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00:00Alkohol is the only drug, where you must be able to do it,
00:03if you don't consume it.
00:07Let me know where I am.
00:10Backstage, at the Oktoberfest.
00:13Can anything to do with a real dog?
00:16No.
00:19It's everywhere and everywhere, not only in Bayern, not only in Oktober.
00:25The people of the drug is alcohol.
00:30We're going to get from my own.
00:31Alkohol prägt uns von Kindheit an.
00:34Ich kann mich erinnern, als Kind,
00:36da sah mir der Schnuller in Bierschaum getaucht worden.
00:39Das war normal.
00:42Wir reden von Genuss, Kultur, gut, freie Entscheidung.
00:45Ist jemand abhängig?
00:47Selbst schuld.
00:48Dieses Abstinenzkonzept ist eigentlich Mission Impossible.
00:54Ich will wissen, was macht Alkohol auch mit mir?
00:57Und wie schädigt Alkohol nicht nur einen selbst,
01:00sondern völlig Unbeteiligte?
01:02Das ist mehr oder weniger ungebremst auf unser Auto draufgefahren
01:05und mein Bein war zwischen den Stoßstangen eingeklemmt.
01:10Welche Macht hat der Alkohol über unser Leben?
01:201, 2, 3, super!
01:27Beim Trinken macht uns so schnell niemand etwas vor.
01:31Deutschland ist weltweit unter den Top Ten
01:33und auch in Europa in der Spitzengruppe.
01:49Ab und an ein paar Bier, das ist doch kein Problem, oder?
01:54Ich habe das auch geglaubt.
01:56Ich habe das auch gerne geglaubt.
01:57Rotwein schützt vor Herzinfarkt.
01:59War lange auch Lehrmeinung,
02:01dass so ein moderater Alkoholgenuss irgendwie förderlich sei.
02:05Ist aber Quatsch.
02:07Die aktuellen Studien sagen genau das Gegenteil.
02:10Die Wahrheit ist, nichts zu trinken ist das Allergesündeste.
02:14Punkt.
02:15Vor wenigen Monaten erschienen die neuen Empfehlungen
02:17der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.
02:19Im Kern sagen sie, jeder Schluck Alkohol schadet.
02:23Ich mache mich auf den Weg durch ganz Deutschland,
02:26weil ich noch nicht den Eindruck habe,
02:27dass sich das schon rumgesprochen hat.
02:29Am Ende trifft sich alles hier.
02:31Und wir haben hier ein Team aus Notfallsanitätern
02:33und Notärzten, die den Patienten erst einschätzen
02:35und dann beurteilen, was hat er für ein Problem,
02:38was braucht er für eine Behandlung.
02:39Und wir helfen allen.
02:41Aber man muss manchmal ordentlich zwicken.
02:43Man muss eben gucken, kriege ich den noch aufgeweckt
02:44oder kriege ich ihn nicht mehr aufgeweckt.
02:45Wenn ich ihn nicht mehr aufgeweckt kriege,
02:46dann geht es in unseren Akutraum.
02:48Das ist da drüben so eine Art Akut-Intensiv-Behandlungsraum.
02:51Wenn ich ihn aufgeweckt kriege
02:53und er hat sonst keine Blessur
02:54und braucht einfach ein bisschen Liebe, Flüssigkeit und Wärme,
02:56dann geht es in unseren Überwachungsbereich.
03:04Und wenn er doch eine Blessur hat, also Schnittwunden,
03:07dann geht es bei uns in den Behandlungsbereich.
03:10Und da ist wirklich wie eine Notaufnahme.
03:11Da können wir nähen, kleben, tackern,
03:13Gelenke wieder reinmachen,
03:15bis hin zum CT, was wir machen können,
03:17um Blutungen auszuschließen.
03:21Trinken, bis der Arzt kommt.
03:23Keine Angst, diese Bierleiche atmet.
03:26Sie sind Allgemeinmediziner.
03:28Man denkt bei Alkohol immer nur an die Leber.
03:30Es gibt unfassbar viele Krankheiten, die immer zusammenhängen.
03:34Sind wir da blind als Kultur für die Gefahren?
03:36Also es gibt ja so ein paar Gifte, ob das jetzt Rauchen oder Alkohol ist.
03:41Da denkt man immer selber, es trifft einen nicht.
03:44Und das Problem ist, dass man nach aktuellem Wissenstand sagen muss,
03:46gar nichts mehr.
03:47Das Leben ist immer irgendwie ein Kompromiss.
03:49Es gibt immer Dinge, die sind gefährlich.
03:52Und man muss sich dann halt für sich selber vielleicht überlegen,
03:54welche Gefahr gehe ich ein.
03:57Alkohol macht die alkoholische Fettleber und später die Zirrhose.
04:01Viel weniger bekannt, Alkohol schlägt auch auf das Herz.
04:05Alkohol macht dement und verursacht sieben verschiedene Arten von Krebs,
04:10beispielsweise Brust- oder Darmkrebs.
04:12Jeder Schluck ist potenziell krebserregend.
04:15Aber wie gefährlich ist das Trinken in Maßen?
04:19Bei bis zu zwei Standardgetränken pro Woche,
04:21also zwei Gläsern Wein oder zwei kleinen Flaschen Bier,
04:24ist das Risiko für die Gesundheit noch gering.
04:27Bei drei bis sechs Getränken pro Woche
04:29steigt das Risiko, an verschiedenen Krebsarten zu erkranken.
04:34Ab sieben Getränken pro Woche
04:36riskiert man zusätzlich eine Herzerkrankung oder einen Schlaganfall.
04:41Und jedes weitere Getränk erhöht drastisch
04:43das Risiko für weitere schwere Erkrankungen.
04:46Bier müsste eigentlich so aussehen.
04:51Alkohol ist, was das Krebsrisiko angeht,
04:55in einer Kategorie mit Asbest und Rauchen.
04:58Konkret, eine Flasche Wein hat für eine Frau
05:01im Hinblick auf ihr Brustkrebsrisiko
05:04die Wirkung von zehn Zigaretten.
05:06Warum steht das nirgends?
05:09Da saß ich mit dem Boot, wenn er wieder gesagt hat,
05:11hol mal fünf Flaschen Bier.
05:13Ja, ja, das ist auch das, was viele Kinder haben aus diesen Familien.
05:18Inwieweit bin ich schuld an dieser Krankheit?
