27:56Hier, dies, das.
27:59Und dann kamen Steine. Es waren Steine. Ich denke, es waren Pflastersteine. Mich traf dann einer richtig, hat mich richtig
28:09getroffen.
28:17Die Täter des Anschlags werden nie ermittelt.
28:23Wir haben Glück gehabt, ja. Wir haben einfach nur Glück gehabt.
28:32Ab den 1970er Jahren formiert sich eine Bürgerrechtsbewegung unter Sinti und Roma.
28:38Der Hungerstreik in Dachau. Ihre erste große Aktion.
28:47Rotko Kowczynski reist damals als Musiker in die KZ-Gedenkstätte.
28:56Das alte Kinderlied, Volkslied, lustig ist das Zigeunenleben, das wir umgetextet haben.
29:01Das wurde dann irgendwann zur Hymne der Bürgerrechtsbewegung in Deutschland.
29:06Statt muss keine Entschädigung geben, Faria, Faria, ho.
29:10Halt, halt, halt, stopp, stopp, stopp. Sag mal, wieso eigentlich immer noch nicht?
29:13Mann, wir sind doch bloß Zigeuner. Ach so.
29:16Faria, Faria, ho. Ob Jungnazis kommen, ob Altnazis kommen.
29:21Wir waren ja eine Bewegung, wir gehörten ja dazu. Wir waren nur nicht eben zu dem Zeitpunkt in Organisation,
29:26sondern wir waren Musiker. Wir waren beide Liedermacher zu dem Zeitpunkt, Tornado und ich.
29:37Du O Z, das war ja für Zigeuner, um dann darauf hinzuweilen.
29:41Die Schalplatte heißt ja Deutsche Zigeuner Lieder.
29:43Wir mussten auf dieses Synonym zurückgreifen, auf diese Bezeichnung, zu diesem Zeitpunkt,
29:48um darauf aufmerksam zu machen, um dann zu sehen, damit man weiß, worüber man redet.
29:53Hätten wir damals gesagt, Lieder der deutschen Roma, der deutschen Rumänen oder sonst was.
29:59Das war damals überhaupt nicht gang und gäbe.
30:02Das waren alles Dinge, die man nicht sofort, die muss man natürlich ändern,
30:06aber das braucht seine Zeit, um das ins kollektive Bewusstsein der Mehrheit hineinzubekommen.
30:12Ein Zigeuner sein, darum sag ich dir ganz ehrlich, forderst du dein Recht, geht's dir schlecht, schlecht.
30:25Kommst du erstmal als Zigeuner ohne Rechte auf die Welt,
30:31nützt dir nicht mal deine Schlauheit oder wenn du hast auch Geld,
30:36bist du erstmal von Behörden abgestempelt, registriert,
30:42bist du sogleich rumgestoßen und damit isoliert.
30:47Nach 1945 stehen Sinti und Roma weiter im Fokus der Polizei.
30:52Auch in Hamburg, wo Rutku Kowczynski lebt.
30:55Die ständigen Kontrollen, Fahrzeugkontrollen, wo dann wir angehalten wurden,
31:00das hast man Ohrfeige gekriegt als junger Mann von diesen Beamten in Zivil.
31:06Immer wurde nach Quittung gefragt.
31:08Ich habe ja bis heute noch eine Macke, ich war ja für alles Quittung auch.
31:12Eine Jacke, ich habe mich noch an die Jacke, ich habe eine Lederjacke gehabt und hast du Quittung dafür?
31:15Nee, die haben sie dann mitgenommen, die haben sich einfach daran bereichert.
31:18Im Hamburger Landeskriminalamt befasst sich nach 1945 eine Dienststelle ausschließlich mit Sinti und Roma in der Stadt.
31:27Ihre Erkenntnisse liefert sie nach München.
31:29Die dortige Landfahrerzentrale erlangt ab 1953 faktisch Zuständigkeit für die systematische Erfassung der Sinti und Roma in der gesamten Republik.
31:42Die Erfassung sah da so aus, es gab ja solche Handlungsanweisungen, dass grundsätzlich regelmäßig Razzien bei sogenannten Zigeunern durchgeführt werden
31:50sollten.
31:50Da wurde dann festgestellt, welche Haustiere man führte, ob die Frauen schwanger waren,
31:57man hat auch die Autos ständig kontrolliert, alle möglichen Kontrollen, ob es Antennen gab, also wirklich ganz abstruse und alles,
32:03was es an Daten gab, wurde dort drin erfasst.
