00:00Die Fugger Straße im Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg.
00:04Ein Kiez, bekannt für Vielfalt und Toleranz.
00:07Doch jetzt sorgt ein Hotel für Ärger.
00:10Ärger, den manche wohl für übertrieben halten.
00:14Darf ich mal eine Frage stellen?
00:15Ja, bitte.
00:16Was wollen Sie damit eigentlich?
00:17Warum reiten Sie darauf immer wieder zurück?
00:19Sie tun gerade so, als wenn die Fugger Straße das einzige Problem ist,
00:23das wir im Schöneberger Norden hätten.
00:25Du meine Güte.
00:26Du meine Güte.
00:28Seit 2020 wird das BB-Hotel wie etliche andere in der Hauptstadt auch
00:34als Notunterkunft für Wohnungslose aus allen Bezirken genutzt.
00:40In der Fugger Straße stammen viele der Hotelbewohner aus Roma-Familien.
00:45Nicht alle, aber einige von ihnen fallen durch aggressives Verhalten auf.
00:50Dazu kommen Lärmbelästigung und Vermüllung.
00:53Aus dem liberalen Miteinander ist ein unschönes Gegeneinander geworden.
00:58Und im Unterschied zu der steilen These vom Kanzler sind es nicht Töchter, die hier leiden,
01:03sondern Männer wie Torsten Goldhagen.
01:06Seit fast 30 Jahren ist der Regenbogen-Kiez sein Zuhause.
01:10In den letzten 5 Jahren gab es hier extreme Zustände der Vermüllung,
01:15kaputte Gegenstände, kaputte Kinderwagen, Feuer teilweise, Picknick-Situationen mit zerbrochenen Flaschen und so weiter.
01:24Ja, die dann immer mehr wurden.
01:26Und als man dann, oder als ich dann hingegangen bin und gesagt habe,
01:30ich möchte da mit dem Hund durch und ob sie nicht ein bisschen Ordnung machen könnten und so,
01:34ein bisschen aufpassen, kam dann als Antwort von, ja, ich denke mal einem 18-, 19-Jährigen
01:39in etwas gebrochenem Deutsch,
01:41und ja, das ist ja jetzt nicht mehr Schwuliland, das ist jetzt Zygäunerland.
01:45Diese beiden Anwohner leben direkt gegenüber vom Hotel.
01:49Mit dem Einzug der neuen Nachbarn begannen die schlaflosen Nächte.
01:53Mittlerweile dokumentieren sie ihren Frust auf Instagram.
01:55Das ist knapp drei Wochen her, und das war schon nach Mitternacht.
02:10Auto kam, und dann ging das so, bis wir wieder die Polizei gerufen haben.
02:16Und es gibt auch den Fall, wo ich einmal runter bin und gebeten habe,
02:19die Musik leiser zu machen, und dann bin ich dann gleich angemacht worden, bedroht worden, beschimpft worden.
02:28Ich bin dann rückwärts gelaufen, einer hat mir eine Ohrfeige gegeben,
02:32er ist hinterher, hat dann den Stein, den Pflasterstein aufgenommen und mir an den Kopf geworfen.
02:37Ich konnte in allerletzter Sekunde durch das Gittertor unten am Eingang.
02:42Eine Sekunde später kamen die schon und haben da auf das Tor eingeschlagen und gebrüllt.
02:48Und ich war mir meines Lebens nicht mehr sicher.
02:52Was glauben Sie, warum wir hier mit Hudi bzw. Verdeckt nur uns interviewen lassen?
02:57Wir fürchten uns. Wir fürchten uns wirklich.
03:00Auf der Straße vor ihrem Haus treffen wir auf zwei junge Männer.
03:04Beide haben eben das Hotel verlassen. Die Gelegenheit für eine Nachfrage.
03:08Wir sind von SPIEGEL TV. Wohnen Sie in dem Hotel?
03:12Nein.
03:14Aber Sie sind da ja gerade rausgekommen.
