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00:14Good!
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00:15What was, had it here in Leipzig never happened.
00:18And so, welcome to TTT from the Leipziger Buchmesse,
00:22where the cultural politics of Wolfram Weimar was the topic.
00:27The Stimmung is delayed
00:29since the highest-stricken Eingriff Weimars
00:31in the Deutsche Buchhandlungspreis.
00:33So delayed, that the Minister
00:35even the traditional Rundgang on the Messe has been given.
00:39There is a huge amount of information,
00:41also in Hinblick auf seinen Plan,
00:44the expansion of the Nationalbibliothek in Leipzig to stop.
00:49Weimar sorgt for Unruhe
00:51and the relationship between politics and culture is more than relaxed.
00:57The opening of the day is a demo against the Kultursstaatsminister.
01:02The Unmuts against his decision,
01:05three linken Buchhandlungen
01:06the Deutsche Buchhandlungspreis to refuse.
01:08We are here, because we want to show up
01:10a clear sign for the Meinungsfreiheit
01:12and for the democracy today.
01:14We want to show up,
01:15that the whole Buchszene is solidarized,
01:18and not just a certain linker or a certain kind of a kind of a part,
01:22but that the whole book world
01:25is on the side of these three Buchhandlungs.
01:29The Auftritt Wolfram Weimars
01:31is guided by Buh-Rufe and Rücktritts-Forderungen.
01:34But Weimar is still at his decision.
01:39Deutschland verrecke,
01:40wie es an der Wand einer für den Preis
01:42nominierten Buchhandlungen steht,
01:43ist von der Meinungsfreiheit gedeckt.
01:46Aber muss es dafür einen aus Steuergeldern
01:49finanzierten Staatspreis geben?
01:51Der Staat muss verrecke Deutschland
01:54und feiern, wenn die Bullen fallen.
01:56Nicht nur aushalten, sondern alles tun,
01:58dass man das immer sagen, schreiben, drucken, skandieren darf.
02:02Und da hat er sich schlichtweg nicht einzumischen.
02:06Wenn es aber um die aktive Förderung mit Steuergeld geht,
02:09hat der Staat eine Sorgfaltpflicht.
02:13Applaus
02:16Wenn dann der Verfassungsschutz Erkenntnisse hat,
02:19wonach gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung
02:21verstoßen wird, muss der Staat dann fördern
02:25und mit einem Staatspreis auszeichnen.
02:29Dazu gibt es, ich höre Sie,
02:34dazu gibt es offensichtlich unterschiedliche Auffassungen.
02:39Der Eklat am Eröffnungsabend
02:41sorgt auch in den folgenden Tagen für Gesprächsstoff.
02:44Nach der abgesagten Preisverleihung
02:46hat der Buchverleger Jo Ländle
02:48eine Party für alle 116 im Wettbewerb stehenden Buchhandlungen organisiert.
02:53Inklusive der drei ausgeschlossenen.
02:56Von Weimers Erklärung hält er wenig.
03:01Die hat mir nicht gefallen.
03:03Und zwar, weil er zum einen ja nicht sagt,
03:06was für Vorwürfe überhaupt im Raum stehen.
03:08Das heißt, es ist ein ganz nebulöses Raunen.
03:11Das ist etwas, was einschüchtert.
03:14Und auch einschüchtern soll, glaube ich.
03:16Das heißt, wer sich in diesem Land
03:18um Förderung oder Unterstützung bemüht,
03:21soll sich selber eine Schere im Kopf machen.
03:24Und das ist fatal.
03:25Das ist für die Kunstfreiheit fatal.
03:27Das ist für die Meinungsfreiheit fatal.
03:30Dass der Ausschluss der drei linken Buchhandlungen
03:33vom Buchhandlungspreis für viele nicht nachzuvollziehen ist,
03:36liegt vor allem daran, dass niemand genau weiß,
03:39welche verfassungsrechtlichen Erkenntnisse es eigentlich gibt.
03:43Innenminister Alexander Dobrindt
03:45nimmt den Kulturstaatsminister in Schutz.
03:48Das Einzige, was Wolfram Weimar gemacht hat,
03:52ist, dass er nachgefragt hat
03:53in einem seit langen Jahren existierenden Verfahren.
03:57Ich könnte da einen Verdacht haben,
03:59weil da schreibt einer auf seine Haustür,
04:02Deutschland verrecke, bitte.
04:04Und dann frage ich nach, ist mit dem alles in Ordnung?
04:07Und dann kriegt er einfach nur zurück, hier gibt es einen Hit.
