- vor 10 Monaten
Androiden, die Gottesdienste abhalten, eine KI, die Beichte abnimmt, Roboter, die bei Ritualen helfen, und Apps, die beim Beten unterstützen. Der digitale Fortschritt macht auch vor den Weltreligionen nicht halt.
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NewsTranskript
00:00Chat-TPT, bitte schreibt mir ein kurzes Gebet für meine Familie in einem Satz.
00:04Möge Gott eure Familie mit Liebe, Frieden und Wohlstand segnen.
00:09Amen.
00:10Religion und digitale Technik klingt so, als würde das gar nicht zusammenpassen.
00:14Für viele Gläubiger und auch Entwickler ist das aber kein Widerspruch.
00:17Was gibt es da genau? Nutzt das was? Und wollen wir das überhaupt?
00:25Religiöser Beistand von einer KI, auf die Idee sind schon viele gekommen.
00:29Diese christliche Gemeinschaft in den USA hat sich von Chat-TPT gleich eine ganze Messe schreiben lassen.
00:36Und denkt daran, dass selbst in einer Welt der KI die ewige Wahrheit der Liebe Gottes hell leuchtet.
00:42Albern oder fortschrittlich?
00:44Fakt ist, für viele Menschen ist das Smartphone oft Helfer in der Not, auch bei persönlichen Problemen.
00:50Religionswissenschaftlerin Inken Pohl von der Universität Heidelberg nimmt die Schnittstelle von Glauben, Spiritualität und Technik durchaus ernst.
00:57Wir haben dieses große Feld der Spiritualität und Achtsamkeit und das Streben nach Unsterblichkeit und Selbstoptimierung, was ich auch als religiös bezeichnen würde.
01:10Und in diesem Bereich spielt die KI eine große Rolle.
01:12Wenn es um Religion geht, gibt es viele Apps und Programme, die den religiösen Alltag erleichtern können.
01:21Sie erinnern zum Beispiel an Gebetszeiten oder schicken dir inspirierende Koranverse.
01:25Oder sie helfen dir, unterwegs die Tora oder die Bibel zu studieren.
01:33Mit nur einem Klick können Informationen zu religiösen Schriften abgerufen werden.
01:37Zum Beispiel mit dem AI-Rabbi.
01:40Das KI-Modell funktioniert ähnlich wie Chat-TPT.
01:43Man kann den virtuellen Rabbi alles fragen.
01:46Der Vorteil, er ist zu jeder Zeit bereit zu antworten.
01:49Er weiß allerdings nicht alles und macht Fehler.
01:51Aber da ist Potenzial für mehr.
01:55Zum Beispiel für virtuelle Gottesdienste.
01:58Und sogar ein direkter Draht nach oben ist möglich.
02:00Wie wär's mit dem Sohn Gottes?
02:04Dieser KI-Jesus wurde von der Hochschule in Luzern entwickelt und dort in der Peterskapelle getestet.
02:11Letztendlich antwortet aber natürlich nicht Jesus auf Fragen, sondern Chat-GPT.
02:16In einem Testlauf konnten sich Freiwillige in den Beichtstuhl setzen und den KI-Jesus ausfragen.
02:22Die Resonanz war nicht schlecht.
02:28Er hat mich bestätigen können in dem, wie ich unterwegs bin.
02:33Und ja, auch weitergeholfen eigentlich mit den Fragen, die ich hatte.
02:39Ich habe es als Spieler her geschwungen, ganz klar.
02:41In zwei Monaten hat der KI-Jesus um die 900 Gespräche geführt.
02:46Viele haben positive Erfahrungen gemacht.
02:48Manche beklagten aber auch ausweichende Antworten.
02:51Ein Mehrwert allerdings.
02:53Im Gegensatz zum echten Jesus antwortet er direkt auf alle Fragen und kann Seelsorgeaufgaben übernehmen.
03:00Zu gut, um wahr zu sein.
03:02KI schafft immersive Erfahrungen, die wir mit Gefühlen der Transzendenz und Religion verbinden.
03:10Aber hier lautet die große Frage, ist das authentisch?
03:21Also, für viele Religionswissenschaftler ist es das nicht unbedingt.
03:26Es lenkt uns von der Entwicklung ab, dass die KI selbst zu einer Religion wird.
03:34Und es macht Religion wichtiger.
03:36Und religiöse Menschen sind daran interessiert, sich selbst wichtiger zu machen.
03:43Interessant.
03:44Religion war und ist für einige außerdem auch ein Instrument zum Machterhalt.
03:48Und etwas, mit dem sich Geld verdienen lässt.
03:50Das ist viel Geld.
03:522024 wurden mit spirituellen Wellness-Apps, so werden die wirklich genannt, mehr als 2 Milliarden Euro umgesetzt.
03:59In den USA nutzen mehr als ein Drittel der Erwachsenen sowas.
04:02Zum Beten, zum Lesen von religiösen Schriften oder zum Meditieren.
