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00:03Elektrische Impulse. Das ist, was unser Gehirn antreibt.
00:08Jede Sekunde feuern Nervenzellen Milliarden davon ab.
00:12Das Zusammenspiel dieser Signale nennt sich Denken und bestimmt, wer wir sind.
00:18Und wie kein Mensch gleicht auch kein Gehirn dem anderen.
00:24Mein Name ist Manuel Stark. Ich bin Wissenschaftsjournalist und Autist.
00:28Das bedeutet, im Alltag nehme ich sehr viel mehr Reize wahr als andere Menschen in derselben Zeit.
00:33Autos wie Krankenwagen sind da, Kassanten reden gegenseitig was zu.
00:38Ich rieche die kalte Asche von Zigaretten auf dem Boden. Das kann sehr schnell überfordern.
00:45Seit meiner Kindheit habe ich Schwierigkeiten, mich in einer Welt zurechtzufinden, die nicht für mich gemacht scheint.
00:54Mit 17 muss ich wegen Depressionen das erste Mal zu einem Psychologen.
00:59Und mit 19 erhalte ich schließlich die Diagnose Autismus.
01:06In dem Moment war ich extrem überrascht, aber auch erleichtert.
01:09Ich habe mich mein Leben lang anders gefühlt und immer gefragt, warum eigentlich.
01:14Dadurch hatte ich die Antwort, weil ich es tatsächlich bin.
01:17Ich bin Autist. Das heißt, mein Gehirn funktioniert anders als das der meisten Menschen.
01:22Das nennt sich dann auch Neurodiversität.
01:26Manche Menschen haben mit ihrem Anders-Ticken schwerste Probleme.
01:31Andere verbergen ihr Strugglen und kommen scheinbar klar.
01:35Um die geht es mir.
01:36Ich möchte erkunden, wie facettenreich Neurodiversität ist und wie wir als Gesellschaft sie nutzen können.
01:56Als erstes fahre ich nach Berlin. Hier bin ich mit einem ADHSler verabredet.
02:08Über diese Art der Neurodiversität wird gerade viel gesprochen.
02:13Besonders auf Social Media. Aber was bedeutet ADHS wirklich?
02:29Das ist Luca. Ich bin gespannt auf den Tag mit ihm.
02:34Denn ADHSler und Autisten haben viel gemeinsam.
02:37Ich bin neugierig darauf, worin wir uns ähnlich sind.
02:43Ja, Kamera läuft.
02:45Gibt es so ne Klappe?
02:47Ja.
02:48Danke.
02:51Klappe.
02:54Gut.
02:55Alle bereit?
02:56Ja.
02:57Wir sind ja hier jetzt an einem Skatepark. Das ist eigentlich so ne Art von Ort, wo du besonders gern
03:02bist.
03:03Weil dieses Knallen, so wenn die Boards aufkommen. Das haben wir immer viel zu viel.
03:06Echt? Weil ich finde gerade die Geräuschkulisse beim Skaten, finde ich extrem geil.
03:12Das ist wirklich... Alleine wenn du so ein...
03:15Ah!
03:18Du hast gesagt, so ADHS fühlt man sich irgendwie anders, als es von der Norm erwartet wird.
03:23Magst du mir vielleicht nochmal beschreiben, wie es sich für dich ganz persönlich anfühlt?
03:27Laut.
03:28Laut?
03:28Ja.
03:29Laut. Das ist halt das Wort, was ich da am ehesten mit beschreiben würde, wäre laut.
03:33Das ist halt so, als wenn durch deinen Kopf so ein Fließband an Gedanken gehen würde.
03:40Wenn ich irgendwas angucke, es schießt sofort ein Wort dazu in den Kopf.
03:43Oder irgendeine Erinnerung oder irgendwas.
03:46Ja, was ich mir einfach dazu denke.
03:51Blablabla, blablabla, blablabla.
03:52Stell dir vor, es sind so Seile an dir befestigt.
03:58Und wenn du dir selber sagst, okay, du musst dich jetzt genau auf das jetzt füge.
04:01Beispielsweise, ich möchte jetzt gerade meine Rufführung einfach nur machen.
04:04Das ist, wenn das ADHS kickt.
04:06Und dann...
04:08Aber auch alle gleichzeitig.
04:10Dann ist das auch...
04:11Fühlt sich das fast schon so an wie auch so eine körperliche Anstrengung.
04:15Jetzt hat aber, zumindest bei mir habe ich es erfahren, Autismus ja auch ganz viele Vorteile.
04:20Erlebst du da Ähnliches bei ADHS?
04:22Absolut.
04:23Absolut.
04:23Das kreative.
04:25Das kreative Denken, das um die Ecke Denken mit Hyperfokus und allem drum und dran.
04:30Was ja sowieso die Superkraft eines jeden ADHSler so gesehen ist.
04:34Und wie so ein Laserwirt.
04:36ADHS ist ein Schwanken zwischen Chaos im Kopf und Hyperfokus.
04:41Luca erzählt mir, dass er das nicht steuern kann.
04:44Nur, wenn ihn etwas wirklich interessiert, kommt der Hyperfokus automatisch.
04:48Ich habe keine Ausbildung.
04:50Ich habe nie eine Ausbildung gemacht zu irgendwas.
04:53Aber ich fand Kameras immer total interessant.
04:55Dann wollte ich mir einen Job als Kameramann und Cutter organisieren für so einen YouTube-Kanal.
04:59Dann habe ich mir innerhalb von drei Wochen so komplett über YouTube-Videos alles reingefahren.
05:04Wie steuerst du eine Kamera? Welche Belichtungszeit stellst du ein?
05:07Alles komplett in mich ausgesogen.
05:09Mich für einen Job beworben, mittels einem Bewerbungsvideo, einen Job bekommen und drei Jahre gehalten.
05:13Ach krass.