04:11Aber wie gesagt, er kriegt nicht gespiegelt,
04:13welche Erkenntnisse.
04:14Und dann macht er daraus Rückschlüsse.
04:17Und wann erfahren wir, worum es eigentlich geht?
04:19Das wäre ja schon interessant.
04:20Ich gebe denen keinen Preis.
04:22Ja, verstehe.
04:23Ich finde das im Prinzip in der Logik in Ordnung.
04:27Laut Dobrindt ist der Verfassungsschutz
04:29bei Verdachtsfällen nicht auskunftspflichtig.
04:32Als wäre das alles nicht schon Aufregung genug,
04:35kündigt Wolfram Weimar wenige Tage vor Beginn der Buchmesse auch noch an,
04:39den geplanten Erweiterungsbau
04:41der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig zu kippen.
04:45Hier werden seit 1913
04:47sämtliche Text-, Bild- und Tonveröffentlichungen
04:50in deutscher Sprache gesammelt.
04:52Ein Ort des nationalen Gedächtnisses.
04:55Das ginge doch auch digital, meint Weimar.
04:57So könne man Kosten sparen.
05:00Sieben Millionen wurden bereits für die Planung ausgegeben.
05:03100 Millionen soll der Neubau kosten.
05:06Wir haben das gemeinsam damals auf den Weg gebracht.
05:10Die Planungskosten sind bezahlt.
05:12Jetzt fehlt das Geld für den Bau.
05:14Das habe ich verstanden.
05:16Jetzt müssen wir das Geld besorgen, oder?
05:19Der Auftrag ist nicht, zu sagen, warum das nicht geht.
05:22Der Auftrag ist, die Kohle muss her.
05:25Und das machen wir jetzt gemeinsam.
05:27Da helfen wir Ihnen.
05:28Und am Ende werden wir an der Baugrube stehen und sagen,
05:32wir machen das, weil es richtig ist.
05:34Und wir hören, meine Damen und Herren,
05:37erst auf mit Büchern und dem Archivieren,
05:41wenn es keine Bücher mehr gibt.
05:44Ein unwiderstehliches Angebot.
05:46Das Bauvorhaben, so war jetzt immerhin bei der Buchmesse
05:50aus dem Kulturstaatsministerium zu hören,
05:52soll einer abschließenden Prüfung unterzogen werden.
05:59Der Populismus ist eine Chance für die Demokratie.
06:03Schon eine gewagte These, die der Historiker Jörg Barbarowski da hat.
06:06Für ihn, so schreibt er in seinem neuen Buch Am Volk vorbei,
06:09ist der Populismus nicht der Grund für die Demokratiekrise,
06:13sondern im Gegenteil ein belebendes Element.
06:16Eine Erinnerung an die Legitimation der Macht, also daran,
06:20dass die Distanz zwischen Herrschenden und dem Volk aufgehoben werden muss.
06:26Jörg Barbarowski ist Osteuropa-Historiker, Schwerpunkt Russland und die Sowjetunion.
06:32Dieser Mann kennt sich aus mit Umwälzungen und mit den Krisen, die ihnen vorausgehen.
06:37Jetzt aber hat er sich mit der Gegenwart beschäftigt und mit dem Westen, mit Deutschland.
06:43Am Volk vorbei, zur Krise der liberalen Demokratie, heißt sein Buch.
06:47Erschienen zum Auftakt dieses Jahres mit fünf Landtagswahlen.
06:51Heute hat eine Landtagswahl stattgefunden. Ihr Buch heißt Am Volk vorbei.
06:56Das heißt, die einen wählen und die anderen machen ihr Ding.
07:00Ja, so funktioniert die repräsentative Demokratie.
07:03Dass die einen wählen und die anderen machen die Gesetze im Namen derer, die wählen.
07:09Der eigentlich springende Punkt ist, dass die Bürger das Gefühl haben,
07:12dass sie mit Wahlentscheidungen, also mit Kreuzchen in der Wahlkabine,
07:17dass sie damit die Dinge nicht mehr beeinflussen können.
07:19Wir treffen Barbarowski im Berliner Museum Futurium, direkt neben dem Regierungsviertel.
07:25In der dortigen Demokratieausstellung wird ebenfalls nach der Krise der Demokratie gefragt.
07:30Nach dem Ächzen eines Systems, das offenbar an seine Grenzen gekommen ist.
07:35Und das, so Barbarowski, ist die Stunde des Populismus.
07:39Er ist der immerwährende Schatten der Demokratie.
