00:00Ach, sein Dahinschein steht mir vor. Lass einen egeren Schlummer nicht trotzen, dieser gespeitende Stein.
00:19War dies nicht im Schatten vorherbestimmt? Entfliehe der ahnungslosen Dunkelheit deiner bedeckten Augen und sehe den grausamen Anbruch der Mordendämmerung.
00:40Kass den Lauf an und schreibe weg!
00:49Sektra, es geht hier um meines Vergnügen, nicht um deines.
01:01Mein Eid ist erfüllt.
01:03Mehr davon.
01:07Ich benötige mehr Kontext, um die Bedeutsamkeit dieses Augenblicks zu erfassen.
01:12Und so erlangte ein für alle Zeit gefallener Krieger in den staubigen Höhlen die Freilassung.
01:21Seine Schuld wurde gesühnt.
01:25Du hast bestimmt endlos viele Fragen, Pestopfer.
01:28Halte eine Weile inne, dann wird dir alles klar werden.
01:33So viel sei dir zumindest geschuldet.
01:35Warst du die ganze Zeit schon hier und hast darauf gewartet, die Geschichte dieses Wiedergängers zu erzählen?
01:41Zwingt man dich dazu?
01:45Diese Aufgabe habe ich mir selbst auferlegt.
01:49So erlaube mir, das letzte selige Leiden des Sansibard zu besingen.
01:56Nun horche auf, denn die Geschichte ist ebenso lang wie herzergreifend.
02:04Vor Äonen, zur Zeit von Agentas, wurden im sternenbedeckten Herzen von Golestrian erstmals die Samen der neuen Leiden gepflanzt.
02:15Aus diesen mit dem Blutfeuer aus Golestrians sengenden Adern gewässerten Samen entsprangen die ersten Sprösslinge eben Heinz.
02:27Neun Wurzeln von neun Bäumen rangen um die Vorherrschaft im Erdfleisch von Golestrian.
02:34Doch letztendlich war es Hohlzweig, die leere Esche, die obsiegte.
02:39Über die anderen acht Leiden ist nur wenig bekannt.
02:44Es heißt jedoch, sie schlummern bis zum heutigen Tag im unterirdischen Dornengestrüpp der Wurzeln von Hohlzweig
02:52und winden sich in der Hoffnung auf einen neuen Frühling bitterster Finsternis,
02:58der unserer Welt bislang unvorstellbare Qualen zuhörst.
03:02Ich spreche, wenn ich will, dass du zuhörst.
03:04Natürlich.
03:05Aber natürlich kennst du diesen Teil der Geschichte schon, denn er ist in den Griff der Klinge des Turbinado eingraviert.
03:13Was in diesem Text unerwähnt bleibt, ist, dass Chrysanthus Witwenmähne,
03:20ja, derjenige, der grausamerweise den Sonnenkranz um Golestrians blasse Krone flocht,
03:26bei der Fällung der Stunden anwesend war.
03:30Nachdem nämlich der Ebenhain verwurzelt war, zerfiel Golestrians Herzstern zu kaum mehr als einem glühenden Stück Holz,
03:40während Hohlzweig immer mehr seines Lichtes verschlang.
03:45Jedes Frühjahr entspross der verrotteten Lehmerde von Golestrians Kadaver ein frischer Setzling schwärzester Asche.
03:53Und jeden Herbst flatterte ein neues Blatt des Leidens vom Himmel, um unsere Welt zu planen.
04:02Jedes Blatt verhieß neuen Kummer, Herzschmerz, Trauer, Hunger, die Angst, etwas zu verpassen.
04:11Ihre Zahl war endlos. Und endlos war auch unsere Verzweiflung, bis ein Held in Erscheinung trat.
04:19Ah, du weißt, von wem ich spreche.
04:25Sansibard. Echo des ersten Donners, der Chrysanthus ausgebildet hatte,
04:30dem Sehnsuchtschor in den verbotenen Harmonien des Roten Requiems seine Stimme zu leiden.
04:38Diese Offenbarung macht dich fassungslos, stimmt's?
04:41Ja, es steht dir ins Gesicht geschrieben.
04:44Denn der Sehnsuchtschor und die Zahl seiner Mitglieder sind wohl bekannt.
04:49Und Chrysanthus gehört nicht dazu.
04:53Nun erlaube mir, deine Verwirrung zu zerstreuen.
04:56Denn du musst wissen, Chrysanthus war in jener vergangenen Zeit unter einem anderen Namen bekannt.
05:03Nur zu, Wendel, um meine Aufmerksamkeit.
05:06Ich wusste es.
05:08Ganz recht.
05:09Santhistrel, Wechselgesang und Chrysanthus sind ein und dieselbe Person.
05:15Nachdem Sansibards Opfer Santhistrel zerstört hatte, erhob er sich von Neuem.
05:22Aber ich schweife ab.
05:24Es war Sansibard, der über die Splitterglasebene wanderte, das Bernsteinlabyrinth durchquerte,
05:32die welkende Kanonikerin zwang, ihren himmlischen Thron aus den Augen zu lassen,
05:38um Golestrians Hügelgrab und den Ebenhain dort zu erreichen.
05:44Und während viel über die Prüfungen des Sansibard diskutiert wird,
05:50fragen selbst die weisesten Weisen nur selten nach dem Warum.
05:56Warum brach Sansibard auf?
05:59Die Antwort liegt für jeden, der wie ich Unmengen von Schriften durchforstet hat, klar auf der Hand.
06:06Chrysanthus, äh, Verzeihung,
06:08Santhistrel war Sansibards größter Rivale und bester Freund.
06:16Sie standen sich so nahe wie ihre Schatten und waren verwunden, sobald die Dunkelheit fiel.