05:14Also das macht mir deutlich, warum Autismus und ADHS so als Geschwisterdiagnosen begriffen werden.
05:21Beruflich habe ich es auch gemacht.
05:22Okay, ich will jetzt Wissenschaftsjournalist sein.
05:25Ich habe aber Philosophie studiert und nicht Biologie oder Chemie oder irgendwas.
05:28Aber was mache ich?
05:29Ich nerde mich halt ohne Ende plötzlich in dieses Thema ein und lese ein Paper nach dem nächsten.
05:35Und dann weiß ich es aber auch.
05:36Manchmal ist es schon auch toll, oder?
05:37Das ist übel geil.
05:38Es ist irgendwo auch ein cooler Flex.
05:47Wo Luca eigentlich immer im Hyperfokus ist, ist beim Musikmachen.
05:52Das will er mir jetzt zeigen.
06:02Jaaaaaaaaaaaaaaaa!!
06:06Joaaaaaaaaaaaaaaa!!!!!
06:21Alles, was hier elektronisch klingt,
06:24All the sounds he made with his mouth, took off and looked at it.
06:29So, it's a song for a song.
06:32Why exactly this music?
06:34If I have a beat in my head, I can set the beat directly on the beat.
06:40I can set the next impulse, which I have in my head, in my head.
07:05If I say, I want to have a reggae-like vibe...
07:10Hau mal rein!
07:21That's so cool.
07:22So cool.
07:22Das ist schon krass.
07:24Zum einen, um dich zu zitieren, oh scheiße, das ist echt nicht meine Musik.
07:28Tatsächlich leider.
07:29Aber zum anderen, ich bin krass fasziniert, so von diesem technischen Aspekt.
07:34Also mit so, wie schnell ihr Knöpfe rumdrückt, die Lichter, die blinken, die Sounds.
07:39Allein beim Zuschauen stresst mich, wenn ich das machen sollte.
07:43Nee, einfach nein.
07:45Alles in mir wehrt sich dagegen.
07:47Auch wenn mir das Resultat total gefällt auf so einer überlegten ästhetischen Ebene.
07:52Wie ist das bei dir?
07:53Ist das du oder wie ist das?
07:55Ja, würde ich schon eigentlich zu 100 Prozent unterschreiben.
07:57Diese Kunstform spiegelt für mich halt auch wirklich meine Gedankenstruktur fast schon wieder.
08:02Die Songs, die ich da mit erstelle, sind immer quasi eine Widerspielung von dem, wie ich es in meinem Kopf.
08:07Und auch in meinem herzensten Aufstehen.
08:10Aber dann mal ganz konkret, wie zeigt sich das, wer du bist in deiner Musik?
08:15Energie.
08:18Luca macht Musik nicht nur im kleinen Kämmerchen, sondern ist zweimaliger deutscher Beat-Books-Meister in der Kategorie Loop Station.
08:25Irgendwann möchte er von der Musik leben.
08:32Mit seiner Energie holt er sein Publikum in seine Gefühlswelt.
08:36Und am Ende des Tages merke ich, dass ich einen Fehler gemacht habe.
08:42Was ich heute rausgehe, ist, dass ich vermutlich von Anfang an mit der falschen Frage hergekommen bin.
08:48Es geht, glaube ich, gar nicht darum, Neurodiversität zu kommunizieren.
08:52Diesem riesigen Begriff kann man ja gar nicht gerecht werden, weil das ja nur ein Label ist, das für viele,
08:56viele völlig unterschiedliche Menschen steht.
08:58Das, was Luca macht, ist nicht ADHS zu kommunizieren, sondern es ist das auszudrücken, wer er ist.
09:04Und wenn ich seine Musik höre, erfahre ich nicht, wie ADHSler ticken, sondern wie Luca tickt.
09:08Und ich glaube, das ist vielleicht sogar eigentlich viel schöner.
09:12ADHS ist eine Form von Neurodivergenz. Neurodivers, also unterschiedlich, sind wir alle.
09:18Neurodivergente Menschen weichen von gesellschaftlichen Erwartungen ab.
09:24Wie viele Menschen sind eigentlich Neurodivergent?
09:27Die Antwort fällt je nach Studienlage von Land zu Land unterschiedlich aus.
09:32Mindestens jeder sechste Mensch ist nicht neurotypisch, schätzen britische Forschende.
09:37In Deutschland fehlen belastbare Daten, aber es sieht wohl ähnlich aus.
09:41Drei bis vier Prozent der Bevölkerung haben demnach ADHS.
09:45Mehr als drei Prozent fallen ins autistische Spektrum.
09:50Circa zehn Prozent haben Legasthenie oder Dyskalkulie.
09:55Dazu kommen Synesthesie und, je nach Definition, auch Trisomie 21 und Hochbegabung.
10:02Aber vermutlich liegen all diese Zahlen noch zu niedrig und werden mit besseren Diagnosemöglichkeiten weiter steigen.
10:14Ich bin einer dieser Neurodivergenten.
10:17Ich höre aber oft, dass ich gar kein richtiger Autist bin, weil ich nicht wirke wie Sheldon Cooper.
10:23Das geht mir unglaublich auf die Nerven.
10:26Erstens, weil eigentlich kein Autist ist wie Sheldon Cooper.
10:29Und zweitens, weil ich seit Jahren kämpfe, um mich anzupassen.
10:36Übrigens, auch wenn es mittlerweile so wirkt, als wäre das alles für mich kein Problem mehr.
10:41Film drehen, hier sein.
10:43Es ist schon immer noch eine Herausforderung.
10:46Die Autos hier in der Straße sind extrem laut.
10:48Die Sonne knallt hier von hinten bei mir rein.
10:51Drei Leute schauen mich hinter der Kamera an und das alles lenkt mich immer noch extrem ab, meinen Fokus zu
10:56halten.