07:42Und er wird dann zu einem Machtfaktor, wenn Mehrheiten keinen Einfluss mehr auf die herrschende Politik nehmen können.
07:48Wenn sie sich nicht mehr repräsentiert fühlen mit ihren realen Ängsten und Problemen.
07:54Barbarowski gibt dem Schmähbegriff Populismus eine andere Definition.
07:58Wir haben es mit der Stimme der Machtlosen, der Ungehörten zu tun, die es ernst zu nehmen gilt.
08:03Am Ende sind Populisten Bewegungen, die auf angemessene Weise in Worte fassen und in Stimmung bringen, was die Leute umtreibt.
08:13Deshalb werden die gewählt, nicht weil die Leute jetzt glauben, wenn ich die wähle, dann werden alle meine Probleme gelöst.
08:18Es sind im Grunde Weckrufe und Empörungsschreie.
08:24Es war und ist immer ein Fehler, so Barbarowski, diese manchmal lauten, grellen und auch hässlichen Rufe und vor allem
08:31ihre Ursachen zu ignorieren.
08:33Und im Gegensatz zu den Vertretern der Weltuntergangsforschung sieht Barbarowski das Phänomen als Teil einer lebendigen Demokratie.
08:41Sie haben keine Angst vor den Populisten?
08:44Nein, ich habe keine Angst vor den Populisten, weil ich als Historiker weiß, dass es sie immer schon gegeben hat.
08:49Ich erinnere an die APO, an Rudi Dutschke, an die Studentendemonstrationen.
08:54Ich habe selber an den Anti-AKW-Demonstrationen Brockdorf und so weiter teilgenommen.
08:58Die große Friedensbewegung, 100.000 Menschen im Hofgarten in Bonn.
09:03Das alles war doch viel heftiger als das, was wir jetzt haben.
09:06Mit anderen Worten, ein Phänomen, das nicht neu ist.
09:09Und das haben wir alle überstanden.
09:12Jörg Barbarowski stellt in seinem Buch die Frage nach der Ursache für den Aufstieg der Populisten.
09:18Es begann vor über 40 Jahren mit Reagan und Thatcher.
09:21Als der Gesellschaftsvertrag des auch dem Gemeinwohl verpflichteten Kapitalismus aufgekündigt wurde.
09:27Man verzichtete forthin auch in Europa auf den Ausgleich zwischen Gewerkschaften, Parteien, Staat, Kirchen, Verbänden und der Wirtschaft.
09:34Barbarowski ist überzeugt, die Entfesselung der Finanzmärkte, die Deregulierung der Wirtschaft und die Entlassung des Kapitalismus aus der sozialen Verantwortung
09:43waren kein Naturereignis.
09:45Es war nicht irgendwie der Kapitalismus, der sich irgendwie von selber verwirklicht und durchsetzt, sondern es haben Politiker die Entscheidung
09:52getroffen,
09:52dass sich multinationale Konzerne sozusagen jenseits der nationalstaatlichen Regulierungen organisieren konnten.
10:00Und mit der Zerstörung dieser traditionellen Milieus sind auch die Parteien, die Gewerkschaften und all diese ganzen Institutionen nicht verschwunden,
10:09aber sie haben an Bedeutung verloren.
10:11Mit der Zerstörung der Milieus meint Barbarowski eine massive Vereinzelung, die uns erfasst hat.
10:18Die Zerstörung der sozialen Gemeinschaften, in denen sich der Mensch zusammenfindet und organisiert.
10:26Das ist passiert mit der Globalisierung, dann wird der einzelne hilflos zurückgelassen.
10:31Und das ist das Gefühl, dass Leute haben, die ihre Miete nicht mehr bezahlen können, die in ihrem Stadtviertel nicht
10:36mehr wohnen können,
10:37die das Gefühl haben, dass die Milieus auseinanderbrechen, in denen sie verwurzelt waren, dass ihr Ortsverein, in dem sie lange
10:44zu Hause waren, keine Bedeutung mehr hat.
10:46Wenn das also passiert, dann werden Menschen wie Hegel sagen würde, heimatlos. Und wenn sie heimatlos werden, dann werden sie
10:54auch einflusslos.
10:55Wir leben, so Barbarowski, in einer atomisierten Gesellschaft.
10:59Der einzelne sieht sich einer global operierenden Wirtschaft, Kriegen, Migrationsströmen und ökologischen Krisen wehrlos ausgesetzt und einer Politik, die nur
11:08noch Verwalter des Status quo ist.
11:10Populistische Bewegungen sind ein Ausdruck dieses Ohnmachtsgefühls.