06:23Während sich die Blätter des Ebenhains überall türmten
06:26und unsere Felder mit einer Litanei des Leidens überzogen,
06:31wob Santhistrel eine geheime Melodie in das rote Requiem ein,
06:37einen Kontrapunkt zu den traurigen Tönen aller Qualen der Welt,
06:42durchsetzt mit einem Flüstern seiner tiefsten Seele.
06:49Als der Gesang des Sehnsuchtschors das nächste Mal erklang, war es zu spät.
06:54Die Musik hatte Sansibard vereinnahmt und ihn gezwungen,
06:59Santhistrels Befehlen zu gehorchen.
07:02Und daraufhin nahm Santhistrel mit seiner neuen Macht ausgestattet den Namen Chrysanthus an.
07:11Chrysanthus verpflichtete Sansibard mit sieben feierlichen Eiden,
07:16den Leiden von Hohlzweig mit allen Mitteln Einhalt zu gebieten
07:20und sorgte dafür, dass keiner von beiden Ruhe finden sollte,
07:25solange die Eide unerfüllt blieben.
07:29Und so stellte sich Sansibard seinen Prüfungen,
07:33erreichte den Ebenhain und dort scheiterte er.
07:38Seine Klinge fand keinen Halt in Hohlzweigs Rinde,
07:42die so hart war wie Burgestein und Stahl.
07:45Selbst die gefrästigsten Feuer hatten keinen Appetit auf das gnadenlos bittere und kalte Holz,
07:52dessen eisiger Saft jede züngelnde Flamme augenblicklich in raureif verwandelte.
08:00Also suchte Sansibard nach einem anderen Weg,
08:03der unsere Welt retten, jedoch unser aller Verderben bedeuten sollte.
08:08Er grob die aufgeweichte Erde des Ebenhains um,
08:12erst zentimeterweise, dann meilenweit, dann wieder zentimeterweise
08:17und dann eine Weile ellenlang,
08:20bis er das Gewirr der neun leidvollen Wurzeln erreichte,
08:24aus denen nur Hohlzweig vollständig erwachsen war.
08:29Und dort kostete er bloß einen Tropfen des Wurzelsafts der anderen acht,
08:35durchlebte der Reihe nach jedes Leiden, bis er sie alle einschätzen konnte.
08:40Und dann entdeckte er Nimmergrün, das Schierlingstor.
08:47Und Sansibard weinte, denn sein Eid würde bald erfüllt sein
08:52und wenngleich er von seinem Verräter Chrysanthus befreit wäre,
08:57so auch von seinem geliebten Santistrel.
09:01Sansibard wässerte Nimmergrün mit seinen Tränen
09:04und näherte es mit den Leiden, die Hohlzweig jahrhundertelang verbreitet hatte.
09:11Und Nimmergrün wuchs, zwar nicht zu voller Stärke,
09:15aber doch genug, um sein heimtückisches Gift zu brauen.
09:20Denn du musst wissen, dass Nimmergrün das Leiden der Erstarrung,
09:23Lähmung und Versteinerung in sich trug.
09:25Endlose Qual.
09:27Und auch wenn Hohlzweig niemals wissentlich von Nimmergrüns Wurzeln genippt hatte,
09:33war sein Blutdurst doch grenzenlos.
09:37Sansibard aß von Nimmergrüns Holz
09:40und gelangte durch das Schierlingstor in die Ewigkeit.
09:44Aber zuvor öffnete er noch seine Adern für die gefräßigen Wurzeln von Hohlzweig.
09:50So kostete Hohlzweig aus Sansibards purpurnem Kelch das Gift von Nimmergrün
09:57und damit auch den berauschenden Trank des Verrats.
10:02Schon ein Tropfen seines Herzweins reichte aus,
10:06um Hohlzweigs Fortschreiten durch die Jahreszeiten nahezu völlig zum Erliegen zu bringen,
10:11sodass nie wieder ein Blatt von seinen Zweigen fiel.
10:16Sansibards Triumph wurde weithin verkündet.
10:19Er wurde als Held gefeiert und Chrysanthus wurde wiederum als sein bester Freund gepriesen
10:25und in seinem Schmerz über Sansibards Verlust getröstet.
10:30Die meisten hielten ihn für tot, wenn gleich einige wenige Gelehrte anderes vermuteten.
10:37Und in einer längst vergessenen Höhle errichtete Chrysanthus ein Grabmal in der Hoffnung,
10:43eines Tages bei seinem geplagten Gefährten Ruhe zu finden.
10:47Doch nachdem Sansibard gerettet war, war Chrysanthus am Ende ebenfalls zu ewiger Verdammnis verurteilt.
10:57Obgleich sein Körper diese Welt verlassen hatte, lebte sein Geist als ein Mörmidon weiter,
11:03gebunden durch das rote Requiem und Sansibards Eide.
11:09Lange Zeit mutmaßte man, sollte er jemals Ruhe finden und sich zu Sansibard-Gesellen
11:16wären ihre Eide erfüllt und sie könnten endlich einen gewissen Frieden erfahren.
11:22Doch bis jetzt hielt man das für reine Spekulation und einen Mythos.
11:29Nun kennst du den Kern der Geschichte und du tätest gut daran, sie nicht zu vergessen.
11:34Solche Lektionen sind schwer zu lernen, aber meist noch schwieriger, erneut zu durchlaufen.
11:42Leb wohl, Pestopfer, und mögest du nie wieder ein Blatt fallen sehen.
11:47Wenn dir meine Geschichte gefallen hat, hinterlass in einer mundlosen Nacht
11:52einen Kommentar im hohlen Ohr einer schlafenden Taube.
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