Skip to playerSkip to main content
  • 5 hours ago

Category

📺
TV
Transcript
00:13A look, a gesture, a landscape, a moment.
00:27Fotos können großes Kino sein und die Suche nach dem Alltäglichen. Fotos zeigen, wer wir sein wollen oder wer wir
00:38sind.
00:39Ich muss ein Foto einfach reinziehen. Ich mag, wenn es mehrere Dimensionen hat und wenn es eine Tiefe hat, dann
00:45wird ein Foto sofort spannend.
00:50Herzlich willkommen in Berlin, liebe Zuschauerinnen und Zuschauer. Heute dreht sich alles bei uns um die Fotografie.
00:56In einer Zeit, in der wir im Internet von Bildern regelrecht geflutet werden, wollen wir Ihnen zeigen, was den Unterschied
01:02macht zwischen einem Foto, das man gleich wieder wegwischt, und einem, das man so schnell nicht mehr vergisst.
01:10Dafür sind wir im sogenannten Bermuda-Dreieck der Fotografie. Denn hier am Bahnhof Zoo sind drei der wichtigsten Orte für
01:17Fotografie in Deutschland.
01:18Neugierig geworden? Dann kommen Sie mit.
01:35Star-Fotograf Helmut Newton hat mit seinen spektakulären Bildern die Fotoszene aufgemischt wie kein Zweiter.
01:42Hier in Berlin wird sein Werk gezeigt.
01:47Im Museum für Fotografie dürfen wir ins Depot und zeigen, wie inspirierend die Fotografie für den Surrealisten Max Ernst war.
01:59Spannende Fotografie aus Afrika ist im CO Berlin zu sehen. Seit 25 Jahren eine der Top-Adressen für Fotoausstellungen.
02:09Das alles schauen wir uns zusammen mit einer der besten deutschen Schauspielerinnen an, die trotz ernster Rollen sehr viel Humor
02:16hat.
02:18Sie ist die Katrin König beim Polizeiruf 110 aus Rostock. Kantig, sensibel, vielschichtig.
02:27Anneke Kim-Sahnau. Nach der Schauspielschule ans Wiener Burgtheater und dann zum Film.
02:35In Wunderschöner spielt sie eine betrogene Ehefrau. Es geht um weibliche Selbstoptimierung und Frauenbilder.
02:46Du kommst gerade vom Dreh aus München zurück. Ist es dann schwierig abzuschalten, wenn du wieder zu Hause in Berlin
02:50bist?
02:51Also es kommt darauf an, was ich gerade gedreht habe. Wenn ich total psychisch herausfordernde Rollen spiele, dann bin ich
02:56meistens immer noch so ein bisschen wie unter so einer Haube.
03:00Aber en gros für dich, das Zuhause ankommen, ist eigentlich sofort abschalten. Es ist ein schönes Gefühl.
03:05Gehst du manchmal dann auch ins Museum, um den Kopf freizukriegen?
03:08Wenn ich ehrlich bin, nicht so oft. Und dennoch, wenn ich im Museum bin, freue ich mich meistens.
03:14Dann hoffe ich, dass wir dich heute auch erfreuen können.
03:16Wie findest du diese Begrüßung hier in diesem Entree?
03:19Superschön.
03:20Für mich üppig.
03:20Ja, sehr beeindruckend.
03:22Und dann noch die Big Nudes, die nackten von Helmut Newton.
03:25Ja, die sind auf jeden Fall auch sehr beeindruckend.
03:27Dann gucken wir uns die mal näher an, oder?
03:29Ja, okay.
03:38Als diese Big Nudes 1983 rausgekommen sind, war es für manche ein Affront, für andere eine Sensation.
03:44Eigentlich war das ein Modeshooting.
03:46Ja.
03:46Und die gibt es auch angezogen.
03:51Ich selber habe den Impuls, so Anziehpuppenkleidung zum so umknicken und über die Schulter hängen, auf alle drauf zu hängen.
03:59Nur so auf Spaß.
04:00Dass die hier hängen, ist auch kein Zufall. Da hingen Riesenporträts von Offizieren.
04:06Ach, cool.