05:20Weil ich ja Bier und Bommelunder gekauft habe.
05:25Alkoholkonsum war cool, es war so gewollt.
05:28Es wurde auch dann so, wurde gelacht,
05:30ja, jetzt kann der Junge richtig trinken und so.
05:33Und das ist toll, jetzt wird es ein richtiger Mensch und so.
05:36Wow. Wie ist das bei Ihnen?
05:38Wie viele Menschen kennen Sie, die mehr trinken, als ihnen gut tut?
05:45Nirgendwo in Europa ist es so einfach und billig,
05:48an Alkohol zu kommen und sich zu betrinken.
05:50An jeder Tankstelle und an jeder Straßenecke
05:53bekommt man Bier, Wein und Hochprozentiges.
05:56Andere Länder regeln den Zugang, das Alter, die Preise
06:00und zwar deutlich besser als wir in Deutschland.
06:02Dafür zahlen viele Menschen aber einen sehr hohen persönlichen Preis.
06:06Ich bin mit Chris verabredet.
06:08Hier geht es um Stress.
06:09Jawohl.
06:10Kann ich brauchen.
06:11Ja.
06:12Die meisten trinken ja auch Alkohol, um so Stress abzubauen.
06:16Ja, also, um sich das Leben schön zu betäuben.
06:23Das Leben auf der Straße.
06:24Ja.
06:26Scheint da was davon zu verstehen.
06:30Ja, ich bin auch Alkoholiker.
06:32Ich war auf drei Flaschen vodka am Tag unterwegs.
06:35Drei Flaschen?
06:36Ja.
06:37Und wie fühlt sich das an?
06:39Scheiße.
06:40Also, wenn du drei Flaschen getrunken hast, dann findest du gar nichts mehr.
06:43Da ist das Gehirn weg, ne?
06:51Haben Sie heute schon was getrunken?
06:53Nee.
06:54Ich bin Quartals-Trinker geworden.
06:56Also, ich trinke nicht jeden Tag.
06:58In der Regel so zweimal die Woche, aber dann trinke ich auch noch
07:00meine drei, vier, fünf mehr und dann höre ich auf.
07:04Das war nicht immer so.
07:06Sieben Jahre lang lebte Chris auf der Straße.
07:08Heute arbeitet er für das Straßenmagazin Hinz & Kunst
07:12und führt Leute durch den Kiez.
07:14Ich wollte ihn auf einen Kaffee treffen,
07:16aber in dieser Kneipe gab es nur Bier und auch kein alkoholfreies.
07:21Alkohol gehört bei uns ja zum Alltag dazu.
07:24Wann hast du gemerkt, dass du mehr trinkst, als dir gut tut?
07:30Relativ früh.
07:31Ja?
07:32Ja, also, ich habe eine Heimkarriere hinter mir.
07:35Ich gehöre zu einem Missbrauch von der katholischen Kirche.
07:37Boah.
07:38Haben wir dann das Leben in der Jugend schön getrunken,
07:40mit 18 auf die Straße.
07:42Und du hältst dich dann mehr oder weniger in Kneipen auf
07:45und dann wird getrunken.
07:47So, heute weiß ich, dass ich mir das einfach nur schön gesoffen habe.
07:51Weil ich konnte gar nicht aufhören.
07:53Hätte ich mal hin zum Kunst nicht gehabt
07:54und war über zehn Jahre mit einer Lebensgefährtin zusammen,
07:58meine Rute.
07:58Durch der habe ich einiges gelernt.
08:01Und dadurch habe ich auch den Wille gehabt, wieder zu leben.
08:05Hast du noch Kontakte mit den Menschen,
08:07mit denen du damals auf der Straße warst?
08:09Nein, die sind alle so weit tot.
08:10Echt?
08:11Ja.
08:13Negative Erfahrungen in der Kindheit wie Mobbing
08:15oder der Verlust eines Elternteils
08:17erhöhen das Risiko für eine Alkoholabhängigkeit.
08:20Auch genetische Veranlagung spielt eine Rolle.
08:23Und natürlich der Umgang mit Alkohol in der Familie,
08:25im Freundeskreis, in der Gesellschaft.
08:28Wer hat dir geholfen, dein Leben so radikal zu verändern?
08:33Ich selber erst mal.
08:34Das ist die Voraussetzung zum Ganzen.
08:37Weil es kann dir keiner helfen,
08:38wenn du bei dir selber nicht Klick macht im Kopf.
08:41Worauf bist du stolz?
08:42Ja, dass ich für mich selber ein Vorbild bin.
08:48Ja, das ist geil.
08:52Für sich selbst ein Vorbild sein.
08:54Ja.
08:54Das ist ein schwerer Satz.
08:56Ja.
08:57Ja, kriegst du dann erst mal hin.
08:59Und meine ganze Arbeit ist auch für mich Medikamente.
09:03Andere müssen Pillen nehmen.
09:05Ich hab meinen Job.
09:07Ja.
09:16Unser Bild vom alkoholabhängigen Obdachlosen ist ein Klischee.
09:20Gesoffen wird in jeder Gesellschaftsschicht.
09:23Studien zeigen sogar, je höher der Status,
09:25desto höher der Konsum, man sieht's halt nur weniger.
09:28Nathalie hat das ebenfalls erlebt.
09:30Sie hat acht Jahre schwer getrunken und gleichzeitig erfolgreich als Journalistin weitergearbeitet.
09:35Gemerkt, dass ich wirklich ein Problem mit Alkohol habe, obwohl ich das damals noch nicht Sucht genannt hätte,
09:42hab ich, als ich mir immer wieder Trinkregeln aufgestellt habe und die auf Dauer nicht einhalten konnte.
09:49Also sowas wie, ich trinke nicht vor 18 Uhr, ich trinke nur noch an den Wochenenden, aber es hat halt
09:53nie auf Dauer geklappt.
09:55Und als ich das immer wieder wiederholte, hab ich gemerkt, okay, ich muss ganz aufhören, sonst komm ich da nicht
10:01raus.
10:02Heute motiviert Nathalie auf Social Media und mit Büchern andere zu einem Leben ohne Alkohol.
10:07Und erreicht viele, die sich sonst nicht angesprochen fühlen.
10:11Hallo Nathalie.
10:12Hallo Eckhardt.
10:13Es gibt ja immer jemand, der trinkt noch mehr als man selbst.