10:57Auch wenn es mir mittlerweile gut gelingt, es ist wirklich eine riesige Anstrengung.
11:02Wie sehr wir uns anstrengen, verstecken wir oft.
11:04An der Uni in Midweida, in Sachsen, treffe ich jetzt eine Autistin, die darüber sprechen will, wie schwer es ist,
11:10in der Gesellschaft anzukommen.
11:12Hey.
11:14Der Manuel, hi. Du bist Lilith.
11:16Ja, hi.
11:17Hey, freut mich.
11:19Lilith studiert IT-Sicherheit und ist auf der Suche nach einem Studentenjob in dieser Branche.
11:25Aber die meisten Autisten haben Schwierigkeiten, sich zu verkaufen und andere von sich zu begeistern.
11:31Das ist eine zusätzliche Anstrengung, die viele nicht leisten können.
11:39Wie stellt sich denn diese Diagnose bei dir so im Alltag dar? Magst du das einfach ein bisschen beschreiben?
11:45Ich gehe nicht gerne allein raus. Das kostet für mich immer sehr viel Überwindung, ohne meine Partnerin oder meine Katzen
11:53rauszugehen.
11:55Selbst wenn es nur für Kleinigkeiten sind, zum Beispiel Müll rausbringen.
11:58Ich bin geräuschempfindlich, wenn etwas zu laut und zu schrill ist. Aber genauso habe ich Probleme damit, wenn etwas zu
12:05leise ist.
12:07Ich habe dann klassische Paniksymptomatik. Meine Brust fängt an, eng zu werden. Ich verliere das Gefühl in Extremitäten. Es fängt
12:16alles an zu kribbeln.
12:19Es gibt ja auch Sachen, die mir zum Beispiel extrem leicht fallen, wo einfach sagen, wie machst du das? Diese
12:25Erfahrung machst du ja auch, oder?
12:28Autismus in IT-Sicherheit, denke ich, hilft auch teilweise daran, dass man häufig gut Muster erkennen kann.
12:35Mustererkennung ist ja häufig auch etwas, was Autisten gerne machen.
12:41Und Mustererkennung hilft in der Sicherheit immer sehr gut, wenn man halt sehen kann,
12:45es ist hier zum Beispiel ein Security Breach und man sieht, okay, die versuchen hier die ganze Zeit irgendwie bestimmte
12:52Sachen rauszukriegen.
12:52Wenn du später an deinen beruflichen Einstieg und auch dein Weiterkommen denkst, was wäre so ein Perfect Case?
13:00Ich würde sehr gerne in der Cyberkriminalität arbeiten. Ich möchte gerne dann das Internet sicherer machen.
13:09Lilith bewirbt sich seit Monaten, ohne Erfolg.
13:14Bewerbungsgespräche fordern oft, dass man subtile soziale Regeln befolgt, die manchmal wichtiger sind als Fakten.
13:20Doch als Autistin bleibt Lilith auf der Fakten-Ebene und das bremst sie im Alltag und Job oft aus.
13:26Am wohlsten fühlt sie sich zu Hause mit ihrer Partnerin und zwei Katzen.
13:32Katzen finde ich immer sehr angenehm. Sie sind sehr weich, manchmal auch sehr anhänglich. Ich mag das Brummen sehr gerne.
13:41Hier haben wir dann das, was wir als unser Büro bezeichnen.
13:49Für Lilith ist ihr alles vertraut und die Reize, die sie überfordern könnten, sind minimal, sodass sie sich voll auf
13:57die Arbeit konzentrieren kann.
13:59Ein Job, hauptsächlich im Homeoffice, ist für Lilith darum ein Muss.
14:06Wir hatten ja angesprochen, dass es für mich ja teilweise schon schwierig ist, das Haus zu verlassen.
14:11Plus den Stress im Office, das wäre für mich einfach zu viel.
14:16Lilith hat seit kurzem Hilfe.
14:18Über eine Bekannte hat sie Heike Fiedler-Phelps vom Softwarekonzern SAP kennengelernt.
14:26Heike fördert sie und hilft ihr bei der Jobsuche, weil sie etwas in ihr sieht.
14:33Software Development für SAP Business Technology Plattform AI.
14:38Mhm.
14:39Finde ich super. Der sitzt in Potsdam inklusive Einsteigerniveau, was ja auch eine Option wäre für dich.
14:47Eine neue Chance. Lilith wird eine Bewerbung abschicken.
14:54Während des Calls merke ich, dass der Drehtag mir doch zu schaffen macht.
15:02Ich brauche eine Pause.
15:10Also bei mir ist es jetzt inzwischen so, es war ja den ganzen Tag Filmdreh, am Anfang die Autos, später
15:17Raumwechsel, Lichtwechsel und ich bin jetzt gerade auch einfach mal ziemlich an meinem Limit.
15:24Die Autos müssen die gleiche Ausschreibung. Es könnte sein, dass sie sozusagen die Autos besser stellen.
15:29Mein Limit.
15:31So, danke schön.
15:33Nicht Autisten können sich die Hürden, die wir überwinden müssen, oft gar nicht vorstellen.
15:38Das ist nicht wertend gemeint, aber die Arbeitswelt scheint selten für uns gemacht.
15:50Neuer Tag, neue Energie. Ich möchte herausfinden, was sich in der Arbeitswelt ändern muss, damit neurodivergente Menschen es leichter haben.
15:59Und wie viel ungenutztes Potenzial eigentlich liegen bleibt.
16:04Ich treffe mich mit Isabel Ciobeck und Renata Wacker.
16:07Sie erforschen, wie Menschen, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen, in einem genormten System Erfolg haben können.
16:15Ich habe nicht so sehr einen Defizitblick auf Personen mit Autismus, sondern sehe Autismus eher als eine Abweichung von der
16:23Norm, die nicht unbedingt krankheitswertig ist.