04:06Viele posten Glaubensfragen aber auch direkt auf Social Media und teilen dabei sehr persönliche Dinge von sich.
04:13Privater Kummer, finanzielle Probleme oder eine drohende Scheidung.
04:18Genau nach solchen Informationen in Online-Profilen suchen Kirchen in den USA.
04:22Mit Hilfe von KI und Big Data.
04:25Denn gerade in Krisensituationen stellen sich viele existenzielle Fragen.
04:29Manche finden dann zum Glauben.
04:32Für missionierende Mitglieder der Gemeinden gibt es spezielle Apps.
04:36Kommerzielle Anbieter liefern in denen genaue Informationen über die Nachbarschaft.
04:40Wer lebt nebenan, seit wann, mit wie vielen Kindern und mit welchem Hintergrund.
04:45Die Programme versuchen aus Online-Daten herauszufiltern, wann Menschen in einer Lebenskrise stecken.
04:51Dann können die Kirchen digitale Hilfe anbieten oder sie laden direkt zum Gottesdienst ein.
04:57Aber es ist umstritten, ob Glaubensvereinigungen Techniken anwenden sollten,
05:01die bisher hauptsächlich von politischen Kampagnen oder Marketing-Unternehmen genutzt werden.
05:05Natürlich haben religiöse Institutionen versucht, gezielt Emotionen zu wecken.
05:13Aber jetzt werden diese Strategien durch Big Data-Anwendungen vervielfacht und optimiert.
05:18Die automatische Analyse von Social Media-Daten kann zu erschreckend genauen Erkenntnissen führen.
05:28Das kennen wir ja vom Online-Marketing.
05:33So sieht also Missionieren im 21. Jahrhundert aus.
05:37Mit KI und Apps Werbung machen für den eigenen Glauben.
05:40Für Katholiken bietet der Vatikan etwas ganz Besonderes an.
05:45Auf Click2Pray lädt Papst Franziskus zum gemeinsamen Beten ein.
05:50Hier werde ich Anliegen und Gebete für die Mission der Kirche eintragen.
05:57Und Gläubige aus aller Welt können hier religiöse Gedanken teilen.
06:00Wem das noch nicht reicht, den Vatikan kann man inzwischen auch in VR besuchen.
06:05Einmal unter die Kuppel des Petersdoms schweben.
06:08Das ist dank eines detaillierten 3D-Modells jetzt möglich.
06:11Die Basilika wurde wochenlang mit Drohnen, Kameras und Lasern gescannt.
06:15Algorithmen verarbeiteten und vervollständigten die über 400.000 Fotos zu einem digitalen Zwilling.
06:22Der Petersdom ist nur eine von vielen heiligen Städten, die man inzwischen online erkunden kann.
06:28Wer will, kann den goldenen Buddha in Bangkok besuchen oder die Sheikh Zayed Moschee in Abu Dhabi.
06:33Alles nur einen Klick entfernt.
06:37Virtual Reality ermöglicht es Gläubigen, sich auf Pilgerreisen wie den Hatsch nach Mekka vorzubereiten
06:43oder virtuell zu pilgern, wenn eine tatsächliche Reise unmöglich ist.
06:51Digitale Technik nutzen, das versuchen eigentlich alle Weltreligionen auf die eine oder andere Art.
06:56In Japan habe ich einen buddhistischen Tempel besucht und dort einen Roboterpriester getroffen.
07:01Meinda, ein Androider aus Aluminium und Silikon.
07:09Erschaffen nach dem Abbild von Kanon Bodhisattva, der buddhistischen Gottheit des Mitgefühls.
07:17Der buddhistische Roboter ist weit mehr als nur Technik.
07:20Er ist ein Priester.
07:21Er hält multimediale Messen in einem Zen-Tempel in Kyoto ab.
07:25Meinda wurde in Zusammenarbeit mit der Universität Osaka entwickelt.
07:29Optisch ähnelt er teils Mensch, teils Maschine. Ganz schön revolutionär, oder?
07:33Manche finden es erstmal komisch, wenn sie reinkommen.
07:41Aber nachdem sie die rund 20-minütige Zeremonie gesehen haben, gehen die meisten hier raus
07:45und haben Meinda als eine Art buddhistischen Lehrer wahrgenommen.
07:49Und das ist schon seit 2019 möglich.
07:57Meinda predigt jedes Wochenende zweimal täglich.
08:00In der modernen japanischen Gesellschaft geht das Interesse am Buddhismus zurück.
08:04Mit dem androiden Meinda sollen auch jüngere Menschen wieder angesprochen werden.
08:08Für mich war das Ganze schon ein bisschen befremdlich, aber auch sehr spannend.
08:12Roboter kommen auch in Indien bei hinduistischen Zeremonien zum Einsatz, hier aber nicht als Priester.
08:18800 Kilogramm schwer, mehr als drei Meter hoch und fast lebensecht.
08:24Ein Roboter-Elefant, der bunt geschmückt bei einer hinduistischen Zeremonie eingesetzt wird.