10:16Hat sich dieses Stigma von Alkoholabhängigkeit verändert?
10:21Das Interessante ist ja, wenn es um Alkohol geht, haben wir zwei Gruppen im Kopf.
10:25Da sind zum einen die Genusstrinker und dann sind da zum anderen diese charakterschwachen Versager,
10:30die das nicht hinkriegen mit dem Genusstrinken.
10:33Und diese Unterscheidung ist einfach Quatsch, weil Alkohol eine Droge ist, die auf jedes Hirn wirkt.
10:41Die nicht nur jede Zelle unseres Körpers angreift, sondern die auch in ziemlich jedes Neurotransmittersystem in unserem Hirn eingreift.
10:49Und da ist es völlig egal, was für einen Charakter du hast, ob du diszipliniert bist oder nicht.
10:54Da ist es auch völlig egal, ob deine Weinflasche zwei oder 200 Euro kostet.
10:59Mein Opa hat richtig gesoffen, mein Vater, meine Mutter haben getrunken, das gehörte irgendwie dazu.
11:06Und gefährlich wurden die Situationen dann am Tag danach, wenn die beide irgendwie dann halt klar ein Hangover hatten.
11:13Also es gab mehrere Eskalationsstufen auch dabei. Es war, du konntest mit der Hand geschlagen werden.
11:19Und es gab ein rotes Stöckchen, das war aus so einem Kinderbett, das war die nächste Eskalationsstufe.
11:25Und es gab von der Waschmaschine einen Schlauch. Und der Schlauch war das Schlimmste von allem.
11:33Und ich lache heute darüber. Ich sitze jetzt hier und lache darüber. Das ist eigentlich absurd.
11:37Aber ich kann mich erinnern an eine Situation über der Badewanne. Und er hat gesagt, ich schlage so lange, bis
11:44du aufhörst zu weinen.
11:45Und ich habe das getan.
11:47Das letzte Jahr, das war besonders schlimm. Ich habe dann schon mal geschaut, dass ich ihm gänzlich aus dem Weg
11:53gehe.
11:53Dann ist er nach unten gegangen. So, und das Erste an den Zapfhahn.
11:59Weil wenn der Bierbrunnen da immer sprudelt, hat so jemand keine Chance.
12:06Er ist zum Choleriker mutiert.
12:10Wenn ich bloß anders geschaut habe, wie er es jetzt gewollt hätte, der hat auch schon volle Teller nach mir
12:17in der Küche geschmissen.
12:18Und ich habe immer wieder überlegt, in den Jahren danach, nach diesem Tod, warum kann ich nicht so frei aufspielen
12:27im Leben, fröhlich sein oder was genießen oder auch mal sorgenfrei sein am Tag?
12:34Wir müssen blaue Flecken gehabt haben und das niemand uns angesprochen hat.
12:38Zumindest kann ich mich nicht erinnern, dass uns Leute angesprochen haben deswegen.
12:41Und da frage ich mich heute, hey, wie konnte das sein?
12:44Wie konnte das so salonfähig sein in den 80er Jahren, dass das einfach egal war,
12:51ob unsere Eltern voll wie ein Schwamm waren und uns geschlagen haben.
12:54Und das war so, oh ja, ist halt so.
12:59Mindestens 8 Millionen Erwachsene konsumieren gefährliche Mengen.
13:03Knapp 2 Millionen sind sogar alkoholabhängig.
13:07Geholfen wird zum Beispiel hier.
13:10In der Klinik für abhängiges Verhalten in Mannheim treffe ich Professor Falk Kiefer.
13:15Die Forschung versucht seit Jahrzehnten, Suchterkrankungen wirksamer zu behandeln.
13:19Doch die Rückfallquoten sind hoch.
13:21Wissen denn alle Betroffenen, dass sie betroffen sind?
13:24Ich würde sagen, 80, 90 Prozent der Alkoholabhängigen in Deutschland haben keine Entzugserscheinung.
13:29Die trinken nicht kontinuierlich, sondern die trinken am Wochenende oder die trinken abends.
13:34Der Körper ist aber gewöhnt, dass der Alkoholblutspiegel hoch und runter geht und dann hat man keine Entzugserscheinung.
13:39Das ist wichtig zu wissen, weil viele Menschen sich damit beruhigen, ich kann ja kein Alkoholproblem haben, ich habe keine
13:45Entzugserscheinung.
13:45Das ist gar nicht das Ding, das betrifft wirklich nur die Schwerstabhängigen.
13:49Es entsteht ja so ganz graduell in ganz kleinen Schritten, dass man einfach Alkohol in den Alltag einbaut.
13:56Wie soll ich denn Party machen oder feiern, ohne was zu trinken?
14:00Aber wenn man das einmal im Gehirn implementiert hat, wird das ganz schwer, das wieder rauszukriegen.
14:04Ist Alkohol nicht auch einfach Teil unserer Kultur, des Lebens? Mal ganz ehrlich, es gibt gerade so viele Dinge, die
14:10kann man auch nüchtern kaum mehr ertragen.
14:12Tatsächlich ist Alkohol ein Teil unserer Kultur, weil unsere Kultur sich mit Alkohol entwickelt hat. Das geht ja bis zu
14:18kirchlichen Riten hinein.
14:21Und ein Rausch, glaube ich, ist dann vielleicht was Nutzbares, wenn man das einbindet in einen kulturellen Kontext und nicht,
14:27wenn man das jeden Abend zu Hause erlebt.
14:31Wie stark Alkohol unser Unterbewusstes prägt, lässt sich sogar messen.
14:36Ohne Brille, oder?
14:38Ohne Brille, ja.
14:41Wo schaue ich als erstes hin? Was zieht mein Blick an, ohne dass ich das merke?
14:49Das hat sowas von Wimmelbild von früher.
14:54Was man sieht, die alkoholischen Getränke sind gut im Fokus bei Ihnen, aber natürlich auch die sozialen Interaktionen.
15:00Ein Kind würde wahrscheinlich die Blickrichtung unterschiedlicher verteilen.
15:04Also für ein Kind wäre ein Bierglas genauso interessant wie irgendwie ein Barhocker oder irgendwas anderes, weil das keine positiven
15:12Belohnungsvorhersagen hat.
15:13Ich fühle mich ein bisschen ertappt. Die grünen Flächen zeigen es, auch meine Blicke wandern zum Alkohol.