32:06Natürlich auch Geburten, Todesfälle und Eheschließungen.
32:08Was hätte es für einen Sinn, Schwangerschaften von Menschen zu überprüfen und Frauen festzuhalten?
32:13Oder die KZ-Nummern als besondere Merkmale mit einzutragen, als Zätowierung zu bezeichnen.
32:20Das Z von Auschwitz mit der dazu geringen Nummer. Man merkt, wie pervers das alles war.
32:25In der Merkmalkartei werden Straffällige erfasst, Sinti und Roma jedoch auch dann, wenn sie sich nichts zu Schulden haben kommen
32:32lassen.
32:34Die Akten der Münchner Landfahrerzentrale sollen nach ihrer Auflösung 1965 offiziell vernichtet worden sein.
32:41Die Unterlagen der Hamburger Dienststelle werden bis Anfang der 1980er Jahre verwendet und dann ins Hamburger Staatsarchiv überstellt.
32:52Gesperrt für die Öffentlichkeit.
32:56Wir haben dann genau das gleiche gemacht, was wir damals in Dachau gemacht haben.
32:59Wir haben dann gesagt, so gut, hier kommen die rein, Öffentlichkeit müssen wir herstellen.
33:03Also wir gehen nach Neuengang, wir machen dort einen Hungerstreik, bis wir an die Akten kommen.
33:09Ich glaube, wir haben diese Akten teuer genug bezahlt, unsere Geschichte dort.
33:12Und man hat uns kompromisslos verfolgt und wir sind der Auffassung, dass man uns kompromisslos auch jetzt Auskunft über unsere
33:17Geschichte geben sollte.
33:21Zum Glück hat der Hungerstreik nur zwei Tage gedauert und dann hat der Senat eben mehr oder weniger nachgegeben.
33:28Und wir haben dann mit langen Verhandlungen mit Gerichten und Senat und Staatsarchiv hatten wir dann die Erlaubnis bekommen, mit
33:36allen möglichen Auflagen diese Akten einzusehen.
33:42Die Akten, die Rutko Kawczynski mit seinen Mitstreitern 1983 im Staatsarchiv Hamburg findet, wertet ihre Organisation, die Rom- und
33:51Sinti-Union, bis heute aus.
33:58Das ist ein Giftschrank, da gehe ich sehr, sehr selten ran, ehrlich gesagt.
34:04Man merkt, je mehr man daran arbeitet, desto mehr findet man Dinge, die eigentlich unfassbar sind.
34:10Das hat weniger mit 45 zu tun, als was danach, dass es kontinuierlich weitergelaufen ist. Das ist das Schlimme an
34:16der ganzen Geschichte.
34:16Im September 1945 rechnen die Hamburger Behörden, 1628 Sinti und Roma lebten vor 1940 in der Stadt.
34:281135 wurden deportiert, ermordet, verschwanden. Es müssten also noch 493 leben.
34:35Zu ihrer Beobachtung wird eine eigene Polizeieinheit eingerichtet.
34:39Am 3. September 1959 notiert das Landeskriminalamt in einem internen Vermerk, man habe die im Krieg vernichtete Zigeunerkartei neu erstellt.
34:51In Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Landeskriminalamt, dem Bundeskriminalamt und weiteren Landeskriminalämtern.
34:59Grundlage dieser Kartei? Die Polizeiakten aus der NS-Zeit.
35:03Doch diese Akten reichen den Kriminalbeamten noch nicht.
35:07Im August 1963 fahren Polizisten aus Hamburg zu Hermann Arnold, um dort den Aktenbestand der Rassenhygienischen Forschungsstelle zu sichten.
35:17In ihrem Dienstreisebericht heißt es.
35:21Insgesamt erhielten wir sieben Mikrofilme mit etwa 2600 Genealogien, von denen nun in Hamburg lesbare Ablichtungen hergestellt werden.
35:33Dieses Gefühl, man sieht diese Akten, das war wirklich auch so eine Form von, das klingt vielleicht blöd, aber es
35:40war eine Form von Erleichterung.
35:42Guck mal, deshalb war es das.
35:44Also unsere Befürchtung, unser Misstrauen, das war begründet.
35:49Das war nicht nur einfach so Routine, dass sie dein Haus durchsucht haben, dass es ständig Hausdurchsuchungen gab,
35:55dass es bei Arbeitsplätzen, dass sie plötzlich Polizei auftauchte, mit deinem Chef geredet hat.