11:15Die großen Veränderungen kamen gar nicht im Parlament. Sie sind immer von der Straße erzwungen worden.
11:20Wenn die im Parlament nicht tun, was wir wollen, dann machen wir ihnen so lange die Hölle heiß, bis sie
11:26sich bewegen.
11:27Und das gehört zur Demokratie. Das ist die Hoffnung, die ich hier habe.
11:31Barbarowskis Buch wird intensiv diskutiert, wie auch hierbei Leipzig liest.
11:36Demokratie am Scheideweg hieß diese Veranstaltung am Abend.
11:39Der Historiker ist überzeugt, dass populistische Bewegungen, wenn man ihre Ursachen ernst nimmt, den Anstoß für wirkliche Veränderungen geben kann.
11:49Das alles kann gelingen, wenn das bisherige System einfach nicht mehr funktioniert.
11:54Ich glaube nicht, dass die Leute dann sagen, jetzt brauchen wir mal eine autoritäre Ordnung, eine Diktatur, die uns hilft,
12:00die Dinge zu entscheiden.
12:01Die Leute wollen das ja nicht. Sie rufen ja nach mehr Demokratie.
12:06Wenn man in die Zukunft schaut, da bin ich eigentlich optimistisch und ich glaube an die Selbstheilungskräfte von demokratischen Staaten.
12:15Ein Fluss, der durch zehn europäische Länder fließt, der wie eine Art politische Landkarte die gesellschaftlichen Umbrüche, Turbulenzen und autokratischen
12:25Tendenzen der letzten Jahrzehnte markiert.
12:27Das ist die Donau. Und zum ersten Mal in der Geschichte der Leipziger Buchmesse wird sich nicht nur einem Gastland
12:34gewidmet, sondern der gesamten Donauregion.
12:37Und zu der gehört zum Beispiel auch die Slowakei, die Heimat des Autors Michael Horecki.
12:43In seinem neuen Buch erzählt er entlang seiner eigenen Geschichte den Weg der Freiheit vom Fall des eisernen Vorhangs bis
12:50zur Rückkehr einer autokratischen Regierung.
12:53Dissident heißt sein Sachbuch.
12:57Die Burg Djevin an der Donau war jahrzehntelang nur ein Aussichtspunkt auf das nahe und doch so ferne Österreich.
13:05Hier nimmt der Text des Schriftstellers Michael Horecki über seine Heimat die Slowakei seinen Anfang.
13:12Hier war ein eiserner Vorhang. Überall gab es Grenzpolizisten, überall gab es Gendarmen und man durfte hier nicht einfach nur
13:20so spazieren wie jetzt.
13:22Da war freie Welt und mein Buch beginnt ja bei einer Wanderung am 10. Dezember 1989.
13:32Fast eine Viertelmillion meiner Mitbürgerinnen begleiteten mich auf diesem ersten Marsch in Richtung Westen.
13:38Er trug den Namen Ahoi Europa. Hallo Europa.
13:45Ich habe damals das erste Mal Burg Djevin von der Seite gesehen, weil das war uns einfach nicht zugänglich.
13:51Und das war sozusagen eine unglaubliche euphorische Stimmung. Es war die große Freude. Es war der Tag, an dem sozusagen
13:58die Welt sich geöffnet hat.
14:00Sein aktuelles Buch ist das erste, das Michael Worecki in deutscher Sprache geschrieben hat.
14:06Sein Berliner Verleger hatte ihn darum gebeten, um uns zu erklären, was gerade mit seinem Land in Europa geschieht.
14:13Worecki schreibt über die Slowakei in Aufruhr, über eine Zivilgesellschaft, die protestiert,
14:20während ihr demokratisches Fundament durch autoritäre Machtpolitik zunehmend ausgehöhlt wird.
14:26Seit zweieinhalb Jahren hat die Slowakei eine Außenrechte-Kulturministerin.
14:31Sie heißt Martina Schimkowitschowa und sie stammt aus der Fake-News-Szene.
14:37Sie hat immer wieder behauptet, zum Beispiel, dass queere Menschen verantwortlich sich für, Zitat, Aussterben der weißen Rasse.
14:46Also mit ähnlichen menschenfeindlichen Kommentaren wurde sie sehr bekannt.
14:50Sie ist sehr antieuropäisch. Die Kultur soll nur rein slowakisch sein und keine andere.
14:57Dabei ist die Slowakei und gerade die Hauptstadt Bratislava, das frühere Pressburg, ein Beispiel komplexer Geschichte.
15:05Über Jahrhunderte prägten Ungarn, Deutsche, Juden die Kultur.