04:06In diesem ehemaligen Offizierscasino. Und jetzt diese selbstbewussten Frauen, das ist schon auch wieder witzig.
04:13Und finde ich auch wieder im Sinne von Helmut Newton eigentlich.
04:15Aber ist das jetzt der typische männliche Blick?
04:18Ja, also ich finde, was natürlich auffällt, ist, dass sie alle von der Form und Größe, weil es halt damalige
04:23Schönheit, dem Schönheitsideal entsprechende Models sind,
04:25dass sie alle eine ähnliche Statur haben, was ich als tendenziell leicht frauenfeindlich werden würde.
04:31Ich finde es gleichzeitig auch sehr schön.
04:33Es ist einfacher, sich so hinzustellen und sich zu präsentieren, als eine Frau, die dem damaligen Ideal nicht entsprach.
04:40Das wäre viel cooler gewesen, wenn Helmut Newton andere Frauen genommen hätte.
04:46Newton brach Tabus in der Modewelt. Dafür wurde er bewundert und kritisiert.
04:55Fotos wie diese erzählen vom Zeitgeist der 80er und 90er Jahre.
05:01Haben dich die Fotos irgendwie empört? Oder wie hast du darauf reagiert? Das war ja damals auch eine sehr frauenbewegte
05:07Zeit.
05:07Auf der einen Seite finde ich, sind diese Bilder für Frauen toll, weil ich das Gefühl habe, sie können sich
05:13darstellen auf eine Art und sich zeigen und ihren Körper stolz zeigen.
05:18Und auf eine andere Art ist es auch ein bisschen erniedrigend, würde ich sagen.
05:24Das ist extrem.
05:25So, also die Frau ist wunderschön etc. Aber das ist natürlich schon ein bisschen, ich würde sagen, wenn du mir
05:33einen Sattel auflegen willst, gehe ich jetzt mal nach Hause.
05:37Ich meine, die Selbstoptimierung ist ja nicht nur in der Modewelt, das hat man jetzt auch noch bei Social Media.
05:42Bei Instagram hast du das ja ganz extrem, wo alle sich möglichst aufgrätzeln und mitfiltern.
05:48Ja, ich stand neulich in einem Drogeriemarkt und suchte was und hörte drei Teenager-Mädchen zu und die redeten darüber,
05:56was sie werden, sobald sie Geld haben, operieren lassen.
05:59Und ich dachte so, boah, Wahnsinn, ihr seht aus meiner Sicht einfach wunderschön aus, dass ihr darüber nachdenkt, dass das
06:06euer Druck ist.
06:07Es ist so traurig und das ist, aus meiner Sicht kommt das nicht aus den Mädchen, sondern von außen in
06:13die Mädchen hinein und das ist schrecklich.
06:15Ja. Trotzdem sind das tolle Bilder, ne? Es ist nicht so, dass die mich nicht faszinieren und ich die nicht
06:20irgendwie auch super spannend finde.
06:23Das spielt natürlich auch mit der Kunstgeschichte, ne? Das ist der Denker von Rodin.
06:27Ach krass, ja, abgefahren. Auf dem Klo.
06:31Ja, guck, ich guck dann zum Beispiel geile Fliesen. Ich überleg die ganze Zeit, wie ich mein Bart saniere.
06:38Wo guckst du hin?
06:40Da auf die Frau.
06:41Und wo da so?
06:41Ja, überall. Aber schon auch auf das ganze Bild. Also mich interessiert das ganze Bild natürlich, klar.
06:54Hättest du dich von ihm fotografieren lassen, wenn er dich gefragt hätte?
06:57Natürlich. Ich hätte dennoch, glaube ich, versucht in so einen Dialog zu gehen und zu fragen, was der Plan ist,
07:05was die Intention ist.
07:06Und dann dementsprechend meinen Senf dazu gegeben und mich, glaube ich, auch nicht ausgezogen.
07:12Dass Helmut Newtons Nachlass 2004 nach Berlin gekommen ist, ist bemerkenswert.
07:19Newton, 1930 in Berlin als Helmut Neustädter geboren, war Jude und musste 1938 Deutschland verlassen.
07:28In Australien lernte er seine Frau June kennen.
07:34Seit den 1950er Jahren fotografierte er Mode und Promis für alle wichtigen Magazine.