16:25Wenn ich an meine Schulzeit denke und die Leute haben Witze gemacht, ich lache zu spät, empfunden habe ich mich
16:32manchmal da schon als anders im Sinne von negativ, unfähig.
16:36Ja, aber haben sie sich natürlicherweise da defizitär gefühlt oder ist das auch was, was ihnen durch die anderen Kinder
16:44vermittelt wurden?
16:45Durch eine Ablehnung der Gesellschaft wissen wir, dass dadurch erst eigentlich Schwierigkeiten entstehen für Menschen mit Autismus.
16:52Gibt es da klassische Probleme, Autistinnen und Autisten zum Beispiel im Arbeitsmarkt eigentlich besser zu integrieren, als es im Moment
17:00der Fall ist?
17:01Wir wissen, je nach Studie, dass wir eine Arbeitslosigkeit haben von 40 bis 60 Prozent.
17:06Und selbst von autistischen Menschen, die hervorragend ausgebildet sind und überdurchschnittlich intelligent sind, die finden ihren Platz häufig nicht am
17:13ersten Arbeitsmarkt.
17:15Bis zu 60 Prozent Arbeitslosigkeit.
17:19Warum ist diese Zahl überhaupt so hoch?
17:23Woran liegt es denn? Vielleicht gibt es Vorurteile oder ein falsches Bild von autistischen Menschen, zum Beispiel in Jobcentern und
17:31haben herausgefunden, dass es wahnsinnig viele Vorurteile gibt, die da existieren.
17:35Ein Vorurteil ist, dass wir gut sind in Mustererkennung. Für Lilif trifft das zu. Aber kann man davon immer ausgehen?
17:44Welche starken Autisten genau haben, damit hat sich Giobecks Kollegin Renata Wacker beschäftigt.
17:49Okay. Das sind solche klassischen Mustertests.
17:56Ich sehe verschiedene Felder mit Symbolen und ein leeres Feld. Da muss ich das logisch richtige Symbol einfügen.
18:05Von links nach rechts werden die Symbole immer größer. Das zweite von links ist die Lösung. Easy.
18:14Die ersten Aufgaben bekomme ich super hin. Aber schon bei der vierten mache ich schlapp. Was muss in dieses leere
18:23Feld? Was haben die Plus- und Minuszeichen hier im Test zu bedeuten?
18:29Ich habe angefangen, rumzurechnen. Aber Sie haben ja gerade schon gesagt, es geht ja eigentlich eher um Form und Muster.
18:35Nicht immer. Nicht immer? Nicht immer. Das ist genau auch die Aufgabe. Das heißt, rauszufinden, worum es geht.
18:40Ah, okay.
18:47Ich check es einfach nicht.
18:52Ja, ich hänge halt schon gefühlt fünf Minuten an diesen einen Phase des Tests rum. Und gleichzeitig bekomme ich ja
18:59immer das Klischee zu, Herr Neuer, du bist doch Autist, du kannst doch diese Art von Rätseln total leicht lösen.
19:05Überraschung, klappt mir nicht ganz so gut. Ich versuche es jetzt mal hiermit. Verdammt.
19:17Das hier ist die richtige Lösung.
19:22Man kann die Reihen nicht nur horizontal, sondern auch vertikal lesen.
19:27Wenn Sie zwei Bilder übereinander legen, das ist wirklich eine rein visuelle Aufgabe.
19:33Das ist immer ein Block. Das obere Bild hat bestimmte Symbole und das mittlere auch.
19:38Das dritte Bild ist also eine Kombination aus beiden Bildern.
19:44Diese Plus- und Minus-Zeichen können hier erstmal verwirrend sein für Menschen, die sehr mathematisch orientiert sind.
19:48Das ist super spannend. Und ich bemerke bei mir, dass ich mich immer so sehr in kleinsten Details verbeiße, dass
19:55sowas, was quasi zurücktreten erfordert, um das ganze Bild zu sehen, bin ich unglaublich schlecht.
20:01Was aber auch eine Stärke sein kann, wenn es darum geht, Fehler zu finden. Kleine Details, die fehlerhaft sind in
20:06einem großen Bild.
20:08Bei typischen Stärken von Autisten denken viele an Klischees wie etwa Mustererkennung. Aber welche Stärken sind wissenschaftlich belegt?
20:21Zuverlässigkeit. Also ich erlebe Menschen mit Autismus als extrem loyal und zuverlässig. Auch eine Wahrheitsliebe. Dann eine große Authentizität.
20:30What you see is what you get. So ein bisschen mehr. Es gibt viele, viele Stärken.
20:34Wie bekommt man jetzt eigentlich ein berufliches Umfeld dazu, zu akzeptieren, dass da eine Abweichung stattfindet?
20:42Viele Menschen mit Autismus berichten, dass ein Outing, also im Prinzip eine Selbstoffenbarung der Autismusdiagnose, dass das total hilfreich ist.
20:50Es ist extrem wichtig, Bedürfnisse zu äußern, zu sagen, ich tick vielleicht ein bisschen anders, bei mir ist das und
20:56das und das, ist eine Herausforderung.
20:58Dafür habe ich aber auch die Gaben XYZ, die ich hier gerne mit auf den Tisch bringe.
21:02Von Autismus und ADHS hat jeder schon einmal gehört. Aber wie sieht es mit Abweichungen von der Norm aus, die
21:09kaum jemand kennt?
21:11Um das zu erfahren, geht es für mich nach Leipzig.
21:14Einer der häufigsten und gleichzeitig unbekanntesten Formen von Neurodivergenz ist Diskalkulie.
21:20Diskalkulie bedeutet, dass man Zahlen nicht ins Verhältnis setzen kann.
21:24Welche Zahl ist größer? 10 oder 15? Das können Menschen mit Diskalkulie nicht einfach abschätzen.