15:20Und dann das. Mitten in der Klinik eine Bar. Denn dem Alkohol zu widerstehen, muss trainiert werden, möglichst lebensnah.
15:28Und ich möchte sie aufmachen unbedingt. Ja, es ist immer so ein bisschen getrinken, damit im Kopf mal Ruhe ist.
15:41Was geht gerade in dir vor?
15:45Ich möchte jetzt einschenken und dran schnuppern. Okay. Im Moment würde ich eine 6 sagen. Eine 6 ist okay.
15:54Kerstins Verlangen wird hier maximal gereizt und dann von ihr eingestuft. Sie hat viele Jahre schwer getrunken.
16:02Dieses Expositionstraining hilft ihr, im Alltag standhaft zu bleiben.
16:08Jetzt sind wir schon bei 8. Was fehlt denn jetzt noch bis 10? Ich glaube, ich müsste schmecken. Also nicht
16:13viel trinken, sondern schmecken. Aber das machen wir ja nicht.
16:16Nee. Was du aber machen kannst, ist, dass du das Glas mal nimmst und an die Lippen setzt, aber ohne
16:21zu trinken. Also auch gar nicht so, dass es deine Lippen berührt, sondern dass du so...
16:25Das stresst ja schon nicht.
16:29Okay. Ich stelle es mal wieder ab.
16:31Entschuldigung.
16:33Hier, schau mal. Da war es auf deinen Lippen.
16:36Was würdest du machen, wenn wir beide nicht da wären?
16:41Also da ich ja im Augenblick auch auf einem guten Weg beruflich und privat bin, würde ich es nicht trinken.
16:48Ich hätte unheimlich Lust drauf, aber dann würde ich was anderes machen. Dann würde ich Situationen verlassen.
16:55Alkohol wirkt auf das Belohnungssystem und macht da so einen Daumen hoch. Das musst du wieder machen. Das ist klasse.
17:02I like it. Und bitte wieder machen.
17:04Deswegen machen wir auch Expositionstraining. Hier sieht man die alkoholnahe Situation, aber trinkt nicht. Das heißt, dieser Daumen geht immer
17:11weiter runter. Also die Vorhersage im Belohnungssystem ist falsch.
17:15Deswegen hilft das Expositionstraining, die Hinweisreize, das Glas Wein immer unattraktiver zu finden mit der Zeit.
17:23Du sagst, Frauen trinken anders als Männer. Was meinst du damit?
17:27Also Männer trinken prozentual betrachtet am häufigsten, um gesellig zu sein. Also fürs Miteinander, um mit anderen Menschen in Kontakt
17:35zu treten.
17:36Das machen Frauen auch. Aber im Gegensatz zu Männern trinken sie eben auch viel häufiger, um Stress oder Ängste oder
17:43depressive Symptome zu betäuben.
17:46Frauen trinken anders als Männer. Und holen auch ein bisschen auf. In der jüngeren Generation trinken jetzt Frauen sozusagen selbstbewusster
17:56als Zeichen der Emanzipation.
17:58Das, was die Kerle können, das können wir auch. Es gibt aber auch einen anderen spannenden Trend.
18:02Bei der Generation der heute 20- bis 30-Jährigen trinkt ungefähr ein Drittel gar kein Alkohol mehr.
18:09Und viele reflektieren das auch ganz anders. Also, da hat sich was getan, obwohl die Politik nichts dafür getan hat.
18:18Warum werden wir so leicht alkoholabhängig? Welchen Schaden nimmt das Hirn auf Dauer? Und was tut sich therapeutisch?
18:25Das weiß er, Professor Rainer Spannagel.
18:28Als ich hier in Heidelberg-Mannheim ausgebildet wurde, galt noch, das Ziel muss sein, komplette Abstinenz.
18:34Und wer das nicht schafft, ist persönlich gescheitert. Und die Behandelnden sind auch gleich mitgescheitert.
18:42Wo stehen wir da heute?
18:45Es hat sich ein bisschen was getan, aber leider nicht so viel.
18:49Dieses Abstinenz-Konzept ist eigentlich Mission Impossible.
18:53Für viele Leute, für viele Suchtpatienten zu verlangen, jetzt hörst du einfach auf zu trinken. Wo ist das Problem?
19:01Das wäre so ungefähr, wenn Sie zum Krebspatient, nachdem Sie ihn erfolgreich behandelt haben, nach Hause schicken und sagen,
19:08ja, aber Sie kommen ja nicht nochmal zurück. Aber meistens kommt man halt mit einem weiteren Tumor wieder in die
19:14Klinik.
19:16Das wird ja auch nicht diskriminiert. Das ist einfach Teil der Erkrankung.
19:22Und das komplette Abstinenz-Konzept zeigt hier mit dem Finger, du darfst das nicht.
19:27Und du bist ein schlechter Mensch.
19:28Und du bist ein schlechter Mensch und du bist ein Versager. Du hast versagt.
19:32Auch in der Gruppe, in der Therapiegruppe versagt.
19:34Und das befeuert eigentlich eher noch die Problematik.
19:38Es ist für viele doch viel leichter, einen reduktionistischen Gedanken zu haben.
19:44Einfach weniger von dem Ganzen zu tun.
19:47Und bringt das was?
19:48Natürlich bringt das was. Und da haben wir auch tolle Medikamente, die einem helfen.
19:52Wir haben nur in dem Bereich, diese Abstinenz komplett zu erhalten, ist es sehr, sehr schwer, therapeutisch das umzusetzen.
20:00Aber jemanden in Bahnen zu halten und zu sagen, naja, statt 200 schweren Trinktagen hast du jetzt nur 50 schwere
20:09Trinktage, wäre ja eigentlich schon mal, auch von außen betrachtet, ein echter Erfolg.
20:16Also deshalb spreche ich mich immer wieder für diesen Ansatz aus, wohl wissend, dass für manche auch nur der Abstinenzweg
20:24ein gangbarer ist.
20:26Eine Sucht prägt sich ein. Für immer.
20:29Dummerweise verknüpft unser Hirn ganz schnell das erste angenehme Gefühl von Entspannung und Angstminderung mit dem Alkohol.
20:36Bei langjährig Abhängigen übernimmt dann ein Areal, das nicht mehr unserer bewussten Kontrolle unterliegt.
20:42Das Hirn geht auf Autopilot.
20:44Wie kommt man aus diesem Teufelskreis? Neue Medikamente werden hier getestet.