07:46Was würden Sie jemanden sagen, der Newton nicht kennt? Was ist ein typisches Newton-Foto? Was ist seine Handschrift?
07:51Er kann mit Bildräumen wahnsinnig gut umgehen und er schafft immer wieder etwas Ungewöhnliches.
07:57Schauen Sie sich das an. Das ist eine Aufnahme aus Paris. Er lebt die ja von 1961 bis 1981 in
08:03Paris.
08:03Dann ging er nach Monte Carlo, lebte teilweise auch in Los Angeles. Aber Paris war es. Da hat er seinen
08:09Stil entwickelt.
08:11Da wurde er zu Helmut Newton. Das ist eine Inszenierung. Es ist ein Stillleben. Es ist ein Passant, der vorbeigeht.
08:18Das sind viele Faktoren, mit denen er spielt. Er ist ein genauer Beobachter der Alltagssituation und übersetzt sie später in
08:26etwas Fiktives.
08:27Und da ist er natürlich auch ganz nah am Film. Er war ein Ciniast. Er hat ganz viele Filme geschaut,
08:33einzelne Ideen herausgelöst und in seine Fotografie übersetzt.
08:37Deswegen fühlen die sich auch so vertraut an, diese Bilder. Und ja, er hat über die Jahrzehnte ein unglaubliches Werk
08:44geschaffen, das wahrscheinlich das meist publizierte fotografische Werk aller Zeiten ist.
08:48Viele stoßen sich ja auch heute gerade wieder natürlich an dem Frauenbild, das er da zeigt. So viele nackte Frauen,
08:56oft in verführerischen, aufreizenden Posen.
08:59Es ist doch der männliche Blick, den er da hat. Der männliche Blick auf eine schöne Frau.
09:03Natürlich ist es der männliche Blick auf eine Frau. Aber das ist ja alles eingebunden in einen Modekontext.
09:09Darf ich sagen Sie den Frauen, die heute sagen, das ist total frauenverachtend und total sexualisiert?
09:16Davon kann ja gar keine Rede sein. Also weil er den Frauen sozusagen diese Bühne schafft. Und auf dieser Bühne
09:23agieren die Frauen.
09:25Die nutzen die Chance, auf dieser Bühne zu agieren. Es gibt ein großartiges Bild von David Lynch und Isabella Rossellini.
09:33Schauen Sie sich das an. Das ist eine große Portion Zärtlichkeit in dieser Begegnung, in dieser Berührung.
09:39Und auf der anderen Seite, wir kennen David Lynch und seine Filme. Der könnte auch gleich zugreifen und zudrücken.
09:47Und diese Ambivalenz gibt es in ganz vielen Bildern. Ambivalenz ist im Grunde genommen der Clou, der Schlüssel zu seinem
09:55Werk und das Überraschende.
10:00Ein Hauch Heldenverehrung liegt in der Luft. Sogar Newtons Büro in Monaco ist hier nachgebaut worden.
10:10Warum ist er eigentlich zum Schluss zurückgekommen nach Berlin und wollte, dass sein Werk hier gezeigt wird?
10:16Er ist ja vor den Nazis geflohen und hat eigentlich nie wieder wirklich in Deutschland gelebt.
10:20Ich würde sagen, er hat mit Deutschland seinen Frieden gemacht, hatte immer Sehnsucht nach Berlin, wie er in Interviews geschrieben
10:26hat.
10:27Und so ist er immer wieder zurückgekehrt und dann später auch mit seinem Gesamtwerk zurückgekehrt.
10:31Und dann gab es diese Immobilie und so nahm das die ganze Sache Fahrt auf.
10:37In einer Sonderausstellung dreht sich alles um Helmut Newtons Begeisterung für Polaroids.
10:57Polaroid-Fotos spielen ja in seinem Werk eine ganz entscheidende Rolle. Warum waren die für ihn so wichtig?
11:02Er hat die Bildkomposition überprüft, bevor er sozusagen mit dem richtigen Film, der richtigen Kamera, das richtige Bild gemacht hat,
11:11um es dann ins Magazin zu bringen.
11:13Wir sind in der vordigitalen Zeit, das dürfen wir nicht vergessen.