36:01Oder dass man Probleme hatte bei Beantragung von Führerscheinen oder sonst so.
36:04Andere dann, wo es ganz schnell ging, jetzt dann gedauert, mit Rückfragen, Wiedergutmachung, alles, alles, all das.
36:09Da war die Erklärung.
36:15Zilli Schmidt reist nach der Befreiung mit ihrem Mann Toni durch das Land, auf Tournee mit seiner Musikkapelle.
36:23Wir waren jung, wir wollten leben.
36:27Und so war das, so hat man in unserer Zeit weitergelebt.
36:31Wir wollten leben.
36:34Mein Wille war da, zum Leben.
36:37Schön zu leben.
36:39Das war mein Interesse.
36:44Doch die Erinnerung an Auschwitz bricht immer wieder in den Alltag ein.
36:49Wenn ich an mein Kind denke, dann ist es schlimm.
36:53Dann ist es schlimm, dann schlafe ich keine Nacht.
36:56Dann bin ich die ganze Nacht in Auschwitz.
36:59Aber ich darf da nicht hinsehen auf dem Bild.
37:03Ich darf da nicht hinsehen.
37:111950 stellt Zilli Schmidt einen Antrag auf Wiedergutmachung in München.
37:17Auf der Entschädigungsstelle wird ihr Schicksal infrage gestellt, mithilfe der Rassenideologie der Nazis.
37:23Nach der wurden bis 1943 nur sogenannte Mischlinge nach Auschwitz deportiert.
37:29Und reinrassige Zigeuner seien nur als Kriminelle ins Lager gekommen.
37:34Weißt du, was die gesagt haben?
37:36Frau Reichmann, ich habe doch Reichmann gehalten.
37:40Die hätten doch gar nicht mitten in den Lager gekommen.
37:43Die waren da eine Vollzinti.
37:46Die waren kein Mischling.
37:48Da waren nur Mischlinge drin, hat sie gemeint.
37:52Gar nicht, war Schwindel.
37:55Waren alle drin.
37:58Das Entschädigungsamt holt ein Gutachten zur Verfolgungsgeschichte von Zilli Schmidt ein.
38:04Bei der Bayerischen Landfahrerzentrale.
38:06Der Sachbearbeiter Georg Geier, ein ehemaliger SS-Mann.
38:11Die Landfahrerzentrale schreibt, Zilli Schmidt sei als Asoziale verfolgt worden.
38:16Nicht aus rassischen Gründen.
38:18Der Antrag auf Entschädigung abgelehnt.
38:24Die einzigen, die sich regelmäßig dazu äußerten, was sozusagen in der NS-Zeit mit Sinti und Roma passiert ist, waren
38:32die Täter.
38:33Und die Täter prägten natürlich genau dieses Bild.
38:36Nein, die Deportationen, die waren nicht aus rassenpolitischen Gründen, sondern einfach aus Kriminalpräventiven.
38:46Damit erreichten sie ja die zwei Dinge, die sie erreichen wollten.
38:49Keine Entschädigung für Sinti und Roma.
38:51Vor allen Dingen aber auch keine Strafverfolgung gegen sie selbst.
38:571956 urteilt auch der Bundesgerichtshof.
39:01Sinti und Roma seien bis 1943 ausschließlich als Asoziale verfolgt worden.
39:07Entschädigung stehe ihnen nicht zu.
39:09Als das Urteil 1963 revidiert wird, sind viele Überlebende bereits verstorben.
39:16Zilli Schmidt kämpft 19 Jahre um Entschädigung.
39:20Zugesprochen wird ihr nur eine geringe Summe.
39:31Darmstadt 1983, ein Jahr nach dem Bombenanschlag auf das Haus von Gianni Jovanovic.
39:38Sein Onkel und seine Tante leben zu dieser Zeit in der Darmstädter Innenstadt.
39:42Auch ihnen hatte die Stadt ein Haus zur Verfügung gestellt.
39:45Im Sommer verreisen die beiden Familien gemeinsam.
39:50Als sie zwei Wochen später nach Darmstadt zurückkehren, finden sie nur noch Trümmer vor.
39:56Die Stadt hat das Haus von Gianni Jovanovic's Verwandten abreißen lassen.