03:15Ja.
03:18Und wieso, wenn Sie da nicht wohnen?
03:20Dürfen Sie das fragen?
03:22Ja, fragen kann ich erstmal alles.
03:28Haben Sie denn mitbekommen, dass es Ärger gibt wegen des Hotels, dass sich hier Nachbarn beschweren?
03:32Natürlich, die Verhuren sind von da.
03:37Was ist das für eine Flagge?
03:39Schweiz?
03:40Äh, dieser Schweizer Huch und so.
03:44Ich fick deine Mutter, du elender Bastard, Junge.
03:47Wieso?
03:47Was hast du dafür gemacht?
03:49Dass alles hier schlecht läuft.
03:54Na ja, die beschweren sich über Lautstärke, über Müll.
03:57Fühlen sich bedroht.
03:58Ich meine, Sie bedrohen ihn ja gerade, Sie beleidigen ihn.
04:00Man darf frei, der Mensch darf frei sein und sagen, was der Mensch will.
04:08Beleidigungen sind übrigens nicht von der Meinungsfreiheit gedeckt.
04:12Was sagt denn das Bezirksamt zu den Zuständen?
04:14Der dazugehörige Bürgermeister räumt ein, keine komplette Übersicht zur Hotelbelegung zu haben.
04:21Für ihn scheint das Haus das Problem, nicht die Bewohner.
04:25Man hätte ja schon längst dort einen Aufenthaltsraum einrichten können, sodass man die Menschen nicht von sich aus aus den engen Zimmern nach draußen auf die Straße treibt.
04:34Und da kommt aber auch stark der jeweiligen Betrieb, der jeweiligen Betreiberin und des Betreibers kommt dort eine hohe Verantwortung zu.
04:43Und die sollten Sie auch wahrnehmen.
04:46Auf der Internetseite des Hotels sind alle Zimmer dauerhaft ausgebucht.
04:51Das Geschäftsmodell basiert auf der Unterbringung Wohnungsloser.
04:56Je nach Erwerbsfähigkeit der Menschen soll Betreiberin Ilona Birth durchschnittlich 27 Euro pro Kopf und Nacht vom Jobcenter oder Sozialamt kassieren.
05:06Hallo Frau Birth, wir sind von SPIEGEL TV.
05:09Wissen Sie denn überhaupt, wer in Ihrem Hotel untergebracht ist?
05:17Wir haben nur eine Frage an Frau Birth.
05:19Wir beantworten keine Fragen.
05:20Frau Birth, wie viel Geld bekommen Sie denn für die Unterbringung?
05:25Die Nachbarn beschweren sich hier. Nehmen Sie das ernst? Machen Sie was?
05:29Das ist ja schon alles alt. Alles alt. All die Kamellen, die haben das zu tun und bringen alle mit auf den Zugang.
05:35Haben das Auto zu ihm gemacht?
05:36Bei Belegung aller 48 Zimmer mit vier Betten könnten es etwa 150.000 Euro sein, die hier monatlich von der Staatskasse, sprich mit Steuergeldern, bezahlt werden.
05:50Kein schlechter Deal für die Hotelchefin.
05:53Bei einigen ihrer Gäste steht zudem der Verdacht des Sozialleistungsmissbrauchs im Raum.
05:59Hallo.
06:01Hallo.
06:02Wir sind von SPIEGEL TV. Wohnen Sie in dem Hotel?
06:05Im Hotel.
06:06Ja?
06:07Ja.
06:07Wohnen Sie auch in dem Hotel?
06:08Nein, im Hotel.
06:09Nicht Deutsch.
06:12Da die Hotelbetreiberin unseren schriftlichen Fragenkatalog unbeantwortet ließ, versuchen wir es direkt vor Ort.
06:19Hallo.
06:20Hallo nochmal.
06:21Hallo nochmal.
06:22Ausmachen, ausmachen.
06:23Wir sind von SPIEGEL TV.