11:16Das Verkennende war, man wusste nicht, was am Ende auf dem Film ist.
11:19Genau so ist es. Und er konnte sehr unglaublich schnell das überprüfen.
11:27Polaroids waren ja eigentlich fast ein Wegwerfprodukt. Wie kommt das, dass die ja alle aufgehoben worden sind?
11:33Ja, hat er es gehütet wie ein Schatz, weil die Dinge natürlich ansonsten auch vielleicht auf dem Kunstmarkt auftauchen.
11:38Und das wollte er nicht unbedingt. Die kosten inzwischen ab dem Kunstmarkt ja 20.000 bis 30.000 Euro.
11:46Jetzt haben wir aber auch mal einen Polaroid von uns, oder? So im Original-Helmut-Newton-Stil, denn tatsächlich die
11:53Kamera, die er benutzt hat, hat auch Thorsten Wulff, der unter anderem der Hausfotograf von der Helmut-Newton-Foundation ist.
11:59Und jetzt bin ich gespannt. Original-Film, Original-Kamera. Was sollen wir machen?
12:0420 Jahre abgelaufen der Film.
12:05Wir ziehen uns aber nicht aus.
12:07Nein, das versteht man zwar angesagt.
12:08Genau, es gibt auch keinen Sattel.
12:13Anike, machst du die Augen auf?
12:14Nein.
12:14Okay, gut.
12:17Gucken wir mal, jetzt muss man eigentlich die Arme noch.
12:18Ich halte das? Gut.
12:19Okay.
12:20Mal an.
12:21Wir gucken mal ein bisschen, ob wir schon was sehen.
12:27Da seid ihr.
12:29Das sieht ja doll aus.
12:31Oh, die Farben sind, denke ich, nöller.
12:35So toll wie die Models bei Newton haben wir jetzt natürlich nicht auf dem Polaroid ausgesehen, aber Kunststück.
12:42Also, wenn du das alles siehst, wie würdest du denn gerne auf Fotos aussehen?
12:48Also hast du sowas, wo du sagst, da fühle ich mich wohl?
12:51Ich finde den Gedanken, dass man so kompletten Schotter und verrückte Architektur hier zusammen hat und sich darauf selber inszeniert
12:59oder inszeniert wird, finde ich total spannend.
13:07Was ich bei den Polaroids von Newton total faszinierend finde, die sind alle fast wie Filmstills.
13:12Du hast das Gefühl, dass da eine Geschichte davor ist oder danach eine ganz dramatische Geschichte weitergeht.
13:19Regt es so deine Schauspielerinnen-Fantasie an, wenn du sowas?
13:22Ja, das auf jeden Fall. Da kriege ich auch gleich so eine Musik im Hintergrund, die so total existenziell dramatisch
13:28klassisch ist.
13:31Er ist halb nackt, sie wird rausgerissen aus dem, sie will aber da bleiben. Das finde ich total spannend.
13:36Ich denke, das ist das Megadrama.
13:39Und er guckt aber so ein bisschen so von wegen, was soll das jetzt?
13:42Ja, spontan könnte man denken, dass sie was mit beiden hat.
13:46Das ist total abgefangen. Da faszinieren mich tatsächlich die Schatten und das Licht.
13:51Und diese Fingernägel finde ich super. Wir haben sehr viel Fang den Hut gespielt.
13:58Und ich habe immer diese Fang den Hut-Dinger mir auf die Finger gemacht und bin da mit den alten
14:02Tag so rumgelaufen.
14:03Ich fand das total irre. Daran muss ich jetzt ein bisschen denken.
14:11Wie kreativ Fotografinnen und Fotografen heute mit der Polaroid-Kamera unterwegs sind, das zeigt der zweite Teil dieser Ausstellung.
14:18Absolut sehenswert. Und das in unseren digitalen Zeiten.
14:29Wir gehen jetzt in die zweite Fotoinstitution in diesem ehemaligen Offizierscasino, das Museum für Fotografie.
14:36Es gehört zur Stiftung Preußischer Kulturbesitz und ist dort Teil der Kunstbibliothek.
14:41Ein Schwerpunkt dieser Sammlung ist die experimentelle Fotografie.