15:09Dass Worecki Deutsch spricht, geht auf seinen Großvater zurück, einem Zipser Sachsen einer deutschsprachigen Minderheit, die in der Region lebte.
15:18Die aktuelle Kulturpolitik hingegen leugnet jede Vielfalt.
15:22Es hat sehr schnell begonnen, schon im Oktober 23, mit einer Welle von Entlassungen in fast allen Kultureinrichtungen der Slowakei.
15:31Wie Nationalmuseum, Nationalbibliothek, Nationaltheater, Archive, Museen und so weiter.
15:38Dann kam drastische Kürzung der Kulturförderung für die ganze unabhängige Kulturszene.
15:45Und dritte Zielscheibe, öffentlich-rechtliche Medien.
15:50Worecki kritisiert seit Jahren die autoritären Tendenzen der Regierung.
15:55In einem Artikel bezeichnete er Kulturministerin Schimkowitschowa als Neofaschistin und begründete dies ausführlich.
16:02Sie verklagte ihn daraufhin wegen Verleumdung.
16:05Mir drohte fünfjährige Haftstrafe, aber ich habe meinen juristischen Kampf mit der Kulturministerien gewonnen.
16:12Und das war auch eine große Euphorie in der Kulturszene. Das war nach vielen Niederlagen ein kleiner, wichtiger Sieg.
16:20Und auch Beweis, es gibt noch den Rechtsstaat in der Slowakei.
16:24Im Buch beschreibt Worecki auch, wie er durch die Entwicklungen in seinem Land vom Schriftsteller zum politischen Akteur wurde.
16:33Also ich glaube, unsere slowakische Erfahrung ist eine große Warnung für Europa.
16:39Lass die Rechtsextremen nicht regieren. Es hat dann verheerende Konsequenzen.
16:43Die ändern sich nicht, wenn die an der Macht sind.
16:45Ganz im Gegenteil, dann wird die Ideologie durchgesetzt mit Gesetzen in allen Institutionen, die sie kontrollieren.
16:53Ihr Hauptziel ist Machterhalt. Die wollen an der Macht bleiben und werden alles tun, um das zu erreichen. Ähnlich wie
17:02Trump, ähnlich wie Orban.
17:05Worecki fühlt sich den Dissidenten der Diktaturzeit heute näher denn je.
17:10Menschen wie dem einstigen Menschenrechtler Vaclav Havel, die ein festgefügtes System veränderten.
17:17Die Sowjets duldeten keine Kritik. Und doch fanden Dissidenten in Osteuropa immer wieder den Mut zum Widerspruch.
17:25In einem unfreien Land begannen sie, sich Freiheiten, Freiräume zu nehmen.
17:30Sie kämpften ihre Kämpfe, weil es getan werden musste, nicht weil sie sich davon Erfolg versprachen.
17:36Ein beliebter Trinkspruch lautete damals auf den Erfolg unseres hoffnungslosen Unterfangens.
17:42Es braucht Mut und Kraft. Und Worecki ist einer von vielen, die sich in seinem Land vernetzen, demonstrieren.
17:49Wie die Tänzer, die sich im vergangenen Jahr 24 Stunden lang vor dem Kulturministerium fallen ließen.
17:57Kunstaktion gegen eine Kultur im freien Fall.
18:01Ich glaube, wir brauchen neue Dissidenten. Wir brauchen neue Dissens. Wir brauchen einen innovativen Widerstand.
18:06Der Weg an der Donau ist längst eine Selbstverständlichkeit geworden. Der Moment vor 36 Jahren, als er begehbar wurde, bleibt
18:15unvergessen.
18:16Ich denke oft daran, wenn ich verzweifelt bin, auch von der Kulturministerin, alles läuft schief und wir sollen uns an
18:23solche schönen Momente erinnern.
18:25Man hat Europa begrüßt und hallo Europa, wir sind da. Und wir sind heute immer noch da.
18:46Jetzt zu der Gewinnerin des Buchpreises in der Kategorie Belletristik.
18:50Im September 1922 verlässt ein Schiff den Hafen von Odessa mit Menschen an Bord, die die Oktoberrevolution in Russland loswerden
19:00will.
19:00Genau 100 Jahre später liegt ein Mann in Rom auf der Couch einer psychotherapeutischen Praxis und erzählt von den Brüchen
19:08in seiner Familiengeschichte.
19:09Sein Vater war als Kind auf diesem Schiff.
19:12Wie schreibt sich europäische Geschichte in Biografien ein?