20:49Oh, jetzt geht's aber los.
20:51Auf die 20-prozentige Lösung.
20:54Diese Ratte war zwei Wochen auf Entzug und hat jetzt die Wahl zwischen verschiedenen alkoholischen Getränken und Wasser.
21:01Dieses Tempo, in der die trinkt, also die hat da wirklich drauf gewartet.
21:04Ich will kein Bier, ich will kein Wein, ich will was Hartes.
21:09Ja, ja, also weil das Tier wirklich sehr schnell diesen Effekt spüren möchte.
21:15Wenn man sie lässt, trinken die Tiere weiter und weiter und richten sich zugrunde.
21:19Mensch, die sind so schlau und neugierig und machen die gleichen Fehler wie wir.
21:27Diese Forschung hilft, das Suchtgedächtnis besser zu verstehen.
21:32Besonders prägend ist das Rauschtrinken.
21:34Das haben wir mit den Ratten gemeinsam.
21:37Aber wir Menschen können gegensteuern.
21:39Abhängige können lernen, die bewusste Kontrolle bis zu einem gewissen Grad wiederzuerlangen.
21:45Tierversuche sind immer zwiespältig.
21:49Aber was mich wundert ist, warum regen wir uns nicht erstmal darüber auf, dass wir die ganze Zeit Menschenexperimente machen.
21:57Ungeschützte Jugendliche mit Alkohol sozusagen in Berührung bringen, verführen, die Grundlage für eine Sucht legen in einem Alter, wo das
22:05Hirn so bereit ist für jeden Scheiß wie in der Pubertät.
22:09Deutschland ist, glaube ich, in Europa das einzige Land mit diesem absurden Paragrafen, der begleitetes Trinken sogar ab 14 erlaubt.
22:18Und das ist auch ein Berichtsverfahren, wo man das zu messen.
22:20Womit hast du angefangen?
22:21Bier.
22:22Mit Bier?
22:23Ja.
22:23Eingefangen zu trinken, habe ich, glaube ich, mit elf ungefähr.
22:26Meine Mutter hat abends immer über ein paar Bierchen, später auch Weinchen getrunken.
22:31Ja.
22:31Es gibt ja ein völlig unterschiedliches Bild in der Gesellschaft von betrunkenen Männern und betrunkenen Frauen.
22:37Absolut.
22:38Was natürlich auch mit der Verletzlichkeit zu tun hat. Hast du auch negative Erfahrungen gemacht im Rausch?
22:43Ähm, ich bin schon ein paar Mal tatsächlich in Städten aufgewacht, wo ich dann auch mit der Verletzlichkeit zu tun
22:48hat.
22:48Am nächsten Morgen nicht wusste, wo ich bin.
22:50Ähm, das ist ein sehr erschreckendes Gefühl, weil man ja bei irgendwem geschlafen hat.
22:55In der Regel waren das dann Männer und man weiß nicht, was in der Nacht passiert ist.
22:59Wie bin ich überhaupt da hingekommen? Das weiß man in der Regel nicht mehr und das ist schon sehr schlimm.
23:03Und deswegen habe ich dann irgendwann angefangen, wirklich nur noch zu Hause zu trinken.
23:08Auch so ein bisschen aus Sicherheitsgründen, weil mich halt wirklich nicht mehr wollte, dass mir sowas nochmal passiert hat.
23:16Die Therapieangebote der Tagesklinik haben Kerstin aus der Sucht geholfen.
23:21Heute hilft sie als Genesungsberaterin anderen Betroffenen hin zu einem besseren Leben ohne Alkohol.
23:29Ich habe an einem Tag, war ich im Homeoffice im Lockdown, die dritte Flasche Wein irgendwann aufgemacht.
23:35Ich alleine zu Hause so. Und ich dachte, what the fuck, was mache ich hier eigentlich?
23:39Ich mache dasselbe wie meine Mutter, dasselbe wie mein Vater.
23:43Ich sitze jetzt alleine zu Hause und trinke mir meinen Frust weg. Hör auf damit.
23:48Dann sitzt er da in der Küche am Boden und heult.
23:53Entweder, das waren wirklich original seine Worte, entweder die fahren mich morgen auf den Friedhof oder ich höre auf.
24:01Ich habe Angst, heute und die Nacht nicht zu überleben.
24:07Kerstins Mann ringt sich nach sieben Jahren schwerer Alkoholabhängigkeit dazu durch, einen Entzug in der Klinik zu machen.
24:14Kerstin hat seitdem allen Alkohol aus ihrer Gastwirtschaft verbannt.
24:18Und die große Überraschung, die Gäste kommen trotzdem und auch ihr Mann lebt seitdem alkoholfrei.
24:27Das war ein ganz anderer Mensch.
24:30Der hat schon im Gesicht anders ausgesehen.
24:32Der war befreit, trocken, ohne Alkohol und sich öffentlich bei den Gästen und bei mir entschuldigt hat für die vielen
24:44cholerischen Momente.
24:57Und wo ich wirklich höchsten Respekt habe, so öffentlich zu sagen, hey, ich war jahrelang ein Arschloch.
25:15Wie groß ist diese Behandlungslücke zwischen den Menschen, die das Problem haben und denen, die Hilfe bekommen?
25:21Riesig. Wir gehen davon aus, es sind 90 Prozent, die letztendlich gar nicht in eine Therapiemöglichkeit kommen.
25:30Das hat sich relativ wenig getan, weil natürlich bedeutet so eine Behandlung letztendlich schon eine Langzeittherapie.
25:39Und da sind wir allein schon durch das begrenzt.
25:43Wir hoffen, dass wir jetzt Therapieverfahren haben, die das deutlich verkürzen können.
25:48Eine ist die Psychedelika-assistierte Psychotherapie.
25:53Was erleben Menschen unter Psychedelika, was sie offensichtlich auch von Alkoholabhängigkeit befreien kann?
26:02Es ist sicherlich eine andere Perspektive mal einzunehmen.
26:08Ja, man kann unbelastet und unvoreingenommen auch auf sich selbst schauen.
26:14Wie gesagt, es wird nicht das Heilmittel aller Heilmittel sein.
26:17Wir sind überzeugt, dass es in die richtige Richtung geht.
26:20Ob es denn gesellschaftspolitisch auch überlebt da draußen, das ist die andere Frage.