06:24Macht nichts.
06:25Es gibt ja eine ganz schöne Debatte hier um das Hotel.
06:27Dürfen wir uns einmal umschauen, wie die Leute hier untergebracht sind?
06:29Sie dürfen hier nicht reinschauen.
06:30Ich erteile Ihnen hier mit Hausverbot.
06:32Und jetzt gehen Sie raus, bitte.
06:33Warum dürfen wir uns denn nicht umschauen?
06:35Weil ich das sage.
06:36Reingelassen wird man in das Hotel offenbar nur, wenn man vom Jobcenter ist und die Polizei im Schlepptau hat.
06:44Vor knapp vier Wochen wurde erstmalig überprüft, ob die gemeldeten Bewohner tatsächlich anwesend und vor allem, ob sie anspruchsberechtigt sind.
06:54Wir sind vom Jobcenter und von der Familienkasse und würden einmal gerne gucken, wer hier alles im Haus wohnt.
06:59Polizei ist mit dabei. Ich möchte wirklich nur wissen, wer Sie sind.
07:04Was brauchen Sie?
07:06Am besten einen Ausweis, dass ich mal sehen kann.
07:09Ich habe keinen Ausweis.
07:11Aber ich habe schon die Polizei gekannt.
07:14Zur Höhe der gezahlten Sozialleistungen teilt uns das Jobcenter Tempelhof Schöneberg mit, Zitat.
07:21Die Kosten für den Tagessatz zur Unterbringung unserer KundInnen in Notunterkünften werden immer im individuellen Einzelfall berechnet.
07:29Eine Sammelabrechnung über mögliche Gesamtkosten für die Unterbringung aller in der Unterkunft lebenden Menschen erfolgt nicht.
07:36In der Parallelstraße des BB Hotels verkauft Gabriel Axan sechs Tage die Woche, elf Stunden am Tag, Obst und Gemüse.
07:45Die Hotelbewohner, so sagt er, nehmen es mit dem Bezahlen nicht immer so genau.
07:50Draußen ist ja mal alles hier so aufgebaut, so mit Obst, Gemüse. Das meiste, meistens klauen die immer Beeren.
07:56Oh, Himbeeren, Erdbeeren, Blaubeeren, Braunbeeren. Und so eine Schale kostet immer so vier, fünf Euro und so.
08:02Und wenn du dann ein, zwei Schalen weg sind, dann hast du schon mal zehn Euro, die plötzlich weg sind.
08:10Axans Eltern kamen als türkische Gastarbeiter nach Deutschland.
08:14Ihre neuen Nachbarn, die Hotelbewohner, sind möglicherweise im Rahmen der Arbeitnehmer Freizügigkeit hergezogen.
08:21Doch der Unterschied?
08:23Meine Eltern sind auch damals hergekommen ohne nichts. Die haben von morgens bis abends gearbeitet, immer noch.
08:28Arbeiten immer noch. Und es geht ja nicht nur um meine Eltern so. Viele sind hergekommen und sind froh und dankbar hier zu sein.
08:35Sich was geschaffen zu haben und deren Kindern hier eine Zukunft zu bieten. Auch Schule und sowas.
08:41Aber bei denen, die kommen her, die sind gar nicht daran interessiert, habe ich das Gefühl. Auch deren Kinder, ich glaube, die gehen gar nicht zur Schule.
08:48Ich sehe die jeden Vormittag hier rumlaufen. Also deswegen. Also das ist ja das, was einen dann so echt so sauer macht.
08:56Und wo du sagst, man wollte die mich verarschen, Alter.
09:00Ladendiebstahl ist nicht das einzige Vergehen, das in der Fuggerstraße für Schlagzeilen sorgt.
09:06Allein in diesem Jahr gab es rund um das BB-Hotel bereits 110 Polizeieinsätze.
09:12Alle müssen ganz ehrlich sein, dass die Fuggerstraße gerade an der Ecke ja schon seit Jahren große Probleme bereitet.