19:17Darum geht es in dem Roman Goldstrand von Katharina Polladian, die damit hier in Leipzig ausgezeichnet wurde.
19:24So groß ihre Freude und so herzerwärmend die Verbeugung vor der Jury, so pointiert die Dankesrede.
19:32Kann Literatur erhellendes zum Verständnis der Gegenwart beitragen?
19:37Thomas Mann im Roman Der Zauberberg sagt, ja, aber…
19:42Es bedarf der Umwege über die Geschichte, um die Gegenwart mit sich selbst bekannt zu machen.
19:48Ich halte diesen Satz für wahr.
19:50Und vielleicht läuft uns ein heilsamer Schauer über den Rücken, wenn wir im Jahr 2026 mit Thomas Mann
19:57einen Umweg über die Geschichte der großen Gereiztheit am Vorabend des Ersten Weltkriegs unternehmen.
20:03Rom, ewige Stadt.
20:06Alle Umwege der Geschichte, sie beginnen hier.
20:10Hinter einem Fenster liegt der Filmregisseur Elia Fontana auf der Couch und erzählt der Therapeutin, der Dottoressa, sein Leben.
20:18Seit zehn Jahren kann er keinen Film mehr machen und er weiß nicht warum.
20:24Es ist die Suche nach einer Selbstvergewisserung und es ist auch die Frage,
20:28der bin ich denn eigentlich gewesen die letzten 30 Jahre.
20:31Meine Frau hat mich verlassen, meine Tochter will keinen Kontakt mehr zu mir haben.
20:35Was habe ich damit zu tun?
20:37Und er ist jemand, der zärtlich an der Welt leidet und es stellt sich die Frage, was kann eigentlich die
20:45Kunst noch bewirken?
20:46Hundert Jahre zurück reist der Roman mit seinem Erzähler, dem Regisseur, von Rom im Westen nach Odessa im Osten.
20:571922 war sein Großvater hier aufgebrochen, ein Universitätsprofessor mit Tochter und Sohn, verfrachtet auf die sogenannten Philosophenschiffe.
21:07Ein Massenexodus der russischen Intelligenz.
21:11Ich wollte, dass es mit den Philosophenschiffen beginnt, also die Philosophenschiffe, wo ganz viele Menschen vor den Bolschewiken geflohen sind.
21:19Trotsky hat einmal gesagt, wir haben keinen Grund gefunden, diese Menschen zu erschießen, also mussten wir sie ausweisen.
21:25Also diese Aushöhlung, die in diesem Land stattgefunden hat, kann man natürlich auch als Parallele zum heutigen Russland sehen.
21:31Und das war mir wichtig.
21:35Unterwegs das Unglück. Die Tochter verschwindet. Ist sie von Bord gegangen?
21:41Der Vater in größter Verzweiflung studiert die Meeresströmungen und glaubt schließlich, sie könnte in Varna, Bulgarien gestrandet sein.
21:50Vater und Sohn stranden hier auch, doch das Mädchen wird nicht wieder auftauchen.
21:58Der Goldstrand, nachdem dieser schlanke, unglaublich dichte Roman benannt ist, ist der Strand von Varna.
22:06Nach Rom und Odessa, dritter hochsymbolischer Ort dieser Geschichte, die Katharina Polladian an den gescheiterten Utopien des 20. Jahrhunderts entlang
22:16erzählt.
22:17In Varna wird der Vater des Regisseurs Architekt und baut kühne Urlaubsparadiese für den neuen sozialistischen Menschen.
22:26Motto? Unser Marmor ist Beton.
22:29In den 90er Jahren wurden diese brutalistisch anmutenden, ästhetisch, wie ich finde, sehr reizvollen Bauten wieder abgerissen.
22:36Und was dann gebaut wurde, ist eben in der turbokapitalistischen Verwirrung und Verirrung Bauten, die so ein bisschen an Disneyland
22:44erinnern.
22:45Und jetzt werden diese Bauten auch alle abgerissen.
22:48Also das heißt, wir haben es hier mit uneingelösten Versprechen zu tun, mit Ideologien, die aneinander gepreilt sind.
22:55Aber welche Visionen haben wir eigentlich, wenn man es nur so runterbricht auf der architektonischen Ebene, von Europa und von
23:04unserer Welt?
23:05So wie in Rom sind unsere Vergangenheiten noch da und verschwunden zugleich.
23:12Polladians Roman umkreist Schmerzpunkte und Leerstellen, die sich in Biografien eingeschrieben haben.
23:18Sie selbst, 1971 in Moskau geboren, verließ als Kind die Sowjetunion.