14:47Künstler wie Max Ernst waren fasziniert von dem neuen Medium und ließen sich davon inspirieren.
14:56Eine große Ausstellung geht auf Spurensuche.
15:01Was hat Max Ernst an der Fotografie interessiert?
15:03Er hat selber, soweit wir das wissen, die Fotografie nicht als Künstler eingesetzt.
15:08Also er stand nicht hinter der Kamera und hat damit Bildwelten geschaffen.
15:11Aber die Fotografie war ein vielem das Material, aus dem heraus er seine eigenen Werke geschaffen hat.
15:17Wir stehen hier vor einer Arbeit, wo man das ganz gut demonstrieren kann.
15:21Es ist eine Fotokollage.
15:22Das heißt, die Fotografie ist die Grundlage dessen, was er später dann als eigene Bildwelten entdeckt hat.
15:28Das sieht aus wie eine Bombe.
15:30Ist das das?
15:30Ja, es ist eigentlich eine chinesische Nachtigall.
15:34Aber natürlich hat diese chinesische Nachtigall, wie das für Dada-Collagen sich gehört, vielfältige Konnotationen.
15:40Und mit der Bombe liegen sie auch ganz richtig.
15:42Die Bombe ist das, was als Hintergrund, Untergrund diesen Körper dieser chinesischen Nachtigall ausmacht.
15:48Also Material nimmt Max Ernst aus Büchern, wo Fotografien darin abgebildet sind.
15:52In dem Fall ist es Material aus dem Ersten Weltkrieg.
15:55Das, was gerade vor den Dada-Zeiten war.
15:59Es gibt hier noch ein weiteres, das ist die Anatomie.
16:04Man sieht einen, ja, irgendwie menschlichen Körper, der aber auch nicht mehr so richtig menschlich ist,
16:10der auf einer Bahre liegt, die keine richtige Bahre ist.
16:14Und am Ende ist der Bauch und der Unterleib nicht mehr ein Bauch und ein Unterleib, sondern ein Flugzeugmotor.
16:21Und das da vorne, das ist das, was dann die Anatomie als Grundlage hatte.
16:26Das ist das Cockpit eines Flugzeugs, was er da verwendet hat.
16:29Und dann erkennt man, was alles noch von diesem Original da ist.
16:33Zum Beispiel der Flugzeugmotor hinten, den hat er einfach da gelassen.
16:37Also der Trick an der Collage ist, man kann dieses Material erkennen,
16:41aber auf der anderen Seite ist das Material verwandelt worden.
16:50Max Ernst hat ja immer wieder Pflanzen in seinen Bildern gezeigt.
16:53Welche Rolle hat dann da die Fotografie gespielt?
16:55Da haben wir hier frühe Beispiele, wo eigentlich die Pflanzen in ihrer ganzen Pracht gezeigt werden,
17:02aber sie werden sehr künstlich gemacht, dadurch, dass sie vor diese weiße Oberfläche gelegt werden.
17:07Das heißt, es ist eigentlich auch keine Natur, wie wir sie kennen.
17:10Und das ist etwas, was Max Ernst auch interessiert hat, ungewöhnliche Formen der Naturdarstellung.
17:16Und das kann man hier an dieser Übermalung ganz gut sehen.
17:19Die Pflanzen, die hat er dann besonders interpretiert.
17:21Er hat das übermalt, was sie gestört hat, diese ganze schwarze Oberfläche, und hat dann ergänzt.
17:26Hier zum Beispiel dieses Röhrchen mit den herabtropfenden Wasserformen
17:31oder hier mit dem Geweih, was dann zwischen das einzelne Gerippe gemalt worden ist.
17:35Das heißt, es ist eine Pflanzenwelt.
17:37Wir haben so ein bisschen die Vorstellung, das könnte mit dem zusammenhängen,
17:41es ist aber seine eigene Darstellung und Interpretation der Natur.
17:49Jetzt geht's in den Keller, ins Depot der Kunstbibliothek.
17:55Kostbare Fotografien lagern da, wo früher die Kegelbahnen des Offizierscasinos waren.
18:06Was sind denn die ältesten Fotos, die Sie in der Sammlung haben?