26:28Moderne Psychedelika wie niedrig dosiertes LSD oder psychoaktive Pilze erreichen in streng kontrollierten Studien Erstaunliches.
26:36Mit nur einer Therapiesitzung reduziert sich das Verlangen nach Alkohol bei manchen für ein halbes Jahr.
26:42Eine therapeutische Revolution.
26:45In einem anderen Forschungsprojekt werden intelligente Apps getestet.
26:49So hat der riskante Trinker mit dem Handy immer jemanden dabei, der auf ihn aufpasst und ihn an seine Vorsätze
26:55erinnert.
26:56So ein bisschen wie ein guter Freund.
26:58Einer der Studienteilnehmer ist Vincent.
27:01Die Freitag, Samstagabende, wo dann nicht nur drei oder vier Bier sind, wo dann auch mal in Flaschenweise der Wein
27:07oder das Bier oder der Schnaps konsumiert wird.
27:10Das war dann der Moment für mich, wo ich dann hellhörig wurde und mich dann auch selbst gefragt habe, zu
27:15welchem Maße ist es denn vertretbar?
27:18In Zukunft sollen solche Apps das individuelle Verhalten anhand von Fragebögen und auch mithilfe von Echtzeitdaten vorhersagen, um Lebenshilfe in
27:27konkreten Versuchungssituationen zu geben.
27:30Gibt es einem Menschenrecht auf Rausch?
27:33Absolut.
27:34Das zeigt einem einfach, die Welt ist nicht so eingefahren.
27:38Ich bin nicht nur hier auf dieser Spur, auf dieser eingefahrenen Spur unterwegs, sondern ich habe eigentlich unendlich viele Möglichkeiten.
27:46Und das ist auch wiederum was Faszinierendes bei Drogen.
27:50Wir dürfen nicht nur jetzt die Sucht und die gesundheitlichen Schäden, sondern auch sowas mal im Gegenzug sehen, dass sie
28:02schon auch eine Bereicherung darstellen können.
28:04Sonst würden sie nicht über Jahrtausende ganz tief in unsere Kultur verankert werden.
28:12Es gibt aber noch ein anderes Recht, das Recht auf körperliche Unversehrtheit.
28:17Menschen kommen zu Schaden, manche sogar, bevor sie überhaupt geboren wurden.
28:22Weil ich schon immer gemerkt habe, dass ich nicht bin wie die anderen.
28:26Mein Verhalten, meine Art, dass ich sehr zurückgezogen bin.
28:31Und meine Eltern halt auch immer gesagt haben, dass was mit mir nicht stimmt.
28:36Jenny saß knapp zwei Jahre wegen Internetbetrugs im Gefängnis.
28:41Heute ist sie auf Bewährung frei.
28:42Sie wuchs bei ihren Adoptiveltern auf und hat ihre alkohol- und drogenabhängige leibliche Mutter nie kennengelernt.
28:50Jenny hat den Verdacht, dass sie unter dem fetalen Alkohol-Syndrom leidet und wendet sich deshalb an einen der wenigen
28:57Experten auf diesem Gebiet, Ludwig Spohr.
29:01Wann hatten Sie selber das erste Mal so das Gefühl, irgendwas ist mit mir anders als bei anderen?
29:09Ich würde sagen, so mit 12, 13.
29:12Das ist mir das selbst aufgefallen.
29:14Da wurde ich kriminell in dem Alter.
29:17Mit?
29:18Diebstahl.
29:23Trinkt die Mutter während der Schwangerschaft Alkohol, kann sie, selbst bei kleinen Mengen, das Gehirn des Kindes dauerhaft schädigen.
29:30Diese Krankheit nennt man FASD, das fetale Alkohol-Syndrom.
29:36FASD ist nicht leicht zu erkennen, denn die Diagnose setzt sich aus verschiedenen Kriterien zusammen.
29:42Das erste ist, dass sie untergewichtig zur Welt kommen. Du hast nur 2300 Gramm gewogen. Du warst früh und Mangelgeborenes.
29:50Das ist ein Kriterium.
29:52Das zweite ist das Gesicht. Das haben wir hier.
29:57Aber auch ein unauffälliges Gesicht schließt die Diagnose nicht aus. Zudem hat etwa ein Drittel der Kinder eine normale Intelligenz.
30:04Aber das Verhalten ist auffällig und die Lernschwierigkeiten. Jenny schafft ihren Hauptschulabschluss nur knapp.
30:11Bei ihr sind im Grundschulalter die typischen Merkmale zu sehen. Die schmale Oberlippe, die abgeflachte kleine Kerbe zwischen Nase und
30:18Mund und der kleine Kopf.
30:23Sie haben 51,5 und sie hat schon mit 53 Mikrocephalus. Ist unter der dritten Perzentile. Das ist sehr klein.
30:33Ja, ich kann eigentlich, wenn ich mir Kappen kaufe, ich habe ja eigentlich oft Kappen an und so.
30:38Aber ich muss ja meistens in die Kinderteilung gehen, weil es ist mir alles zu groß.
30:43Das dritte ist all dieses große Verhaltensproblem. Kognitiv, also in der Schule nicht so gut mitkommen.
30:53Die anderen haben Schuld, nicht ich, dass auch Fehler nicht einsehen können.
30:59Also meine Schulzeit war schon schwierig. Ich bin dann, wie gesagt, auch nicht mehr in die Schule.
31:03Ich habe dann da gesessen, meine Mutter konnte mir alles 50 mal erklären und ich habe es einfach nicht verstanden.
31:08Dann bin ich halt auch irgendwann aufgestanden, weil ich keinen Bock mehr hatte.
31:11Und dann gab es immer Diskussionen, Schreierei, wie das halt so ist.
31:17Aber zu diesem Zeitpunkt hat auch keiner sich die Frage gestellt,
31:22Mensch, gibt es irgendeinen handfesten Grund für so eine Lern- und Entwicklungsstörung?
31:28Weil, wenn man Ihnen so zuhört und so diese Puzzlesteine zusammensetzt,
31:34dann denkt man, eigentlich ist es ja ziemlich eindeutig,
31:38aber gleichzeitig hat es ja 30 Jahre gedauert, bis Sie wussten, was mit Ihnen los ist.
31:44Ja.
31:45Das ist der Skandal eigentlich.
31:48Ja.
31:50Bis zu 4000 Neugeborene pro Jahr haben wie Jenny das fetale Alkoholsyndrom.