23:24Der Staat existiert nicht mehr, der Phantomschmerz lässt sie bis heute nicht los.
23:29Ich glaube, bei mir war das so, dass ich meine gesamte Kindheit und Jugend versucht habe,
23:35ich weiß gar nicht, ob ich das bewusst gemacht habe, aber ich habe das versucht wegzudrängen oder aus meinem,
23:42ja vielleicht sogar aus meinem Körper zu verbannen.
23:46Aber es holt einen dann doch immer wieder ein.
23:50Also ich glaube, wenn Menschen das Land verlassen müssen, das schreibt sich immer in die Biografie ein und das wirkt
23:56auch nach.
24:01Aydin Halimi ist Poetry-Slam-Meister. Mit 16 Jahren emigrierte er aus seiner Heimat Iran.
24:08Er hat Pfleger gelernt und deutsche Literatur und Geschichte studiert.
24:12In den Flügeln das Licht ist sein erster Roman.
24:16Es ist die Geschichte einer Familie in den 80er Jahren in Teheran nach der Islamischen Revolution.
24:23Während sich die Eltern gegen den neu errichteten Gottesstaat wehren,
24:27müssen die beiden heranwachsenden Brüder K.W. und Obtin erleben,
24:31wie ihr Vater im berüchtigten Ewin-Gefängnis verschwindet und hingerichtet wird.
24:41This is a song about somebody else.
24:46Hallo.
24:47Aydin Halimi. Happy Nodus natürlich auch.
24:50Oh, vielen Dank, ja.
24:51Das persische Neujahrsfest hat begonnen.
24:54Das stimmt, ja.
24:54Und Sie haben Ihr erstes Buch geschrieben.
24:57Ja, genau.
24:57Und das geht los mit einem Gedicht, das ich echt berührend finde.
25:01Und da gibt es unter anderem die Zeilen drinne für die, die ihre zitternde Stimme erheben,
25:06der Furcht ängstlich trotzen, dem Tod widerwillig in die Arme laufen.
25:11Was bedeuten diese Zeilen für Sie?
25:13Diese Zeilen widmen ich mutigen Menschen, vor allem im Iran,
25:17die trotz sehr vielen Repressionen ihre Stimme erheben,
25:22trotzdem auf die Straße gehen und versuchen, für ihre Freiheit zu kämpfen.
25:27Und dieser Roman ist auch sehr autobiografisch.
25:29Also es ist Ihre Familie?
25:31Das ist meine Familie.
25:32Also sehr viele Geschichten, die sich in diesem Buch abspielen,
25:35haben sich auch mehr oder weniger so abgespielt.
25:38In dem Moment habe ich das vielleicht nicht so wahrgenommen,
25:41dass es so mutig ist, aber jetzt im Nachhinein.
25:44Auch Ihr Vater war inhaftiert, eben berüchtigten Ewigengefängnis in Teheran.
25:50Genau.
25:50Inwieweit war Ihr Alltag von Angst geprägt?
25:54Ja, das ist nicht so einfach gewesen.
25:56Am Anfang hat meine Mutter versucht, uns zu beschützen.
26:01Immer gesagt, ja, in der Schule erzählt Ihr vielleicht nichts oder nicht von eurem Vater.
26:07Das könnte schlimme Konsequenzen haben.
26:09Das waren so Ängste, die so ein bisschen diffus waren,
26:13die ich so als Kind nicht so wirklich verstanden habe,
26:16die ich jetzt im Erwachsenenalter so nachvollziehen kann.
26:20Warum ist Ihnen das wichtig, gerade diese Zeit wieder in die Erinnerung zu holen?
26:25Also Sie beginnen ja kurz vor der iranischen Revolution und schließen dann eben nach der Revolution an.
26:31Warum ist das gerade so eine wichtige Zeit, sich an die zu erinnern?
26:34Weil das iranische Regime alles daran setzt, alles tut, damit eben diese Geschichten vergessen werden.
26:41Es gibt sehr viele Massengräber, wo die politischen Hingerichteten liegen, unter anderem mein Vater.
26:50Und sie setzen alles daran, dass man das vergisst.
26:54Und ich wollte da was entgegensetzen und den Namen, den Geschichten nochmal eine Stimme zu geben.
27:02Seit drei Wochen führen Israel und die USA den Krieg gegen den Iran.
27:07Wie blicken Sie auf diesen Krieg aktuell?
27:09Eigentlich hätte ich von mir behauptet, eine sehr lange Zeit, ich wäre ein überzeugter Pazifist.