21:31Chrissy, mit der ich mich treffen möchte, ist eine Frau mit Diskalkulie.
21:36Aber sie schickt eine Nachricht, dass sie nicht kommen kann.
21:41Sie schreibt, dass sie dachte, wir holen sie von zu Hause ab.
21:45Wir dachten, wir treffen uns hier. Ein Missverständnis. Sie sagt uns den Dreh ab.
21:52Wir überzeugen Chrissy, zu ihr nach Hause zu kommen, disponieren um und machen uns auf den Weg zu ihr.
21:59Und es sind 15 Minuten zu spät.
22:03Hey, es tut mir so leid, die Verspätung. Ich kenne es von mir selbst. Ich werde total durchdrehen.
22:11Hey, Herr Manuel, hi.
22:14Verspätungen sind für neurotypische Menschen ärgerlich, aber zu verkraften.
22:20Für Chrissy ist das anders.
22:26Wenn jemand zu spät kommt, ist für mich extrem Stress.
22:29Das ist so, ich weiß jetzt nicht, habe ich jetzt noch Zeit, irgendwas zu machen?
22:33Ich warte dann halt auch wirklich und bin wie gelähmt und kann nichts anderes nebenher machen.
22:39Weil dann auch die Einschätzung fehlt? Wie viel sind jetzt noch 5 Minuten?
22:44Ja, genau. Weil ich nicht weiß, ob ich es jetzt noch schaffe, zum Beispiel noch mal zur Toilette zu gehen
22:48oder so.
22:50Oder ganz andere Dinge zu machen, noch mal zu windeln das Baby oder mit den Hunden noch eine Runde zu
22:56gehen.
22:57Wenn ich nochmal nachfragen darf, du hast ja diese Nachricht geschrieben, ich habe total Verständnis dafür.
23:03Was ist denn da eigentlich genau passiert?
23:06Für mich bin ich halt von anderen Umständen ausgegangen.
23:10Für mich ist es halt so schnell nicht einfach möglich, alles umzustellen.
23:15Und dann ging es mir halt einfach super schlecht, ich habe mir super viel Stress gemacht.
23:19Und dann kommt man in so eine Abwärtsspirale, wo dann einfach gar nichts mehr funktioniert.
23:24Und deswegen war das heute einfach nicht möglich, dann zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.
23:29Also ich bin ja auch mit dem Zug hergekommen.
23:31Was machst du denn, wenn du an einem Zug stehst und es passiert irgendwas unvorhergesehenes?
23:36Also für mich hat das mit ganz, ganz viel Vorherplanung, mit Vorherwege abgehend zu tun,
23:40mit einer Person im Hinterhand haben, die mir halt hilft.
23:43Wenn ich halt jetzt an meinem Gleis bin, was ich halt gelernt habe, wo ich zu dem Zeitpunkt zu sein
23:48habe,
23:49und das stimmt mit meinem Zettel überein und die ändern das einfach.
23:53Die Abfahrt des Zuges ist heute auf Gleis 8, nicht Gleis 4.
24:00Dann kann ich die Zahl, die die Durchsage nicht ins Verhältnis setzen,
24:03wo ich mich gerade befinde.
24:05Also ich bin dann total orientierungslos und weiß nicht,
24:08muss ich jetzt nach rechts oder nach links gehen, um zu der Zahl zu kommen, wie durchgesagt wird.
24:15Und da hört es nicht auf.
24:17Trinkgeld geben, einkaufen gehen, Hundefutter abwiegen.
24:21Das ist für Chrissy mit Aufwand verbunden, weil ihr Gehirn Zahlen nicht erkennen und verarbeiten kann.
24:28Zahlen, das sind für Chrissy nur Symbole, wie für uns Hieroglyphen.
24:33Bevor das einen Namen hatte, wie hast du dich dann selbst damit gefühlt?
24:39Also, schlecht.
24:42Weil einfach, mir wurde halt immer wieder von den Lehrern gesagt, du bist halt ein Mädchen,
24:45du kannst die Naturwissenschaften nicht oder du musst dich einfach mehr anstrengen, du musst zu Hause üben.
24:50In der Schule habe ich mich immer, immer schlecht gefühlt, weil ich ja auch vorgefühlt wurde.
24:54Und ja, das war halt einfach grausam.
25:00Wie Chrissy, Luca oder ich die Welt erleben, ist total verschieden.
25:04Trotzdem gelten wir alle als Neurodivergent.
25:14Dazu will ich an der Uni Hamburg mehr erfahren.
25:19Hier, am Zentrum für Neurodiversitätsforschung.
25:23Wie kommt es, dass unsere Gehirne so unterschiedlich ticken?
25:28Ich treffe den Leiter des Zentrums, André Zimpel.
25:32Er hat mit hunderten Menschen gearbeitet, die als Neurodivergent gelten.
25:36Was versteht er unter diesem Begriff?
25:41Neurodiversität, da versteht man ja ADHS, Autismus, aber auch Tourette habe ich gelesen,
25:46Legasthenie, Dyskalkulie, also so viele verschiedene, grundverschiedene Sachen drunter.
25:51Wie sinnvoll ist eigentlich dieser große Überbegriff, der so viel unter sich versammelt?
25:57Er ist eigentlich selbstredend, weil das menschliche Gehirn mit 83 Milliarden Nervenzellen,
26:06jede 10.000 Verbindung zu anderen Zellen, jede Nervenzelle so kompliziert wie eine Stadt,
26:12da ist Neurodiversität eine Tatsache.
26:1683 Milliarden Nervenzellen, die bei jedem Menschen anders verknüpft sind.
26:22Klar, dass dann auch Neurodivergente Menschen untereinander extrem unterschiedlich sind.
26:27Gibt es eigentlich ein wiederkehrendes Symptom, was auf beinahe alle zutrifft?