18:10Angefangen hat die Kunstbibliothek zu sammeln 1868, also vor wirklich langer, langer Zeit.
18:15Und das sind dann Architekturfotografien.
18:17Das heißt, die sind gar nicht als Fotografie gesammelt worden,
18:19sondern als Dokumentation von etwas, in dem Fall von Architektur.
18:23Es ist eine wunderschöne Fotografie von einem amerikanischen Fotografen, Frank Cousins.
18:28Und wenn man das in Passepartout zeigt, dann wirkt es schon wirklich prächtig.
18:32Aber wenn man dann das Passepartout aufmacht, dann sieht man, es ist eigentlich nur Dokumentation.
18:38Da ist dann die Beschriftung, da ist der Stempel, da ist die Inventurnummer.
18:42Und warum hat man das damals so aufwendig gemacht?
18:45Warum hat man so viel Architektur fotografiert?
18:47Es wurde gesammelt, weil das, was man eigentlich gerne gehabt hätte, nicht zu sammeln war, nämlich die Architektur selber.
18:55Denn es ging in der Zeit darum, Künstlerinnen, Künstlern, Handwerkern, Architekten zu zeigen, was gute, vorbildliche Architektur ist.
19:06Wie sind denn Fotos wie dieses in Ihre Sammlung gekommen?
19:08Das ist ein Porträt von Laszlo Maulinoche von Ellen Frank. Ein sehr ungewöhnliches Porträt. Man sieht das ja schon im
19:15Anschnitt.
19:17Und damals, als das zum ersten Mal ausgestellt wurde, 1929, war es noch ungewöhnlicher.
19:21Das heißt, die Kunstbibliothek hat so etwas wie ein Gefühl für die Avantgarden gehabt.
19:28Und aus der Ausstellung heraus hat der damalige Direktor Kurt Glaser die Fotografien gekauft.
19:33Und das ist dann der Grundstock für unsere Sammlung der neusachlichen, neu sehenden Fotografie der Avantgarde der 20er Jahre geworden.
19:42Ein Nachlass, den Sie bekommen haben, hat für einiges Aufsehen gesorgt.
19:46Leni Riefenstahl, haben Sie hier auch alles? Ist das schwierig, das aufzuarbeiten?
19:51Also es ist natürlich eine echte Herausforderung, weil der Nachlass Riefenstahl problematisch ist in vielerlei Hinsicht.
19:57Zum einen aus historischer Perspektive, zum anderen aber auch, weil es so ungeheuer viel war.
20:02Wir haben so ungefähr auch wieder nur über den Daumen geschätzt 100.000 Fotografien.
20:07Und da muss man sich überlegen, wie man mit so etwas umgeht, was eben so stark historisch belastet ist.
20:15Fotografien sind fragil und haben oft nur als Unikate die Zeiten überstanden.
20:19Sie bewahren, erforschen und ausstellen. Das ist hier die Aufgabe.
20:24Und wir gehen jetzt in den Hotspot für Fotoausstellungen in Berlin.
20:29Ins CO Berlin, im ehemaligen Amerika-Haus.
20:35Hier waren bei den Studentenprotesten ab Ende der 60er Jahre viele Demos gegen den Vietnamkrieg.
20:41Und so mancher Farbbeutel ist auf diese Fassade geflogen.
20:50Der Bau atmet noch den Charme der späten 50er Jahre, ist mit seinen Ausstellungen aber absolut auf der Höhe der
20:57Zeit.
20:57Und immer gut für Entdeckungen.
20:59Kennen Sie zum Beispiel Fotografinnen und Fotografen aus Afrika?
21:04Genau die gibt es hier zu sehen.
21:07A world in common. Eine gemeinsame Welt, lautet der optimistische Titel.
21:17Es ist ja auch so, dass du das Gefühl hast, viel zu wenig über diesen Kontinent zu wissen.
21:21Also ich denke immer, mein Gott, das sind unsere Nachbarn und was wissen wir?
21:24Absolut wenig. Und wenn dann nur als Opfer, als ausgebeuteter, ganzer, gigantischer Kontinent,
21:33der sich gegenseitig jetzt kaputt macht aufgrund des Kolonialismus.