27:15Und ich war auch sehr lange der Meinung, dass diese Bewegung aus dem Inneren des Landes kommen muss,
27:23dass die Leute vor Ort das in die Hand nehmen müssen und das zu Ende bringen sollen.
27:28Aber jetzt im Januar haben wir nochmal ein Niveau von Brutalität gesehen,
27:35wo das iranische Regime mit Kriegswaffen auf die Leute schießt, die nichts in den Händen haben.
27:42Es gibt auch Stimmen aus dem Iran, die sagen, das ist vielleicht unsere letzte Hoffnung
27:47und das könnte uns vielleicht noch helfen.
27:50Und die Hoffnung, ich glaube, das ist das Letzte, was mir und den Menschen bleibt, weil sonst würden wir untergehen.
28:03Aydin Halimi, herzlichen Dank für das Gespräch.
28:05Vielen Dank, danke.
28:12Für so lange Schlange auf Buchmessen sorgt aktuell nur ein Genre, New Adult.
28:19Die Bücher richten sich an junge Menschen und erzählen von jungen Menschen, von ihren Beziehungen, ihren Krisen.
28:25Manchmal klischeehaft, aber oft doch sehr explizit, zum Beispiel wenn es um Sex und Gewalt geht.
28:30Eine neue TTT-Reportage taucht ein in die Welt der New Adults.
28:37Bücher über das Erwachsenwerden mit sogenanntem Spice, also Sex.
28:41Die erste Liebe, der erste Job, herausfinden, wer man ist, das sind Themen, die in New Adult Literatur verhandelt werden.
28:49Ein Riesenmarkt, dessen Potenzial die Verlage lange verkannten.
28:55New Adult war anfangs gar kein Thema.
28:57Da war so die Vorgabe, wenn ein Buch eine Protagonistin hat, die jünger als 25 ist, brauchst du es gar
29:02nicht weiter prüfen.
29:04Da gibt es keine Leserinnen für, das legt sich niemand in die Buchhandlung.
29:08Verlage wie Bastei-Lübbe, Ullstein, Rowold treten für die neue Generation von Leserinnen unter anderem Namen auf und werden zu
29:15Forever, Ever Love, Lux.
29:18Genres wie Romance, Fantasy oder Romantasy boomen, auch dank TikTok.
29:24Hunderttausende folgen den Empfehlungen.
29:26Auch die klassische Literaturkritik diskutiert inzwischen mit.
29:31Ich bin hundertprozentig sicher, ohne Zukunftsforscher zu sein, dass man, wenn man erstmal die Idee Buch als etwas Positives erlebt
29:38hat und den Einstieg geschafft hat,
29:40so funktioniert Literatur, Literaturgeschichte immer schon.
29:43In vielen Romanen gehört der sogenannte Spice, also Sex, dazu.
29:49Problematisch wird es, wenn wie im dunklen Genre der New Adult Literatur, der Dark Romance, aus romantischen Zärtlichkeiten extreme Sexfantasien
29:58und Gewaltszenen werden.
30:00In seinen Augen steht nichts als Gier, tosendes Verlangen und endlose Dunkelheit.
30:07Zart legt er eine Hand um meinen Hals und drückt langsam zu.
30:11Das Problem, jeder kann Dark Romance kaufen. Es gibt nur eine Altersempfehlung.
30:17Bedenklich, wie Volker Weidermann am Beispiel des Buches Icebreaker kritisiert.
30:22Es geht nur um Sex, ausschließlich gewaltvollen Sex.
30:25Naja, und das in der Kombination, allein wie dieses Buch aussieht, so candy-mäßig und zielgruppenmäßig, bestimmt für 15-jährige
30:31Mädchen möglicherweise, finde ich es einfach grauenvoll.
30:33Gefährlich.
30:35Bei der Dark Romance ist es definitiv wichtig, klar und deutlich zu zeigen, sowohl die Altesempfehlung als auch den Inhalt
30:44relativ transparent sichtbar zu machen.
30:46Viele Verlage haben jetzt Sticker auf den Cover, wo ganz explizit draufsteht, ab 18.
30:52Was aber definitiv ja keine Pflicht ist, sondern einfach nur eine Empfehlung.
30:59Spicy Stories, so heißt die neue TTT-Reportage, gibt es in der ARD-Mediathek.
31:05Und jetzt direkt im Anschluss, gutes Weiterschauen und bis nächsten Sonntag. Tschüss!
31:27Tschüss!
31:28Tschüss!
31:29Tschüss!
31:29Tschüss!
31:30Tschüss!
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