09:19Nicht nur für die Bürgerinnen und Bürger, die da arbeiten, sondern auch unsere Kolleginnen und Kollegen, die da ständig rausfahren müssen.
09:24Ja, keiner auf dem Abschnitt kennt eigentlich nicht die Fuggerstraße 13, so ehrlich muss man sein.
09:27Da geht es um Drogendelikte, da geht es auch um Landfriedensbrüche, da geht es auch um Verkehrsstraftaten oder Verkehrsordnungswidrigkeiten.
09:34Genau, es geht um Eigentumsdelikte, es geht um Bedrohungen, es geht um Rohstörungen. Also die Palette ist von unten nach oben komplett offen.
09:41Müll, Lärm, Konflikte. Dazu das permanente Binden von Einsatzkräften der Polizei.
09:47Seit Jahren warten Anwohner auf eine Verbesserung der Zustände.
09:51Bürgermeister Oltmann hat auch schon so eine Idee.
09:54Wenn man das mal positiv dreht, dann glaube ich, kann man auch darüber hinausgehen und sagen,
09:58so, dann lassen wir uns doch nochmal eine Verständigung herbeiführen mit den Bewohnenden, lassen sie uns vielleicht ein gemeinsames Fest organisieren,
10:05lassen sie uns gemeinsame kulturelle Festivitäten stattfinden lassen, damit dieser öffentliche Raum nicht nur dadurch geprägt wird,
10:12dass dort Pöbeleien stattfinden und gegenseitige Angriffen, sondern dass vor allen Dingen dadurch stattfindet, dass Nachbarschaft sich begegnet
10:19und möglicherweise nicht nur ins Gespräch kommt, sondern das eine oder andere auch gemeinsam aktiv unternimmt.
10:25Aktiv werden könnte, so unsere naive Annahme, auch der Berliner Senat für Soziales und Integration.
10:33Schließlich sind in der Fuggerstraße Wohnungslose aus allen Bezirken untergebracht.
10:38Im Abgeordnetenhaus treffen wir die Sozialsenatorin.
10:41Frau Senatorin Kisseltepe, Spiegel TV, es geht um die Fuggerstraße.
10:45Wäre es nicht Ihre Verantwortung als Sozialsenatorin für eine Verbesserung der Umstände zu sorgen?
10:49Die Unterbringung von obdachlosen Menschen ist in der Zuständigkeit des Bezirks und dort in Tempelow-Schöneberg.
10:57Natürlich sind wir im Austausch mit dem Bezirk und wir versuchen auch mit den Bezirken zusammen ein Fachverfahren hinzubekommen,
11:04in dem wir gesamtstädtisch auch die Unterbringung steuern wollen und das soll nächstes Jahr ausgerollt werden.
11:11Danke.
11:13Ein Fachverfahren, das nächstes Jahr ausgerollt werden soll.
11:17Unkonkreter kann man die Lösung für ein Problem, das jetzt seit fünf Jahren besteht, nicht andeuten.
11:24Dieses Verschieben von Verantwortung, also nee, da ist der Senat für zuständig, da ist der Bund für zuständig,
11:29da ist nicht der Bezirk für zuständig, dann der Senat, nee, da ist der Bezirk für zuständig und irgendwie fühlt man sich alleingelassen.
11:35Und dann irgendwann denkt man sich einfach, ich möchte einfach nur, dass es so ist wie früher.
11:41Das ist natürlich ein frommer Wunsch, denke ich mir, aber dass einfach Ruhe da ist und dass ich gerne hier durchgehe,
11:47dass ich gerne mit dem Hund hier langgehe und dass ich mich nicht ärgern muss oder gar Angst haben muss.
11:53Mittlerweile hat der Bezirk einen Belegungsstopp für die Unterkunft verhängt und darum gebeten, die Bewohner nach und nach andernorts unterzubringen.
12:02Das war's.
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