21:38Die Identitäten, die geklaut wurden, Familien, die zerstört wurden, Sklaverei, Ausbeutung auf allen Ebenen.
21:45Und so sehe ich das immer. Und wenn ich das jetzt sehe, ist das so wahnsinnig fett, krass, schön, ästhetisch,
21:53toll gemacht, künstlerisch, fantastisch.
21:56Und ist natürlich super beeindruckend, wenn man das sieht.
22:00Wenn man sieht, das ist so das Christentum, das diesen Kontinent einfach so.
22:05Wir haben uns total überlegen gefühlt und haben da gewütigt ohne Ende.
22:10Also 10 Millionen Afrikanerinnen und Afrikaner sind versklavt worden.
22:13Ja, Wahnsinn. Und das ist ja im Grunde Jesus, der vom Kreuz genommen wird, oder?
22:18Ja, würde ich auch sagen, total.
22:20Und ich finde es super, dass es so modern dargestellt ist, dass es so tolle, moderne Frauen sind,
22:25in ihrer eigenen Identität, in ihrem eigenen Style. Toller Künstler.
22:49Das ist ein Fotograf aus Mosambik, der das gemacht hat. Und das finde ich so beklemmend, diese Müllkippen, die leben
22:56auf den Müllkippen.
22:57Das ist nicht vorstellbar.
23:01Er zeigt sie aber trotzdem als starke Menschen, die sich davon nicht unterkriegen lassen, finde ich.
23:06Absolut. Die haben alle eine Kraft und was ganz Eigenes. Und doch ist das extremst beklemmend.
23:11Allein hier ein Foto nur von der Giftwolke zu haben, ist schon so irre, das damit einzubauen.
23:17Das hat sogar fast einen Humor.
23:19Und das ist Müll von uns.
23:21Ja, es ist total pervers.
23:28Ich kann nicht aufhören, dahin zu gucken, weil es sieht so schön aus.
23:31Dieses Bunte ist so schön, dieses Kriegerische da drin ist super schön und gleichzeitig ist es so pervers.
23:38Und die Landschaft, das Licht ist so wunderschön.
23:42Man ahnt, dass das alles vergiftet ist und es ist alles nur schrecklich.
23:49Das ist auch irre, super toll gemacht. Das ist so toll.
23:54Und auch dieses Bild, da hast du die Meeresverschmutzung thematisiert.
24:01Der Panzer von der Schildkröte. Wahnsinn.
24:14Das Thema Fotografie begeistert auch viele junge Menschen.
24:20Gegründet hat das CO Berlin der Fotograf Stefan Erfurt mit einem Architekten und einem Designer.
24:26Und Erfurt leitet es ja bis heute. Warum war das wichtig, so ein Haus hier in Berlin zu haben?
24:31Also die Idee war, einen nicht kommerziellen Ort für Fotografie zu schaffen.
24:37Ein Ort, an dem zum einen bekannte, renommierte Fotografinnen zu sehen sind,
24:42aber auch neue, unbekannte Positionen entdeckt werden können.
24:46Und vor allem auch ein Ort für den lebendigen Diskurs und Austausch und die Reflexion über unsere aktuelle Bildkultur.
24:54Und auch darüber, wie sich Fotografie verändert, durch technische Entwicklungen, aber auch durch die Gesellschaft,
25:01wie sie in unsere Gesellschaft dann eben auch wieder zurückwirkt.
25:08Hier sind wir in der ersten Ausstellung in 25 Jahren CO Berlin, wo sie ausschließlich Videos zeigen.
25:15Und das für einen Mann, der auf Instagram unglaublich populär ist, Samuel Killis.
25:19Er ist 1993 geboren in New York und ist eigentlich Mode, Lifestyle, Reisefotograf und ist eben wahnsinnig viel unterwegs
25:28und nutzt diese Reisen, um seinen Alltag zu dokumentieren oder das aufzuzeichnen, was er interessant, schön, vor allem schön und
25:36spannend findet.
25:37Und er nennt das ja Postkarten und es ist tatsächlich ein Sehnsuchtsbild nach dem anderen.
25:44Wenn er seine Postkarten so machen würde wie wir, dann würden Sie ihn nicht zeigen. Was macht er anders?