31:5710.000 haben leichtere, aber ebenfalls lebenslange Schäden.
32:02Und viel zu viele bleiben unerkannt.
32:05Man muss die Diagnose sehr früh stellen, damit man den Kindern eine Chance geben kann,
32:13sich besser zu entwickeln.
32:15Vor allen Dingen ihnen zu sagen, ihr seid nicht dran schuld, dass ihr so seid, wie ihr seid.
32:21Mir tun die so leid.
32:22Und ich halte das fast nicht mehr aus.
32:25Diese Schicksale, die diese Kinder unschuldig erleben müssen und durchleiden müssen
32:33und werden für dumm erklärt und werden für kriminell erklärt.
32:38Das ist hart.
32:42Neben all diesem Leid ist es auch noch unfassbar teuer.
32:45Geschätzt 17 Milliarden kostet allein das fetale Alkoholsyndrom pro Jahr.
32:50Durch Kosten im Gesundheitssystem, für die Pflegeeltern, für Justizgefängnisse und so weiter.
32:56Hinzu kommen etwa 60 Milliarden gesellschaftliche Kosten, Krankheiten, Arbeitsausfälle, Reha.
33:03Die Alkoholsteuer bringt gerade einmal 3 Milliarden ein.
33:07Auf gut Deutsch, die Alkoholindustrie macht massive Gewinne, aber wir alle tragen die Kosten.
33:13Ich hatte in meiner Zeit der Kinderheilkunde mit schwer geschädigten Kindern zu tun.
33:19Und egal wie viel man an Diagnostik und Behandlung und auch oft Fremdbetreuung dort versucht zu arrangieren,
33:28was einmal im Hirn ganz früh in der Schwangerschaft kaputt ging, das kriegt man nie wieder zurück.
33:35Warum landen eigentlich so viele früh geschädigte Kinder später im Gefängnis?
33:40Ich habe gerade Enkel, die sind jetzt ein Jahr, die fassen zweimal auf den Ofen, aber dann machen sie es
33:47nicht mehr, weil sie es gelernt haben.
33:49Ein Alkoholkind würde immer wieder drauf warten, weil sie es nicht speichert und nicht lernen kann.
33:54Bereits ab der zweiten Schwangerschaftswoche kann FASD entstehen.
33:59Also bereits bevor viele Frauen überhaupt wissen, dass sie schwanger sind.
34:03So ohne Hilfe, sag ich mal, bei mir geht es halt nicht, weil ich halt auch an mir arbeiten möchte
34:07und auch muss.
34:08So für meine Zukunft, dass ich nicht wieder kriminell werde, weil das kann ja in meinem Leben nicht so weitergehen.
34:13Ständig rein, raus, rein, raus ins Gefängnis.
34:15Aber bei mir ist das so, vielleicht auch durch meine Krankheit, ich mache das.
34:18Und mir ist dann, sag ich mal, erst später bewusst, so scheiße, ich habe missgebaut, warum habe ich das gemacht?
34:25Haben Sie eine Idee, wo Ihr Leben im Bestfall hingeht?
34:30Nicht ins Gefängnis ist mein bester Weg, ja.
34:38Es gibt noch eine andere große Gruppe, deren Leben durch Alkohol zerstört werden kann.
34:46An dem Abend, da war ich mit Freunden unterwegs und wir hatten dann ein Problem mit dem Auto.
34:54Und ja, in dem Moment, wo ich auf die Straße rausgetreten bin und den Kofferraum aufgemacht habe,
34:58kam von hinten ein Fahrzeug angefahren und das ist mehr oder weniger ungebremst sozusagen auf unser Auto draufgefahren
35:06und mein Bein war zwischen den Stoßstangen eingeklemmt.
35:15Er und sein Beifahrer sind erstmal ausgestiegen und weggelaufen und ich lag dann da mehr oder weniger alleine.
35:23Irgendwann kam dann ein Mann vorbei, eben aus dem Auto, der da angehalten hat.
35:31Er meinte, da müssen wir irgendwas machen, das ist auch für zu bluten.
35:35Und er hat einfach seinen Gürtel ausgezogen und hat mein Bein abgebunden.
35:39Das ist wirklich eine echt gute Idee, weil, ja, es war schon auch eng.
35:45Also es ist nicht selbstständig, dass ich jetzt hier setze.
35:51Stefans Weg zurück ins Leben ist hart.
35:53Es braucht zwölf Eingriffe, bis der Stumpf verheilt und stabilisiert ist.
35:59Beim Rauchen hat sich die Stimmung total verändert. Es ist nicht mehr cool.
36:05Warum? Weil wir Rahmenbedingungen gesetzt haben und weil der Nichtraucherschutz nach vorne kam, juristisch.
36:12Weil so viele Leute passiv rauchend geschädigt wurden.
36:16Aber es gibt ja auch passiv trinken.
36:20Dann später wollte ich natürlich unbedingt bei der Gerichtsverhandlung dabei sein.
36:24Dort wurde eben dann explizit angesprochen, dass er eben an dem Abend zehn Bier getrunken hatte und dann nach Hause
36:33gefahren ist.
36:35Skurrilerweise hatte sein Beifahrer, glaube ich, nur ein Bier getrunken.
36:39Keine Ahnung, warum der nicht gefahren ist.
36:48Schaut man nach Island, nach Litauen, nach Schottland, nach Kanada, nach Australien.
36:55Alle machen es besser als wir in Deutschland.
36:57Was wirkt, ist völlig klar.
37:00Es ist eindeutig rauf mit den Steuern, runter mit den Verkaufsstellen, Alter kontrollieren, Werbeverbot, Marketingverbot.
37:07In Deutschland passiert genau das Gegenteil.
37:10Die Alkohollobby darf mit 200 Mal so viel Geld Werbung machen, wie die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.
37:20Da ist es nicht so überraschend, dass wir alle Bilder in unserem kollektiven Gedächtnis haben,
37:25wie Alkohol verbunden ist mit Freiheit, mit Abenteuer, mit Partys auf tropischen Inseln.
37:31Wir haben nachgefragt bei den Verantwortlichen für Finanzen, Landwirtschaft, Jugend, Gesundheit und Verbraucherschutz.
37:39Niemand will die Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation umsetzen.
37:43Jeder wälzt die Verantwortung ab.
37:45Überall bekommen wir zu hören nicht zuständig.
37:48Bitte wenden sich an ein anderes Ministerium.