26:32Das Gemeinsame sind Aufmerksamkeitsbesonderheiten, eine besondere Art der Informationsverarbeitung.
26:40Also Menschen im ADHS-Spektrum verarbeiten Informationen anders als Menschen im Autismus-Spektrum.
26:48Und jeweils anders als neurotypische Menschen. Wie sieht das bei mir aus?
26:54André Zimpel macht einen Test. Wie viele Details kann mein Hirn gleichzeitig erfassen?
26:59Die Regeln sind einfach.
27:01Ja, also Sie können das jetzt hier auslösen und dann geht's los.
27:06Spannend.
27:13Der Schirm zeigt einfache Objekte. Immer für eine Viertelsekunde.
27:18Dann muss ich eingeben, wie viele es waren.
27:25Später sehe ich Gruppen von Objekten. Wieder für 250 Millisekunden.
27:31Welche Würfelbilder sind es und wie viele?
27:41So, das war's schon. Aha.
27:43Geschafft.
27:44Die letzte fand ich tatsächlich am einfachsten.
27:48Das ist interessant, weil das letzte hat die höchste Stärke in der Unterscheidung von Menschen im Autismus-Spektrum und neurotypischen.
27:55Also das fällt Menschen im Autismus-Spektrum besonders leicht.
27:59Dass ich mehr Details erfassen kann als andere, wusste ich.
28:03Neu ist die Erklärung.
28:05Mein Aufmerksamkeitssystem tickt anders.
28:07Oder besser gesagt, meine drei Aufmerksamkeitssysteme.
28:15Aufmerksamkeitssystem Nummer eins alarmiert uns, wenn etwas Unerwartetes passiert.
28:19Wie ein Knall, eine überraschende Bewegung.
28:22Das macht uns munter und sorgt dafür, dass wir konzentriert bleiben.
28:25Es geht vom Stammhirn aus, dem Bereich unten in der Mitte des Gehirns.
28:33Es wird bei Autisten oft sehr leicht aktiviert und bei Menschen mit ADHS relativ spät.
28:42Das zweite System in Schläfe, Hinterkopf und Hippocampus ist das Orientierende.
28:48Es ordnet Reizen, Bedeutung zu und sortiert, was zusammengehört.
28:54Je nachdem nehmen wir zum Beispiel einen Ast wahr, einen ganzen Baum oder einen Wald.
29:04Dieses System ist bei vielen Autisten erweitert, deshalb nehmen wir mehr Details wahr.
29:12Das dritte ist das exekutive Aufmerksamkeitssystem, mit dem wir Aufmerksamkeit bewusst steuern.
29:19Etwa indem wir uns sagen, schlaf jetzt nicht ein, konzentrier dich, bleib sachlich, denk logisch.
29:25Das sitzt vor allem im präfrontalen Kortex.
29:33Das exekutive System lässt Menschen mit ADHS bei monotonen Aufgaben schnell ermüden.
29:39Deswegen wirken bei vielen Aufputschmittel wie Ritalin oder Medikinet.
29:43Die Unterschiede zwischen ADHS und Autismus zeigen sich auch ganz konkret.
29:48Wo Neurotypische sagen, das ist mir zu riskant, werden Menschen mit ADHS gerade munter.
29:55Das ist gerade der Bereich, wo sie sagen, hier fühle ich mich wohl.
29:59Das ist genug Risiko, um mich in den Flow zu bringen.
30:04Und dadurch findet man sehr viele erfolgreiche Start-ups und Unternehmen von Menschen mit ADHS.
30:12Und bei Menschen im Autismus-Spektrum findet man, dass sie Risiko, auch was Neurotypische als angemessen finden, noch zu hoch
30:21finden.
30:23Risikofreude und Sicherheitsbewusstsein, beides Eigenschaften, die in der Arbeitswelt gebraucht werden.
30:29Deshalb sollten Arbeitgeber doch genau hinschauen, um die Potenziale dieser Menschen zu heben.
30:35Aber tun sie das? Das will ich bei Europas größten Softwareunternehmen erfahren.
30:42LILIF, die ich mit weiter getroffen habe, bewirbt sich ja gerade bei SAP.
30:46Das ist ein extrem attraktiver Arbeitgeber.
30:49Mehrere tausend Bewerbungen erhalten sie hier teilweise pro Arbeitsplatz.
30:53LILIF hat aber natürlich den Vorteil, jemanden im Konzern schon zu kennen, der ihr bei der Bewerbung hilft.
31:00Und zwar Heike Fiedler-Phelps, die ich gleich treffe. Aus dem Videocall bei LILIF kenne ich sie ja schon.
31:10Hallo!
31:13Der Manuel freut mich. Ich freue mich auch. Dankeschön.
31:18Wie läuft es mit LILIFs Bewerbung? Die beiden sind zum Videocall verabredet.
31:24LILIF ist wie immer ohne Bild dabei. Sie hat Schwierigkeiten mit Blickkontakt.
31:32Hallo LILIF! Viele Grüße aus Waldorf!
31:35Hi!
31:37Du kannst uns gut hören?
31:39Ja.
31:40Ja, Manuel sitzt neben mir. Also nur, dass du weißt, dass er zuhört.
31:45Und wir hatten zuletzt letzte Woche gesprochen, ob es etwas Neues gibt.
31:50Die einzige Stelle, die sie geantwortet hat, war eben Potsdam.
31:53Ja, aber das ist schon mal gut. Und wie gesagt, Potsdam ist ja auch ein cooles Technology Center.
31:59Also es würde auch super gut passen von den Leuten und den Erteilungen.
32:02Die Stelle klingt vielversprechend. Endlich mal!
32:06Heike hat LILIF gecoacht und unterstützt sie weiter.
32:10Was sieht sie in ihr?