25:50Also zum einen konzentriert er sich wirklich auf das Videoformat.
25:53Also er zeigt nicht nur die einzelnen Ausschnitte, die er spannend findet, sondern auch die Atmosphäre der Orte.
26:00Er fängt die Stimmung ein und er hat schon so seine eigene Ästhetik entwickelt,
26:05die eben auch genau mit unserem Blick spielt oder mit dieser Verführungskraft der Bilder,
26:11mit dem Schönen, das wir eigentlich alle gerne fotografieren und aufzeichnen möchten,
26:16zum Teil mit unseren technischen, wirklich hochwertigen Kameras auch können.
26:20Weil er hat das quasi professionalisiert und das so zu seinem Markenzeichen auch gemacht.
26:25Er hat ja auch überhaupt keine Scheu vor Kitsch.
26:27Nein.
26:28Das hat Sie auch nicht gestört.
26:30Er spielt natürlich damit und er reproduziert auch Klischees.
26:35Aber auch damit zeigt er ja die Verführungskraft der Bilder oder die Sehnsuchte, die sie auslösen.
26:41Vielleicht auch den Trost, den sie spenden.
26:50Da kriegt man sofort Urlaubslaune, oder?
26:53Und Appetit.
26:54Absolut.
26:55So toll, so lecker, so gute Ideen.
26:57Ich habe sofort Lust, da hinzufahren.
26:59Aber auch wegen dieser fantastischen Menschen, die man beobachtet.
27:02Ja.
27:02Und die man auch wohl wirklich einfach beobachtet.
27:05Also das ist nicht inszeniert, sondern die sind so.
27:08Superklasse.
27:10Oh Gott.
27:15Bist du auch so reiselustig?
27:17Ja, wenn ich könnte, würde ich sehr, sehr viel reisen.
27:20Und ich finde jede Reise und jeder kleine Trip gibt einem sofort irgendwas mit und öffnet sofort den Horizont und
27:26macht sofort im Kopf die ganzen Vierecke zu runden, blasigen, großräumigen Gebilden.
27:35Das ist doch eigentlich ein filmreifer Schluss, oder? Diese wahnsinnigen Vogelschwärme über Rom.
27:40Also mich macht es ganz ehrfürchtig. Und ich denke mir so, die Natur einfach mal machen lassen, denke ich.
27:46Die haben so viel Wissen, tragen alles in sich. So wie wir im Grunde genommen ja auch, aber haben uns
27:52davon entfernt. Und es ist so schön.
27:55Und es tut gut, finde ich, in diesen Zeiten, oder? Auch die schönen Dinge zu sehen.
28:00Es tut immer gut, finde ich. Aber genau, so auch was Nachrichten angeht. Ich finde, es muss immer irgendwie mindestens
28:05ein bis zwei gute Messages müssten mitgegeben werden, damit die Leute wissen, es gibt auch die Möglichkeit, sich zu bewegen
28:12im Leben.
28:13Und zwar auch zum Guten hin und nie das Vertrauen aufgeben, dass wir alle Fähigkeiten in uns haben, die Welt
28:20zu einem besseren Ort zu machen.
28:25Drei tolle Orte für Fotografie, ganz nah beieinander. In der Helmut-Newton-Foundation, dem Museum für Fotografie und hier im
28:32CO Berlin können Sie Fotografie in allen Facetten erleben.
28:37Der legendäre Starfotograf Helmut Newton ist immer noch ein Highlight. Seine Akte provozieren wahrscheinlich mehr denn je, aber seine Qualität
28:45kann niemand bestreiten.
28:47Die Fotografie aus Afrika öffnet die Augen für einen ganz anderen Blick auf unseren Nachbarkontinent.
28:53Und ständig gibt es in allen drei Häusern neue, spannende Ausstellungen.
29:02Dank cleverer Software können wir ja inzwischen alle ganz ordentliche Fotos machen.
29:06Umso spannender ist es doch zu erleben, was ein Foto zum Kunstwerk macht. Und vielleicht inspiriert es Sie ja sogar.
29:13Bis zum nächsten Mal. Tschüss.
29:23Tschüss.
Comments

Recommended