08:28Die Tierschutzorganisation PETA Indien will mit den rund 6.000 Euro teuren tierischen Robotern
08:34die Qual echter Elefanten beenden.
08:37Denn bei traditionellen Feierlichkeiten kommt es immer wieder zu Unfällen, weil die Tiere gestresst sind.
08:42Wir sehen tagtäglich, wie Elefanten gequält werden.
08:48Und bei fast allen Tempelfesten kann es vorkommen, dass die Tiere Amok laufen.
08:52Ich glaube, bisher haben die Menschen gar nicht daran geglaubt, dass sich etwas ändern könnte.
08:57Für mich ist es ein revolutionärer Schritt.
09:01Hoffentlich setzt sich die Idee an vielen Orten durch.
09:04In mehr als zehn Tempeln in Südindien sind bereits Roboter-Elefanten im Einsatz.
09:11Sie helfen mit, die jahrhundertealten Traditionen lebendig zu halten.
09:15Wir leben im Zeitalter von Elektronik und Technologie.
09:20Warum können wir das System nicht optimieren?
09:23Diese Roboter-Elefanten können noch viel besser werden.
09:26Und wir können dann dasselbe empfinden wie bei echten Elefanten.
09:30Das leuchtet mir ehrlich gesagt ein.
09:32Denn bei religiösen Ritualen geht es ja auch oft um die Inszenierung.
09:36Warum also kein Roboter statt einem echten Elefanten?
09:39Beeindruckend sind beide.
09:40Aber mal ganz abgesehen von Prunk und Protz.
09:43Ohne den menschlichen Kontakt würden Religionen nicht funktionieren.
09:47Gläubige nutzen inzwischen immer mehr die sozialen Medien, um ihre Botschaft zu verbreiten.
09:52Sie ist als die TikTok-Nonne bekannt.
09:55Josefina Catanio hat mehr als 200.000 Follower bei TikTok, dazu noch über 100.000 bei Instagram.
10:01Seit 2020 erzählt sie in ihren kurzen Videos von ihrem Glauben.
10:06Meine Rolle scheint mir darin zu bestehen, junge Menschen für Jesus zu gewinnen.
10:13Und allen zu zeigen, dass wir Nonnen wie normale Menschen sind.
10:17Wie alle anderen auch, glücklich und fröhlich.
10:20Die heute 30-Jährige gehört einer katholischen Glaubensgemeinschaft in Argentinien an.
10:30Als sie begann, ihre ersten Videos aufzunehmen, war sie lange noch nicht so professionell ausgestattet.
10:36Als ich die App runtergeladen habe, wusste ich nicht, wie man sie benutzt.
10:41Ich fühlte mich alt, ich wollte sterben und dachte, ich bin 24 Jahre alt, lebe im Kloster und verstehe TikTok nicht.
10:48Dann habe ich nach Tutorials auf YouTube gesucht.
10:51Ich habe gemerkt, dass man mit TikTok Geld verdienen kann.
10:54Ich nahm das erste TikTok auf, das war ganz einfach.
10:57Dann, dann, dann, dann und fertig.
11:04Heute sind ihre Videos abwechslungsreicher.
11:07Sie greift aktuelle Trends auf, macht Ping-Pong-Interviews mit ihren Glaubensschwestern
11:11oder singt und tanzt fröhlich ihren Glauben.
11:15Menschen, die es nicht gut finden, dass sie sich als Nonne so präsentiert, können sie nicht stoppen.
11:21Wie kann es lächerlich sein, ein Video zu drehen oder auf einer Plattform zu sein, um das Evangelium zu verkünden?
11:27Die Verkündigung des Evangeliums, die Suche nach Strategien, die Suche nach dem Was, Wie und Wo ist nicht lächerlich.
11:32Auf der Suche sein, das Gefühl kennen wir wohl alle.
11:37Glaubensinfluencer gibt es in allen Religionen.
11:39Und obwohl reale Mitgliederzahlen von vielen Glaubensgemeinschaften rückgängig sind,
11:44finden sie auf TikTok und Insta viel Zuspruch.
11:47Einige Gründe dafür.
11:48Es ist viel einfacher, online zu gehen, wenn man Zeit hat, als regelmäßig am Gemeindeleben teilzunehmen.
11:53Außerdem wirken Influencer viel persönlicher und direkter als zum Beispiel der christliche Pastor auf der Kanzel.
11:58Und sie geben ihren Followern konkrete Tipps und Gedanken mit, die sie in ihrem Alltag anwenden können.
12:04Ein klarer Vorteil gegenüber abstrakter Theologie.
12:08Aber Achtung, auch Manipulation und Radikalisierung sind auf diesem Wege möglich.
12:12Klar ist, Religionen wollen auf digitale Technik nicht mehr verzichten.
12:16Was sind eure Erfahrungen?
12:17Macht das den Glauben besser oder lenkt es nur ab?
12:20Das war's von mir.
12:21Ciao und bis zum nächsten Mal.
12:28Untertitelung des ZDF, 2020