32:12Es fängt schon damit an, dass sie sehr früh in ihrer Kindheit
32:17sowohl mit Hardware als auch mit Programmieren gebastelt hat.
32:22Also diese Neugier, dieses schon enormes Wissen,
32:26aber auch diese immense Lernbereitschaft und Begeisterung,
32:31was LILIF ganz arg auszeichnet, das kann man niemandem beibringen.
32:34Das haben Leute oder sie haben es nicht.
32:37Und jeder will Mitarbeitende, die sagen, das mache ich total gerne.
32:44Heike will mir jemanden vorstellen.
32:46Deborah Moseli, Diversity & Inclusion Lead Germany.
32:51Für die 25.000 deutschen SAPler ist Debbie die Ansprechpartnerin,
32:56wenn es um Bedürfnisse und Arbeitsbedingungen geht.
32:59Was tut das Unternehmen für neurodivergente Menschen?
33:03Debbie zeigt mir, wo ihr Diversity Team arbeitet.
33:07Auf den ersten Blick ist es ein normales Büro.
33:10Hier siehst du die verschiedenen Arbeitsplätze.
33:13Viele von den neurodivergenten Kolleginnen, die wir haben,
33:16arbeiten im Homeoffice.
33:18Ein ruhiges Arbeitsumfeld, unterstützende Technik, Rückzugsbereiche.
33:23Dazu individuelle Arbeitszeiten.
33:25Vieles, was auch neurotypische Menschen gut finden.
33:28Nur, warum macht sich der Konzern eigentlich die Mühe?
33:33Was macht neurodiverse Menschen für euer Unternehmen besonders?
33:37Was kommt da für ein vielleicht auch ökonomischer Mehrwert rein?
33:39Oder für einen Kreativitätsmehrwert,
33:41den so andere Leute vielleicht nicht in der gleichen Weise einbringen?
33:45Wenn du ein Team zusammenstellst, was teilweise neurotypisch ist,
33:50teilweise neurodivergent, kann das so ein riesen Vorteil sein.
33:53Also wenn ich zum Beispiel jemand bin, der vor Kreativität sprudelt
33:57und ganz viele Ideen hat, freue ich mich doch total,
34:00wenn jemand in meinem Team ist, der so strukturiert ist
34:02und die Fäden zusammenhält.
34:04Das ist ja ein perfect match.
34:06Hast du irgendein Beispiel, wo man das mal konkret bekommt?
34:10Ja.
34:11Bei mir im Team ist seit ein paar Wochen eine Frau,
34:14die Asperger-Autismus hat.
34:16Und das war auch ganz interessant.
34:18In den ersten Team-Meetings hat sie wirklich ungefiltertes Feedback gegeben,
34:23was die neurotypischen Personen dann teilweise kurz stutzig gemacht hat.
34:27Aber wir haben wirklich gemerkt, dass dadurch viel mehr Kreativität entstanden ist,
34:31ein viel offener Diskurs und wir uns darauf eingelassen haben
34:34und sie die psychologische Sicherheit auch hatte, sie zu sein.
34:39Um das Potenzial neurodivergenter Menschen zu nutzen,
34:42helfen oft schon kleine Veränderungen.
34:44Wie bei SAP ein wöchentlicher Silent Lunch.
34:47Ein separater Kantinenbereich, in dem nicht gesprochen wird.
34:55Ein guter Anfang.
34:57Doch selbst bei SAP sind unter den 100.000 Mitarbeitenden
35:00gerade mal 215 diagnostizierte Autisten.
35:04Immer noch sehr wenige.
35:08Einige Neurodivergente entdecken ihre Talente außerhalb des normalen Systems.
35:13Franny Dugan, Comedian auf Social Media, hat Legasthenie.
35:23Bei Legasthenie klappt die Verbindung von Buchstaben und Lauten nicht.
35:28Lesen und Schreiben fallen extrem schwer.
35:34Franny versteckt ihre Neurodivergenz nicht.
35:37Sie macht sie auf TikTok und Instagram zum Thema und erreicht Millionen Follower.
35:43Entschuldigung?
35:43Ich kann ja Deutsch, das hörst du ja.
35:46Aber es sind überall einfach immer so viele.
35:48Ich bin halt auch Legasthenikerin.
35:50Daher sind für mich Endungen, sind Endungen, Endgegner.
35:55Die 21-Jährige lebt in der Nähe von Zürich.
35:59Sie tritt bei Events auf der ganzen Welt auf.
36:03Aber jede E-Mail und erst recht jeder Vertrag sind ein Riesenproblem für sie.
36:11Hey!
36:14Hallo!
36:15Der Manuel, hi, mich auch. Dankeschön!
36:19Mit einem großen Publikum hat Franny kein Problem.
36:23Aber Lesen ist für sie Horror.
36:28In der Schule war das schon so ein bisschen wie ein Panikmoment.
36:33Weil man muss vor allem vorlesen und man kann das gar nicht.
36:37Wie war da deine Selbstwahrnehmung im Vergleich zu anderen?
36:40Ich dachte einfach, dass ich blöd bin.
36:44Weil ich so vieles nicht wusste.
36:45Okay, wie war das Feedback von den Lehrern oder anderen Mitschülern?
36:48Haben die auch gesagt, Franny ist doof, die kann ja gar nicht lesen.
36:52Es wurde schon mal gelacht so.
36:54Aber ich hab halt mitgelacht.
36:56Weil es ist so ein Coping-Megmanism.
36:59Tricks, um die eigenen Struggles zu kaschieren.
37:02Das kenn ich.
37:03Oh, ich werd jetzt schon nervös.
37:07Also.
37:09Die Infobroschüre zur aktuellen Volksabstimmung in der Schweiz.
37:12Diesmal zu Autobahnbau und Mietrecht.
37:16Wir können einfach mal probieren, das vorzulesen.