40:03Als wir dann zurückgekommen sind, da gibt es dieses eine Bild von meiner Tante Lenka,
40:08wo sie barfuß vor ihren Trümmern steht und irgendwie versucht noch irgendwie etwas herauszuwühlen,
40:15was sie mitnehmen kann. Die haben alles zerstört.
40:19Also auch die persönlichen Sachen der Menschen, alles haben sie uns genommen.
40:27Herr Oberbürgermeister, was waren die Gründe für diesen in der Öffentlichkeit zum Teil
40:32als ungeheuerlich empfundenen Schritt der Stadt?
40:34Der akute Grund war Einsturzgefahr dieses Hauses und Seuchengefahr in diesem Haus und in der Umgebung dieses Hauses.
40:47Der Hausabriss in Darmstadt wird zum internationalen Skandal.
40:52Der neu gegründete Zentralrat der Sinti und Roma schaltet einen Anwalt ein.
40:57Es war keineswegs Dreck drin. Ich habe also von Kot oder Ähnlichem, was behauptet wurde, überhaupt nicht sehen können.
41:03Im Gegenteil, es war einfach ein normaler Zustand, ein bewohnbarer Zustand.
41:08Ich halte also diese vorgeschobene Begründung, dass Seuchengefahr bestanden hätte.
41:13Und heute höre ich das erste Mal, dass Einsturzgefahr bestanden hätte.
41:16Die halte ich also für an Haaren herbeigezogen.
41:24Wo wir auch echt gesagt haben, was wollen die denn noch?
41:28Also was macht dieses Land eigentlich mit uns? Was passiert hier eigentlich gerade?
41:36Die Sorge war, okay, wenn das jetzt passiert, wenn wir uns unser Heim nehmen, was sie uns gegeben haben,
41:41dann können sie alles und tun und machen, was sie wollen mit uns.
41:45Die Roma-Familien bekommen ein neues Zuhause in Darmstadt. Eine Brache am Stadtrand.
41:54Gianni Jovanovic schlägt einen langen Weg zurück, bis er dort ankommt, wo er heute ist.
42:00Seit vielen Jahren lebt er als erfolgreicher Unternehmer in Köln.
42:05Ich bin der Mann geworden, der ich immer sein wollte.
42:10Ich bin der Gianni geworden, der dem kleinen Gianni in vielen Räumen Schutz bietet, den er vielleicht nicht hatte.
42:19Und das musste ich auch lernen, das eigene Kind in mir auch zu kontrollieren, weil es sehr stark traumatisiert und
42:25verletzbar ist.
42:28Aber es beherrschen dominiert mich nicht, sondern der Erwachsene, der lebt mit ihm und trotzdem behalte ich mir dieses Kind
42:39im Manne.
42:57Die Bundesrepublik erkennt den Massenmord an den Sinti und Roma 1982 offiziell als Völkermord an.
43:0537 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges. Ein großer Erfolg für die Bürgerrechtsbewegung.
43:12Unter den Bürgerrechtlern war Lani Georg, der Großvater von Julie Halilitsch.
43:22Es hat mich natürlich geprägt, was er mit den ganzen anderen Bürgerrechtlern der ersten Stunde geschaffen hat für unseren Weg.
43:29Also sie haben unseren Weg bereitet.
43:32Er hat natürlich an einem gewissen Punkt aufgehört.
43:35Und für mich war das immer so ein innerliches, das, was er noch nicht zu Ende gemacht hat, möchte ich
43:41weiterführen.
43:42Weil wir haben einfach noch viel Aufklärungsbedarf.
43:47Mit ihrer Initiative Sinti Roma Pride wollen Julie Halilitsch und ihre Mitstreiterinnen Deutschlands größte nationale Minderheit sichtbarer machen.
43:58Wir möchten eine Brücke bauen, wir möchten die Hand reichen.
44:02Und das können wir natürlich auch gut durch Social Media.
44:04Wir haben Begegnungen mit Menschen, auch wenn es virtuell ist, aber sie lernen uns kennen.
44:13Ich bin eine deutsche Sintizer.
44:15Viele denken sich dann, sage ich das überhaupt noch?
44:19Ich für mich sage, ich muss es sagen, weil sonst lernen die Menschen das nicht,
44:24dass es eben nicht dieses Stereotyp, dieses Stigma ist, sondern lernen mich kennen
44:28und lernen dann mich auch mit meiner Identität als Sintizer kennen.
44:32Wir möchten einfach auch zeigen, wer wir sind.
44:55Wir möchten einfach sagen, wer wir sind.
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