37:50Federführung nicht bei uns.
37:52Das alles erinnert mich sehr an das Gebet eines Beamten.
37:56Herr, lass mich bitte nicht zuständig sein.
38:00Steuert Deutschland mit Steuern?
38:03Erinnern sich noch an Alkopops?
38:05Diese süßen Mischgetränke, bei denen man vor lauter Zucker und Aroma nicht merkte, dass sie rund 5% Alkohol enthielten.
38:12Gerade Mädchen tranken sich damit ins Koma.
38:152004 führte die Politik eine Sondersteuer ein.
38:18Alkopops wurden teurer und erst mal weniger gekauft.
38:21Heute sind die Regale wieder voll von dem Zeug.
38:24Aber nicht mehr mit 5%, sondern mit 10% Alkohol.
38:28Und warum?
38:29Weil die Sondersteuer ab 10% nicht mehr gilt.
38:32What?
38:33So was kann man sich nicht ausdenken.
38:35Ist aber wahr.
38:36Mehr Schaden für weniger Steuereinnahmen.
38:38Danke Politik für dieses harte Durchgreifen.
38:43Wie stark ist die Alkohollobby in Deutschland?
38:47Das ließ sich 2015 ganz gut beobachten, als eine Arbeitsgruppe Maßnahmen vorbereiten sollte.
38:53Dann haben da die Brauermobil gemacht, die Spirituosenhersteller und die Winzer, Tankstellenverbände, Werbebranche, Zeitungsverleger, Medien, Sport und allen voran der
39:05DFB.
39:05Die haben sich alle gegen Werbe- und Sponsoringverbote ausgesprochen.
39:09Und einer, der in dieser Arbeitsgruppe saß, mit dem ich freundschaftlich verbunden bin, der sagte später, also gegen DFB und
39:16Bild-Zeitung haben sie in Deutschland keine Chance.
39:20Deshalb traut sich die Politik nicht zu handeln und so bleibt Deutschland das Schlaraffenland für massenhaften Alkoholkonsum.
39:27Aber mal ehrlich, ich trinke auch mal gerne ein Bier oder einen Wein und stoße auf Festen mit Freunden mit
39:34etwas Prickelndem an.
39:37Gibt es das echtes Genusstrinken?
39:42Ich lande in der kleinsten Bar von St. Pauli.
39:54Das ist ja hier wirklich so eine Art Wohnzimmer, oder?
39:58Auf jeden Fall. Und es funktioniert auch wie ein Wohnzimmer.
40:01Leute kommen rein, kennen sich nicht, sitzen am Tresen und alle reden.
40:04Und irgendwann, nicht jeden Abend, aber an manchen Abenden, reden die Leute von da hinten nach da.
40:09Und der ganze Raum redet miteinander. Und das ist eigentlich das Besondere.
40:16Bars sind ein ganz eigener Mikrokosmos. Hier wird jedes Getränk noch von Hand kunstvoll zelebriert.
40:24Bars bringen Menschen zusammen. Man trifft Leute, die man sonst nie getroffen hätte.
40:28Alkohol löst die Zunge, das kann helfen, muss aber nicht.
40:33Sie lernen sich kennen, sie reden miteinander. Es hilft dabei, so ein Getränk, was du jetzt hast,
40:40dass man etwas ungezwungener ins Gespräch kommt.
40:43Was man im nüchternen Zustand vielleicht nicht macht oder nicht jeder kann,
40:49aber mit Leuten ins Gespräch kommen, das ist das Tollste.
40:53Kennst du irgendwen, der durch Alkohol interessanter wird?
40:56Ha, das ist eine sehr gute Frage.
41:00Ich kenne viele Leute, die das glauben von sich.
41:03Ja, ich weiß.
41:04Aber erlebt habe ich es nie.
41:10Interessanter vielleicht nicht, aber es gibt Leute, die werden dann tatsächlich liebenswerter.
41:16Aber sie werden ehrlicher, sie werden empathischer.
41:22Also es macht, je nach Charakter, mit manchen Leuten wirklich was Interessantes, wo du denkst so, hm.
41:30Und ich glaube, es ist total wichtig, immer wieder diesen Ernst dieses Lebens, dieses Alltags aufzubrechen.
41:37Und dabei hilft das wirklich ganz gut.
41:47Was ist die Macht des Alkohols?
41:50Rausch ist Teil des Menschseins, aber gedacht als Ausnahme vom Alltag.
41:55Wenn Rausch der Alltag wird, macht das krank.
41:58Jeden von uns.
41:59Jedes Hirn ist anfällig, auch meins.
42:02In der Politik tut sich nichts, aber zum Glück in der Forschung und in der Behandlung.
42:06Ich bin dankbar für all die ehrlichen Gespräche für die Menschen, die ihre Lebensgeschichte mit uns teilen.
42:15Ich trinke seit diesem Film viel weniger und mache im Januar einen ganzen Monat Pause.
42:20Wäre das vielleicht auch was für sie?
42:23Muss ja nicht ausgerechnet zum Oktoberfest oder zu Karneval sein.
42:28Das letzte Wort gebührt Jan Borres.
42:31Stellvertretend für die Millionen Menschen, die durch Alkohol in der Familie zu Schaden kamen.
42:35Shall I stay here at the zoo?
42:38Shall I go and change my point of view for every ugly scene?
42:45You did what you did to me.
42:47Now it's history I see.
42:50Here's my comeback on the road again.
43:05You did what you did to me.
43:07Now it's history I see.
43:08Now it's history I see.
43:12Und so ist es.
43:18Meine Eltern haben das getan, was sie getan haben.
43:23Ich kann es nicht ändern.
43:27Ich kann es heute anders machen.
43:30Aber ich kann es nicht ändern.
43:32I want to decide, things are easy when you're big in Japan. Big in Japan.
43:46Mich selbst zu verstecken hat mir überhaupt nicht gut getan.
43:50Ich brauche die Mittel und Wege, dieses Gefühl irgendwie zu betäuben.
43:55Und ich denke heute so, warum? Wir haben nur dieses eine Leben, das wir leben.
43:59Und ich möchte das authentisch und ehrlich und offen leben können.
44:03Und nicht irgendwas verstecken müssen von dem, was ich bin.
44:06Und mit Alkohol betäuben. Wofür? Für wen?
44:29Wofür?
44:29Wofür?
44:29Wofür?
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