37:20Wenn die Kündigung einer Wohnung, also eine Wohnung muss ich jetzt nicht lesen, weil das Sinn macht.
37:34Oder eines Geschäftsräumes.
37:44Und jetzt weiß ich schon wieder nicht, wenn zu atmen.
37:49Und ich hab schon schwitzige Hände.
37:51Das ist so.
37:52Magst du einfach nochmal beschreiben, wie das eigentlich ist, wenn du dann solche Texte liest?
37:56Wie wirkt das auf dich? Was passiert da bei dir?
37:59Also wenn ich das jetzt sehe, also es fühlt sich an, als würde es mir entgegenkommen.
38:06Und als hätte das Blatt meinen Puls auch ein bisschen.
38:09Und die Buchstaben, die vertauschen sich auf.
38:14Und die Endungen sind so ein bisschen slurred.
38:17Ähm, sind so ein bisschen vermischt mit dem Anfang vom nächsten Wort.
38:21Und mein Auge springt oft schon zum nächsten Wort.
38:24Aber vor allem webt das ganze Papier.
38:27Und das macht es halt schon schwieriger, mich zu festhalten an den Wörtern.
38:33Ich glaube, mir wird jetzt erst so richtig bewusst, was das dann alles so im Alltag eigentlich, wie viel Tragweite
38:38das hat.
38:38Das Gute ist ja, alles gibt es, also das gibt es als Video.
38:41Also da gibt es Videos oder auch sogar TikToks oder Reels.
38:45Aber das ist für die Leute, die das vielleicht so nicht lesen können.
38:57Vor ihrer Kamera muss Franny nicht lesen und agiert so locker, wie ich es nie könnte.
39:07Ist gut?
39:10Ja? Okay.
39:11Hallo Freunde!
39:13Nicht erschrecken, ganz gut bleiben, hinter euch steht ARD.
39:17Wir schneiden heute einmal Pomegranate auf Deutsch.
39:23Pomegranate!
39:26Das sieht aus, hätte ich jemanden abgeschockt.
39:30Legastheniker sind technisch und kreativ oft überdurchschnittlich begabt.
39:34Beethoven und Einstein waren Legastheniker.
39:37Also, taste test.
39:42Ein bisschen wie Bolden.
39:45Willst du probieren?
39:47Ich, ich, taste.
39:50Ich find's lecker, weil ich verstehe, was du mit erdeckst.
39:52Oder?
39:53So schwer Franny das Lesen fehlt, so leicht tut sie sich mit dem Schnittprogramm auf ihrem Handy.
39:59Extrem schnell entsteht aus fast einer Stunde Material ein Clip von 50 Sekunden.
40:13Am Abend will Franny mir noch etwas zeigen.
40:16Ihre große Leidenschaft.
40:18Tanzen.
40:21Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte ich unbedingt mitmachen sollen.
40:27Aber ich belasse es lieber beim Zuschauen.
40:37Franny sagt, beim Tanzen ist sie ganz bei sich, weil sie etwas tut, das ihr wirklich entspricht.
40:47Es gibt Leute, die sagen doch, sie sind Bewegungslegastheniker.
40:52Ja, ich gehöre zu den Menschen, die es manchmal sagen.
40:55Das bin ich zum Glück nicht.
40:56Also ich hab das Gefühl, da geht's einfach, da float's einfach und da muss ich auch nicht reden und auch
41:02nicht lesen.
41:03Sondern kann einfach meinen Körper freilassen und der ist nicht legastheniker.
41:15Franny, Chrissy, Luca, Lilith, ich. Was verbindet uns alle?
41:22Vor allem doch, dass wir uns extrem anstrengen müssen, um uns an Normen anzupassen, die nicht für uns gemacht sind.
41:29Aber müssen wir uns immer anpassen? Oder müssen nicht vielmehr die Normen sich verändern?
41:34Ich frage nochmal Neurodiversitätsforscher André Zimpel.
41:38Ich bin nicht gegen Anpassung. Ich bin nur gegen Anpassung, die so viel Energie kostet, dass Potenziale verschenkt werden oder
41:48dadurch verloren gehen.
41:49Was müsste sich denn ändern in der Schule, Kindergarten, damit wir das besser in den Griff bekommen als Gesellschaft?
41:56Wir sollten Menschen Intelligenz unterstellen.
41:58Zum Beispiel, wenn Menschen sagen, ich habe Probleme mit dem Rechnen, dann nicht die Schlussfolgerung ziehen, dass sie für Mathematik
42:07nicht aufgeschlossen sein können, sondern sie haben vielleicht eine Dyskalkulie.
42:12Das heißt, sie müssen andere Wege gehen, um sich die Mathematik zu erschließen.
42:16Und wir haben auch eine ganz andere Arbeitswelt.
42:18Die Person, die eine stumpfsinnige Arbeit den ganzen Tag machen soll, solche Arbeiten finden wir heute kaum noch.
42:24Also, dass Menschen an die Normen angepasst werden müssen, dass sie in die Arbeitswelt schaffen, ist ein ganz altes Modell.
42:30Wir sind eigentlich in der Phase, wo wir es uns nicht leisten können, auch nur ein Gehirn fallen zu lassen.
42:42Luca plant gerade sein erstes eigenes Album.
42:46Lilith hat eine Stelle gefunden. Sie arbeitet als Tutorin bei einer Lernplattform für Kinder.
42:55Frannys Kanal wächst und wächst.
43:00Chrissy baut ein Netzwerk für Menschen mit Dyskalkulie auf.
43:05Und ich habe meine Premiere im Fernsehen geschafft.
43:09Ich war der einzige Neurodivergente in unserem Team.
43:13Wir haben einen Film gemacht, der Hürden überwinden musste und vielleicht deshalb einzigartig ist.
43:19Ein Beweis dafür, dass Vielfalt nicht nur möglich ist, sondern unsere Stärke.
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